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Full text of "Die albanesischen und slavischen Schriften"

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http://www.archive.org/details/diealbanesischenOOgeit 



■^ 



DIE (S'^ 




ALBANESISCHEN UND SLAVISCHEN 



SCHRIFTEN. 



VON 



ü^ IjBOFOIjD g-bitlbi^. 



(MIT 25 PHOTOTYPISCHEN TAFELN.) 



MIT UNTERSTÜTZUNG DER KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN IN WIEN. 



WIEN. 

ALP RED HOLDER 

K. K. HOF- UND ÜNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER. 
1883. 





V6 



¥' 



Druck von Adolf Holzbauson in Wien. 

k. k. Hof- lind UniverHitiits-Bucbdrucker. 



VORREDE. 



Die bestimmung der heimath, herkunft und paläo- 
graphischen entwicklung der beiden slavischen Schriften 
ist das eigentliche ziel der in diesem buche unternommenen 
forsch ungen. Beide slavischen Schriften lassen sich im 
römischen imd griechischen schriftmateriale vollkommen 
auflösen, alle ihre bestandtheile finden ihre muttertypen 
in römischen und griechischen Schriftarten des 6. — 9. Jahr- 
hunderts. Aber die specielle entwicklung der glagolica, 
ihre nachweislich westmacedonische heimath, die eigen- 
thümlichen orthographischen Setzungen der lautlichen 
werthe ihrer zeichen, wie sie sich aus graphischen ver- 
gleichen und Zergliederungen ergaben, leiteten mich zu 
der Überzeugung, dass die glagolica nicht durch eine 
directe reception und Zusammenstellung römischer und 
griechischer zeichen entstand, sondern durch die Ver- 
mittlung einer älteren auch auf dieselben quellen zurück- 
gehenden albanesischen schiift in slavische bände gelangte. 
Ich unternahm daher eine umfassende bearbeitung aller 
quellen und nachrichten, die sich auf nationale Schriften 
•in Albanien beziehen, und betrachte den ersten theil 
meiner arbeit als eine unumgängliche Vorbereitung zur 
erforschung der slavischen Schriften. Auch die geschichte 
der cyrillischen schrift, die, ganz unabhängig von der glago- 
litischen entstanden, einst nur aus uncialen und capitaleu 
griechischen dementen zusammengesetzt war, hängt zum 
theile mit jenem processe des Überganges einer albane- 
sischen schrift zu einem slavischen stamme zusammen: 
ein theil der sogenannten ungriechischen zeichen der cyril- 
liea ist glagolitischen, indirect albanesischen Ursprunges. 

Das fast ausschliesslich in erster reihe zu berück- 
sichtigende denkmal der albanesischen schrift sind die 
von consul Georg von Hahn in Elbassan entdeckten 
gegischeu horologium-fragmente. Durch eine ausserordent- 
liche freundüchkeit, die mir von herrn regierungsrath 



dr. Friedrich v. Hahn in Leipzig zu theil wurde, der 
mir diese fragmente durch mehrere jähre zur benützung 
überliess, war ich in den stand gesetzt, diese wichtige 
quelle der geschichte der slavischen Schriften vollständig 
zu verwerthen. Im einvernehmen mit herrn Friedrich 
V. Hahn habe ich diese werth vollen reste einer alba- 
nesischen nationalschrift der kaiserlichen hofbibhothek 
in Wien zur immerwährenden aufbewahrung übergeben, 
damit dieselben auch weiterer forschung und prüfung 
zugänglich bleiben. 

Um das verständniss der gegischen Orthographie 
und des gebrauches der albanesischen zeichen zu fördern, 
habe ich ein grö.s8eres stück der handschriften in der 
Originalschrift und mit griechischer transcription auf- 
genommen. Die wortgetreue italienische Übersetzung des 
bei unseren albanesischen mittein theilweise schwierigen 
textes, der ein übergangsdialekt zwischen dem toskischen 
und gegischen ist, verdanke ich der freundschaftlichen 
hilfe des berühmten kenners der albanesischen spräche, 
Demetrio Camarda. 

Die wichtigeren denkmäler der älteren, macedo- 
bulgarischen glagolitischen schrift, kaum zehn oder zwölf 
an der zahl, sind durch eigenthümUche Schicksale in 
einer seltenen weise zwischen Petersburg und dem Sinai- 
kloster, zwischen Odessa und Rom zerstreut. Meine mittel 
hätten wohl nicht hingereicht, facsimile von allen diesen 
handschriften zu beschaifen, wenn ich nicht von einer 
reihe gelehrter männer in wahrhaft bereitwilliger weise 
unterstützt worden wäre. Ich fühle mich veranlasst, ihnen 
den innigsten dank auszudrücken: diese f orderung, die 
mich schon während der ausarbeitung in den besitz 
aller glagolitischen Schriftarten brachte, gehört zu den 
angenehmsten erinnerungen, die sich an meine mehr- 
jähiige arbeit knüpfen. 



— IV — 



Herr v. Miklosich hat mir zweimal ein fragment 
(los marieucodex (evaug-. Grig.) zur photograpliiscben auf- 
nähme anvertraut. 

Von herru ai<ademikcr A. Fedorovic Byckow, 
l)il)li()thekar in Petersburg, erhielt ich proben des jüngeren 
theile.s des evaug. zograph. Professor A. Kocul)inskij in 
Odessa hat mir das achridaner evangelium vollständig 
photographirt übersendet, was nicht ohne eine gewisse 
mühewaltung möglich war, wofür ich ihm in besonderer 
weise verpflichtet bin. Vier selten der noch unbekannten 
iibergaugsschrift der fragmente von Kijev erhielt ich 
durch herrn J. IMalisevskij, professor an der geistlichen 
akademie. Herr dr. J. Emier in Prag verschaffte mii- ein 
beispiel der prager fragmente, herr Levstik eine Photo- 
graphie der handschrift der heil. Thekla aus der lyceal- 
bibliothek in Laibach. Andere proben erhielt ich aus 
Stockholm (das aiphabet vom j. 1400), aus Innsbruck 
und Kom. Herr dr. Franjo Eacki, ein kenner der 
handschriften der südlichen länder, hat mich durch 
mannigfachen rath und wink unterstützt. 

Meinen dank spreche ich aus der kaiserlichen aka- 
demie in Wien, welche den druck der hier beigefügten 
phototy|)ischeu facsimile durch eine Unterstützung be- 
torderte. 

Auf mehreren reisen im Süden, im Quarnero, im 
kUstenlande, in Macedonien und auf dem Athos, hatte 



ich gelegeuheit, die älteren croatischeu Inschriften und 
eine grosse anzahl mittelbulgarischer und jüngerer croa- 
tisch-glagolitischer Codices zu untersuchen und mich zu 
tiberzeugen, dass auch das Studium des jüngeren nörd- 
lichen Zweiges der glagolica für die erkenntniss der 
macedobulgarischen schiift von grosser Wichtigkeit ist. 
Endlich glückte es mir, den lange gesuchten und vor- 
ausgesetzten Übergang der macedonischen und croati- 
scheu Schrift in dem psalterium des klosters am Sinai 
in Egypten zu finden. Hier stiess ich zum ersten male 
in einer macedonischen handschrift auf zeichen, welche 
man bisher nur für croatisch hielt. Beide umfangreiche 
handschriften des Sinai, das euchologium und der psalter, 
ergaben mir eine fülle paläographischer bemerkuugeu. 
Auf die herstellung der vielen zeichen im drucke 
habe ich die möglichste sorgftilt verwendet. Alle sind 
aus besseren facsimileu, die glagolitischen zeichen zum 
guten theile direct aus handschriften herausgezeichnet 
worden. Es war aber unvermeidlich, dass insbesondere 
kleinere züge der originale eine etwas grössere gestalt 
bekamen, was auch von seite des Zeichners, dem ich 
meine vorläge übergab, vielleicht unwillkürhch geschah. 
Dadurch mag aber nur die deutlichkeit gewonnen haben : 
für ihren richtigen grundzug, ihre wahre gestalt, die bei 
unseren Untersuchungen das wichtigste ist, kann ich 
wohl bürgen. 



Leopold Geitler. 



Inhalt des ersten theiles. 



Das ali>ha1)et tou Elbassau. 

pag- 

§. 1. Einleitmig 1 

§. 2. Der von Habn vorgefundene ziistand der albanesisclien 

Schrift 2 

§. 3. Die bisherigen erklärungen der albanesischen zeichen . 3 

§. 4. Quellen zur erklärung der albanesischen zeichen ... 4 

Die lateiuischeu bestandtheile der albanesiselieu schrift. 

§. 5. Die albanesische schrift in ihrem Verhältnisse zu ihren 

cursiven mutterschriften — 

§. 6. Das albanesische t und j 5 

§. 7. Das albanesische k — 

§. 8. Das albanesische dunkle % — 

§. 9. Die albanesische gutturale tönende affricata f . . . . 7 

§. 10. Das albanesische p 10 

§. 11. Das albanesische schwache r — 

§. 12. Das albanesische assibilirte 5 11 

§. 13. Das albanesische 5, i-s 12 

§. 14. Das albanesische harte l oder II — 

§. 15. Das albanesische u 13 

§. 16. Das albanesische m, mb und h 14 

§. 17. Das albanesische v 15 

§. 18. Die Ugatur ji — 

§. 19. Das aspirationszeichen 16 

§. 20. Die albanesischen zeichen für h, für chj oder helles ch, 

für dunkles ch, für neugriechisch y und die ligatur yj 17 

§. 21. Das albanesische o 20 

§. 22. Die albanesischen zeichen für vda und di — 

§. 23. Das albanesische t 21 

§. 24. Das albanesische la — 

§. 25. Das rSmisch-cursive s 22 

§. 26. Das albanesische s 23 

§. 27. Das albanesische ps oder i — 

§. 28. Das albanesische S — 

§. 29. Das albanesische st — 

§. 30. Die römische ligatur si 24 

§. 31. Das albanesische ? — 

§. 32. Das albanesische z 26 

§. 33. Das albanesische mouillirte kj 27 

§. 34. Das albanesische yj 28 

§. 35. Das albanesische mouilürte Ij — 

§. 36. Das römisch-cursive t und seine Verbindungen mit s . — 

§. 37. Die albanesischen Tä 29 

§. 38. Das albanesische da 30 

§. 39. Die albanesischen ligaturen lateinischen Ursprunges . . 31 



Die griechischen bestandtheile der albanesischen 
schrift. 

pag. 

§. 40. Vorbemerkungen. Albanesisches / 31 

§. 41. Das albanesische ou 32 

§. 42. Das albanesische helle e 33 

§. 43. Das albanesische 9 — 

8. 44. Das albanesische f) 35 

§. 45. Das albanesische d — 

§. 46. Das albanesische a 36 

§. 47. Das albanesische starke po — 

§. 48. Das albanesische v — 

§. 49. Die albanesischen v-ligaturen 37 

§. 50. Das albanesische omega 38 

§. 51. Das zeichen ot — 

§. 52. Die ligatur vj — 

§. 53. Die ligaturen tj und aa — 

§. 54. Die grosso der albanesischen buchstaben — 

Die gegischeu Iragnieute. 

§.55. Hahn's specimen des horologiums; ein zweites blatt 

derselben handschrift 39 

Die gegische Orthographie. 

§. 56. Äccent und nasalzeichen 45 

§. 57. Die länge durch Verdoppelung bezeichnet — 

§. 58 — 59. Die länge durch einen wagrechten strich bezeichnet 46 

§. 60. Die Verbindung beider bezeichnungsweisen der länge . — 

§.61. Das nasalzeichen — 

§. 62. Nasalität und länge 47 

§.63. Nasales e; nasalität im anlaute — 

§. 64. Die feste Ordnung des albanesischen alphabetes ... — 

§. 65. Die benennung der albanesischen buchstaben .... 48 

§. 66. Die buchstabennamen ksan und njan 49 

Die Orthographie der ältesten lateinisch schreibeudeu 

Albanesen 51 

Die schrift des Albanesen Büthakukje. ... 52 

§. 69. Der Ursprung der zeichen Büthakukje's 53 

§. 70. Die schrift Büthakukje's ist eine abgerundete ver- 
schlungene römische cursive 59 

§.71. Nachrichten über albanesische Schriften 61 



Inhalt des zweiten theiles. 



§. 72. Vorbemerkungen 65 

§. 73. Das glagolitische e 66 

§. 74. Das glagolitische e 67 

§. 75. Die glagolica hat nur ein nasalzeichen: « — 

§. 76. Das glagolitische je mit geradlinigem j — 

§. 77. Das glagolitische je mit gekrümmtem J, das croatische 

nasalzeichen 68 

§. 78. Das glagolitische a 70 

§. 79. +■€ des sinaitischen psalters — 

§. 80. Das glagolitische ja 71 

§. 81. Die albanesische nasalbezeichnung 72 

§. 82. Die darstellung der nasale in der glagolica 74 

§. 83. Das spitzige griechische v in der glagolitischen und alba- 

nesischen schrift — 

§. 84. Die glagolitischen o, das o der Inschrift von Baska . 75 

§. 85. Das ot des pariser abecenars — 

§. 86. Die glagolitische ligatur ju 76 

§. 87. Das cyrillische » 77 

§. 88. Das glagolitische ot 77 

89. Die glagolica besitzt kein echtes omega, kein 5, kein <!/ 79 

90. Das viereckige omikron — 

91. Das croatische i und jer 80 

92. Das i des fragmentes Mihauovic — 

93. Das glagolitische S — 

94. Das glagolitische 'S 81 

95. Das glagolitische T 82 

96. Das verhältniss der cyrillischen und glagolitischen { . — 

97. Dasjec der grossen Inschrift von Baska und der cyrillica 83 

98. Die glagolitischen ji'ec-zeichen 84 

§. 99. Zur entwicklung der j'ec-zeichen 85 

§. 100. Bracheia und apostroph statt jer 86 

§. 101. Das ye?v/-zeichen, das croatische jeiy 87 

§. 102. Das glagolitische ti 89 

§. 103. Die glagolitische izica — 

§. 104. Das halbkreisförmige u der cyrillica 91 

§. 105. Das glagolitische a — 

§. 106. Die cyrillischen nasalzeichen 92 

§. 107. Sampi als cyrillisches e 93 

§. 108. Das a der Inschrift von Baska 94 

§. 109. Das cyrillische jal — 

§. 110. Das glagolitische jat, die cyrillischen jat der homilien 

Gregor's, das glagolitische a der Inschrift von Zeng 95 
§.111. Das verhältniss der cyrillischen und glagolitischen 

uasalbezeiclmung 96 

§. 112. Die jotation in der schrift 97 

§. 113. Das z der beiden slavischen Schriften 102 

§. 114. Die Verbreitung des römisch-curslven i (j) in den sla- 
vischen Schriften 104 

§. llö. Das glagolitische l — 



§■ 
§• 



§• 



§• 
§• 
§■ 



§• 


116. 


§• 


117. 


§• 


118. 


§• 


119. 


§• 


120. 


§■ 


121. 


§• 


122. 


§. 


123. 


§• 


124. 


§■ 


125. 


§. 


126. 


§• 


127. 


§- 


128. 


§• 


129. 


§• 


130. 


§• 


131. 


§• 


132. 


§■ 


133- 


§■ 


135. 


§• 


136. 


§• 


137. 


§■ 


138. 


§• 


139. 


§ 


140. 


§• 


141. 


§■ 


142. 


§ 


143. 


§ 


144. 


§ 


145. 


§ 


146. 


§ 


147. 


§ 


148 


§ 


149. 


§ 


150. 


§ 


151 


§ 


152 


§ 


153 


§ 


154 


§ 


155. 



§. 156. 



§. 157. 



pag. 

Das glagolitische n 105 

Das n der grossen Inschrift von Baska — 

Das glagolitische )■ 106 

Das verhältniss der «-zeichen der albano-glagolitischen 

Schriften — 

Das glagolitische h 107 

Das bulgarische m — 

Das sogenannte croatische m 108 

Verhältniss der albano-glagolitischen m- und 6-zeichen 110 

Das cyrillische 1> — 

Das glagolitische dja — 

Das cursive l der glagolica 112 

Die majuskel t der glagolica 113 

Das * der beiden slavischen Schriften 114 

Die slavische ligatur U — 

Cyrillisches omega 115 

Das glagolitische s 116 

Die Verbreitung des römisch-cursiven a in den albano- 
glagolitischen Schriften — 

-134. Die cyrillischen i 117 

Das cyrillische c 119 

Die serbischen und bosnischen dja — 

Bosnisches c und c 120 

Das glagolitische c 121 

Das glagolitische c, Verhältnisse aller c- und c-zeichen — 

Das glagolitische k 123 

Glagolitisches k war ein albanesisches zeichen; die 

glagolica hat kein besonderes zeichen für k" . . . — 

Das glagolitische g 124 

Das glagolitische li 125 

Das h des assem. und des sinaitischen psalters ... — 

Das glagolitische z 126 

Das glagolitische theta 127 

Die glagolitischen / — 

Das glagolitische dz 128 

Die cyrillischen dz — 

Das glagolitische d 129 

Die fZ-zeichen in der albanesischen und glagolitischen 

schrift 130 

Die glagolitische minuskel « — 

Die glagolitische majuskel u 131 

Das glagolitische ^ 1"^ 

Uebersicht des slavischen zeichenmateriales 
nach seinem Ursprünge. Werth der schrift von 

Elbassan. Alte glagolica, alte cyrillica — 

Die kalligraphischen mittel der slavischen Schriften, 
die Schlingenbildung, das häkchen, die verschlusse 

und dreiecke, der malende ductus der glagolica . 135 

Die älteren und jüngeren initialen der glagolica . . 140 



— VII — 



158. Die glagolitische majuskel 143 

159. Die runde und eckige glagolica 144 

160. Entstehung des croatischen ductus, die inschrift von 

Baäka 146 

161. Die linien 149 

162. Der rahmen 150 

163 und §. 163b. Die Interpunktionen, ligaturen — 

164. Die chronologische aufeinanderfolge der glagolitischen 

denkmäler 151 

165. Die fundorte der handschriften, die heimath der glagolica 152 

166. Der glagolitismus der Croaten 154 

167. Die wechselseitigen entlehnungen der slavischen 

.Schriften 156 

168. Safafik's meinung über den glagolitismus in Pannonien 158 

169. Chronologische erörterungen über die wechselseitige 

durchdringung der beiden Schriften, entstehung des 
bulgarischen typus, einwanderung der glagolica 

nach Croatien 160 



§. 170. Alter und herkunft der cyrillica 161 

§. 171. Die anzahl der buehstaben, die serbische und russische 

cyrillica 1G4 

§. 172. Die ornamentale umwandluug der glagolica .... — 
§. 173. Die glagolica wurde nach dem muster der cyrillica or- 

ganisirt 165 

§. 174. Das verhältniss der alten glagolica und der schrift 

von Elbassan 167 

§. 175. Die slavischen buchstabennamen 168 

§. 176. Die buchstabenreihe, die zahlwerthe 172 

§. 177. Die namen der Schriften 173 

§. 178. Meinungen über den Ursprung der glagolica .... 174 

§. 179. Schlussbemerkungeu 175 

Stammbaum der albanesischen und slavi- 
schen Schriften 181 

Bemerkungen zu den proben glagolitischer 

Schrift 182 



Alphabet von Elbassan. 







Laut- 


Griech. 


Buch- 








Grundzug 

1 


werth 
nach 
Hahn 


tran- 
scription 


staben- 
namen 


Handschriftliche 


buchstaben formen 


1 


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2 


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offen 

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— IX 







Laut- 


Griech. 


Buch- 






Grundzng 


werth 
nach 


tran- 


stahen- 


Handschriftliche buchstabenforraen 






Hahn 


scription 


nanien 




19 


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Dengriech. 


3 


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X 



Gnindzng 



Lant- 
werth 
nach 
Hahn 



Griech. Buch- 

tran- I staben- 
scription naruen 



Handschriftliche buchstabenformen 



40 
41 

42 

43 
44 
45 

46 

47 

48 

49 
50 
51 
52 



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Zufällige Verbindungen. 



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I. THEIL. 



ANALYSE DER ALBANESISCHEN SCHRIFTEN. 



Das aiphabet von Elbassan. 



§. 1. Consul Georg von Hahn entdeckte kurz vor dem 
jähre 1850 in Elbassan eine eigenthümliche nationale 
Schrift der Albanesen. Keiner der zahlreichen alten 
Tind neuen versuche, das albanesische mit griechischen 
oder lateinischen lettern zu schreiben , kann sich an 
Vollkommenheit in der wiedergäbe der einzelnen laute 
mit dieser einheimischen schrift messen. Hahn be- 
dauert, diese schrift erst spät entdeckt und für seine 
methode der transcription albanesischer laute nicht 
ausgebeutet zu haben. Er fand sie in einem zustande 
des Verfalles, des verschwindens, für den ich keine zu.- 
treffendere analogie finde als in dem jetzigen gebrauche 
der kroatischen glagolica in ihrem letzten Zufluchtsorte, 
der insel Veglia. Wenn Hahn die zahl der personen, 
welche in Elbassan jener schrift kundig sind, auf kaum 
fünfzig veranschlägt, so gilt dies wörtlich auch von 
den glagoliten auf Veglia, wo nach meiner erfahrung 
ausser wenigen popen auch noch einige alte bauern 
glagolitisch lesen oder schreiben können. Ueber die 
heimath des alphabetes berichtet Hahn, Albanesische 
Studien pag. 296 folgendes: „Dieses aiphabet scheint, 
zu folge der dem Verfasser bis jetzt gewordenen nach- 
weisungen, nur in der stadt Elbassan heimisch zu sein. 
In Durazzo und Skodra ist dasselbe ebenso unbekannt 
als in der ganzen Toskerei (Epirus) ; nur in der süd- 
lichen nachbarstadt Berat soll es hie und da 
benützt werden. In Elbassan beschränkt sich 
übrigens der gebrauch dieses alphabetes nicht 
blos auf kirchliche zwecke, es wird dort auch 
von mehreren kaufleuten zur correspondenz 
mit abwesenden landsleuten benützt; einige 
führen sogar ihre bücher in dieser schrift. 

Die tradition knüpft dasselbe an einen lehrer der 
dortigen griechischen schule, namens Theodor, welcher 
zugleich Stadtprediger und ein sehr gelehrter mann war. 
Doch weiss man nicht zu sagen, ob er das aiphabet er- 
funden oder zuerst nach Elbassan gebracht habe. Der 
mann soll nicht nur das neue, sondern auch das alte 
testament (nach der Septuaginta, denn hebräisch ver- 
stand er nicht) ins albanesische übersetzt und sich 

eitler. Die albanesischen und slavischen Schriften. 



überhaupt mit bildung einer den weit auseinander 
laufenden albanesischen dialekten gemeinsamen Schrift- 
sprache beschäftigt haben. Leider wurden alle seine 
Schriften nach einer starken pestepidemie von den ver- 
wandten aus furcht vor neuer ansteckung verbrannt. 
Er mag, nach dem alter seiner lebenden verwandten 
zu schliessen, gegen das ende des vorigen jahrhun- 
dertes gestorben sein. Er hatte in Moschopolis, zehn 
stunden östlich von Berat, studirt. Dies war bis in 
die mitte des vorigen jahrlumdertes die weitaus ge- 
bildetste Stadt in ganz Albanien, sie besass von den 
Zeiten des mittelalters her eine berühmte schule und 
sogar eine druckerei. Die schule soll ihre blüthe nament- 
lich mehreren ausgezeichneten constantinopolitaner ge- 
lehrten verdankt haben, welche nach dem falle ihrer 
Vaterstadt dorthin flüchteten. Die betriebsamen be- 
wohner von Moschopolis (Wlachen) wanderten nach 
allen handelsplätzen der weit, und diejenigen, welche 
in der fremde ihr glück gemacht hatten, vergassen in 
ihrem testamente wohl selten der schule in der heimath. 
Als aber um die erwähnte zeit in folge der fortschritte, 
welche damals der islani in der umgegend machte, die 
bedrückungen gegen die reiche christliche stadt uner- 
träglich wurden, da fassten alle wohlhabenden den 
gemeinsamen entschluss, den ort zu verlassen und ihre 
familien, welche nach landessitte stets in der heimath 
zurückgeblieben wai-en, an sich zu ziehen. So zer- 
streute sich diese gemeinde nach allen himmelsgegenden 
und der ort verfiel. Die sage stattet ihn zur zeit seiner 
blüthe mit nicht weniger als 12.000 häusern aus, der 
heutige ort soll deren 200 bis 300 zählen. Diesen frei- 
lich sehr lückenhaften daten zu folge wäre es nicht 
undenkbar, dass sich unser aiphabet traditionsweise in 
den gelehrten anstalten von Moschopolis erhalten habe 
und dass irgend eines der dort gedruckten werke eine 
notiz hierüber enthalte." Das ist alles, was wir über 
die heimath dieser schrift kennen. 

D. Camarda, Appendice al saggio della gramma- 
tologia albanese pag. V fragt, ob nicht jener Theodor 
von Elbassan jener Theodorus Kaballiotes sei, der im 

1 



2 — 



jahie 1770 eine albanesischc Ilpwioxsipia in Venedig 
drucken Hess? (Vgl. Miklosich, Alb. Forsch. I.) Jenes 
albanesische buch ist in einer eigenen Orthographie 
mittelst griechischer lettcrn gedruckt; mit der Ortho- 
graphie der schritt von Elbassan i.st sie nicht verwandt. 

Es versteht sich von selbst, dass jener Theodor 
nicht der eriinder der albanesischen schrift sein kann, 
dies ist auch Hahn's meinung und dies werden unsere 
Untersuchungen bestätigen. Die tradition erinnerte sich 
wohl seiner als eines der letzten albanesischen literaten, | 
welcher diese schrift kannte und anwendete. j 

Hahn's ausbeute an nationalen handschriften war 
ziemlich gering. Er fand bloss zwei hefte, das eine 
von sieben, das andere von zwölf blättern, fragmente 
einer gegischen Übersetzung aus dem griechischen 
horologium enthaltend, und eine auf einen foliobogen 
geschriebene gegische Übersetzung aus dem evangelium 
Johannis. 

Von beiden handschriften besitzen wir Schrift- 
proben, zwei selten der ersten bei Hahn's „Bemerkungen 
über das albanesische aiphabet" (Sitzungsberichte der 
k. akad. der wiss., 1850, decemberheft), eine seite der 
zweiten in den „Albanesischen Studien" pag. 300. Der 
äussere habitus der schrift ist in diesen facsimile so 
genau wiedergegeben , wie es eben durch eine litho- 
graphie überhaupt erreicht werden konnte. Hahn be- 
nützte ausserdem zur feststellung der Ordnung der 
buchstaben und der zum drucke bestimmten typen 
mehrere albanesische, auf kleine papierstreifen auf- 
gezeichnete alphabete, die von mehreren gegischen 
Schreibern herrühren und von denen auch mir zwei 
zugänglich waren. Hahn war gewiss der erste, der in 
seinen „Albanesischen Studien" diese schrift für den 
druck adaptirte; er musste unter den lebendig wech- 
selnden aufzeichnungen desselben buclistabens die feste 
allgemeine grundform errathen, und wir müssen nach 
einer genauen betrachtung der handschriften gestehen, 
dass er sieh, ohne zu einer richtigen ansieht über die 
natur der albanesischen schrift gelangt zu sein, seiner 
aufgäbe mit vielem taete entledigte. Mit ausnähme 
einiger in unserer darlegung ausdrücklich hervorge- 
hobenen Verbesserungen und ab weichungen in der 
stilisirung dieser grundzüge , insbesondere bei den 
zeichen für 'C und d, geben Hahn's gedruckte tyj)en 
ein getreues bild der wirklichen handschriftlichen form 
derselben ohne alle theoretische befaugenheit. Auch 
wir haben daher diese grundformen oder drucktypen 
beibehalten, erstens, weil wir auch einen theil der 
handschriften der praktischen übuug halber durch den 
druck wiedergeben wollten, und zweitens, weil wir bei 
unseren paläographischen Untersuchungen und den 
häufigen citationen eines und desselben Zeichens schon 
der blossen erinnerung halber einer allgemeinen grund- 
form bedurften. Sonst legen wir diesen etwas ideali- 
sirten zeichen keinen directen paläographischen werth 



bei. Wir haben es in der eingangs gegebenen tabelle 
des albanesischen alphabetes dem leser ermöglicht, 
uns bei allen unseren behauptungen und Schlüssen über 
die wahre form eines albanesischen Zeichens fortwäh- 
rend zu controliren : neben den gedruckten typen fuhren 
wir die lebendigen, handschriftlichen auf, und zwar 
mit den kleinsten abweichungen, überhaupt alles, was 
wir nach einer sichtung des gesammten handschrift- 
lichen materiales und auch der einzelnen alphabete 
fanden. 

§. 2. Der von Hahn vorgefundene zustand der 
albanesischen schrift. 

Der mann, der jene beiden gegischen horologium- 
fragmente in seiner jugend abgesehrieben hat, bemerkt 
Hahn im jähre 1850, soll noch leben, sie wären daher 
jetzt nicht über achtzig jähre alt. Allerdings machen 
sie den eindruck , wie wenn sie etwas älter wären, 
wenn wir sie dem äusseren nach mit bosnischen und 
glagolitischen handschriften aus dem anfang dieses 
jahrhundertes vergleichen, doch mag dies der abge- 
schiedenheit ihrer heimath und dem conservativen 
Charakter dieser schrift insbesondere zugeschrieben 
werden. Hahn vermuthet auch, dass dieselben von 
zwei verschiedenen bänden herrühren. Die sichere 
anwendung der immer gleichmässig geschriebenen 
zeichen weist auf andauernde Übung, man gewinnt den 
eindruck, dass man es mit einer allgemein im prak- 
tischen leben gebrauchten schrift zu thun hat. Die 
buchstaben stehen zwischen zwei mit einem stumpfen 
Instrumente in das grobe papier eingedrückten linien, 
über welche etwaige ober- und Unterlängen derselben 
ziemlich regelmässig hinausreichen. Die A'erschiedene 
höhe der buchstaben lässt sieh in jedem einzelnen falle 
aus ihren grundformen motiviren. Aufschriften und 
am anfange stehende worte sind mit rother tinte aus- 
gezeichnet. Die buchstaben haben immer dieselbe 
form, es gibt keine unterschiedenen initialen u. s. w., 
nur manchmal werden sie herausgerückt, stehen am 
anfange eines absatzes und werden einfach etwas grösser 
geschrieben. Die schrift ist keine fortlaufende, zu- 
sammenhängende, wie etwa die in ihrer eigenen hei- 
math neben ihr bekannte neugriechische Schreibschrift, 
jeder buchstabe wird fast ängstlich für sich hinge- 
zeichnet, eine, wie wir nachweisen werden, uralte eigen- 
schaft dieser schrift, welche auch den charakter der 
runden glagolica bedingt. Die senkrechte läge der 
buchstaben schliesst auch jede cursive Verbindung aus. 
Nur in bestimmten ligaturen, die zugleich einen platz 
in der festen Ordnung des alphabetes bekommen haben, 
können je zwei buchstaben zusammenfliessen. Diese 
Zeichenverbindungen drücken nur solche consonanten- 
gruppen aus (meist jot- und u-verbindungen), die vom 
Standpunkte der albanesischen spräche gewissermassen 



als selbstständige lautcomplexe gelten können, z. b. 
kj, nj, in einigen fällen auch wirklich einfache laute 
bedeuten, z. b. z (= s -\- j), £ (= t -\- s). Die sonstigen 
auch auf unserer tafel ausserhalb der reihe des alpha- 
betes angeführten buchstabenverbindungen sind so zu- 
fällig und so selten , dass sie unserer Charakteristik 
keinen eintrag thun. Die schrift besitzt interpunctionen 
wie die griechische, einen accent, einen asper, ein 
nasalzeichen und drückt die länge auf eine doppelte 
weise aus; die ganze Orthographie verräth eine hohe 
Vollkommenheit, innere durcharbeitung, und in anbe- 
tracht der Schwierigkeiten, welche die ausserordent- 
lich vielseitigen gegischen lautverliältnisse veranlassen, 
eine wirklich seltene einfachheit und deutlichkeit. 
Allerdings ist sie uns in einem verwildei'ten zustande 
überliefert : bei der ziemlichen menge von Schreib- 
fehlern sind deren grundgesetze nur aus der über- 
wiegenden anzahl der fälle und der natur der um- 
stände, wenn auch mit grosser Sicherheit zu erkennen. 
Man sieht, dass wir nur den letzten niedrigsten punkt 
einer schon längst unter den ungünstigsten culturellen 
Verhältnissen niedergehenden linie vor uns haben, letzte 
ärmliche reste einer mehr als tausendjährigen schi'ift. 
Unsere unansehnlichen zwei kleinen hefte sind ver- 
gilbt, beschmutzt, ihre letzten leeren selten durch einige 
rohe Zeichnungen, federproben, griechische und ara- 
bische kritzeleien ausgefüllt. Wird die den Balkan 
jetzt immer mehr und mehr durchdringende forschvmg 
dieses material dereinst noch vermehren? Nur ein 
einziger reisender suchte bis jetzt nach diesen hand- 
schriften ; Hahn war es, der diese entdeckung erst am 
ende seiner vieljährigen reisen machte und sie nur 
flüchtig verfolgen konnte. Manche orte, wo die schrift 
noch zu seiner zeit praktischen zwecken diente, konnte 
er gar nicht besuchen. Wenn z. b. in reichen bauern- 
häusern auf der insel Veglia noch jetzt glagolitische 
documente zu finden sind, warum sollten nicht auch 
albanesische familien, deren zähen conservatismus wir 
aus Hahn's Schilderungen kennen, mehr solcher heimi- 
schen handschi-iften bewahrt haben? 

Wie viel wir an paläographischem materiale zu 
vermissen haben, darauf möge erst unsere Untersuchung 
antworten. Sollten wir aber keine entschieden älteren 
handschriften finden, so glaube ich, dass wir in dieser 
richtung keine erhebliche bereicherung unserer kennt- 
niss zu erwarten haben. 

§. 3. Die bisherigen erklärungen der alba- 
nesischen zeichen. 

Hahn und der bekannte paläograph J. Franz 
versuchten den Ursprung der albanesischen zeichen zu 
enträthseln (Alb. stud. pag. 280 bis 300). Obwohl Hahn, 
wie ich anzunehmen grund habe, die albanesischen 
handschriften für die feststellung des alphabetes nicht 



vollständig exeerpirte , indem er z. b. die form des 
Zeichens für z blos nach den ihm mitgetheilten alpha- 
beten gibt, und ihm wichtige formelle eigenthümlich- 
keiten mancher zeichen entgangen sind, so ist doch 
anzuerkennen, dass er in den charakter der albanesi- 
schen schrift ziemlich tief eingedrungen ist. Inwie- 
weit er die schrift aus sich selbst erklärt, insbesondere 
dort, wo er die zahlreichen ligaturen in ihre bestand- 
theile zerlegt, ist er zu trefflichen resultaten gelangt. 
Ganz anders verhält es sich mit seinen paläographi- 
schen vergleichungen. Vorerst begegnen wir demselben 
fehler, in den die bisherigen erklärer der glagolitischen 
schrift verfielen: zeichen, die in einer naheliegenden 
beliebigen lateinischen oder griechischen Schriftart 
wenigstens ein beiläufiges analogen gefunden hätten, 
wurden gleich mit phönicischen zusammengebracht. 
Es ist interessant zu sehen , wie alb. e und alao- e 
zwei untereinander sehr ähnliche zeichen, gleicher- 
weise von Hahn und unabhängig von ihm von manchen 
erklärern der glagolica mit dem phönicischen he iden- 
tificirt werden. Daher auch in dem einen falle mystische 
slavische zu gründe liegende runen, in dem anderen, 
was ganz dasselbe, Kadmus, der nach Iljyi-ien wandert, 
herbeigezogen werden. Wir sind weit davon entfernt, 
Hahn's verdienst zu schmälern: unsere ganze arbeit 
steht auf seinen mühseligen ei-rungenschaften, sie wäre 
unmöglich ohne seine entdeckung und ohne seine tadel- 
losen linguistischen arbeiten. Aber der vollkommene 
mangel einer paläographischen methode, der sich in 
dem herbeiziehen von kufischen, sanscritischen, etrus- 
kischen, altgriechischen, mittelamerikanischen zeichen 
zur vergleichung mit den albanesischen offenbart, kann 
die kritik nicht herausfordern. Wie sollen wir ver- 
gleiche beurtheilen, welche ofienbar jungen, mit der 
neugriechischen Schreibschrift identischen albanesischen 
buchstaben, wie dem t und r, ein unglaubliches phüni- 
cisches alter zuschreiben, zeichen, die Hahn in den 
griechischen werten hätte finden können, die hie und 
da mitten in den text seiner albanesischen handschriften 
selbst eingeschrieben sind. Von dieser schrankenlosig- 
keit im herbeiziehen aller möglichen Schriften hält sich 
die pag. 286 der Alb. stud. von Franz mitgetheilte 
vergleichung der albanesischen mit phönicischen zeichen 
fern. Aber der grundgedanke, der die Albanesen die 
schrift nicht von einem benachbarten volke, mit dem 
sie in irgend eine greifbare historische berührung ge- 
kommen sein konnten, sondern von den zeitlich und 
räumlich ganz unbestimmt entfernten Phöniciern reci- 
piren lässt, ist falsch, die einzelnen Zusammenstellungen 
erzwungen und werthlos. Ein dritter versuch, den Blau 
(Zeitschrift d. d. morg. ges. XVH, pag. 6(36) unternahm, 
albanesische schrift und spräche zugleich aus der lyki- 
schen zu erklären, ist, wie auch schon von anderen 
hervorgehoben wurde, als verfehlt zu bezeichnen. 
Das albanesische aiphabet ist aus griechischen und 



— 4 



lateinischen zciclicn zusaminenj^csotzt, das h'kische aus 
griechischen; man kann daher, wenn man will, zwi- 
schen einem griechischen zeichen des 7. Jahrhunderts 
und einem einer vorchristlichen inschrit't, insbesondere 
wenn man es aus dem zusammenhange einer ganzen 
Schrift herausreisst, ähnlichkcit, ja identität annehmen 
und rinden. Wurden dann auch die lautlichen geltungen 
nicht allzu strenge genommen, überhaupt nur ein theil 
verglichen, ja auch der schrift von Elbassan zeichen 
zugeschrieben, die sie nie besessen, so konnte eine auf 
den ersten blick allerdings bestechende parallele der 
lykischen und albanesischen schrift zu stände gebracht 
werden. 

§. 4. Quellen zur erklärung der albanesischen 
zeichen. 

Bei dem totalen maugel nur irgendw'ie älterer 
denkmäler können wir den versuch der aufhellung der 
albanesischen zeichen wagen nur mit hilfe einiger ver- 
wandten Schriften, welche zu denselben in irgend einem 
verhältniss der reception standen. Diese Schriften, 
welche einzig und allein zum vergleiche herbeigezogen 
werden dürfen, sind insbesondere mit rücksicht auf die 
geographische läge des mittleren und südlichen Alba- 
nien und der möglichkeit einer berührung mit irgend 
einem schriftkundigen volke, schon im voraus, möchte 
ich sagen, theoretisch strenge bestimmt. 

Es ist dies : 

1. die römische cursive, insbesondere die soge- 
nannte jüngere gattung derselben als nachweisliche 
mutter und grundlage der albanesischen Schriften über- 



haupt (es besteht neben der elbassaner noch eine spur 
einer zweiten albanesischen schrift, §. 68) ; 

2. die griechische cursive, und zwar die von 
Gardthausen so benannte minuskelcursive des 7. Jahr- 
hunderts, welche eine zweite, wenn auch ungleich 
dünnere schichte in der albanesischen schrift zurückliess, 
welche in die albanesische schrift aufgenommen wurde, 
weil die anzahl der lateinischen zeichen zum genauen 
ausdrucke aller albanesischen laute nicht hinreichte ; 

3. die sogenannte schrift des Albanesen Büthakukje ; 

4. die Orthographie der ältesten sich lateinischer 
lettern bedienenden albanesischen schriftsteiler des 
17. jahrhundertes ; 

5. die glagolitische schrift, die vielleicht älteste 
und einzige tochter der albanesischen, ein ganz bedeu- 
tendes hilfsmittel, weil wir an ihr den grad der Ver- 
änderungen der albanesischen schrift seit einem vollen 
Jahrtausend, da die abzweigung der glagolica stattfand, 
messen können; trotz ihrer kalligraphischen fortbildung 
sind gewisse glagolitische zeichen , welche wir ja in 
der gestalt des 10. und 11. jahrhundertes kennen, fast 
die einzige quelle für die erklärung mancher alba- 
nesischen buchstaben, welche specifiseh albanesische, 
den slavischen ähnliche laute bezeichnen. Die glagolica 
hat zeichen erhalten , welche in der Zwischenzeit aus 
der schrift von Elbassan verschwunden sind; 

6. ein theil der sogenannten ungriechischen 
zeichen der cyrillica, welche die glagolica an dieselbe 
in folge einer später zu beleuchtenden berührung und 
ausgleichung der beiden Schriften abgab, daher iudirect 
albenesischen urspi-unges sind. 



Die lateinischen bestandtheile der albanesischen schrift. 



§. 5. Die albanesische schrift in ihrem Verhält- 
nisse zu ihren cursiven rautterschriften. 

Obwohl die albanesische schrift in einem sehr 
verfallenen späten zustande auf uns gekommen ist, so 
lässt sich dennoch, und zwar mit grosser schärfe mit 
hilfe der glagolica nachweisen, dass ihr jetziger gra- 
phischer Charakter — die verticale Stellung der buch- 
staben und der mangel einer fortlaufenden Verbindung 
derselben — • schon vor tausend jähren in fast dem- 
selben maasse bestand wie jetzt. Dennoch wäre es 
schwierig, eine der technischen bezeichnungen uncial, 
minuskel, cursive auf dieselbe zu übertragen. Diese 
schrift entstand aus ihren cursiven mutter- 
schriften durch eine strenge stilisation der 
einzelnen buchstaben, w-odurcli deren alte 
Verbindungen vollständig gelöst wurden. Wohl 
ähnelt dieser process in mancher beziehung demjenigen. 



der nach Gardthausen's trefflicher darstellung aus der 
älteren verwilderten griechischen cursive die minuskel 
schuf. Aber hier entschied noch ein anderer umstand : 
die Übertragung der lateinischen cursive auf eine fremde 
spräche. Nicht blos der innere Sprachbau bedingt 
den Charakter einer schrift im weitesten sinne des 
Wortes ; auch der ganz äusserliche kalligraphische 
habitus einer schrift muss sich verändern, wenn sie 
von einer spräche, für die sie specifiseh ausgebildet 
wurde, auf eine andere, und sei es selbst nicht unähn- 
liche übertragen wird, auch wenn sie genau dieselbe 
bleibt vmd ihr altes zeichenmateriale beibehält. Aller- 
dings ist dies fast gar nicht der fall in unserer schmieg- 
samen, hoch ausgebildeten schrift, welche genau den- 
selben eindruck macht, ob mit ihr spanische oder 
polnische werte geschrieben werden. Bedenken wir 
aber, dass in unserem falle die echt nationale den 
specifischen anforderungen der lateinischen spräche 



5- 



angepasste römische cursive mit ihren stiuidigen buch- 
stabenverbindungen auf eine andere spräche angewendet 
wurde, wo diese lautfolgen nicht wiederkehrten, ja 
andere, im lateinischen ganz ungewohnte geschrieben 
werden mussten, so ist leicht einzusehen, wie schon 
dieser eine umstand die fortlaufenden züge der mutter- 
schrift unter den bänden der albanesischen Schreiber 
verändern musste. Wurden daneben noch gewisse 
lateinische, durch den usus schon streng abgesonderte 
ligaturen, wie ts, si, im albanesischen in ganz anderer 
lautlicher bedeutung (c und z) verwendet, ja für ein- 
fache zeichen augesehen , so war die cursive mit 
allem, was sie charakterisirt, zerstört. Die lebendigen, 
jeden augenblick je nach der läge wechselnden 
formen der cursiven buchstaben verschwanden, nur 
eine einzige derselben wurde fortan typisch 
und immer wieder gebraucht, die schrift wurde 
mit einem werte strengeren gesetzen unterworfen,- die 
einzelnen buchstaben strenger stilisirt. Auf diese weise 
wurde die cursive so versteift, jeder buchstabe so ver- 
einzelt hingemalt, dass sie einer unciale nicht unähn- 
lich wurde. Dieser process lässt sich im einzelnen 
mit aller schärfe nachweisen. Man könnte schliesslich 
auch annehmen, dass das eindringen griechischer buch- 
staben in die ursprünglich lateinische schrift, wodurch 
eben die schrift von Elbassan entstand, dieses resultat 
beschleunigte. Doch lege ich darauf nach erwägung 
der eben angeführten umstände kein entscheidendes 
gewicht, weil die griechischen cursivelemente mit den 
lateinischen wenigstens einigermassen hätten ver- 
schmelzen können, da sie aus gleichen pcrioden her- 
rühren und weil die griechische und lateinische schrift 
in allen wesentlichen punkten ihrer entwickeluug, in 
vielen eigenthümlichen buchstabenformen , auch der 
zeit nach, übereinstimmen (Gardthausen, Beiträge zur 
gr. Pal. pag. 5). Eine folge dieser strengen stilisation 
und absonderung der einzelnen buchstaben ist die 
ziemliche deutlichkeit und lesbarkeit dieser schrift 
selbst in diesem verwilderten zustande. Man vergleiche 
nur in dieser hinsieht unsere albanesischen fragmente 
mit einem gleichzeitigen Schriftstücke in rumänischer 
oder bosnischer cyrillica, von der glagolica zu ge- 
schweigen , deren geschichte zwar an denselben ent- 
wickelungspunkt wie die albanesische anknüpft, die 
aber aus anderen gründen zu allen zeiten eine weniger 
lesbare verschnörkelte schrift gewesen. 

§. (i. Das albanesische i und j. 

Das lateinische / ist in der römischen cursive 
entweder ein mehr weniger gerader strich oder ge- 
krümmt wie ein halbmond sowohl in ligaturen, als auch 
in unverbundener, freier Stellung: 



) )0 



Diesen unterschied benützten und stilisirten die alba- 
nesischen Schreiber, indem der verticale strich 

I 

dem vocale i zugewiesen wurde, die halbmondförmige 
nuance, 

) 

fortan typisch geworden, den consonanten j bezeich- 
nete. Vgl. unsere tabelle zu §. 1, tigur nr. 3 und 24. 
So gelangte die albanesische schrift zur äusseren tren- 
nung des lateinischen i und ; vielleicht tausend jähre 
früher als die lateinischen nationalschriften ; als sich 
die glagolica von ihr abtrennte, war die krumme ge- 
stalt des j schon iixirt und hat sich seit jener zeit in 
der schrift von Elbassan nicht im mindesten verändert 
(§. 113). Die albanesische schrift zeigt in folge ihrer 
langen entwickelung eine tief eingreifende Überein- 
stimmung mit dem lautlichen charakter und den in- 
zwischen stattgefundenen lautlichen Veränderungen der 
Sprache selbst; es ist daher bei dem dargelegten gra- 
phischen verhältniss nicht zufällig, dass die laute i und y 
im albanesischen wechseln (D. Camarda, Saggio §. 42). 
Eine dritte nuance des i'-zeichens werden wir in 
der ligatur ut linden, §. 18. 

§. 7. Das albanesische k. 
Das zeichen 

c 

ist das lateinische c. Die albanesischen Schreiber hoben 
dies zeichen aus der römischen cursive heraus, schrieben 
es fortan nur unverbunden und entschieden sich für 
die regelmässigste und gewöhnlichste form desselben. 
Stärkeren Veränderungen erliegt röm. c bekanntlich 
erst durch die Verbindung mit anderen buchstaben. 
Bei der sonstigen geringen Veränderlichkeit des lat. <- 
könnte man jene albanesische figur schliesslich auch 
aus einer anderen lateinischen Schriftart als aus der 
römischen cursive ableiten, wenn dies nicht der ganze 
übrige charakter und Ursprung des albanesischen alpha- 
betes verbieten würden. 

§. 8. Das albanesische dunkle §. 
Das zeichen für s 



^ 



entstand aus einem cursiven römischen e 



et 



der ravennater Urkunden durch eine umkehruug, wo- 
bei die oben gerade auslaufende zweite abart für den 
vergleich besonders zu beachten ist (z. b. in der cliarta 
plenariae securitatis, a. 565, Mabillon, zeile 10, im werte 



6 — 



ravennae). Dies scheint mir der wahre grundzug des 
alb. £ zu sein. Eine zweite in einem ziige geschriebene 
abart 



? 



könnte auf ein verschlungenes römisches e derselben 
quelle mittelst ähnlicher umkehrung 



e 



zurückgehen. 

Das £ ist in der 
hoch, genau wie das 



albanesischen schrift auffallend 
in der cursive der ravennater 
Urkunden (5. bis 6. Jahrhundert), das die anderen bucli- 
staben entschieden überragt, ein unserem vergleiche 
sehr günstiger umstand. Den grund aber, warum dieses 
£ in der albanesischen schrift gewendet wurde, werden 
wir in der glagolica finden, §. 80. 

Dem echten gegischen dialekte, insbesondere 
dessen nördlichen und westlichen theilen, Skutari und 
Pi-isrend, ist das dumpfe ? fast unbekannt; entweder 
finden sich an seiner stelle die älteren vollen vocale 
(D. Caraarda, Saggio pag. 57 ; Hahn, Gramm, pag. 6), 
oder er wird, wenigstens im vergleiche zum toskischen, 
ausffcstossen. Da wir nun unserem zeichen ein hohes 
alter zuschreiben müssen — wir werden es als e schon 
in der tausendjährigen glagolica wiederfinden, §. 72 — 
so lässt sich vermuthen, dass die schrift von Elbassan 
seit jeher für einen dem toskischen näher gelegenen 
dialekt adoptirt war, zum mindesten nicht für einen 
specitisch nordgegischen. Die lateinisch schreibenden 
Albanesen des 17. Jahrhunderts, durchwegs Gegen, 
fanden es nicht für nötliig, für die besondere bezeich- 
nung des dunkeln £ in ihrer Orthographie vorzu- 
sorgen. Dann war die eigentliche erste heimath dieser 
schrift Mittelalbanien. Andere sprachliche erscheinun- 
gen^ welche noch aus dem übrigen zeichenmateriale 
erschlossen werden können, werden diese vermutliung 



bestätigen. 



Die im übrigen gegische spräche unserer 



fragmente ist nach Hahn, Alb. stud. 298 sehr purificirt 
und dem toskischen, wo £ eigentlich zu hause, nalie- 
gerückt, so dass sie einen Übergang beider dialekte 
bildet. Bisher wurde überhaupt der gebrauch dieser 
schrift nur in Mittelalbanien constatirt, in Berat, in 
Elbassan am Schkumbi, an jener seit jeher berühmten 
grenze beider stamme, wo die spräche die extremen 
eigenthümlichkeiten der beiden hauptdialekte in sich 
vereint, ein umstand, dem diese schrift rechnung trägt. 
Auguste Dozon, Manuel de la langue chkipe, pag. 163: 
„Le centre de l'Albanie, immediatemeut au-dessus du 
^koümb, passe, meme cliez quelques Toskes, pour le 
lieu oii leur idiome, bien qu'il j soit decidement 
guegue, se parle avec le plus de purete." — D. Ca- 
marda, A. Dora d'Istria gli Albanesi, pag. 49: „Questi 
credono taluni dialetti misti di ghego e di tosco, mentre 



forse altro non sono che residui del tosco piü antico. 
Imperocch^ siecome si scorge ancora dai documenti 
gheghi piü vetusti che si abbiano starapati, e nomi- 
natamente dal Budi (fine del sec. XVI), i due princi- 
pali dialetti della lingua epirotica, ghego e tosco, erano 
prima somiglianti fra loro assai piü che non appaiano 
di presente. E tale ravvicinamento si verifica 
tixttora nel ghego centrale puro, o di Elbasan, 
e nel tosco superiore, specialmente di Berat e 
dei dintorni, come di altri luoghi della Media 
Albania e dell' alto Epiro (d. i. genau an denselben 
orten, wo u.nsere schrift noch in den fünfziger jähren 
in praktischem gebrauche war). Vgl. auch Appendice 
al saggio pag. V: In guisa che se non puo dirsi esat- 
tamente il liuguaggio della media Albania comune di 
tutta la nazione illirico-epirotica, esso ne ha certo le 
piü essenziali e genuine proprietä, ed h il piü idoneo a 
divenir tale, si per le intrinseche jjrerogative, come per 
la posizione centrale dei paesi ove domina, in alcuni 
dei quali, e precisamente nel non breve tratto fra lo 
Shkumbi ed il Voiussa, odesi contemperato il tosko 
al ghego idioma. Unser aiphabet zeigt, was ich ein- 
für allemal hervorhebe, keine dialektische einseitigkeit, 
und dazu wäre bei dem immerhin bedeutenden unter- 
schiede beider dialekte in ihren extremen ausläufern, 
und bei den grossen anforderungen, die das albanesische 
lautsystem an eine genaue schriftliche fixirung stellt, 
vielfach gelegenheit gegeben. Es hat sich einem boden 
adaptirt, auf dem in jeder beziehung, sprachlich und 
historisch, der am besten erhaltene, von fremden ein- 
flüssen unberührte kern der Albanesen noch heute 
wohnt. Auf einem solchen boden ist das aiphabet ent- 
standen, dort bildete es sich heran, dort, in seinem 
mittelpunkte, glaube ich, erhielt es sich auch am läng- 
sten im gebrauche. Ist also die heimath der albanesi- 
schen schrift nicht der Süden und auch nicht der nor- 
den, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach der mittlere 
theil des albanesischen Volkes, und ist die glagolica 
in ihrer nachbarschaft durch langsame natürliche recep- 
tion wie jede andere schrift entstanden, so haben wir 
im voraus einen punkt gewonnen, von dem aus auch 
die heimath der glagolica zu suchen ist, eine spur, die 
wir fortan beharrlich verfolgen werden. 

D. Camarda, Saggio di grammatologia comparata 
suUa lingua albanese, pag. 57: II fatto poi che !'£ 
muta sia quasi ignota ai Gheghi specialmente piü occi- 
dentali o settentrionali, p. e. gli Scodriani, ed al con- 
trario frequentissima nel dialetto tosko, e nelle sue 
diramazioni, puö dar luogo a varie congetture. Im- 
perocche e certo che 1' idioma proprio dei Gheghi 
occiduo - settentrionali ha dovuto subire le influenze 
slave a cagione della vicinanza, e del predominio un 
tempo mantenuto su di loro dalla potenza serba e bul- 
gara, laddove molto meno, o punto vi andaron soggette 
le po^jolazioni piü meridionali dell' Epiro, e della 



7 — 



media Albania. Di che si scorgono le tracce anco 
nelle esteriori fattezze dei primi in confronto agli Alba- 
nesi del centro, e dell' Epiro, i rjuali lianno 11 puro 
tipo pelasgo-ellenico. L' essere pertanto in modo parti- 
colare proprio del dialetto delle regioni meridionali 
r uso dei suoni muti puo far credere che questi fossero 
iin dair origine inerenti alla natura degli idiomi ivi 

parlati 

Nach diesen werten scheint D. Camarda anzu- 
nehmen, dass der laut g, ein altes gemeingut aller alba- 
nesischen stamme, den Gegen durch fremden einfluss 
verloren gegangen sei, womit wir nicht vollständig 
übereinstimmen können, weil ja die Gegen oft den 
naehweislich älteren vollen laut an seiner stelle er- 
halten haben. Im übrigen passt diese stelle vollkommen 
zu unserem Schlüsse. 

§. 9. Die albanesische gutturale tönende 
affricata -j-. 
Das zeichen 



(nr. 25 der tabelle zu §. 1) ist ein lateinisches cursives h, 
das dem der ravennater Urkunden am nächsten steht. 
Es versteht sich von selbst, dass man an uns nicht 
die anforderung stellen kann, an diesem zeichen gerade 
einen specifischeu zug der römischen cursive nach- 
zuweisen. Wurde das zeichen streng stilisirt und der 
ursprüngliche charakter auch noch durch die lange 
tradition verwischt, so musste schliesslich eine form 
übrig bleiben, die man aus vielen andern lateinischen 
Schriftarten auch erklären könnte. Röraisch-cursiv ist 
es des ganzen Charakters dieser schrift halber. 

Hahn schreibt dieses zeichen in seiner Ortho- 
graphie mit Y, D. Camarda mit -f, A. Dozon mit g, was 
sich durch hunderte von worten belegen lässt. In be- 
treff der lautlichen geltung aber, welche ihm die alba- 
nologen zuschreiben, muss ich hier auf einen unter- 
schied aufmerksam machen, der, theilweise störend, 
dennoch, richtig erfasst, die sprachgeschichtliche ent- 
wickelung dieses lautes nicht wenig aufhellt und unsere 
paläographische herleitung entschieden bestätigt. Wäh- 
rend nämlich Camarda sein y als ein rein gutturales g 
hinstellt (Saggio pag. 12 : la ■( debba aver sempre il 
suono forte come in ga, go), ebenso Dozon (la langue 
chkipe pag. 15, 180: gr reste toujours dur, p. e. gant), 
beschreibt Hahn sein v (mit dem punkte) wiederholt 
und ausdrücklich als hauchlaut oder gehauchtes g, gh, 
mit welcher combination er auch h im aiphabet von 
Elbassan und in der Gramm. §. 1 transcribiit. An 
derselben stelle spricht er von -j- ganz entschieden wie 
von einem nicht reinen gutturalen g, wenn auch seine 
erklärung theilweise dunkel ist: ,,-'( sprich gh. Im deut- 
schen ist je nach den dialekten das gf-zeichen der Ver- 



treter sehr verschiedener laute. Das Vorwort gegen 
wird in den einzelnen dialecten gheghen, ghechen, 
ghejen, chechen (bald hell, bald dunkel), jechen und 
jejen ausgesprochen ; es sind daher wenigstens drei 
jf-laute zu unterscheiden: gh, weich ch und J. Das 
albanesische kennt diese drei laute, doch ist gh über- 
wiegend weich ch, und dieses letztere scheint (wenig- 
stens in der Rica) nur auslautend vorzukommen, wo 
es dann im mittelgaumen zu bilden ist, voxiv, ich theile, 
sprich ndaich. ') Die dunklere, im kehlkopfe gebildete 
nuance mag anlautend in südlichen albanesischen gegen- 
den hie und da statt gh nach der analogie des neu- 
griechischen Y vorkommen, welches vor a, o, ou wie 
ein weiches westphälisches g klingt und daher niemals 
gh lautet. Inlautend möchte dagegen im albanesischen 
7 stets gh auszusprechen sein." Ganz entschieden 
klingen Hahn's worte im wörterbuche unter -(•: „Sprich 
gh, wie in gehen nach mitteldeutscher ausspräche. In 
einigen südlichen landschaften wird dieser laut theil- 
weise wie das neugriechische y vor a, o und p aus- 
gesprochen, welches wie ein im kehlkopfe gebildetes 
gelindes ch klingt, ohne dass die zunge an den hinter- 
gaumen anschlägt, gerade so wie mau in einigen nord- 
deutschen gegenden chlaube für glaube spricht." Da 
wir nun an der angäbe Camarda's nicht zweifeln können 
und ebensowenig an der autorität Hahn's, des für den 
Sprachforscher wichtigsten ohrenzeugen, so müssen wir 
annehmen, dass der durch das zeichen h y ausgedrückte 
laut dialectiseh zwar als reine gutturalis g erscheint, 
anderswo aber fast vollkommen die geltung einer 
gutturalen spirans besitzt. Diese letztere ausspräche 
ist eben für die spräche unserer gegischen fragmente 
maassgebend, welche nicht blos durch unsere paläogra- 
phische herleitung von lat. h als ursprünglichem hauch- 
laut, sondern überdies noch durch einen eigenthüra- 
lichen u.mstand des alphabetes von Elbassan selbst unter- 
stützt wird. Dasselbe ist nämlich, wie wir später zeigen 
werden, nach einem innerlichen phonetischen princip 
geordnet, nach welchem womöglich der ausspräche 
nach ähnliche zeichen in einer gruppe beisammen 
stehen : unser zeichen h steht hier an der spitze der 
zahlreichen hauchlaute (vgl. die tabelle). 

Eben hier können wir der erörterung einiger 
sprachgeschichtlicher erscheinungen nicht entbehren, 



') Sein Y (ohne punkt) mit der geltung „eines weichen deut- 
schen ch oder neugriechischen y ''^or «, o, ou imd liquidis", Gramm. 
§. 1, wendet Hahn nur im auslaute einiger verbalformen auf -v(, 
z. b. in der 2. p. sing, imper. an, sonst könnte er es recht gut ent- 
behren. Dies tadelt Camarda, der in allen diesen fällenj schreibt, 
indem er meint, dass sich Hahn dabei durch die Orthographie des 
albanesischen „Neuen testamentes", das j mit Y überhaupt wieder- 
gibt, beeinflussen Hess. Saggio pag, 12: „Cio che non so come 
abbia seguitato a fare in parecchie occasioni anche 1' Hahn non 
ostante 1' introduzione della j. Questa lettera poi fjj in fine delle 
parole o quando e seguita da vocale rauta, ha un suono quasi 
aspirato simile a / greeo, ch tedesco dolce e molle," 



8 — 



welche die doppelnatur des lautes b-f als reines g und 
gehauchtes </ {gh oder /() darthun. Tiefeiiigreifend in 
den Charakter der albanesischen spräche, sichergestellt 
durch die etymologischen Untersuchungen Camarda's, 
deuten dieselben auf einen directen Zusammen- 
hang zwischen gewissen albanesischen -j- und 
einem dem altgriechischen asper gleichen 
laute. Alle hauptsächlichen erscheinungen des alt- 
griechischen, welche sich an die Verwandlungen des 
digamma, an j , an anlautendes s und sv , asper und 
lenis und deren Vermischung knüpfen, iinden ihre ana- 

logien im albanesischen. Sie sind wohl einer der stark- 
es 

sten beweise der näheren Verwandtschaft des ältesten 
griechischen und albanesischen ganz im sinne der 
resultate D. Camarda's. Alle anderen thatsachen, vocal- 
erscheinungen , die Bopp herausgriff, um damit eine 
Übereinstimmung des albanischen und sanskrit, dem 
griechischen entgegen, darzuthun, fälle wie \).yf)-l\, |j.a5£-ja 
(gross), o£;jLbt (zahn) für sansk. mahat, ganiblias, welche 
der altpersischen vortretung von th und d für zend. 
sansk. §, z, h so ähnlich sind (mathista), können die 
Verwandtschaftsverhältnisse des albanesischen nicht 
entscheiden, weil sie vereinzelt sind und anderweitige 
nähere erklärungeu zulassen. 

Vor allem kann v ganz verschwinden : j''"/.-? io 
fuggo, vado, parto, griech. ev/M ?'■■/. (Saggio §. 117); jea- 
10 abito dimoro ibid., wurzel vas. j ist späterer Vor- 
schlag, wie in jaiJ., sansk. asmi und in vielen anderen 
fällen. 

Gewöhnlich erhält sich das digamma als ß(i'): 
ßs'c-i, griech. riz, vestire (ibid. §. 62); ßj"-?, griech. 
Feto; (ibid. §. 110); ßjs/i-a (manubrium), griech. ro/sw 
Fi/.avsv (ibid. §. 61). 

Ursprüngliches v geht in -j- über : '.'■;''.--.i: „la pecora 
domestica, Hahn: hausschaf" i'ri; (ibid. §. 115); damit' 
ist wohl altgriech. F = -j- zu vergleichen. 

Das dem -( nahe verwandte /, welche laute im 
albanesischen überhaupt und auch dialektisch abwech- 
seln (ibid. §. 62), vertritt ui-sprüngliches y, ebenso wie 
der asjDCr statt F erscheint: ■/p~/.i = Tkvm, fü.v. (ibid. 
§. 116). 

Anorganischer Spiritus ist durch / ■> vertreten : 
7_i'--£ neben yß~-i und cv-jjiTus, ebenso im griechischen: 
CiTTEp, sansk. Ufari, mit dem es C'amarda verbindet 
(§. 116, §. 62). (Vgl. ferner ']v/.o\]t risuono , '«^/.sio; 
'YYlAä-vjE io allungo sXaOvw, YSAdtc lungo sAaii; (ibid. 
§. 115) mit den fallen des eintrittes von asper für lenis. 
Ebenso /: appi-js neben -/appi-js apy.Eu (ibid. §. 116). 
Allerdings berühren sich hier verschiedene erschei- 
nungen ; so entsteht \yXr^t aus griech. aAsi^a, und mit 
Verwandlung des / in -j-j : -(jaASTrt il iurro , il grasso 
(ibid. §. 115). 

AVie der griechische asper für j, so tritt auch % 
für j ein: -/ifi-y- tempo, wpx, bakt. ja?'e (ibid. §. 116); 
7_(-ij£ io entro leitet Camarda (§. 116) aus *jijdmi ab. 



dann liegt aber griech. ';r,jj.; (= * jijämi) näher als eiij-i, 
das er herbeizieht. 

Den sichersten schluss gewährt das altgriechische 
verhältniss des anlautenden s zum asper neben dem 
analügen Verhältnisse im albanesischen. Es ist merk- 
würdig, dass das albanesische dem altgriechischen asper 
gar keine anlautenden Zischlaute, wie man vielleicht 
erwarten würde, entgegensetzt. Camarda §. 102 : La 
j si trova di rado in principio delle parole come equi- 
valente alle spirito greco. Frai pocchi esempi mi sov- 
viene cisA o ciX-i = 'iXco; oi'zip, cfaps ^ ''kip eol. ü^rsp, 
lat. super. Aber für eA, alpeo) ist noch kein anlautendes 
s nachgewiesen; dies anzunehmen, kann uns ein alba- 
nesisches wort (ci'iA bei Hahn : bringe, trage, führe ein, 
verzögere) nicht bestimmen. 

Ein drittes beispiel, das Camarda anführt, c7£iJ.bX-£, 
c£|;.£X-£, c£|j.ActJ£ io somigUo, griech. öij.aA:; ist lateinischen 
Ursprunges. §. 114 vergleicht er noch den pronomiual- 
stamm ca-j£ ci mit sansk. sa und griech. ö, •/;, aber 
derselbe hat sein s theilweise auch im griechischen be- 
wahrt, c-(5|/£pov, crv;T£?. In betreff des öi pioggia 'üs;, sansk. su 
(ibid.) schwankt er selbst (§. 73 wird es mit /£o) ver- 
glichen). Für ä£--cä-T£, griech. E'Tcä vgl. griech. cectxc. 
Alb. CI-5JE, gi-iech. o-fjOw (§. 151 ibid.). 

Während wir also statt griech. u im albanesischen 
im allgemeinen wieder zischlaute und deren Vertreter 
finden (ibid. §. 102) , bietet dasselbe statt des aus u 
entstandenen asper ganz analoge laute , meistens -j" : 
■jj(jjL£a£, griech. vji^.wji;, sansk. samt; -j-jaT-tö, griech. £?, 
sansk. sai ; YJzp-ip, griech. £p7:£T3v, serpens. (ibid. §.115). 
Auch sogar dort, wo statt des s im griechischen schon 
der lenis eingetreten ist: YJay.-g plur. Yjäy.cpx-tc blut, 
griech. 7.wp, iy.|j.a;, sansk. si6 (ibid. §. 24); oder auch 
den hauchlaut /. : -/jppi-a, griech. oppöi; serum (ibid. 
§. 116). Ursprüngliches anlautendes sv wird im alba- 
nesischen ganz wie im griechischen und in denselben 
fällen zerstört: sansk. svdd, rfio\ia<.^ erscheint im alba- 
nesischen als yä^-i, Yi^ö-ys erfreuen, calabrisch-alb. -^/xiol 
(Y nach neugriechischer ausspräche) neben /aioT carezza, 
/«'.Siä-pE grazioso (ibid. §. (3'2. Camarda schwankt hier 
in seinen vei'gleichungen : §. 61 zieht er sansk. has, 
altgriech. yässa Hesych. herbei, beides ist ganz zu 
trennen. §. 62 vergleicht er griech. vaSEcOat, Hesych., 
er meint wohl T^iic^xi). Als ß (= v) erscheint ursprüng- 
liches SV in gegisch ßjs/.ip, griech. £/.up6?, sansk. svaiura. 
Diese Übereinstimmung ist sehr wichtig, insbesondere 
bei dem jetzigen zustande der schwierigen phouetik 
und etymologie der albanesischen spräche, wo wir uns, 
um sicher zu gehen, mit wenigen beispielen begnügen 
müssen. Allerdings glaubt Camai'da, dass sich in den 
fällen YJt|A£(;£, TJacTTE u. s. w. das s der grundform zuerst 
in j verwandelte und dann zu yj verdichtete. Aber 
das j in dem -j-j dieser Wörter ist gewiss nur das sich 
überall einschleichende parasitische j, und, abgesehen 
von der Unmöglichkeit eines directen Überganges von 



9 



s in j, sind die beispiele, die er für j = -j-j anführt, 
TJOy.-ou, \a,t. judex {j geht auch in / über, §. 117) an- 
derer etymologischer natur und nur allgemein für den 
Übergang eines j in eine gutturale spirans beweisend. 
Das verhältniss von altgriech. s und albanesischen 
Zischlauten einerseits, von altgriech. asper und alb. •], % 
andererseits, verräth deutlich die nähere Übereinstim- 
mung der beiden sprachen und die verwandtschaft- 
liche Stellung des albanesischen im indoeuropäischen 
sprachkreise überhaupt, ein schluss, der ganz im sinne 
der resultate Camarda's ist, der aber von ihm in diesem 
falle nicht direct ausgesprochen wurde. 

Wenn wir nun bedenken , dass in dem alb. y 
nicht bloss ein laut, der sieh von dem altgriechischen 
asper ursprünglich nicht u.nterschied , sondern auch 
ursprüngliches reines gutturales (j zusammengeflossen 
ist (Ypoüa Ypaüi;, YJo6v-t •{vi-j, ganz sichere fälle, Saggio 
§. 61) — und dies scheinen die hauptsächlichsten 
etymologischen momente dieses lautes zu sein — 
so scheint hiermit die verschiedene lautliche geltung, 
welche ihm in der jetzigen spräche zukommt, welche 
bald zur reinen gutturalis hiniieigt, bald mehr zur 
spirans, sprachgeschichtlich begreiflich zu sein '). 
Der in der jetzigen spräche fortdauernde ausgedehnte 
Wechsel zwischen y und anderen hauchlauten, insbe- 
sondere X) der umstand, dass -{ etymologisch auch auf 
sansk. gh, altgriech. / zurückgeht (lAJi-j-o-iXs-a o]ixy'K-i\ 
migh; ßjii'i-a manico , Foysw vagli, Saggio §. 69), fällt 
auch sehr in die wagschale , wenn wir dem -f unter 
anderen auch eine alte geltung eines gehauchten lautes 
zuschreiben. 

Bedenken wir nun, dass Dozon's angäbe über die 
ausspräche unseres lautes als reines g für die gegend 
von Premedi, den Epirus, gilt ; Camarda's damit iden- 
tische definition auf die calabrisch-sicilianischen Alba- 
nesen sich bezieht, deren dialect von dem der epiro- 
tischen und peloponnesischen abgeleitet ist; dass die 
nördlichen Gegen diesen laut ebenfalls wie g aus- 
sprechen, wie auch die Schreibart der ältesten alba- 
nesischen drucke zeigt, so bleibt für die gehauchte 
ausspräche unseres lautes nur ein breiter streifen des 
mittleren Albaniens übrig, dessen nördlichste und süd- 
lichste grenze einerseits durch unsere fragmente von 
Elbassan, andererseits durch den von Hahn bearbeiteten 
toskischen dialect der landschaft Ri5a (nördlich von 
Argyrokastro) bestimmt wird. Ist also durch unsere 
etymologischen, für das gesammte albanesisch giltigen 
beispiele bewiesen worden, dass y ehemals in einigen 
Worten wie h, in anderen wie g ausgesprochen wurde, so 
sehen wir jetzt klar, wie sich die dialecte geographisch 



') Vgl. das nicht unähnliche verhältniss, das im slavischen 

zwischen g und h besteht, bald zwischen ganzen dialecten (cechisch- 

altbulgarisch), bald in demselben dialecte: russ. hahdti/j; croatisch- 

cakavisch hlas, höh, hora; herzegovinisch orag, rekog (für altbulg. /). 

Geitler. Die albaniscbcn und sLivisclien Schriften. 



absonderten, nachdem dieser unterschied verschwand: 
im norden und süden siegte nach der Verschmelzung 
von g und h die ausspräche als reines g, im mittleren 
Albanien entstand daraus ein laut, den wir vorderhand 
als gehauchtes g bezeichnen wollen. Und dieser process 
reflectirt sich in der schritt von Elbassan : nachdem g 
verschwand, wurde zur bezeichnung dieses gehauchten 
lautes fortan nur das lateinische 7i verwendet. Daher 
dieses überaus reiche aiphabet keine spur eines 
Zeichens für reines g besitzt, am allerwenig- 
sten das g seiner römischen mutterschrift, wäh- 
rend doch mit hoher Wahrscheinlichkeit nach- 
gewiesen werden kann, dass dieses römische 
cursive g den alten albanesischen schreibcrn 
nicht unbekannt war, §. 69 unter g. 

Wir haben somit einen neuen beleg gefunden, 
dass sich die schrift von Elbassan und der dialect des 
mittleren Albaniens an einander entwickelt haben, und 
dass die heimath der schrift von Elbassan seit jeher 
nur das mittlere Albanien gewesen sein konnte. Der 
umstand, dass sich in ihr alte sprachliche processe 
reflectiren, verleiht ihr einen besonderen alterthüm- 
lichen werth. 

Wir haben diese etwas längere sprachliche Unter- 
suchung unternommen, um den leser auf die thatsache 
vorzubereiten, dass auch die glagoliten unter den fünf 
albanesischen buchstaben für hauchlaute gerade dieses 
zeichen zum ausdrucke des südslavischen /* wählten, 
woraus zu entnehmen ist, dass alb. b vor tausend 
Jahren wirklich noch seinem paläographischen Ursprünge 
gemäss dem laute des lateinischen h zum mindesten 
näher gestanden haben muss als jetzt, und dass die- 
selben glagoliten in der albanesischen mutterschrift 
zur bezeichnung ihres slavischen g ein römisch-cursives 
(/-zeichen nicht mehr vorfanden, §. 142, 141. 

Die schrift von Elbassan hat fünf (oder sechs) 
hauchzeichen, von denen beinahe alle in der spräche 
I selbst unterschieden werden müssen. Es ist daher noth- 
wendig, dass wir uns schon hier über die jetzige aus- 
spräche des lautes y klar werden, so weit dies nach 
den nicht ganz präcisen beschreibungen Hahn's auf 
rein theoretischem wege möglich ist. Eine (etwa sans- 
kritische) aspirata ist y gewiss nicht , wenn es auch 
Hahn mit gh transcribirt, da das albanesische eigent- 
liche aspiraten überhaupt nicht kennt; es ist auch 
nicht das neugriechische y (vor ^-j Oj '-')> ^O" c^em es 
Hahn ausdrücklich scheidet und für das selbst die 
schrift von Elbassan ein eigenes zeichen besitzt; noch 
jenes norddeutsche g (in tage, bogen), das Sievers, Laut- 
physiologie pag. 73, eben dem neugriech. y gleichstellt; 
es scheint daher, dass dieses y, weil auch alle anderen 
combinationen ausgeschlossen sind, eben wegen seiner 
dialektischen hinneigung zu reinem g , am besten als 
tönende affricata detinirt werden kann , d. i. nach 



10 — 



Sievers, Lautphysiologie pag. 97, als Q T, als ein g mit 
einem homorgancn Spiranten. 



§. 10. Das albanesiscbe -p. 

Das lateinisclie cursive it etwa der ravennater 
Urkunden 



r 



erscheint manchmal mit einem auffallend verkürzten 
fusse, so z. b. mitunter in der randschrift des bischofs 
Maximin (nach dem jähre 438) 



wird daneben auch noch die schlinge eckig gezogen, 
so dass sie fast wie ein dreieck aussieht 



so entsteht schliesslich eine form, wie z. b. in Sickel's 
Monumenta, Charta venditionis (a. 725) I. fasc, pag. 4, 
zeile 3, im "Worte scripsi 



\) 



(auch Dictionnaire de diplomatique, pl. 25, cursive 
d'Italie, 5. jahrh., sechste form), welche schon fast gar 
nicht unter die zeile reicht und wie immer zu einer 
strengeren geometrischen Form stilisirt, das albanesiscbe 
p ergab : 

w 

ein schönes beispiel, wie die lebendigen cursiven formen 
in der albanesischen schrift erstarrten. Manchmal ist 
dieses p unten offen (vgl. die vierte figur unter nr. 40 
unserer tafel zu §. 1), ganz wie in der lateinischen schrift. 
Eine genaue betrachtung unserer handschriftlichen züge 
ergibt, dass zwischen dem albanesischen und lateinischen 
p wirklich nur ein fast verschwindender unterschied 
besteht. 

Ich glaube annehmen zu dürfen , dass die alba- 
nesischen Schreiber dem verkürzten lateinischen j} mit 
bedacht den vorzug gaben, um einer Verwechselung 
mit der ziemlich ähnlichen ligur des griechischen cur- 
siven p vorzubeugen, die sie gleichzeitig gebrauchten, 
vgl. §. 47. 

§. 11. Das albanesiscbe schwache r. 

Das albanesiscbe besitzt nach Camarda pag. 13 
ein p lene und ein pp forte. So beschreibt den unter- 
schied auch Hahn, Gramm, pag. 4. Fast sämmtliche 
lateinisch und griechisch schreibenden schriftsteiler 



bezeichnen das starke r mit jt, pp. Die schrift von 
Elbassan hat für beide nuancen besondere zeichen. 
Nach Hahn's trefflicher bemerkung ist die tigur des 
schwachen r 



aus einem n-zeichen entstanden, freilich nicht aus dem 
phönicischen nuji (das diesmal allerdings sehr ähnlich 
sieht, Alb. stud. pag. 286), sondern aus der bekannten 
form des cursiven lateinischen n, das schon im 5. und 
6. Jahrhunderte mitunter mit einem auffallend tief 
herabgezogenen zweiten fusse erscheint: 



V» V» "^ 



in der randschrift des bischofs Maximin (Waitz, Ueber 
das leben des Ulfila, 5. Jahrhundert), Marini, I papiri 
diplomatici, a. 575 (zeile 3) ; auf das genaueste ent- 
spricht seine form dem albanesischen zeichen in den 
jüngeren auslaufe rn der römischen cursive, in Sickel's 
Monumenta, fasc. I, tab. 4 (a. 725), tab. 6 (a. 771); 
Marini, tab. XCV (a. 639); Codex Cavensis L, Urkunde 
aus dem jähre 792 ; II. in der Scriptura amalphitana 
(a. 984), wo es sehr häufig so geschrieben wird : 



\^ l-f ly (^ 



Es ist auch wirklich möglich, dass das albanesiscbe 
i'-zeichen in dieser specifisch jüngeren form des latei- 
nischen cursiven n auf uns gekommen ist, und würde 
durch eine solche annähme das alter der albanesischen 
schrift, die wir über das 6. Jahrhundert hinausrücken 
werden, durchaus nicht beeinträchtigt werden. Auch 
nachdem die bildung der albanesischen schrift, als einer 
besonderen im verhältniss zu ihren mutterschriften, 
abgeschlossen war, konnte sie sich dennoch, wenigstens 
in bezug auf einige zeichen, die nicht in einer ganz 
besonderen form stilisirt worden waren, den fortwäh- 
renden späteren einflüssen dieser mutterschriften nie 
ganz entziehen. Es ist ja selbstverständlich, dass beide, 
die römische und die griechische cursive, in Albanien 
neben der albanesischen in älterer zeit fortwährend im 
gebrauche waren. (Für die griechische wird man dies 
ohne weiters zugeben müssen ; in bezug auf die latei- 
nische sind dafür der lebende beweis die albanesischen 
Schriften selbst und die ganze geschichte Albaniens.^ 
Während nun die mutterschriften fortwährend 
weiteren Veränderungen in der zeit unterlagen, konnte 
es geschehen, dass ihnen, wo die gelegenheit gegeben 
war, wo das albanesiscbe zeichen formell von dem der 
mutterschriften nicht geschieden war, auch die alba- 
nesischen Schreiber ganz von selbst folgten : ein n, das 
sie ursprünglich in einer form etwa des 5. bis 6. jabr- 
hundertes kannten und anwendeten, nahm unbemerkt 
unter ihren bänden die gleichzeitige Form des 8. jähr- 
hundertes an, in welcher gestalt es auf uns kam, wäh- 
rend doch — falls unsere ganze auffassung der alba- 



— 11 — 



nesischen schrift richtig ist — auzuiiehmen ist, dass 
es von den albanesischen Schreibern nicht erst in dieser 
jungen form entlehnt worden ist. Wir haben hier 
auf eine Strömung in der entwickelung der albanesi- 
schen schrift aufmerksam gemacht, der wir fortan öfter, 
auch in der glagolica, begegnen werden. 

Unsere paläographische herleitung setzt einen 
lautwandel voraus, der vielleicht in keiner spräche so 
gewöhnlich ist, wie im albanesischen, im gegischen 
und toskischen bei demselben worte oder zwischen 
verschiedenen dialecten. In vielen ganz unzweifel- 
haften fällen ist n der etymologisch ältere laut: ?p'J-iji 
= griech. •irveüoj; tosk. xgpx-t, geg. y.äv£7:-t canapis; tosk. 
apjjLM, geg. avgpiw inimiciis, Hahn pag. 16, D. Camarda, 
Saggio §. 100, wenn auch andererseits ursprüngliches 
p in V übergeht. Noch mehr tritt diese innige Wechsel- 
beziehung von n und schwachem p hervor im ver- 
gleiche zum starken r (pp). Dieses von der schrift 
von Elbassan mit einem griechischen rlio bezeichnete 
r weist immer auf etymologisch ursprüngliches r zurück, 
oder entsteht durch mannigfache assimilationen eines 
echten r mit nachfolgendem ■/., :: u. s. w. (§. 47), ist 
also von dem aus n entstehenden schwachen r der 
ausspräche und etymologie nach scharf geschieden. 
Ich kenne fast nur eine ausnähme, wo pp auf v zurück- 
geht : tosk. ßeppj (so nach Hahn geschrieben), geg. ßsvc, 
altgriech. Fowo?; aber auch diese ist unsicher; Camarda 
(pag. 85) schreibt das wort mit schwachem p, ßsp«, 
und führt es in der reihe der gewöhnlichen Übergänge 
von V in p an. 

Es fällt also das paläographische factum mit 
einer lautliehen Umwälzung überein, welche darthut, 
dass sich diese schrift an der spräche entwickelt hat, 
ihrem lautlichen Organismus langsam angepasst wurde, 
woraus auf eine lang andauernde entwickelung der- 
selben zu schliessen ist. 

Wir können doch nicht annehmen, dass die be- 
zeichnung eines schwachen r durch das ihm etymo- 
logisch zu gründe liegende n ein resultat phonologischer 
Überlegung der ältesten albanesischen Schreiber ist; 
viel natürlicher ist die Voraussetzung, dass sich in 
diesem zeichen ein sprachlicher process wiederspiegelt, 
durch welchen ein zeichen für n ganz unbemerkt in 
die geltung schwach r vorrückte. Auch die folgen 
dieses processes können wir errathen. Nachdem das 
H-zeichen der eigentlich maassgebenden lateinischen 
mutterschrift von den albanesischen Schreibern in einer 
anderen bedeutung verbraucht war, galt es, für die in 
der spräche noch fortbestehenden n einen graphischen 
ausdruck zu schaffen. Sie griffen daher zu ihrem ge- 
wöhnlichen auskunftsmittel , der griechischen schrift, 
der sie zeichen zu entlehnen pflegten, wenn das 
römische aiphabet nicht genügte. Daher das n-zeichen 
in der albanesischen schrift griechischen Ursprunges ist, 
§. 48. Dasselbe gilt auch für die glagolica, §. 115. 



§. 12. Das albanesische assibilirte S. 

Die handschriftlichen formen des nach neugrie- 
chischer weise ausgesprochenen assibilirten delta sind 
auf folgenden grundzug zu reduciren : 



bb 



der einfach ein gewendetes lateinisches d ist, 
dessen bekannte cursiv-römische gestalt manchmal mit 
einer viereckigen schlinge erscheint, so in der rand- 
schrift des bischofs Maximin, 5. Jahrhundert (Watten- 
bach, Anl. z. 1. p., unter d); Marini, tab. CXVI (a. 540), 
tab. XCII, aus dem 6. bis 7. Jahrhundert: 




ebenso in der schrift der kaiserlichen kanzleien (5. Jahr- 
hundert) : 




es wurde in der albanesischen schrift eine ebenso 
starre tigur, wie z. b. das p (§. 10). Mehrere alba- 
nesische zeichen sind durch eine Wendung oder um- 
kehrung entstanden, §. 8, 26, 28, 32, 46. In unserem 
falle ist der grund dazu leicht zu entdecken. Man 
wollte in dieser die formen streng stilisirenden schrift 
die ähnlichkeit mit einem gewissen lateinischen b ver- 
meiden, das bekanntlich oft dem d der soeben 
angeführten form (mit runder oder auch eckiger 
schlinge an der linken seite, was gleichgiltig) ganz 
und gar gleich sieht und das wirklich in der alba- 
nesischen schrift eine anwendung (als m, §. 16) fand. 
Schon in der wachstafelcursive ist d und h schwer zu 
unterscheiden ; theilweise auch in der schrift der kaiser- 
lichen kanzlei ; in der für uns so wichtigen cursive 
der ravennater Urkunden endlich fällt d und h oft ganz 
zusammen und entscheidet dabei in ganzen Urkunden, 
oh b, oh d zu lesen, nur der sprachliche Zusammen- 
hang, Marini, I papiri diplomatici, a. 489; a. 491 
(tab. VIII); a. 553 (tab. IX); a. 540 (tab. CXVI, 
zeile 15). 

In der albanesischen ligatur da wird dagegen das 
lateinische d mit runder schlinge und nicht gewendet 
erscheinen, §. 38. 

Nachdem auf diese weise das lateinische d zur 
bezeichnung des assibilirten o verbraucht wurde, das 
albanesische aber daneben auch den laut des rein 



12 



dentalen d besitzt, griff man zu dessen bezciclmung 
zu der griechisclien sclirift, g. 45. 

Hahn gibt dem albanesischen 3 ausser der von 
uns angeführten grundforin noch eine zweite drei- 
eckige, unten spitz zulaufende (vgl. die letzte auf der 
tabelle zu §. 1 gegebene form); dieselbe rindet sich nicht 
in den handschriften , sondern nur in einem einzigen 
(sehr schleudcrhaft) aufgezeichneten alphabete. 

§. 13. Das albanesische S, ks. 

Das albanesische ks (vgl. tafcl zu §. 1, ur. 18j hat 
die gestalt eines oben bald offenen, bald geschlossenen 
arabischen achters : 

8 

Die offene abart halte ich für die ursprünglichere ; 
sie ist offenbar ganz identisch mit dem cursiven römi- 
schen X bei Fumagalli, Delle istituzioni diplomatiche, 
tab. I, nr. VII: 



S 



Es ist leicht zu ersehen, wie diese gestalt aus der be- 
kannten gekreuzten grundform des lateinischen ks x ent- 
stehen konnte, wenn man sie mit einem zuge schreiben 
wollte. In der von Champollion-Figeac (Chartes latines I) 
veröffentlichten ravennater Urkunde aus dem jähre 552 
findet sich ein auf ähnliche weise gezogenes x : 




Da das von dem lateinischen ix fomiell nicht unter- 
schiedene griechische yj. in die albanesische schrift 
aufgenommen wurde, musste diese abart des lateinischen 
X eben ihrer eigenthümlich abweichenden gestalt halber 
bei den albanesischen Schreibern anklang finden. Hahn 
glaubte, dass die rigur dieses Zeichens oben und unten 
gleichmässig geschlossen sei und gab ihm in seinen 
albanesischen drucktypen den entsprechenden zug. Man 
bemerkt aber an mehreren handschriftlichen zügen 
schwache spuren einer ehemaligen Öffnung des oberen 
theiles, vgl. insbesondere die zweite und dritte rigur 
unserer tafel zu §. 1 unter nr. 18; ich glaube daher, 
dass dem grundzuge des albanesischen x zugleich unter 
anlehnung an jene speeielle römische mutterform ein 
wenig geöffneter obertheil gehöre. 

§. 14. Das albanesische harte l oder U. 
Die bekannte form des römischen cursiven l 



} 



erhält in der fortlaufenden schrift links einen verbin- 
dungsstrich 




der manchmal ganz horizontal gezogen wird : 



und schliesslich als ganz selbstständig geschriebene 
linie die verticale durchschneidet: 



± 



■t 



wobei das zeichen auch für sich selbst, ohne Verbin- 
dung mit dem vorhergehenden buchstaben erscheint, 
Mabillon, Charta plenariae securitatis (a. 565), I, erste 
und zweite zeile, im werte legitinmm; ein auf ganz 
ähnliche weise durchstrichenes l im Codex Harmoniae 
(a. 546) bei Massmanu, Libellus aurarius pag. 52. Der 
obere theil des d und b, der dem l analog geschrieben 
wird, ist mitunter genau so durchstrichen , Mabillon, 
ibid. I, erste zeile. Auf diese Weise erscheint dann 
auch das doppelte U: 




Mabillon, ibid. I, vierte zeile im worte allegare. Und 
dieser ganz zufällige querstrich ') (1. c. II, zeile 3 ist 
dasselbe wort allegnre ohne denselben geschrieben) 
wurde für die bezeichnung des albanesischen harten 
oder doppelten l typisch : 



H 



eine wie immer strenger stilisirte regelmässigere rigur 
ohne die oberen ebenso zufälligen schlingen. Die 
beiden verticalen sind die beiden l ; die untere hori- 
zontale der ebenfalls horizontale ansatz am fusse des 
lateinischen l\ die obere horizontale ist unser quer- 
strich. (Vgl. nr. 14 unserer tafel zu §. 1.) 

Diese graphische herleitung stimmt genau zu der 
Schreibweise der ältesten lateinisch schreibenden schrift- 
steiler Blanchus (1635), Budi (1664), welche hartes 
albanesisches l durch 11 wiedergeben. Ihre Orthographie 
steht überhaupt in mancherlei Wechselbeziehungen zur 



') Er ist natürlich von dem ähnlichen abkürzungsstriche wohl 
zu unterscheiden. 



— 13 - 



schritt von Elbassan, welche nur aus einer alten, theil- 
weise gemeinsamen historischen entwickelung erklärbar 
sind, §. 67. Auch Petrus Bogdanus (Cuneus prophe- 
tarum, Patavii, 1685) wusste von dem doppelten II, 
indem er statt dessen für seine Orthographie ein grie- 
chisches X zu schreiben vorschlägt : „ a greco nel luogo 
di doppio II, come AnXa e ka'Canit, tromba di lambicco" 
(vgl. Hahn's Wort, unter XouXs-a). Nach Dozon , la 
langue chkipe, pag. 16 klingt hartes l wie „i barree 
des Polonais". Seine bezeichnung durch doppeltes II 
ist daher eine sehr zutreffende zu nennen, und hat die- 
selbe noch ausserdem eine analogie an der Schreib- 
weise rr, pp einiger albanesischer Schriftsteller, welche 
das harte (oder starke) )• ausdrückt. 

Schliesslich wird unsere graphische herleitung 
bestätigt durch die form des albanesischen weichen Xj 
und durch das glagolitische l, §. 35, 114. 

Den gedanken, dass H ein doppelbuchstabe sei, 
verdanke ich einer bemerkung Hahn 's (Alb. stud. 285); 
allerdings ist er weder altgriechischen noch kabylischen 
Ursprunges. 

H ist in unseren fragmenten sehr oft merklich 
höher und länger als die übrigen kurzen buclistaben 
a, [, 0, V u. s. w., ein schwacher, mitunter ganz ver- 
schwindender anklang an die ehemalige oberlänge des 
lateinischen l. Seine regelmässige unveränderliche ge- 
stalt ist ein treffendes beispiel jenes processes, der die 
ganze albanesische schrift bilden half, die starre strenge 
stilisation der flüchtigen züge der mutterschrift. 



§. 15. Das albanesische u. 

Die beiden gewöhnlichsten formen des lateini- 
schen M 

M V 

erhalten manchmal unten eine in der cursive überhaupt 
sich von selbst einstellende schlinge: 



y 



Marini, tab. CXVII, erste zeile (a. 541); an die zM'eite 
form insbesondere schliesst sich an: 



w 



das der Dictionnaire raisonne de diplomatique pl. 32 als 
cursives lateinisches u aus dem 6. Jahrhundert anführt; 
ebenso tableau 19, nr. 32. ') Dieselbe quelle bietet an 



') „Dictionnaire raisonne de diplomatique" par 
Dom deVaines, religieiix Ben^dictin dela congregation 
de s. Maur, I, II, Paris 1774, ein wohl weniger bekanntes paläo- 
grapliisches werk, ist, wie ans der vorrede hervorgeht, nichts anderes 
als ein etwas vermehrter ansziig des berühmten „Nonveau trait^ 
de diplomatique, Paris 175.5", dessen werthvolles lateinisches 
und griechisches buchstabenmateriale in dasselbe einfach aufge- 
nommen, alphabetarisch und chronologisch nach einzelnen planches 



derselben stelle unter den zahlreichen capitalen u 
(denen aber auch unciale, ja cursive beigemischt sind) 
noch zwei andere hieher gehörige w-formen : 

Auch die schrift der alten päbstlichen bullen, be- 
kanntlich eine fortbildung der römischön kanzleischrift, 
hat mitunter ein solches u mit einer ganz abnormal 
entwickelten schlinge : 

Wattenbach, Anl. z. lat. pal. unter u. In den ravennater 
Urkunden scheint es zum mindesten höchst selten zu 
sein ; vgl. z. b. das m im worte Theodul bei Champollion- 
Figeac, Chartes latines I. (a. 552), col. VI, zeile 6, 
das von dem o derselben Urkunden nicht zu unter- 
scheiden wäre. Und diese ganz specielle form (Dic- 
tionnaire raisonne) wurde die grundlage des albanesi- 
schen u : 

allerdings nicht ganz unverändert, indem der erste 
strich dem allgemeinen kalligraphischen charakter der 
albanesischen schrift gemäss, wo alle buchstaben auf- 
recht stehen, senkrecht wurde; in den meisten fällen 
ist dieser strich etwas hoch und die schlinge ganz 
herabgezogen : 



Ä> 



Eine zweite albanesische schrift wird, ebenso wie 
die glagolica, unsere herleitung erst recht bestätigen. 

Tosken und Gegen sprechen diesen laut immer 
wie französisch u, ü, wie er im neugriechischen nui- 
selten gehört wird (Mullach, Gramm, d. griecli. vulgär- 
sprache pag. 109). Hier wird er wie -^ (i) gesprochen 
und das ist wohl auch die ausspräche der italienischen 
Albanesen (D. Camarda, Saggio pag. 13). 

In dem factum, dass die alten albanesischen 
Schreiber den laut u durch ein lateinisches u bezeich- 
neten oder einst zu bezeichnen anfingen, erblicke ich 
den reflex eines alten sprachlichen processes : es ist 
längst nachgewiesen , dass albanesisch u in der regel 
aus it, entsteht und dass u und ij im albanesischen 
noch jetzt abwechseln : noXjub-s xoXjoüb-s, griech. xaXußr; ; 
-V)'jv.;-!j£ YJ0J-/,6-[j£ jiMcZico ; tosk. deXavdoüce, geg. daXivoucJE 
schwalbe u. s. w. Hahn, Gramm. §. 3, nr. 18; Camarda, 
Saggio §. 48. 



geordnet wurde. Die Worte Wattenbacli's, Schriftvvesen im mittel- 
alterpag. 17: .als reichste fundgrube thatsächlicher Wahr- 
nehmung, welche auf ausgedehnter gelehrter forschung 
und genauester beobachtung beruht, ist der Nouvean 
Traite auch jetzt noch von hohem werth" gelten in jeder 
beziehung auch von dem Dictionnaire raisonne, den ich gewöhnlicli 
statt des Nouveau traite citire. 



14 



§. 16. Das albanesische m, mb und h. 

Diese drei zeichen müssen aus graphischen und 
lautlichen gründen zugleich behandelt werden, 
a) Das zeichen für albanesisch ni 



ist formell identisch mit jener speciellen iigur des latei- 
nischen h, das die schlinge an der linken seite liat, 
sich daher von dem d nicht unterscheidet. 

Wir haben schon oben bei der erklärung des 
assibilirten ä, §. 12, bemerkt, dass in der jüngeren 
römischen oder ravennater cursive ganze Urkunden nur 
ein zeichen für d und h besitzen: 




Marini, tab. VIII (a. 491), tab. IX fa. 553) u. s. w. 
Das albanesische zeichen entstand durch strengere 
stilisirung dieser flüchtigen formen, die durch einen 
aufrechten strich, an dessen linker seite eine manchmal 
auch offene schlinge sich befindet, charakterisirt sind. 
Schon die älteste römische cursive der wachstafeln 
besitzt ähnliche h : 



iU^ 



Zangemeister, Corpus inscript. lat. III, 2, tab. A ; auch 
hier ist b von der figur des d nur unbedeutend unter- 
schieden. Die entstehung dieses b aus der capital- 
schrift behandelt Massmann, Libeilus aurarius, §. 85, 
87, 126 bis 128. Die setzung eines lateinischen 6-zeichens 
mit der geltung alb. m werden wir sogleich erklären. 

Das albanesische aiphabet recipirte somit zwei 
zeichen, deren grundzug in der römischen mutterschrift 
einander manchmal äusserst ähnlich war : ein römisches 
d mit einer eckigen schlinge an der linken seite des 
aufrechten Stieles mit der geltung o, §. 12; ein ähn- 
liches römisches b mit einer runden schlinge an der 
linken seite des aufrechten stieles mit der geltung m. 
Die ähnlichkeit eines solchen d (= alb. o) und b 
(= alb. m), deren figuren in der römischen mutter- 
schrift auch ganz zusammenfallen konnten , mag die 
albanesisclien Schreiber bewogen haben, eine strengere 
Unterscheidung durch die wendung der tigur des d (o) 
zu bewirken, §. 12. Aber die grossen lautlichen an- 
rbrderungen der albanesischen spräche zwangen die 
alten schriftbildner, das zeichenmateriale der mutter- 
schrift in der ausgedehntesten weise auszunützen. 

Keben m sollte auch noch der ganz ähnliche laut [;.b 
bezeichnet werden, für den die römische mutterschrift 
keinen ausdruck besass. So wie die laute m und ^b, 



so sind auch ihre zeichen innig verwandt. Beide sind 
römische b : während alb. wi auf jenes specielle d-ähn- 
liche b zurückgeht, ist |/.b durch eine andere 6-form 
der ravennater Urkunden, welche man als die gewöhn- 
liche derselben bezeichnen könnte, dargestellt. 

b) Ich führe nur einige solcher b aus dem 5. bi.'* 
7. Jahrhunderte an : 




sie sind mit dem zeichen iJ.b unserer tabelle zu g. 1, 
nr. 39 vollkommen identisch. 

Hahn fasste dieses albanesische zeichen , durch 
den laut desselben verführt, auch graphisch als eine 
Verbindung auf und wollte es in alb. d ([j.) und C (y) 
zerlegen ; dieser versuch ist, von formellen Schwierig- 
keiten abgesehen, nicht blos desswegen verfehlt, weil 
man dadurch wohl den ausdruck für ein mv , aber 
nicht für 7nb erhalten würde, sondern weil Hahn auch 
über den Ursprung der bestandtheile dieser vermeint- 
lichen ligatur keine richtige ansieht besass. In dem 
zweiten gegischen fragmente wird der laut ;j,b in einigen 
wenigen fällen nicht durch & ([j.b) geschrieben, obwohl 
der Schreiber auch dieses zeichen kennt, sondern nach 
art der lateinisch schreibenden Albanesen mit dw (d. i. 
m -f- b) bezeichnet, z. b. divi-^ili [j.bpsTt (könig), wäh- 
rend dem geiste der schritt von Elbassan die wirklich 
vorkommende gewöhnlichere Schreibung ^sili viel an- 
gemessener ist. (Der Schreiber verbindet dann ge- 
wöhnlich m und b mit einem zuge, vgl. die „zufälligen" 
buchstabenverbindungen unserer tabelle.) 

Wirklich ist |j.b, das auch anlautend ist, im alba- 
nesischen kein eigentlich zusammengesetzter, sondern 
dieser spräche specitisch eigenthümlicher einfacher laut, 
bei dessen ausspräche nach Hahn, Gramm, pag. 5, der 
nachdruck auf der muta liegt, welcher die liquida 
gleichsam nur eine eigenthümliche färbung gibt. Er 
hat an dem ebenfalls einheitlichen vd ein lautliches 
analogen. Vgl. die physiologische erklärung des b als 
eines blählautes, Brücke, Grundzüge pag. 74, die eigent- 
lich auf das alb. iJ.b passt. 

c) Das albanesische zeichen für b 

müssen wir schon hier trotz seines griechischen Cha- 
rakters des lautlichen Zusammenhanges mit m und mb 
behandeln. Es entstand aus einem griechischen, der 
unciale noch nahe stehenden [x'. der minuskelcursive : 



uAc U KJi 



notices et extraits des manuscrits, t. XVIII, pl. 23, 
zeile 1, 2, 6, 11, 17 u. s. w., durch eine krumm- 
linige Verbindung der beiden spitzen der figur. 



15 



Diese unbedeutende Veränderung oder zuthat ist der 
albanesischen schrift eigenthümlich, sie schuf auch die 
speciell albanesische gestalt des omega, §. 50. Es ist 
übrigens klar, dass von dem albanesischen m, das 
uns sowie die ganze schrift in einem jungen verwil- 
derten zustande überliefert ist, nach abzug des oberen 
Verbindungsstriches ein allgemeiner grundzug einer 
m-form übrig bleibt, die wir nicht blos mit der minuskel- 
cursive, sondern auch mit anderen lateinischen und 
griechischen Schriftarten in Verbindung bringen könnten. 

Wir halten an unserer speciellen ableitung fest: 
1. weil überhaupt der grösste theil der griechischen 
demente der albanesischen schrift der minuskelcursive 
entstammt und 2. alb. /v\ sich als eine zufällige abart 
des glagolitischen m ergeben wird, welches einst eine 
derart individualisirte form besass , die man nur aus 
der griechischen minuskelcursive ableiten kann, §. 120. 
Ueberhaupt wird das verhältniss aller albanesischen 
labialzeichen erst durch die glagolitischen m und h 
vervollständigt werden, §. 122. 

Ein lateinisches b für m, ein zweites h für mb, 
ein griechisches m schliesslich für b zu gebrauchen, — 
diese Verwendung konnte sich nur in einer albanesi- 
schen schreiberschule herausbilden. Kaum eine zweite 
spräche verwischte die grenzen aller labialen so wie 
die albanesische. Ein einziger blick auf die in Hahn's 
Alb. Wort, unter |j.b angeführten worte zeigt ein aus- 
gedehntes schwanken zwischen \xh, b und |j.. Vgl. auch 
Camarda, Saggio §. 55, 56; Hahn, Gramm. §. 3, nr. 27 
(IX -b), 28 (ix-x), 29 (IX -9), 61 (b-ixb), 62 (^-ixb), 
auch nr. 30 und 44. Auch fremdworte verschieben 
den ursprünglichen labialen, ixbou-j-a-, slav. hogat. Ich 
glaube daher meine paläographische herleitung durch 
lautliche erörterungen nicht näher begründen zu müssen. 

§. 17. Das albanesische v. 

Nachdem die albanesischen Schreiber ein latei- 
nisches M als il verwendeten, §. 15, mussten sie, da 
die römische schrift u und v äusserlich nicht scheidet, 
zu anderen mittein greifen, um u und c ihrer spräche 
zu bezeichnen. Dies erreichten sie denn auch auf ganz 
einfache weise, indem sie für u ein griechisches zeichen, 
§. 41, für V eine gewisse nebenform des lateinischen 
h wählten. Bekanntlich hat in der spätlateinischen 
ausspräche um das 6. und 7. Jahrhundert b sehr häutig 
die geltung eines v. Eine unten aufgelöste offene neben- 
form des lateinischen h ist schon in der Charta ple- 
nariae securitatis (565) sehr häufig, fast möchte man 
sagen, typisch geworden: 




Mabillon, I, zeile 2, 3, 7 u. s. w. Diese figuren stimmen 
nun mit dem grundzuge des Zeichens für albanesiscli 
V E vollkommen überein, vgl. die tabelle zu §. 1, 
nr. 13.1). 

In den albanesischen zeichen n, \xb, ß (y) 



d e e 



sind somit drei nuancen des cursiven lateinischen b 

des 5. bis 7. Jahrhunderts typisch geworden , deren 

specielle lautliche geltung tlieils durch besondere er- 

scheinungen der albanesischen spräche , theils durch 

die spätlateinische ausspräche des b als b und v motivirt 

ist, §. 16. 

I In einem unter den albanesischen fragmeuten be- 

! findlichen, von Hahn nicht erwähnten gegischen gebete 

' wird das zeichen v zweimal mit 



g 



d. i. dem beta der jüngeren griechischen minuskel, 
wiedergegeben, vgl. tabelle zu §. 1, nr. 13, fig. 5, obwohl 
der Schreiber daneben die regelrechte form C ungleich 
häufiger anwendet. Jenes gebet ist auf einem abgeris- 
senen bogen ganz neuen papieres ziemlich nachlässig 
und offenbar erst zur zeit der anwesenheit Hahn's in 
Albanien, vielleicht auf seine veranlassung, geschrieben. 
Die älteren fragmente des horologiums und evangeliums, 
die eigentliche quelle unserer graphischen Studien, die 
alphabete, kennen dieses v nicht und halte ich es daher 
für eine zufällige abweichung. Vielleicht ist es das ß 
der neugriechischen Schreibschrift. 

§. 18. Die ligatur u;. 

Hahn sagt Alb. stud. pag. 282, anmerkung 1: 
„Die manuscripte zeigen auch noch andere in 
dem alphabete nicht angeführte ligaturen, z. b. 



cP^ 



}'->■ 



') In den Trudy pervago archeologiceskago sjezda tab. XSXVI 
führt Amfilochij unter anderen ein griechisches alpliabet an, das er 
aus den papyrusurkunden der k. bibliothek in Berlin (G. Schmidt 
1842) der jähre 607 und G13 zusammenstellte, darunter ein J3, das 
sich für unseren vergleich formell (und natürlich auch lautlich, 
ß = v) ebenso gut eignen würde, wie jenes lateinische J. Es könnte 
daher wirklich ein zweifei entstehen, woher die albanesischen 
Schreiber ihr v - zeichen genommen , umsomehr , als gerade die 
minuskelcursive jener papyrusurkunden die quelle der griechischen 
zeichen der schrift von Elbassan ist. Zum glück existirt jene von 
Amfilochij verzeichnete nebenform des ? nicht, da wir doch nicht 
hinter einem jeden durch den beschädigten papyrus verstümmelten 
buchstaben eine besondere abart desselben wittern können. Auch 
in der Sammlung Letronne's fand ich kein solches ß, und ist hier 
gerade für unsere darstellung der interessante umstand hervorzu- 
heben, dass die schrift von Elbassan ein ß der schrift derselben 
papyruse zwar entnommen hat, aber in einer anderen form und in 
einer anderen lautlichen geltung, §. 43. 



— lü 



Hahn meint damit die auf unserer tabelle ver- 
zeichneten „zufälligen" buchstabenverbindungen , die 
den namen ligatur eigentlich nicht verdienen. Nur diese 
von ihm selbst hervorgehobene combination ist wegen 
ihrer typischen und regelmässig wiederkehrenden gestalt 
einer besonderen beachtung werth; allerdings ist ihre 
lautliche geltung nicht ju, wie Hahn irrthümlich annahm, 
sondern ui. Dies folgt 1. aus ihrer form, da sie in J> (u) 
und I (i) zerlegt werden muss ; 2. aus ihrer praktischen 
anwendung in worten, wo Hahn in seinem wörterbuche 
selbst Jt schreibt. 

In dem facsimile des evangeliums, das Hahn den 
Alb. stud. beifügte, wird diese ligatur kein einziges- 
mal angewendet; in dem facsimile des horologiums (in 
den Sitzungsberichten d. k. akad. d. wiss., 1850) begeg- 
net sie dagegen siebenmal und immer offenbar mit der 
geltung ui. Auf der ersten seite, zeile 3, 12, 17 (zwei- 
mal) und auf der zweiten seite , zeile 37 , wird das 
pronomen Tutj (meiner, mir, mich) immer mit dieser 
ligatur geschrieben : 

während von einer form xjuj, wie nach Hahn gelesen 
werden müsste, auch nicht die leiseste spur zu iinden 
ist. Hahn selbst schreibt Gramm. §. 20 dieses wört- 
chen TuiY : da er nun nach einer schon erwähnten und 
von D. Camarda gerügten orthographischen manier y 
statt j anwendet (§. 9), Camarda in diesem falle auch 
selbst j schreibt, so steht Hahn's eigene Schreibweise 
rj'-Y, d. i. Tütj, ganz im einklange mit dem richtig ge- 
lesenen gegischen worte. Erste seite, zeile 4 lesen wir: 

d. i. c'JiT (oculos) , ein regelmässiger acc. pl., von ca 
(oculus), für c'j'.Ts, mit der im gegischen gewöhnlichen 
weglassung des dunkeln s, wo eine form cjut ein unding 
wäre. Erste seite, zeile 3 endlich 

d. i. <fp'.si). 1. p. pl. aor. act., wo wir nach Hahn'scher 
lesung zu einem unmöglichen 9Jjui|.'. gelangen würden. 
Das wort steht mit Unterdrückung des dunkeln i für 
oij'j'.£|x, d. i. eine gegische form für gewöhnliches ozyjiy. 
(i wird auch sonst hinter vocalen, insbesondere u unter- 
drückt), EöXjuei^ von ipgjiye, ifE^jeijs ich fehle, sündige 
(wohl lat. fallor). 

Nach einer genauen durchsieht aller gegischen 
fragmente fand ich, dass 9- immer wie ui zu lesen ist. 

Es ist übrigens klar, dass, wenn ein albanesisches 
:> j mit einem J) u an zweiter stelle verfliessen würde, eine 
figur entstehen würde, die unserem uc wenigstens sehr 
ähnlich wäre, und dies mag Hahn veranlasst haben, ohne 
genauere Untersuchung auf den ersten blick ju zu lesen. 
Würde er übrigens die horologiumfragmente so genau 
bearbeitet und transcribirt haben , wie das gegische 



evangelienstück in den Albanesischen Studien, er hätte 
seinen fehler wohl selbst entdeckt. 

Schliesslich zeigt die Zerlegung des J- in u und i 



J> J 



dass das i unten ein wenig gekrümmt ist und sieh 
insofern von dem selbstständig angewendeten albane- 
sischen I I. unterscheidet. Daher die albanesische schritt 
(mit rücksicht auf unsere erklärung im §. 6) sämmt- 
liche drei hauptsächliche nuancen des flüchtigen römi- 
schen i aufweist: 



1 )0 



und ebenso die glagolica, §. 113. 

Die ligatur ui mag jung sein. Sie fand keinen 
platz in der reihe eines alphabetes, das 24 zusammen- 
gesetzte zeichen in bestimmter Ordnung aufnahm; zur 
zeit der abzweigung der glagolica wurde jeder der 
beiden bestandtheile der lautfolge ui nachweislich un- 
verbunden geschrieben, §. 100. 



§. 19. Das aspirationszeichen. 



Fünf albanesische zeichen (für dj, vdi, y, h und 



hell ch) 



7 Z^ ^ ^ 



haben ein eingeschriebenes häkchen, das Hahn richtig 
als aspirationszeichen deutete , Alb. stud. pag. 292. 
Doch können seine weiteren ausführungen hier über- 
gangen werden , weil sie wissenschaftlichen anfor- 
derungen nicht entsprechen. Ich bemerke bloss, dass 
dieses häkchen nicht immer als aspiration aufzufassen 
ist; in h und w 

ist es durch einen zufälligen graphischen process ent- 
standen, §. 16, 50. 

Es wird bei den einzelnen zeichen nachgewiesen 
werden, dass dieses häkchen aspirirende kraft besitzt; 
es ist selbstverständlich der eckige asper "", ein grie- 
chisches dement unserer im gründe lateinischen schrift. 

Nach Gardthausen, Griech. pal. pag. 285, zeigt 
schon die Ilias Bankesiana die mehr abgeschliffene 
form des asper, die eines einfachen rechten winkeis, 
doch ist die vollständigere form (die eines halbirten [-j) 
noch im jähre 835 die regel ; erst viel später wird aus 
dem doppelten rechten winkel ein einfacher — die von 
den Albanesen recipirte form. Die mit diesem zeichen 
zusammengesetzten buchstaben sind in der albanesi- 
sehen schrift offenbar aus Überlegung hervorgegangene 
neubildungen, echt albanesisches gut und wohl im all- 
gemeinenjüngeren Ursprunges. Zur zeit der abzweigung 
der glagolica mögen sie nicht vorhanden gewesen sein, 



— 17 



wenigstens zeigt die glagolica keine spur derselben ; 
freilich war auch in ihr kein anlass zu einer reception 
derselben gegeben, da mit ausnähme des -( diese zeichen 
die entwickelung der glagolica nicht streifen. 

Die Verschmelzung des frei stehenden asper mit 
einem buchstaben zu einer neuen figur scheint eine 
den albanesischen Schreibern eigene eriindung zu sein, 
da ihr in der griechischen schrift keine analogie zur 
Seite steht. Denn die ganz seltenen fälle , wo der 
griechische asper in der zeile erscheint, in der Harris- 
schen Ilias (Wattenbach, Anl. z. gr. pal. pag. 27), liegen 
zeitlich ganz ausserhalb der entstehung der albanesi- 
schen schrift ; und selbst der scheinbar bedeutend 
näher liegende umstand, dass ein griechischer asper 
vom 8. bis 13. Jahrhundert in lateinischer schrift statt 
eines lateinischen h sogar über consonanten gesetzt 
wird (Wattenbach, Anl. z. 1. pal. pag. 42), ist für unsere 
zwecke unbrauchbar, da er nur für die späteren abend- 
ländischen ausläufer der lateinischen schrift geltung hat. 



§. 20. Die albanesischen zeichen für /*, für chj 

oder helles ch, für dunkles ch, für neugriechisch 

Y und die ligatur -jj. 

Diese fünf zeichen wollen wir ihres verwandten 
lautlichen Charakters halber zugleich behandeln. 

a) Mittelst des aspirationszeichens schufen die 
albanesischen schreiber, wie schon Hahn erkannte, aus 
dem zeichen des reinen gutturalen c k ein neues zeichen 
für den hauchlaut 7; 



wozu aller Wahrscheinlichkeit nach ein richtig erkannter 
alter sprachlicher process, oder, besser gesagt, die 
allmälig sich fortsetzende veränderte ausspräche eines 
älteren lautes den anstoss gegeben. Das reine guttu- 
rale k geht in zahlreichen etymologisch voll- 
kommen sicheren fällen in h über, z. b. humhe, 
d. i. nach Hahn, auf dessen Schreibweise ich alle werte 
reducire, -/ouiJ.b-1, griech. xünßy; ; /ouvds-a „naso, corpo 
prominente^', griech. y-JvoaXoc; geg. "/äws mond, wurzel 
ka7i splendere, D. Camarda, Saggio §. 67. Alle diese 
Worte müssten in der schrift von Elbassan mit « ge- 
schrieben werden. Durch diesen process kann sich 
ein ursprüngliches k auch ganz verflüchtigen ; aus 
griech. -/.apuov entsteht durch die belegte mittelstufe 
•/äppe das gewöhnliche apps (mi.T; ibid.). 

Nicht weniger wichtig sind folgende worte Ca- 
marda's über eine andere phonetische eigenschaft der 
albanesischen gutturalen tenuis, §. 68 : „La k o kj tal- 
volta in albanese e una lettera protetica messa a sup- 
plire l'aspirazione , o lo spirito caduto dal principio 
della parola, o dee considerarsi per un conden- 
samento di esso: come in xjaoc? io accosto, griech. 

Geitlev. Die albanesischen und slavischen schi'iften. 



äccoixat, accov; /.jaic-a il collo, la cervice, griech. ocj'/T)/, 
eol. aü»r,v." 

Es bleibt nur noch die gleichsetzung des c mit 
der von Hahn eingeführten transcription / übrig, die er 
bekanntlich schon vor der entdeckung der schrift von 
Elbassan feststellte. Er selbst transcribirt das « des 
gegischen evangelienfragmentes der Albanesischen Stu- 
dien pag. 299 gewöhnlich mit ■/, dann aber auch mit 
seinem x, welches zeichen wieder dem buchstaben )( 
der schrift von Elbassan entspricht. Daran ist incon- 
sequenz schuld, auch wirkliche versehen und druck- 
fehler. Man vergleiche daher die betreffenden worte 
mit € dieses fragmentes mit den Schreibungen seines 
; Wörterbuches: vers G: ö«i<(döH), wörterb. y/kff.6i-( be- 
i trüben; vers 7 : «i'-i, wörterb. yjp'. die gnade gottes, der 
erlöser; vers 16: i]",^, yips. zeit; vers 13: Isic, r/r/. ich 
ziehe ; in dem von ihm in den Sitzungsberichten der k. 
acad. der wiss. herausgegebenen fragmente : sJdil von 
■/■jt-j' eintreten u. s. w. Dagegen transcribirt er dasselbe 
^, ohne es zu motiviren , in anderen werten mit ■/_ 
(ohne punkt): vers 2: coeo, y.i/.o zeit; vers 21: 2V«v1i, 
ca/ä-ri, und so besonders jenes «, das zur bildung des 
albanesischen passivums verwendet wird: vers 21; 
ib7^vo«i1, '.3|V3/_c- conti%statur ; vers 20 : c^kil, vMys-: ver- 
tetiir u. s. w. Hier hat Hahn offenbar unterschiede 
seines ihm geläuiigen dialektes von Riya, welcher 
die beiden hauchlaute in den betreffenden worten 
wirklich auf diese weise scheidet , in die spräche 
unserer gegischen fragmente hineingetragen und blos 
nach seinem gehör das zeichen i bald mit ■/, bald mit 
X transcribirt. Er bemerkte nicht, dass es eine eigen- 
thümlichkeit des dialektes von Elbassan ist, dem •/ auf 
kosten des •/ den vorzug zu geben, von welchem letzte- 
ren unsere fragmente nur eine einzige spur bewahrt 
haben. 

b) Diese einzige spur findet sich in dem werte 

ifi<|dö}<i 

£ jou do /£/>jjj.cy i DOS mittm contristabitis , vers 20 des 
evangelienfragmentes (Johannes XVI, 20), wo Hahn 
selbst ganz richtig transcribirt -/SAjixcyc, d. i. « mit x, 
^ mit X- Dieses x ist auch hier das zeichen des passi- 
vums und wird auch von Hahn in der Gramm, immer 
consequent mit y wiedergegeben. Dieses x ist natür- 
lich graphisch mit dem griech. y identisch ; wir geben 
ihm die form (taf zu §.1, nr. 32') 



?( 



und wollen es von nun an mit Hahn durch y transcri- 
biren. Dieses griechische dement mussten wir des 
Zusammenhanges halber schon hier erwähnen; es scheint 



1) Die ersten drei dort angeführten formen sind den alplia- 
beten entnommen, die vierte dem evangelienfragmente in Hahn's 
Alb stnd. 

3 



— 18 — 



zur zeit der ontstehung der glagolica schon in der 
albanesischen schritt vorhanden gewesen zu sein, §. 143. 

Hahn nennt es dunkles ch und beschreibt es 
Gramm, pag. 4 wie ein tief im kehlkopfe gebildetes 
deutsches ch in hoch, krach. Es soll auch wie neugriech./ 
lauten, natürlich so, wie dies vor a, o, ou gesprochen wird. 

In dem ungleich umfangreicheren horologium wird 
statt ■/ immer t geschrieben. Wenn man bedenkt, dass 
das Hahn'sche / im albanesischen überhaupt viel sel- 
tener ist als ■/, und dass Hahn selbst im Wörterbuch bei 
den Worten mit / auf die mit / verweist, so muss man 
annehmen, dass / selbst im dialekt von Rica vor •/_ 
wenigstens theilweise zurückweicht : und dieser sprach- 
liche zug ist eben in dem geographisch so nahen dialekte 
von Elbassan nur noch consequenter durchgedrungen. 

c) Durch das aspirationszeichen entstand ferner 
aus dem zeichen des iod 3 ein neuer hauehlaut: 



(taf. zu §.1, nr. 33), dessen phonetischer buchstaben- 
name rlja lautet , in welchem wir auch einen beweis 
seiner herkunft von dem zeichen für jod, d. i. eines zum 
hauchlaute gewordenen jod erblicken. Hahn nennt es 
„helles deutsches ch ", doch fand es keinen platz in 
seiner transcription, es müssen also die Wörter mit dem 
zeichen 5 bei Hahn in einem andern hauchlaute ver- 
schwunden sein. 

Eben hier kommt uns die Schreibweise Camarda's 
entgegen, der Wörter, die Hahn immer mit / schreibt, 
gewöhnlich mit /, manchmal aber auch mit yj be- 
zeichnet. Eben diesem yJ stellt die Hahn'sche tran- 
scription nichts besonderes entgegen , sie kennt über- 
haupt kein yj und kein yj. Andererseits gibt auch 
Camarda seinem yj den laut des deutschen ch (Saggio, 
pag. 14) wie Hahn dem zeichen ä in der transcription 
des alphabetes von Elbassan. Ebenso wichtig ist die 
Übereinstimmung, dass Camarda durch seine Ortho- 
graphie diesem laute einen nebenbestandtheil j zu- 
schreibt, der in dem phonetischen buchst.ibennamen 
chja wiederkehrt und auch graphisch in der form des 
5 enthalten ist. Also würde das zeichen j nach Ca- 
marda mit yj, nach Hahn aber (Camarda's y = ■/) mit 
yj zu transcribiren sein. 

Dieser überhaupt seltene laut (Camarda, Appen- 
dice al Saggio pag. 263 gibt wenigstens im anlaute 
nur dreizehn fälle) wird in unseren gegischen frag- 
menten nur etwa viermal angewendet. Davon bestätigt 
das wort 9^ unsere vermuthung direct: Camarda 
schreibt es yji-s schatten (:= griech. cr/.'.ä) , Hahn yU, 
aber auch yj., weil wieder / und y bei Hahn schwankt. 
9ic6\ von ysy. ziehen, leiden (griech. e'Xy.w) schreibt 
allerdings Camarda ohne y : y.r/.j£, aber dies ist eben 
auf reehnung des dialektischen Schwankens zu setzen 
(Camarda 1. c. yji-i und yuj'.). »ö2v\^ ist mir unver- 
ständlich. Man vergleiche noch folgende verschiedene 



Schreibweisen bei Hahn und Camarda: yjiH fundo, ysG; 
Camarda : yjepn und yepci ager novalis, Hahn blos yip^^. 

Etymologische erwägungen bestätigen die gra- 
phische Zerlegung des « in aspiration -\- jod. Unser 
yj entsteht gewöhnlich aus y mit einem im albanesi- 
schen überhaupt gewöhnlichen parasitischen j: yjeOö 
yj£0£ neben yios. fundo, griech. yew ; yjspas neben yspsi, 
griech. yspco; ; yjisja, griech. cy.ia cv.n5 (tjv. = ■/_) ; yjtßoüpt 
/ißoift caverna von neugriech. y.tßoupt toniha (Camarda, 
Appendice H, 172); oder durch die folge: ^y^yy. griech. 
66u), yuj-t yj'j-i (dexis) (ibid. II, 206). In einer sehr wich- 
tigen verbalform ist endlich das j in yj etymologisch 
ursprünglich, so dass 9 geradezu gleich •/ -|- j ist. Die 
endung der 2. pers. sing, imperat., sansk. M, dhi, griech. 6i, 
erscheint genau in denselben fällen in vocalisch aus- 
lautenden wurzeln im albanesischen als yj. Camarda, 
Saggio pag. 256 : „la 2. pers. sing, dell' imperativo esce 
inj, ma la^ si proferisce aspirata cosi da equivalere a hi 
= yj." Man vgl. vXq'jt/j = y.7,'j6'. ; xT/j = wöt. Dieses 
yj kann sich dann unter gewissen bedingvmgen 
zu reinem j verflüchtigen, y.Aouaj, xTj, daher 
die doppelte Schreibung dieser formen. Einen 
solchen imperativ bietet auch das gegische horologium: 
(V\i'q:?^ „thue" bivjr/j, von geg. bavj thun, der letzte 
der vorhin vier erwähnten fälle mit 9. Camarda ibid. 
pag. 257 erwähnt denselben imperativ : bv;-tji ( = b-fiiyj), 
wobei Y) als nasales sv zu fassen ist, so dass auch hier 
kein zweifei über 9 ^ yj übrig bleibt. 

Diese Imperativformen schreibt Hahn mit — ly : 
y-Aoüarj". Dies tadelt Camarda (vgl. die anmerkung zu 
§. 9); denn, meint er, wenn Hahn schon in diesen 
fällen ; schreiben wollte (d. i. die zweite Schreibung 
y./.o'Jay, wobei j = yj), warum wendet er nicht 'j wirk- 
lich an, das er ja in seine Orthographie aufgenommen, 
sondern griech. y : xAsiarj- (neugriech. y vor £, t bekannt- 
lich/)'? Wirklich ist dieses -; in der Orthographie Hahn's 
entbehrlich. Aber es fragt sich, ob nicht Hahn, der 
sich über den laut yj nicht klar wurde, doch nicht 
irgendwie ahnte, dass hier kein reines y vorhanden sei, 
er etwa an aspirirtes neugriech, v (vor a, o) dachte, seine 
Schreibung yCko<jai.-( also doch dem YXodar/j einigermassen 
entsprechen würde? ') 

Es hat somit die schrift von Elbassan für 
einen der feinsten unterschiede der albanesi- 
schen spräche, der selbst einem kenner wie 
Hahn entging, einen in jeder beziehung vor- 
trefflich gebildeten graphischen ausdruck. 

d) Durch das aspirationshäkchen ist auch das 
zeichen für den laut des neugriechischen y vor a, o 
(taf. zu §. 1, nr. 29) 



V 



') Freilich schreibt Hahn auch in der 1. pers. sing, jiraes. y 
xspxdiy statt /.epudyä, wo diese argumentation weniger zulässlich ist. 



19 



aus der tigur des gespaltenen griech. 7 der minuskel- 
cursive des 6. bis 8. Jahrhunderts 



y 



abgeleitet (Notices et extraits pl. XLVIII, zeile 18). 
Für sich betrachtet könnte man die gestalt des alba- 
nesischen 7 nicht so streng datiren, doch werden wir 
dies aus anderen umständen erschliessen, §. 141. Sein 
buchstabenname ist 7a, Hahn transcribirt 7 (ohne punkt), 
gibt ihm die geltung eines neugriechischen 7, dessen 
eigenthümlich gehauchter charakter von den albanesi- 
schen Schreibern erkannt wurde, indem sie die aspi- 
ration dem zeichen ausdrücklich hinzufügten , woraus 
ersichtlich ist, dass es sich ihnen nicht um die auf- 
nähme eines reinen ^-Zeichens, das ihr dialekt überhaupt 
nicht kennt, sondern um den ausdruck für einen hauch- 
laut handelte. Aber welche stelle ihm in der lautlehre 
des dialektes von Elbassan gehört , welche worte ihn 
enthalten, darüber bin ich vollständig im unklaren, da 
unsere gegischen fragmente dieses zeichen kein einziges- 
mal anwenden (daher wir auch in bezug auf seine 
gestalt dem Zeugnisse Hahn's, dem mehrere von ein- 
geborenen geschriebene alphabete vorlagen, vertrauen 
müssen. Die auf der tabelle unter nr. 29 verzeichnete 
form ist einem dieser alphabete entnommen, aber ziem- 
lich verderbt). Hcihn's neugriechisches 7 (vor a, 0), das 
er in seine Orthographie aufnahm, kann es nicht sein, 
denn dieses ist theils überflüssig, theils der Vertreter 
eines andern lautes (vgl. absatz c, g. 20). Camarda 
kennt w^ohl auch ein solches 7, das er mit 7' (7 mit 
dem lenis) ausdrückt, aber nur in speciellen sicilisch- 
albanesischen Worten, wo 7' der Vertreter eines gemein- 
albanesischen X ist (Saggio §. 70), wo es in neugriechi- 
schen lehnworten erscheint, -fxi^oitp-z asino {•(i.'i^y.poq ibid. 
§. 115), endlich aber ist es a\ich wechsellaut des ihm 
so nahe verwandten Hahn'schen 7 : ^{^^i^t io chiamo, 
Hahn : 7appi<;. Zu dieser letzteren erscheinung passen 
Hahn's worte im Wörterbuch unter 7 : „In einigen süd- 
lichen landschaften wird dieser laut theilweise wie neu- 
griechisch 7 vor a, 0, o'j und liquidis ausgesprochen." 

Ist also y nur der dialektische Vertreter von 7 b, 
so glaube ich annehmen zu dürfen , dass y nur als 
zeichen überhaupt, das bei gewissen albanesischen 
Schreibern im gebrauche sein mochte, in die reihe des 
alphabetes von Elbassan eingang fand, d. h. dass das 
aiphabet mehr zeichen besitzt als der dialekt 
von Elbassan laute. Ich wenigstens verfüge nicht 
über die mittel, in diesem dialekte y und (7 zu scheiden; 
schreiben wir ihm auch das y als lebendigen laut zu, 
so hätten wir eine spi-ache (und eine schrift) vor uns, 
die sechs nahe verwandte hauchlaute unterschiede! 

e) Wenn sich mit dem 7 ein (oft parasitisches) j 
verbindet, so entsteht die beliebte lautcombination -jj, 



z. b. -adp-Kgp serpens, ep^iov, für das die schrift von 
Elbassan ein eigenes zeichen besitzt : 



k 



(nr. 27 der tabelle), ein h 7 mit einem unten angehängten 
5 j. Das zeichen gehört unter die zahlreichen später 
zu behandelnden lateinisch - albanesischen j'-ligaturen. 
Merkwürdigerweise lautet sein phonetischer buchstaben- 
name (jja, nicht ghja, wie wir nach der geltung des h und 
der transcription Hahn's, -jj, erwarten würden ; es tritt 
also die oben §. 9 erwähnte, rein gutturale geltung des b 
in dieser combination mehr hervor. Ja dialektisch soll 
wieder dieses 7J wie serbisch-kroatisch gj, dj, oder italie- 
nisch ge, (ji lauten. (Nach Uda und Guagliata, Miklo- 
sich, Alb. forsch., Denkschriften, 19, 349.) 

Wir lassen auf der nächsten seite eine übersieht 
sämmtlicher hauchlaute folgen. 

Von diesen sechs lauten und zeichen werden in den 
gegischen fragmenten fünf angewendet, und zwar im 
evangelium vier: btje^c, im horologium vier: blj«*; Hahn 
kennt vier: 7, 7J, /, y; Camarda zwei: /, yj, mit dem 
sicilianischen 7' drei; der Gege Bogdan (1085) im alpha- 
betum epiroticum zwei: h und ■/; die anderen alten, 
wie ich glaube, nordgegischen Schreiber Budi (1664), 
Blanchus (1635) h, mit welchem einzigen hauchlaute 
sich auch Dozon für den epirotischen dialekt von Pre- 
medi (Poermet) begnügt, pag. 180: ,,// est la 7; aspiree 
francaise, mais articulee plus fortement, comme dans 
l'anglais home, la oü toutefois on la prononce, car k 
Poermet on l'entend ä peine; k Fyeri (zwischen 
Berat und Avlona) et dans le nord c'est tout le con- 
traire, et la on ajoute meme ce son k des mots comme 
hark, arc (arcus), qui ne devraient pas l'avoir. A 
l'exemple de Kristoforidis, je n'ai pas admis dans l'al- 
phabet le / grec, dont le son n'existe pas — au moins 
en Epire." Aus dieser interessanten bemerkung er- 
sehen wir zugleich in Verbindung mit den übrigen 
thatsachen, insbesondere aus der geographischen läge 
von Premedi, Fyeri, der Rica oder des Hahn'schen 
dialektes, von Elbassan und der nördlichsten Gegerei, 
dass die anzahl der hauchlaute und ihre feinen unter- 
schiede von Süden nach norden und vom äussersten 
norden gegen den süden zunehmen, in der mitte ihre 
höchste entwicklung erreichen, und dass daher die 
schrift von Elbassan einzig und allein einem 
mittelalbanesischen dialekte angepasst ist, dass 
sie in der uns bekannten gestalt wenigstens 
nur Mittelalbanien zur heimat haben kann. 

Die glagoliten haben von den sechs zeichen drei 
aufgenommen : b, y, und y (ohne den asper). 

Mit hinsieht auf unseren speciellen zweck, der dar- 
legung des Ursprunges der slavischen Schriften, könnte 
diese ausführlichere erörterung der albanesischen hauch- 



20 — 



Uebersicht sämmtlicher hauchlaute. 



zeichen 


buclistaben- 
narae 


Hahn transcribirt 

und bestimmt 
diese zeichen als 


analoge laute nach der 

Orthographie der Hahn'schen 

grammatik 


diesellien nach Camarda 


anmerkung 


h 


(jhu 


cß 


Y mit. der geltung gh wie 
g in mittcldeutscli gehen. 
In südlichen landschaften 
auch wie nougTiech. y vor 

a. 0, c'j. 


v, d. i. reines gutturales 

g bei den italienischen 

Albanesen. 


b ist nach der beschrci- 
bung Hahn' s im dialekt 
von 'Ricfi. eine tönende 
affricata: gl, Sievers, 
Lautphys. pag. 97. 


Ij 


m'- 


nJ 


tJ 


■j'j, d. i. italienisch ghi in 
ghiaia. 


Nach Uda und Gua- 

gliata stellenweise wie 

italienisch gl, gc. 


i 


chja 


hell ch 


Wird nicht unterschie- 
den. Nach Gramm, pag. 4 
soll CS wie ein im mittel- 
gaumen gebildetes ch in 
licht, schlecht latiten. 


■/j, d. i. „x' greco mo- 
derno, ch tedesco''. Hie- 
her auch Camarda' s j, 
wenn es wie ^ch tcdesco 
dolce molle" klingt. 


Nach Brücke, Grundz. 
pag. 64:-/'. Vgl. dessen 
Verwandtschaft mit. ./ 
ib. pag. G5. P's ist im 
sinne Hahn's mit yj zu 
transcribiren. 


X 


clia 


duukol ck 


7_, Gramm, pag. 4 : Wie 
deutsches, im kehlkopfe 
gebildetes ch in krach, 
hoch, oder neugriech. /_ 

(vor a, 0, ou). 




y. „ya greco moderno 
con suono forte anche 
diiianzi ad s cd j'". 
Ein deutsches h kennt 
Camarda überhaupt 
nicht. 


Nach Brücke pag. 64: 


« 


ha 


h 
„fehlt im neu- 
griechischen" 


•/_ mit der geltung 
deutsch h. 




V 


ueugriech. 


ueugriech. 
Y 


Neugr. Yt vräre aber ent- 
behrlich und dessen auf 
j wenige falle begrenzter 
gebrauch nach Camarda, 
der statt dessen j und /j 
sehreibt, unrichtig. 


Y', „y greco moderne" 

(vor a, 0, o'j) nur in sici- 

lisch-albanesischen 

Worten. 


Y ist der dialektische 

Vertreter des b; auch 

im dialekte von Elbas- 

san? 



laute vielleicht überflüssig ersclieinea. Sie ist aber ein 
sehr eindringlicher beweis von dem hohen inneren 
werthe und dem alten entwickelungsgange dieser an 
den Veränderungen der spräche langsam fortgebildeten, 
wenn auch nur in denkmälern dieses jahrhundertes 
erhaltenen schrift. An reichthum und formeller prä- 
cision der zeichen ragt sie über die beiden besten mit 
den mittein moderner Sprachforschung construirten 
Orthographien Camarda's und Hahn's empor, so dass 
wir ihr unsere bewunderung nicht versagen können. 

§. 21. Das albancsische o. 

Die kreisrunde tigur des albanesischen o ist so wenig 
individualisirt, dass wir sie aus den verschiedensten grie- 
chischen und lateinischen Schriften erklären könnten 



(vgl. tabelle nr. 4). Wir glauben, dass es der römischen 
cursive entnommen ist, weil die dem o dieser Schrift- 
art in folge der Verbindung mit anderen buchstaben 
anhaftenden bekannten anhängsei oder ausläufer bei 
dem analogen zeichen der glagolica ganz klar nach- 
weisbar sind, §. 83. Im übrigen ist das albanesische o 
im vergleich zu der grosse der übrigen buchstaben 
zumeist auffallend klein, wie dies in verschiedenen 
lateinischen und griechischen cursiven, auch in grie- 
chischer minuskel, öfters der fall ist. 

§. 22. Die albanesischen zeichen für vdu und da. 
Das zeichen vdü (taf zu §. 1, nr. 12) 



Z 



— 21 — 



besteht aus einem cursiven lateinischen z 

%■ 

Dictionnaire de diplomatique pl. 34 (es findet sich be- 
kanntlich in alten handschriften nur selten"), und dem 
aspirationszeiehen. Das zeichen für du 

7 

ist eine blosse Verstümmelung des vdi (vgl. über den 
grund derselben §. 49). Die erörterung der Ursache, 
warum die albanesischen Schreiber in diesen lauten 
eine aspiration hörten, die sie ausdrücklich anzudeuten 
für nöthig fanden, werden wir an einer anderen stelle 
versuchen, §. 31. Der laut des lateinischen z war 
übrigens zur wiedergäbe der albanesischen combination 
d3 gewiss geeignet. 

§. 23. Das albanesische t. 

Die bekannte form des griechischen tau wird in 
der mittleren minuskel so hoch, dass es die anderen 
buchstaben überragt ; noch später wird der obere quer- 
strich verkürzt, bis er endlich in der jüngsten minuskel 
des 15., 16. und 17. Jahrhunderts vollständig nach links 
herabgezogen und gekrümmt wird. In manchen hand- 
schriften kann man den fortschritt der noch neben- 
einanderliegenden formen beobachten, vgl. Silvestre II, 
„Commentar der genesis" (15. Jahrhundert), „Trait^ de 
la chasse par Oppien" (16. Jahrhundert), „Anastasius 
de Providentia" (16. Jahrhundert) : 



r7i1? 



Genau die letzten drei abarten des t mit der- 
selben höhe bieten auch unsere gegischen fragmente 
(taf. zu §. 1, nr. 34). Auch in griechischen Worten, die 
der Schreiber des horologiums hie und da einstreute, 
wird das t so geschrieben (vgl. unsere facsimile), so dass 
jeder zweifei an dieser herleitung des albanesischen i 
überflüssig wäre. (Hahn und Franz erklären es als phö- 
nicisch oder aramäisch !) Ist es aber möglich, anzu- 
nehmen, dass die albanesischen Schreiber das t erst in 
den allerletzten Jahrhunderten der griechischen schrift 
entlehnt hätten V Ihre schrift benöthigte seit 
jeher ein t, sie werden dasselbe in älteren Zeiten 
auch in einer entsprechend älteren graphischen 
form gekannt haben, und die auf uns gekom- 
mene junge form des t wird der annähme des 
hohen alters der albanesischen schrift gewiss 
keinen eintrag thun. Dieselbe junge form des tau 
kehrt in jüngeren russisch - cyrillischen handschriften 
wieder, vgl. Sabas, Specimina, unter dem jähre 1599. 
Dieselben einflüsse haben dieselben resultate auf ganz 
verschiedenen gebieten zur folge gehabt. Diejenigen 
cyrillischen und albanesischen buchstaben, welche an 



geltung und form den griechischen vollkommen glichen, 
konnten sich den einflüssen der sich fortwährend ver- 
ändernden griechischen schrift nicht entziehen, so lange 
diese in demselben lande neben der einheimischen ge- 
kannt und geübt wurde. Unter diesen einflüssen können 
sehr alte zeichen in einer ganz jungen gestalt über- 
liefert werden. Vor dem 15. Jahrhundert wird das 
albanesische t auch jene kreuzform des t der gleich- 
zeitigen griechischen schrift , die wir hier unter den 
griechischen tau an erster stelle anführten und noch 
früher eine ähnliche niedrigere der griechischen mi- 
nuskel gehabt haben : 

T 
Aber hier drängt sich unabweislich die für die ge- 
schichte des albanesischen f letzte und wichtigste frage 
auf: wie sah dies zeichen zu jener zeit aus, als die 
glagolica entstand, als es dem analogen glagolitischen 
zeichen für f zu gründe gelegt wurde? Welche ein- 
stige gestalt des albanesischen t lässt sich erschliessen 
aus dem glagolitischen t ro, wenn dieses, sowie überhaupt 
der grundstock des glagolitischen zeichenmateriales 
durch albanesische vermittelung zu den Slaven kam? 
Unsere antwort (§. 125) wird ganz entschieden dahin 
lauten, dass das dem glagolitischen mi ehemals zu gründe 
liegende einstige albanesische t seinem ductus nach ein 
ganz specifisch römisches cursives t war. Ja aus der 
albanesischen schrift selbst werden wir abarten der 
ligatur Tc §. 36 — 37 anführen, welche darthun, dass 
den albanesischen Schreibern das i einst in einer römi- 
schen gestalt geläufig war, dass der überlieferte modern 
griechische ductus des albanesischen f nur ein product 
secundärer einflüsse ist. Wir können daher erst nach 
der Untersuchung der albanesischen ligatur tct §. 36 und 
37 und des glagolitischen t §. 125 an die frage nach 
der muthmasslich ältesten gestalt des albanesischen t 
herantreten und den Widerspruch zwischen seinem 
jetzigen griechischen charakter und eigentlich römi- 
schen Ursprünge erklären. 

§. 24. Das albanesische tc. 
Das zeichen für ts 

ist eine ligatur, deren erster theil mit alb. t 

1 
oflenbar identisch ist. So wie die junge gestalt des 
letzteren ältere züge voraussetzt, welche im allgemeinen 
als kreuzförmiges tau bezeichnet werden können (vgl. 
§. 23 und insbesondere §. 125), so muss auch hinter 
dem i eine entsprechend ursprünglichere tigur liegen. 
Statt der nachweislich sehr späten verschlingung des 
kopfes muss einst ein horizontaler querbalken bestan- 
den haben : 



Z 



22 — 



(das einzige zeichen , das ich in dieser buchstaben- 
reichen abhandlung der anschaulichkeit halber künst- 
lich zu construiren wage). Mit einem worte, ich glaube, 
dass alb. tc aus einem ineinandergeschobenen t und s 

TZ 

entstand. Man muss annehmen , dass beide bestand- 
theile ursprünglich der römischen cursive angehörten, 
wenn man dies auch der jetzigen steifen gestalt des 
Zeichens nicht ansehen würde. Das aiphabet von Elbas- 
san ist nach einem inneren principe, nach gewissen 
lautlichen und formellen Wechselbeziehungen der zeichen 
geordnet, §. 64; es ist daher für die annähme, dass in 
TG ein lateinisches z steckt, nicht gleichgiltig, dass es 
in der reihe neben zwei anderen zeichen steht, die 
dasselbe z enthalten, §. 2'^. Es gibt übrigens keine 
römische (und wohl auch keine griechische) schrift- 
gattung, welche eine dem albanesischen t- ähnliche 
zusammenrückung von f und z aufwiese , daher sie 
eine erhndung der albanesischen Schreiber sein mag. 
Aber das hohe alter dieser combination ist durch ihr 
vorkommen in noch zwei anderen albanesischen Schrif- 
ten sichergestellt, §. 67, 69. Für die erklärung der 
glagolitischen zeichen hat alb. tc keine bedeutung. 
Somit wäre das mit tc transcribirte zeichen seiner gra- 
phischen herkunft nach eigentlich ein ausdruck für iz. 
Die spräche besitzt auch zwei solche sehr eng ver- 
wandte laute, die Hahn mit tc und t^ schreibt und die 
fortwährend abwechseln. Vom graphischen Standpunkte 
würde also f t -\- z dem i'C näher stehen als dem tc, 
obwohl es gerade mit tc wiedergegeben wird. In dem 
unten mitgetheilten gegischen horologium transcribiren 
wir zeile 7 das i' der gegischen originalschrift im werte 
Go-j\xi-:zt'j nach seinem im alphabete angegebenen werthe 
mit Tc; aber Hahn schreibt im wörterbuche dasselbe 
gegische wort coupLiTi^s-a (menge) mit t!^. f entspricht 
also auch wirklich mitunter dem tL 

Die lautliche entstehung des albanesischen f recht- 
fertigt dessen bezeichnung durch eine aus t und Zisch- 
laut bestehende ligatur in jeder hinsieht. Eine selbst 
rohe Überlegung der alten Schreiber musste ergeben, dass 
im albanesischen f oft aus s durch hinzutritt eines t und 
umgekehrt entsteht. Den allgemeinen lautneigungen des 
albanesischen gemäss, das consonantische Vorsätze mit 
anderen einfachen consonanten verbindet, entsteht tc 
aus etymologisch ursprünglichem c: -ci't-i, griech. jitew; 
Tcoiva neben c^iva, griech. uipriV ; dies ist manchmal an 
eine bestimmte läge geknüpft : wird z. b. uisA (bringe, 
trage, führe ein) = griech. aüpio und ähnliche mit c 
anlautende worte mit der präposition Tiep zusammen- 
gesetzt, so entsteht 7:s.p-'zc:U'k-t (D. Camarda, Saggio 
§. 104); derselbe Wechsel erscheint zwischen dialekten: 
tosk. -/.ajöXs Strohhütte, lat. casula, geg. xaTcoXs-joc (Hahn, 
Gramm. §. 3, 59). - geht in a über: iJ.d-e |j.a(jc maass, 
und aus ursprünglichem t entsteht ts: in Tca-xca (die 



einen, die anderen) ist der pronominalstamm ta unver- 
kennbar. Daneben entsteht wohl auch tj aus k (d. i. 
wohl kj): TcowTÖ-ijs, griech. v-otz-zu) nach slavischer weise; 
aber in einer spräche, wo der Wechsel ct-t-tc so ausser- 
ordentlich häutig und flüssig ist, ergibt sich die be- 
zeichnung eines lautes, den vielleicht Schreiber einer 
anderen spräche nur als einen einfachen auffassen wür- 
den, z. b. deutsch z, slav. c, mittelst einer ligatur ra (tz) 
von selbst. Auch die laute c und g werden von den 
albanesischen Schreibern als „zusammengesetzte pa- 
latale" aufgefasst, als < -f- s, c? -f- *', und ein ähnliches 
zusammengesetztes glagolitisches zeichen wird diese 
trefflichen lautphysiologischen beobachtungen der alba- 
nesischen schriftbildner bestätigen, §. 124. 

In anbetracht der vielfachen ähnlichkeiten alba- 
nesischer und vulgärgriechischer lauterscheinungen ist 
noch auf den neugriechischen lavit xcr zu verweisen 
(Foy, Lautsystem der griech. vulgärspr. 56), das dem 
albenesischen -z in jeder beziehung gleicht: es entsteht 
aus a (-S'jpiLd) c'jpü^io) und wieder aus t (pstw/y} pr;T(vT;), 
es klingt auch wie i'l. Foy pag. 58 : „Die au.ssprache 
mancher Wörter schwankt zwischen ts und -^ und ist 
oft nicht einmal innerhalb desselben dialektes dieselbe." 



§. 25. Das römisch -cursive s. 

Wir können es hier nicht unterlassen, kurz auf 
einige hauptformen des cursiv-römischen s hinzuweisen, 
weil dieselben in einer fülle albanesischer und glago- 
litischer zeichen wiederkehren werden und wir sie fort- 
während vor äugen behalten müssen. 

Die schlangenförmige gestalt des s erhält sich 
au.ch in der jüngeren cursive : 



1. 



J 



Mabillon, „ J. Caesaris testamentum" 2. zeile ; wird aber 
auch schon frühzeitig, in den wachstafeln, sehr ge- 
streckt : 



/' 



ebenso in der Unterschrift des Victor Capuauus (6. Jahr- 
hundert) ; entwickelt dann in folge der Verbindung vorne 



einen ansatz : 



'//- 



in den ravennater Urkunden ; und erhält dann sehr 
häufig die in cursiver schrift sich überhaupt von selbst 
einstellende schleife : 



A 



23 



insbesondere die zweite für uns sehr wichtige regel- 
mässige form, z. b. in der Charta ravennensis, z. 16 im 
Worte „distractus" (Mabillon pag. 479). 

Die abarten 1 — 4 sind in der albanesischen und 
glagolitischen schrift an ligaturen gebunden und erstarrt, 
im freien zustande strenger stilisirt und zu typischen 
figuren geworden ; sie fallen sämmtlich zwischen das 
5. bis 7. Jahrhundert. 

§. 26. Das albanesisclie s. 
Das starkgewundene albanesische s 



(taf. zu §. 1, nr. 8) entspricht dem cursiven lateinischen s 
(nr. 1, §. 25), nur ist eine wendung desselben eingetreten, 
deren grund nicht recht ersichtlich ist. •) Die lautliche 
geltung aber und die form lässt an dieser graphischen 
herleitung keinen zweifei übrig; in der albanesisch- 
lateinischen ligatur si = 1^ erscheint zudem das latei- 
nische s in seiner ursprünglichen Stellung, §. 31. 

§. 27. Das albanesische ^js. 

Im albanesischen ist die lautfolge j)^ ziemlich 
selten. Ihr zeichen ist nicht griechischen, sondern latei- 
nischen Ursprunges. Da wir den Ursprung des alba- 
nesischen u p schon kennen, §. 10, so zerfällt j^s 



n 



dessen erster bestandtheil p unverkennbar ist, von selbst 
in j) und s, d. i. auf lateinische zeichen reducirt: 



/^ r 



das p nach g. 10, das s nach §. 25, nr. 3. Der am s 
rechts befindliche ansatz verschwand, wofür wir auch 
in der albanesischen ligatur xcf (fs) eine genaue ana- 
logie haben, §. 37. Wie die albanesische figur aus den 
beiden lateinischen zeichen entstand, ist leicht ersicht- 
lich : während Aas p die schon §. 10 angedeuteten Wand- 
lungen durchmachte, verschmolz der rechte strich an 
seinem köpfe immer mehr mit dem linken arme des 
s zu einem gemeinsamen grundstriche, ein process, der 
ganz dem charakter der römischen cursive entspricht. 
Allerdings finde ich, so weit ich sehe, in den raven- 
nater Urkunden keine so enge Verbindung des j) und s 
(z. b. in ijyse) ; oft stehen beide buchstaben ohne Ver- 
bindung da, manchmal aber lehnt sich der linke arm 
des s an den köpf des 2> — und das ist der anfang 



') Die höchst seltenen fälle, in denen lat. s nach albanesl- 
scher weise gewendet erscheint, z. b. in Inschriften (C. I. L. III, 
2533), auch auf ziegeln (ibid. 111,4671, b; Ljubic, Spicilegium pag. 36 
bis 37), können wohl nicht herbeigezogen werden. Die cursive bietet 
dafür kein beispiel. 



unserer Verbindung (ich brauche deren bild wohl nicht 
herzusetzen). Nur einige jüngere ausläufer römischer 
cursive, welche bei der erforschung der albanesischen 
schrift auch nicht ganz auszuschliessen sind (vgl. 
§. 11), bieten mitunter fälle der Zeichenfolge ps, die 
ganz in der weise des albanesischen j's verbunden sind. 
Codex Cavensis I, Scriptura amalphitana, a. 984, z. 6, 
9, 10: 



t^ 



Dies ist ja das albanesische ps, wenn man sich nur vor 
äugen hält, dass der erste theil dieser lateinischen Ver- 
bindung, das 2>, seinen fuss nach der in §. 10 gegebenen 
entwickelung in der albanesischen schrift vollständig 
verkürzte und einbüsste. Alb. ps ist somit eine cursiv- 
römische ligatur. Man vergleiche dessen handschrift- 
liche formen, tabelle zu §. 1, nr. 30. 

In den handschriften wird statt ^ mitunter vi 



geschrieben. 



§. 28. Das albanesische S. 



Das zeichen ö 



X 



(nr. 46 der tafel) ist durch eine einfache umkehrung 
eines cursiven römischen s (nr. 4, §. 25) entstanden. 
Veränderungen der läge der buchstaben, Wendungen, 
sind ein gewöhnliches mittel bei der bildung vieler 
Schriften. Vielleicht wollte man durch diese wendung 
irgend eine äussere Scheidung bewerkstelligen , deren 
Ursache uns nicht mehr klar ist. In den albanesischen 
ligaturen lö, de erscheint dieselbe figur des i, aber in 
ursprünglicher läge. In der glagolica ist es mehrfach 
angewendet worden, in ursprünglicher läge oder, wie 
hier, auf den köpf gestellt, bald als s, bald als s, §. 131. 
Den der römischen muttersehrift unbekannten 
unterschied zwischen s und s haben somit die albanesi- 
schen schriftbildner dadurch zum ausdrucke gebracht, 
dass sie aus jener zwei zufällige nuancen desselben cur- 
siven s heraushoben, strenge stUisirten und fortan mit 
getrennter geltung setzten (vgl. §. 26). 

§. 29. Das albanesische St. 



Die ligatur ct: 



% 



zerfällt nach Hahn's richtiger beraerkung in ä und t 

XI 
Diese ihre jetzige gestalt, in welcher eine einzige 
schlinge beiden bestandtlieilen gemeinsam ist, kann 
natürlich erst in jener zeit entstanden sein, als alb. f 
eben an seinem oberen theile eine schlinge bekam, und 
dies ist nach §. 23 wohl nicht vor dem 15. Jahrhundert 



— 24 — 



möglioh gewesen. Also würde es den anschein haben, 
dass alb. ct eines der jüngsten producte dieser schritt 
sei. Nun Ifisst sich aber nachweisen, dass der alba- 
n es i sehe buchstabeniiarae dieser hgatur ,,Sta'' schon 
vor tausend jähren da war, weil ihn die glagoliten zur 
benennung einer ähnlichen slavischen Verbindung von 
den Albanesen übernahmen (denn auch die slavischen 
buchstabennamen sind albanesischen Ursprunges). Setzen 
wir hier diesen beweis voraus. Der buchstabenname sta 
wird natürlich nicht ohne ein zeichen bestanden haben. 
Also war unsere ligatur schon in ältester zeit vorhanden, 
und zugleich in einer entsprechend älteren form. Da 
deren S ein lateinisches s ist, so muss ihre älteste form 
unter den bekannten, häutigen und typischen s<-ligaturen 
der jüngeren römischen cursive gesucht werden. Alb. St 
hat mit einem worte etwa diese bekannte lateinische form 
einer ligatur sf gehabt: 




Als dann dieses st der ravennater Urkunden zu einem 
albanischen st dadurch umgestempelt wurde, dass man 
das s auf den köpf stellte, §. 28, muss diese Verbin- 
dung in einer weise verändert worden sein, die wir 
uns wohl beiläutig vorstellen können. Beide bestand- 
theile hatten dann diese Stellung: 

Die übrige entwickelung ist klar: das t unterlag in der 
ligatur derselben Veränderung wie in der freien Stellung, 
§. 23. Es wurde gräcisirt, hoch geschrieben, sein köpf 
erhielt eine schlinge, die mit dem c verschmolz (vgl. 
auch über alb. t §. 125). 

§. 30. Die römische ligatur gi. 

Die Verbindungen eines consonanten mit einem 
nachfolgenden i gehören zu den ältesten der römischen 
cursive. Ihre frühzeitig fest und typisch gewordenen 
gestalten gingen dann in alle nationalschriften über. 
Da die ligaturen eine cursive schrift überhaupt am 
meisten charakterisiren, auch für deren datirung be- 
sonders wichtig sind, so tritt die abhängigkeit der schrift 
von Elbassan von der römischen mutterschrift nirgends 
so scharf hervor wie in diesem falle: denn nicht bloss 
einzelne buchstaben, auch ganze Verbindungen wurden 
von den Albanesen aus der fortlaufenden römischen 
cursive herausgehoben, zu fortan einheitlichen, noch 
strenger abgegrenzten zeichen gestempelt und in oft 
sehr abweichender lautlicher bedeutung angewendet. 

Unsere zwecke erheischen die betrachtung fol- 
gender römischer i-ligaturen: si, li, ci, hi. Das i wird 
bekanntlich den betreffenden consonanten an der seite, 
meistens unten am fusse angehängt, und erscheint ge- 
wöhnlich in der bekannten gekrümmten form; da die 
albanesischen Schreiber eben dieses i zu einem j um- 



stempelten , so ergeben sich aus jenen lateinischen 
2-ligaturen ebenso viele albanesische ^-Verbindungen: 
sj, Ij, kj, hj. Von sj (= si) wurden zwei abarten 



aufgenommen. 



Die gestreckte abart des cursiv-römischen s (§. 25, 
nr. 2) verband sich mit einem i einfach dadurch, dass 
die unteren theile der buchstaben verflossen: 



1. 



9 



(Zangemeister et Wattenbach, Exempla cod. lat., taf. 34, 
in der Unterschrift des Victor ep. Capuanus [ß. Jahr- 
hundert] im Worte „hasiU'c', auch bei E. Ranke, Novum 
Test., taf. II, und Massmann, Libellus aurarius, §. 108.) 
— In den ravennater Urkunden kann das s (§. 25, nr. 3) 
ganz lose neben dem l stehen: 



'f) 



wobei in hundert anderen fällen das mit der schleife 
versehene s eintreten kann (§. 25, nr. 4): 



3. 



l) 



(ein citat ist wohl nicht nothwendig). Gerade diese 
letztere Stellung der beiden zeichen werden wir in der 
glagolica nachweisen. — Endlich wird das i an den 
rechten arm des s angehängt: 



r?\9 



yi 



(Mabillon, Charta ravennensis, z. 3, Gloria, taf. XI; 
Massmann, Gothische Urkunde von Neapel, a. 551, 
z. 127.) — Insbesondere die letzteren rechts ganz ab- 
gerundeten Varietäten sind 'für uns wichtig; wenn wir 
in ihnen statt ihrer s-form das bekannte unten mit 
der schleife versehene s (§. 25, nr. 4) setzen, so er- 
halten wir neue, im übrigen so unbedeutende abarten 
der ligatur si, dass wir deren figuren nicht herzusetzen 
brauchen. Sie werden in der albanesischen und glago- 
litischen schrift wiederkehren. 

Die römischen ligaturen ci, li, In behandeln wir 
bei den analogen albanesischen zeichen. 

§. 31. Das albanesische C 
Das von Hahn mit griech. t, transcribirte zeichen 



P 



besteht aus einem gestreckten römischen cursiven s 
und einem wenig gekrümmten, meist ganz geraden i (j) 
und ist daher mit jener römischen ligatur si, die ich 



25 — 



§. 30 an erster stelle anführte, ganz und gar iden- 
tiscli (vgl. die handschriftliclien formen taf. zu §. 1, 
nr. 9), ein nicht geringer beleg für den conservatismus 
der albanesischen schrift. Von lautlichem Standpunkte 
haben somit die alten albanesischen schriftbildner ihren 
laut des 'C als ein erweichtes s aufgefasst und dcmgemäss 
mit der ligatur sj, d. i. römisch-cursiv si, ausgedrückt. 

Ich mtiss hier ausdrücklich bemerken, dass die 
von Hahn in den Alb. stud. aufgestellte (links scharf 
eingeknickte) grandform unrichtig ist; nicht ein ein- 
ziger federzug unserer fragmente, wo das 'C doch ziem- 
lich häufig ist, rechtfertigt diese annähme. 

Manchmal endet der zweite arm des buchstaben 
in einem dicken punkte (vgl. unsere tafel unter nr. 9, 
fig. 5). Hahn schrieb ihn der grundform zu. Es ist 
dies ein ganz zufalliger zusatz, der durch einen druck 
der feder von selbst entsteht, auch in der neugriechi- 
schen Schreibschrift bei y, ß, u sich einzustellen pflegt; 
ich erinnere auch an den knoten unseres buchstabens v. 

Die der form nach unbestreitbare identität des 
albanesischen 'Q und jenes lateinischen si (nach albane- 
sischer auffassung sj) wird unterstützt durch innere 
gründe : 

1. durch die Stellung des 'C. in der reihe des 
alphabetes, die auf eine j-ligatur schliessen lässt: 

2. durch die lautliche entstehung des i^, als eines 
oft erweichten s; 

3. durch die analoge graphische bildung des 
Zeichens für alb. z, das aus & -\- j besteht, §. 32. 

Das albanesiscbe aiphabet ist nach gewissen phone- 
tischen grundsätzen, die wir später ausführlicher dar- 
legen werden, geordnet; unter anderem ist es regel, 
dass die j-ligatur immer neben dem einfachen conso- 
nanten ihren platz einnimmt. Es steht Ij neben l 
(nr. 14, 15), kj neben k (nr. 16, 17), sj (= zj) neben 
s (nr. 46, 47), gj und ngj neben gh und ngh (nr. 25, 
26, 27, 28). Und so steht auch s neben 'Q (nr. 8, 9). 
Als demnach die Ordnung des alphabetes hergestellt 
wurde, wusste man noch, dass Z. graphisch gleich einem 
sj ist. Dabei zeigt sich noch das merkwürdige ver- 
hältniss, dass das lateinische s als einfacher buchstabe 
gewendet ist, in dieser ligatur aber seine ursprüngliche 
läge bewahrt hat (vgl. §. 26). 

Der lautwerth des X, ist nicht ganz der des neu- 
griechischen C und slav. z; am besten beschreibt ihn 
Lecce (nach Miklosich, Alb. forsch., I): „II valore del z 
{= 'Q sarebbe come il zeta, ma non devesi cosi pronun- 
ciare, che sarebbe troppo secca la pronuncia, e sarebbe 
parimenti errore, devesi dunque pronunciare grassa, 
cioe col zeta farci sentire avanti di esso 3, un tantino 
del s, risuonante a guisa del rumore, che fanno i moseoni, 
ehe in tal modo si pronuncierä giusto „zot" (deus). 

Auf dieselbe weise beschreibt Hahn 'Q als oc 
(assibilirtes o). — Manchmal entspricht alb. l dem 
altgriechischen i;, auch entsteht es auf ähnliche weise 

Geitler. Die albüDesischen und slaTischen schi-iften. 



aus dj, d, j, gj: 'Qi-'s. = Cöuc, l.{£-;J£ = tsu (Camarda, 
§. 105), so dass wenigstens in solchen Worten ein histo- 
rischer Zusammenhang zwischen ihnen angenommen 
werden kann. Sehr häufig aber geht tonloses s 
zwischen vocalen in dieses tönende 'C über: 
|j.apa7 neben \).xpdZ-'. krankheit, griech. ;j.apa7-|j.:;; bplc 
neben bpi'C-'- gürtel; pl. griech. ävSps;, sansk. miras, 
alb. vjspi^-i-is pl. (Camarda, g. 10.5). Die schöpfer der 
schrift von Elbassan haben also 'C, als erweichtes 
s aufgefasst, indem sie es mit sj bezeichneten. 
Hier will ich zugleich die natur des dem Z, (*2cr) 
verwandten r de näher beleuchten, §. 22. '^ und de 
wechseln: ^jecs, griech. "Qt^zc, (o = v, Camarda, §. 80) 
neben dsjsoi. d: andererseits geht auch in di^ über: uT 
schwarz, 'vdjVjs schwärzen; ua, ^|, geg. neben 'vdsö 
und vdsl begreifen, r der schrift von Elbassan muss 
also für die bezeichnung zweier combinationen aus- 
reichen, des d(7 und d!^, ebenso wie mit f nicht nur tc, 
sondern auch tC bezeichnet wird, y und 2 werden mit 
de und TU transcribirt ; aber graphisch zergliedert würden 
beide eher dem d'C und t'C, entsprechen, da ersteres von 
einem lateinischen z abgeleitet ist, letzteres aus lat. t 
und z besteht, §. 24. — Viel wichtiger sind einige 
fälle, wo sich hinter diesen reibungsgeräuschen 'C und 
de ein gehauchter laut parasitisch entwickelt hat. Ich 
will nur einen fall hervorheben, der wegen seiner ety- 
mologischen durchsichtigkeit viele andere aufwiegt. 
Altgriech. i^uvoi;, alb. ijsSe, nebenform dejeJi lautet im 
geg. o-Jj£0£. Letztere form ist offenbar durch (djj-j-jicö 
hindurchgegangen. Hinter de entwickelte sich das ge- 
hauchte ■', gh rein parasitisch. Wenn wir nun be- 
denken, dass die graphische Zergliederung des 
de 7 eigentlich ein lateinisches z und einen 
asper, also zh, ergab, so glauben wir uns jetzt 
berechtigt, anzunehmen, dass die albanesischen 
Schreiber bei der bildung des Zeichens r nicht 
so sehr den mit de transcribirten und mitunter 
auch wirklich so gesprochenen laut, sondern 
jene eigenthümliche dialektische abart eines 
de mit einem nachstürzenden hauchlaut im 
äuge hatten. Wenn wir diesen lautlichen process 
nicht in rechnung ziehen wollten, so müssten wir auf 
die erklärung des sonst immer regelrecht angewendeten, 
in y eingeschriebenen asper verzichten. Ich glaube, 
dass diese feine auffassung eines doch nur unbedeuten- 
den lautlichen Unterschiedes den werth der schrift von 
Elbassan in unseren äugen nur erhöhen kann. Auch 
sonst sind die combinationen von Zischlauten und -j- (gh) 
häufig, und wenn sie auch nicht immer auf die eben 
angedeutete weise entstanden, so sind sie doch ein 
lebendiges zeugniss, dass man die nothwendigkeit eines 
aus zisch- und hauchlaut, *zh, bestehenden Zeichens 
fühlen musste. Alb. Ypsp? breit, griech. supi;, sansk. 
uru, laru (f; = r), davon i^-jjcps-ys ich erweitere, di^-jjipi- 
tj£ etwa griech. *s;-;upu-vw (; -)- -q = :;-j-j, dü-jj). Alb. 

4 



— 26 — 



sie. oy"a'0 löse, nach Camarda pag. 101 aus s;-"/.'.Ö, Ato, 
*}J.lriij.'. = altgricch. 3!Sr,iJM binde (o = a), mit den 
dialektischen formen: tosk. dc-j-tO, dlß, des, geg. o-j-iO. 
— Alb. sie. o-fAeÖ, <rfKiH ich lese aus, griech. e? + 
lifio (y = ä, 6, wie auch sonst, Camarda, pag. 101), 
lautet nach Hahn mit ausfall des a: ^yjsO, cyJ^Ö. — 
Lat. Scabies, tosk. (r/.JEb£-ja (id.), geg. cyjebc-ja mit den 
nebenformon dyebs-ja und l^ihe. Es muss somit bei der 
bildung des graphischen ausdruckes des jetzt mit da 
transcribirtoH und so gesprochenen lautes den ältesten 
albanesischen schriftbildnern ein zisclilaut mit nach- 
stürzender aspiration vorgeschwebt haben. Die paläo- 
grapliische Zergliederung lässt daran keinen zweifei 
übrig, lautliche berührungen zwischen di und l-j-, c-j-, 
dc7Y scheinen sie zu bestätigen. Wir bemerkten schon 
einige male, wie innig sich diese uralte schrift an die 
lautliche entwickelung der spräche anschliesst, aber 
auch von der letzteren schon überholt wurde. 

§. 32. Das albanesische s. 

Das wichtige zeichen für alb. d, slav. z, franz. j 
findet sich nur ein einziges mal in den manuscripten, 
im Worte cvpiciv von cy.p'Js-tji „ich verunreinige" (Saggio 
§. 67, vgl. unsere tabelle unter nr. 47, iig. 1). Die übrigen 
abarten ibid. tig. 2, 3,4 sind den mir zugänglichen alpha- 
beten entnommen. Bei der ausserordentlichen Wichtig- 
keit dieses Zeichens für die beiden slavischcn Schriften 
und seinem interessanten Verhältnisse zu einem römi- 
schen mutterzeichen verlohnt es sich, jeden einzelnen 
dieser seltenen züge mit genauigkeit zu betrachten. 
Bei der ersten form ist die links unten angebrachte 
gekrümmte linie so weit gezogen, dass sie den zweiten 
(rechten) fuss der figur trifl't; bei der zweiten erreicht 
sie bloss den ersten fuss; bei der vierten abart endlich 
ist sie ganz zurückgebogen und trifft nicht einmal den 
ersten fuss. Es ist klar, dass die übrigens unbedeuten- 
den unterschiede des ductus, welche durch diesen 
unteren bcstandtheil verursacht wurden, nur zufällig 
sind und von den einzelnen Schreibern abhängen, 
welche ihn verlängerten, verkürzten oder auf ver- 
schiedene weise einbogen. Um aber den Ursprung und 
auch den grad der abwcichung eines albanesischen 
Zeichens von seiner mutterform bestimmen zu können, 
ist es unbedingt nöthig, sich des anschaulichen Ver- 
gleiches halber über einen grundzug unter den etwa 
schwankenden abarten zu einigen, so wenig directen 
wei-th wir auch nach unseren schon §. 5 geäusserten 
Worten solchen erst construirten formen beilegen. Ich 
glaube, dass wir den charakter des Zeichens am besten 
erfassen, wenn wir ihm diesen allen abarten gemein- 
samen zus: zuweisen: 



X 



wir ein auf den köpf gestelltes, sonst ganz unverändertes 
römisches s, §. 28. Also muss auch das zeichen .4 durch 
eine umkehrung entstanden sein. In seine ursprüng- 
liche Stellung zurückversetzt ergibt es sich als eine 
reine römische ligatur „si", die aus einem s mit der 
schleife und einem links angebrachten gekrümmten i 
besteht, §. 30, nr. 4: 



P' 



d. i. 



Y 



Form und lautliche geltung deuten im vorhinein auf 
eine Verwandtschaft mit nr. 46 X, s. In diesem .s fanden 



Wenn wir uns den fuss des s der am ende des 
§. 30 unter nr. 4 angeführten drei römischen ligaturen 
für si verschlungen denken, was bei dem römischen s 
fortwährend vorkommt, so erhalten wir geradezu diese 
hier vorliegende figur. 

Dies sjjecielle lat. s war von den Albanesen zu S 
gestempelt, das gekrümmte i zu j: also drückten sie z 
durch Sj aus. Wenn wir die combination A nach der 
natur der ganzen schrift von links nach rechts lesen, 
so steht j vor. y, sie ergibt sich als ^5 (nicht *;'). Dabei 
ist j mit seiner concaven seite nacli rechts gewendet, 
ganz entgegen seiner gewöhnlichen freien läge. Schon 
dieser eine umstand deutet darauf hin, dass dies zeichen 
einer Wendung unterlag, dass eine schon fertige ligatur 
von S mit folgendem j umgekelirt wurde. Im glag. z 
finden wir beide bestandtheile noch in ursprünglicher 
läge, es folgt j auf S, §. 1 12. Man halte an der wich- 
tigen thatsache fest, dass die ganze ligatur schon in 
der römischen cursive vorhanden war, nicht erst von 
albanesischen Schreibern aus den einzelnen bestand- 
theilen geschaffen wurde, dass mit einem worte der 
erste anstoss zur bildung eines als s gesetzten Zeichens 
in einer fertigen si (= ijyligatnr der mutterschrift zu 
suchen ist. 

Den platz, den alb. c, z in der reihe des alpha- 
betes einnimmt, weist entschieden auf dessen Ursprung 
als j enthaltende ligatur, während der andere bcstand- 
theil c, i ohneweiters ersichtlich ist. Alle albanesischen 
y'-ligaturen stehen neben und hinter ihren einfachen 
zeichen, i hinter ä (nr. 47, 46 des alphabetes, vgl. 
alb. i^, §. 31 und §. 64). So durchsichtig ist diese Ver- 
bindung, dass schon Hahn ihre bestandtheile X und ) 
errieth, auch ohne den wahren Ursprung des Zeichens 
zu kennen. Doch hat Hahn den von uns aufgestellten 
grundzug des z nicht erkannt. Ich bemerke daher 
ausdrücklich, dass das z in dieser form gesichert ist 

1. durch ihre wirkliche, wenn auch nur einmalige 
praktische anwendung in den gegischen handschriften, 

2. durch zwei formen der alphabete, 3. durch die rö- 
mische ligatur si und 4. die in den slavischen Schriften 
unter gewissen kalligraphischen Verkleidungen wieder- 
kehrenden nebenformen desselben alb. z, §. 112. Das 
von Hahn in den Alb. stud. als typisch aufgestellte z: 



J 



27 — 



ist wahrscheinlich auf grund der dritten einem alpha- 
bete entnommenen figur (tabelle, unter nr. 47) und 
anderen mir unbekannten alphabeten gebildet. Wir 
erwähnen es nur auf gruud seines Zeugnisses, durch 
unsere handschriften ist es nicht belegt. In diesem 
offenbar secundären ductus, wenn er überhaupt ernst 
zu nehmen ist, muss dasjf in folge einer unbedeutenden 
graphischen Veränderung die fortsetzung des rechten 
fusses des S geworden sein. Hahn hat die gegischen 
fragmente,^ wie auch sonst bemerkbar ist, nicht er- 
schöpfend durchforscht, da ihm anders die erste wich- 
tigere form des z nicht entgangen wäre. Nur diese 
handschriftlich wirklich bezeugte form benützen wir 
zu unseren späteren vergleichungen mit der glagolica. 
Es fragt sich: nachdem jy als 2 verwendet wurde, 
wie wurde fortan echtes sj bezeichnet, das die alba- 
nesische spräche ebenfalls kennt? Nicht durch eine 
ligatur, sondern j wurde neben s gesetzt: 

oder auch zufälligerweise an den rechten fuss des i 
gerückt: 



h 



(vgl. {cje „ich war" auf der vierten zeile des facsimiles 
des evangelienfragmentes der Alb. stud., sowie unsere 
tafel zu §. 1 „zufällige Verbindungen"). 

Alb. z ist graphisch als ein erweichtes i 
aufgefasst. Damit stimmt wirklich seine dem alba- 
nesischon eigenthümliche (von anderen sprachen ab- 
weichende) entstehung aus *'. A. Dozon, La langue 
chkipe, pag. 181: z (d): „quelquefois il represente un 
« (c) adougi, comme d-j-cbövis pour äÄibovjs aigle". Dies 
ist eigentlich die gewöhnliche entstehung des 2. Ca- 
marda, §. 106: asüp-t sand, neben iod^-i] alb. sie. 
öxpuc-tjs beschmutze, geg. dxpus-ijc; neugriech. a^oü-pfiov, 
alb. «couvY-t unschlitt, couv-j-s-a speckbeule, xc ^ cf = d 
(ibid. §. 103, Appendice, pag. 71). 

Es lag natürlich nahe, ein z durch ein moditl- 
cirtes s zu bezeichnen, schon wegen der allgemeinen 
ähnlichkeit der laute; dass man aber gerade ij wählte, 
darin liegt absieht und Überlegung. Ebenso wie die 
albanesischen schreiber das tönende s (Q als 
erweichtes s auffassten und durch sj bezeich- 
neten, §. 31, gaben sie auch das z durch 6j 
wieder, durch einen graphischen ausdruck, der 
ein weiches ^v darstellt. 

Es verhält sich z zu p so wie X za A, d. i. s zu 
sj (= Q wie s zu sj {= z). Die analoge bildung ist 
unverkennbar. Die graphischen ableitungen der beiden 
zeichen 'C, und z stützen sich wechselseitig; beide ent- 
standen aus zwei abarten lateinischer si-ligaturen, die 
eine als sj, die andere als sj aufgefasst. 

Nicht alle albanesischen dialekte besitzen ein z, 
die nicht sehr zahlreichen worte sind zumeist gegisch. 



Daher auch unsere schrift ihres z-zeichens halber einem 
solchen dialekte seit jeher gedient haben musste. Es 
darf uns bei der Seltenheit des z in der spräche nicht 
wunder nehmen, dass es in unseren wenigen gegischen 
blättern nur einmal vorkommt. 

Da sich neugriechische und albanesische laut- 
ei'scheinungen vielfach berühren, so bemerke ich 
schliesslich, dass einige neugriechische dialekte eben- 
falls den laut z entwickelten. Curtius, Studien, 4. 1. 
248, Deffner, Neograeca: „z sonus francogallicus j pro 
z invenitur apud Macedones et Epirotas. Idem tradit 
Devillius (pag. 85) de Zaconibus: zestö = i^sctoc;, EyM 
= OJvitis. Quae consonans utrum aliis quoque dialectis 
communis sit necne, dicere non possum." Auch im alba- 
nesischen entsteht manchmal 2 aus t. 

§. 33. Das albanesische mouillirte kj. 

Wir zeigten §. 7, dass ein lateinisches c als alb. k 
verwendet wurde; es ist daher natürlich, dass die be- 
kannte römisch-cursive ligatur ci 



G^q 



der ravennater Urkunden, insbesondere die mit dem ge- 
krümmten i, die geltung eines weichen kj (taf. zu §. 1, 
nr. 16) bekam: 



^ 



Der querstrich ist eine zugäbe der albanesischen 
Schreiber; über seine bedeutung §. 112. Sonst ist die 
ligatur so durchsichtig, dass sie schon Hahn in k und 
j zerlegen konnte. Für die geschichte der albanesischen 
schrift ist es wichtig, zu wissen, dass die ganze ligatur 
schon in der römischen mutterschrift vorhanden war. Für 
lat. ci = alb. kj ist der umstand bezeichnend, dass dem 
lateinischen c und ci in den sogenannten alten lateini- 
schen lehnworten das albanesische k und kj entspricht: 
läX.'pax, *paci, alb. xa/ji-a, lat. vicinus, tosk. (p/jivji-a, geg. 
(px(vj£-a, lat. fades, ^a-Ajc, lat. socius, cox-ou. — Die aus- 
spräche des lateinischen c vor e, i, ce, ci als ke, ki erhielt 
sich bekanntlich bis zu ende des weströmischen reiches, 
ja noch später bis in das 6. bis 7. Jahrhundert (Corssen, 
Ueber ausspr.-, I, 48; Diez, Gramm, d. roman. spr.', I, 
250 — 252). Dann erst begann man ze, si zu sprechen. 
Einen besonderen beweis für die gutturale ausspräche 
des c vor c, i bieten auch die ravennater Urkunden 
des 6. bis 7. Jahrhunderts, in welchen öfters lateinische 
formein und Wörter mit griechischen buchstaben ge- 
schrieben und c alsdann auch vor e, i mit k wieder- 
gegeben wird: oexet decem, le-/.;-: fecit, uEvoöTpr/.a'. veii- 
detricn, (is.r/.as.poii. fecerunt , ■Kav.v.av/.oq pacificus. Die gra- 
phische form und die ausspräche der albanesischen 
ligatur kj (ci) zugleich deuten somit darauf, dass die 
ersten albanesischen schriftbildner dies zeichen den 
älteren phasen der jüngeren römischen cursive, der 

4* 



28 — 



Schrift der raveniiatcr Urkunden entnahmen, welche 
überhaupt die hauptquelle der albanesischen schrift 
zu sein sclieint. Die entlehnuiig muss zu einer zeit 
stattgefunden liaben, als lat. ci noch ki (alb. kj) lautete, 
d. i. die ersten anfange der albanesischen schrift müssen 
vor das 7. Jahrhundert reichen. Noch im 5. Jahrhundert 
haben römische grammatiker die lautliehe geltung des 
c dem k so vollkommen gleich erachtet, dass sie den 
einen der beiden buchstaben für überflüssig hielten 
(Corssen a. a. o.). Es kann daher eine alte albanesische 
schreiberschule gegeben haben, welche den &-laut nicht 
wie die uns überlieferte elbassaner mit einem römi- 
schen c, sondern mit einem römischen k bezeichnete; 
den directen hinweis darauf werden wir in der glago- 
lica finden, welche, sonst in allen stücken mit der 
albanesischen inutterschrift übereinstimmend, dennoch 
in bezug auf den ausdruck des k abweicht. Glag. k geht 
nicht auf römisches c wie in der schrift von Elbassan, 
sondern auf ein römisch-cursives k zurück. — Fast 
alle albanesischen Orthographien transcribiren den hier 
behandelten laut mit kj, y.j: er kann in der jetzigen 
ausspräche von dem weichen macedobulgarischen k, 
das die bulgarischen liedersammler mit k oder kj be- 
zeichnen, und von dem litauischen weichen ki (jökio, 
tökio) nicht verschieden sein. Stellenweise wird er auch 
assibilirt gesprochen wie serbokroat. c. 

§. 34. Das albanesische -j-j. 

Diese ligatur entsteht aus •> h, dem unten ein j ) 
angehängt wird: 



1? 



(vgl. taf. nr. 27). Genau dieselbe form hat sie in der 
römischen cursive und den daraus hervorgegangenen 
Schriften nach Wattenbach, Anl. z. lat. pal., unter 
i, pag. 43, wo sie natürlich lii bedeutet. (In den raven- 
uater Urkunden habe ich diese ligatur nicht gefunden.) 

§. 35. Das albanesische mouillirte Ij. 

Die Zergliederung des albanesischen a ergab 
eine Verbindung zweier römischer cursiver l, welche 
streng stilisirt zu zwei einfachen verticalen zusammen- 
schrumpften: 



H 



Hier haben wir einen neuen beweis dafür: in Aj, 
dem gegentheil der harten (polnischen) mit verdoppel- 
ten II bezeichneten ausspi-ache, erscheint nur eine 
verticale : 



eine offenbar aus einem einfachen römisch-cursiven l 




und / ) bestehende Verbindung. Nur hat das j seine 
natürliche läge gewechselt, die concave seite ist nach 
rechts gerichtet, woraus ich schliesse, dass die ligatur 
nicht immer die jetzige form gehabt haben konnte. 
In der römischen mutterschrift entspricht ihr natürlich 
die bekannte häufige ligatur /('; 



s 



(ein l mit einem unten angehängten i) und dies mag 
auch ihre ursprüngliche form gewesen sein, da sie ganz 
und gar der geschichtlichen entwickelung der albane- 
sischen schrift neben römischen entlehnungen wie ci, 
si, Id entspricht. Warum das j dann später an die linke 
seite gerückt wurde, ist nicht klar ersichtlich: doch 
glaube ich den grund darin erblicken zu dürfen, dass 
man in dieser streng scheidenden und stilisirenden 
schrift der Verwechselung mit h ausweichen wollte, 
dem das li der ravennater Urkunden oft sehr ähnlich 
sieht. Vgl. die handschriftlichen formen des Ij auf un- 
serer tafel zu §. 1 unter nr. 15. 

§. 36. Das römisch-cursive t und seine 
Verbindungen mit s. 

W^ir werden in verschiedenen albanesischen und 
glagolitischen buchstaben, zumeist ligaturen, folgende 



römische / wiederfinde 



en: 



l 



Die ersten drei sind in den ravennater Urkunden ge- 
wöhnlich; die vierte zumeist in den jüngeren ausläufern 
römischer cursive (Sickel, Monumenta, I. VII, a. 796); 
je jünger das t ist, desto mehr nimmt es die form 
einer runden schlinge an (Sickel, I. VIII, a. 846), 
ebenso in der schrift der päpstlichen kanzlei. Ich be- 
merke, dass sich dieses (fünfce) entschieden kreis- 
förmige f auch schon hie und da in den ravennater 
Urkunden findet, wenn auch nur in Verbindungen: 
Marini, tab. XCII, z. 61 als fi (6. bis 7. Jahrhundert); 
( JhampollionFigeac, Chartes latines, I. coL, z. 6 in sti 
(a. 552). Dieses t ist für unsere vergleiche sehr wichtig. 
— Das letzte, z. b. bei Delisle, Notice sur un manus- 
crit meroviugien, taf. V, z. 12, in „ti-' (6. Jahrhundert). 

Eben diese in der schrift von Elbassan und der 
glagolica nachweisbaren speciellen züge des f sind der 
beweis, dass die uns überlieferte ganz junge griechi- 
sche form des albanesischen t, §. 23, ursprünglich 
lateinisch war. Die nähere begründung §. 125. 

Die römisch-cursiven ligaturen des t und s kehren 
in den albanesischen zeichen für Tä tS wieder. Nach 
§. 28 wurde eine gewisse abart des römischen s als 
alb. s gesetzt. 



29 



Römisches fs war daher geeignet, zum ausdruckö 
eines albanesischen ts (ti) zu dienen. Ich will der 
besseren übersieht halber vorerst die entwickelung der 
römischen ligatur fs kurz andeuten. 

Das ts der wachstafeln will ich nur als ältestes 
und zum verständuiss der übrigen hersetzen: 



rf 



(C. I. h., III. 2, pag. 936, in den worten „quot si".) 
Das gestreckte s ist einfach an das t herangerückt. 

Aus dem gestreckten s entwickelt sich das §. 25 
nr. 3 erwähnte mit dem durch die cursive Verbindung 
entstandenen ansatz (E. Ranke, Fragmenta versionis 
antehieronymianae, fasc. II, Membrana stutgardiensis I) : 

2. Ty 

Das ts der ravennater Urkunden : 




sr 



davon ist für unsere zwecke besonders hervorzuheben : 

4. 



cr~r 



(Marini, tab. VIII, Urkunde aus dem jähre 491 und aus 
dem ende des 6. Jahrhunderts.) — Schrift der ältesten 
päpstlichen bullen : ^ „ 



TT 



(Mabillon, Papyrus Benedicti, III, a. 855, z. 4 und 8.) 

§. 37. Die albanesischen t3. 

Sämmtliche abarten des albanesischen ta (slav. c) 
sind ligaturen, die aus einem lateinischen t und s be- 
stehen. Ihr graphischer werth ist ts , nachdem man 
ein lateinisches s zu s umstcmpelte, §. 28. Die Ver- 
bindung der zwei demente wurde nicht von den alba- 
nesischen schi'eibern geschaffen, sondern sie benützten 
dazu schon die fertigen ligaturen der niutterschrift. 
Man beachte folgenden interessanten umstand: während 
jenes lateinische zu alb. s gestempelte s X auf den köpf 
gestellt wurde, um es von demselben einst vielleicht 
auch als s gebrauchten s zu unterscheiden (§. 130), 
behielt dasselbe und auch das als & angewendete latei- 
nische s in der ligatur mit t seine ursprüngliche läge, 
d. h. die albanesischen t; sind reine, fast unveränderte 
römische ts. — Die erste abart, die 13. figur unserer tafel 
zu §. 1 unter nr. 42 : 

n 

zerfällt auf eine überraschend einfache weise in ein 
römisch-cursives verschlungenes f (viertes und fünftes t, 



§. 36) und ein unten mit der schleife versehenes latei- 
nisches s: 



^ l 



(vgl. §. 36 ts, nr. 4 und 6). Die abweichung ist so mini- 
mal, dass ein jeder lateinischer paläograph in diesem 
TS ein lateinisches ts erkennen muss. Dieses tö fand 
ich mitten im texte unseres horologiums nur einmal 
in den worten |j.e Tädo a/ocp „mit jedem geschlechte". 
Sonst gebraucht der Schreiber und ebenso die alpha- 
bete andere abarten. Die zweite oben offene abart 
(fig. 7, nr. 14 der tafel zu §. 1) : 



V- 



besteht aus einem lateinischen t (§. 36, fig. 6) und dem- 
selben s: 



T 



l 



(vgl. lat. ts, §. 36, fig. 4 und 6), nur ist das s nicht an 
den oberen querstrich des t, sondern an den fuss des- 
selben angeheftet. (Genau in derselben weise kann 
auch ein lateinisches i angeheftet werden an den hori- 
zontalen querstrich . des / oder auch an seinen fuss. 
Zwei treffliche beispiele dafür, welche die soeben an- 
gezogene <-form enthalten, Delisle, Notice sur un ma- 
nuscrit merovingien, pl. V, z. 12 und 30). 

Das dritte w (fig. 5, 6, 10, 11 der tafel) 



^ 



besteht aus einem / (fig. 6, §. 36), das wie bei der zweiten 
abart seinen oberen querstrich eingebüsst hat, und einem 
s ohne schleife (fig. 3, §. 25) : 



^ r 



das auch in der ligatur ps (§. 27) 

enthalten ist und hier seinen rechten arm ebenso ver- 
lor wie bei diesem -ä. Die erklärung dieser beiden 
ligaturen stützt sich wechselseitig. Nur besteht inso- 
fern ein unterschied, als das lateinische s in fs den 
werth s behielt, in diesem lis als s aufgefasst wurde. 
In der ligatur war keine gefahr einer Verwechselung 
vorhanden. 

Das vierte -.a endlich , das am häufigsten vor- 
kommende, dem Hahn allein beachtung schenkte. 



9 



ist mit dem lateinischen ts (fig. 3, §. 36) identisch. Auch 
hier ist nur der rechte arm des s verschwunden. 
Man vergleiche noch das siebzehnte Tä unserer tafel zu 
§. 1 bei nr. 14: 



? 



30 



Es ist mit demselben fetk-rzugc wie hit. ts (tig. 5, §. 06) 
gezeichnet und besteht aus denselben bestandtheilen : 
aus einem vollständig verschlungenen t , dessen Fort- 
setzung ein s ohne schlinge ist (mit verlust des rechten 
armes, vgl. die erste hier behandelte abart) ; der unter- 
schied besteht blos in der zufällig wechselnden form 
des lateinischen s. 

Alb. -ij entsteht theilweise aus k, sehr oft aber 
auch auf eine z. b. dem slavischen oder italienischen 
ganz fremde weise aus c durch hinzutritt eines 1 und 
umgekehrt, auch durch blosse zusammenriicku.ng von 
T und C7, wie schon (Jamarda hervorhebt, vgl. Oäas „ich 
sagte'' neben Oatcri ; 'vdpiTcJtjj. von dpi-ca licht. Statt dem 
c der 2. pers. sing. conj. TrAjavtc; erscheint auch tc: 
■rcXjaxTä ; ebenso im passiv : :iXjix.£ä , ■jcXjay.e-cä. Stamm- 
haftes T und suffixales z verfliessen in denselben laut: 
Hbpou-tjc ich knete, bildet den aorist von dem erwei- 
terten stamme [jibpouix, daher 1. pers. ind. ixbpo'Jii-a, da- 
von die 1. pers. conj. mit hilfe eines g: p.bpoutTca (Hahn, 
Gramm, pag. 77). Aus c + c entsteht lö : von 3=^, geg. 
vdsG ich zünde an, wird die 1. pers. aor. conj. mit äa 
gebildet: osTca, vgl. oAjaj, fXjsT ich spreche, und die 
2. pers. conj. o-AjaTc?. Dieses verhältniss von x — g — xg 
scheint darauf hinzudeuten, dass alb. ig physiologisch 
dem italienischen und slavischen c nicht ganz gleich 
ist oder doch ursprünglich nicht ganz gleich war. Seine 
beiden bestandtheile t und i mögen in der ausspräche 
mehr getrennt hervortreten. Auch das altbulgarische 
liiT (tj) setzt ein solches t& voraus, denn nachdem es 
einst so lautete, ist es nicht (wie im russischen) mit 
den anderen c der spräche verflossen, sondern unterlag 
der metathese. 

Diese entstehungsweise des albanesischen xg aus 
X und c betrachten wir selbst nur als einen secundären 
beweis, dass sich die albanesischen Schreiber konnten 
veranlasst fühlen, es durch eine ligatui" ti (ts) auszu- 
drücken ; das hauptgewicht verbleibt dem formellen 
paläographischen vergleich. Der sich griechischer lottern 
bedienende Kaballiotes (1770) gibtxt; durch xgg (cg = g); 
die Hahn'sche transcription xö kennen schon die Über- 
setzer des neuen testamentes (1827). 

Die albanesischen Schreiber haben die wechseln- 
den flüchtigen züge der cursiven mutterschrift strenge 
stilisirt und gewöhnlich nur eine form herausgegriffen; 
aber dieser eklektische Vorgang, der eigentlich die alba- 
nesische schrift schuf, ist auch nicht auf einmal und 
auch nicht bei jedem zeichen vollständig durchge- 
drungen. Es konnten auch mehrere abarten desselben 
Zeichens aus der mutterschrift entlehnt worden sein 
und später erstarren, wie in unserem falle. Die uns 
überlieferten strengen figuren der albanesischen schrift 
sind das resultat einer langsamen auslese. Einst stand 
auch diese schrift der flüchtigen, zwischen verschie- 
denen formen desselben Zeichens schwankenden cursive 



näher als jetzt. Die vergleichung mit der glagolitischen 
tochterschrift wird diese annähme erst recht bestätigen. 
Es wird sich ergeben, dass eine ganze reihe von zeichen 
bei den alten albanesischen Schreibern verschiedene 
wechselnde formen besass, dass diese schrift ihren an- 
fänglich cursiven charakter nicht auf einmal abstreifte. 



§. 38. Das albanesische de. 
Das zeichen de wird mit dreierlei zügen ge- 



schrieben : 



Ift 



(taf. nr. 43). Wir erkennen in allen drei klar ein cursiv- 
römisches d und s : 



ci ^ --^ ^ 



Die beiden d aus der randschrift des bischofs Maximin 
(5. Jahrhundert). Wir wählten mit absieht niedrigere 
«^-formen, weil die form des de; auf sie hindeutet; der 
hauptstrich des d ist in ihnen ganz verkürzt und ver- 
kümmert. Denkt man sich das über die schleife jetzt 
wenig hervorragende stricheichen verlängert, so treten 
die beiden bestandtheile d, s klar hervor. Ihre Ver- 
bindung wurde in der albanesischen schrift durch blosse 
zusammenrückung bewerkstelligt. Also entstand dö aus 
lat. ds, analog dem xg aus lat. ts. 

Das lateinische d erscheint bald mit geschlossener, 
bald mit offener schlinge. Demgemäss erkennen wir 
in dem ersten und dritten dG das geschlossene d, in 
dem zweiten das offene. Wir erinnern hier an unsere 
Worte über die zahlreichen abarten des xg, §. 37. 

In folge der Verkürzung des hauptstriches des d 
wurde der dem xg in gewissen formen so ähnlich, dass 
die späteren albanesischen Schreiber an eine äussere 
Scheidung der formen denken mussten (vgl. unsere 
tafel). Ursprünglich war es, wie wir bei xg bemerken, 
gleichgiltig, welches lateinische s in der ligatur als S 
gesetzt wurde, ob ohne schlinge oder mit der schlinge 
(nr. 3 und 4, §. 25). In unseren fragmenten bemerken 
wir das bestreben, xg in den von da weniger unter- 
scheidbaren formen mit dem s ohne schlinge, der da- 
gegen immer mit der schlinge zu schreiben, xg mit der 
schlinge sind wirklich nur ausnahmen , ich habe die 
wenigen fälle in die tabelle aufgenommen. 

Die erste der oben angeführten grundformen des 
dG, welche den rechten arm des »' verloren hat, 
verräth noch ausserdem das bestreben der Schreiber, 
dG von vdG zu scheiden. Wir erörtern dieses verhält- 
niss §. 49. 

Ein lateinisches d fanden wir schon früher in der 
albanesischen schrift, es wurde gewendet und bekam den 



31 — 



werth eines assibilirten 2: b, §. 12. Seine sclilinge 
war eckig, wie dies auch in römischer cursive vor- 
zukommen pflegt. In de ist dasselbe d enthalten, nur 
in ursprünglicher läge und geltung; seine schlinge 
aber ist rund, eine vom Standpunkte lateinischer 
Schrift sehr unbedeutende abweichung. In der strengen 
stilisirung der albanesischen schrift aber und in ihrer 
weiterentwickehing erzeugte sie einen grossen formellen 
unterschied. 



§. 39. 



Die albanesischen ligaturen lateinischen Ursprunges 
stehen in einem interessanten Verhältnisse zu den be- 
dürfnissen der spräche und der ganzen entstehung ihrer 
Schrift. Eine hervorstechende eigenschaft römischer 
verbundener schrift, welche die i-ligaturen zu ihren 
ältesten und am meisten charakteristischen zählt, fand 
in den bänden albanesischer Schreiber eine überaus 
fruchtbare anwendung. Ihre spräche mit der menge 
der erweichten consonanten brauchte mehr als irgend 
eine andere zu ihrer fixirung eine reihe von j-Iigaturen, 
und sie fanden dieselben schon fertig in der mutter- 
schrift (ein doppeltes si, dann hi, ci; ursprünglich be- 
stand wohl auch li). Fast immer ist es diese, welche den 
anstoss zu einer albanesischen ligatur gibt, selbst dann, 



wo ihrer die albanesische spräche entbehren könnte. 
,.st" ist gewiss keine in der albanesischen spräche so 
häutige combination , um eines besonderen Zeichens 
zu benöthigen, und doch hat das häufige typisch aus- 
gebildete st der römischen cursive den anstoss zu dem 
jetzigen zeichen des st gegeben. Dasselbe gilt von ps. 
Alle diese ligaturen verändern und entwickeln 
sich unabhängig von ihren bestandtheilen, die als ein- 
fache zeichen in derselben schrift fortleben. Lat. s wird 
gewendet, in der ligatur 'C, (= si, sj) erhält es sich in der 
ursprünglichen läge; von c? ^ 3 gilt dasselbe im ver- 
hältniss zu de, wobei die divergenz der formen mit der 
zeit noch grösser wurde ; in jys ist eine varietät des 
lateinischen s mit der geltung s enthalten, dieselbe, die 
in zwei abarten des xc S bedeutet; ja t als einfacher 
buchstabe wird gräcisirt, während es in der ligatur tcf 
mit erstaunlicher Zähigkeit an seinem lateinischen Ur- 
sprünge festhält, §§. 37, 125. Diese ligaturen sind in 
der albanesischen schrift so alt Avie die einfachen 
zeichen; sie waren vor ihr da; diese jetzt die zeichen 
ängstlich scheidende schrift ist aus einer fortlaufenden 
verbundenen entstanden. Der bestand dieser liga- 
turen verleiht der schrift von Elbassan ihren 
eigentlich römischen grün d Charakter ; der 
griechischen schrift wurden nur einzelne buch- 
staben entlehnt, nie ganze Verbindungen. 



Die griechischen hestandtheile der albanesischen schrift. 



40. 



lieber dem lateinischen grundstocke der albane- 
sischen schrift lagert eine zweite ungleich dünnere 
schichte, welche der (von Grardthausen so benannten) 
griechischen minuskelcursive der ältesten gattung aus 
dem anfange des 7. Jahrhunderts entnommen ist. Die 
zahl der lateinischen elemente verhält sich zu der der 
griechischen wie etwa 4:1. 

Die entwickelung der lateinischen schrift ist der 
der griechischen in allen wesentlichen punkten und 
selbst mit bezug auf die zeit gleich (Gardthausen, Bei- 
träge z. griech. pal. 5). Mit der jüngeren römischen 
cursive stimmt die schrift der griechischen papyrus- 
urkunden des Jahres 000 in jeder beziehung. Die flüch- 
tigen gestalten der buchstaben ß-ö, Z-d, v-jj, e-e, r^-h, 
■/.-k, 1-t, p-p, die hohe, oft gekrümmte figur des i, das 
mit seinen charakteristischen anhängsein, die es der 
Verbindung verdankt, die gelegentliche auflösung des 
e in zwei theile, ja ganze ligaturen, wie x'.-ti, st-et, 
oi-oi, der ductus, die art der Verbindung, alles dies 
kehrt in beiden Schriften in gleicher weise wieder. 
Man sieht, wie leicht elemente dieser beiden Schriften 



unter den bänden der ältesten albanesischen Schreiber 
zu einer neuen schrift verschmelzen konnten. Ich halte 
es nach läge, geschichte Albaniens, nach dem Zeug- 
nisse mehrerer albanesischer Schreibweisen oder Schrif- 
ten, und selbst der neuzeit, für selbstverständlich, dass 
römische und griechische schrift immer und auch zu 
jener zeit der cursive den Albanesen in ihrem eigenen 
lande zugleich bekannt und zugänglich war. 

Diese Verschmelzung ist theilweise so weit ge- 
diehen, dass ligaturen aus griechischen und lateinischen 
dementen entstanden, die relativ jüngsten gebilde der 
albanesischen schrift, die aber zumeist schon fertig 
waren, als die glagolica entstand. 

Die jetzt getrennte, ihrem cursiven Ursprünge 
ganz entgegengesetzte Schreibweise der albanesischen 
zeichen kann also kaum dadurch erklärt werden, dass 
in die römische cursive, denn das war eigentlich diese 
schrift, griechische elemente eindrangen und deren ver- 
bindbarkeit zerstörten. Bei der ähnlichkeit ihres ductus 
und Charakters hätten sie immerhin noch verbunden 
und verschmolzen werden können. Hier waren ganz 
andere Ursachen thätig, §. 5. 



32 — 



Aber ein anderer process, zugleich eines der un- 
erlässlichsten kriterien für das verst.ändniss der glago- 
lica, war eine folge dieser Verschmelzung. Die römische 
cursive starb einmal aus; griechischer einfluss, grie- 
chische Schrift, die im mittleren und südlichen Alba- 
nien ohnedies immer bestand, war für die weiteren 
Schicksale der albanesischen schrift fortan einzig und 
allein massgebend. Eben jene iihnlichkeit oder gieich- 
heit gewisser lateinischer und griechischer zeichen be- 
wirkte, dass zeichen, die ursprünglich lateinisch waren, 
unbemerkt gräcisirt wurden und so auf uns kamen. Wir 
zeigten, dass jenes junge griechische t der albanesischen 
schrift lateinisch war; in t7, weil gebunden in einer liga- 
tur, trotzte es der gräcisirung; glag. t ist rein lateinisch. 

Dieses fortwährende zusammenwohnen griechi- 
scher und albanesischer schrift in demselben lande war 
auch für einige echt griechische zeichen der albane- 
sischen schrift von zerstörender Wirkung. Einst nach- 
weislich in der form des 6. bis 7. Jahrhunderts ent- 
lehnt, kamen sie auf uns mit dem griechischen ductus 
des 16. und 17. Jahrhunderts. 

Wir erkennen z. b. in dem albanesischen -/, dem 
wir §. 20, b) diese form gaben : 



X 



zwar das griechische ■/_ aus dem jähre 600 (das bei- 
Läutig ebenso aussieht) ; aber es könnte schliesslich 
eben so gut von dem /. einer beliebigen griechischen 
minuskel abgeleitet werden, wenn wir nicht mit Sicher- 
heit vermuthen würden, dass es den Albanesen schon 
vor dem entstehen der minuskel bekannt sein musste, 
da es die glagolica in einer eigenthümlichen Verkleidung 
zu besitzen scheint, also nicht erst in den letzten Jahr- 
hunderten aufgenommen werden konnte. Die jetzt eben- 
so jungen formen des albanesisch-griechischen ■•{, §. 20, 
pp (= p), §. 47, finden in den glagolitischen doppel- 
gängern theilweise eine selbst formelle bestätigung ihres 
von uns vorausgesetzten älteren ductus. Indessen hat 
doch ein grosser theil der griechischen demente der 
albanesischen schrift eine form bewahrt, die nur aus 
der griechischen minuskelcursive des Jahres 600 er- 
klärbar sind; es sind dies zeichen, die, aus irgend 
einem formellen oder graphischen gründe frühzeitig 
erstarrt und typisch geworden, sich dem weiteren ein- 
flusse griechischer schrift entzogen. Eben diese fälle 
geben uns das recht, im allgemeinen die entlehnung aller 
griechischen elemente in jene alte periode zu versetzen. 

Unsere wichtigste quelle sind hier die griechischen 
papyrusurkunden aus dem jähre 592 — 616 n. Chr. 
(Die griechischen papyrusurkunden der k. bibliothek zu 
Berlin, A. Schmidt, 1842; Notices et extraits des 
manuscrits, XVUI, Paris 1865.) 

Von dem griechischen asper einiger albanesischer 
'zeichen, der wohl viel später aufgenommen wurde, 



haben wir schon oben t;. 19 gehandelt; auch alb. rv\ 
haben wir §. 16 c) aus einem griechischen zeichen 
erklärt. 

Die lateinische schrift Iconnte dem lautlichen 
reichthume der albanesischen spräche nicht genügen. 
Hierin suche ich den natürlichen grund, aus welchem 
die albanesischen Schreiber der römischen cursive grie- 
chische elemente beifügten. Dies lässt sich auch meistens 
in den einzelnen fällen mit einfachen graphischen und 
lautlichen mittein motiviren. Ich lege ein besonderes 
gewicht auf diese innere nothwendigkeit. Sie zeigt i;ns 
nicht bloss, wie die albanesische schrift entstand, son- 
dern auch, wie sie in einem lande, wo griechische und 
lateinische schrift neben einander bestand, im verhält- 
niss zu den lautlichen anforderungen entstehen musste. 
Die griechischen elemente sind gewiss auch nicht auf 
einmal und auch nicht gleichmässig in die ältere latei- 
nische schichte eingedrungen ; es gab wohl mehrere, 
wenn auch von einander nur wenig abweichende alba- 
nesische schreiberschulen oder redactioneu, wovon die 
glagolica noch jetzt ein zeugniss ablegt. 

§. 41. Das albanesische ou. 

In der ältesten minuskelcursive des Jahres 600 
bezeichnete man das ou dadurch, dass man das u auf 
das setzte, aber dieses zeichen wurde nicht immer 
angewendet ; oft begnügte man sich, das o vom ou durch 
einen darüber gesetzten kleinen strich zu unterscheiden : 

b Ö 

(Gardthausen, Gr. pal. pag. 179). Dieses stricheichen 

ist in der albanesischen schrift zu einem dicken punkte 

geworden : 

ö 

(vgl. nr. 5 der tafel). (Von den über dem punkte auf 
einzelnen figuren stehenden accenten und nasalzeichen 
ist natürlich abzusehen.) Einmal glaube ich auch in 
der griechischen schrift einen solchen punkt statt des 
strichelchens gefunden zu haben (Notices et extraits, 
pl. XLVII, z. 30: ^av-a/oü). Doch ist der unterschied 
so minimal, dass wir dieses beweises für die totale 
Identität beider zeichen gar nicht bedürfen. 

Wir bemerkten schon oben §. 21, dass das alba- 
nesische auffallend klein geschrieben wird, so wie 
oft auch in der griechischen (und lateinischen) cursive. 

Keine griechische Schriftart weder vor 
noch nach jenen papyrusurkunden kennt dieses 
anerkannt höchst charakteristische zeichen 
(Gardthausen, ibid. pag. 181), auch nicht irgend 
eine zweite schrift, welche zur vergleichung 
mit der albanesischen nur irgendwie herbei- 
gezogen werden könnte. Das ist der angel- 
punkt der datirung der griechischen elemente 
der albanesischen schrift, ja dieser ganzen 



— 33 



Schrift überhaupt. Dazu berechtigt uns die klare, 
ganz unzweifelhafte herleitung des albanesischen ov. 
Die lateinische schrift scheidet nicht u von v, ein 
mangel, den nichtlateinische Schreiber zu allen zelten 
fühlen mussten. Nachdem die Albanesen ein cursives 
lateinisches u als ü verbraucht hatten, §. 15, mussten 
sie daran denken, ein neues u und ein neues v zu 
bilden. Eine abart des lateinischen h, wurde v, §. 17, 
ein griechisches oj, für ti gebraucht — das ist auch 
der klare grund seiner aufnähme in die ursprünglich 
lateinisch-albanesische schrift. So haben die albanesi- 
schen Schreiber Jahrhunderte vor den nationalschriften 
jenem mangel abgeholfen, wie sie denn auch längst 
vor diesen zu einer äusseren Scheidung des i und j 
gelangten, §. 6. 



§. 42. Das albanesische helle £. 

Dieselbe minuskelcursive, welche dem albanesi- 
schen alphabete das oj lieferte, gab ihr auch das zeichen 
für das helle s. Ihr iota mit dem stricheichen : 



I 

ist ganz analog dem ou, alb.: 



(nr. 2 der tafel). 

Gardthausen, Griech. pal., pag. 186 : „Das iota der 
minuskelcursive war punktirt und nicht punktirt." In 
dem tetraevangelium des jahres 835 ist das allein- 
stehende iota immer punktirt. In anderen handschriften 
der ältesten minuskel lässt sich wenigstens ein schwan- 
ken zwischen dem punktirten und nichtpunktirten t 
nachweisen, bis dann für die zeit vom ende des 10. 
bis ende des 12. Jahrhunderts die punkte bei dem 
alleinstehenden t verschwinden und sich nur noch in 
den ligaturen dieses buchstabens erhalten." Aber in 
allen diesen föllen hat das t zwei punkte; selbst die 
minuskelcursive aus dem jähre 680 (ibid. taf. 4) , nur 
die älteste gattung derselben aus dem jähre 600 bietet 
ein i mit einem punkte oder eigentlich mit jenem auch 
über erscheinenden stricheichen. Es kann daher 
keinem zweifei unterliegen, alb. i ist aus der ältesten 
griechischen minuskelcursive entlehnt worden. 

Die römische cursive hat kein solches i. 

Das römisch-cursive n hatte die albanesische schrift 
gewendet und ihm die geltung eines dunklen £ gegeben, 
§. 8 ; das nicht gewendete römische e war einst auch 
vorhanden und gebraucht, aber als nasales e, und dieses 
zeichen hat die glagolica erhalten, §. 73. Man brauchte 
aber ein zeichen für gewöhnliches helles s. Das grie- 
chische s der minuskelcursive war aber unbrauchbar 
wegen seiner ähnlichkeit mit lat. e. Hiemit ist die auf- 
nähme dieses griechischen Zeichens motivirt, man setzte 

G eitler. Die albanesischen nnd slavisclien Schriften. 



es als e. Nach Camarda §. 30 sind übrigens i 
und £ im albanesischen häufige wechsellaute. 

§. 43. Das albanesische 9. 

Die figur des ß der ältesten griechischen minuskel- 
cursive deckt sich derartig mit dem albanesischen 9 
(nr. 21 der tafel), dass an der totalen formellen Iden- 
tität der beiden zeichen bei selbst minutiösen anfor- 
derungen nicht gezweifelt werden kann. Da sich zahl- 
reiche Vergleichungspunkte bieten, so wollen wir eine 
grössere anzahl dieser ß hersetzen. 

Notices et extraits, pl. XXV, z. 33, 40, 41, 45, 51 : 

6' iiud 6 

1 2 3 4 5 6 7 

ibid. pl. XXIV, z. 11, 15, 16, 26, 27, 30: 

S 9 10 11 12 13 

ibid. pl. XLVII, z. 8; Schmidt, papyrus I, z. 7, 24: 

U 15 16 

Aus der gewöhnlichen form des griechischen, 
z. b. uncialen ß, welche diese papyrusurkunden in einer 
ziemlich regelmässigen gestalt ebenfalls aufweisen, sind 
diese ß offenbar dadurch entstanden, dass die zwei 
halbkreise — wie sie noch bei nr. 5 theilweise sicht- 
bar sind — in der flüchtigen schrift in einen einzigen 
unregelmässigen bug verflossen. Dabei wurde ß von 
oben nach unten gespalten und zerfiel der länge nach 
in zwei hälften: nr. 2, 4, 6, 8, 9, 14. Eine weitere 
folge eines solchen nachlässigen ductus war es, dass 
die enden der linien sich nicht mehr schlössen, sich 
kreuzten, hervorragende anhängsei bildeten oder dass 
die ganze flgur offen blieb : nr. 1, 2, 3, 4, 6, 8, 9 u. s. w. 
Endlich laufen alle abarten oben in eine spitze aus, 
ganz entgegen dem ß der übrigen griechischen Schrift- 
arten. Flie und da bemerkt man, dass die rechte seite 
ganz unregelmässig eingeknickt, wie gebrochen er- 
scheint, nr. 2, 4, 10. 

Mit denselben werten möchte ich den graphischen 
Charakter des albanesischen 9 beschreiben : die ganze 
figur ist dieselbe ; der unregelmässige bug, der spitzige 
köpf, der oben und unten manchmal mangelnde schluss, 
die anhängsei oder aus der figur herauslaufenden, sich 
mitunter kreuzenden linien — es kehrt alles wieder. 

5 



34 



Insbesondere ist ur. 7 und 11 des ß die grund- 
lage des albanesisclien c überhaupt geworden; es gleicht 
am meisten jener form, die Hahn mit richtigem tacte 
als grundtbrm aus allen zügeii abstrahirte und die auch 
wir acceptirt haben: 

6 

Natürlich soll uns dieser steife, nirgends rein vor- 
kommende zug bloss an das albanesische c erinnern. 
Es gibt mehrere abarten des 9, denen ganz gleiche ß 
zur Seite stehen : das unten offene ß nr. 1, 3, S ist 
identisch mit 9 fig. 6, 8, 14 der tafel (unter nr. 21); 
das oben offene ß nr. 8, 14 mit 9 fig. 1, 2, 3, 12, 13; 
ß nr. 10, 16 ähnelt im besonderen dem 9 fig. 9, 10; 
in zahlreichen anderen fällen haben ß und 9 oben und 
unten hervorragende Knien, sich kreuzende striche, auf 
ganz gleiche weise ; vielfach ist 9 links wie eingeknickt, 
fig. 1, 2, 5, l'J, genau wie ß nr. 2, 4, 10, ein schon 
fast verschwindend kleines merkmal. Es ist erstaun- 
lich, mit welcher genauigkeit und Zähigkeit sich die 
federzüge dieser verzerrtesten und verwildertsten aller 
griechischen ß in der albanesisclien schritt seit mehr 
als tausend jähren erhalten haben. Bei solchen wenig 
abgegrenzten unsicheren formen würde man aller- 
ehestons einen verfall erwarten. Und gerade hier hat 
die albanesische schrift sogar mehrere züge erhalten ; 
es ist nicht einmal zu einer strengeren stilisirung einer 
einzigen form gekommen. Ich muss ausdrücklich hervor- 
heben, dass jede einzelne der von uns verzeichneten 
abarten des albanesischen 9 in den handschriften 
mehrere male vorkömmt, dass es nicht zufällige feder- 
züge, sondern ziemlich feste formen sind, von denen 
jede einzelne den -vergleich mit der mutterschrift heraus- 
fordert. 

Dieselben griechischen papyrusurkunden haben 
noch zwei andere bedeutend regelmässigere formen 
des ß (Gardthausen, Griech. pal., taf. 4), welche für 
die weitere entwickelung der griechischen schrift als 
eigentlich historische bindeglieder massgebend wurden. 
Nur diese werden von griechischen paläographen ge- 
wöhnlich beachtet und angeführt, während gerade jene 
verwilderten formen für unsere zwecke ausschliessliche 
Wichtigkeit haben. ') Sie verschwanden aus der grie- 
chischen schrift der nachfolgenden zeit, und dieser 
umstand mag zugleich mit der abweichenden lautlichen 
geltung, ß = 9, das albanesische 9 vor jedem weiteren 
einflusse der griechischen schrift bewahrt haben, so 
dass es noch jetzt in dieser alten form vor uns steht. 
Nur noch einmal erscheint in späterer zeit (11. jahr- 



') Das „regelmässigere" ß der minuskelcursive war dem gleich- 
zeitigen römischen 4, das die albanesischen Schreiber in der geltung 
;j.b aufnahmen, §. 16, so ähnlich, dass dessen gebrauch in der alba- 
nesischen schrift ausgeschlossen war; darin erblicke ich den grund, 
warum gerade jene an und für sich unbedeutende verwilderte abart 
des ß gewählt wurde. 



hundert, Gardthausen, Griech. pal., taf. 8) ein griechi- 
sches ß, das dem unseren insofern ähnlich ist, als in 
ihm die zwei halbkreise in einen bug verflossen, wie 
denn überhaupt in der jüngeren minuskel viele alte 
Züge scheinbar oder auch wirklich wieder auftauchen. 
Doch ist die ähnlichkeit bei weitem nicht so gross, 
als dass wir nur irgendwie grund hätten, alb. 9 von 
diesem jüngeren und nicht von jenem älteren ß abzu- 
leiten und uns der zahlreichen Vergleichspunkte zwi- 
schen alb. 9 und ß der minuskelcursive zu begeben. 
Die geschickte des albanesischen v, wo man in einen 
ähnlichen zweifei geräth, bietet für unseren schluss 
eine sehr instruetive analogie, §. 48. 

Alb. 9 ist seinem graphischen Ursprünge gemäss 
höher als die kleinen buchstaben; nur in dem einen 
gegischeu fragmente wird es mitunter sehr niedrig 
geschrieben, die einzige spur eines formellen Verfalles 
in seiner langen Vergangenheit. 

Man würde wohl geneigt sein, die mutterform 
des albanesischen 9 vor allem anderen in irgend einem 
lateinischen oder griechischen/ zu suchen: ich habe 
keine nur irgendwie vergleichbare abart gefunden. 
Warum die albanesischen Schreiber zur bezeichnung 
ihres / nicht zu einem lateinischen oder griechischen/ 
griffen, ob sie es je hatten und wieder aufgaben, so 
dass sie ein anderes, wenn auch lautlich ähnliches 
zeichen wählten, konnte ich nicht ergründen. Merk- 
würdig ist es, dass die bezeichnung des / in dei' gla- 
golica sehr unsicher und schwankend ist, §. 146. 

Wir haben uns bei der graphischen herleitung 
des albanesischen 9 vorerst nur durch die äussere form 
bestimmen lassen und glauben damit in einer paläo- 
graphischen Untersuchung den richtigen weg einge- 
schlagen zu haben. Dennoch können wir die vermuthung 
aussprechen, dass die albanesischen Schreiber irgend 
ein lautlicher process bewegen konnte, ein griechisches 
ß für 9 zu setzen, etwa so, wie das albanesische 
schwache r ursprünglich ein lateinisches n war. Dies 
mag natürlich erscheinen in einer spräche, welche, 
wie fast keine zweite, die grenzen aller labialen ver- 
wischte. Soll aber das griechische ß des 6. bis 7. Jahr- 
hunderts den Albanesen wie h oder v geklungen haben? 
Es hatte wahrscheinlich schon die neugriechische 
geltung. 

Alb. 9 und ß (= «) schwankt manchmal: geg. 
ß?c7£7,{v und geg. 9000X17 ich pfeife (Hahn^ Gramm., 
pag. 18). Alb. 9 entsteht etymologisch aus v: 9=??« = 
lat. vepres (pi' = pp, Camarda, §. 53). — 9s>'-i''vja (ibid. 
§. 65) = lat. vicinia. — Alb. ß (v) entspricht griech. 
9: ßXa, griech. 9paTr,;, lat. f rater (verkürzt wie ital./ra). 
Das Casussuffix -ßs gen. dat. pl. neben altgriech. -91. 

Alb. h entsteht manchmal aus griech. 9; mehrere 
sichere und interessante alte werte bei Camarda, §. 52. 



- 35 



Es ist auch die möglichkeit in erwäguug zu ziehen; 
ob nicht die albanesischeu Schreiber griech. ß (v) in 
einer sporadischen geltung des viilgärgriechischen als 
/ auffassten. Vgl. calabrisch-griechisch flnsfimia, vlas- 
ßXaooY;[/io(, Pellegrini, II dialetto greco-calabi'o; Foy, 
Lautsystem der griechischen vulgärsprache, pag. 32: 
tpapSu«; aus ßfaäu;. 

§. 44. Das albanesische 0. 

Der nach englischer und neugriechischer weise 
assibilirte albanesische laut entspricht dem griech. 
in entlehnten und in etymologisch urverwandten werten ; 
er ist denselben Veränderungen wie im vulgärgriechi- 
schen aller Zeiten unterworfen, er wechselt mit 9 und c. 
Hiemit ist die aufnähme dieses griechischen Zeichens 
in die ursprünglich lateinische schrift motivirt. 

Die älteste minuskelcursive hatte ein doppeltes 
theta: ein geschlossenes unciales und ein geöffnetes, das 
vornehmlich in der Verbindung und aus dem bestreben 
entstand, das oval mit dem querstrich in einem zugo 
zu schreiben. Beide mussten ursprünglich in der alba- 
nesischeu schrift unterschiedlos als ganz bedeutungs- 
lose Varietäten neben einander bestanden haben. Dies 
schliesse ich aus dem umstände, dass das geschlossene 
6 (mit der geltung z §. 144) in der glagolica, das ge- 
öffnete in der schrift von Elbassan erhalten ist. Das 
geschlossene theta der griechischen minuskelcursive 



1. 



t^^ 



öffnete sich auf verschiedene weise; rechts unten: 



'■^ 



in Verbindungen wie lO, [ji) (Notices et extraits, pl. LI, 
z. 9, 28), worauf der köpf auch ganz zur runden 
schlinge wurde, das prototyp des modernen minuskel- 
theta : 



,. 5 



(Gardthausen, Griech. pal., taf. 4); rechts oben: 



-^ 



(Notices et extraits, pl. XXIII, z. 4; pl. XXIV, p. 31; 
pl. XXV, z. 39), auch als selbstständiger buchstabe. 
Diese letztere für die spätere entwickelung der gi'ie- 
chischen schrift bedeutungslose nebenform wurde merk- 
würdiger weise gerade die grundform des albanesischen 



theta: 



o. 



% 



Mau vergleiche die Verwendung jener verwilderten 
abart des ß als alb. <p. Dieses albanesische theta ist aus 



dem soeben angeführten griechischen offenbar dadurch 
entstanden, dass man den querstrich und den rest des 
ovales mit einem zuge schrieb, wodurch eine runde 
schlinge entstand, also ganz analog jenem mehr mo- 
dernen griechischen 0, nur hat sich seine schlinge an 
dem entgegengesetzten ende herausgebildet. Der gra- 
phische fortschritt von nr. 2 zu 3 ist genau der.selbc 
wie von nr. 4 zu 5. Der obere theil des albanesischeu 
endet zumeist sichtlich in eine spitze (vgl. nr. 37 
der tafel, hg. 2, 4); sie ist der nachklang des in der 
minuskelcursive und ältesten minuskel meist spitzigen 
uncialen 0. Bei dem hier angeführten griech. nr. 3 
ist diese spitze unten. 

§. 45. Das albanesische d. 

Auf den richtigen ausgangspunkt zur erklärung 
des albanesischen d weist schon Hahn hin: „c^ und / 
sind im albanesischen wechsellaute" (Alb. stud., 
pag. 284), doch können wir seinen sonstigen verglei- 
chungen nicht zustimmen. Das albanesische d 



\ 



(nr. 35 der tafel) ist ein griechisches lambda der ältesten 
minuskelcursive 



A.>- 




(Notices et extraits pl. XXIV, z. 10 u. s. w.; die übrigen 
zur minuskel hinüberleitenden abarten haben für unsere 
zwecke keine bedeutung). Diese lambda der minuskel- 
cursive haben ihre ursprüngliche pyramidale (unciale) 
gestalt noch ziemlich gut bewahrt; noch mehr tritt 
dies in der steiferen albanesischen form hervor. Doch 
dürfen wir daraus nicht scliliessen, dass es etwa direct 
der unciale entlehnt sei. Die albanesische schrift be- 
sitzt überhaupt keine uncialen griechischen demente. 
Die form des albanesischen d. hat sich seit tausend 
Jahren nicht verändert, denn schon die glagolica besitzt 
es als d in der von mir so benannten c^ja-ligatur, §. 124. 
Dadurch ist, wenn wir unseren Untersuchungen vor- 
greifen düi-fen, seine existenz vor dem 9. Jahrhundert 
gesichert. Ein derartig gestaltetes lambda aber konnte 
in jenen zeiten der griechischen schrift nur der unciale 
oder der minuskelcursive entlehnt worden sein, da die 
älteste minuskel entschieden andere formen aufweist. 
Nach allem, was wir über die herkunft der griechisch- 
albanesischen demente wissen, kann die wähl nicht 
schwer sein. 

Die Setzung eines lambda für d hat in der 
entwickelung der albanesischen schrift eine 
merkwürdige und schlagende analogie in der 
bezeichnung des schwachen -■ durch ein lateini- 
sches n, §. 11. 



— 36 — 



Hahn, Gramm., §. 3, nr. 20, und Camarda, §. 83 
geben beispiele für das schwanken zwischen B und X. 
(vgl. auch Miklosich, Alb. tbrschungen II, pag. 84). Da 
assibilirtes o aus d entsteht und damit abwechselt, ist 
auf einen älteren Wechsel d — X zu schliessen. Meistens 
ist der dental, manchmal die liquida der etymologisch 
ältere laut. Alb. /a'y.j-£ = griech. oiy.y); ciXs neben 
oijSs, griech. öäi?; ppäXö = griech. päBioc; tptXö-ijc neben 
(piS6-!J£ ich fange an. 

d — A schwankt bekanntlich im alt- und neugrie- 
chischen. Chalkiopulos, De souorum affectionibus in 
dialecto ueolocrica. Deffner, Neograeca (Curtius stud., 
4, 1, pag. 249) im zakonischen; im calabrischen dia- 
lekte entsteht dd aus X und XX. 

Die albanesische schrift entlehnte ein lateinisches 
d in der geltung eines assibilirten o, §. 12; eine nuance 
desselben d ist in der ligatur de mit der rein dentalen 
geltung enthalten, §. 38. Da man auf diese weise das 
lateinische c^-zeichen verbrauchte, so scheint es, dass 
man zum ausdrucke des reinen dentalen ein neues 
zeichen brauchte, wofür man den lautlichen doppel- 
gänger des d, nämlich l, am geeignetsten hielt. Sicher 
ist folgendes: 1. vom rein formellen Standpunkte ist 
die Identität des albanesischen d und griechischen X 
ohneweiters zuzugestehen; 2. sprachliche erscheinuugen 
haben wie bei dem zeichen schwach p die Verschiebung 
des graphischen werthes des griechischen X unterstützt; 
3. schon die glagoliea hat dasselbe zeichen in der gel- 
tung d, §. 124. 

§. 46. Das albanesische a. 
Das albanesische a 

V 

ist ein auf den köpf gestelltes a der griechischen mi- 
nuskelcursive: 

(Notices et extraits, pl. XXIV, a. 616). Gardthausen, 
Griech. pal., taf. 4, charakterisirt das a der minuskel- 
cursive durch ganz andere, für die entwickelung der 
griechischen schrift unzweifelhaft wichtige nebenformen, 
unsere zwecke aber erheischen gerade die vergleicliung 
der obigen a. Die Ursache der umkehrung des albane- 
sischen a werden wir aus gewissen glagolitischen er- 
scheinungen zu errathen suchen, §. 80. 

Ich bemerke, dass die form des albanesischen a 
aus der unciale nicht abgeleitet werden darf und aus 
den minuskelgattungeu nicht erklärt werden kann. — 
Ein iudirectes zeugniss für das hohe alter dieses um- 
gekehrten a ist die albanesische ligatur as, §. 53. 



§. 47. Das albanesische starke pp. 



Das zeichen 



s 



ist ein modernes griechisches rho (vgl. nr. 20 der tafel). 
Seine junge graphische form schliesst nicht die mög- 
lichkeit seines bestehens schon bei den ältesten alba- 
nesischen Schreibern aus. Neben den übrigen albanesi- 
schen entlehnungen besitzt dieses rho schon die älteste 
glagoliea des 10. Jahrhunderts, §. 117. Dann wird dies 
zeichen einst in der albanesischen schrift in einer ent- 
sprechend älteren form bestanden haben, und seine 
jetzige junge gestalt verdankt es nur den nachfolgen- 
den einflüssen der sich fortwährend verändernden grie- 
chischen schrift, welchen sich die albanesische ins- 
besondere bei zeichen, deren grundzug wie z. b. bei 
p zu allen zeiten so ziemlich derselbe blieb, nicht 
entziehen konnte. Vgl. alb. y_, §. 40, alb. t, §. 23, 
zeichen, welche an den jüngsten fortschritten der grie- 
chischen schrift theilnahmen und dennoch die ältesten 
ausgangspunkte besitzen. Einst wird das albanesische 
p die gestalt des p der griechischen minuskelcursive 
gehabt haben, der die meisten griechischen demente 
der albanesischen schrift entlehnt sind. 

Es gibt zwei albanesische r-zeichen: 

1. ein schwaches p, das seiner etymologischen 
herkunft nach n ist und graphisch ursprünglich auch 
ein (lateinisches) n war, §. 11; 

2. ein starkes pp. Es entsteht etymologisch aus 
r und ist auch graphisch ein echtes i'-zeichen: ppäXs 
= griech. päoio?. 

In anderen fällen entsteht starkes pp durch assi- 
milation aus py., p;:, xp und ähnlichen gruppen: appi-oj, 
griech. apv.xoc, Suidas: apy.o? (Stier, Die albanesischen 
thiernamen, Zeitschr. f. vgl. spr., XI, 146); [i-ipp-i-, 
griech. \j.dpr.xM; vjeppt, griech. [J-e/P' (Camarda, §. 96, 
101), woraus ebenfalls auf eine stark rollende aus- 
spräche dieses pp zu schliessen ist. Die ältesten alba- 
nesischen Schriftsteller (Blanchus 1635) schreiben daher 
diesen laut ganz zutreffend mit rr, pp; ein orthographi- 
sches Seitenstück zu dem II (für hartes l) derselben 
quellen, das in der schrift von Elbassan ebenfalls mit 
einem doppelten^^ wiedergegeben wird, §. 14. 

§. 48. Das albanesische v. 

I Für den laut n gebrauchten die albanesischen 

Schreiber ursprünglich ein lateinisches zeichen; als 
aber dieses durch einen sprachlichen process in die 
geltung schwach p vorrückte, §. 11, wählte man zum 
?i-zeichen ein griechisches ny: 



V 



(nr. 41 der tafel). Dieses spitzige v ist bekanntlich das 
kennzeichen der jüngsten miuuskel des 13. bis 14. jähr- 



— 37 



hunderts. Vom 9. bis 12. Jahrhundert sind ganz an- 
dere formen im gebrauche; noch in neuester zeit 
zweifelte Wattenbach (Anl. z. griech. pal.), ob das 
spitzige V überhaupt vor dem 12. Jahrhundert nach- 
weisbar ist. Und doch ist es unmöglich anzunehmen, 
dass alb. v erst aus der griechischen schrift des 13. 
bis 14. Jahrhunderts entlohnt worden sei, da es schon 
in einer glagolitischen ligatur, genau in dieser form, 
enthalten ist, §. 79, 82. Gelingt uns dies nachzuweisen, 
so muss für alb. v eine bedeutend ältere grundlage 
gesucht werden, denn so viel wird man auch ohne 
besondere beweise zugestehen, dass die entstehung 
der glagolica, d. h. ihre abzweigung von der albanesi- 
schen mutterschrift zum mindesten vor das 10. und 
11. Jahrhundert fällt. Hier kommt uns eine erst in 
neuester zeit gemachte, für unsere zwecke unschätz- 
bare entdeckung entgegen: Gardthausen hat die exi- 
stenz jenes griechischen spitzigen v in der miuuskel- 
cursive schon für das 8. Jahrhundert nachgewiesen. 
Ueber das verhältniss dieser zweimal zu ganz ver- 
schiedenen Zeiten auftauchenden form siehe desselben 
Griech. pal., pag. 179; Beiträge z. griech. pal., 11. 

Alb. V ist also, wie fast alle griechischen de- 
mente dieser schrift, der minuskelcursive entnommen, 
und zwar im gegensatze zu ou, s, o, 0, a, 8 einer jün- 
geren gattung (des 8. jahrhimderts) derselben, woraus 
man wohl schliessen kann, dass die griechischen de- 
mente in die ursprünglich lateinische schrift nur all- 
mälig eindrangen. 

§. 49. Die albanesischen v-ligaturen. 

Die lautgruppen v-j-, vd, v-jj, vds, vdc sind im albane- 
sischen so gewöhnlich, dass sie albanesische Schreiber 
als selbstständige lautcomplexe auffassen konnten, denen 
auch ein einziges zeichen in der schrift gebühre, vd 
und v-f ist selbst im anlaute häufig, v ist mitunter ein 
euphonischer zusatz, ebenso d (Camarda, §. 94 und 95). 
Dies sind die jüngsten bildungen der albanesischen 
schrift, eigene producte ihrer Schreiber, denen kein 
prototyp in den mutterschriften zur seite steht. Anderer- 
seits sind sie dennoch in einer so frühen zeit ent- 
standen, dass sie einen festen platz in der reihe des 
alphabetes bekamen: sie stehen immer hinter dem ein- 
fachen zeichen. 

vd, v-j-, v-jj kann man leicht in ihre bestandtheile 
zerlegen : 



w[S ^ 



(nr. 26, 28, 36 der tafel). 

Nur vdc und vdc wollen wir der Vollständigkeit 
halber näher betrachten, denn eine besondere bedeu- 
tung z. b. für den vergleich mit der glagolica kommt 
auch diesen zeichen nicht zu. vdc haben wir §. 22 

Z 



als eine Zusammensetzung des asper und eines lateini- 
schen z erklärt. Ich glaube aber, dass es ursprünglich 
das zeichen für den laut der war. Als die jungen v-li- 
gaturcn aufkamen, setzte man das ganze zeichen für 
vd?, indem man sich v in dessen unteren theile 
enthalten dachte, daher man der Unterscheidung 
halber dasselbe zeichen verstümmelte: 

7 

und weiterhin für ds gebrauchte. Die alte form 
ist in dem anscheinend jüngeren zeichen enthalten. 
Wollte man aber wirklich den umgekehrten weg ein- 
schlagen — wie Hahn that — 7 als ursprüngliches 
zeichen annehmen, von da durch anfügung des v an 
den unteren theil zu z gelangen, so erhielten wir in 
y nach nothwendiger ausscheidung des asper eine mit 
keinem bekannten graphischen demente vergleichbare 
ligur und beraubten uns jeder möglichkeit einer er- 
klärung, die doch mit hinsieht auf die mit dem lateini- 
schen z fast identische lautliche gdtung des Zeichens 
ganz nahe liegt. 

Auf vdc passt dieselbe erklärung. Das zeichen 
(nr. 44 der tafel) 



besteht aus einem (verkürzten) lateinischen d mit etwas 
geöffneter schlinge und einem lateinischen s (S) (§. 25 
nr. 4) der form: 



^ 



es ist daher eigentlich ein de und von der zweiten, 
§. 38 erklärten abart desselben gar nicht verschieden. 
Als man aber die v-ligaturen bildete, dachte man sich 
das V in dem oberen theile des lateinischen s (s) vir- 
tuell enthalten und setzte die figur für vdc. Da sie 
aber von de unterschieden werden musste, wurde dieses 
verstümmelt: 

vgl. die erste und zweite form des de unter nr. 43 der 
tafel (wie man wiederum dem in gewissen zügen dro- 
henden zusammenfallen des tc und de begegnete, darüber 
§. 38). Diese Unterscheidung des de und vdc gilt aber 
nur für die Hahn'sche redaction der albanesischen 
Charaktere, der in dieser beziehung ein solches aiphabet 
musste benützt haben. Die mir zugänglichen, in diesem 
punkte, wie ich glaube, unvollständigen alphabete haben 
diesen unterschied nicht. Auch die gegischen fragmente 
scheinen vde gar nicht anzuwenden, daher sie auch 
solche dc-formen bieten (3. 4. 5. 6. tigui'), welche nach 
Hahn eigentlich vdc bedeuten sollten, vdc war wohl 
nicht allgemein gebräuchlich, oder es hat die junge 
schon verwilderte schrift diesen ohnedies künstlichen 
unterschied wieder aufgegeben. Für die erforschung 
der glagolica haben diese zeichen keine bedeutung. 



38 



§. 50. Das albanesische omega. 

Griech. w ist in der albanesischen schrift ebenso 
überflüssig wie z. b. in der cyrillica. Im gründe la- 
teinisch, hatte sie nie eigene zeichen für lange vocale. 
w wird in den nianuscripten ausschliesslich als inter- 
jection gebraucht, und wird ganz entsprechend dem 
griechischen lo öfter mit dem circumflex geschrieben, 
den Hahn fälschlich für einen integrirenden bestandtheil 
seiner iigur hielt. Es ist aus einem uncialen omega: 

w 

durch Verbindung der zwei unteren spitzen entstanden : 

und bietet somit eine höchst willkommene, sichere 
analogie für die graphische Veränderung, welche das 
wichtige zeichen iv\ b aus der ganz ähnlichen (nur um- 
gekehrten) figur des griechischen \>. der minuskelcursive 
schuf, §. 16. Offenbar haben die albanesischen Schreiber 
an solchen tiguren gefallen gefunden; den anstoss dazu 
gaben die zeichen: 

€ ^ 

Zur zeit der abzweigung der glagolica war omega 
im albanesischen alphabete nicht vorhanden, §. 87, 88 ; 
von b (m) lässt sich direct nachweisen, dass es damals 
noch die ursprüngliche form mit unverbundenen spitzen 
hatte, §. 120. Diese unbedeutende Veränderung des 
albanesischen w und b ist offenbar ganz jung und zu- 
gleich der einzige graphische versuch der albanesischen 
Schreiber, zeichen der mutterschrift auf eine selbst- 
ständige weise umzuändern. 

§. 51. Das zeichen c-i (nr. 45) 



ist eine junge form des griechischen stigma. In den 
gegischen fragmenten wii'd statt dessen auch bloss z S 
geschrieben. Schrift und spräche könnten dieses Zeichens 
entbehren. Einen rein äusserlichen anstoss zu seiner 
aufnähme in die albanesische schrift mag die in römi- 
scher cursive so häufige ligatur st gegeben haben, 
d. h. es ist möglich, dass irgend eine abart der la- 
teinischen ligatur st ursprünglich diesen dienst versah. 
Als aber eine abart derselben die geltung st bekommen, 
§. 29, mag ein griechisches c-: an deren stelle getreten 
sein, da man das zeichen für st vielleicht nicht auf- 
geben wollte. 

§. 52. Die ligatur vj (nr. 50) 

besteht aus einem griechischen v und einem gekrümmten 
lateinischen i (= j).: 

V } 



Dieses zeichen ist wegen seinem buchstabennamen 
njan, §. 66, und seinen beziehungen zur glagolica eine 
der merkwürdigsten erscheinungen des albanesischen 
alphabetes. 

§. 53. Die ligaturen -| und ac. 
Das zeichen nr. 49 



% 



besteht aus S und ^. Es ist ein compendium für die 
albanesische partikel -t (dass, damit), die sehr häufig 
angewendet wird. Mit ausnähme des omega sind alle 
drei letzten zeichen des nach einem bestimmten plane 
geordneten albanesischen alphabetes ligaturen für ge- 
wisse wörtchen. (Dies werden wir für v/ besonders 
nachweisen.) 

Dasselbe gilt von ai nr. 51 

das durch zusammenrückung eines 7. und 3 entstand ; 

V 2. 

Es ist ein compendium für die partikel 7.c „nicht", die 
man besonders im anfange des satzes anwendet. Wie 
alt diese ligatur ist, mag man daraus entnehmen, dass 
ihr name as als 43Ti in den slavischen alphabeten seit 
jeher besteht. Also wird auch wahrscheinlich ihre 
form sehr alt sein : diese aber setzt schon ein auf den 
köpf gestelltes v. und ein gewendetes s voraus, woraus 
wieder geschlossen werden kann, dass die Veränderung 
der läge dieser buchstaben in die ältesten Zeiten der 
albanesischen schrift fällt. 

§. 54. Die grosse der albanesischen buchstaben. 

Es ist ein charakteristisches merkmal der glago- 
lica, dass alle ihre buchstaben gleich hoch geschrieben 
werden ; alle stehen auf der zeile, keiner hat eine ober- 
lange, keiner eine Unterlänge. Dieser zustand ist die 
folge einer secundären, von den ältesten schriftbildnern 
durchgeführten Veränderung, wodurch sich die glagolica 
von ihrer albanesischen (beziehungsweise römischgrie- 
chischen") mutterschrift scharf abhob. In der uns erhal- 
tenen schrift von Elbassan dagegen sind die alten 
grössenunterschiede der griechischen und römischen 
buchstaben noch merklich erhalten, sie schliessen sich 
so ziemlich an die ober- und Unterlängen der beiden 
muttersehriften des 5. — 8. Jahrhunderts an, ein neuer 
summarischer beweis unserer graphischen ableitungen 
und des conservativen Charakters der albanesischen 
schrift überhaupt. 

Der kleinste buchstabe ist, wie auch oft in der 
römischen und griechischen cursive : 

ö 
ov 



— 39 



die kleinen überhaupt: 

a £ i y. p j ■/_ yj d vd b v vj ac: o) c 

die Oberlänge folgender buchstaben ist durch unsere 
vergleiche motivirt: 

^ 2 i' f h d b 1^ Ij 1 5 <V 'iJ 

£ TU ß [J. Y V-f VYJ 1 [/b TS 

insbesondere ist das hohe §, weil es ebenfalls hoch in 
der römischen cursive erscheint, zu beachten; x ist 
erst nachträglich so hoch geworden; alb. 6 setzt wenig- 
stens ein griechisches 6 mittlerer höhe voraus; 

•j 

wird manchmal niedrig, manchmal aber auch höher 
geschrieben, als man nach der grundform erwarten 
würde ; begründet ist die Unterlänge in : 



die zeichen : 



P / V y g 1 

i^ C Y TiZ TG dÜ 



hatten einst Unterlänge, kamen aber durch eine um- 
kehrung auf die zeile ; mittlere länge haben : 

H <1 S- X 5 
X ),] y.j y '^' 

ebenso, wie es scheint, de und vdc : 

r z. 
\ und Xj haben verhältnissmässig wenig von ihrer ehe- 
maligen hohen gestalt bewahrt. Die Unterlänge desp, 
die auch schon in lateinischer schrift manchmal schwin- 
det, wurde in 

u 

(§. 10) vernachlässigt. Das einst üben-agende latei- 
nische d in der ligatur de, vdc 

1- 
verkürzte sich einfach durch den graphischen verfall, 
der auch gelegentlich die grössenverhältnisse der an- 
deren buchstaben verwischt. Das 9 

6 
ragt, seiner grundform einem'griech. ß gemäss, gewöhn- 
lich über die kleineren buchstaben, ist aber auch mit- 
unter sehr niedrig. 



Die geg-ischen fragmente. 



§. 55. 

Von einer der merkwürdigsten und ältesten 
Schriften Europas, welche die westlichen iVIacedobul- 
garen, die unter allen slavischen Völkern zuerst worte 
lixiren lernten, einst recipirten, die weitergebildet als 
tochterschrift bei den Kroaten des Quarnero noch jetzt 
besteht, die einer anderen noch mächtigeren schrift, 
der cyrillica, einige sehr wichtige zeichen durch das 
medium der glagolica lieferte, besassen wir bis jetzt 
nur zwei kleine facsimile, deren genauigkeit durch die 
mittel einer gewöhnlichen lithographie bedingt ist. Das 
facsimile des evangeliums in Hahn's Alb. stud. zählt 
19 Zeilen, das des horologiums („Bemerkungen über 
das albanesische aiphabet", Sitzungsberichte der k. 
akad. der wiss. 1850) 40 etwas kürzere. Das erstere 
transcribirte Hahn mit albanesischen und griechischen 
buchstaben ; das letztere theilte er bloss im facsimile 
mit und so war auch dieses der forschung halb unzu- 
gänglich. Aber auch Hahn's transcription des evan- 
geliums bietet nur einen unvollkommenen einblick in 
die natur der gegischen, für unsere weiteren Schlüsse 
sehr wichtigen Orthographie. Die bedeutung der ver- 
schiedenen accentzeichen hat er missverstanden, sie in 
der transcription theilweise nicht wiedergegeben, theil- 
weise auch für einander gesetzt. Ich habe es für 



meine folgerungen, die ich auf dieser bis jetzt wenig 
beachteten schrift aufbauen werde, für nöthig erachtet, 
doch wenigstens einen hinreichend grossen theil alles 
dessen darzulegen, was wir von ihr kennen. Ich lasse 
daher vorerst eine albanesische transcription des von 
Hahn in den Sitzungsberichten der k. akad. der wiss. 
1850 publicirten facsimiles des horologiums folgen, wo- 
bei accente und nasalzeichen des Originals in der durch 
den druck nachgeahmten form wiedergegeben werden.') 
Dann folgt eine ähnliche grißchische transcription nach 
Hahn'scher methode; schliesslich eine wörtliche italie 
nische Übersetzung , welche ich der gute des albano- 
logen herrn Demetrio Camarda verdanke. Dieselbe 
schliesst sich dem originale auf das genaueste an und 
sind etwaige härten des ausdruckes absichtlich nicht 
vermieden. Dasselbe gilt von zwei anderen 
selten des horologiums, die ich hier im facsi- 
mile als nr. la und nr. Ib unter den am ende 
dieser schrift angefügten tafeln mittheile. Dann 
folgen noch vier facsimilirte seiten des zweiten gegi- 



') In den mir zugeschickten liet'ten des borologiums findet 
sich dieses lilatt nicht. Halm sclieint es znm liehiife der litliogra- 
pliischen Vervielfältigung herausgenommen zu haben und so ist es 
vielleicht verloren gegangen. Gerade deswegen ist eine ausnützung 
desselben, wenn auch nur auf grundlage des facsimile, nur noch 
mehr am platze. 



40 — 



sehen fragmentes, taf'el iir. IIa und h, iir. III a und h, 
ohne transcription und Übersetzung, welche ich noch 
hinzufügte, um das überhaupt zugängliche materiale 
der albanesischen schrift um etwas zu vermehren.') 
Dem leser ist dadurch gelegenheit zu einer hinreichen- 



') Meine ersten zwei facsimile sind in natürliclier grosse dar- 
gestellt, die letzteren wurden bei der photograpbisclien aufnähme 
ein wenig verkleinert. 



den Übung in dieser schrift gegeben, eine für das ver- 
ständniss derselben und der glagolica insbesondere 
gewiss unerlässliche bedingung. Die gedruckten alba- 
nesischen typen sind nach der von mir theilweise ver- 
besserten grundform gegossen worden. Hier erfüllen 
sie einen eminent praktischen und gewiss sehr nütz- 
lichen zweck. 

In das original sind einige griechische, theilweise 
fehlerhaft geschriebene schlagworte eingestreut. 



(Vgl. Hahn's facsimile des horologiums in den Sitzungsberichten der k. akad. der wiss., 1850, I. seitc.) 



!J.böp6Q;j.suv \>.t üij-bip-oavcT /.pSv-j, ts |;.£vdTG|j.tt 'hy.nv. t bavs oucs Ti 
confisso in i vita-donante croce, al conoscente ladrone gli facesti strada all' 

2. «Jdil 67 "^ivil, !*i di f/\ici1 f\iciv i Isocöfi, Ut^WHi vn IjJ 
-/öjAiT iJ.£ dcfsviT, vd£ \xt ßdr/.!T Cidr/.'.v £ -poy.sߣ, xspdsXe ve£ YJu- 

entrare in paradiso, e con la morte la morte la distruggeati, compassiona noi pecca- 

3. vvöSivsy'l, i S;i voc V Jidi cvA.^^ ^7-, wm II3 • zi 6)Jid 

vaoy.jotpeT, £ y.ji voüy. t£ ]l\x.i -/.ädip Tigp psx Tötj • ge tpjüt£lJ. 

tori, e che non siamo degni per schiavi tuoi (di te). perchÄ peccammo 

4. i ö UVV v6d-?d, i voc jldi cvA^"- V hwi zJI löv:? i V Xi 

£ ou ■rtaa - v6|j.£|j., £ vöü/. \l\i.i xoidcp t£ vj-p^iJ. cüci t6v£ £ t£ g:- 
e prevaricammo e non siamo degni di alzare gli occhi nostri e di ri- 

5. coDd,' d^ V \yAV\ V güHil • zi yi i K^hvi^i^i obA i i\m 

y.cjij.£ ij.£ T£ vaXjTöT -£ y.jUXtT ■ G£ 7:g£ e bpay.TiG£|/ o'joöv £ dp£j- 
gu.^rdare nell' alto dei cieli. perche Tabbandonammo la via la della giusti- 

6. y\\a Ivli, i Xcööd 67 AvXoxivI V pT^wfil low, u6 <|o2^d 

TÖVltG lälE, £ GVtO'JOUlJ. ;i.£ daGO'jviy.T -£ i^£[;,bpaߣT TÖva, zi Ajo6g£1x 
zia tua e andammo secondo i desiderii dei cuori nostri, ora preghiamo 

7. Vuv"v dvVv disAW Ivli- Ävv vii, Ä poS, 16 Xödii'^'z 

Ti ■::xä-[;.ÄT£V |A'.p£v(v£ TÄTS • pöüjva VSl, CÖ !^ST, £9 GSU|J.iTG£G 

la infinita bontä tua. guardaci noi, o signore, per la quantitä 

8. dvHv'tjidi'l 1v1, »i zozvv vfi u^s idAil Svl 1^ Xivldiv, z\ 
|jiaA£v-fj(iAi-c -äT, vds Gcava vf£ ■^ip äptövtT Tax te G£VJT|j.tv, g£ 

della misericordia tua, e salvaci noi per il nome tuo il santo, perche 

9. ö ^vsööv,? di V colv \\V\ low • gilw vTT mw ko',7'\ 

ou ij,bapouöuv£ |ji.£ x£ y.o-ia dixöt -jva • y.j{Tva v££ -psj döüpet 
si compierono invano i giurni nostri. togline noi da le mani 

10. V cöx^T^wlwil, wi »oiw vi! IjJivvßil, »ti \js1Xw vii Ävl 
■:£ /.C'jvdipc'äptt, vd£ vdjiva v£~£ YJuväsEX, vds ■TrpiGva v£~£ gtät- 
del nemico, e perdonai a noi i peccati, e distruggire a noi le corpo- 

11. H?cv^ cöjaTz, S:1 ei V pfiXid >5i<,Tv^ i C:>W',, V ddi 

/,£/.V£ y.Iüjd£G, y.ji Gl T£ LߣGt|V. VJ£p'V£ £ ßjsxip, t£ y.£;j.i 
rali eure, che siccome svestiamo l'uomo il vecchio, abbiamo 

12. di fiXöv \jiMiv7 I -.ii, 1 V fb:>67 iwvXc^ di U) ö'^bAv'.iv 
|j.£ ßsGSUv vjäpi'tvg £ pii, £ TE ppöjp^£ baGy.£ \>.t Tütj oupoEvapiv 

a vestire l'uomo nuovo, e viviamo insieme con te il padrone 

13. Sov^, wi wi cy'Äo Z\ V xomd uo^oziil i löv, V 

TÖVE, Vd£ Vd£ y.EGTOÜ G! TE vdJEy.ljJ. TIOpOGltT E TOU«, TE 

nostro, e e cosi quando seguiamo i comandi i tuoi, che 



— 41 — 

14. cidi di coÄi^öv d-? fopöö". V (V) uvv zozöv, gi v1)I vXIt' 

abbiamo a ridurpi nella pace la interminabile, c]ie lä 6 

15. covvcö 1 t}li2 vlJvi si JVV:? V b-^podöv • ^i ti jü si 

•/.ovaxou i -jjiiO aTüv£ nji javs ts -^tCoüixouw es t( jsi xji 
l'abitacolo il di tutti quelli che sono i gaudenti. poich^ tu sei che 

IG. jii I SM\'\i Wfid, »i IjvföHidi vlJvi s\ V Aöövy' 

jü t ßepTSTt Yli^ii*) ^de v^ai^euXifAt atüvs ■/.ji ts doüöuvs 
sei il vero gaxidio e consolamento di quelli che ti araano 

17. 13), «W \)\-,Mv l\^ ■ «i d^ 1J) 9Ö3d^ <iv6Vv, ^vXc^ 

te, cristo dio nostro. e vergo te leviamo gloria, insieme 

18. 6\ V UVV 6iiHodiv mvmv i di ^Jil? Xivildiv, i V dk,?, i 

[AE TE ::ää-9iEA0JiJi[v bs'.bä £ [j.£ -/jdO c£vj':t;,iv, s te piipE s 

con il non-principiato padre e con tutti i santi, e i buoni e (con) 

19. i^S^h /9ivdiv Xukliv Ivl, Midi, 1 cö^Ao, m ^) )i1v1 

ÜjJlb£p-ba[AlV CTClpTlV TCtT, VJ[f;.£, £ XOUpdÖ, vdE |J.£ JETÄT 
il vivi-ficante spirito tuo, adesso, e sempre, e nei secoli 

20. V iiVfil vdiv. 

TE JETsßET «JJ-IV. 

dei secoli amen. 



(2. Seite des fragmentes des horologiums, Sitzimgsberichte der k. akad. der wiss., 1850. 

21. i.'^xk) uisAii si d,? q,\6 coeo wi d^^ i).\6 ^V6v1, <löli x\i <|v 
/.pi'cTTE 'ÄEpEvdit /.ji [XE Tffdö x6/o vds (XE Tcdö ca/_aT, XjoÜTE vdE Xja- 
Cristo dio clie in ogni tempo e in ogni ora, sei pregato e glori- 

22. &\hi\ d^ silH »i d,? biiV w öösl AÖMfy'z, vi Xödy* dvH'^i^iz^z, 

<pTS/£ jJ.E xilEX Vd£ p.E SeET ' Ö (pÖpT-SoUpEßöC, V£ C706[XE JXaXEVYJECEC, 
ficato in cielo e in terra, o molto-paziente, e molto raisericordioso 

23. «i öösS uA/v^Hizv'z • ^v '11 Sri Ao V Asbl^l, wi .si dvHT^tjiv ljj> 

vds aopT TiipdäXECEa • iö t! xjt di te dpEJTEX, vd£ •/.ji [AaXsv-jjEv -jj-j- 
e molto elemente. o tu che arai i giusti, e che compassioni i pecca- 

24. wösWi- i Si iJf\\ \i\\i dy» %hkJ, ü polföil Vz^ M^'. Tv. 

Va^ÄJOepET • E Xj! GEppsT -jjl'lO [XS CTEXECE, tO l^OTECET T£ C£ "Ep-T'-ap- 

tori. e che cliiami tutti a la salvezza, con la promessa dei venturi 

25. hdifil V di<.vfi- 1i Ä p61 uwvö wi <jöliv1 low vvÄi, 
ojAEßET TE [xi'paßE * Tt w iJoT 'rTpavö vdc XjoÜT'.aT TÖva vacTTt, 

dei beni. tu o signore piegati alle ))reci nostre adesso, 

26. »i qlVv 16v^ d,? iJowziiH 1 lov • Xi'^Vvo XwiislAvl lov^^, 

vd E TÖETEV TOVE [J.E ZOpOtJltT E TOÜO! * SeVJTEVÖ CTiÜpTEVaT TOVE, 

f la vita nostra nei comandamenti tuoi. santiiica le anime nostre, 

27. /'Ovlvvl '\h\^ uvzl^ÖJi, öisi'.il A^i)16)i, diwil Siso^i, »1 

CTCCTVOIT TOVE TCaCTOijt, ftXJtpET dpEJTOJt, jXEvdET ZJipÖjt, vdE 
i corpi nostri purifica, i pensieri addrizza, le menti purga, e 

28. -.ODW vii MW qAO %^h\ym, li? cisi, vi döwidi • mvXcÖvv vii 

pöüjva VEE TTpSJ Tcäo CTEpV-j-SCE, TE /.E/JI, VE [XOUvdllXt " baG/tiv« VEE 
guardaci noi da ogni augustia, dal male, e castigo. congiiingi noi 

29. di Xi^lö-,;"! i 106 Äljiil, Si i\ V sösidi i V d^zöeid di V dis^l 

HE CEVJxipET E TOJÖU SEV-jjliT, /.jj Cl TE ' pSU/EJXt £ TE [AECC-/E[J. \i.t TE [xfpET 
coi santi li tuoi angeli, che come siamo guardati ammaestrati con il bene 
Geitler. Die albanischen und slavischen Schriften. 



- 42 - 

30. VU\iV dc'i di (;o>^i^6v d^ wXcid V mi?i, vxi 6^ IjöÖliil 
T£ Tövc T£ y.i|J.'. HS y.ovdicouv |j.£ baSy.i|j. TS beicc, vds [;.£ vyjö^tlit 
di loro abhiamo a ridurci in nnione della fede, e in conoscimento 

31. V z) UVV vö',oodi2 «jvöVz 'ivli- Zi I t|vfAOvd 3lT w p61, 

-£ Cc 7räa-29po!JCiuiJi.ic AjaiT?; Tats • « t Ajaßdi'jai;. j££ w Zpz. 
de la inaucessibile gl(jiia tua. poiche il glorificato sei o signore 

32. 67 )i1v1 i ahm vdiv p6'i dvHr^r^i- 
1^.5 J£Ta- £ J£Tߣ-: a[j.{v li- p.a'AEV-j-je • 

nei secoli dei secoli amen, signore abbia misericordia. 

33. <jvÖV 67 v1\7, i 67 m\f7,\ 67 Xuii'.li'i Xivl, ^)idi, i cbhxb, i dy' 

XjaiTc [X£ a-V£, £ 1J.£ biip?, S [J.£ C-iipTlT CEVJT, VJ'.[J.£, £ y.OUpdi, £ [Xc 
gloria al padre, e al figlio, e a lo spirito santo, ora e sempre, e nei 

34. jiV V yilfil vdiv (Tr,v TtiJ.i,OT£pav.) 

]lZt T£ J£TߣT a|J.tV 
secoli dei secoli amen. 

35. V dvv )xi',()div, wi 1,^ dvv «^vOvövdiv z\ «KöfidV äj ^i ziwöid 
Tl (j.äj: vd£pTC|j.£v, vd£ "£ ;j.ä7. /,ja,jdiJ3;[;.£V c£ -/£poußiiJ.T| vds c£ dpastp.- 
la piü onorevole, e la piü gloriosa dei chenibini e dei serafini 

36. V, vi? Sl <)i«i uis7»(ii 65v<lA', UVV u^iXöv- 1? dvbA o^d:^ 

-VC, xtI y.j' Ajivdc -£p£vdu-9JÄJ£v, ■KÖä. ■TTpteouv • T£ ;j.aS£v:j[;.£ 
colei che partori il dio verbo, senza danno. te inalziamo 

37. U:» V ^7;%'\ \n',7yä\ <jiidiv ■ d? idAil V p61 ^iico^v^v, 

■vi'.} -£ ßcpTÜT -£p£VG{l-AJ££[J.£V IX£ £!J.£VIT T£ 'Qol b££X.Ö baba 

te la Vera dei-para. nei nome dei signore Ijenedici padre 

38. uhAiv \i7-,.\7'A\6'\7 \ii, wi ^iicoßy vfi, /^6i6y zö/vliv i lii 

irspsvdta ::£po£"A£ifT£ v££, vd£ hzv/.oa't vü, ppö^i^Tö cooppanv £ t!; 
iddio abbia pietä di noi, e benedica noi, manifest! il volto tue (di Uli) 

33. 67 \% Äi dvHy'ljbV vii- 

jj.£ V££, vd£ IJ.a"A£'rJjcGI£ V£c ' 
Sil noi, e abbia misericordia di noi. 

40. v^ osvw, f-ol wib ciÄ mK^jocIv J\?, sl ö \i7',\7\^\C\ 67 IjAvvßil 
w ;pi;vxp ^iT tmj y.piiT ZEpivdta av£, v.y. ou ■^£pd£X£ß£ [J.g yjuväoET 

41- low, I \v usovi vii äJi dy' c?1? zvevl, zvv »1 gi co^ iX)i 

Tivx, £ va zpGÜv£ v££ vdCi£ \i.i y.£T| QX/ix^i ':Sy. vdi y.ji y-sup wjs 

Vgl. unser faesimilc nr. I a. 

1. ?! I dv5 )ii 1i, >xi rtTvvv qö\iv, li )ii uis,^)«ii fiVd- 
c£ c ixaO ]££ Ti, vde bäv tSoudia, xi jee T:£p£v3it ^Axi\i. • 

che grande sei tu, e fai meraviglia, tu sei dio solo. 

2. w pöl ItisAl d^ Öb;"l Iv'ii, Äi cvd di Xcoöd di CAtiVvil 
(0 I^o-: "i/Jy-jö [a' [j.t ouO£i TaT£, vd£ y.a[A \J.% cv.oiiyJiJ. \i.% ßcp-STsviT 
o signore adai mi alla via tua, e passeri) nella veritä 

3. Ivli, öh7fö6V f]t9-,v Idi 67 6',k71 idAil IvVw föl v\ 

Xdzö, O'J-Yl'CoCiTc i^£bp3! l|J.£ [J.£ Op(y.£- EJJ.IVIT TCtT ' ü) ?0X TTc- 
tua, si allegri il cuore mio col timore dei nome tuo. o signore id- 

4. <,Aiv Id cvd di loXuvHöv 1J) di \]li ^\S-,7\ lidi, \\i cvd 
p£vo!z ':.j. 7.i\). |j.£ t' ou-ä~a/.0'jv tuy [Ji.£ /ji'O L£|j.bp£v xeij-i, vds y-äfA 

dio mio confesserö (ho a manifestare) te con tutto il cuore mio, e lio 

5. di <|vfAÖdöv idA'iv 1v1 67 ji^T- i\ dvHv'fjidi Jl yM i dv2 
IXE Ajaßdou|j,ouv £|j.£v;v Tai |j.£ j£tc-- c£ [xaAEv-fjiij.t Sx ac7T£ t [J.5G 

a lodare (loderi) il nome tuo nei secoli. perehü la misericordia tua e grande 



— 43 — 

6. d:? doo, «i wli X\m',1iv lid' u-,!) ■^ieividit dvv V w6,^i^d • 

Sil me e salvasti lo spirito meo dalla geenna pii'i profonda. 

7. w uKAii, V UVV vööd:? ötniiv:? d,' d66, wi f^Wii] V Öo'.ti'l 
(0 ■ÄSpivdti, T| TCaa-voop.s oa-v-j-pssv,' [;.£ i^oüöu, vds |j.bAJ£5t£ te (popiET 
o dio, gli empii si lavarono sopra di rae, e nna riunione di forti 

8. cAcöv^ Xuiisliv lid, i voc V Co\^ u^',uwv IJj, uAuwv IJvi- 

•/£py.5'JV£ C-dpTlV -£|J,, £ VO'JÄ Tö ßoÜV£ TiöpTiäpa TlJtj, T.i^-ü:a.^a TijV£' 
cercarono 1' anima mia, e non preposer6 te, innanzi a loro. 

9. Ai 1i w (;61 uisAiv Id, i),''„\,?Hiz'^2, wi dvHT^Ijiz^z, kö-ai^i m 
vd£ T'. ü) 'Ci-i -cp£vd'!a i[x, z£pd£X£C£5, vds [AaA£VYJ£G£a, dcup£t7£7, vde 

e tu signore dio mio, demente e misericordioso, paziente e 

10. Xöd^ dvH^^^i^7^ wi i f,?',liVz- Xicö i) 6Sb, i dvHT^tjhd- lu V 

croui/i [j,aA£VYJ£a£(; vd£ i ߣpT£T£c- äixi [jii ,u.oüöu, £ [jio;A£VYJS£ [x'- et: TS 
molto misericordo e veritiero. guarda su me, e eompassionami. di la 

11. ßösVI 1v1 Aw-lil HvH, ^vv d,? 6bb viXvv d^ V dii^ »i <|i1 X06A 
sjp-s- -rat djaXj'.T -»t, bav iJ.s [j.cuou vicav |v.£ 1% [jLup, vd£ Xj£- co^ev 
ortezza tiia al iiglio tiio, fa su me un segno in bene, e t'a che vedano 

12. viv S:i i^ (y\^ dAii, i <ji1 lö^wAöeiv, ^i 1i w p61 d^? mdöti, 

C-d /.jt [/,£ -/.aVS |J.£v!t, £ XJ£T TOUpTiSVC/EV, 3£ V. (D !;ÖT [ilE vdsiJ.6ߣ, 

quelli che mi sono nemici, e fa che siano svergognati, perche tu o signore mi ha ajutato 

13. wi d^ iifi- <\v6V d; viv,', i dy' m-,V, i d7 Xi;ii',1i1 Xi^l, x,idi, i 

Vd£ [J,S fjfppE- XjäcpTS H? «TVE, c [iE bllpTE, £ [XE TOl'.pXlT C£VJ-, VJl|X£, S 
e mi hai chiamato. gloria al padre, e al figlio, e allo spirito sarito, ora, e 

14. cö-,\ö, i d:? y\V V jilfiS- v<(,Höiv vjiHÖiv v<|iHÖiv • <lv6'V 

MUpdÖ, £ [J,£ J£T£ TE JETßsT- aXj'.ÄoÜ'.a — — • AJaiTE 

sempre, e nei secoli dei secoli alleluja — — . gloria 

15. d:? lÄ w uisAii- p61 dvHy'ljii p61 dvH^^tji f/öl dvHr'^i- 

[AS Tj"[j (1) Z£p£Vd!f '(,0- iJ.aX£VYJ£(t) — — — — • 

a te dio. signore abbi misericordia — — — 

16. <)v6V dy* vW, i d,' /v^ii/'y*, i 6^ Xwiisliv Xi^'l, (ib Tpo::zpiov) 

XjaiBTE [J,£ (ZTVE, E [X£ bl!p(p)E, £ [J.E CZttpTlV C£VJT, 

gloria al padre e al figlio e allo spirito santo, 

17. Xjidi, i co'.AÖ, i 6^ yWH V Dilfil vdlv (i et . . .) w 1 dk^ 

Vjt[;.€, £ -AOUpSo, £ [J.E J£T£T TE JETßcT a[J,!v (,) [ [j.tpE 

ora, e sempre, e nei secoli dei secoli amen o buono 

18. w 'I! S-i -lifi uA vii u',b fi^tjAil, )«i gi Aö'iofi «J-S^'pidv^ 

0) Tt -/.ji "AJEßE Zip VEE ■rp£j ßl^CJEVET, vd£ /.jl dO'jpÖßE Xp'JXJ£C':jJi.VE 
o tti che nascesti per noi da una vergine, e che sotfristi la crocifissione 

19. w 1i g:i di fAicil fAiciv i usiXi, i f^6\t\ IjmiIiv i\ vi 
10 Ti /.jt [;.E ßd£-/,iT ßdlxtv £ -pi'äs, s ppsoeßs VvpdTlV C£ XE- 
o tu che con la raorte la morte hai distratto, e dichiarasti la risurrezione come dio. 

20. -.All, dh eil Xwivodöv viv gl bvlöfi di ao^,^ IvII- 

pSVOit, \).iG -/.It G-tvÖiJ|J.OUV C/Sd XJi f^TÖßc [J.E döpE TtZTE- 

non allontanarti da quelli che formasti con la mano tiia. 

21. w V)AA^Hi^'^^ /^'öi uAAT^Hidiv 1v1, w^ljö ui-rAli <ildiv 

10 TiEpdEXECEG ppEIE TCpdEXl'fJllV TaT, vdrfji TTEpEVdi' AJ£|J.£V 

demente mostra la clemenza tua, ascolta dio la genitrice 



44 



Vgl. unser facsimile nr. I b. 



22. Sl V <ii»i W) i Sl V ^o1i'^ u-?', vii, «i 2Ö2 w X)7wi2:?2i Jiv,? «jvö^v' 

yjt it /.jivdi T'jlj e y.j( ts AjoiTcT Tisp väs, vde GOa o) äTixstiiat öve Ajaoul^s 
che ti partori te e che ti prega per noi, e salva o salvatore nostro un popolo 

23. i DVV Ailov ([J-r, ö'q TCapaoÖY]?) 
c 7:ää diTO'JV 

che non sa (disperato). 

24. döz eil icw di vv ij^Xodöv aömX dy* V wwulil, u,?<, idAil Svl V 
\j.iG y.(i ■::pä5: [A£ va Xjsäoüixouv dopöcf ij.£ ts 7;p(X'::iX£T, xep SfxsvtT tax xs 
non aver dunqtie ad abbandonarmi dalla mano fino al ultimo, per il nome tuo il 

25. XivVvoXdil, wi 6Ö2 eil di w-IXöv bivVv IvSi, »i ^öz cii di <jv<. 

cfsvjT£Vo6cr(A'.T, vde [j.6(j /.ü [/.s ::pic7Quv ätaxsv xa-s, vde |x5a •^(t |j.e Ajap- 
santo, e non aver a sperdere il testamento tuo, e non aver ad allonta- 

26. IxSdöv dvH^ljidiV 1v1 WM3 vTX, \i v^wdil V AvXdil W, »i 
YO'J|J.ouv [j.aAev-jjijj.tv xäx irpej vIS, iö aßpa|j.tx xe d3tS|J.tx xax, vde 

nare la miserioordia tua da noi, per abramo il diletto tuo, e 

27. i^ I2VVCÖ1 sÖMil Ivl, »i izwiH Xi^lil IvV (ay.»!; 6 Oeb;) 
i6 '.läaÄOux pöbix xax, vde tapaiA cevjxtx xäx" 

per Isaeco il servo tuo, e (per) Israele il santo tuo. 

(-avzvi'a xptac • z:zxep ■rjij.oiv ■ oxi so j lixiv /.svxay.iov) 

28. 21 UVV c|i?1i6 V iJVMV i ^iVz ^ASJdöv d^ cfeV, 56.X)^ ; V 
üi TOa Xjicxiou Xc :;c{piv e jexec |j.b£p6ü[j.ouv [j.e y.pu/.jxe, Oscxs : xs 

come vide il ladrone il primo (capo) della vita confisso in croce, diceva: se 

29. doz givci uisAIi I XJvIodöv, cJ gl 'öcihs^f/öö di vii, voc i cWi 
1J.0C y.jevy.e zepsvdu i cxaxoiij.ouv, •/.ui yj! ou-y.p'jy.J£!louo'J jj.e vee, voux c xicre 
non fosse stato dio inearnato (corporeo), questo che fu crocifisso con noi, non avrebbe 

30. di? qi6öv AiiHi j'ipil i lii, vz hiö voc uvi di öV^^odöv IJi 

[J.S xcSipouv dü'Ai ppe^ex e xü, ä- OcO'j vöüy. Tax [xe Oüxepböü|ji.ouv xüe 
a coprire il .sole i raggi suoi, ab la terra non avrelibe ad agitarsi col 

31. ölowA- 1)6 1i -.y f/61 s\ Aösöfi cöjIo d,' xxi döo wi ^siVvi Ivli 

ou-xöuvdev • ot xi to l^ox r.jf do'jpoße y.oujxc [j.£ vde [wjsu vde ijibpexEVi xaxe' 

muoversi (scuotendosi). ina tu o signore che soflfristi ricordati anche di nie nel regno tuo. 

(oica ev |j.ec(i)) 

32. w p6t vA d)i1 aJ <)i2li)i ti-,!):-!! A'.ijlA'ii 6lji»( cfei Jl ■ 
'Cix vep [j.jex du Ajtcxtje xepei^ii Spejxevie ouYJtvd y-pöy.ji üx, 
signore in mezzo a diie ladroni l)ilancia di giustizia trovössi la croce tua, 

33. gl -sjvviv i p^slli UM) fHveÖ'idiil V ^^isividV, i s\ 1)i1<.iv 
y.jt vjaviv £ L|j.bpixt Trpej ßAaj<jt[j.{ex \i.z dä£/_£V£;j.X£, £ y,jt xjixpw 
che 1' uno precipitö per le bestemmie nell' inferuo, e che 1' altro 

34. I cjivojr' w-i) l3(}.vv6iX d^ Ijoölii ui-^AxL^ii, w oiX) ui^Aii 
e Xjevöje Trpej -jjuväoeä [xt v'Qzo-a -epevdicxtE, w y.picx ':x£p£vdtt 

liberasti dalle colpe a cognizione divina, o Cristo dio 

35. <jv6y d,? IJ5 • (xbv ai;.v6v) 
Xjaoxg |j.£ xuy ■ 

gloria a te. 

36. poi^i Xt'^^ii 21 UVV sTtjiv wi (Viv^iiv,?, »i 'Ö^^uizAiv i aJj'^v 
i^svjs cf£[j.bpü c. 7:aä y.jevyjtv vd£ bapitve, vde öxeraceitv e duvja- 

la signora .santa Maria come vide V agnello e pastore, e salvatore del mondo 



— 45 



37. i^ fhÜ^b\ 6^ «J..SV Mi Ui gvdöv (si 6\f )0:?wldiv) 

confisso in croce diceva piangendo. 

38. aJi^vcv hPföi]'] S\ di/' Xlv'uidiv i dvv pl^w Idi \i 

d'jvjxja Y^b-/.ä" v-ji [J-ipp cr:£7ri;j.tv, £ |j.äz s-t'^bps: Jf.£ di- 
il mondo si rallegra che riceve la salvezza, e piü 1' anima mia si brucia 

39. Ijil 6<jvvc, 8i Xiö «te^^pidv^ Ivl, gl i a.ö'.öv v^-, 
<äiz oAjaa/., y.j( c£!p y.p'j/.j£'i;{ixvi xä':, y.ji s do'jpiv :-|p 

(consiima) a fiamma, che vede la croeefissione tua, che la soffri i)er 

40. (1-?) Ijhi \ii\)Vv'\, -^ mi', rd »i uis^^iodv id • pöl dvH^tji " 
(ti) YJiiO duvjäaT, oj b'''.p ijx vds zEpjvdia i;j. ■ i^sx [xaA£v-j-j£ • 

tutto il raondo, o figlio mio e dio mlo. signore abbi pietä. 



Anmerkung. Zu Hahn's facsimile bemerkt herr 
D. Camarda nach einer brieflichen mittheihmg, dass 
die form u[j.b£p-03;v£T (1. zeile) regelmässiger u|j.b£p-5av£(; 
lauten sollte, da es nur ein actives participium sein 
könnte, dessen suffix -£c selbst in demselben texte regel- 
mässige bildungen aufweist (|j.aX£VYJ£C7£(j, T£pd£A£!7£c), so 
dass selbst ein Schreibfehler nicht ausgeschlossen sei. 
Die präposition £9 (durch, z. 7) fand er in diesem denk- 



male zum ersten male, sie ist offenbar mit lO (z. 24) 
in folge des Wechsels — o identisch. Der text ent- 
hält auch einige türkische worte, wie davjä-ja (weit), 
■j-juvas! (sünde), Tspsi^t (wage), viääv (zeichen), woraus auf 
die Jugend der Übersetzung oder recension geschlossen 
werden kann; doch hebt D. Camarda ihre genauig- 
keit im verhältniss zum griechischen texte ausdrücklich 
hervor. 



Die g-egische orthogTaphie. 



§. 56. Accent und nasalzeichen. 

Die bedeutung dieser von Hahn nicht behandelten 
zeichen wollen wir hier durch belege erklären, welche 
wir bloss den von Hahn edirten fragmenten der alba- 
nesischen schrift entnehmen : dem evangelium Johannis 
(Alb. stud.) und dem hier transcribirten und über- 
setzten blatte des horologiums (Hahn, Bemerkungen z. 
alb. alphabete). Das erstere, „evang.", citiren wir nach 
versen, das zweite, „liorolog.", nach unserer Zählung 
der Zeilen. Wir halten diese 59 Zeilen für hinreichend 
zur feststellung der bedeutung dieser zeichen. 

Der acut wird durch einen senkrecht herabfallen- 
den strich bezeichnet: v; er steht über dem punkte 
des e und u: i, ö. Die länge drückt ein wagrechter 
strich über dem vocale aus : v. Er ist griechischen Ur- 
sprunges (Gardthausen, Griech. pal. pag. 279). Den- 
selben zweck erreicht man auch durch die Verdoppe- 
lung des Yocals : vv r=: ä, ja beide bezeichnungsweisen 
der länge werden unnöthigerweise verbunden : vv = ä. 
Eigene zeichen für lange vocale hat das sonst reiche 
albanesische aiphabet in folge seines lateinischen Ur- 
sprunges nicht entwickelt. Griech. (o ist eine späte ent- 
lehnung, welche nur die interjection w, nie ein langes 
eines wortes bezeichnet. Endlich wird die länge irr- 
thümlicherweise hie und da durch das nasalzeichen aus- 
gedrückt, weil nasalität und länge auch in der spräche 
abwechseln. Dieses letztere, einem griechischen asper 



sehr ähnliche zeichen : v, 0, i steht entweder vor er- 
haltenem oder vor etymologisch nachweisbarem v oder [x. 
Es ist mit anderen buchstaben zu einer figur, aber mit 
der geltung eines h verschmolzen, §.10. 

§. 57. Die länge durch Verdoppelung be- 
zeichnet. 

Wenn wir die Verdoppelung eines vocales als 
länge auffassen, so suchen wir dies durch das sonst 
bekannte albanesische materiale zu erweisen, wodurch 
uns allei'dings ziemlich enge grenzen gesteckt sind, da 
es sich um gegische, von Hahn und Camarda nur ge- 
legentlich notirte nebenformen handelt und quantitäts- 
unterschiede von den meisten Schriftstellern und Wörter- 
büchern nur selten angedeutet werden. Wo wir einen 
solchen beleg für die länge nicht haben, können wir 
unsern Schreiber auf grund der gewöhnlichen form 
nicht ohne weiters eines fehlers bezichtigen ; Schreib- 
fehler sind allerdings nicht ausgeschlossen, wie sich 
aus vielfachen Schwankungen ergeben wird. 

Im geg. evang. v. 8 : yßp, Hahn's wört. geg. yip'., 
die gnade gottes; v. 19, 22: riipc'.'., wieder, dagegen 
Hahn's wört. geg. '::öpv., mit bloss accentuirtem ;, so 
dass wir die Orthographie des Schreibers mit unseren 
mittein nicht rechtfertigen können, wenn wir nicht 
etwa annehmen wollen, dass hier, wie sonst, eine oxy- 
tonirte silbe lang ist (Camarda, §. 16). v. 23: vj£pü, 



46 



mann, Camarda pag. 20 : tosk. vjcp; ; dagegen geg. vispt 
(unser dialekt ist stark toskisirt). Langes w in den pro- 
nomina: [xhö, joö, v. 5, 9, 14, 7, 3, 11; Camarda pag. 217: 
jöü. Horolog. z. 33: cxitpit-c, z. 26: cnrt'.pTsvax, z. 19 da- 
gegen : cxipTW ; Hahn führt neben tosk. ä^Tpi, Spiritus, 
geg. tntipt an; z. 33: biipi, Hahn: bip-i; z. 35: ^da, Hahn: 
|xä, nbs; z. 31: ■Kda, Camarda §. 25: uä; z. b. c/.oJiuiJ., 
1. pl. von TOÖüjj.?, gehe, nach Camarda pag. 153; z. 15, 
18, 24 : ijüO, dagegen Hahn : fß ; z. 37, 38 : b£sy.o, hze- 
y.etpTS, Hahn : bsy.o-ys. 

§. 58. Die länge durch einen wagrechten strich 
bezeichnet. 

Im evang. v. 19, 23: -ügvi, 3. pers. pl., TjöTvt, 2. pers. 
pl., Hahn: geg. -j;, fragen, vöü-a, nicht, wird regel- 
mässig (ebenso im horolog.) mit dem längenstrich be- 
zeichnet, bei Hahn und Camarda dagegen bloss vo6y.c. 
Auch sonst klingt dem Schreiber eine nur überhaupt 
accentuirte silbe wie eine länge: ■flS'/.jit (v. 11), jöüßs 
(v. 2, 13) u. s. w. Im horolog. z. 41: y.öijp, Hahn: y.öüp; 
z. 3, 12, 17: TiTij, Hahn: xücj, alb. sicil. -uy, Camarda 
pag. 217; z. 5: öüSsv gegen z. 1: oüos; Hahn bestätigt 
die länge: öüoi-a; z. 9: dcüpsT, Hahn: tosk. dopi-a, da- 
gegen geg. döüps-x£. 

Zu den übrigen fällen linde ich die specitisch 
gegische form nicht, die gewöhnliche (toskische) hat 
meist kurzen vocal. Tosk. jsxi-a wird fast immer mit i 
geschrieben, z. 19, 20, 34, 32, nur einmal s, z. 32. Sonst 
findet sich das längenzeichen in pöüjva (z. 7, 28), pöü- 
7_£|j.i (z. 29), "Apö/j (z. 1), vdjr/.'.iJ. (z. 11), ijßäciij, (z. 11) 
neben ßsccjv (z. 12), Hahn: s, tcItsv (z. 26) u. s. w. 
<:-.y.xki-/Mt (z. 10) hat ein türkisches suffix. Versehen 
sind, wie gesagt, in diesen jungen rasten albanesischer 
Schrift nicht ausgeschlossen. 

§■ 59. 

Bei dunklem i und u wird die länge nicht durch 
Verdoppelung, sondern dui'ch den strich angedeutet, 
während die längen aller anderen vocale durch beide 
bezeichnungsweisen ausgedrückt werden können. Für 
I i ist dies mit einem offenbaren. nachtheile verbunden. 
Denn da die spräche selbst doppeltes i kennt, so kann 
dies von einem durch Verdoppelung ausgedrückten 
langen t nicht geschieden werden. In loivit, 2. pers. pl. 
pass. (evang. v. 22) contristamini , wird das doppelte i 
wirklich gesprochen; in vjspitvs (horolog. z. 12), acc. sing. 
hominem, soll das i; dagegen langes i bedeuten , und 
wirklich kommt die bessere Schreibung vor: vjspivs, 
z. 11. Es scheint daher, dass jede der beiden bezeich- 
nungsweisen der vocallänge ursprünglich nur gewissen 
vocalen zukam : bei ?, u, i war etwa der strich beliebt, 
bei a, e, o, ou die Verdoppelung. Nur die in unseren 
fragmenten schon eingetretene Verwilderung der Ortho- 



graphie konnte beide Schreibweisen vermischen. Ein 
ähnliches verhältniss lässt sich auch für die bezeich- 
nung der nasalität erschliessen. In der uns erhaltenen 
Schrift von Elbassan wird die nasalität sämmtlicher vo- 
cale durcli jenes schon erwähnte asperähnliche zeichen 
angedeutet, und doch war dies ursprünglich nicht bei 
allen vocalen der fall, es gab noch eine zweite, nur für 
gewisse vocale geltende nasalbezeichnung, auf welche 
gewisse glagolitische erscheinungen hinweisen. 

§. 60. Die Verbindung beider bezeichnungs- 
weisen der länge. 

In manchen fällen wird der doppelte vocal noch 
zum überfluss mit dem längenzeichen überschrieben, 
eine gewiss unorganische Schreibung, die, so weit ich 
sehe, nur der Schreiber des horologiums anwendet: ■ÄCtä 
z. 4, 7, 14, 18, 35; jsl z. 15, 16, 31, Hahn: js; -i-^pEk'^ z. 4, 
Hahn : v-j-p? ; tiücu z. 29 ; /o'JLoüöup z. 14 ; ßspxüx z. 37 ; 
'jod z. 41 ; in anderen fällen ist die sonst nicht nach- 
weisbare länge auf rechnung eines nachfolgenden v oder 
\j. zu setzen, vor dem vocale in unserem dialekte über- 
haupt zur nasalität oder zur Verlängerung hinneigen: 
Xje£[j.£v z. 37 ; eiv-jjttx z. 29, Hahn : sv-JjsX; ajppoüöu[ji.sa z. 31; 
[jibapoüöuvi z. 9. 

§. 61. Das nasalzeicheuA 

Wir geben dieses zeichen im drucke durch einen 
eckigen asper wieder. Nur der gegische dialekt hat 
nasale. Hahn bezeichnet die nasalität durch einen 
punkt über dem v. Es ist nur zu verwundern , dass 
Hahn dem nasalzeichen in seiner albanesischen und 
griechischen transcription des gegischen evangelien- 
fragmentes keine beachtung schenkte, es bald mit dem 
acut verwechselte, bald ganz ausliess. Nur au einigen 
stellen der griechischen transcription, wo er dasselbe 
mit V ausdrückt, Hess er sich offenbar unabhängig von 
dem originale durch die lebendige gegische ausspräche 
leiten. 

Im evang. v. 2 : bav, 3. pers. sing., von geg. bavj, 
thun, nach Hahn's wört. ; v. 4: ßtvjs, 3. pers. sing, conj.; 
V. 7: ßjivs, von geg. ßtv, kommen. Im horolog. z. 1: 
bav£, von geg. bavj, thun. 

Nicht immer schreibt Hahn nasales v, wo wir 
es nach unseren fragmenten erwarten würden. Auch 
kennen wir nicht immer die echte gegische neben- 
form. Ueberhaupt erkennen wir die nasale geltung des 
Zeichens nur aus dem umstände, dass es in der regel 
nur vor v und |j. erscheint. Der Schreiber des horolo- 
giums wendet das nasalzeichen seltener an als der des 
evangeliums, bei dem die meisten v und [i. zur nasalität 
hinneigen. 

Im evang.: /.oupbav, v. 2; «ujxovt, v. 4; apxovds, 
V. 11; xa^i., V. 12; 6av£, v. 12; [Abavt, v. 12; yctttA, v. 22 



— 47 — 



gegen Yesti/,, v. 20, 21; AjtvB;, v. 21, ebenso horolog. z. 36; 
javs, V. 15; covd, V. 22; Tt|j., v. 23; i^£[ji.bpa, v. 22. Im 
horolog.: Savsx, z. 1. Andererseits gibt es auch fälle, 
wo vocale vor v nicht mit dem nasalzeichen versehen 
sind und wo auch Hahn reines v schreibt ; evang. : 
cxöv, V. 5; [AS'Jvdt, v. 12; |j.£vd£, v. 12; xpavdäj, v. 15, 
welche trotz der eben angeführten zahlreichen aus- 
nahmen auch von bedeutung sind. 

Besonders instructiv sind die worte, in welchen 
dieses zeichen ohne nachfolgendes v oder y. die nasa- 
lität allein ausdrückt. Im evang. v. 2 : ßl (ßt y.ö/o, venu 
hora), von dem oben angeführten gegischen ß'.'v, kommen. 
Dieselbe form ist v. 8 mit doppeltem i geschrieben, 
weil nasalität und länge zusammenhängt , was die 
Schreiber oft verwechseln : ß!t. v. 2, 3 : bajvs, von geg. 
bavj, thun, machen ; von dem passiv desselben Zeit- 
wortes geg. bav/_c[x die 3. pers. sing. v. 7 : ba/st ; im 
horolog. z. 19 davon das part. bapi-tv. v. 23: -j-ja, sache, 
geg. -flav-ja, id. 

Für Schreibfehler halte ich im evang. : |jiappt [tollit, 
V. 22), loz'ioyv: (contristatur, v. 21), wo die gewöhnliche 
Schreibung und die etymologie ein nasalzeichen nicht 
verträgt. 

§. 62. Nasalität und länge. 

Nasale vocale neigen im albanesischen nach einer 
bekannten lautphysiologischen erscheinung zur Ver- 
längerung hin : alb. sicil. svtsvj?, griech. bmiiu) aus evcsvjco 
(Camarda §. 30). Gegische nasale combinationen cor- 
respondiren überaus häutig mit toskischen vocallängen : 
geg. ߣv, ßav, lege, stelle, tosk. ßi; geg. bpEvtjö, tosk. bplijs, 
nage. Der Übergang von nasalen ev, av in toskisches 
dunkles s findet in der neubulgarischen Verwandlung 
von nasalen in den halblaut eine analogie. Es ist nicht 
unmöglich, dass auch das toskische einmal wenigstens 
in gewissen werten nasale besass. Die aufeinander- 
folge: SV, EV, langes nasales e (geg. £v), tosk. i liesse 
sich lautlich rechtfertigen. Vom Standpunkte der jetzigen 
spräche ist das vorkommen der nasale in unseren frag- 
menten ein zeugniss für ihren überwiegend gegischen 
Charakter. Man vgl. ferner: geg. ijsvt-j, tosk. Yjitji, finde; 
geg. i^av, tosk. ^i, berühre ; geg. xfvlji, tosk. x-its, baum- 
messer; geg. y.jevO-Ot, tosk. /.äö-fj;, geschwür; geg. cTpivjs, 
tosk. tJTptjg, lat. sterno. Im dialekte unserer fragmente 
ist die neigung, vocale vor v und \x zu verlängern, am 
höchsten entwickelt. Das längenzeichen wird auch da 
gesetzt, wo die gewöhnliche form ausdrücklich als kurz 
angegeben wird. Längen- und nasalzeichen werden 
überhaupt verwechselt, wobei oft nur etymologische 
mittel entscheiden können, ob ein sprachlicher process 
oder ein versehen vorliegt. 

Horolog. z. 4: cötT, acc. plur. oc.ulos , in Hahn's 
wört. bloss au, nach Miklosich, Alb. forsch. I. aber 
geg. c'j, ajvi, daher das längenzeichen unseres Schreibers 
wenigstens durch die nasalität gerechtfertigt wird. Die 



worte des horolog. ij|j.b£p, z. 1, 19; i,u.svtT, z. 8, 37; j£|j.t, 
z. 3, 4; csvjTij.iv, z. 8 (sonst cfsvjT, z. 33, 26); /üy-iT, z. 2; 
axüvs, z. 15, 16 haben bei Hahn kurzen vocal. Dagegen 
stimmt Tüvs, z. 30, övs, z. 17, zu Hahn's Tüps, jüvs. Neben 
xsjj.t, z. 11, 14, 30, Hahn's y.£|j,'., haheo, fanden wir oben 
im evang. v. 12: v.aij.. Horolog. z. 6: Lsjjibpaße-; evang. 
V. 22: u£ij.bpa; Hahn's wört.: i^sjj.bips, herz. Horolog. 
y.scj-oü, z. 13, evang. v. 18 ebenso; Hahn schreibt bloss 
X£c-i0'j (ja wohl, so) aber das verwandte acTtu hat bei ihm 
langes öü. Evang. v. 5, 10, 20, 21: iaS, im horolog. z. 35: 
\>.i.-j.^ Hahn : |j.a. In den türkischen Worten des evang. 
V. 8, 11 : duvjaja, v. 8, 9: yj'jväo-£ steht das nasalzeichen 
fälschlich für die länge oder auch nur für den acut. 
Unerklärt bleibt das nasalzeichen in töcEct, evang. v. 17, 
neben tosk. xSiäTs. 

§. 63. 

Unsere fragmente bieten kein beisjjiel für ein mit 
dem nasalzeichen versehenes y, und wirklich scheint 
auch die spräche überhaupt nasalirtem £ auszuweichen. 
In Hahn's wört. finde ich äusserst seltene ausnahmen: 
geg. dp£v-vc, reh, tosk. dpi-pi; geg. 9p£v-vt, zäum, tosk. 
(j/pi-pi. Das gegische weicht selbst der lautfolge sv, sjx 
auf verschiedene weise aus : tosk. ii^-b/js, süss , geg. 
ä[j,bsAJ£; tosk. £iJ.£p-i, name, geg. sjJisvt; tosk. ßivd-i, ort, 
geg. ߣvd-t; tosk. |j.sv-j-£-a, armvoll, geg. ij-äv-fs. Die bei- 
spiele könnten leicht vermehrt werden. Ja die nasa- 
lität wird manchmal auch durch nachfolgendes z aus- 
geschlossen, vgl. geg. cbsvys, ich mache gelb, und den 
aorist cbevs: geg. c£ [j.oivij£, ich mache krank, neben 
geg. CS (j-siJvs, krank. 

Miklosich's bemerkung (Alb. forsch., Denkschriften 
19, 349), dass das albanesische nasalisirung im anlaute 
nicht kennt, ist nur insofern zu berichtigen, als aus- 
nahmen wii-klieh äusserst selten sind. Ich kenne bloss 
geg. avcTs, 3. pers. sing., griech. s-xt, tosk. ects, mit 
offenbar ganz junger unorganischer nasalirung; der 
zweite fall ist geg. avijs, tosk. sijs, ich schwelle (Hahn's 
wört.). 

Im gegischen evangeliumfragmente sind drei 
worte mit anscheinend anlautender nasalität : v. 4, 7 : 
obvs, ich ; v. 23 : s|;.svlt, name ; das sind Schreibfehler 
der offenbar schon verwilderten Orthographie; das nasal- 
zeichen steht statt des längenzeichens : Hahn schreibt 
ojvs, der Schreiber des horolog. selbst zweimal richtiger 

£[J.£VIT, Z. 8, 37. 

§. 64. Die feste Ordnung des albanesischen 
alphabetes. 

Aus der inneren anorduung der albanesischen 
zeichen schöpfen wir vielfache höchst wichtige be- 
lehrung. Hahn benützte zu deren feststellung mehrere 
ihm von eingeborenen flüchtig vorgezeichnete alpha- 
bete , von denen auch mir drei vorlagen. Eine 



48 



unbekannte, aber alte band, vielleicht die des scbreibers 
des horologiums selbst, hat auf eine seite desselben als 
federprobe ein aiphabet verzeichnet, das aber nur von 
a bis j reicht. Es bestätigt die Ilahn'schc redaction 
(vgl. unser facsimile). 

Hahn bemerkt Alb. stud. pag. 291: „Der Ver- 
fasser hörte in Eibassan, dass die Ordnung des alba- 
nesischen alphabetes nicht vollkommen feststehe und 
dass einige zwei oder drei zeichen in abweichen- 
der reihenfolge aufzählen; er konnte jedoch diese ab- 
weichungen nicht in erfahrung bringen." 

Die zeichen sind, wie schon Hahn erkannte, nach 
einem phonetischen principe geordnet. Trotz mancher 
Unregelmässigkeiten, welche erst die oben von Hahn 
angedeutete unvoUkommenheit der tradition veranlasst 
haben mag, erblicken wir in dieser originellen, ziem- 
lich consequenten Ordnung nur einen neuen beweis da- 
für, dass die albanesische schrift eine frucht emsiger 
durchbildung und reflexion vieler vergangener genera- 
tionen ist. Unter den Verhältnissen der allerletzten Jahr- 
hunderte, da die Völker des Balkans ererbtes geistiges 
gut höchstens aufzehren konnten, konnte nicht einmal 
diese au und für sich einfache anordnung entstanden sein. 

Die 52 zeichen sind folgendermassen geordnet: 

1. sieben vocale: a, s, i, o, ou. u, g; 

2. fünf Zischlaute : c7, l, tc, de, vdc ; 

3. ß, A, Xj; 

4. drei Ä:-laute: y.j, •/., /.c; 

5. P, 99, 9) «5 l^') J ; 

6. acht hauchlaute, deren reihe durch r.o unter- 
brochen ist: -f, V7, Yj, VYJ, neugriech. y, '^'^j ti 7,, /J ; 

7. drei dentale: i, d, vd mit dem verwandten 6; 

8. drei labiale: b, |j.b, :: und v; 

9. sechs palatale, dazwischen stigma: tö, de, vdc, 

10. am ende stehen vier zeichen, die sonst keinen 
anderen platz finden konnten, drei compendien für die 
Partikeln te, vjav, ac und das überflüssige omega. 

Eine menge anderer einzelnheiten verräth eben- 
falls eine durch phonetische und graphische rück- 
sichten geleitete anordnung. Unter den vocalen stehen 
die der form nach gleichen nur durch einen punkt 
differencirten neben einander : i i, o 6. Unter den acht 
hauchlauten befinden sich vier, welche j enthalten, 
daher man richtiger das j, das letzte glied der fünften 
sehr zusammengewürfelten reihe an die spitze dei- 
sechsten stellen sollte, welche dann neun glieder ent- 
halten würde. Diese selbst, am consequentesten durch- 
geführt, wird durch t:? unterbrochen, das ursprünglicli 
gewiss einen andern platz hatte, wohl in der achten 
reihe. Die zeichen tc, de, vdc;, welche alle drei ein 
lateinisches z enthalten, stehen hinter einander. Die 
ligaturen, gleichviel ob sie lautcomplexe oder wirk- 
lich einfache laute bezeichnen, stehen immer unmittel- 
bar bei jenem zeichen, mit dem sie zusammengesetzt 



sind : /.e hinter -/., ex hinter <j und ä. Die v-ligaturen : 
vdc hinter ds ; vy hinter -j- ; v-jj, vd, vdc hinter YJ; d und 
de. Besonders interessant sind die platze der ^-ligaturen. 
Es steht : Xj bei X, y.j bei x, -j-j und v-fj hinter y und v-f. 
Ebenso i^ hinter c und d hinter c, daher sich die 
anordner des alphabetes wirklich dessen be- 
wusst sein mussten, dass 'C, eigentlich ausc + j, 
d aus d + j besteht. Da diese uns jetzt nur durch 
tiefere paläographische vergleiche zugängliche erkennt- 
niss auf eine zeit weist, wo der Zusammenhang der 
albanesischen und römischen schrift noch ganz durch- 
sichtig war, so glaube ich damit einen grund gefunden 
zu haben, der uns berechtigt, diese anordnung in die 
ältesten zelten der albanesischen schrift zu versetzen. 
Nur zu einer solchen zeit konnte man die stark difi'e- 
rencirten zeichen a und 'C, als zusammengehörig, 'C, ins- 
besondere als ligatur cj betrachten, der ein platz un- 
mittelbar hinter s dem ganzen plane gemäss gebühre. 
Nur das zeichen \i , formell vj, steht nicht 
hinter v. Und dies hat seinen guten grund. In un- 
seren fragmenten wird das zeichen in der geltung vj 
angewendet, und als solches mag es einmal hinter v 
gestanden haben; aber an der stelle, wo wir es 
im alphabete jetzt finden, ist es mehr als der 
ausdruck für die Verbindung vj, es war ein com- 
pendium für die partikel vjsv (da) und ist uns 
als solches in verstümmelter form erhalten 
§. 66. 

§. 65. Die benennung der albanesischen buch- 

staben. 

Der laut der vocale ist zugleich der name der- 
selben; der name der consonanten wird gebildet, indem 
man dem laute derselben ein « hinzufügt: ca, -ca, (a, 
Xja, pa, vda, [xa, da, cTa u. s. w. Auch hier zeigt sich 
der im gründe ungriechische Charakter der albanesi- 
schen schrift, da diese benennungsweise nur aus Italien 
stammen kann. Ich halte sie für den rest einer uralten 
lautirmethode, deren ältestes beispiel wir in dem etrus- 
kischen syllabarium von Caere haben (Mommsen, 
Unterital. dial. pag. 8 ; Kirchhofi^, Studien z. gesch. des 
griech. alph. pag. 127). War man nämlich gewohnt, 
die consonanten ursprünglich nach dem Schema: 

ci ra cu ce 

vi va ou ve 

zi za zu ze 

hl ha hu he u. s. \y. 

zu lautiren, so konnte es wohl geschehen, dass dann 
entweder überhaupt oder zum speciellen zwecke der 
benennung der buchstaben die a-reihe obsiegte und 
allein im gebrauche blieb. Auf eine solche weise bei- 
läufig müssen die albanesischen va, ma, ta, sa u. s. w. 
entstanden sein, wobei wir nur im allgemeinen behaupten, 



49 



dass sie nicht griechischen, sondern römischen ursprun-' 
ges sind. Man vergleiche Corssen, Ueber ausspräche, 
voc, pag. 11: „Eine bemerkenswerthe thatsache ist 
nun, dass, während die Griechen mit den phönicischen 
buchstaben auch die phönicischen buchstabennamen auf- 
nahmen, die Römer sich mit dem griechischen alf)habet 
die namen der griechischen buchstaben nicht aneig- 
neten , sondern eigene namen für dieselben erfanden. 
Diese römischen buchstabennamen folgen dem princip, 
womöglich den blossen laut eines jeden buchstabens 
als dessen namen zu verwenden. Dieses princip rein 
durchzuführen, war nur für die vocale möglich, 
da nur sie selbstständig sprechbar und lautfähig waren, 
der laut der consonanten hingegen mindestens eines 
vocalischen beiklanges oder zulautes bedurfte, 
um zu einem selbstständigen indeclinablen werte zu 
werden. Für die vocale a, e, i, o, u ward nach diesem 
princip der laut zugleich der name des buch- 
stabens; für diejenigen consonanten, welche römische 
grammatiker mit dem namen semivocales oder semi- 
plenae zu bezeichnen pflegten, also /', l, m, n, r, s, x, 
bildeten die Römer den buchstabennamen, indem sie 
dem laut desselben den mattesten und bequemsten 
vocal e vorsetzten, also ef, el, em, eii, er, es, ex; für die 
letztere benennung ist aber ix gebräuchlich geworden, 
indem e zu i gestaltet wurde, wahrscheinlich nach dem 
muster des griechischen ^X. Die namen der muten sind 
gebildet, indem zu dem laut derselben ein vocalischer 
nachklang hinzugefügt wurd^ bei der mehrzahl der- 
selben der vocal e. So lauten die buchstabennamen 
für c, g, p, b, t, d : ce, (/e, pe, he, te, de. Um den buch- 
stabennamen für die gutturalen laute k und h (ch) zu 
bilden, ward der gutturale vocal a als beiklang ge- 
wählt, also ka, ha gesprochen. Da dem laute q 
schon ein halbvocalischer, dem u ähnlicher nachklang 
eigen war, entstand der buchstabenname qrt, indem 
jener nachklang zum vollen vocal gesteigert wurde." 
An die altindischen benennungen ma, sa, ta u. s. w., 
welche aus dem speciellen charakter der devanägari 
als Silbenschrift hervorgingen , ist natürlich nicht zu 
denken. Ich erwähne dies deshalb, weil Hahn wirk- 
lich die albanesischen und altindischen benennungen 
in Verbindung bringt. Dasselbe that ganz unabhängig 
davon Hanus, indem er in einem versuche, der die 
glagolica aus runen ableitet, bei den slavischen buch- 
stabennamen sa und Sta auf die altindischen hinweist. 
Jetzt kann beiden ansichten geholfen, aber auch zu- 
gleich auf das hohe alter jener albanesischen 
a-silben geschlossen werden. 

Ich will diese benennungsweise der buchstaben 
die phonetische nennen, zum unterschiede von einer 
zweiten ganz verschiedenen, der appellativen, welche 
die alten albanesischen Schreiber ebenfalls kannten. 
Diese bestand (nach art der phönicischen und grie- 

Geitler. Die albanesischen und slavischen Schriften. 



chischen) aus ganzen albanesischen Wörtern, 
deren erster buchstabe mit dem zu benennen- 
den identisch war. In der uns überlieferten redac- 
tion des alphabets von Elbassan haben sich nur 
zwei reste der appellativen benennungsweise erhalten, 
deren eigentliche bedeutung wohl schon den gegischen 
Schreibern zur zeit Hahn's dunkel war. Das ist ksan 
und njan. Die übrigen werden wir aus den slavischen 
buchstabennamen, wenn auch nur fragmentarisch, so 
doch mit ziemlicher Sicherheit restauriren können. Die 
bekannten benennungen az, buky, vede w. s. w. sind 
albanesischen Ursprunges. 

§. G6. Die buchstabennamen ksan und njan. 

Die phonetische benennungsweise zeigt zwei aus- 
nahmen. Man würde nach dem allgemeinen principe 
erwarten, dass die zeichen 8 und \> (nr. 18, 50) ksa und 
nja heissen sollten, ihre namen lauten aber ksan und 
njan. ') 

Indem wir hier einen beweis voraussetzen, den 
wir erst bei der darstellung der glagolitischen nasal- 
zeichen werden vollständig erbringen können, bemerken 
wir, dass jene beiden wörtchen ursprünglich namen 
combinirter zeichen waren, deren erster bestandtheil 
zwar ks und nj, der zweite aber ein nasalzeichen war, 
das in der albanesischen schrift verloren ging, in der 
glagolitischen jedoch wenigstens in dem einen falle 
erhalten wurde. Hier können wir bloss so viel voraus- 
schicken, als unumgänglich nothwendig ist, indem wir 
uns auf den Standpunkt der albanesischen schrift und 
Sprache beschi-änken. 

Die silbe an ist in dem gegischen werte ksan als 
nasal aufzufassen: *^av *^a und hat sich in den di- 
phthong at verwandelt in dem damit identischen toski- 
schen werte: ^ai, unbestimmte form, ^d'.-]i, bestimmte 
form, pl. ^atj£--c, dessen bedeutung Hahn wiedergibt 
mit „mahlgeld, metzen, Ibis 1 '/j okka von je 40 okka 
getreide". Der Übergang von av in ai, insbesondere 
zwischen dem gegischen und toskischen, ist äusserst 
häuüg: ^av, es ist passend, neben ijäcijs, ich gleiche; 
öxXavje und sxXatjc, wasche, spüle; Xävjg und Xäijs, wasche 
(Camarda §. 98). Die grundbedeutung des wertes 
„mahlgeld", d. i. derjenige kleinere theil des getreides, 
den die mahlleute dem müller als entgeh geben, fasse 
ich eigentlich als „ausgeworfenes, abgängsel, abschabsei, 
abgeriebenes" auf und leite demgemäss *^av oder ^ai 
von griech. qatvw *im]u> ab (^«t also beiläufig soviel als 
griech. ^acjxa). Vielleicht ist die form *sav schon aus der 



') Nr. 49 und 51, te und ao, sind im voraus auszuschliessen, 
da ibr name eben nicht anders lauten kann; sie heissen so, wie sie 
geschrieben sind t -|- j, « -f- o, zwei ligaturen für die oft vorkom- 
menden wörtchen te, dass, und ao, nicht. 

7 



50 — 



Umgangssprache verschwunden, was mit unseren be- 
schränkten lexikalischen hilfsmitteln schwer zu ent- 
scheiden ist ; selbst Sai tindet sich nur in Hahn's 
Wörterbuch. Es unterliegt jedoch keinem zweifei, dass 
5av die gegische form zu toskisch ?ät sein muss. Eine 
andere erklärung ist, so weit ich sehe, gar nicht mög- 
lich. Man vergleiche schliesslich die passende lautliche 
analogie : griech. v.aviii) *xävjw, alb. Tijävjs, ich spalte, 
reisse, neben tcäyi, sowie griech. ;aivco neben *5av 
und qoi'.. 

Also war ksan *?av, so ahnen wir schon jetzt, 
eigentlich der name eines combinirten Zeichens, das 
aus ks und einem das xi ausdrückenden nasalzeichen 
bestand. Das nasalzeichen verschwand, der volle name 
blieb fortan auch an dem verstümmelten zeichen, an 
dem blossen 8 ks haften, daher die merkwürdige aus- 
nähme von der phonetischen benennungsweise : ksan, 
nicht ksa. 

njan steht in der reihe des alphabets zwischen 
T£ und az. Es wird also aller Wahrscheinlichkeit nach 
gleich diesen irgend ein wörtchen mit einer wirklichen 
bedeutung sein. Ich tinde es in dem gegischen pro- 
nomen vjsv, nach Hahn's Wörterbuch: „da'', als auf 
etwas zeigend; „-/.ou teij? wo ist erV" antwort: „vjev, 
da!" Es gibt, so viel ich weiss, kein anderes passendes 
albanesisches wort, das alle hier nöthigen bedingungen 
erfüllen würde : es muss gegisch sein, einsilbig und auf 
einen nasal endigen. Ich halte auch die form vjev 
für die bessere ältere ausspräche dieses buch- 
stabennamens; die uns durch Hahn überlieferte njan 
*vjav ist durch einen zufälligen lautlichen process ent- 
standen, der im gegischen sehr gewöhnlich ist. s-laute 
werden vor v, pi im gegischen wie a gesprochen : tosk. 
£;j.bXj£, süss, geg. a|xbeXj£; =-\>.\).t^ mutter, geg. 3.'^\>.i. 
Neugriech. ßavtü lautet im gegischen ßev und ßav (ich 
lege, stelle, Camarda §. 26) und diese beide formen 
verhalten sich zu alb. sie. ßöü (d. i. ursprünglich ßoü) 
wie unser vjsv *viav zur toskischen nebenform desselben 
wörtchens vjsj, „da" := geg. vjcjv (Camarda, Appendice 
pag. 156, anm. 25). 

Eine vierte nebenform vjs (Camarda §. 249) ist 
durch die sonst häufige secundäre kürzung eines ver- 
längerten oder nasalirten e entstanden: vj£v, *vji, *vj£, 
und verhält sich zu dem als buchstabennamen über- 
lieferten *vjav wie die so häufigen doppelformen tosk. 
'üh geg- "iJ3;v, Sache; tosk. doi, geg. dcä, dcav:, ich kenne; 
tosk. Xji, verkürzt Xjs, ich lasse, geg. Xjav; tosk. ßi, 
lege, stelle, geg. ßsv, ßav, Hahn auch tosk. ß?. Eine 
fünfte sie. alb. nebenform vjo „da" (Camarda, Appen- 
dice pag. 156) deutet ebenfalls auf *vjcv *vjav. Es ist 
reiner zufall, dass wir in unserem beschränkten wort- 
materiale vjav nicht finden, es wird wohl in der spräche 
irgendwo bestehen. 

Schliesslich dürfen wir nicht vergessen, dass uns 
die beiden wörtchen ksan und nian in der reihe des 



alphabets als unbrauchbar gewordenes erbstück er- 
halten worden sind, und dass sich daher statt der 
eigentlichen allein passenden form vjsv eine secundäre 
ausspräche *vjav geltend machen konnte. (Man denke 
z. B. an den slavischen buchstabennamen dzelo: er 
wird seit jeher zelo geschrieben und gesprochen.) Die 
anormale Stellung des Zeichens xi in der reihe, §. 64, 
und sein nichtphonetischer name deuten also darauf 
hin, dass es ursprünglich mehr als die blosse ligatur vj 
gewesen ist. *vj£v (als njan erhalten) war der name 
eines combinii'ten Zeichens, das aus vj und einem das 
£v ausdrückenden nasalzeichen bestand. Das nasal- 
zeichen verschwand, der name vjiv blieb aber fortan 
auch an dem blossen vj haften. Dieses vorausge- 
setzte doppelzeichjen ist wirklich ohne beson- 
dere Veränderung, nur mit einer anderen, aber 
ähnlichen geltung erhalten in der glagoliti- 
schen combination *e, die wir in '' -\- j -\- 
nasal-e = *vj£v als schliesslichen beweis, dass 
der name vjav eigentlich vj£v lautete, zerlegen 
werden, §. 75. 

In ;av ist ein eigenes zeichen für nasales q, in 
vj£v eines für nasales « verloren gegangen. 

Hiermit ist aber auch eine frage erledigt, welche 
sich sozusagen von selbst aufdrängt : warum fanden 
die gegischen nasale in der reihe dieses dem gegischen 
dialekte angepassten reichen alphabetes keinen platz? 

Sie hatten ihn. Aber unter den vocalen konnten sie 

* 

nicht aufgeführt werden, denn sie erscheinen nie so- 
zusagen selbstständig, wenigstens ursprünglich nie im 
anlaute, §. G3, immer hinter einem consonanten. Sie 
konnten daher nur in einem appellativen buchstaben- 
namen an einer anderen passenden stelle eingereiht 
werden, und dies geschah in den der form und be- 
deutung nach jetzt verdunkelten ^av [^a) und vjev (vje). 
Aber das gegische, könnte man einwenden, kennt auch 
noch andere nasale, z. b. ?, oli, und eine besondere an- 
führung der nasale in der reihe des alphabetes scheint 
nicht nöthig gewesen zu sein, weil die uns überlieferte 
Schrift keine eigenen zeichen für dieselben besitzt und 
sie von den reinen vocalen nur durch ein diakritisches 
zeichen unterscheidet. Daher es unsere aufgäbe bei 
der behandlung des betreffenden slavischen schrift- 
materiales sein wird, nachzuweisen, dass die schrift 
von Elbassan neben der jetzigen bezeichnungsweise 
der nasale noch eine zweite kannte, insbesondere die 
nasale I und a durch besondere zeichen ausdrückte. 
Ihr verschwinden aus der albanesischen Schrift, die con- 
sequente durchführung oder eigentlich das überhand- 
nehmen der einfacheren bezeichnungsweise der nasa- 
lität durch das diakritische zeichen hat eben die sonder- 
bare vereinsamte Stellung der namen ksan und njan 
hervorgebracht, die jetzt mit bloss albanesischen hilfs- 
mitteln nicht erklärt werden kann. 



51 



Die Orthographie der ältesten lateinisch schreibenden Albanesen. 



§. 67. 

Die nördlichen katholischen Gegen bedienten sich 
seit jeher einer eigenen Schreibweise, die wir aus einigen 
drucken des 17. Jahrhunderts kennen. Dieselbe ist (ähn- 
lich der gleichzeitigen dalmatinisch-croatischen oi'tho- 
graphie) im gründe genommen italienisch, nur versetzt 
mit einigen eigenthümlichen zeichen und besonderen 
combinationen. Schon der älteste uns bekannte Schrift- 
steller Blanchus, Dictionarium latino - epiroti- 
cum, Romae, 1635, spricht von ihr wie von einer 
allgemein gebräuchlichen : 

In scribendo tamen iisdem omnino litterarum 
characteribus utuntur Epirotae sive Albanesii, quibus 
Latini ; imo fere in Omnibus conveniunt, nisi praeter 
Latinorum litteras tres praecipuas ac singulares habe- 
rent Epirotae : quorum ligurae, exempla modique pro- 
nunciandi in praesenti subjiciuntur : 

Das erste zeichen, das bei Bogdan Cuneus 
Prophetarum, Patavii, 1685, auch diese form hat: 



i 



hat die geltung des albanesischen ü oder des Zeichens 
nr. 9 des alphabets von Elbassan. Mit diesem zeichen 
wird geschrieben z. b. 'Ciz dominus. Es ist gewiss ein 
griechisches 'i der jüngsten minuskel (vgl. Gardthausen, 
Gr. pal. taf. 10, t aus dem jähre 1351). Ein noch ge- 
nauer übereinstimmendes griechisches s bietet der Dic- 
tionnaire raisonne de diplomatique pl. 35. 

Das zweite zeichen hält man gewöhnlich für ein 
griechisches ou, wogegen vom Standpunkte der form 
nichts einzuwenden wäre. Aber seine lautliche gel- 
tung ist alb. ü u. Es wäre daher nicht unmöglich 
dass das zeichen mit dem u J. der schrift von Elbassan 
formell verwandt wäre, von dem wir glauben nach- 
gewiesen zu haben, dass es aus einem eigenthümlichen 
u der römischen cursive entstand. Insbesondere ist 
unser anseheinend griechisches zeichen sozusagen 
identisch mit dem lat. u der alten päpstlichen bullen, 
deren schrift man als ausläufer der römischen cursive 
betrachtet. Vgl. dessen form §. 15. 

Das dritte zeichen hat die geltung des assibi- 
lirten albanesisch -griechischen o, wird es aber ver- 
doppelt, die des assibilirten 6. Bei Budi, Dottrina 
christiana, Roma, 1664, hat es auch diese Form: 



in späteren drucken: 



t 



Man möchte es vielleicht für ein griechisches ^ 
halten, das in verschiedenen Schriftarten eine mehr 
oder weniger ähnliche form annimmt, so schon Vater, 
Miscellanea pag. 160, doch wäre die umstempelung der 
lautlichen bedeutung ganz ungewöhnlich. Ich wage 
eine andere vermuthung. Vielleicht ist das zeichen 
eine ligatu.r, die aus einem lat. z besteht, auf das man 
ein t stellte, d. i. tz: 

T 

(vgl. das zeichen £ tc nr. 10 des alphabets von Elbas- 
san, das wir ebenfalls in lat. t und z zerlegten, §. 24). 

Der unterschied der beiden zeichen bestünde 
dann bloss in der verschiedenen anordnung der zwei 
bestandtheile. Auch die lautliche geltung Hesse sich 
vereinigen : in dem einen falle bedeutet tz ein assibi- 
lirtes (und 6), in dem anderen den ähnlichen laut 
Tc (und Ts). Obwohl die lateinische schrift, so viel ich 
weiss, keine auf die angegebene weise bewerkstelligte 
Verbindung der buchstaben t und z kennt, so ist es 
doch nicht unmöglich, dass sich Schreiber, die sich 
einer lateinischen schrift bedienten, veranlasst fühlen 
konnten, eine solche ligatur herzustellen (vgl. z. b. die 
ligatur nt bei Delisle, Notice sur une Manuscrit Mero- 
vingienne, pag. 8, wo t auf ein n gesetzt ist). Dasselbe 
in den cursiven randbemerkungen zum Juvenal, An- 
gelo Mai, Auct. class. III. 

In betreff der uns nur aus drucken bekannten 
drei typen für ^, u, o (6) möchte ich noch folgendes 
bemerken : 

Blanchus war vielleicht der erste, der es unter- 
nahm, diese bis dahin nur in handschriften bestehen- 
den zeichen für seinen bescheidenen druck schneiden 
und giessen zu lassen. Es war daher natürlich, dass 
man zu den allernächsten formen griff; daher 'C,, ins- 
besondere wo es klein ist, wie ein griechisches s aus- 
sieht, u wie griech. cj, S (6) wie gr. ? — was für unsere 
herleitungen wohl auch in anschlag zu bringen ist. 

Blanchus' eigentlich rein italienische Orthographie 
mögen jene missionäre und priester in anwendung ge- 
bracht haben, welche Italien seit jeher nach albane- 
sischen diöcesen sendete; jene drei zeichen aber sind 
vielleicht reste einer uns unbekannten albanesischen 
Orthographie, die man nothgedrungen beibehielt. Es 
srab eben in alter zeit mehrere redactionen der durch 
griechische demente versetzten lateinischen schrift. 



— 52 



mit der man das albanesisclie schrieb (die glacolica 
niitinbegriflen). Noch einige andere erscheinungen 
dieser italienisch-albanesischen Orthographien erinnern 
an die schrift von Elbassan. 

Das harte alb. l wird mit II bezeichnet; auch 
das harte / der schrift von Elbassan lässt sich gra- 
phisch in zwei l zerlegen. 

Länge und die damit zusammenhängende nasa- 
lität wird durch Verdoppelung des vocales angedeutet: 
o«, ee, uu u. s. w., wie in der schrift von Elbassan. 
Ja es müssen auch verhältnissmässig neuere drucke 
dieser gattung vorhanden sein, in denen der acut, das 
wagrechte längezeichen, der asper als nasalzeichon, 
genau so verwendet werden wie in der schrift von 
Elbassan. Dies schliesse ich aus den werten Rossi's 
in der vorrede seines Vocabolario della lingua epiro- 
tica-italiana : 

„Gli Albanesi hanno tre accenti, grave *, cir- 
conflesso " e luugo ~. II primo fa pronunziar forte 
e lunga quella vocale su cui i"' posto, appunto come 
il grave ed acute italiano nelle parole : caritk, castita 
etc. II secondo, ne tempo stesso che fa le veci del 
primo, fa che si pronunci nasale la vocale con esso 
segnata; come jvset e. II terzo iniine allunga il suono, 
per es. la voce hä si pronunzia come fosse scritta 
italianamente häa: fatto. Quando s'incontrano due vo- 
cali assieme ; per es. due an, due ee, due ü ec. sempre 
si pronunziano lunghe. L'accento ~ lungo sopra due 
vocali ö sbaglio." 

Also zwei bezeichnungsweisen der länge, die man 
manchmal irrthümlicherweise zu.gleich anwendete, wie 
in den gegischen fragmenten §. 60. 

Das s wird auf eigenthümliche weise 
bezeichnet: i^gli (= ^gh, vgl. §. 69 unter nr. 9). 

Hier gebe ich einige proben aus Blanchus' Schreib- 
weise, pag. 207 : 

Nierij mbele||e .'stsne perder|^. Homo congregat 
et deus disgregat. 



Vece iotasne afte i paa mpeat. Solus deus sine 
peccato. 

Ata te mire gliu te baifc fgignesse tine Aot ia 
ban. Quel bene che fai al prossimo ;i Dio fai. 

Scoghi kaa fume arefse. II vicino ha molta ra- 
gione. pag. 208: 

Grnana dorae laan tieterene, ete dssia laagnene 
faebiene. Una raano lava l'altro, e le due lavano la 
faccia. pag. 209: 

Schiferi fgittete mbas mi 'afcit. Accipiter non 
captat muscas. 

Mos iep arefs»e tpaa ditunit, |,ote Salamoni. 
Ne respondeas stulto secundum stultitiam suam. 

Fialette iane graa, maa te bamette burra. Le 
parole sono femine, i fatti sono maschi. 

Dieselbe Schreibweise befolgt Budi (1664). Ebenso 
Bogdan (1685) mit folgenden abweichungen: er 
scheidet dunkles t e von z f^ k gibt er durch c und eigen- 
thümlicherweise daneben auch durch griech. ■/. wieder ; 
statt hartem l schreibt er griech. a ( = II). Seinem Cu- 
neus prophetarum fügte er auf den letzten selten fol- 
gendes Alphabetum ejjiroticum ohne besondere be- 
merkung bei : 

Au Beh Ce c D d E e Ef f Ethe 

6 I, ^-fß y -Ah h I i Kupjja k Au.Ka II 

Em m Ell n o Pe p Qu q Er r Se s Te. t 

Ev u a X X Ypsilon y Zuta z. 

Die namen der buchstaben theilweise nach der 
italienischen ausspräche, z. b. ethe, d. i. gesprochen : 
„ethse", vgl. ital. emme, enne, esse, u. s. w. 

Ich lenke die aufmerksamkeit auf den 
buehstabennamen des A: A u A a. Zu diesem 
bemerkt Bogdan: ,,A greco nel luogo di doppio 
U, come A?tAa e kasanit tromba del lam- 
bicco." Vgl. §. 174. Eine übersieht albanesischer 
Schreibweisen gibt Miklosich, Alb. forsch. I. 



Die schrift des Albanesen Büthakukje. 



§. 68. Hahn widmete der frage, ob die schrift 
von Elbassan aus alter zeit stamme oder erst in neuerer 
zeit von einem albanesischen gelehrten erfunden wor- 
den, eine eigene betrachtung. (Alb. stud. pag. 202.) 
Doch sind seine gründe für ihr hohes alter ebenso 
schwach wie die einwendungen, die er gegen dasselbe 
selbst aufstellt, um sie von seinem Standpunkte aus 
zu widerlegen. Aber der erste von ihm dort angeführte 
punkt hat wegen der beiläufigen erwähnung einer 
zweiten albanesischen schrift ein besonderes Interesse. 
„Für die etwa natürlich scheinende annähme — sagt 



Hahn an jener stelle — dass die schrift von Elbassan 
erst in neuerer zeit von einem albanesischen gelehrten 
für seine muttersprache componirt worden sei, würde 
unter anderem der umstand sprechen, 

dass dieser compositionsversuch vor einigen 
Jahren von einem Albanesen namens Bütha- 
kukje wirklich gemacht worden ist, welcher, 
wie es scheint, von der existenz des alpha- 
bets von Elbassan keine ahnung hatte. Der- 
selbe erfand für die von ihm in seiner 
spräche aufgefundene lautreihe eine an- 



53 



zahl willkürlicher zeichen und Hess 
seine arbeit lithographiren. Sie ist in Auer's 
vergleichende tafeln aufgenommen worden." 

Dieses aiphabet ist ohne jegliche erklärung und 
bemerkung abgedruckt in dem trockenen, aber genauen 
Sammelwerke des ehemaligen leiters der wiener staats- 
druckerei: A. Auer, Die sehr iftzeicheh des ge- 
sammten erdkreises in 104 alphabeten (1847). 
Wieder abgedruckt wurde es in den pi-ächtigen schrift- 
tafeln der wiener staatsdruckerei, in Bagster Al- 
phabets (London 1851), einem ähnlichen werke, und 
neuerdings in Faulmann's „Buch der schrift" und „Ge- 
schichte der schrift" (mit den von Auer construirten 
typen). Diese 31 zeichen mit den transcriptionen und 
der von Hahn zufällig erwähnte name des vermeint- 
lichen ertinders sind alles, was wir von dieser schrift 
kennen. Keine handschriften, keine drucke liegen uns 
vor; keine notiz, keine literarische nachricht bietet 
irgend eine aufklärung; mein nachforsclien nach der 
lithographirten arbeit Büthakukje's war in bibliotheken 
und in der wiener staatsdruckerei vergebens. 

Andererseits leidet es nicht den geringsten zweifei, 
dass wir es mit einer wirklichen schrift zu thun haben. 
Dafür bürgt der ganze charakter der Auer'schen Sammel- 
werke, seine gewissenhaftigkeit und genauigkeit. Er war 
ein eminent praktischer kenner der buchdruckerkunst. 
Die nach seinen Zeichnungen angefertigten typen er- 
wecken ein entschiedenes vertrauen in ihre genauigkeit. 

Die wahrscheinlich von dem besagten Büthakukje 
selbst herrührenden lateinischen transcriptionen der 
buchstaben lassen darauf scliliessen, dass der mann 
mit strengen sprachlichen anforderungen nicht vertraut 
war. Doch lässt sich ihre beabsichtigte geltung mit 
hilfe der einfachsten mittel der albanesischen lautlehre 
immer auf ihre wirkliche bedeutung reduciren. 

Trotz dieser kärglichen andeutungen glaube ich 
an der band paläographischer vergleichungen beweisen 
zu können, dass die sogenannten schriftzeichen Bütha- 
kukje's nicht willkürlich sind und auch nicht seine 
erfindung sein können. 29 unter den 31 zeichen ge- 
hören einer echten römischen cursive an; schon da- 
durch gewinnt dieses aiphabet einen allgemeinen werth 
für den paläographen, so dass sich eine nähere be- 
trachtung der einzelnen züge zuversichtlich lohnt. 

Das aiphabet Büthakukje's nach Auer. 



1. LS s a 

2. -t «Ha e 

3. 5 i t 

4. 

5. T ^ y 

6. t ,- ü 



8.1 t t h 

d. ^ i> g 

10. ^ \ j 

11. h. I- dh 

12. t. t d 



13. £ £ th 

14. K) w 2 

15. Gi ct k 

16. Gl a. kj 

n.^i{i i 

18. Ö 5 m 



19. 


\ '•• « 


20. 


\ 1 ng 


21. 


2l i. p 


22. 


\) h r 


23. 


T5 .. s 


24. 


IS « SS 


§■ 


69. Der i 



25. 


H 


t 


26. 


Vl .h 


f 


27. 


u 


ch 


28. 


CfC .^ 


X 


29. 


'U 


tz 


30. 


(^ ^ 


tzj 


31. 


^f 


z 



:r Ursprung der zeichen. 

Jedes zeichen ist zweimal angeführt, gross und 
klein. Oft besitzt ein solches zeichen eine schlinge, 
an deren stelle das zweite eine gerade auslaufende linie 
oder spitze hat (vgl. nr. 18 und 19), eine bekanntlich 
durch den cursiven federzug sich von selbst einstellende 
erscheinung. Nr. 2 bildet zwei schon ursprünglich ge- 
schiedene Varietäten des e. 

nr. 1. LS (a). 

Ein solches a bietet mitunter die jüngere römische 
cursive, z. b. Massmann, Die gothische Urkunde von 
Neapel a. 551, zeile 115, 116 u. s. w. Dictionnaire 
diplom. pl. I. cursive d'Italie, V. jahrh., fig. 11. Die 
formen gleichen einander derart, dass wir sie 
nicht herzusetzen brauchen. 

nr. 2. t^ n (e). 

Die erste abart 

t 

ist durch einen leicht zu errathenden federzug in folge 
der Verbindung mit dem vorhergehenden buchstaben 
aus der gewöhnlichen form des römisch-cursiven e ent- 
standen. Sehr ähnliche abarten gibt der Dictionnaire 
diplom. 8 unter dem titel minuscule romaine (wobei eigent- 
lich cursive formen zu verstehen sind) : 



t ^< b 



Die zweite abart: TL findet ihr genaues prototyp 
in dem e der cursive der kaiserlichen kanzlei : 



T 



(Wattenbach, Anl. z. lat. pal. unter e.) 

Der ganze unterschied besteht darin, dass in 
Büthakukje's form der rechts auslaufende strich tief 
herabgezogen ist, was ich auf eine eigenthümlichkeit 
dieses alphabetes zurückführe, welches bei vielen buch- 
staben das bestreben verräth, sie mit strichen oder 
ausläufern zum behufe der leichtei-en Verbindung mit 
den folgenden buchstaben zu versehen. Ein einziger 
blick auf das aiphabet Büthakukje's zeigt offenbar, 
dass es aus einer wenigstens überwiegend fortlaufen- 
den, verbundenen schrift zusammengestellt ist, deren 
charakter sich von dem steifen, trennenden ductus 



54 



der Schrift von f^lbassan wohl sehr unterscheidet. 
Die entstehung jenes lateinischen e erklärt Massmann, 
Libellus aurarius, pag. 147 : „Literae vero 



figura nonuisi e notae 



T 



f 



ductu inferiore sursum contractu ita procedere potuit, 
ut paulatim cum litera antecedente coalescens 



illi literae minime similis exstiterit." Die schlinge des- 
selben lat. e kann wiederum in einen dicken strich 
verfliessen : 



■'yy. 



(Massmann, ibid. pag. 149), und darauf geht das dritte e 
Büthakukje's zurück : 



nur ist der rechte strich auch hier tief herabäjezoeen. 
Diese drei abarten sind gewiss sehr bemerkenswerth. Ich 
glaube, dass sie eine jede annähme einer willkür oder 
erfindung dieser schrift im voraus ausschliessen. 

nr. 3. ö i (i) und nr. 4. o (o). 

Nr. 3 ist ein gekrümmtes römisches i, das wir 
schon aus der schrift von Elbassan kennen, §. 6. Der 
punkt ist gewiss erst eine neuere zuthat. Auch das o 
halte ich für römisch, wenn es auch etwa von Bütha- 
kukje etwas modern stilisirt ist. Auf jeden fall weist 
sein knoten auf eine verbundene schrift. 

nr. 5. Y (y) und nr. 6. T {ü). 

Nr. 5 ist ein jpsilon der ravennater Urkunden; 
dasselbe wird manchmal mit einem punkt versehen, 
der in anderen lateinischen Schriftarten auch als ge- 
krümmter strich erscheint (siehe Wattenbach, Anl. z. lat. 
pal., unter y). Eben diese abart hat die geltung eines 
alb. ypsilon m bekommen. Was ein y neben ii (u) in 
dieser albanesischen schrift bedeuten soll, können wir 
natürlich nicht entscheiden, da wir nichts anderes als 
das aiphabet kennen. 



nr. 



11 r'^9. 



Ein gewöhnliches u der jüngeren römischen cur- 
sive. Bekanntlich ist der zweite strich oft tief herab- 
gezogen und endet wohl auch in einer krümmung oder 
schlinge (vgl. §. 15). Man merke, dass in der schrift 
Büthakukje's allenthalben schlingen beliebt sind. 



nr. 8. 1 t t (h) und nr. 18. Ö 5 (m). 

Das lateinische h hat unter anderen auch folgende 
cursive abarten: 



ii t 



(vgl. Mabillon, Charta plenariae securitates, I. 6 „sub- 
scriptis"); Wattenbach, Anl. z. lat. pal., unter &). Alle 
drei mit einer menge ähnlicher formen im Dictionnaire 
diplom. pl. 3. Damit stimmen auf das genaueste die 
drei h Büthakukje's, nur ist die fortsetzung der schlinge 
tief herabgezogen, eine ganz zufällige eigenthümlich- 
keit dieser schrift, die wir schon oben bei e bemerkten 
und zu erklären suchten. Für die frage, ob diese 
zeichen willkürlich sind, ob diese schrift erfunden ist, 
ist der umstand bemerkenswerth, dass uns Büthakukje 
drei h verzeichnet hat, von denen jedes einzelne sein 
jjrototyp schon in der mutterschrift findet. Uebrigens 
wage ich das alter dieser h nicht genauer zu fixiren ; 
verschiedene lateinische h zwischen dem .5., 8. und 
9. Jahrhunderte könnten gleicherweise als grundformen 
herbeigezogen werden. 
Das zeichen m 

5 

ist ein römisches, cursives, mit einer an der 
rechten seite befindlichen, offenen schlinge 
versehenes h, das nur ein Albanese für m setzen 
konnte. Hier eröffnet sich uns ein überraschen- 
der Zusammenhang mit der schrift von Elbas- 
san: auch ihr m d ist ein römisches h mit einer 
eb enfalls offenen schlinge, diese befindet sich 
aber an der linken seite. Bekanntlich hatte die 
römische cursive ein ganz gleiches doppeltes h. Vgl. §. 16. 
Das zweite m Büthakukje's unterscheidet sich von 
diesem nur dadurch, dass es statt einer spitze eine 
kleine schlinge hat: 

Ö 
eine in der cursive bekannte erscheinung. 

Es lässt sich voraussetzen, dass die schrift Bütha- 
kukje's, als eine rein lateinische, ursprünglich auch ein 
echtes lateinisches 7«-zeichen besass, das sie durch uns 
unbekannte processe eliminirte und an seine stelle eine 
zweite abart des h setzte. Auch die schrift von Elbassan 
hat kein cursives lateinisches »i; ein griechisches wird 
als h verwendet. Man vergleiche unser h und m mit 
h, mh, m der schrift von Elbassan nach ihren grund- 
formen. Büthakukje hat kein zeichen für inh. 

nr. 11. L (dh) und nr. 12. t, (d). 

Welchen laut mag Büthakukje, der etwa um das 
jähr 1840 seine lithographische arbeit herausgab, mit der 
transcription dh gemeint haben? Keinen anderen als 
albanesisehes assibilirtes o. Es ist bei verschiedenen 



55 - 



Schriftstellern schon längst gewohnheit, alb. o mit dh 
zu transcribiren, so schon Leake (1814), in neuester 
zeit Jeannarakis und Dozon. Assibilirtes t gibt Bütha- 
kukje analog durch tk wieder, auch hat er kein zweites 
zeichen, das man für o halten könnte. 
Das zeichen 3 

U. 

ist ein gewendetes lateinisches d mit offener 
schlinge: 



J 



(vgl. z. b. Wailly, Elements de Paleographie pl. 11, ein 
beispiel einer römischen cursive aus dem ende des 
6. Jahrhunderts, d in den Verbindungen „ed, ad^^). Die 
form ist übrigens eine sehr gewöhnliche. Rechts läuft die 
form Büthakukje's in einen kleinen strich aus, ein Zu- 
satz, denn wir bei vielen seiner buchstaben bemerken, 
durch den eben die Verbindung mit den folgenden 
buchstaben hergestellt wurde. 

Das der schrift von Elbassan 
h 
ist ebenfalls ein gewendetes lateinisches d, aber 
mit einer eckigen, nicht offenen schlinge. Diesen 
letzteren unterschied halte ich für zufallig, nur durch 
die strengere stilisirung und spätere diflFerenzirung ent- 
standen; beide zeichen sind identisch, der Zusammen- 
hang der schrift von Büthakukje und Elbassan von 
neuem erwiesen, §. 12. 

Das zeichen für d 

fc. 
ist mit dem ersteren identisch und nur durch einen 
querstricli difFerenzirt. Auch dieser ist lateinischen 
Ursprunges. Das römische cursive d erhält oft einen 
querstrich, der allerdings in der regel ein abgekürztes 
wort andeutet, manchmal aber auch rein graphischer 
natur ist, so in dem worte de bei Mabillon, Charta 
plen. sec. I, z. 1. Wir brauchen diese form nicht her- 
zusetzen. Ich verweise blos auf die erklärung des damit 
ganz identischen querstrichs des lateinischen l, der die 
iigur des l der schrift von Elbassan charakterisirt, 
§. 14. Man denke sich ein solches durchstrichenes d 
mit geöffneter schlinge, gewendet und mit einem kleinen 
ansatze versehen: das ist das «Z Büthakukje's. Ein la- 
teinisches d mit derselben geltung, aber ohne den quer- 
strich hat die schrift von Elbassan in den ligaturen 
da und vds bewahrt; die schlinge ist offen oder auch 
geschlossen und nicht gewendet. Man sieht, dass die 
erstere eigenschaft wieder nur zufällig ist. 

nr. 22. h b (r), nr. 23. 19 (s) und nr. 24. V) (ss). 

In der jüngeren römischen cursive sind bekannt- 
lich s und r einander sehr ähnlich: 



r r 



Vgl. über diese form des s §. 25. Manchmal wird 
der untere theil der beiden zeichen abgerundet : 



r er 



(s: Notices et extraits pl. XVIII, z. 4 im worte crcas, 
5. — 6. jahrh.; dann r: Marini, pl. LXXIV, z. 4 im 
worte scribsi). Mehrere solche" formen im Dictionnaire 
diplom., vgl. oben «2, auch aus jüngeren zeiten. Und 
diese, wie ich glaube seltenen, sonst unbedeutenden, 
von den paläographen wohl weniger beachteten neben- 
formen sind gerade in dem alphabete Büthakukje's 
typisch geworden: 

"19 IP b 
.s r 
zugleich durch unbedeutende Veränderungen hinreichend 
differenzirt. Es ist merkwürdig, dass die alte ähnlieh- 
keit zwischen s und r der ravennater Urkunden noch 
in diesen jungen formen trotz sonstiger Veränderungen 
fortlebt. Eine solche schrift kann nicht aus der willkür 
und der erfindung eines einzelnen hervorgegangen sein. 

In der schrift von Elbassan ist ein lateinisches n 
für schwaches r, ein griechisches p für starkes r (rr) 
gesetzt. Hier drängt sich die frage auf: sollte diese 
im gründe genommen lateinische schrift nicht auch 
ursprünglich ein echtes lateinisches r-zeicheji — wie 
die Büthakukje's — gehabt haben? Es ist vielleicht 
in folge der strengen stilisirung der formen wegen der 
äusseren ähnlichkeit des lat. s und r eliminirt worden. 
Wendet doch diese schrift jenes oben zuerst angeführte 
lat. s in der ligatur fs an, §. 27. 

Das mit ss transcribirte zeichen 

ist das eben erklärte s mit einem wagrecliten striche. 
Seine lautliche geltung kann nur s sein, weil das ganze 
aiphabet kein zweites zeichen für diesen im albanesischen 
unbedingt zu bezeichnenden laut bildet. Es ist bezeich- 
nend, dass schon ältere albanesische Schreiber, Kabal- 
liotes np(i)TOTC£tp(a (1770) und Daniel Ae^txbv rsTpäYXwccov 
(1802) alb. s mit crc wiedergeben. Der wagrechte strich 
auf dem s Büthakukje's soll offenbar die Verdoppelung 
anzeigen. Ganz anders bildete die schrift von Elbassan 
ein s aus lateinischem materiale, §. 28. 

nr. 14. CO (z). 

Dieses zeichen drückt den laut des albanesischen Z, 
aus. Es ist eine ligatur, die aus s und j besteht und 
zwar aus dem s der form 

Cr 



56 



das wir soeben unter nr. 23 aus dem Dictionnaire de 

diplomatique «2 anführten, und aus dem gekrümmten 

lateinischen i (j), das wir schon aus der schrift von 

Elbassan kennen: 

) 

Audi das i dieser schrift ist gekrümmt (nr. 3). 

Die ganze ligatur ist aber schon in der römischen 
cursive vorhanden. Es ist nändich das ganze zeichen 

CO 

schon auf die fertige lateinische Verbindung si 



^? 



die wir oben §. oO unter nr. 4 verzeichneten, direct zu- 
rückzuleiten, von der es sich nur durch die abrundung 
der unteren spitze unterscheidet, ein process, den wir 
gar nicht vorauszusetzen brauchen, weil er schon in den 
Veränderungen des lateinischen s selbst und in dem s 
Büthakukje's nr. 23 enthalten ist. 

Eine unserer sichersten graphischen herleitungen 
der zeichen von Elbassan ist unzweifelhaft die des 'Q 

§. 31, weil sie keine Veränderungen der mutterschrift 
gegenüber voraussetzt, daneben durch die Stellung in 
der reihe des alphabets und andere umstände gestützt 
wird. Aber auch dieses ist eine schon fertige latei- 
nische Hgatur si (sj). Der unterschied der beiden '(,, 
Büthakukje's und das der schrift von Elbassan, be- 
steht somit darin, dass verschiedene s- formen ver- 
wendet wurden, an die in dem einen falle das j oben, 
in dem zweiten unten angehängt wixrde. Aber beide 
nuancen liegen schon in der mutterschrift neben ein- 
ander. Die schrift von Elbassan und Büthakukje sind 
aus einer gemeinsamen quelle entstanden. 

nr. 9. ^ (g) und nr. 30. (^ (tzj). 
Das zeichen g 

unterscheidet sich von dem römischen g 



i3 



(Mabillon p. 345) nur durch die schon mehrmals her- 
vorgehobene zufällige schlinge. In ligaturen hat sich 
seine form mehr abgeschliffen. Dahin gehört vorerst 
das zeichen „teji'", eine, wie ich glaube, ungeschickte 
transcription für alb. z (d). In dem ganzen alphabete 
kann nur dieses zeichen für z genommen werden, und 
dies lässt sich auch aus seiner gestalt beweisen. Es 
ist eine ligatur, die aus einem lat. s und g besteht: 



Cr 

s 



Das s nach dem Dictionnaire diplom. (vgl. oben 
nr. 23). Es ist übrigens schon in !^ (sj) nr. 14 nach- 
gewiesen worden. Das g, eine schon stark abgeschliffene 
figur, findet sich, so wie wir es hier verzeichnet 
haben, in den jüngsten ausläufern römischer cursive, 
z. b. Codex Cavensis II. (a. 967). Die Zerlegung unserer 
ligatur setzt gar keine graphische Veränderung voraus: 
sie bestätigt Blancus' (1635) ausdruck des alb. z, der 
es ebenfalls durch einen zischlaut und g bezeichnet: 
l^gh, §. 67. Mit sg geben die alten lateinisch schrei- 
benden croatischen Schriftsteller Dahnatiens das sla- 
vische z wieder. Ihre auf italienischer grundlage be- 
ruhende Orthographie ähnelt auch sonst in vielen stücken 
der Schreibweise der ältesten albanesischen drucke des 
17. Jahrhunderts. Man kann wohl annehmen, dass jenes 
croatische sg = z schon vor dem 15. Jahrhunderte ira ge- 
brauche war und eine croatischen Schreibern eigene erfin- 
dung sei. Die unmittelbare geographische nachbarschaft 
süddalmatinischer und gegischer schreiber erklärt zur 
genüge die möglichkeit der reception dieses zusammen- 
gesetzten Zeichens. Es mag somit croat. sg ^ z als i^gh 
von den Vorgängern des Gregen Blanchus entlehnt und 
von den sich einst der schrift Büthakukje's bedienenden 
Albanesen, die ebenfalls Gegen waren, analog nach- 
gebildet worden sein. Diese schufen mit ihrem rö- 
mischen zeichenmateriale eine aus s und g zusammen- 
gesetzte ligatur, deren zweiter theil sich dadurch aus- 
zeichnet, dass er in der ligatur und im freien gebrauche 
eine verschiedene form besitzt, was den Vorgang wenig- 
stens nicht als ganz jung erscheinen lässt. Die ligatur 
muss zu einer zeit entstanden sein, da diese schrift 
noch flüssiger war. Jedenfalls muss die thatsache, 
dass die schrift Büthakukje's zwei nuancen des g, eine 
versteckt in einer ligatur, besitzt, welche beide zeitlich 
vor ihr selbst schon in der römischen mutterschrift, 
deren praktischer gebrauch schon seit neun Jahrhunderten 
verschwand, vorliegen, in ihrer ganzen Wichtigkeit er- 
fasst werden, um den gedanken an eine künstliche 
Zusammenstellung dieses alphabets in neuerer zeit 
ganz entschieden abweisen zu können. Noch eine andere 
berührung der schrift Büthakukje's mit einer anderen 
slavischen Schriftart werden wir unten bei dem buch- 
staben j nachweisen. 

Die zwei figuren dieses z 

unterscheiden sich von einander nur durch die secun- 
däre schlinge. 

nr. 19. V. (n) und 20. '^ (ng). 

Das zeichen n 

ist mit dem schwachen r der schrift von Elbassan 



57 



und einem ebensolchen lateinischen n, das wir §. 11 
erklärten, identisch. Hierin liegt der glänzendste 
beweis, dass jenes elbassanerr-z eichen ursprüng- 
lich ein lateinisches n gewesen und zugleich 
eine der merkwürdigsten Wechselbeziehungen 
beider albanesischen schriften. Die zweite abart 
besitzt die schlinge : 



Die ligatur ng 



n 



besteht aus einem lateinischen n, das manchmal auch 
in der schrift der ravennater Urkunden mit einer schlinge 
anhebt : 



Kl 



(verkleinert, Chamjjollion-Figeac, Chartes lat. tab. VIII, 
a. 552), dessen zweiter fuss ganz im geiste ähnlicher 
römisch-cursiver Verbindungen dem köpfe des zweiten 
bestandtheiles gemeinschaftlich ist. Dieser ist ein ziem- 
lich abgeschliffenes g, dessen form wir oben unter 
nr. 9 und nr. 30 erklärt haben. Eine dieser formell 
genau entsprechende ligatur ng habe ich zwar in der 
römischen cursive nicht gefunden ; wir können uns 
aber ihren ductus in der römischen cursive genau vor- 
stellen, wenn wir uns an die häutige und typische 
ligatur gn erinnern. Ich setze eine solche des Vergleiches 
halber her, sie besitzt ebenfalls ein sehr einfach ge- 
zogenes g: 

r 

(aus der cursiven Unterschrift des über Puteanus, Ana- 
lecta Liviana, Mommsen et Studemund pag. 3). Auch 
hier ist die haube des g zugleich der erste fuss des n. 
Daraus folgt doch gewiss bei umgekehrter folge der 
zeichen der ductus jenes ng, abgesehen von der schlinge 
und der möglichen abschleifung der form, welche die 
ligatur, losgelöst von der mutterschrift und als einfaches, 
typisches zeichen behandelt, unter den federn albane- 
sischer Schreiber erlitt. 

Die ligatur ng entspricht dem v-j- der schrift von 
Elbassan; der durch g (nr. 9) ausgedrückte laut dem 7. 
Vielleicht hatte auch jene schrift einmal gleich der 
Büthakukje's ein echtes lateinisches g(-zeichen und ein 
ebensolches ng. Aber der mittelalbanesische Dialekt, 
für den sie berechnet ist, hat reines g in einen ge- 
hauchten laut verwandelt. Ein sehr alter sprachlicher 
process mag das römische g aus der schrift eliminirt 
haben, das man fortan durch lat. h 

h 

bezeichnete; und die stelle eines echt lateinischen ng 
hat eine halb griechische, halb lateinische neubildung 
vy angenommen: 

Geitler. Die albaüesischen und slavischen schriften. 



Büthakukje's g und ng weisen auf den nordgegi- 
schen Ursprung seiner schrift (die Tosken schreiben 
ohnedies nicht lateinisch). Sie ist, weil rein lateinisch, 
das relativ ältere prototyp der schrift von Elbassan, 
welche einst der griechischen demente entbehrte, §. 40. 

nr. 15. a (k), nr. 16. 6L (kj) und nr. 28. C|C {x). 

Die ligatur ci (= alb. kj) konnte in der römischen 
cursive auf mehrfache weise gebildet werden. Man 
hängte das i an den unteren theil des c, so dass es 
unter die zeile sank; so entstand (von dem querstriche 
abgesehen) nach §. 33 das kJ von Elbassan: 

oder das angehängte i (j) blieb auf der zeile stehen : 



G 



(Mabillon, Charta Ravennensis z. 3, p. 459); das ist 

das kj Büthakukje's: 

&. 

nur noch ausserdem mit einem in dieser schrift be- 
liebten kleinen fortsatze versehen. Der unterschied 
der beiden albanesischen kj ist ein zufälliger, denn 
jene verschiedenen lateinischen ci können in einer und 
derselben Urkunde neben einander vorkommen. 

Warum wurde aber das kj Büthakukje's mit einem 
striche versehen? Diesen erklärt die form des k, das 
mit dem lateinischen c und elbassaner k 



zwar identisch ist, aber einen derartigen fortsatz bekam 

6l 



dass es dem kj so ähnlich wurde, dass man zu einer 
differenzirung schreiten musste. ] 
wiederum die schlinge erhalten: 



differenzirung schreiten musste. Beide zeichen können 



Gl a 

k kj 

Der laut x (ks) wird durch eine ligatur aus c (k) 
und s dargestellt. Bei diesem zeichen ersieht man am 
besten, wie die kleinen fortsatze so vieler buchstaben 
dieses alphabets entstanden. 

zerfällt offenbar in ein lat. c, in ein lateinisches unten 
spitziges s (nach nr. 22) und den fortsatz: 



( 



f 



wobei wir den bemerkenswerthen umstand hervorheben, 
dass sich das lat. s in der ligatur in einer andern, 
hier ursprünglicheren form erhalten hat als in dem 

8 



— 58 



selbstständigen zeichen (nr. 23). Warum die schrift 
lUitliakukjc's kein eettes lateinisches .r-zeichen besitzt, 
können wir nicht errathen; wir können bloss die that- 
sache constatiren, dass ein solches mittelst es ausge- 
drückt wurde. Sollte aber auch schon die lateinische 
mutterschrift eine solche Verbindung gekannt haben? 
Gewiss, wenn etwa, ganz nach art der cursive, Wörter 
wie fac, die, ac mit einem folgenden, mit s anlauten- 
den verbunden würden. Docli habe ich eine solche 
Verbindung nicht gefunden. Man kann sich aber deren 
ductus vergegenwärtigen, wenn man die form der öfter 
vorkommenden umgekehrten Zeichenfolge sc erwägt: 



)< 



(Codex Cavensis I, a. 792 im. nom. prop. sculdais). 

nr. 17. -iT-vf (l). 

Eigenthümlich veränderte römische l mit einem 
vorne angebrachten ansatz, mit und ohne schlinge, wie 
auch schon in der mutterschrift: 



Liß, 



die letztere form nach dem Dictionnaire diplom. pl. 21. 

nr. 21. Sl i (p). 

Strenger stilisirte offene j9 mit und ohne schlinge, 
wie in der mutterschrift: 



fif^ 



wie sie in allen denkmälern der jüngeren römischen 
cursive zu finden sind (Mabillon, Testamentum C. Cae- 
saris, z. 6 u. s. w). Unten ist der gewöhnliche fortsatz 



angebracht. 



nr. 25. f (f). 
Der verticale strich des lat. f. durchschneidet mit- 
unter die obere Linie : 



+ 



was man am besten in Verbindungen wie st (vgl. §. 51) 
beobachten kann. Noch genauer entsprechende formen 
finden sich in jungen ausläufern römischer cursive, 
z. b. im papyrus Karl des Kahlen a. 875 bei Cham- 
pollion-Figeac. 

nr. 26. T^ (f). 

Man vergleiche solche lateinische /, welche oben 
und unten mit einer schlinge versehen sind : 




das erstere nach ChampoUion-Figeac, Chartes latines I, 
col. IV, z. 3; das zweite aus der cursive der kaiser- 
lichen kanzlei, nach Massmann, Libellus aurarius p. 149. 
Würde man Büthakukje's /, das auffallend niedrig ist, 
nach oben und unten verlängern, so würde man ge- 
wiss eine diesen sehr nahe verwandte, fast identische 
form erhalten. 

nr. 27. .S (ch). 

Das einzige hauchzeichen dieser schrift. Ich halte 
es für ein lat. h 



% 



dessen schlinge mit der unteren krümmung zu einem 
einzigen zuge verschmolz. Eine genau entsprechende 
form habe ich indessen in der jüngeren römischen 
cursive nicht gefunden. Doch will ich auf eine ana- 
logie hinweisen, welche einen solchen möglichen fund 
wohl aufzuwiegen im stände ist. Das griechische eta, 
dessen gestalt sich in älteren Zeiten dem des latei- 
nischen h ganz analog entwickelt, hat in der minuskel- 
cursive des Jahres GOO eine form (Gardthausen, Gr. pal. 
taf. 4, col. 3), welche mit dem h Büthakukje's auf das 
genaueste übereinstimmt. 

Die lautliche geltung des jj ist nach Hahn's Or- 
thographie mit 7_ wiederzugeben. Auch Blanchus, der 
Gege, begnügt sich mit einem einzigen hauchzeichen : h. 
Daher beide Schriften auf die sonst ziemlich wichtige 
Scheidung der laute •/ und -/ verzichten müssen. Die 
zahlreichen feineren unterschiede der elbassaner schrift 
wurden durch die besonderen anforderungen des mittel- 
albanesischen dialektes hervorgerufen. Büthakukje's ai- 
phabet ist für einen nordgegischen dialekt berechnet. 

Das zeichen )j ist mit dem h (•>) von Elbassan 
der grundform nach identisch ; über den grund der 
abweichenden lautlichen geltung vergleiche das bei ng 
nr. 20 gesagte. 

nr. 29. % (tz). 

Diese ligatur besteht aus einem lateinischen t 
mit einem runden köpfe (vgl. §. 36, figur 3, 4, 6) und 
einem lateinischen z, dessen form beiläufig folgende 
gewesen sein muss: 



%. 



in welche das t hineingeschoben wurde, d. h. die ligatur 
ist genau so gebildet und entstanden wie das den- 
selben laut ausdrückende elbassaner tct (:= t -\- z): 

i 
(siehe unsere erklärung desselben, §. 24). Der unter- 
schied der beiden tz lässt sich auf folgende unbedeutende 
umstände reduciren : 1. ist das t in der elbassaner ligatur 
um etwas höher, d. i. gräcisirt worden; 2. hat das z 
Büthakukje's unten ein nach rechts gewendetes häk- 
chen. In einen ähnlichen schweif endigen bekanntlich 



— 59 



die meisten lateinischen z. Aber die besondere form 
dieses häkcliens verbindet wieder Bütbakukje's tz mit 
der ügur des assibilirten o (0) der ältesten lateinisch 
schreibenden Albanesen 



§. 67 (mitsammt den nebenformen), das sich von den 
beiden anderen tz wieder nur durch eine andere an- 
ordnung der bestandtheile t und z unterscheidet. Bütba- 
kukje's tz erhält also die Verbindung nach beiden Seiten 
aufrecht: mit der elbassaner schrift hat es die art der 
gruppirung der demente, mit der Bütbakukje's die 
specielle form des z gemeinsam — im gründe genommen 
sind alle drei formen identisch und zugleich einer der 
schönsten beweise für die gemeinsame quelle sämmt- 
licher drei albanesischer Schreibweisen. 

nr. .31. ^ (z). 

Form und transcription lassen mit Sicherheit auf 
ein lateinisches z schliessen. Bekanntlich sind alte bei- 
spiele des z in der römischen cursive selten, daher es 
schwierig ist, unsere form genauer zu fixiren. Doch 
deutet deren schlinge auf ihre Jugend. Vgl. ähnliche z 
bei Wattenbach, Anl. z. lat. pal., unter z. Ganz ähn- 
liche, aber sehr junge formen bietet auch der Diction- 
naire diplom. Bütbakukje's transcription ist in diesem 
falle etwas ungenau, da er nr. 14 ebenfalls durch z 
wiedergibt. In nr. 14 erkannten wir den laut des al- 
banesischen (so von Hahn) transcribirten C Unser 
zeichen nr. 31 kann daher nur die geltung des ähn- 
lichen albanesischen lautes d^ haben, den Büthakukje 
von dem ersteren in der transcription nicht zu unter- 
scheiden wusste. Unsere ansieht wird entschieden da- 
durch bestätigt, dass der laut da auch in der elbas- 
saner schrift durch ein reines lateinisches z-zeichen 
ausgedrückt wird, §. 22, dem man aus den §. 31 dar- 
gelegten gründen ein eckiges asper-zeichen beifügte. 
Beide lio-, das elbassaner und Bütbakukje's, sind trotz 
aller graphischen Verstümmelungen und differenzirungen 
dasselbe zeichen. 

nr. 13. £ (th). 

In diesem zeichen erkenne ich ein theta der jüngsten 
griechischen minuskel mit stark herabgezogenerschlinge. 
Vgl. Gardtliausen, gr.pal. taf. 11, -.9^ unter dem jähre 1492. 
Auch die elbassaner schrift bezeichnet das assibilirte th 
mit einem griechischen fheta, §. 44. Das ist das einzige 
griechische dement in Bütbakukje's aiphabet. Der laut 
selbst rechtfertigt die entlehnung. 

nr. 10. \ (j). 

G-anz unerwartet tritt uns hier ein reines bosnisch- 
cyrillisches „dj^ entgegen, das bekanntlich in den letzten 
Jahrhunderten die geltung eines jod bekam. Die nach- 
barschaft der Albanesen und Bosnier erklärt die ent- 
lehnung, der innere Organismus und der Ursprung der 



schrift Bütbakukje's wird sie rechtfertigen. Es fragt 
sich nur, wann sie stattfand? Etwa schon in älteren 
Zeiten, im 16. oder 17. Jahrhundert, oder hat sich erst 
Büthakukje, als er seine litbograpbirte arbeit zusammen- 
stellte, auf den Simonides hinausgespidt? Selbst dies 
letztere zugegeben, würde man ihn doch nicht einen 
Schrifterfinder nennen können. Dieses aiphabet erbte 
die mängel der mutterschrift. Wir sahen, auf welche 
weise die elbassaner schrift i von j scheiden lernte, 
wie sie ein besonderes u- und ein besonderes «-zeichen 
schuf, unterschiede, welche sie in der lateinischen cur- 
sive nicht fand. Wenn wir bedenken, dass selbst 
Blanchus' modernisirte Schreibweise i von j nur unvoll- 
kommen scheidet (i — /, j, y), so können wir uns 
recht gut bei denjenigen albanesischen Schreibern, die 
sich römischer cursiven bedienten, einen roheren zu- 
stand der Orthographie vorstellen, da sie i vonj, u von v 
ebenso wenig schieden, wie das mutteralphabet. Dar- 
auf deuten in Bütbakukje's aiphabet zwei sehr mar- 
kante umstände: es hat erstens kein zeichen für «, 
denn ^X wird mit lu transcribirt. Ob u mit demselben 
zeichen oder wie es überhaupt ausgedrückt wurde, 
wissen wir nicht. Es hatte aber auch kein eigentliches 
j'ofZ-zeichen, darauf deutet die entlehnung desselben aus 
der bosnischen cyrillica. 

§. 70. Hiemit ist der ausschliesslich römische 
Charakter der schrift Bütbakukje's erwiesen. 29 unter 
den 31 zeichen sind lateinisch, die aufnähme der zwei 
übrigen aus anderen quellen im besonderen motivirt. 
Die einzelnen vergleiche erheben sich zumeist zur to- 
talen Identität. Auch die grössenverbältnisse der buch- 
staben, die ober- und Unterlängen sind der mutterschrift 
gegenüber im ganzen dieselben geblieben, wie sich aus 
den einzelnen vergleichen ergibt und so weit wir dies aus 
den blossen buchstaben ohne kenntniss eines beispieles 
zusammenhängender schrift ermessen können. Es ist 
aber klar, dass z. b. g Unterlänge, l und ch (h) ober- 
lange haben muss genau wie in der mutterschrift. 
Das einzige / nr. 28 bildet mit seiner auffallend nie- 
drigen gestalt eine ausnähme. Die schrift Bütba- 
kukje's ist nichts anderes als eine noch nicht 
gräcisirte, weniger ausgebildete, an feineren 
Unterscheidungen ärmere, aber relativ ältere 
redaction der schrift von Elbassan, von den 
Verschiedenheiten der einzelnen buchstaben 
abgesehen, die sich bei den flüchtigen schwan- 
kenden gestalten der cursive von selbst er- 
gaben. Die Setzung eines lateinischen si (sj) für ^ 
in beiden schriften, eines b für m, eines in beiden 
Schriften gewendeten d für assibilirtes o, eines latei- 
nischen ci für kj, die speeifisch formelle Identität des n 
Bütbakukje's mit dem schwachen r von Elbassan, die 
in d<!r lautlichen natur der albanesischen spräche be- 
gründet ist, die ganze identische bildung der ligatur tz 
zeugt entschieden für die ursprünglich gemeinsame 

8* 



60 — 



quelle beider Schriften; die bezeichnung des z (c) durch 
sg verbindet andererseits Büthakukje's aiphabet mit 
der Schreibweise der ältesten lateinisch schreibenden 
Albanesen, die selbst wieder erscheinungen aufweist, 
welche zur elbassaner schrift hinüberleiten. Diese 
einander gleichen und doch verschieden nuancirten, 
dabei verdeckten analogien und Wechselbeziehungen 
lassen sich nicht „ertinden". Büthakukje's i, o, m, th, 
k, p, s, t, eil (h), z (de) ist von den analogen elbassaner 
i, 0, [A, 0, %, 7t. a, T, Y, da nur durch secundäre differen- 
zirungen der schwankenden cursive verschieden. Bü- 
thakukje's aiphabet ist im verhältniss zum elbassaner 
bedeutend ärmer an zeichen (31:52), aber diese armuth 
weist eben auf sein relativ höheres alter, wenn sie 
auch theilweise aus den geringeren lautlichen anfor- 
derungen des dialektes zu erklären ist (die zahlreichen 
nuancen der hauchlaute sind nur mittelalbanesisch). 
Im übrigen sind alle hauptsächlichen albanesischen 
laute durch besondere zeichen vertreten. Nicht ein- 
mal die zeichen für tc, dc7, Xj, pib vermissen wir, denn 
diese wurden in der fortlaufenden schrift gewiss durch 
lose combinationen, welche in der reihe des alphabets 
keinen platz fanden, bezeichnet. Ohne besondere zeichen 
für vdc, Yj, v-fl, T.G, vd, ct, gt, vj, lo u. s. w., welche 
nur die hochausgebildete elbassaner schrift besitzt, kann 
eine jede albanesische Schreibweise bestehen. Blanchus 
hat im gründe genommen auch nicht mehr als dreissig 
zeichen. So wie dieser unterscheidet auch Büthakukje 
den im nordgegisehen seltenen dunklen e-laut nicht im 
besonderen. 

Die Voraussetzung einer erfindung dieser schrift 
in diesem Jahrhundert durch einen einzelnen ist einer 
ernsten wissenschaftlichen discussion nicht fähig. Erstens 
sind die zeichen nicht willkürliche, wie Hahn bemerkte. 
Denn alle sind einmal in gewissen Schriften dagewesen, 
fast alle sind aus einer einzigen, streng begrenzten 
Schriftart entnommen. Sie sind aber auch nicht in 
ihrer gesammtheit erfunden, d. i. geflissentlich aus der 
römischen cursive zusammengestellt. Was soll den 
Albanesen Büthakukje um das jähr 1840 in aller weit 
bewogen haben, aus einer praktischen zwecken seit 
vielen Jahrhunderten entrückten, schwer lesbaren schrift 
ein neues aiphabet zusammenzustellen und dabei mit- 
unter formen auszuwählen, die selbst ein paläograph 
vom fach in seinen quellen nur selten vorhndet? Zum 
mindesten hätten wir den plan und Vorgang dieses 
Schrifterfinders blossgelegt. Wie käme es aber, dass 
er z. b. seinen römisch-cursiven denkmälern kein echtes 
m-zeichen für das albanesische m entlehnte? Das lag 
ja ganz nahe. Wir sahen nämlich, dass b und m 
(nr. 8, 18) durch nuancen desselben lateinischen b be- 
zeichnet werden, und fanden insbesondere bei m noch 
eine analogie und Unterstützung von selten der elbas- 
saner schrift. Solche dinge lassen sich nur aus natür- 
licher entwicklung begreifen. Büthakukje's schrift hatte 



einst gewiss von ihrer lateinischen mutterschrift ein 
echtes lateinisches »t-zeichen übernommen — das ist 
die natürliche annähme — aber es ist durch alte ortho- 
graphische Umwälzungen und eliminationen, die wir im 
einzelnen nicht mehr errathen können, aus ihr entfernt 
worden, so dass man zu der übrigens aus der innersten 
natur der albanesischen spräche erklärbaren setzung eines 
6-zeichens für m gelangte. Auch die elbassaner schrift 
wendet ein ursprüngliches J-zeichen für m, ein eigent- 
liches m für b an. Können diese verkehrten Setzungen 
ursprünglich sein? Waren sie vom Standpunkt der 
mutterschrift nothwendig? Liegen nicht hinter jenen 
Setzungen gewisse Veränderungen der Orthographie, er- 
neuerte redactionen derselben, welche die lautliche 
geltung solcher zeichen der mutterschrift gegenüber 
ganz verkehrten? Wir werden deren bild noch durch 
die glagolica in einer merkwürdigen weise ergänzen 
können. 

Neben je drei schon in der mutterschrift vor- 
handenen nuancen des e und b, die in dieser anzahl 
zu ertinden oder auszuwählen kein anlass vorlag, ist 
insbesondere für die frage einer künstlichen construc- 
tion der schrift der umstand hervorzuheben, dass jeder 
buchstabe in der ligatur anderen Veränderungen unter- 
lag als im selbstständigen gebrauche. In der ligatur ks 
C|C ist das s unten spitzig, als selbstständiges zeichen 19 
unten rund, in der ligatur 'C, (sj) OD ebenfalls und doch 
wieder in anderer beziehung abweichend! Anders ist 
das lateinische z in ^ (de) und anders in '\ (tz); in 
diesem wieder steckt ein anders geformtes t als in T (t). 
Vgl. ^ (g) neben g in % (ng) und oS (sg = z) ; ?j in ^ 
und ^ (ng); k als & (k) und in der ligatur CIC ßs). 
Bald ist der buchstabe in der ligatur mehr abgeschliffen, 
bald auch in einer relativ älteren form erhalten als 
im freien zustande. Die graphische entwicklung der 
ligatur hat sich von der am freien buchstaben eben 
seit jeher schon losgelöst. Solche dinge lassen sich 
nicht künstlich construiren. Analoge erscheinungen 
bietet die elbassaner schrift (vgl. die zeichen s und t 
in den ligaturen ps und tj und deren figuren in unge- 
bundenem zustande). 

Ganz entgegen der elbassaner schrift, welche die 
griechischen und lateinischen demente nur versteifte, ge- 
trennt schrieb, im übrigen unverändert Hess, verräth die 
schrift Büthakukje's eine bestimmte kalligraphische stili- 
sirung, welche sie von der mutterschrift abhob und selbst- 
ständig werden Hess. Alle buchstaben sind einer gewissen 
uniformirenden neigung erlegen, alle bestehen 1. aus ge- 
krümmten linien, zumeist offenen halbkreisen, 2. überall 
erscheinen, wo dies nur irgend möglich und durch die 
mutterschrift vorgezeichnet war, kleine schlingen (bei 
a, e, IV, n, ng, l, p, f, f, cli, tzj, z, in, g, auch th). 
Diese stellen sich bekanntlich durch die cursive Ver- 
bindung von selbst ein, sind ganz zufälliger natur und 
werden nur manchmal ein integrirender bestandtheil 



61 



des buchstabens. Daher es keine römische cursive 
ffibt, in der die meisten buchstaben immer und con- 
sequent mit einer schlinge erscheinen würden. Aber 
bei einer Übertragung derselben auf eine fremde spräche, 
unter anderen orthographischen und selbstständigen be- 
dingungen weiterer entwicklung konnte es geschehen, 
dass albanesisehe kalligraphen gerade diesem neben- 
sächlichen zuge der schrift den vorzug gaben und ein- 
seitig ausbildeten, so dass die schlingen ihren ursprüng- 
lichen nur zufälligen charakter verloren und ein cha- 
j-akteristisches merkmal der ganzen schrift wurden. So 
sehr die buchstaben Büthakukje's im einzelnen mit 
den analogen lateinischen formen übereinstimmen, so 
hat es doch gewiss nie eine römische cursive gegeben, 
welche ihr in ihi-em gesammtcharakter in bezug auf 
die häufigen schlingen und consequent runden züge 
geglichen hätte. In einzelnen fallen, bei l, p, hat sich 
die unverschlungene form neben der verschlungenen 
noch erhalten. Auf diese weise erlag eine römische 
cursive unter den bänden albanesischer schreiber einer 
nicht bloss orthographischen, sondern auch besonderen 
kalligraphischen stilisirung, sie wurde so wie die el- 
bassaner schrift eine neue lateinische nationalschrift. 
Die schrift Büthakukje's ist eine abgerundete 
verschlungene römische cursive. Ein solches 
resultat konnte nur durch längere natürliche ent- 
wickelung erzeugt werden. 

Auch darin unterscheidet sich dieses aiphabet 
von dem elbassaner, dass es für eine fortlaufende schrift 
geeignet ist. Diese schrift ist das, was sie war, ge- 
blieben: eine cursive. Die buchstaben d, S, 6, kj, n, 
l), t, f, ch (■/), 2 haben rechts oder unten kleine aus- 
läufer oder anhängsei von der mutterschrift her er- 
halten oder auch erst bekommen, was insbesondere 
bei Tis, k, e, h auffallend hervortritt: dies scheint auf 
die fähigkeit einer fortlaufenden Verbindung der buch- 
staben zu deuten. 

Ich halte dafür, dass die anordnung unseres alpha- 
bets nicht zufällig ist. Am anfange stehen merk- 
würdigerweise sämmtliche vocale in derselben Ordnung 
wie in der elbassaner schrift. Alle übrigen aber 
ergeben, obwohl lateinischen Ursprunges, die 
griechische buehstabenfolge. Es ist dabei bloss 
nöthig, dem lateinischen zeichen den entsprechenden 
griechischen laut zu substituiren: 6-ß, g-^, dh-l^ z- 
(nr. 14) 1^, Ä;-x, ?-/., m-^.. n-v, jj-x, ?'-p, s-c, t-i^f-c^i 
ch--f_. Die übrigen sind in einer weise eingestreut, die 
auch nicht zufällig sein kann, man sieht, dass sie die 
beabsichtigte reihe eigentlich nicht unterbrechen: das 
ungriechische kj wurde hinter k, ng hinter n und ss (i) 
hinter s gestellt. Die verwandten laute dh, t, th stehen 
neben einander; zuletzt noch vier zeichen, die sonst 
keinen rechten platz finden konnten: ks, tz, tzj (z), z (de). 

Büthakukje mag vielleicht einer jener halbge- 
bildeten Patrioten gewesen sein, welche fern von den 



eigentlichen statten der bildung in der ersten hälfte 
dieses Jahrhunderts unter den Völkern des Balkans 
allenthalben sich zu zeigen begannen und an dem 
letzten rest des geistigen erbtheiles ihres volkes ge- 
fallen fanden. Er muss ältere Schriftstücke be- 
sessen haben, aus denen er dieses aiphabet zu- 
sammenstellte. Vielleicht wollte er den gebrauch 
einer alten albanesischen schrift wiederbeleben. 

Hahn wird gewiss die lithographirte arbeit Bütha- 
kukje's gesehen haben. In den „Bemerkungen über 
das albanesisehe aiphabet" (Sitzungsber. 1850) nennt er 
ihn Hundekukje; als er dann diesen artikel in den 
Alb. stud. wieder abdruckte und von neuem durchsah, 
veränderte er diesen namen in Büthakukje. Wie soll 
er aber zu einer richtigen ansieht über den Ursprung 
dieser von ihm willkürlich benannten 31 zeichen ge- 
kommen sein, wenn er selbst die sich auf den ersten 
blick ergebenden analogien und beziehungen der elbas- 
saner schrift (t3, schwach p, ?», kf) aus altgriechischen, 
asiatischen und noch entfernteren alphabeten ableitet? 
Die Schreibweise Blanchus', Budi's und Bogdan's beutete 
er nicht aus. 

Wir müssen es bei den mittein und umständen, 
unter welchen sich die forschung albanesischen dingen 
und der schrift insbesondere zuwenden konnte, noch 
für ein glück ansehen, dass uns der zufall wenigstens 
31 trockene zeichen bewahrte. Wir lernen dennoch 
bedeutendes aus ihnen: die römische cursive war 
in mehreren stilisirungen bei Albanesen ge- 
bräuchlich. 

Schliesslich muss ich bemerken, dass diese schrift 
auf unsere darlegung der glacolica auch nicht den ge- 
ringsten directen einfluss üben wird. Für diese ist 
einzig und allein massgebend die schrift von Elbassan 
und der mächtige paläographische Untergrund, aus dem 
diese hervorwuchs. 

§. 71. Es gibt noch einige dunkle nachrichten 
über das bestehen einheimischer Schriften bei Alba- 
nesen. Hahn erwähnt (Bemerkungen über das alb. 
aiphabet) eines ehemaligen directors der albanesischen 
gemeinden in Süditalien, Giuseppe Crispi, der sich in 
seiner Memoria sulla lingua albanese (Opuscoli di lit- 
teratura e di archeologia) folgendermassen äussert: 
Esiste anehe un alfabeto ecclesiastico composto di trenta 
lettere, le quali sono assai rassomiglianti ai caratteri 
fenici, ebraici, armeni e palmireni, alcune alla scrittura 
geroglifica jeratica, poche ai caratteri bulgari e meso- 
getici, ma vi manca cio che la nostra curiositk vi 
cercherebbe di preferenza, cioe la rassomiglianza al 
earattere pelasgo ed etrusco e runnico. La scrittura 
non e gia astiforme, ma vi predomina la linea retta, 
come ne manuscritti greci, perciö noi crediamo che 
nella forma attuale ella sia l'opera dei preti cristiani 
nel secondo seeolo all'occasione della introduzione 
del cristianesimo, o nel nono quando la missa cristiana 



62 — 



d'Albania fu definitivamente congiunta alla missa ro- 
mana. Qu(!sto alphabeto perö contiene alciini elcraenti 
di alpliabeti iniinitaiucnte piii antichi usati in Illiria, 
in Macedonia cd in Epiro. (Malte-Brun, Geographia 
universale I, pag. 25. Milano 1828.) Mit unrecht meint 
Hahn, dass dieses aiphabet etwa bei den neapolita- 
nischen Albanesen heimisch war. Unter diesen forschte 
D. Camarda, wie mir aus seiner brieflichen mitthei- 
lung bekannt ist, vergeblich nach einer nationalen 
Schrift. Crispi entnahm den kern jener nachricht aus 
dem umfangreichen werke Malte-Brun's, in dessen 
französischer ausgäbe „Geographie universelle" tom. VI, 
215 eine ähnliche beschreibung steht, wobei es unter 
anderem von diesem alphabete heisst: „il lui manque, 
ce que notre curiosite y chercherait de preference, 
le caractere pelasge, etrusque ou runique; ce n'est 
pas une ecriture hastiforme; c'est le roseau des 
manuscrits grecs qui en est le trait dominant . ." 
aber nicht die geringste anmerkung gibt uns darüber 
aufschluss, woher Malte-Brun diese nachricht schöpfte, 
während das ernste werk dieses vielseitigen Sammlers 
und gelehrten uns so viel vertrauen einflösst, dass wir 
annehmen müssen, dass er dieses albanesische aiphabet 
wirklich gesehen habe. Seine notiz wird indessen verbun- 
den mit einer nachricht von Ilobhouse, nach welchem bei 
den katholischen Albanesen ein einheimisches 
aiphabet bestehe (Voyages c. 71), was wiederum 
Castiglioni in seiner recension des Glagolita Clozianus 
von Kopitar in der Bibliotheca italiana tom. 82, besond. 



abdruck 9, berührt. (Nach Miklosich, Ersch und Gruber 
Encyklopädie „Glagolitisch" pag. 417.) Wenn dieses ai- 
phabet, wie wir aus der stelle bei Crispi entnehmen, 
30 lettern zählte, so kann es nicht mit dem 52 enthalten- 
den elbassaner in vei'bindung gebracht werden; wenn 
die gerade linie in ihm vorherrschte, so kann es nicht 
den 31 buchstabeu Büthakukje's verwandt gewesen 
sein, die alle einen verschnörkelten ductus haben. Im 
jähre 1844 soll in Bukarest von einem Albanesen Naum 
Hartsi aus Gorcha (Goritza) in Westmacedonien ein 
buch mit besonderen albanesischen lettern gedruckt 
worden sein (D. Camarda, A Dora d'Istria gli Alba- 
nesi pag. 9, A. Dozon ; La langue clikipe pag. 1G9). Meine 
nachforschungen waren vergeblich. — Die türkische 
regierung soll vor einigen jähren eine albanesische 
commission berufen haben, welche eine neue schrift 
ausarbeiten sollte (Dozon ibid.). Das von Hahn entdeckte 
aiphabet von Argyrokastro (Alb. Stud. pag. 297) steht 
in keiner Verbindung mit den albanesischen Schriften. 
Es ist die geheimschrift einer familie, welche mit den 
bei Griechen üblichen, von Montfaucon und Gardt- 
hausen pag. 246 erwähnten eine gewisse ähnlichkeit 
aufweist. Wenn wir bedenken, dass bis jetzt nur ein 
einziger, consul v. Hahn, nach den resten albanesischer 
Schrift forschte, der nur die letzte zeit seiner viel- 
jährigen reisen darauf verwenden konnte, so können 
wir uns der hoffnung nicht verschliessen, dass viel- 
leicht künftige nachforschungen unsere kenntniss und 
unser materiale noch vermehren werden. 



Bemerkungen zu den proben albanesischer schrift. 



Das facsimile I, columne a und h erscheint hier 
in der transcription und Übersetzung. 

Das zweite facsimile bietet auf der zweiten 
columne, zeile 5 von unten, ein beispiel des wichtigen 
Zeichens d (z), vgl. §. 32. 

Das dritte facsimile hat auf der zweiten columne, 
zeUe 13 von oben, das §. 37 behandelte eigenthüm- 



liche Tcf (vgl. auf der tafel zu §. 1 die 13. figur 
unter nr. 42). 

Die proben sind aus beiden fragraenten des horologiums 
entnommen. Auf dem unteren rande der zweiten columne des 
dritten facsimile findet sich eine alte federprobe, ein abgebroche- 
ner versuch, die albanesischen buchstaben in der alphabetarisehen 
reihenfolge anzuführen. 



IL THEIL. 



ANALYSE DER BEIDEN SLAVISCHEN SCHRIFTEN. 



§. 72. Wir wollen nun jene breite grundlage be- 
treten, welche wir uns durch die analyse der albane- 
sischen Schriften geschaffen haben, und weisen der 
glagolica einen bestimmten platz in dem vielgliedrigen 
Stammbaume der phönicischen alphabete an: „Die 
glagolica ist eine kalligraphisch weitergebil- 
dete Schrift von Elbassan." 

Unter die kalligraphischen mittel, durch welche 
sich die glagolica von der mutterschrift abhob, gehört 
vor allem die anfügung der bekannten charakteristi- 
schen schlingen. Dass diese ringe — wenn auch nicht 
alle, wie wir später zeigen werden — eine rein orna- 
mentale zuthat sind, wurde schon früher mit mehr 
oder weniger bestimmtheit ausgesprochen, nur suchte 
man deren Ursprung am unrechten orte. (Safafik in 
der äthiopischen schrift.) Dazu tritt 1. der verschluss 
offener figuren, 2. das häkchenornament, 3. der ma- 
lende ductus, welchen processen wir insgesammt nach 
anführung der einzelnheiten eine allgemeine betrachtung 
widmen werden. Nach hinwegräumung der graphischen 
zuthaten tritt die mutterform eines jeden glagolitischen 
buchstabens mit überraschender klarheit hervor. 

Aber an die uns überlieferte gestalt und anzahl 
der nur achtzig jähre alten elbassaner zeichen können 
wir trotz ihres sehr conservativen Charakters den ver- 
gleich mit dem slavischen zeichenmateriale nicht un- 
mittelbar anknüpfen. lieber ihnen lagern alle jene 
Veränderungen und Verluste, die eine mehr als tausend- 
jährige tradition unvermeidlich mit sich bringt. Wir 
haben sie auf dem Ursprünge und vorkommen nach 
streng bestimmte und bekannte römische und griechische 
zeichen reducirt und an diese formen selbst erst, deren 
alter gewiss über alle anfange der glagolica hinaus- 
ragt, können wir die vergleiche der glagolitischen an- 
lehnen. Wir sind uns der seltenen Schwierigkeit be- 
wusst, die sich der erklärung der glagolitischen schrift 
entgegenstellt, deren erhaltene denkmäler um minde- 
stens achthundert jähre älter sind als die der albanesi- 
schen mutterschrift. Die elbassaner zeichen können für 
uns vorerst nur ein Wegweiser in die Vergangenheit sein, 
der uns an jene stelle zurückführt, wo mit hilfe der glago- 
lica selbst erst das bild einer altalbanesischen schrift ver- 
vollständigt wird. An derselben stelle auch empfängt die 
glagolica jenes intensive licht der römischen und griechi- 



schen paläographie des 6. bis 9. Jahrhunderts, welches für 
unsere zwecke ebenso werthvoll ist als die elbassaner 
zeichen selbst, und das allen unseren Zergliederungen 
glagolitischer zeichen eine Sicherheit bis in die un- 
scheinbarsten details verleiht, welche wir nach dem 
jetzigen stände der glagolitischen frage kaum ahnen 
konnten. Wenn wir somit alle glagolitischen zeichen 
nur mit wirklich überlieferten griechischen und römi- 
schen Charakteren, deren mehr als tausendjähriges alter 
sicher steht, identificiren werden und die glagolica den- 
noch die tochter der elbassaner schrift sein soll, so muss 
an der inneren Organisation der glagolica, an den ortho- 
graphischen Setzungen und lautlichen umstemjjelungen 
der zeichen gezeigt werden, dass diese schrift nicht 
durch eine directe auslese römischer und griechischer 
zeichen, sondern durch eine albanesische vermittelung 
bei den Slaven heimisch wurde. 

Die cyrillica, eine griechische schrift, ist uns in 
dem ductus der jüngeren liturgischen unciale des 10. 
bis 11. Jahrhunderts überliefert. Gewisse umstände 
scheinen darauf hinzudeuten, dass sie einst als alte 
unciale vor der zweiten hälfte des 9. Jahrhunderts im 
gebrauche war. Ihre sogenannten ungriechischen be- 
standtheile sind theils der glagolica entlehnt und somit 
indirect albano-römischen Ursprunges, theils capitale, 
aus griechischen Inschriften entnommene Cha- 
raktere, mit denen man das für alle slavischen laute 
nicht hinreichende griechische uncialalphabet vervoll- 
ständigte, und deren lautliche bedeutung von den cjril- 
liten nach einer auch in der geschichte anderer Schriften 
nicht ungewöhnlichen erscheinung zumeist willkürlich 
umgestempelt und slavischen zwecken adaptirt wurde. 

Umgekehrt hat auch die glagolica einige wichtige 
zeichen der cyrillica entlehnt: sie sind alle indirect 
griechischen capitalen Ursprunges. 

Daher stammt die wohlbekannte thatsache, dass 
beiden slavischen alphabeten gewisse zeichen gemein- 
sam sind: K), SK, m, m u. s. w. Sie ist aber nicht etwa 
dahin zu deuten, dass beide Schriften einen gemeinsamen 
Ursprung hätten, wobei sich die trügerische ansieht 
aufdrängen könnte, dass die cyrillica etwa nichts an- 
deres wäre als eine der leichteren handhabung wegen 
gräcisirte glagolica. Beider grundverschiedener Schriften 
entstehung ist zeitlich und räumlich geschieden, ihre 

9 



— 66 



berührung und wechselseitige ausgleichung secundär. 
Die so oft gestellte frage, welche von ihnen früher be- 
standen habe, ist insoferne von geringerem werthe, als 
durch ihre beantwortung keine neue beziehung zwischen 
ihnen aufgedeckt würde, indem man nicht an die mög- 
lichkeit dachte, dass hinter ihnen noch ältere redac- 
tionen liegen können, deren verhältniss zu einander 
ganz anders beurtheilt werden muss, als dies vom 
Standpunkte ihres uns überlieferten zeichenmateriales 
und seiner jetzigen anorduung geschehen könnte. Man 
hatte sich diese frage gestellt, ohne sich über die ört- 
liche und zeitliche entstehung der slavischen zeichen 
klar zu werden, was nur auf paläographischem wege 
erreichbar ist. Es liegen anzeichen vor, dass beider 
Schriften erste anfange vor der entscheidenden zweiten 
hälfte des 9. Jahrhunderts unabhängig von einander im ge- 
brauche bestanden. Die berührung und durch wechsel- 
seitige entlehnungen von zeichen entstandene aus- 
gleichung beider Schriften, die ich nach Macedonien 
in die zeit Kliments 886 — 916 verlege, ist zugleich die 
geschichte der entstehung jener Orthographie, in der 
die ältesten slavischen denkmäler geschrieben sind. 
Die glagolitische Orthographie ist nach dem muster 
der cyrillischen gebildet. 

Vor jener zeit war die glagolica noch aller cy- 
rillischen demente bar, eine reine albanesische, slavi- 
schen zwecken schlecht und recht angepasste Schrift, 
wodurch wir zu der Vorstellung einer alten glagolica 
kommen, der ich einen reellen werth zuschreibe, weil 
ihre wirklich erreichbare reconstruction eine forderung 
strengster paläographischer forschung ist, soll die über- 
lieferte glagolica überhaupt erklärt werden. Diese alte 
glagolica war noch von allen jenen kaUigraphischen 
umwandelungen, z. b. der verschhngung frei, welche 
sie erst überhaupt zur selbstständigen schrift machten. 
Dies lässt sich direct augenscheinlich durch jene gla- 
golitischen demente beweisen, welche in die cyrillica 
eindrangen. Sie sind noch nicht glagolitisch im sinne 
des typus der überlieferten glagolica. Die kalligraphische 
umwandelung der glagolica hat erst nach ihrer einfluss- 
nahme auf die cyrillica stattgefunden. 

Auf dieselbe weise gelangen wir zu der Voraus- 
setzung einer alten redaction der cyrillica ohne glago- 
litische elemente — vor der zeit jener berührung. 
Sie bestand anfänglich nur aus griechischen zeichen, 
aus uncialen und capitalen. 

Unsere erörterung wird vorerst das gesammte 
zeichenmateriale beider Schriften ohne unterschied behan- 
deln; die Scheidung, was nur altglagolitisch, was nur alt- 
cyrillisch gewesen, wird sich leicht bewirken lassen. Alle 
zeichen, die unsere vergleiche zu capitalen griechischen 
stempeln werden, waren einst nur der cyrillica eigen, 
gleichviel in welcher von den beiden Schriften sie er- 
scheinen; alles, was sich als cursiv ergeben wird, gehörte 
der glagolica, die von haus aus eine reine cursive war. 



Der runde bulgarische, zugleich entschieden ältere 
typus der glagolica ist unbedingt, der eckige croatische 
bis zu einem hohen grade schon in Macedonien zur 
ausbildung gelangt. 

Die heimath der glagolica ist das mittlere Al- 
banien. 

Fast alle slavischen buchstabennamen : az, hiücy, 
vede u. s. w. sind slavisirte albanesische werte. 

§. 73. Das glagolitische e. 
Die älteste form 



hat nur einen querstrich und ist mit dem gewendeten 
römischen e, dem elbassaner dunklen t ^ identisch. 
Nur die hohe, die übrigen buchstaben überragende ge- 
stalt ging verloren, §§. 8 und 54, da fast alle buch- 
staben der runden glagolica gleich hoch gemacht wur- 
den. Dieses e findet sich schon im asseman, der von 
zwei verschiedenen, wenn auch gleichzeitigen bänden 
geschrieben ist. Die zweite, die sich von den bisher 
bekannten facsimilen der ersteren band durch eine ge- 
ringere Zierlichkeit unterscheidet, bietet es auf der 
2. Seite des 29. blattes, und zwar consequent. Das- 
selbe e im achridaner evangelium, aber nur im texte, 
nicht in der aufschrift, vgl. Sreznevskij, atlas zu den 
„drevnie glagoliiieskie pamjatniki", facsimile VIII; mit- 
unter im glagolita clozianus, im ersten prager frag- 
mente. Die croatische glagolica kennt seit den ältesten 
Zeiten nur diese form, die zweite, spätere, schon ver- 
zierte, ist ihr vollständig fremd (grosse Inschrift von 
Baska, fragment Mihanovic, 12. jahrh.), woraus auf 
eine sehr alte abzweigung der croatischen glagolica 
von der bulgarischen zu schliessen ist. 

Im laibacher homiliar, das entschiedendem 13. Jahr- 
hundert angehört, erscheint e auch ohne den querstrich, 
d. h. er wurde allmälig vernachlässigt: 



so auch in vielen anderen späteren denkmälern. 

Die zweite verzierte abart ist in der bulgarischen 
glagolica die herrsehende. Die figur erhält einen zweiten 
querstrich, der sich auch zu einem häkchen aus- 
bildet, assem. : 



pariser aiphabet: 

Besonders ausgebildet ist diese rein ornamentale zuthat 
in der initiale: 



67 



(assem. Sreznevskij facs. VII). Ich glaube auch wirk- 
lich annehmen zu dürfen, class diese Verzierung zu- 
erst bei initialen erschien, bei herausgerückten buch- 
staben und in aufschriften, und dann erst in den text 
eindrang, wobei der wenig ausgeprägte unterschied 
glagolitischer majuskel und minuskel in rechnung ge- 
zogen werden muss. Das achridaner evangelium scheint 
das alte verhältniss noch bewahrt zu haben, in der 
aufschriit ist das e doppelt, im text nur einfach durch- 
gestrichen. In den übrigen denkmälern ist es schon 
verwischt, daher das fortwährende schwanken zwischen 
dem alten und dem verzierten c. Das erste prager 
fragment hat einfach, das zweite doppelt gestrichenes e. 
Von jenem ornamentalen häkchen will ich hier nur so 
viel bemerken, dass es auch bei anderen buchstaben 
zur kalligraphischen umwandelung der ursprünglichen 
glagolica beigetragen hat, griechisch-cyrillischen Ur- 
sprunges ist und unter anderem auch im cjt. "k erscheint. 
Das doppelt gestrichene e schien manchen dem 
altgriechischen epsilon und dem entsprechenden phö- 
nicischen zeichen so ähnlich, dass man darauf eine 
besondere theorie über den Ursprung der glagolica auf- 
baute. Und da es nach links gekehrt ist, so soll die 
glagolica einst eine bustrophedonschrift gewesen sein. 
Diese umkehrung haben aber schon die albanesischen 
Schreiber aus einem weiter zu behandelnden gründe 
bewerkstelligt. 

§. 74. Das glagolitische e. 



Das zeichen 



ce 



(assem.) ist von dem glag. e ältester abart §. 73 nur 
dadurch geschieden, dass es nicht gewendet und durch 
das vornehmste mittel glagolitischer kalligra- 
phie, die anfügung der schlinge, nachträglich 
verziert wurde. Es ist also ein echtes römisches e 
gewesen (der ersten der §. 8 angeführten zwei figuren 
vollkommen gleich), das wie alle anderen glagolitischen 
buchstaben niedrig geworden ist. Das albanesische 
(gewendete) e wenigstens wurde als hohe tigur stilisirt. 
Der ganze ductus des buchstabens selbst hat allerdings 
sehr wenig vom charakter der römischen cursive an 
sich, ja losgelöst vom historischen hintergrunde der 
glagolica könnte er für sich nur mit einem e der grie- 
chischen minuskel, wie es zuerst im jähre 924 (Gardt- 
hausen, Gr. pal. 185) erscheint, verglichen werden. 
Und dennoch betrifft diese ähnlichkeit nur den äusseren 
ductus, da die ganze runde glagolica durch den äus- 
seren graphischen charakter der alten griechischen mi- 
nuskel beeinflusst wurde, nicht die materie und den 
eigentlichen paläographischen Ursprung des buchstabens. 
Dieses zeichen muss einst mit der geltung eines 
nasalen e und natürlich ohne schlinsre auch in der al- 



; banesischen schrift bestanden haben. Aus der uns über- 
lieferten Schrift von Elbassan verschwand es, §. 81. 
Die croatische glagolica hat es in der combination je 
erhalten, §. 77. 

§. 75. Die glagolica hat eigentlich nur ein nasal- 
zeichen: <e. Die drei anderen werden von diesem nur 
durch vorgesetzte exponenten (dies ist wohl der ge- 
eignetste ausdruck) unterschieden: 3€ se '^. Die in- 
consequenz dieser bezeichnung liegt auf der band. 
Man vergleiche die form von se und se und dann 
wieder ihre lautlichen werthe. Warum bei «€ die jo- 
tation wieder anders als bei se bezeichnet wird, « 
nicht e, sondern « gilt, darüber würde man innerhalb 
der glagolica nach einer nur beiläutigen aufklärung 
umsonst suchen. Diese verwickelten Verhältnisse können 
nur durch ein fortwährendes zusammenhalten der hi- 
storischen entwicklung der glagolica mit ihrer mutter- 
schrift entwirrt werden. 

§. 76. Das glagolitische j'e mit geradlinigem y. 

Der ältere theil des zograph bietet einige male 
das zeichen: 



das je bedeutet. Es ist in einigen participien praes. 
act. wie 

enthalten, nach deren bekannter doppelform man das 
dunkle zeichen entweder rpA4,ÄH oder rp/ftyt,<ftH lesen 
könnte. Ich lese aber rp/Ä^iAll, wofür nicht bloss 
parallele Schreibungen (rp3€A3eH assem., Job. 3, 31), 
sondern auch eine lauterscheinung spricht, der zufolge 
in rein altbulgarischen denkmälern sporadische Schrei- 
bungen mit htk anstatt regelmässigem a jenem parasi- 
tischen j anzureihen sind, das sich in nordslavischen 
dialekten vor a einschleicht. Den lautlichen beweis 
werde ich in einer besonderen schrift vervollständigen. 
Unrichtig ist die behauptung des herausgebers des zogr. 
codex, dass der Schreiber mit diesem zeichen den 
spätbulgarischen, an die stelle des nasals tretenden 
dumpfen laut bezeichnen wollte. Noch einmal finden 
wir dieses zeichen im öetvero-evangelie Grigoreviö, 
Sreznevskij, Glag. pam. facs. IX a, z. 4, im worte aa 
HIA, wie Sreznevskij selbst, ohne das zeichen zu er- 
wähnen, transcribirt. Der ostromir hat an derselben 
stelle auch 3a hia, was allein dem urtext entspricht: 
pro eis, üirsp aÜTöiv Joh. 17, 19. Ich bemerke dies des- 
halb, weil hier beide ausgaben des assem. 3a he (quia) 
bieten. Nur ist von seiner form zu bemerken, dass der 
untere theil der schlinge zu fehlen scheint : 

was ich aber auf rechnung jener nicht gerade genau 
gearbeiteten lithographien setze. Das evang. grig. ist 
mit einer schwächeren tinte geschrieben, feinere striche 

9* 



68 



bleiben auch in anderen fällen einem in der glagolica 
weniger geübten unsichtbar, manche huchstaben sehen 
wie verstümmelt aus. Ich hatte gelegenheit, das bei 
Miklosich befindliche Fragment in dieser richtung zu 
untersuchen. Das zeichen zerfällt von selbst in ein 
geradliniges römisch-cursives i und ein dasselbe über- 
ragendes römisches e. "Vgl. §. 6 und 8. Die gestalt der 
beiden bestandtheile war, wie sie ursprünglich in der 
römischen cursive neben einander lagen, folgende: 



) 



c 



und es ist nichts hinzugetreten als das unvermeidliche 
glagolitische Ornament, die schlinge. Die gestalt des 
hier als j gesetzten römischen i ist geradlinig. In der 
Schrift von Elbassan ist die gekrümmte abart desselben ) 
mit der geltung j regel geworden. Wir werden diese 
letztere auch in mehreren glagolitischen ligaturen wieder- 
finden. Jene graphische scheidung, nach welcher in 
der mutterschrift der glagolica der zufällige unterschied 
des römisch-cursiven geradlinigen und gekrümmten )" 
dazu benützt wurde, um das erste für i (i), das zweite 
für j ()) zu setzen, ist auch nicht auf einmal und auch 
nicht vollständig durchgeführt worden, insbesondere 
in ligaturen, wo der unterschied weniger in betracht 
kam. So fanden wir im elbassaner ^ eine lateinische 
sMigatur, die vom Standpunkte der elbassaner Ortho- 
graphie nur als sj aufzufassen ist, und ihr i Q) ist 
eigentlich geradlinig, §. 31. Dasselbe gilt von dem 
ersten theile unseres je\, es ist ein schlagender beweis, 
dass zwischen ihm und dem gekrümmten alb. a j wirk- 
lich nur der flüchtige unterschied eines geraden oder 
gekrümmten römischen i besteht. In der älteren croa- 
tischen glagolica ist wieder dasselbe geradlinige i mit 
der geltung i erhalten, §. 91. Da ferner der zweite theil 
unserer je-combination, ein für e gesetztes römisches e, 
mit dem unverbunden vorkommenden € identisch ist, 
so sehen wir, dass beide von uns vorausgesetzten be- 
standtheile wirklich in der glagolica als selbstständige 
zeichen nachweisbar sind. 

Die Verbindung wurde vom köpfe des i (j) aus 
zum querstriche des e (e) hin bewerkstelligt. Es fragt 
sich, ob diese Verbindung schon in der römischen 
schrift vorhanden war. Ich habe sie in der gesammten 
von Wattenbach, Anl. z. lat. pal., angeführten litoratur 
der römischen cursive nicht gefunden. Sie ist aber 
so einfach, dass sie sich bei den glagoliten auch ganz von 
selbst einstellen konnte. Die umgekehrte folge ei ist 
dagegen eine typische ligatur der römischen und griechi- 
schen cursive (Gardthausen, Griech. pal. taf. 4). 

Der umstand, dass das (' (j) unserer ligatur von 
dem e (e) überragt wird, ist besonders bemerkenswerth 
und unserer graphischen herleitung günstig. Dies ist 
in der glagolica der einzige rest der schon in der el- 
bassaner Schrift beobachteten auffallenden oberlänge 



des römischen e, §. 8 und 54. Wenn auch i in der 
römischen cursive mitunter selbst sehr hoch ist, so 
sind doch fälle höchst gewöhnlich, wo inmitten eines 
Wortes ein i von einem e entschieden überragt wird. 
Aberauch inderverbindung ist das römische e dieser 
glagolitischen ligatur dem ductus der griechischen minus- 
kel angeglichen worden, wie das freistehende «, §. 74. 

§. 77. Das glagolitische je mit gekrümmtem j. 

Dem herrschenden zeichen für jq gab Safafik, 
welcher die runde glagolica bekanntlich zuerst für den 
druck adaptirte, den grundzug 

3€ 
welchen er selbst in 3 e und <e « zerlegte. Wie sollen aber 
die alten Schreiber auf den gedanken gekommen sein, 
die jotation eines € e durch 3 e zu bezeichnen? Eine 
analoge combination ist ae, d. i. o -|- e, sie bedeutet 
aber nicht jV<, sondern q. Wenn wir den wirklichen 
handschriftlichen zügen nachgehen, so bemerken wir 
schon in einem so alten denkmale wie dem sinaitischen 
psalter ein je, das nur einen querstrich besitzt: 

ebenso im ersten prager fragmente, was ich für den 
relativ ältesten zug des je halte. Die combination zer- 
fällt nach meiner ansieht in ein gekrümmtes albano- 
römisches ;' (i) und in ein €: 

) € 
Ebenso wie die einst vielleicht losen bestandtheile 
des ersten jq §. 76 von den glagoliten verbunden 
wurden und gleichwie die combinationen 3€ w, welche 
in einigen handschriften noch getrennt werden, in an- 
deren auf verschiedene weise in einheitliche figuren 
zusammenfliessen, hat sich auch hier ein verbindungs- 
strich eingestellt, der die figur des sinaitischen psalters 
schuf. Der querstrich des ei'sten theiles der ligur ist 
nur eine rein graphische fortsetzung des querstriches, 
der dem zweiten theile der ligatur seit jeher eigen 
war. Dadurch entstand eine ähnlichkeit des ersten 
theiles mit dem glagolitischen 3, welche zur Identität 
gesteigert wurde, als man dies je auch mit zwei quer- 
strichen nach dem muster des 3 schrieb: 3€. Es ist 
der malende ductus der glagolica in anschlag zu brin- 
gen, der einerseits nach regelmässigen figuren strebt, 
andererseits oft ganz verschiedene zeichen einander 
derart angleicht, dass man sie nur der läge nach unter- 
scheiden kann, ein sehr wichtiges merkmal zur erkennt- 
nissder secundären glagolitischen ductusveränderungen, 
weil die ursprüngliche form eines Zeichens darunter 
nicht unbedeutend leidet, §. 155. Man sieht in den 
einzelnen handschriften, wie sich der erste theil des je 
an die form des 3 anlehnt: im I. prager fragmenteist e 
einfach durchstrichen, ebenso je\ im II. fragmente e 
und je zugleich doppelt durchstrichen; der sinaitische 
psalter schwankt, sonst herrscht der doppelte quer- 



— 69 — 



strich. Es ergibt sich somit, dass beide glagoHtisehe 
y§-zeichen eng verwandte graphische abarten sind, welche 
auf den zufälligen unterschied eines als ;' gesetzten — 
geraden oder gekrümmten — albano-römischen { zurück- 
gehen. So stützen sich die erklärungen der beiden ^e 
wechselseitig, ein jeder andersgestaltete versuch über se 
würde sich des historischen Zusammenhanges mit der 
mutterschrift begeben. Das gekrümmte j verschmolz 
mit € auch wohl deswegen zu einer Verbindung, weil 
die glagoliten in folge eigenthümlicher, später zu behan- 
delnder umstände nie zu einem selbstständigen gra- 
phischen ausdruck für j gelangten, wodurch auch die 
form dieses j in ihrer weiteren graphischen entwick- 
lung leichter verdunkelt werden konnte. In der gla- 
golica, wo alle zeichen eine sehr bestimmte geome- 
trische figur bekamen, musste eines der beiden je eli- 
minirt werden. Das je des zogr. und des evang. grig. 
gehört offenbar zu den in der glagolica zurückweichen- 
den überzähligen resten einer älteren zeit, denn sein 
sporadisches erscheinen kündigt durchaus keine neue 
orthographische Schreibweise an, es verschwindet fortan 
für immer. 

Es erscheinen noch andere verbiudungsweisen 
beider theile des 3€; achridaner evangelium : 

evang. assem. : 

worauf die zwei parallelen striche des II. prager frag- 
mentes zurückgehen: 



n 



Im 12. Jahrhunderte wird die form noch mehr 
vereinfacht: 



M 



so in einem glag. einschiebsei eines cyr. cerkovnyj ustav 
des 12. Jahrhunderts, Sreznevskij facs. XVIII, Sabas, 
Specimina, supplem. IV, wo es wahrscheinlich in der 
falschen bedeutung j« gesetzt ist; dasselbe in einem von 
roher band gezeichneten einschiebsei eines ebenfalls cyr. 
sbornik des 15. Jahrhunderts, Sreznevskij facs. XXIII; 
Öafafik fand es in der glag. stelle des achridaner praxa- 
postolars (12. jahrh.), Pamätky hlah. pis. 15; endlich in 
einer späteren dreizeiligen Interpolation der pag. 338 des 
sinaitischen psalters, die sich ihren zügen nach von 
dem übrigen theil des codex merklich unterscheidet 
und eben dieser ji'e-form halber in das 12. Jahrhundert zu 
versetzen ist. Aber der wichtigste beleg für die form 
und datirung dieser abart ist das kroatische je 

der grossen inschrift von Baska (anfang des 12. jahrh.), 
zeile 4, in den werten kt» ;1,hh CBCiift, nur ist es dem 



allgemeinen ductus des denkmales gemäss 
eckig geworden. Die bisherigen erklärer der in- 
schrift, welche an die möglichkeit croatischer nasal- 
zeichen nicht dachten, Crncic Knjizevnik II und Racki 
Starine VII, irren, wenn sie jenes zeichen, das auf 
dem originale und der Photographie genau erkennbar 
ist, ee, svoee lesen. Dem widerspricht erstens die form: 
der zweite theil kann ja nicht glag. e sein; und 
zweitens die grammatik: es ist ein acc. pl. masc. CBObA, 
nicht gen. sing. fem. CKOi€bft. Es ist svoje (nach croat. aus- 
spräche svoje) nicht svoee (svojeje) zu lesen. Auch 
Safarik verfiel in diesen fehler, da er Pam. hlah. pis. 15 
das croat. e, wenn es in gewissen formen verdoppelt 
werden muss, z. b. ai?333 (missale 1483), d. i. svoee, 
svojeje, svojeje, von dem sogleich zu besprechenden je- 
zeichen des azbukvidariums nicht zu scheiden vermag. 
— Es ist kaum nöthig zu bemerken, dass das je der 
inschrift von Baska nicht nasal gesprochen wurde, son- 
dernde. Die glagolica kam vor dem 9. Jahrhundert nicht 
nach Croatien, also zu einer zeit, da die Croaten aller 
Wahrscheinlichkeit nach nasale nicht mehr besassen. 
Sie recipirten den ganzen buchstabenvorrath mitsammt 
den nasalen und bewahrten deren spuren noch einige 
zeit als altes orthographisches erbstück. Es ist be- 
zeichnend, dass dieser einzige rest eines jq auf croa- 
tischem boden nur einen querstrich hat, da auch 
croat. e immer nur mit diesem erscheint. 

In dem ältesten glagolitischen azbukvidarium aus 
dem jähre 1528, dessen vielleicht einziges exemplar 
auf der hofbibliothek in Wien aufbewahrt wird, folgt 
hinter dem rubrum ein aiphabet von 32 gewöhnlichen 
buchstaben, dem am ende noch folgendes zeichen ohne 
jegliche erklärung angefügt ist; 

oc 

Im texte wird es nicht angewendet. Dobrovsky, 
zu dessen zeit glag. nasalzeichen überhaupt nicht be- 
kannt waren, hielt es für ein lat. x (Institutiones ling. 
slav. XXXVI). Noch einmal erscheint es bei Angeli 
Rocca, Opera omnia, Romae 1719, am ende des pag. 245 
angeführten glagolitischen alphabets. Er nennt es 
,.jenest^', ein sonst unerhörter baehstabenname, und 
fügt folgende gewiss unrichtige bemerkung hinzu: 
„haec litera parum aut nihil deservit, sed ponitur pro 
signihcatione literarum, quae instar characterum he- 
braicorum significationem habent". Er dachte wohl an 
den halblaut, dessen bedeutung er bei dem croatischen^er 
so definirt: „deservit pro fulcimento consonantium in 
fine dictionum". Die erklärung, sowie der name jfer- 
jesf, welchen der dem nichtdurchstrichenen croatischen e 
(§. 73) ganz gleiche erste theil vielleicht veranlasste, 
entstand etwa zu einer zeit, da man die bedeutung dieses 
unbrauchbaren graphischen erbstückes auf croatischem 
boden nicht mehr verstand. 



70 



Das je der insehrift von Baska verleiht uns den 
muth und das recht, dieses zeichen als je zu deuten. 
Dafür spricht auch seine wenn auch sehr verblasste 
form und die stelle, an der es im alphabete vom jähre 
1528 angeführt wird. Und noch ein umstand ist bezeich- 
nend: diese allerjüngste aller je-formen hat sich auch noch 
des letzten querstriches entledigt, weil auch glag. e, mit 
dessen Veränderungen es fortwährend schritt hält, mit- 
unter bei Croaten ohne querstrich erscheint. Zwischen 
jener insehrift (anno 1100?) und dem jähre 1528 liegen 
hunderte datirter handschriften und nirgends ist auch nur 
die leiseste spur eines ja zu entdecken. Gewiss war es 
nicht im gebrauche und doch musste es sich in der tradi- 
tion des alphabets auf eine uns unbekannte weise durch 
mindestens vier Jahrhunderte fortgeschleppt haben. Man 
sieht, wie conservativ Schriften sind, wie ererbtes, 
längst ausser gebrauch gesetztes, ja unverständliches gut 
wenigstens in der reihe des alphabets bewahrt wird. 

Vielleicht können wir auch den grund errathen, 
warum sich von allen nasalzeichen gerade nur 3€ auf 
croatischen boden hinüberrettete. Es gibt einige gla- 
golitische denkmäler, deren nasalgebrauch tadellos ist, 
die aber das zeichen € überhaupt nicht kennen und 
immer, in jeder läge statt € und 3€ nur 3€ setzen: der 
umfangreiche sinaitische psalter, das achridaner evang., 
die kyjever fragmente. (Dazu tritt wahrscheinlich noch 
das II. prager fragment, Öafafik, Glag. fragm. pag. 50.) 
Wir werden bei einer anderen gelegenheit nachzu- 
weisen trachten, dass diese Schreibart eine wirkliche 
dialektische ausspräche des altbulgarischen widerspiegelt. 
Andere folgen konnte sie in der geschichte der schrift 
haben. Alle nur je setzenden denkmäler zeichnen sich 
durch eine hinneigung zum eckigen schriftzug aus, es ist 
schon in Macedonien der erste grund zu dem bekannten 
eckigen croatischen typus der glagolica gelegt worden. 
Insbesondere ist der sinaitische psalter auch vieler an- 
deren eigenschaften halber der wahre und älteste Vor- 
gänger der später in Croatien einseitig ausgebildeten 
Schriftart. Vgl. die einzelnen thatsachen in der Anlei- 
tung zu dem texte meiner ausgäbe dieses denkmals und 
die am Schlüsse des buches befindlichen bemerkungen 
über den psalter. Wenn die entwicklung der anerkannt 
jüngeren croatischen schrift an diese specielle bulgari- 
sche schreiberschule anknüpft, in welcher der gebrauch 
des 3€ über die gewöhnlichen grenzen hinausging, so 
lässt sich die Zähigkeit begreifen, mit der die Croaten 
wenigstens dies eine — wenn auch ebenfalls unnöthige 
— nasalzeichen als graphische erbschaft festhielten. 

In dem letzten schnell und unschön geschrie- 
benen theile des sinaitischen psalters wird die schlinge 
des € in 3€ derart mit dem köpfe desselben verbunden, 
dass sie manchmal fast ganz verschwindet, wobei auch 
der querstrich verkümmert. Man kann die verschie- 
denen kaum nachzuahmenden Übergänge im codex 
verfolgen, ihr letztes product ist beiläufig folgendes: 



Öafafik fand auf der bisher nicht facsimilirten seite 
des I. prager fragmentes (I. A.) den unmittelbaren nach- 
folerer dieser nuance: 

den er allerdings damals für ein ganz neues singuläres 
zeichen ansehen musste (glag. denkm., Synopsis alpha- 
beti glag.) Die figur ist zerfallen, weil der querstrich 
des € wie bei jenem spätcroatischen je des azbukvi- 
dariums verkümmerte und dann verschwand. Es fragt 
sich allerdings, ob Öafafik avif jener verblassten seite 
überhaupt einen querstrich hat entdecken können. 

§. 78. Das glagolitische q. 

Das zeichen 

9€ 

besteht bekanntlich aus glag. a und •€, ist also gleich oe. 
Mitunter fehlt die schlinge des € wie bei dem e einiger 
j'e-Iigaturen ; so schreibt es z. b. die §. 73 erwähnte 
zweite band des assem. bl. 29 mehrere male: 

B€ 

Auch im achridaner evang. kehrt manchmal diese 
form wieder. Im II. prager fragmente verschwindet die 
schlinge des « in den Verlängerungen des a: 



^ 



und II. A. z. 5 hat das zeichen folgende eigenthüm- 
liche form : 



^ 



Das e ist ohne schlinge, hat aber einen zweiten quer- 
strich wie glag. 3 bekommen. Die uns überlieferte 
glagolica hat eigentlich nur ein nasalzeichcn: € e. Das 
zeichen für q ist gewiss erst von den glagoliten er- 
funden worden, da sie in der mutterschrift keinen be- 
sonderen ausdruck für nasalirtes o fanden. Man glaubte, 
in diesem nasale ein o zu hören, und so kam es zu 
der übrigens plumpen Versetzung des 3 vor €. Da- 
gegen deutet der graphische Ursprung des cyrillischen ä 
auf die auffassung desselben nasales als eines a-lautes. 
Nur im sinaitischen psalter wird zwischen pag. 42 
und 162 3€ oft mit getrennten theilen geschrieben: 3 €, 
der einzige rest der ursprünglichen Schreibart, auf den 
erst die zusammenrückung folgte. 

§. 79. +c des sinaitischen psalters. 
Ganz nach dem principe des 3€, vermittelst eines 
exponenten, ist die combination 

+C 
gebildet, die im sinaitischen psalter von mehreren 
bänden consequent im werte aHPEAZ +€A«3ik-8 angewendet 
wird. Wahrscheinlich haben wir darin einen übrigens 
vereinzelten versuch zu erblicken, nach dem muster 
des 3€ auch ein besonderes zeichen für nasales a dar- 
zustellen, das man in äv^sAGc zu hören glaubte. 



71 — 



§. 80. Das glagolitische ja. 

Die reinste der Zergliederung noch fähige form 
des glag. ja erscheint fast nur noch im assem. und 
zogr., aber auch hier sind schon heide theile der be- 
kannten combination so aneinander gelehnt, dass sie 
in eine tigur verfliessen. Getrennt sind dieselben noch 
im ersten drittel des sinaitischen psalters, im I. prager 
fragmente und im pariser aiphabet, was ich für den 
ursprünglichen ductus halte: 



^06 



ein e mit einem unbekannten vorsatz. Wenn wir diese 
form mit glag. je 

3€ 

vergleichen, so sehen wir offenbar, was schon längst 
jedermann auffallen musste, dass der lautliche unter- 
schied nur an dem ersten theile, wo man ihn nicht 
erwartet, angedeutet ist. Denn dieser ist ja in dem 
einen und dem anderen falle j. Da aber die glago- 
lica nur ein nasalzeichen besitzt, «, so konnte sie es 
nicht zu einer die äussere form und die ausspräche 
deckenden bezeichnung der beiden präjotirten nasale 
wie die cyrillica {\a = j -\- e, \s^ -\- j = q) bringen. 
Ein je konnte genau durch / -f- ß dargestellt wer- 
den, zur darstellung des ja fehlte ein eigentliches q. 
Der vergleich der zeichen sc se '»€ zeigt im vor- 
hinein, dass ^e ursprünglich kein echtes zeichen 
für jq war und diesen werth nur durch eine 
willkürliche setzung bekam. Da also unser in- 
teresse nur auf den ersten tlieil gerichtet ist und 
wir seine lautliche bedeutung noch nicht kennen, so 
müssen wir ims bei seiner erklärung vorerst nur von 
der graphischen form leiten lassen. Dieses 



^ 



ist identisch mit der albanesischen ligatur 



Wir zerlegten diese §. 52 in ein griechisches v 
und in ein römisches i (j): 

V D 

welche bestandthcile man einfach in einander schob. 
Dieselbe läge hatten die componenten einst auch in 
der glagolica, d. h. in der albanesischen schrift jener 
zeit, von der sie sich abzweigte, nur stand das j etwas 
höher, zu welcher annähme uns eben die specielle 
form des glagolitischen Zeichens zwingt: 

^/ 

Diese form musste in der glagolica allen jenen 
kalligraphischen Umänderungen erliegen, welche diese 
schrift überhaupt erst zu einer selbstständigen machten: 

1. der verschlingung, 



2. dem verschlusse offener figuren, durch welchen 
divergirende linien durch einen strich verbunden wur- 
den, ein sehr häufig angewendetes kalligraphisches mittel 
der glagoliten, §. 155. 

Auf diese weise wurde das griechische v zu einem 
dreiecke, auf das eine schlinge gestellt wurde: 

eine form, die dem glag. dz * (dessen Ursprung ein 
ganz anderer ist) derart gleich wurde, dass ihre von 
den glagohten bewerkstelligte Wendung hiemit moti- 
virt ist: 

(Daher stammt auch die oberflächliche annähme, 
glag. jq bestände aus dz -\- e, weil noch ausserdem im 
altgriechischen C aus j entsteht! Hanns, Sv. Kyril 
nepsal kyrilsky 22.) Ich bemerke, dass ich keine 
eigentlichen Veränderungen des alb. vj voraussetze, son- 
dern nur die hilfe derjenigen kalligraphischen processe 
beanspruche, welche die ganze glagolica beherrschen, 
über deren Wirkung sich der leser erst nach Vorfüh- 
rung aller thatsachen ein urtheil bilden möge. Man 
vergleiche vor allem anderen z. b. glag. »a«, §. 93, 94, 
bei dessen Umbildung dieselben zwei processe zugleich 
thätig waren, die verschlingung und der verschluss. 
Durch die Wendung des vj kam natürlich die concave 
Seite des j wie im alb. z §. 32 nach rechts, abgesehen 
von einigen unmassgeblichen verzerrten Schreibungen 
mancher Codices, wo die schlinge scheinbar nach links 
gewendet ist. 

Selbst schon im assem. wird die spitze des drei- 
eckes mitunter derart abgestumpft, dass die schlinge 
au einem rhomboid hängt; diese form nimmt besonders 
in verhältnissmässig jüngeren denkmälern überhand, 
im glag. cloz., im jüngeren theile des zogr. Safai^ik 
adaptirte sie für den druck. Noch andere Verzer- 
rungen kommen vor, so im I. prager fragmente, wo 
dieses zeichen von dem ebenfalls oben segmentartig 
abgestumpften s a desselben denkmals kaum zu unter- 
scheiden ist, was Öafafik auch an dem glagolitischen 
einschiebsei des achridaner praxapostolars hervorhebt 
(pamätky hlah. p. 15). Jenes niedrige unregelmässige 
Viereck wird in den aufschriften des glag. cloz. zu 
einer ellipse abgerundet: 

von anderen Verzerrungen zu geschweigen, welche 
die grundform ganz und gar verwischten. 

Wenn wir uns nun noch der römischen grund- 
form des nasalen e erinnern, §. 73, so ergibt sich, dass 
das von uns im drucke durch 

ausgedrückte zeichen, herausgeschält aus seiner kalli- 
graphischen hülle, in der elbassaner schrift (oder in 



72 - 



der alten glagolica) einst auf folgende weise gesehi-ieben 
wurde : 

»j e j <i 

Diese aus alb. vj und einem als e gesetzten (un- 
gewendeten) römischen e bestehende composition stand 
einst in der reihe der elbassaner zeichen unter nr. 50. 
Die auf rein graphischem wege gewonnene 
lautliche geltung des 4€, nje, wird nun auf die 
überraschendste weise bestätigt durch den al- 
banesischen buchstabennamen der ligatur vj, 
vjav, für den wir §. 66 eine ältere ausspräche nje, 
vjs (nach der elbassaner Orthographie) oder vjev 
(nachHahn'schersch reibweise) nachwiesen. Bei 
dem elbassaner \i stiessen wir auf zwei unaufgeklärte 
umstände: 1. das zeichen steht, obwohl eine reine 
/-ligatur, dem allgemeinen principe der anordnung des 
alphabets entgegen nicht hinter dem hauptzeichen (v); 
2. sein name lautet nicht nja nach art aller übrigen 
buchstabenbenennungen, sondern vjav (vj=v). Der grund 
liegt jetzt klar vor uns. Offenbar ist das elbas- 
saner zeichen v auf seiner überlieferten stelle 
in der reihe des alphabets nur der rest einer 
vollständigeren composition, es fehlt ihm etwas, 
was die ungleich älteren glagolitischen denk- 
mäler erhalten haben, das e. Der buchstaben- 
name vjs vjsv passt nicht zum blossen \i, wohl zum 
glag. ^, und dieses zeichen wiederum ist der vollständig 
ausgeschriebene name vje, vjsv. Daher stammt auch 
seine abweichende benennung und als compendium 
für das wörtchen vjev (da) konnte auch das zeichen 
nicht den platz einer gewöhnlichen j-ligatur einnehmen, 
es steht dort, wo die übrigen compendien für ähnliche 
Partikeln stehen, am ende des alphabets, zwischen as 
(nicht) und ts (dass), und blieb auch dann dort stehen, 
als der in der glagolica erhaltene zweite theil der com- 
position, das zeichen des nasalen e, aus der elbassaner 
Schrift verschwand, so dass nur das als nj angewendete m 
übrig blieb. Aber den buchstabennamen vjs vjev hat 
uns eine besondere gunst der umstände erhalten, der 
auch an dem blossen \i haften blieb, wenn auch in 
dialektischer verderbter ausspräche als vjav, da die 
eigentliche aufgäbe und bedeutung des ganzen Zeichens 
in der reihe des elbassaner alphabets durch den wegfall 
des zweiten theiles verdunkelt wurde. Man muss die un- 
geheure länge der tradition in !anschlag bringen. Wenn 
wir also für das überlieferte wörtchen vjav eine ältere 
ausspräche vjev, vjl vermutheten und diese etymologisch 
und auch durch eine factisch in der spräche bestehende 
form vjiv, vjs sicherstellten, so können wir schliesslich 
unsere ansieht über allen zweifel erheben durch glag. «€, 
das buchstäblich vjl gelesen werden muss, während 
sein erster theil mit m identisch ist. 



In keinem einzigen falle ergänzen einander unsere 
beiden Schriften in einer so innigen weise wie bei xj-'W; 
jede von ihnen hat etwas verloren, was die andere 
bewahrte, eine die vollständige graphische form, die 
zweite die eigentliche lautliche bedeutung, welche wieder 
in dem buchstabennamen der ersten deutlich durch- 
schimmert. Wir glauben nicht mit unrecht v das merk- 
würdigste zeichen des albanesischen alphabets genannt zu 
haben. Wir verweisen hier auch für die nachfolgenden er- 
örterungen noch einmal auf die in §. 66 gewonnenen 
resultate. 

§. 81. Die albanesische nasalbezeichnung. 

Ist also albanesisch 'tt an der stelle des alphabets, 
wo es überliefert ist, und seines eigentlichen buch- 
stabennamens vjt halber eine verstümmelte composition, 
deren zweiter theil sich in der glagolica (abgesehen 
von der veränderten lautlichen bedeutung) erhalten hat, 
so ist das zeichen 



c 



das einst hinter »q stand, d. i. ein römisch-cursives e, 
ursprünglich auch in der elbassaner schrift mit der 
geltung eines nasalen e vorhanden gewesen und in der 
glagolica nur durch ein Ornament, durch eine schlinge, 
weitergebildet: € erhalten worden. Wir hätten somit 
zum ersten male ein dement gefunden, das die 
der diplomatischen tradition nach ungleich 
ältere tochter bewahrt, die mutterschrift ver- 
loren hat. Glag. ■€ ist ein durch eine schlinge ver- 
ziertes echtes albanesisches zeichen, §. 73. Die glagoliten 
haben, so viel kann entschieden behauptet werden, kein 
einziges zeichen erfunden, auch nicht das c, dessen 
prototyp wir in der elbassaner schrift nicht mehr linden, 
alles wurde den Albanesen und zum geringeren theile 
erst in späterer zeit den eyrilliten entlehnt. Wäre es 
nicht verkehrt anzunehmen, dass die glagolica ein 
zeichen direct der römischen cursive entlehnt und nicht 
erst durch ein albanesisches medium bekommen hätte, 
da doch € auf ein römisches e zurückgeht? (was sieh 
durch die echt römische gestalt des dunkeln albane- 
sischen i beweisen lässt, zu dem € in einer Wechsel- 
beziehung steht). Die glagolica entstand ja zu einer 
zeit, da die jüngere römische cursive schon in starkem 
verfallen selbst in Italien begriffen war. Nichts ist 
der glagolitischen schriftbildner eigenthum als die 
kalligraphische Weiterbildung der entlehnungen. Doch 
abgesehen von dem allen, ist der jetzt scheinbar anor- 
male buchstabenname vjs selbst der zwingende grund, 
der auf die ehemalige existenz eines besonderen nasal- 
zeichens e hinter dem m hinweist. 

Wenn wir nun das glag. € mit 3 vergleichen und 
uns die in der albanesischen schrift erhaltene mutter- 
form des 3 vergegenwärtigen, so erhalten wir den 
Schlüssel, nach welchem die alten albanesischen schreiber 



73 



die in der lateinischen und griechischen mutterschrift 
nicht vorhandenen und für das albanesische unbe- 
dingt nothwendigen nasalzeichen bildeten. Wenn dem 3 
ein gewendetes römisches e entspricht, so geht ■€ auf 
ein angewendetes zurück: 

3 -€ 

1 alb. e 

Das erstere ist in der albanesischen schrift vor- 
handen, das zweite ist der form und bedeutung nach 
aus dem glag. € erschlossen. (Ausserdem sind beide 
glag. zeichen noch umgemodelt durch den ductus der 
alten griechischen minuskel.) 

Die albanesischen Schreiber differenzirten 
den einfachen vocal vom nasalen durch eine 
umkehrung des Zeichens. Jetzt auch erkennen 
wir den grund der wendung des albanesischen a v, 
§. 46. Sein ebenfalls verlorenes gegenstück, das nicht 
gewendete, musste einst a (echtes nasales a, av) ge- 
golten haben: 

V ""'IX 



sollen die Veränderungen der läge der zeichen über- 
haupt motivirt werden, was auch fast in jedem ein- 
zelnen falle möglich ist. Die einstige existenz eines 
albanesischen nasalzeichens a ist ferner geradezu be- 
dingt durch den zweiten anormalen buchstabennamen 
des alphabets, des /.er 

8 
ksan, für den man wieder der regel nach (etwa wie 
•psa für y) lisa erwarten würde. Vgl. §. 66. Ksan, qa^i, ^a 
mit der grundbedeutung ^itjiia., ist in dem elbassaner 
aiphabet eine verstümmelte composition, ebenso wie ^. 
Sie hat das nasalzeichen verloren, ihre volle form 
war diese: 

8 V 

Sie entsprach dem ausgeschriebenen vollen buch- 
stabennamen 5av ^a gleichwie «€ dem vjsv vjs und stand 
einst in der reihe des alphabets unter nr. 18. Wieder 
blieb der ganze name ?av auch an der einen hälfte 8, 
das ist 5, haften, nachdem das nasalzeichen wie bei 'g vj 
verschwand. Ueber 8 §. 66. 

Wir finden somit in den namen ?a und vjs spuren 
zweier ehemaligen albanesischen nasalzeichen für a 
und e, von denen eines, das e, in der glagolica er- 
halten ist. Unwillkürlich drängt sich die frage auf: 
warum standen die nasalzeichen gewissermassen an 
zweiter stelle und nicht unter den vocalen, wohin sie nach 
dem princip der anordnung des ganzen albanesischen 
alphabets gehöreni? Weil nasale im albanesischen 
im anlaute nicht vorkamen, §. 63. Sollten sie im 
alphabete eine stelle bekommen, so konnte dies nur 

Geitler. Die albanesischen und slaTischen sclitiften. 



innerhalb eines wertes geschehen. Man wählte dazu 
zwei passende einsilbige wörtchen: ^a und vjs. 

Da aber die nasalität allen albanesischen vocalen 
eigen und diese erscheinung selbst sehr alt ist, da sie 
auch theilweise im toskischen bestand und hier schon 
durch längen verdrängt ist, so fragt es sich ferner, wie 
etwa die nasalität bei den übrigen vocalen bezeichnet 
wurde? Nicht immer war es möglich, durch wendung 
des grundzeichens eine neue verschiedene form zu 
erhalten; die sehr alten figuren der vocale o ö r sind 
solche, wo eine umkehrung keine differenzirung er- 
zeugt hätte. Ich glaube daher, dass man von allem 
anfange an noch auf eine andere art der nasalbezeich- 
nung bedacht war, die sich auch in unseren albane- 
sischen fragmenten erhalten hat; man bezeichnete die 
nasalität durch das eckige asperzeichen. Daher in 
ältester zeit, etwa vor der abzweigung der glagolica, 
die nasalen vocale folgendermassen ausgedrückt wurden: 



während die gewendeten zeichen v ^, wie auch noch 
jetzt in der uns überlieferten schrift, die nicht nasalirten 
vocale a g bezeichneten. Aber die einfache bezeichnungs- 
weise durch den asper nahm später nach der entstehung 
der glagolica derart überhand, dass man sich der zeichen 
A. C entledigte, und an deren stelle trat das einfache 
a und £ mit asper: 

V I I O cb 

ein orthographischer zustand, der in den erhaltenen 
denkmälern noch dadurch überschritten ist, dass der 
asper fälschlich auch die länge aus gründen der aus- 
spräche ausdrückt. 

Auf diese weise erkläre ich mir das verschwin- 
den der besonderen nasalzeichen a t aus der elbas- 
saner schrift. Die mit dem asper bezeichneten nasale 
fanden keinen platz in der reihe des alphabets, weil 
man sie mit recht nicht für besondere figuren ansah. 

Recapituliren wir die gründe, welche uns be- 
stimmen, diese drei orthographischen phasen der alba- 
nesischen nasalbezeichnung und die existenz beson- 
derer zeichen für a und s anzunehmen : 

1. name und platz der zeichen 8 m deuten dar- 
auf hin, dass sie in der reihe des alphabets ursprüng- 
lich mehr waren als blosse zeichen für ks imd jjj; 

2. die aus albanesischem sprachmateriale einzig 
mögliche erklärung der wörtchen ?a und vjs lässt auf 
den Verlust zweier nasalzeichen für a und s schliessen; 

3. die eine der beiden vollen combinationen vjs 
ist wirklich in der glagolica als -»€ bewahrt; der buch- 
stabenname der einen schrift erklärt die figur der 
anderen ; 

4. daher das zeichen € ursprünglich albanesisch 

war und 

10 



74 



5. mit 3 = ■? verglichen zeigt, dass man den 
reinen vocal von dem nasalen durch eine Wendung 
differenzirte; 

6. aus demselben gründe deutet das gewendete v a 
auf ein ungewendetes a a, dessen spur sich auch im 
buchstabennamen ^a erhielt; 

7. die erschlossenen zeichen a t wurden durch 
eine daneben bestehende einfachere weise der nasal- 
bezeichnung verdrängt. 

Die gewendete läge der alb. zeichen v ^ ist so- 
mit motivirt, §. 46, §. 8. 

§. 82. Die darstellung der nasale in der 
glagolica. 

Das von uns erschlossene elbassaner a a ist in 
der glagolica nicht vorhanden. Aus dem umstände, 
dass die glagolica ein ganz anderes zeichen für a (+) 
besitzt als die uns überlieferte elbassaner schrift (ob- 
wohl auch dieses albanesischen und römisch-cursiven 
Ursprunges ist, §. 104), schliesse ich, dass sie auch 
jenes nasale q nicht hatte, denn die Voraussetzung 
eines a q ist nach unserer erklärung an den bestand 
des V a geknüpft. Es gab eben mehrere redactionen 
der elbassaner schrift, und die glagolica weicht bei 
aller innigen Verwandtschaft doch in einigen wenigen 
punkten von ihr ab. Wir werden diese abweichungen 
übersichtlich zusammenstellen, §. 174. 

Für den mangel irgend einer spur der compo- 
sition s^ in der glagolica ist auch der umstand er- 
wähnenswerth, dass sie überhaupt kein fo ^ besitzt, 
sei es in irgend welcher bedeutung oder Verkleidung, 
nicht einmal als Zahlzeichen, wie die cyrillica. 

Dagegen behaupten wir mit um so grösserer Zu- 
versicht, dass die mutterschule der glagolitischen ortho- 
graphen ein besonderes zeichen für nasales e hatte, 
weil es da ist. Daher besitzt die';glagolica auch 
nur ein einziges nasalzeichen, nur e. 

Die Verwendung der mit dem diakritischen asper 
bezeichneten nasale, von denen z. b, o recht gut für 
die bezeichnung der slavischen q hätte dienen können 
und vielleicht einmal diente, war in der uns über- 
lieferten graphischen redaction der glagolica unzulässig, 
weil diese schrift überhaupt keine zeichen über den 
buchstaben duldet, keinen accent, kein längenzeichen, 
keinen punkt, kein häkchen. Selbst der punkt über 
dem albanesischen ö (xi), der es von o scheidet, wurde 
in der glagolica aufgegeben, eine sehr gewichtige ana- 
logie, §. 86. (Das ,in manchen glagolitischen hand- 
schriften erscheinende, nie consequent durchgeführte 
weichzeichen des suprasler codex ist so wie alle ähn- 
lichen theilweise bedeutungslosen striche und punkte 
späteren cyrillisch-griechischen Ursprunges.) Mit die- 
sem € mussten die glagoliten nicht bloss für e und je, 
die richtig dargestellt wurden, sondern auch für q und^g. 



auskommen. Daher die plumpe bezeichnung des q 
durch o -j- e. Noch auffälliger ist die setzung des 
albanesischen vje für jq. Nur der zwang der umstände 
bewirkte sie, und ist zu ihrer entschuldigung nur der 
eine, allerdings tiefe grund anzuführen, der in der ge- 
schichte vieler Schriften schon so oft bemerkt wurde, 
jener mächtige conservative zug, der Schreiber aller 
Zeiten einmal ererbte zeichen nicht gerne fallen lässt 
und sie wenigstens in anderer bedeutung erhält. Das 
vje war einmal da in der reihe des alphabets und es 
lag nahe, es wenigstens in einer geltung zu conser- 
viren, für die man umsonst einen passenderen ausdruck 
suchte. So roh und befremdend man etwa jene setzung 
finden mag, sie ist doch natürlich, weil man eben 
die ganze combination ■«€ nicht erfand, sondern vor- 
fand. Es wird auch jedermann ohneweiters zugeben, 
dass primitiven Schreibern vje und jq ziemlich ähnlich 
lautend vorgekommen sein mag. Nirgends zeigt sich 
die totale abhängigkeit der glagolica von einer frem- 
den schiüft so auffällig wie bei den nasalzeichen (und 
das soll eine aus runen der grauesten Vergangenheit 
der Slaven hervorgegangene schrift sein). 

§. 83. Das spitzige griechische v in der glago- 
litischen und albanesischen schrift. 

Vgl. über alb. \ §. 48. Zweimal taucht durch ganz 
unabhängige entstehung aus der uncialform das bekannte 
spitzige V in der griechischen schrift auf, im 8. und im 
13. Jahrhundert, während man sich in der Zwischenzeit 
ganz anderer formen bedient. Es ist aber gar nicht nöthig 
nachzuweisen, dass die glagolica schon im 10. Jahrhundert 
existirte und daher auch jenes zeichen jq — vje mit seinem 
spitzigen griechischen v. Also ist alb. v nicht das 
junge griechische v des 13., sondern des 8. Jahr- 
hunderts, zugleich einer der schönsten be- 
weise für das mehr als tausendjährige alter 
der unscheinbaren elbassaner zeichen, der auf 
einer höchst markanten thatsache der griechischen 
paläographie beruht. Auch gewinnen wir eine ziem- 
lich scharfe obere zeitgrenze für die entstehung der 
glagolica (wohlgemerkt derjenigen, die uns überliefert 
ist): ist das griechische spitzige v erst im 8. Jahr- 
hunderte in die albanorömische cursive gedrungen, 
womit, beiläufig gesagt, die entwicklung der unzweifel- 
haft noch älteren elbassaner zeichen ihren abschluss 
fand, so ist die glagolica auch nicht älter als 
das 8. Jahrhundert. Ohne die entdeckung Gardt- 
hausen's, der dieses v in einem vom Athos stammenden 
griechischen fragmente des 8. Jahrhunderts (Beiträge 
z. gr. pal. 11) nachwies, stünden wir der figur des 
glag. jq rathlos gegenüber. Hier ist ein punkt, der 
dem Studium der glagolitischen und albanesischen 
schrift eine allgemeinere Wichtigkeit verleiht. 



75 — 



§. 84. Die glagolitischen o. 

Das paläographisch ausserordentlich wichtige croa- 
tische denkmal von Baska (anfang des 12. jahrh.) hat 
an einigen stellen ein kreisrundes o: 

o 

z. 9 /iiKpOBiTTi, z. 13 OTC»Jki|,(n). Nur aus jüngeren, 
nach dem 14. Jahrhunderte erscheinenden denkmälern 
der croatischen cursiven glagolica führt Ber(5i6 bukvar 
pag. 58 dasselbe o an, während es in der Zwischenzeit 
bisher nirgends nachgewiesen wurde. Ich nehme an, 
dass dieses jüngere o erst in späteren Zeiten aus der 
in Croatien herrschenden lateinischen schrift in die 
croatische cursive drang. Aber jenes o von Baska 
ist entschieden auch der alten bulgarischen glagolica 
zuzuschreiben, weil wir es in der glag. ligatur ju 
wiederfinden werden, §. 86. Auch sonst hat der jüngere 
„croatische" zweig der glagolica so manches bewahrt, 
das in dem bulgarischen verschwand oder doch sehr zu- 
rücktritt. Jenes o ist gewiss mit dem albanesischen runden 



identisch. Die zwei ersten erklärer der inschrift, Crnci6 
und Racki, glauben an einigen stellen kleine, aus der 
Peripherie jenes o herausragende striche zu bemerken: 

ö a 

z. 9 ivtoAii, 10 cBOfio, 11 KOCK/MTvTa, 12 oB/\a;k,'>K>i|iaro, 

welche noch deutlicher bei einem o der inschrift von 
Veglia, dem ältesten reste croatischer glagolica und 
Sprache überhaupt, hervortreten: 



? 



z. 4 im nomen proprium (^.loKpocaana, wie schon 
Crnöic Starine VII las. Wenn auch die Seltenheit 
dieser letzteren formen und der zustand der Steinplatte 
von Baska einige bedenken einflössen, so glaube ich 
dennoch der vermuthung ausdruck verleihen zu können, 
dass die herausragenden striche auf jene ausätze und 
auslaufet zurückzuführen sind, welche das runde rö- 
mische in fortlaufender cursive durch die Verbindung 
mit anderen buchstaben erhält: 

c 5 6 g d (i 'S. ^" 

Wenigstens glaube ich das gewöhnliche glag. o 

9 

assem. nur aus einem römischen o, und zwar der dritten 
der eben angeführten abarten — vgl. Marini i papiri 
diplom. CXVII (a. 541), z. 5 im werte monimen — 
ableiten zu können, weil die glagoliten gerade aus- 
laufende linien mit dem ihnen beliebten Ornamente, 
der schlinge, zu versehen pflegten. Wie nahe übrigens 



die bildung einer solchen tigur lag, zeigen noch andere 
römische o, in welchen das anhängsei selbst schon 
verschlungen ist. 



Ȁ 



von denen das erstere in den ravennater Urkunden 
sehr gewöhnlich, das zweite, eine ganz zufällige abart, 
im Dictionnaire diplom. pl. 24 und auch in der raven- 
nater Urkunde a. 552 bei Champollion-Figeac, Chartes 
latines III, z. 4, zu linden ist. Von manchen glagoliti- 
schen schlingen ist schwer zu entscheiden, ob sie gla- 
golitisches product sind oder schon auf ähnliche züge 
der cursiven mutterschrift zurückgehen. Vgl. glag. Z, 
§. 115. Vielleicht haben gerade diese letzteren formen 
zur bildung des symmetrischer gestalteten 3 den ersten 
anstoss gegeben, so dass die anfügung der schlinge 
nicht erst anzunehmen wäre. Jene flüchtigen, mit den 
anhängsein versehene o kehren zum theile in der grie- 
chischen minuskel-cursive wieder (Rapports et extraits 
tom. 18, pl. XXV, z. 43, 40; XXIV, 18; XLVIII, I; 
XLVII, 17), welche überhaupt mit ihrer lateinischen 
Schwester des 6. — 7. Jahrhunderts bei zeichen, welche 
wie o in beiden Schriften dieselbe grundform besitzen, 
vielfache berührungspunkte und ähnlichkeiten aufweist. 
Dies ist wichtig für die albano-glagolitische schrift, 
welche aus einer innigen Verschmelzung jener beiden 
cursiven entsprang und in einem falle sogar eine specielle 
eigeuschaft eines griech. o auf ein unzweifelhaft latei- 
nisches übertrug, §. 86. 

Die glagolica hat somit mehrere, zum mindesten 
zwei strenger stilisirte abarten des o der römischen 
cursive neben einander bewahrt, ein beweis, dass die 
glag. und alb. schrift in alter zeit dem charakter ihrer 
cursiven mutterschriften näher standen. Unter allen 
abarten siegte in der elbassaner schreiberschule das 
runde geschlossene o, während in der glagolica eine 
zweite, auf die 3 zurückgeht, zur herrschaft gelangte, 
während das nebeneinanderliegen dieses 3 und des o 
von Baska noch auf das alte schwanken deutet. 

§. 85. Das ot des pariser abecenars. 

Das noch durch keine handschrift belebte zeichen 



n 



mit der geltung ot (o, wj ist aller Wahrscheinlichkeit 
nach ein römisch-cursives o mit oben und unten sym- 
metrisch stilisirten anhängsein (vgl. die mannigfaltigen, 
§. 84 angeführten abarten). Die glagolica besitzt über- 
haupt kein echtes omega-zeichen, und auch die ge- 
wöhnlieh vorkommenden glag. ot waren griechische 
omikron, §. 88. Das zeichen steht in emer eigenthüm- 
lichen Wechselbeziehung zu einem gewissen h des evang. 
assem., §. 144. 

10* 



76 



§. 86. Die glagolitische ligatur jm. 

Die elbassaner schrift besitzt kein besonderes 
zeichen für m, sie scheidet es von o nur durch einen 
punkt, §. 41. Auch dieser usus wurde ursprünglich 
von den glagoliten recipirt. Das zeichen ju 

des assem. besteht näniHch aus denselben elementeu, 
mit welchen in der elbassaner schrift die silbe ju (jou) 
ausgedrückt wird: 

) ö 

aus ?■ ) und dem punktirten ö, aber diese bestandtheile 
sind in der glag. ligatur auf eine weise angeordnet und 
verbunden, welche für einen älteren, der fortlaufenden 
cursive näher stehenden zustand der elbassaner schrift ein 
interessantes zeugniss ablegt. Ist der erste theil ein 
(wenig gekrümmtes) römisch-cursives i, der zweite 
ein einst punktirtes o gewesen — wie aus der 
Schreibung der alban. silbe ^w hervorgeht — so 
muss dem glag. JIM in der römischen cursive eine 
ligatur io entsprechen. Erinnern wir uns, dass römi- 
sches im vergleiche zu den übrigen buchstaben oft 
sehr klein geschrieben wird, §. 21, 54, und ihnen auch 
oft oben nur angehängt wird, während umgekehrt i (j) 
mitunter auch sehr hoch sein kann, so ist schon im 
voraus die eigenthümliche figur des j? erklärt, 
dessen erster theil sehr hoch, der zweite ganz 
klein nur oben angehängt ist. So wird in der 
cursive der kaiserlichen kanzlei io wie folgt geschrieben : 



/' 



(Massmann, Libellus aurarius p. 150, 11. coL, z. 3 im 
werte emptionali). Aber auch die im glagolitischen 
zeichen durchschimmernde eigenthümliche Verbindung 
der beiden bestandtheile war schon in der römischen 
cursive vorgezeichnet: 

(Mabillon, Charta ravennensis pag. 479, z. 5). Die Ver- 
bindungslinie läuft von dem unteren theile des 
i (j) gegen das oben angehängte o (u) zu. Die 
Verbindung ist übrigens selten, da sich i in den lat. 
silben wie cio, tio, sio u. s. w. gewöhnlich schon an 
den vorhergehenden consonanten anlehnt oder ganz un- 
verbunden bleibt. Man vergleiche noch io 



W 



(Mabillon, Charta plen. sec. 4 bl., z. 9 successionem; 
Gloria, tab. 12. 1). Nehmen wir das erste dieser latei- 
nischen io zur grundlage, so entsteht glag. ju aus dem- 
selben durch das höchst einfache schon erwähnte kalli- 



graphische mittel des verschlusses. Vgl. §. 80 und 155. 
Wieder entstand auf diese weise ein (diesmal etwas läng- 
liches) dreieck, §. 156. Die erste etwas gekrümmte 
Knie ist das i, die schlinge das o (u); die schiefe Ver- 
bindungslinie ist in der grundform io schon vorhanden. 
Nur die obere horizontale ist angefügt. 

Es ist kaum nöthig zu bemerken, dass glag. ju 
nicht direct der römischen cursive, sondern der elbas- 
saner schrift entlehnt ist. Um wie viel näher muss nun 
dieselbe etwa im 8. Jahrhunderte der fortlaufenden cur- 
sive gestanden sein, wenn sie noch gelegentlich i (j) 
mit (u) nach art der römischen mutterschrift ver- 
binden konnte, während sie jetzt die lautfolge ju nur 
durch die steifen, getrennten elemente jener ligatur 
selbst: ) ö ausdrückt. Unentschieden bleibt noch die 
frage, ob die ligatur ju auch in der reihe des alba- 
nesischen alphabets als besonderes zeichen einen platz 
hatte, wie in der glagolica, vgl. §. 175. 

Ueber dem o stand einst ein punkt, der in der 
glagolica vernachlässigt wurde, denn nur unter dieser 
Voraussetzung kann io, jo in der elbassaner schrift ju 
gegolten haben. Stellen wir uns die glagolica noch 
in ihrem alten, kalligraphisch unveränderten zustande 
vor, da das oben noch nicht verschlossene ju neben 
dem runden, auf der Inschrift von Balka erhaltenen o 
lag. Da musste das o der silbe jo, sollte sie ju gelten, 
von durch einen punkt geschieden werden: 

o l/tr 

o ju 

so wie noch jetzt in der elbassaner schrift o jo ju durch 

JO 30 

ausgedrückt wird. Als aber die glagolica durch die 
kalligraphische Weiterbildung ein anderes o bekam, 3, 
unter dem einflusse der cyrillica ein neues u » §. 102, 
schuf, verlor jener diakritische punkt in dem neuen 
Verhältnisse jp 3 a» zweck und bedeutung und er ver- 
schwand. Hier will ich bemerken, dass die glagolica 
diakritischen überzeiligen mittein überhaupt abhold 
ist und kein einziges der bezüglichen zeichen der alba- 
nesischen mutterschrift aufnahm (z. b. das nasalzeichen). 
Das weichzeichen, das in glagolitische handschriften 
eindrang, ist fremden cyrillischen Ursprunges. 

Wir hatten das kreisrunde o von Baska schon 
der ältesten glagolica zugeschrieben und fanden es 
jetzt in p", §. 84. 

Nach unserer herleitung ist die ganze ligatur la- 
teinisch, obwohl das punktirte alb. ö eigentlich der 
griech. minuskel-cursive angehört. Wai-en die o der lat. 
und griech. cursive des 6. — 8. Jahrhunderts vielfach die- 
selben, §. 84, so konnten die alten albanesischen Schrei- 
ber auch das o einer eigentlich römischen Verbindung 
mit dem punkte versehen. Die innigste, mitunter un- 
trennbare Verschmelzung jener beiden cursiven ist ein 



77 



besonderes kennzeichen der albano-glagolitischen schrift. 
Keine einzige griechische Schriftart verbindet io auf 
jene weise (die umgekehrte verbundene folge ot ist 
allerdings gewöhnlich). 

Das / in v scheint keine so entschieden ge- 
krümmte gestalt zu haben wie alb. ) und das in der 
ügatur «e enthaltene, §. 80. Die beiden bestandtheile 
würden getrennt in der römischen cursive etwa so 
aussehen : 



J 



Die alb. setzung der geradlinigen abart des röm. i 
als/, der gekrümmten als^ ist nicht gleichmässig durch- 
gedrungen, das je des zogr. und die alb. ligatur ^ (sj) 
hat noch ein nichtgekrümmtes j, §. 76. Vgl. das i der 
alb. ligatur ui, §. 18. 

Die weitere kalligraphische entwicklung des v 
endet damit, dass beide theile in eine compacte figur 
verfliessen. Im achridaner evangelium: 

ähnlich im fragmente Mihanovic (croat.); die eckige 
gestalt des pariser alphabets 



r 



leitet schon ganz zur vollkommen geschlossenen croa- 
tischen hinüber: 



r 



(Laibacher homiliar, 13. jahrh.). Hie und da ist der 
erste theil so niedrig wie der zweite, so auf der grossen 
Inschrift von Baska : 

■dem t sehr ähnlich. 

§. 87. Das cyrillische w. 

Kopitar (glag. cloz. XXVI) erkannte die identität 
der zeichen jp-w: „De jf vicario cyrilliani n vix est 
quod moneamus, nisi esse ambos hos characteres ita 
similes invicem, ut et eos adnumeremus memoratis su- 
perius testibus communis utriusque alphabeti originis. 
Putaraus nempe, aut unum eundemque auctorem esse 
utriusque, aut quemcumque demum alterutrius auctorem 
prae oculis habuisse alterutrum." Wir wollen uns zu- 
gleich mit seinen eigenen worten gegen eine andere 
erklärung des K verwahren (pag. 49): „Quod adstruit 
Dobrovius, esse cyrillianum k abbreviatum ex Ky, 
omni caret vetustissimorum codicum testimonio; id 
quod jam Vostokovius animadvertit." Seine herleitung 
des jp aus lateinischem JV kann neben den erklärungen 
der glagolica aus runen wenigstens ein guter einfall 
genannt werden. Cyr. 

ist mit der albano-römischen ligatur io, ju, insbesondere 



mit der im §. 86 angeführten dritten römischen form 
identisch, zugleich der beste beweis für unsere herleitung 
des glag. jp. Als h> aus der glagolica in die cyrillica aufge- 
nommen wurde, war die glagolica noch eine reine albane- 
sische schi'ift, ohne alle kalligraphische Umbildung, ohne 
verschlusse, ein umstand, der für die Chronologie der 
beiden Schriften von äusserster Wichtigkeit ist. Cyr. w 
ist ein formell älteres zeichen als w, obwohl selbst glagoli- 
tischen Ursprunges; es entbehrt noch jener kalligraphi- 
schen Weiterbildung, durch welche glag. _/« aus dem 
muttertypus entstand, des oberen horizontalen ver- 
schlusses. Es steht der grundform des p" näher, es ist 
altglagolitisch. Die alte cyrillica, wie sie sich 
vor der berührung mit der glagolica ausbildete, 
hatte kein k». Die cyrillica war ursprünglicli eine 
reine griechische unciale. Dass daher nicht der um- 
gekehrte fall, der Übergang des Zeichens aus der 
cyrillica in die glagolica, anzunehmen ist, zeigt der 
entschieden ungriechische Charakter des Zeichens, denn 
zum ersten male erklärt sich der auffallende 
umstand, dass cyr. w nicht ^o, sondern ju be- 
deutet. Das kann doch nur die erbschaft des glago- 
litischen, dann albanesischen alphabets sein. (An o = ou 
der allerältesten griechischen iuschriften wird doch 
niemand denken!) Man wende nicht den umstand ein, 
dass die altbulgarische spräche ohnedies kein jo be- 
sässe, daher ein zeichen, das man eher jo lesen konnte, 
die geltung ju annahm. Dieser umstand hat die ent- 
lehnung eines äusserlich jo geltenden Zeichens für ju 
nur ermöglicht, man brauchte keine Verwechslung zu 
fürchten. Noch nie mag die rücksicht auf einen in 
der spräche nicht befindlichen laut die bildung eines 
Zeichens beeinflusst haben. 

Allerdings musste sich die ursprünglich cursive 
ligatur nach ihrer entlehnung dem ganzen uncial- 
griechischen Charakter der cyrillica anbequemen, sie 
wurde steifer, geradliniger, das j wie ein griechisches 
unciales der cyrillica auch eigenes i, während das o (u) 
alle jenen kleinen, oft undetinirbaren Wandlungen durch- 
machte, die ein unciales griechisches o erlitt. Sonst 
ist gar nichts unciales an dem cyr. k>, weder das i 
noch das o. Nicht einmal die art und weise der Ver- 
bindung des I und o gehört der griechischen unciale. 
Es gibt überhaupt keine einzige griechische schrift- 
gattung, welche eine dem k> ähnliche ligatur aufweisen 
würde. Sie ist ungriechisch und der beste beweis 
unserer herleitung. So einfach sie scheinen mag, sie 
ist nicht erfunden, wie überhaupt kein einziger strich 
in der cyrillica. i« ist in erster instanz altglagolitisch, 
dann albanesich, zuletzt römisch-cursiv gewesen. 

Auch über k> stand einst der diakritische punkt. 
W ist das erste ixnd älteste präjotirte zeichen 
der cyrillica. Nach seinem muster wurden in ver- 
hältnissmässig späterer zeit die zeichen a, i€, y\ u. s. w. 
gebildet, §. 112. 



78 



Auch die schon verzierte secundäre form des 
glag. y« v findet sich in einer cyrillischen, aus Mace- 
donien stammenden handschrift aus dem 11. Jahrhun- 
derte (Sreznevskij, Glag. pam. 276), aber nur ein einziges 
mal. Es mag ein blosser zutall sein, da auch sonst 
echt glagolitische buchstaben in cyrillische handschriften 
eingestreut wurden. Dennoch will ich einer notiz des 
slovenischen grammatikers Bohoric erwähnen, der in 
seinen Arcticac horulae 1584 am ende eines bosnisch- 
cyrillischen alphabets noch ein croatisch-glagolitisches jm 
mit den werten hinzufügt: „in currente cyrillica scri- 
ptura huius usus existit". 

Sporadisch, in den meisten handschriften nur ein- 
oder zweimal, wird w verkehrt geschrieben: 

Oi 

so nach Sreznevsky in der bolonskaja psaltyr, im rus- 
sischen izbornik (1073), im deöanskoje öetveroevan- 
gelije (13. jahrh.), in den homilien Gregors (11. jahrh.), 
in der cyrillischen zuschrift des assem. (vgl. facsimile 
der ausgäbe Crnöi6's) u. s. w. Nur eine band der 
slepöenskaja kniga (12. jahrh.) wendet es consequent 
an. Ich schreibe dem zeichen, das gewiss bulgarischen 
Ursprunges ist, keine besondere paläographische bedeu- 
tung bei, am allerwenigsten ist aus seiner verkehrten 
form zu schliessen, dass die glagolica oder einige unserer 
cyrillischen handschriften orientalische, von rechts nach 
links schreibende mönche zu Urhebern haben. (Safarik, 
Pam. bläh. 17.) Einmal ist auch kü verkehrt worden, 

(Kalajdovic, Joann. Exarch pag. 27), was kaum der 
erwähnung werth ist. Vielleicht mag den Schreibern 
der griechische diphthong oc vorgeschwebt haben, der 
im vulgärgriechischen wie u klingt, so im nculokrischen 
jukos = o!y.o;, Chalkiopulos, de sonorum affectionibus 
in dialecto neolocrica (Curtius, Stud. V, 363), von wel- 
cher ausspräche sich spuren schon im altbulgarischen 
finden. So sind zu erklären die von Miklosich, laut- 
lehre 182 namhaft gemachten werte orKOHOiUa o!-/.ovo|j,o<;, 
KpoycTi xpowoi;, KyrtiH (y = oif) -/.aihTi „Die spräche der 
alt. russ. Chronisten" pag. IG — 17. Auch k> erscheint 
statt ot: «jüOBliKi (so(ßv;v in einem russischen tolkovyj 
apostol (1220), Voskresenskij, perevod apost. 61. Bei 
der allgemeinen ähnlichkeit vulgärgriechischer und 
albanesischer lautgesetze ist es der erwähnung werth, 
dass alb. oo auch aus ot entsteht: ßoi-tje iroiew; -(■jiiiJ.J 
xotiJ,töiJ.ai (D. Camarda, Saggio §. 44). 

§. 88. Das glagolitische ot. 

Die herrschende form des glagolitischen ot ist aus 
griechischem materiale gebildet. Es gehört unter jene 
wenigen zeichen, welche in der glagolica nicht alba- 
nesischen Ursprunges sind. Ueber das ot des pariser 
abecenars vgl. §. 85. In griechischen handschriften 



der mittleren minuskel erscheint das initiale omikron 
mannigfach verziert, so z. b. in den facsimilen „Snimki 
voskresenskoj i novojerusalemskoj biblioteki", in den 
von Amfilochij edirten tabellen der Trudy perv. arch. 
sjezda XXVIII aus dem jähre 1022: 

(verkleinert) und findet sich dann in derselben gestalt 
als in vielen cyrillischen handschriften, z. b. im 
psalter von Bologna. (Silvestre, Pal. univ. IV.) Derselbe 
buchstabe soll nach Safafik's gedruckten glagolitischen 
typen (Pam. bläh.) in der glagolica ot (omega) be- 
deuten, was ich bloss auf grund seiner autorität anführe, 
da ich selbst keinen solchen fall fand. 

Auch ein zweites auf dieselbe weise verziertes 
omikron 

o 

ist griechisch, Wattenbach, Schrifttafeln z. geschiehte 
der gr. schrift, tab. 30 (10. jahrh.) und cyrillisch, 
Sreznevskij, Pam. jus. pisma. (pag. 22, 53, 118.) 

Daneben erhält das griechische omikron der 
jüngeren, oft mit flüchtiger schrift ausgeführten christ- 
lichen inschriften einen fuss oder irgend ein anhängsei: 



y 



(Boeckh, Corpus inscript. graec. „Khegii inventum opus 
latericium" a. 861); ibid. nr. 8737 aus dem jähre 1171 

o 

von einer unzahl ähnlicher formen zu geschweigen, 
die auch mitunter von ähnlichen omegaformen kaum 
zu unterscheiden sind, vgl. ibid. nr. 8735 (12. jahrh.). 
Diesen am nächsten steht ein glag. ot des evang. grig. : 

lithographirte ausgäbe des apostels Lucas pag. 13 (Ob- 
scestvo Ijub. drevnej pismennosti). Ein initiales grie- 
chisches omikron mit einem ähnlichen füsschen: 



i) 



in einer belehruug des heil. Basilius (12. jahrh.) der 
oben citirten snimki voskres. i novojerusal. bibl. 

Eine combination dieser beiden Verzierungen er- 
zeugte das glag. omega: 



^ 



des assem., zogr., cloz., der prager fragmente u. 
Im sinaitischen psalter pag. 259: 



s. w. 



— 79 



ibid. pag. 305: 



9 



Es ist in der croatischen glagolica eckig geworden, 
so im Stockholmer alpliabet ( 1400), oben noch geschlossen : 



^ 



(nach einer Photographie), ebenso in den beiden prager 
alphabeten aus den jähren 1416 und 1436; in alten 
croatischen drucken (1536) geöffnet: 

Diese jüngste abart hielten ältere erklärer (Lin- 
hard, Geschichte von Krain 2. 357 ; Dobrovsky), ver- 
führt durch ihre gestalt und ihren zahlwerth 700, fälsch- 
lich für eine graphische Umbildung eines gr. <\i. 

Dem griechischen und cyrillischen, mit vier 
punkten oder ringen verzierten omikron: 



(Sabas Specimina a. 1006, in der aufschrift; als initiale 
in der oben citirten handschrift des heil. Basilius; Ka- 
lajdoviö, Joann. exarch bolg. facs. 7) entspricht ein 
eben solches glagolitisches ot mit vier ringen im 
evang. grig.: 



(lithographirte ausgäbe des oblöestvo Ijub. drev. pis- 
mennosti pag. 104); durch combination mit dem füss- 
chen ergab sich das ot 



des sogenannten „blattes Grigoroviö's" (Sreznevskij , 
Glag. pam. facs. XIII, 2. col.; auch im evang. grig.) Ot 
hat in der glagolica den ursprünglichen charakter einer 
verzierten initiale so ziemlich bewahrt. Sein Gebrauch 
beschränkt sich auf den anfang eines abschnittes oder 
Satzes, auf die bezeichnung der interjection w und der 
Präposition ot (cyr. (ö). Die Croaten bewahrten es 
nur als Zahlzeichen. 

§. 89. Die albanesische schrift, der glag. ot ge- 
wiss nicht entnommen ist, hatte, weil lateinisch, über- 
haupt kein omega, bezeichnet langes o durch Ver- 
doppelung und wendet ihr w, eine gewiss junge ent- 
lehnung, nach unseren fragmenten wenigstens nur als 
interjection an: to !^6t u. s. w. Zur zeit der abzwei- 
gung der glagolica war wohl nicht einmal dieses alb. w 
vorhanden. Sahen sich doch die glagoliten veranlasst, 
ein omikron als omega umzustempeln, um ihre schrift 
mit ihrem orthographischen muster, der cyrillica, aus- 
zugleichen. 

Hier will ich zugleich der thatsache erwähnen, 
dass keine glagolitische handschrift ein zeichen für ? 
und <^, sei es in irgend welcher bedeutung oder Ver- 



kleidung oder auch nur als Zahlzeichen, wie die cyril- 
lica, besitzt. Auch dies hängt, so wie der mangel 
eines eigentlichen omega, mit dem überwiegend un- 
griechischen Charakter der glagolica zusammen. Alb.tjyy 
ist eine aus lat. p und s bestehende neubildung, die 
in einer älteren zeit diese einheitliche figur noch nicht 
besass. Ja es scheint, dass es überhaupt sehr spät 
in die reihe des alphabets aufgenommen wurde, etwa 
nach der entstehung der glagolica, da es an einem 
platze steht, wo es die reihe der zahlreichen und offen- 
bar trefflich geordneten hauchlaute (nr. 25^33) ohne 
erkennbaren grund durchbricht. Wir konnten uns die 
art und weise der Verbindung des j) und s nur aus 
sehr jungen ausläufern römischer cursive erklären, §. 27. 

In einer ähnlichen läge waren die alten glagoliten 
dem zeichen B, ks gegenüber. Schon die elbassaner 
schrift hat ein eigenthümlich gestaltetes lat. x, um die 
ähnlichkeit mit griech. yj. zu vermeiden, §. 13. Von 
der ganzen combination ^a hat die glagolica keine 
spur, ja die schrift Büthakukje's, die noch weit mehr 
lateinisch ist als die von Elbassan, hat kein eigent- 
liches zeichen für x, sondern eine ligatur es an deren 
stelle, §. 68. Es scheint, dass die glagoliten aus einer 
albanesischen schreiberschule hervorgingen, die kein 
zeichen für x hatte. 

Also nicht deswegen, weil die spräche kein omega, 
kein ^t, kein i^ü benöthigte, entbehren die glagoliten 
dieser zeichen, sondern weil sie dieselben in der mutter- 
schrift nicht vorfanden. Wieder scheint der historische 
Hintergrund und nicht das praktische bedürfniss aus- 
schlaggebend zu sein, da es sich doch annehmen lässt, 
dass die glagoliten ein u, ^, tj<, hätten sie es je be- 
sessen, den betreffenden cyrillischen zeichen entgegen- 
gesetzt und conservirt hätten, als sie ihre Orthographie 
an der cyrillica heranbildeten. Fanden sie sich doch 
veranlasst, ein falsches omega aus einem omikron, eine 
unnöthige i^ica zu schaffen und andere Setzungen vor- 
zunehmen, welche ihre abhängigkeit von der cyrillica 
über allen zweifei setzen. Es scheint, dass der mangel der 
zeichen ^ i]* der erste grund war, der die bekannte ver- 
rückung der glagolitischen zahlenwerthe im vergleich zu 
den cyrillisch-griechischen veranlasste. Glag. ot über- 
nahm den werth des fehlenden i\i, 700, glag. m den wertli 
des i, 60. 

§. 90. Das viereckige omikron 

D 
mancher cyrillischen handschriften (sluckaja psaltyr, 
Sreznevskij, Pamjatniki jus. pisma 22) ist schon sehr 
alten griechischen handschriften eigen (Wattenbach, 
Anl. z. gr. pal. 16), und auch inschriften seit dem 
4. Jahrhundert (Franz, Elementa epigraph. gr. 244). 
Statt w oder o haben cyrillische handschriften auch 
das omikron mit dem punkte: 





80 



(Sreznevskij a. a. o. Dasselbe auch in griechischer mi- 
nuskcl-cursive, Notices et cxtraits tom. XVIII, tab. XXIII, 
z. 7 u. s. w.) Zwei kreisrunde o der grossen in- 
schrift von Baska, e^\hho z. 13 und OKAaA<»Kii|'''r'*' z- 12 
scheinen dasselbe Ornament zu besitzen, was allerdings 
bei dem beschädigten zustande der inschrift nicht mit 
eutschiedenheit behauptet werden kann. 

§. 91. Das croatisehe i und jer. 
Das albanesische i 

T 

in dessen steifer gestalt man jetzt seinen cursiven la- 
teinischen Ursprung nicht vermuthen würde — das 
gekrümmte :> j ist bloss davon differenzirt — hat etwa 
bis zu anfang des 13. Jahrhunderts in der croatischen 
glagolica auf den drei ältesten Inschriften dieselbe 
form und dieselbe geltung i. Wir bezeichneten es hier 
durch ein geradliniges griechisches oder cyrillisches i. 
Inschrift der stadt Veglia, z. 3: 

i3fa = lOH-k 

(ein eigenname, vgl. HOna [ionas] des cod. sup. Mi- 
klosich lex.). Da das wort wahrscheinlich ein nominativ 
ist, so setzte der Schreiber glag. "k statt a irrthümlich 
auch nach dem harten consonanten. 

Grosse inschrift von Baska: KpaTiio (z. 10), 
AHI (12), MiKCij'Aa (13) und theilweise verwischt auch 
in ;\,EpcBn"k (9). 

Kleine inschrift von Baska, fragment a: npocijfk, 
3E'KHI/Mh(p'k), fragment b : KpiJKTi. 

In dieser ältesten zeit ist es nur in der bedeu- 
tung (' nachweisbar. Das fragment Mihanovic (12. Jahr- 
hundert, croatisch) besitzt dieses zeichen überhaupt 
nicht, weder als ;', noch als jer. 

Im 13. Jahrhunderte (laibacher hom., heil. Thekla, 
missale Kuku.ljevi6) erscheint es auf einmal als jer 
neben einer zweiten, nur dem 13. Jahrhunderte eigenen 
_yer-form, die mit dem bulgarischen harten * identisch 
ist. Dies letztere verschwindet und i wird schon an- 
fangs des 14. Jahrhunderts (Urkunden von Zeng 1309) 
ausschliessliches zeichen für jer bei croatischen Schrei- 
bern; es ist anfangs noch so hoch wie die anderen 
buchstaben, wird dann auf die hälfte reducirt und 
verschwindet schliesslich ganz. Hie und da bedeutet 
es auch a in folge der mittlerweile in der spräche durch- 
gedrungenen Veränderungen. 

Von dem griechischen und cyrillischen iota ist 
es seinem Ursprünge nach streng zu scheiden. Nicht 
darum handelt es sich, zu zeigen, ob croatisch i (einst i, 
später jer) aus zehn anderen lateinischen und griechi- 
schen Schriftarten auch abgeleitet werden könnte, ent- 
scheidend ist der historische hintergrund, sein vorkommen 
in der albanesischen schrift. Hier aber ist es seines Ver- 
hältnisses zu j j halber römisch-cursiven Ursprunges. 

Hiemit ist sein hohes alter erwiesen. Auch die 



bulgarische glagolica, von der sich die croatisehe erst 
ablöste, besass einst dieses zeichen mit der bedeu- 
tung i, was wir noch durch cyrill. "ki, das ursprüng- 
lich nur glagolitisch war, erhärten werden, §. 101. 

I ist eines jener wenigen zeichen, die sieh in dei- 
glagolica ohne kalligraphische Umbildung erhalten haben. 

§. 92. Das i des fragmentes Mihanovi6. 

Ein griechisches eta oder cyrillisches ize 

ist dem Schreiber des fragmentes Mihanovi6 auch 
ausser s und 'S sehr geläutig. Es ist schwer zu er- 
rathen, wie in die glagolica, die im ganzen vier i: i s t Ä 
besitzt, noch ein fünftes aufgenommen werden konnte. 
Jenes H ist viel zu häufig, als dass man es den zu- 
fälligen cyrillischen einschiebsein glagolitischer hand- 
schriften anreihen könnte. Ein einziges mal noch finden 
wir es in der Verbindung hM in dem jüngeren theile 
des evang. zogr., der dem fragmente Mihanovi6's zeit- 
lich nicht allzu ferne steht. Bercic, bukvar pag. 58, 
bietet dieselbe figur als i aus der jungen croatischen 
cursive, wobei schwer zu entscheiden ist, ob es wirk- 
lich mit jenem cyrillischen H zu identificiren oder nur 
als Vorbildung des s jener vielgestaltigen schnellschrift 
aufzufassen sei. In dem croatischen glagolitischen 
codex nr. 3 der wiener hofbibliothek (a. 1396) ist cy- 
rillisch H mehrmals initiale (pag. 19, 32), dem ich 
aber keine bedeutung zuschreiben möchte, weil der 
abschreiber Vid iz Omislja (Veglia) seinem auftrag- 
geber auch andere cyrillische und lateinische initialen 
in die handschrift hineinmalte. 

§. 93. Das glagolitische s. 

Von dem echten albanesischen i i entdeckten wir 
bis jetzt seltene, aber verlässliche spuren nur in den 
ältesten croatischen Inschriften. Aus der bulgarischen 
glagolica wurde es frühzeitig, weil noch andere i da- 
neben in gebrauch kamen, eliminirt. Alle übrigen 
glagolitischen i sind keine echten i-zeichen, sondern 
umStempelungen. Man setzte ypsilonformen statt i. 
Vom Standpunkte der ausspräche war ein lateinisches 
oder griechisches ypsilon zur bezeichnung eines sla- 
vischen i gewiss geeignet. 

Wir werden für unsere vergleiche theilweise 
seltene figuren herbeiziehen müssen, die unter gewöhn- 
lichen umständen der paläograph weniger beachtet. 

Die elbassaner schrift hat keine der mutterformen 
der übrigen glagolitischen / bewahrt, aber wir setzen 
voraus, dass diese glagolitischen zeichen von neuem 
darthun, dass sie seit der abzweigung der glagolica 
die mannigfachsten Verluste erlitten hat. 

Fumagalli, Delle instituzioni diplomatiche , gibt 
vol. I, tab. I, nr. VII ein aiphabet der jüngeren römi- 
schen cursive, darunter auch folgendes y: 



81 



/( neben ^y 



das aus dem zweiten gewöhnlicheren durch die in cur- 
siver schrif't sich oft von selbst einstellende sehlinffe 
entstand. Gerade dieser duetus wurde für die glago- 
lica zur typischen grundlage. Die einzige Veränderung, 
welche die glagoliten vornahmen, besteht in dem von 
mir so benannten verschluss des oberen theiles. Da- 
bei muss noch der schwerfällige, mehr malende als 
schreibende duetus der glagolica in rechnung gezogen 
werden, der es liebte, regelmässige geometrische figuren 
zu schaffen, um den process zu begreifen, der den buch- 
staben in zwei wirklich selbstständige theile zerfallen 
Hess, es wurde ein dreieck auf einen Kreis gestellt: 

so mehr oder weniger regelmässig im assem. u. s. w. 
Eine der wichtigeren Veränderungen ist die abplattung 
der figur, das dreieck wird tief in den kreis hinein- 
gesteckt, I. prager fragment: 

Der kreis wird zu einem segment, achridaner 
evang. : 

grosse inschrift von Baska: 

ö 

Auffallend rund auf der inschrift von Veglia (auf 
croatischem boden!): 



Ä 



In der späteren croatischen glagolica, insbeson- 
dere in der cursive, nähert sich dies i immer mehr 
der form eines arabischen achters. Klein und eckig 
im sinaitischen euchologium: 

X 

was auch für die croatische cursive gilt. 

Sehr lehrreich für diese ganze entwicklung ist die 
entstehung und fortbildung des glag. s, §. 130. 

Es wäre übrigens nicht so leicht zu entscheiden, 
ob jene ypsilonform, die wir dem 8 zu gründe legten, 
nicht auch griechischen Ursprunges sein könnte. Sie 
ist auch alter griechischer unciaie eigen (Wattenbach, 
Anl. z. gr. pal. pag. 22). Dasselbe ypsilon in griechischer 
majuskelcursive 



V 



aus dem jähre 154 und 233 n. Chr., eine periode, die 
für die entstehung der albano-glagolitischen schrift aller- 
dings nicht massgebend ist. Vgl. Gardthausen, Gr. 
pal. tab. III, u, 15, 16. Ibid. pag. 175: „das ypsilon 
wird meistens durch einfügung einer schlinge unten 

GeiUer. Pie albanesisclicn und sliivisclien Schriften. 



ZU einem zuge vereinigt und sieht manchmal aus wie 
das s = ou der späteren handschriften." Immerhin 
glaubte ich diesen hinweis nicht unterdrücken zu dürfen, 
weil wir uns eben mit einer schrift beschäftigen, die 
aus der innigsten durchdringung lateinischer und grie- 
chischer demente entstand, und insbesondere ein zei- 
chen wie y vor uns haben, das in beiden Schriften zu 
allen zeiten die mannigfachsten ähnlichkeiten aufweist. 
Dasselbe verschlungene y wäre auch auf alten 
lateinischen inschriften nach dem Dietionnaire de diplom. 
pal. 34. 

§. 94. Das glagolitische S. 

Das eben §. 93 citirte griechische, unten mit der 
schlinge zusammengefasste ypsilon hat auf einer christ- 
lichen inschrift, Boeckh, Corpus inscript. graec. nr. 8787, 
folgende eckige form: 



X 



in dem worte ^oü, wobei zu beachten ist: 1. dass cur- 
sive formen in inschriften, insbesondere der späteren 
christlichen zeit, einzudringen pflegen, 2. dass runde 
buchstaben derselben inschriften überhaupt parallele 
eckige neben sich haben. So erscheinen 0, p, a, ?, u, e 
bald in runder, bald in viereckiger oder rhomboider 
gestalt (Franz, Elementa epigraph. gr. 244). Ein nahe- 
liegendes beispiel ist das §. 90. berührte viereckige 
omikron, das aus inschriften in griechische und cyril- 
lische handschriften dringt. Da jenes mit der runden 
schlinge unten zusammengefasste ypsilon zugleich eine 
gewisse form des griech. ou sein kann, so ist es natür- 
lich, dass sein eckiger doppelgänger, das unten drei- 
eckige ypsilon, auf anderen griechischen inschriften ou 
bedeutet.*) 

In der belehrung des heil. Basilius aus dem 
12. Jahrhunderte, snimki s rukopisej voskres. i novo- 
jerus. biblioteki, findet sich eia initiales ypsilon: 



1 



das dem S ebenfalls zu gründe gelegt werden könnte. 
Aus diesem ypsilon entsteht unser glagolitisches 
zeichen durch die einfachsten immer und immer wie- 
der angewandten kalligraphischen mittel, durch den 
verschluss und die verschlingung: 



pariser aiphabet, cloz. u. s. w. Schon im evang. grig., 
dessen schrift man übrigens noch dem runden typus 

*) Das unten dreieckige ypsilon wird unter den capitalen 
lateinischen u angeführt im Dict. diplom., 19* tal)leau, pag. 210, 
nr. 11, und planche 32 (capital des inscriptions et des manu.scrits), 
pag. 400. Es soll nach pag. 396 dem G. — 7. Jahrhunderte ange- 
hören (wie immer ohne specielle angäbe der quelle). Lat. u und 
griech. u zeigt bekanntlich viele specielle Übereinstimmungen. 

11 



82 



zuzählen muss, werden die schlingen ein wenig eckig; 
im jüngeren theile des zograph verlängert: 

wodurch die croatische form des 13. Jahrhunderts 
(heil. Thekla) schon auf bulgarischem boden vorgebildet 
erscheint : 



¥ 



Auf einer Inschrift von Piden in Istrien, welche 
bloss die Jahreszahl 1321 enthält, ist es oben geöffnet: 



Die an und für sich unbedeutende abart ist nur 
als analogie für das ebenfalls erst später geöffnete 
croat. ot interessant, §. 88. Man sieht, dass die ähnlich- 
keit des griech. 4* und croat. ot nur scheinbar ist. S als 
lautzeichen ist nach Safarik ein merkmal der croatischen 
glagolica vor dem 14. Jahrhunderte, wenn auch kein ent- 
scheidendes. In späterer zeit ist es nur Zahlzeichen. 

S mit seiner seltenen grundform war und ist 
eigentlich noch jetzt eine überflüssige abart der glago- 
litischen i und mag nur seiner absonderlichen form 
und seines capitalen oder initialen Ursprunges halber 
zur Verzierung in die glagolica aufgenommen worden 
sein. Ich verweise bloss auf die bekannte thatsache, 
dass es in manchen bandschriften fast ausschliesslich 
initiale ist, oder als herausgerückter buchstabe und in 
aufscliriften, also vorzüglich als majuskel verwendet wird. 

In anderen denkmälern (zogr.) wird dann S zum 
gewöhnlichen kleinen buchstaben des textes, gleich 
dem glagol. ot, das anfangs auch nur verzierte initiale 
war. Ja, im letzten theile des sinaitischen psalters 
droht S auf kosten des T und 8 zum alleinigen t'-zei- 
chen zu werden; mitunter ist es auch in dieser nach- 
lässigeren Schrift von T schwer zu unterscheiden. (Vgl. 
die einleitung zum texte des sinaitischen psalters.) 'S be- 
kam sogar einen platz im alphabete (abecenarium bulg.). 

§. 95. Das glagolitische T. 

Im abecenarium bulg. steht zwischen t und / 
ein zeichen 

Y 

das sonst als ize aufgefasst und an dessen stelle ge- 
setzt wii'd (Stockholmer aiphabet 1400). Da das pari- 
ser alphabet (abec. bulg.) die griechische buchstaben- 
ordnung womöglich einhält, so zeigt schon der platz 
dieses T, dass man sich seines eigentlichen gra- 
phischen werthes y in ältester zeit noch be- 
wusst war. Schon Hanus, Zur slavischen runenfrage, 
Archiv für österr. geschichtskunde X. 13. vermuthete 
in dem zeichen ein griechisches ypsilon. Uns bleibt 
noch die genauere paläographische specialisirung übrig. 



Ich lehne es an das ypsilon der älteren griechi- 
schen minuskelcursive an: 



/ 



(Rapports et extraits, taf. 18, pal. XXIV, a. 600) und 
verweise bloss auf die kalligraphische Verkleidung des^, 
verschluss und verschlingung des oberen theiles, 
welche hier auf das genaueste wiederkehrt. Das TP 
des abec. bulg. hat einen schiefen fuss^ was sonst 
nur noch im sinaitischen euchologium vorkommt, manch- 
mal selbst in den aufschriften, wo es unter den aufrecht- 
stehenden majuskeln auffällt, ebenso das griech. y. 
Gardthausen, Gr. pal., tab. 4, führt dieses y nicht 
unter den charakteristischen der minuskelcursive an. 
Unserem zwecke genügt es, wenn dessen vorkommen 
in der minuskel-cursive überhaupt nachweisbar ist. 
Zur griechischen unciale und semiunciale verräth die 
glagolica nicht die mindeste beziehung; die griechische 
minuskel insbesondere der älteren, für die entwicklung 
der glagolica höchst entscheidenden periode (835—914) 
hat kein solches y. Unter diesen umständen bleibt 
nur die ableitung aus der minuskel-cursive (600 — 835) 
übrig, eine zeit, in welche die meisten griechischen 
demente der glagolica und ihrer mutter fallen. 

Jenes griechische j^psilon reicht unter die zeile. 
Auch das T hat im evang. assem. eine auffallend 
hervortretende Unterlänge, was um so wichtiger 
ist, als sich die glagolica aller ehemaligen Unterlängen 
bis auf diesen einzigen rest entledigte, ein neuer 
beleg für unsere herleitung. Zugleich wurde der fuss 
vertical, wie alle glagolitischen buchstaben. Würde 
man das T des assem., das wir durch unsere druck- 
form wiedergeben können, zum ausgangspunkte der 
betrachtung wählen, so müsste man im besten falle 
ein verticales Y der griechischen lapidarschrift zu 
gründe legen, was gewiss unzulässig wäre. 

In anderen glagolitischen denkmälern verliert T 
allmälig seine Unterlänge, so im zogr., noch mehr 
im achridaner evang.: 

In croatischen denkmälern werden die schlingen 
eckig, der fuss bleibt lang. Als i erscheint es in ihnen 
im allgemeinen nur bis ende des 13. Jahrhunderts, 
später wird es ausschliesslich Zahlzeichen. 

Ein cyrillisch-griechisches unciales ypsilon ist 
einmal in der savvina kniga statt h gesetzt: cTBOpv, 
(Sreznevskij, Drev. pam. jus. pisma 14). 

§. 96. Das verhältniss der cyrillischen und 
glaffoli tischen i. 

Griechisch iota i entspricht in der cyrillica keinem 
lautlichen bedürfnisse. Das i in iii und den prä- 
jotirten Vocalen k», a u. s. w. ist nicht griechi- 



83 



sehen Ursprunges, §. 101, §. 87. Ueberflüssig ist 
cyrill. I, wenn es für sich, statt h gesetzt wird. Nur 
als erbstück des griechischen alphabets oder vielleicht 
als Überbleibsel einer zeit, da griech. eta h durch den 
usus der cyrillischen Schreiber noch nicht ausschliess- 
liches zeichen des i-lautes geworden war und insbe- 
sondere als Zahlzeichen ist ihm ein platz in der reihe 
des cyrillischen alphabets mit recht zu theil geworden. 
Dieser berechtigten existenz zweier i in der cyrillica 
steht in der glagolica ein doppeltes i nur als unnöthige 
Setzung, als nachahmung, als beleg' ihrer abhängigkeit 
von der cyrillischen Orthographie entgegen. Eigentlich 
stehen dem i h drei glagol. i entgegen: S T 8, von 
denen jedes ein besonderes ypsilon der mutter.schriften 
zur grundlage hat. Es ist nicht möglich, 'S und T 
als zwei zufällige, innerhalb der glagolica entstandene 
abarten aufzufassen. Es scheint, dass 'S anfangs ver- 
zierte initiale war, später zum gewöhnlichen buch- 
staben wurde. Man müsste denn sonst annehmen, dass 
in der glagolica zwei von einander unabhängige ver- 
suche gemacht wurden, dem h und i ebenfalls zwei 
besondere i gegenüber zu stellen: einmal S und 8, 
das andere mal T und 8. Die gesammtheit unserer 
glagolitischen denkmäler, von denen einige alle drei i 
zugleich anwenden, würde dann das zusammenfliessen 
der zwei versuche repräsentiren. Eigenthümlich ist die 
redaction des abec. bulg.: S 8 entspricht dem h und i, 
T steht an der stelle, wo die cyrillica oy oder y bietet. 
Schliesslich bedenke man, dass die alte croatische glago- 
lica unzweifelhafte spuren des echten albano- römi- 
schen i I verräth, das erst später in der bulgarischen 
glagolica durch S T 8 verdrängt wurde. Die einzelnen 
glagolitischen denkmäler haben gewisse, obwohl nicht 
consequent durchgeführte gebrauchsweisen der drei * 
ausgebildet. Zu einer festen regel kam es schon des- 
wegen nicht, weil auch das muster, die anwendung des 
cyrill. H und i, in gewissen grenzen schwankt. Im ein- 
zelnen verrathen diese gebrauchsweisen eine ängstliche 
anlehnung an den oft auch nur zufälligen cyrillischen 
usus. Eine tiefere bedeutung schreibe ich ihnen nicht 
zu, weder in paläographischer, noch in lautlicher hin- 
sieht, wenn sie auch für manche ein object wichtiger 
discussionen geworden sind. Unter anderem wird die 
Schreibung eines und desselben glagol. / unmittelbar 
hintereinander vermieden, wie auch manchmal in der 
cyrillica Hl statt IIH. Die drei ältesten croatischen 
inschriften haben neben dem alban. i nur noch das 
eine 8. Im 12. — V6. Jahrhunderte tauchen T und S 
wieder auf, zumeist als anfangsbuchstaben. Im texte 
herrscht dennoch das 8, um dann im 14. Jahrhundert 
zum ausschliesslichen i-zeichen der Croaten zu werden. 
Es ist bemerkenswerth, dass diese Vorliebe für 8 schon 
durchbricht in dem bulgarisch-glagolitischen einschiebsei 
des achridaner praxapostolars (12. jahrh.), wo nach 
Sreznevskij, Drev. para. jus. pisma 153, nur dies eine 8 



angewendet wird. Auch im evang. grig. wird 8 auf- 
fallend bevorzugt. Aus den drei f S 8 ist auf einen 
ehemals grossen zeichenreichthum der alten, an der 
grenzscheide zweier mächtigen Schriften entstandenen 
glagolica und ihrer mutter zu schliessen. 

Die elbassaner schrift hat kein echtes zeichen 
für 2/ bewahrt, wohl die nach Büthakukje genannte, §. 70. 

§. 97. Das jer der grossen Inschrift von Baska 
und d e r c y r i 1 1 i c a. 

In beiden slavischen Schriften sind die ye7'-zeichen 
differenzirungen derselben grundform, die wir in dem 
albanesischen zeichen für w (franz. ?tj wiederfinden. 
Vom lautlichen Standpunkte kann die wähl eines solchen 
lautes zur wiedergäbe des dumpfen slavischen halb- 
lautes ohneweiters eine treffende genannt werden. 

Auf eine sehr seltene abart des römisch-cursiven ii 



"iTV 



die in der schrift der ältesten päpstlichen bullen häufiger 
wiederkehrt, ist nach §. 15 das albanesische 

zurückzuführen. Die ehemalige noch geneigte Stellung 
des linken armes der lateinischen grundform verräth 
aber noch das jer der Inschrift von Baska: 

das ich mit k transcribiren will in den worten : tk 
(z. 12); Bk OTC«Hhn(H) (z. 13); Bh bahho (z. 13). Der 
rechte arm der grundform ist vernachlässigt worden. 
Die dritte abart hat dem Charakter des denkmals ge- 
mäss eine eckige schlinge. Es ist kaum nöthig zu 
bemerken, welche unschätzbare bedeutung für die sla- 
vische paläographie den vier wie durch einen glück- 
lichen Zufall nur auf den letzten zwei zeilen jener In- 
schrift erhaltenen jer-iormen und insbesondere ihrer 
geneigten läge zuzuschreiben ist. Ueber die eigen - 
thümlichkeiten der Inschrift von Baska werden wir 
im zusammenhange sprechen, §. 160. Dieses jer wurde 
von den cyrilliten aus der alten glagolica, wovon später, 
recipirt und zum weichen halblaute gestempelt: 



(vgl. z. b. das facsimile zur ausgäbe der homilien Gre- 
gors [11. jahrh.] von Budiloviö). Die tigur musste sich 
dem Charakter der cyrillischen unciale anpassen, sie 
wurde daher aufrecht gestellt, die schlinge kam auf die 
rechte seite, wurde etwas steifer und in manchen hand- 
schriften sogar dreieckig : 



/ 



(vgl. die Umwandlung des unteren theiles in cyrill. u 
und "b, §. 124, 109). Von diesem jer wurde das zeichen 

11* 



84 — 



für den harten halblaut mittelst des schon oft erwähnten 
Ornamentes, des häkehens, diff'erenzirt: 



In einer jery-i'orm des eben citirten facsimiles 
der homilien Gregors 



a- 



scheint eine spur der einst an der linken seite ge- 
schriebenen schlinge erhalten zu sein (vgl. das jer von 
Baska). Auch in jüngeren bulgarischen handschriften 
des 13. — 14. Jahrhunderts fand ich vereinzelte /er-formen 
mit der ausbauchung auf der linken seite, doch bin ich 
darüber zu keiner sicheren ansieht gekommen. 

Vor der berührung, mit der glagolica hatte die 
cyrillica diese jcr-zeichen nicht. Wie die alte, noch 
nicht mit glagolitischen dementen versetzte cyrillica 
die halblaute ausdrückte, darüber werden wir eine 
vermuthung aufstellen, §. 100. Ist unsere herleitung 
überhaupt richtig, so war Ti und k ursprünglich nicht 
cyrillisches gut, denn dieses bestand anfangs nur aus 
griechisch-uneialem und lapidarem materiale. 

Im jüngeren theile des glagol. zographer evang. 
hat der Schreiber aehtunddreissigmal ein cyrillisches 
weiches h, und zwar immer am wortende verwendet, 
einmal in der Verbindung Kl, zweimal in hH. Sollte 
dies seiner eigenen willkür zuzuschreiben sein, oder 
ist mit hinsieht auf das jer von Baska und den glago- 
litischen Ursprung des cyrillischen h anzunehmen, dass 
er einen rest einer älteren glagolitischen Schreibweise 
bewahrte? (Sein k würde allerdings schon die cyril- 
lisirte aufiechte gestalt angenommen haben.) Ueber 
die cyrillischen zeichen des jüngeren zogr. überhaupt 
vgl. §. 157, anmerkung. Dasselbe denkmal kennt 
nur das glagolitische harte ^, nicht B, an dessen stelle 
eben w tritt, so dass wenigstens dieser umstand die 
annähme eines bloss zufälligen Vorkommens des h aus- 
schliessen würde. Auch die grosse inschrift von Baska 
hat eigentlich nur ein hartes jer, während die zweite 
der cyrillischen nahestehende abart der zwei letzten 
Zeilen von bloss formellem Standpunkte wohl nur als 
weiches Jer aufzufassen ist. Da glagol. ;• von dem 
cyrill. k bekanntlich fast gar nicht unterschieden wer- 
den kann, so versuchte der Schreiber des jüngeren 
zogr. an einigen wenigen stellen, wie es scheint, die 
beiden buchstaben wenigstens dadurch auseinander zu 
halten, dass er die schlinge des glagol. r nach rechts 
kehrte. In den meisten fällen wird dennoch glagol. r 
und cyrill. k gar nicht unterschieden, so z. b. auf dem 
blatte 46a, z. 13 im worte HCKpkH'k. Einmal findet 
sich k auch im evang. grig. , lithographirte aus- 
gäbe des evang. lucas, pag. 65, zeile 28 im worte 
Tkr^<i. 



§. 98. Die glagolitischen ^'«»■-zeichen. 

Die älteste noch erreichbare form des glagol. jer 
ist äusserst selten. In einer glagolitischen Zuschrift 
eines russischen cerkovnyj ustav des 12. Jahrhunderts 
ist sein ductus folgender: 

4 

(Sreznevskij, Glag. pam. facs. XVIII; Sabas, Specimina, 
suppl. IV). Bedeutend wichtiger ist natürlich ein 
beleg aus der kleinen inschrift von Baska, 12. Jahr- 
hundert : 



% 



n 

(Viestnik hrv. ark. druztva I. 2, fragment a im worte 
3K'KHHiUH(p'k) ; ein zweites beispiel im fragment b.) 
Die tigur ist natürlich schon eckig geworden. Das 
charakteristische merkmal dieser jer finde ich in drei 
von einander noch getrennten schlingen. Dies ist 
allerdings auch bei dem harten jer des älteren zogr. 
der fall, aber dieses ist schon durch den ductus des 
glagol. 9 beeinflusst worden, es sieht aus, wie wenn 
aus einem 9 links eine dritte schlinge hervorragen 
würde. Zugleich wird die figur nicht mehr mit einem 
einzigen federzuge geschrieben. Dies halte ich für 
secundär. Noch im pariser aiphabet ist der alte grund- 
zug des jer ziemlich klar erkennbar: 

Die feder setzt bei der oberen, hier schon eckig 
gewordenen schlinge an, zieht die untere, dann die 
linke. Die obere und die links befindliche 
schlinge ist wie immer ornamentale zugäbe, 
entfernt man dieselbe, so tritt das alban. ü 



und noch mehr seine lateinische mutterform 



Srv 



nach §. 15 mit überraschender klarheit hervor. Das 
in der glagolica herrschende jer -8 'S steht der mutter- 
form gewissermassen näher als das von den cyrilliten 
recipirte (mitsammt dem jer von Baska), weil beide 
aus der unteren schlinge hervorragende arme der grund- 
form in der kalligraphischen Verkleidung noch erhalten 
sind. Das cyrillische wiederum, obwohl es den rechten 
arm der mutterform verloren, überragt das glagol. ^ 
dadurch an alter, dass es noch keiner kalligraphischen 
Umbildung erlegen ist. Als die cyrilliten das glagol. jer 
herübernahmen, waren die glagolitischen buchstaben 
überhaupt noch nicht kalligraphisch umgebildet. Sie 
hatten z. b. noch keine schlingen. 

Sehr frühzeitig wurde jene ältere form ver- 
wischt, beide schlingen derart aneinander gerückt. 



85 



dass sie zusammen einen arabischen achter bildeten: 



<^ <8 



a. b. 

evang. assem., der wieder in eine ellipse verfliesst, 
so im blatte Grigorovic, Sreznevskij facs. II, z. XI21, 16; 
in einem neuerdings in Pest aufgefundenen sehr alten, 
kaum handgrossen fragmente, in dem F. Raöki ein 
glagolitisches typikon erkennt; im glagolitischen ein- 
schiebsei des bologner psalters (13. jahrh.) und auf 
der Inschrift von Veglia auffallend rund, zeile 2 im 
Worte onaTTii: 



C7 



ß 



Die ellipse wird allmälig eckig im jüngeren 
theile des zogr. evang. und in der späteren wahrschein- 
lich dem 12. Jahrhundert angehörenden dreizeiligen 
Interpolation auf pag. 338 des sinaitischen psalters: 

woran sich ein zweites jev der kleinen Inschrift von 
Baska anschliesst: 



rf 



im Worte npccijfii. Die ellipse wird segmentartig ab- 
geschnitten : 

in der jüngeren glagolitischen zuschrift des von Crnöic!; 
edirten facsimiles des evang. assem. Auf diese abart 
geht zurück das dreieckige jer 



^ 



u 

der grossen Inschrift von Baska. Der oben aus dem 
assem. citirten nuance b., in welcher alle drei schlin- 
gen eng aneinander hängen, entspricht das eckig ge- 
wordene 

des fragments der heil. Thekla, des laibacher homi- 
liars u. s. w. (croat. 13. jahrh.) Auf die grundform 
mit drei getrennten schlingen geht auch zurück: 

des I. prager fragments; stark auseinander gezogen 
in den aufschriften des cloz. und zogr., in einer ma- 
juskel, wo alle buchstaben hoch und schmächtig werden : 



-^ 



Diese letzteren formen haben die meinnng er- 
zeugt, dass glagol. S aus 9 entstand. Der ductus des 
letzteren hat allerdings diese ähnlichkeit mitbeeinflusst. 



Eine zweite diflPerenzirung der mutterform ist das 
weiche jei- 

■8 

das von neuem die annähme bestätigt, dass diu links 
befindliche schlinge des <E ein blosses omament ist. 
Der statt dessen eintretende punkt ist unter dem ein- 
flusse der griechischen minuskel entstanden, welche 
es liebt, gerade auslaufende linien mittelst eines stär- 
keren federdruckes in einen punkt endigen zu lassen 
(vgl. insbesondere Wattenbach et Velsen, Exempla 
cod. graec, tab. XLII, die züge des c und des quer- 
striches in s). In der glagolica wurde dieser punkt 
ein typisches, wenn auch weniger wichtiges Ornament 
(vgl. §. 156, b). Im fragment Mih. ist der punkt ab- 
normal vergrössert worden. Öafafik (Pam. hlah.) will 
in dem roh gezeichneten glagolitischen einschiebsei 
des cyrill. achridaner praxapostolars (12. — 13. jahrh.) 
ein weiches jer gefunden haben, dessen arm an der 
rechten seite stand. 

§. 99. Zur entwicklung der jer-zeichen. 

Beide cyrillische und glagolitische jer sind da- 
her aus einer einzigen grundform entstanden, die zu- 
nächst in dem jer von Baska und den weichen Zeichens 
und 'S enthalten ist. "k und 'S sind secundäre bildun- 
gen. Es scheint, dass es einmal eine zeit gab, da 
sich die altslavische Orthographie mit einem 
einzigen jer-zeichen für beide halblaute be- 
gnügte. Schon die bildung des zweiten jer in beiden 
Schriften verräth an sich einen orthographischen fort- 
schritt, der nicht gering anzuschlagen ist in einer spräche, 
die dahin neigte, beide ohnedies ähnliche laute in einen 
zusammenfallen zu lassen. Jede der beiden Schriften 
schlug in der dififerenzirung des einen Jer-zeichens 
einen besonderen weg ein. Die cyrilliten wählten zur 
Unterscheidung ein griechisches Ornament, das häk- 
chen, §. 156 b, die glagoliten ein nur ihnen geläufiges 
mittel, die schlinge. Wir kommen zu dem Schlüsse, 
dass die cyrilliten zur zeit ihrer berührung mit der 
glagolica in dieser nur ein je?'-zeichen vorfanden. Ob- 
wohl nun cyrill. k erst der glagolica entnommen wurde, 
so lässt sich doch auf grund des allgemeinen Verhält- 
nisses in der parallelen entwicklung der cjn-illischen 
und glagolitischen Orthographie vermuthen, dass die 
differenzirung zuerst von den cyi'illiten durchgeführt 
wurde, worauf die glagoliten wie immer ihrem bei- 
spiele mit eigenen mittein folgten. 

Das eigenthümliche resultat, dass das cyrillische, 
ursprünglich indifferente, jetzt weiche jer-zeichen k 
graphisch älter ist als "k, erhält eine gewisse Unter- 
stützung durch eine orthographische erscheinung, deren 
beachtung gerade an dieser stelle kaum abzuweisen ist. 
Der cyrillische makedonskij listok des 11. — 12. Jahr- 
hunderts, Sreznevskij, Pam. jus. pis. 39 — 42, der seinen 



— 86 



iiaiuen nicht bloss wegen seines fundortes, sondern auch 
seiner neumacedonisclien formen wie hho^'/UK (o\j' = o) 
und seiner eingestreuten glagolitischen buchstaben halber 
verdient, im übrigen weit eher zu den alt- als neu- 
bulgarischen denkmälern gerechnet werden rauss, be- 
sitzt bloss den weichen halblaut k. Jene altbulgarisehe 
band, die mitten in den text des suprasliensis pag. 99 — 100 
eine stelle einfügte und gewiss gleichzeitig ist, wendet 
fast ausschliesslich nur k an. Diese erscheinung würde 
ich schon ihres alters halber nicht für analog halten 
mit dem überhandnehmen des harten "k in manchen 
späteren bulgarischen denkmälern, das sich in folge 
eines sprachlich langsam abwickelnden processes voll- 
zog. Doch hat selbst eines unter ihnen, die evang. 
listki Undolskago des 12. — 13. Jahrhunderts, nach der 
Versicherung Sreznevskij's, Pam. jus. pis. 135, nur h; 
in dem pag. 381 gegebenen specimen sind einige t» 
wohl druckfehler. Es fragt sich: hat die serbische 
cyrillica, die sehr frühe von den Bulgaren zu den 
Serben kam und seit jeher nur das eine h anwendet, 
nur diesen einen halblaut, weil der charakter der 
spräche den anderen ausschloss, oder ist sie aus einer 
alten bulgarischen schreiberschule hervorgegangen, die 
nur h kannte'? Das lautliche bedürfniss ist allerdings 
sehr wichtig. Wenn wir aber andere belege eines 
orthographischen conservatismus erwägen, wie die alt- 
serbische Schrift das ihr seit jeher ebenso unnöthige kl, 
ja selbst nasalzeichen im hilandarevangelium des 12. Jahr- 
hunderts, Sreznevskij, Svedenija i zametki 137, reci- 
pirte, so mag dem mangel des -k in altserbischen denk- 
mälern eine paläographische Ursache neben der sprach- 
lichen zu gründe liegen. Die croatische glagolica, welche 
derselben spräche wie die serbische cyrillica diente, be- 
sitzt in ältester zeit beide jej'-zeichen, weil sie sieh 
von der bulgarischen zu einer zeit loslöste, da beide 
zeichen schon entwickelt waren. Zu einem ähnlichen 
resultate werden wir bei der betrachtung der präjotirten 
zeichen in altserbischer schrift gelangen, §. 112. 

In dem bulgarischen parizskij stichirar des 13. Jahr- 
hunderts soll nach Sreznevskij, Pam. jus. pis. 67, ver- 
doppeltes kk für -k gesetzt sein: OJj'AOKpiMkk, ebenso 
in serbischen denkmälern des 14. Jahrhunderts, sis. 1324. 
•k wird nie verdoppelt, wohl sporadisch verschiedene 
andere vocale in sehr alten quellen (vgl. meine ein- 
leitung zum sinaitischen psalter). 

Die Croaten haben zwar beide jer der maeedo- 
nischen glagolica entlehnt, aber, soweit wir mit unseren 
mittein sehen können, nicht zugleich angewendet. Als 
ausnähme würde höchstens die Inschrift von Baska da- 
stehen. Das fragment Mih. hat bloss das weiche zeichen, 
die zwei anderen ältesten Inschriften bloss das harte. 
Die form ^ deslaibacher homiliars, der heil. Thekla 
u. s. w. ist ein entschiedenes unleugbares merkmal 
des 13. Jahrhunderts, wie schon Safafik und Beröi6 
hervorhoben, wenn sie auch mitunter das alter der croa- 



tischen denkmäler dieser kategorie überschätzten und 
dem 12. Jahrhunderte zuwiesen. Mit /f| zugleich 
erscheint das alte i i mit der bedeutung jer, verdrängt 
jenes allmälig, bis es im 14. Jahrhundert allein übrig 
bleibt. Wenn daher im jähre 1436 in einem gla- 
golitischen alphabete der prager Universitätsbiblio- 
thek (sub. sig. 11, A. 14) auch noch /fj angeführt 
wird, so haben wir nur einen neuen beleg dafür, wie 
lange sich ein zeichen in der reihe fortschleppt, nach- 
dem es längst ausser gebrauch gesetzt worden ist. 
(Vgl. croatisch je aus dem jähre 1528, §. 77.) 

§. 100. Braeheia und apostroph statt jer. 

Ein über dem buchstaben stehendes, der ßpaxsTa 
vergleichbares zeichen 

der XIII. homilien Gregors (cyrill. 11. jahrh.), das 
mit einem ähnlichen, aber bedeutend dicker geschrie- 
benen, statt u stehenden zeichen desselben denkmals 
und des ostromir nicht verwechselt werden darf (§. 104), 
bedeutet nach dem von Budiloviß edirten faesimile 
sowohl weiches als hartes jer. Im ostromir hat es 

die form : 

C 

(z. b. n'XHUd; im cod. sup. wie ein apostroph oder 
psilos: Hcn'A'kHH 7. 12; o\"C'kK'H;5;TH, auch pleonastisch 
besonders über k: npTi'BO, H'kcaps'cTBO In der pogo- 
dinskaja psaltir: ©Yn'BatTTk, Sreznevskij, Drev. pam. 
jus. 54). Es wurde frühzeitig von den glagoliten reci- 
pirt. Im assem. hat es, wie es scheint, die form des 
asper, /u'HCra, doch ist seine anwendung durch andere 
unnöthige punkte und striche verdunkelt. Die ältesten 
croatischen handschriften, laib. hom., heil. Thekla u. s. w. 
haben ' (daher mit ^Q^ und i drei bezeichnungen des 
jer!). Nachdem selbst i aus der croatischen glagolica 
verschwindet, bleibt doch noch eine zeit ' zeichen des 
jer, selbst in der croatischen cursive, z. b. in der Ur- 
kunde aus dem jähre 1393, wo es von dem weich- 
zeichen nicht zu unterscheiden ist: HHjf neben »:hkhm . 

Das hohe alter dieser vom Standpunkte der sla- 
vischen Schreiber kaum verschiedenen zeichen, ihr 
echt cyrillisch-griechischer Ursprung und ihr sporadi- 
sches vorkommen lässt der vermuthung räum, dasssie der 
rest der eigentlich cyrillischen ji'e?'-bezeichnung sind, die 
erst durch die aufnähme des eigentlich glagol. k und 
dessen darauffolgende diflferenzirung verdrängt wurde. 
Dass sie auch der glagolica nicht unbekannt ist, ist 
eben ein beweis von der wechselseitigen durchdringung 
beider Schriften. Die frage wenigstens, wie die 
alte, noch nicht glagolitisirte cyrillica das ^y'er 
bezeichnete, ist unabweisbar. 

Ich glaube, dass diese zeichen anfangs das leben- 
dige jer selbst bedeuteten. Oft nämlich sind sie nur 



87 — 



ein merkzeichen des nicht mehr gesprochenen halb- 
lautes. Sie vertreten auch andere lebendige laute. 
In eiv'uiE steht ' wohl statt des nicht mehr gespro- 
chenen -k, anders in Kh b'kki (evangelskije listki 12. bis 
13. jahrh. Sreznevskij, Drev. pam. jus 45). In t'kmO 
cloz. II. 416 kann ' nur statt des noch lebendigen jer 
stehen. Von späteren, dem griechischen apostroph 
nachgeahmten anwendungen abgesehen, stand das 
slavische zeichen anfangs wohl nur für jer selbst. 

In denkmälern des 12. — 14. Jahrhunderts erscheint 
auch " statt jer, bolonskaja psaltyr: a'^^P^XI»; B'k3"Ba, 
Sreznevskij 1. c. 117. 

§. 101. Die jier;/-zeichen. 

Während alban. J> u (franz. u) zur bezeich- 
nung des dunkeln halblautes verwendet wurde, schien 
die albanesische lautfolge ui = üi den macedo-slavi- 
schen Schreibern dem dumpfen laute des jery am 
besten zu entsprechen. Man wird im vorhinein zu- 
geben, dass diese wähl vom Standpunkte primitiver 
schriftbildner, denen es immer um die nächstliegende 
passendste Übereinstimmung bei der Übertragung frem- 
der zeichen auf ihre laute zu thun war, eine treffende 
genannt werden muss, obwohl altbulg. je?-)/ gewiss nicht 
genau wie ü -\- i gelautet hat. Dennoch, glaube ich, 
wurde gerade dieser ausdruck des jery nicht ohne 
eine tiefere erwägung seiner lautlichen natur von seite 
der alten Schreiber gewählt. Es ist der einzige vocal, 
der durch zwei zeichen ausgedrückt wird (glagol. und 
cyrill. oy ist eine blosse äusserliche nachahmung des 
griechischen cu). Die einstige diphthongische natur des 
■jery habe ich schon früher durch seinen historischen 
Zusammenhang mit dem litthauischen id zu erweisen ge- 
trachtet. Den einwendungen, welche inzwischen dieser 
ansieht zu theil wurden, gedenke ich mit vermehrtem 
beweismateriale in einer andern arbeit zu begegnen 
und das eigentliche verhältniss des gesprochenen jery 
zu seinem eigenthümlichen graphischen ausdruck aus- 
führlicher zu behandeln. Von rein graphischem Stand- 
punkte liegt der Zusammenhang des _^'e?'(/-zeichens mit 
alban. ut offen zu tage. Dann war es anfänglich 
ein nur glagolitisches zeichen. Die im albanesi- 
schen ziemlich häufige lautfolge u; 



hat zwar in der reihe des alphabets keinen besonderen 
platz gefunden, sie wurde aber in der schrift zu einer 
jener zufälligen Verbindungen, die wir auf unserer 
tabelle, §. 1, verzeichneten : 



<* 



(vgl. §. 18). Als die Macedoslaven die albanesische 
Schrift recipirten, war die Verbindung noch nicht vor- 



handen, beide zeichen standen frei neben einander: 

Sie sind, da glagolitisches hartes jer aus alban. <}> 
entstand, enthalten in dem glagolitischen jery der 
inschrift von Veglia (11. jahrh.): 



u 



Gl 



2. Zeile im worte onaTivi, ein acc. oder instr. pl. So las 
schon Crnöic. Vgl. unser facsimile. Hinter dem worte 
folgen mehrere verstümmelte eigennamen, daher der 
plural mit recht vermuthet werden kann. Ich ver- 
weise auf die entstehung der jer-fovm dieser inschrift, 
§. 98. In die kalligraphie des assem. versetzt, würde 
dieses jery geschrieben werden: 

■Bl 

Da glagol. <B und cyrill. "h. nur differenzirungen 
derselben grundform sind, so ist dieses glagol. Sl dem 
cyrill. Tii vollkommen gleich. 

Es ist somit nachgewiesen: 1. dass cyrill.: 

T.I 

ursprünglich auch bei glagoliten im gebrauche ge- 
wesen; 2. dass cyrillisch "hl albano-glagolitischen Ur- 
sprunges ist und erst zur zeit der von uns historisch 
ZU beleuchtenden berührung der beiden slavischen 
Schriften in die cyrillica aufgenommen wurde, §. 169. 
Cyrill. "Kl, glagol. -Bl der inschrift von Veglia, 
alban. J>i sind nur graphische dissimilationen. 
Wie die alte, nicht mit glagolitischen dementen ver- 
setzte cyrillica jery bezeichnete, wissen wir nicht. 
Dieses "hl hatte sie nicht, schon deswegen, weil sie 
ursprünglich das "K (u) nicht hatte, i in cyrill. -ki (ki) 
ist nicht griechischen, sondern glagolitischen, indirect 
römisch-cursiven Ursprunges, ebenso wie in cyrill. w, 
§. 87. Nur das selbstständig für sich mitunter statt h i 
gesetzte cyrill. i ist griechischen Ursprunges. 

Sollen wir der historischen entwicklung und ins- 
besondere der gänzlichen abhängigkeit der glagoliten 
von ihrer mutterschrift, deren ganze thätigkeit sich 
auf eine kalligraphische Weiterbildung derselben be- 
schränkte, gerecht werden, so müssen wir für jedes 
slavische zeichen, für jede combination und jeden graphi- 
schen umstand den anstoss in der mutterschrift linden. 
Diejenige erklärung dessen/ wird die wahrscheinlichste 
sein, welche den keim der ganzen composition in einer 
früheren periode aufweist. Ist B aus alban. i> ent- 
standen, so kann <BI nur auf alban. <lii zurückgehen; 
beide zeichen wurden zugleich aus der mutterschrift 
herausgehoben, da den glagoliten, so weit wir sehen, 
unter den von der mutterschrift gegebenen bedingun- 
gen nur diese Verbindung zum ausdrucke des jery ge- 
eignet erscheinen musste. In der griechischen schrift 
konnten sie den anstoss zu einer solchen Verbindung 
nicht finden, da deren erster theil ungriechisch ist. 



88 — 



Geht ferner cyrill. Tv trotz seiner Verwandtschaft mit 'S 
nicht direct auf dieses, sondern auf dessen grundform, 
alban. J>, zurück, so weist auch 'Kl (oder hl) nicht auf Sl, 
sondern alban. Jii, d. h. das cyrill. jery wurde zu einer 
zeit aus der glagolica entlehnt, als alban. <!. noch nicht 
zu 'S vcnschlungen war, als die glagolica eine noch 
nicht kalligraphisch weitergebildete, sondern reine alba- 
nesische schrift war. Als "ki (hl) in die cyrillica kam, 
miisstc sich der ursprünglich cursive ductus beider 
bestandtheile allerdings dem uncialen charakter der 
ganzen schrift anpassen, i in Tki wurde ebenso steif und 
geradlinig wie jenes i, das die cyrillica von der grie- 
chischen unciale her manchmal für h anwendet: dies 
ist aber auch der einzige umstand, welcher den schein 
erwecken könnte, dass i in t»! (und to, §. 87) ein un- 
cialcs griechisches jota sei. 

Dieselbe croatische inschrift, welche jenen einzi- 
gen unschätzbaren beleg eines glagolitischen jery 'S! 
bewahrt hat, gehört zugleich unter jene wenigen reste 
altcroatischer glagolica, welche das alban. i noch in 
der alten geltung i anwenden, §. 91. Wir sehen, dass 
der gebrauch des glagol. 'S! mit dem glagol. i einher- 
läuft. Dieser umstand mag unser vertrauen in jenes 
ganz vereinzelte jery des ältesten restes der croatischen 
glagolica erhöhen: es ist natürlich, dass es in einem 
deukmale erhalten wurde, das (wie noch zwei andere 
ähnliche Inschriften) auch jeden der beiden bestand- 
theile jener Zusammensetzung, -B und I, in freier selbst- 
ständiger anwendung kennt. So wie in altcroatischer 
glagolica I und 'S! nebeneinander liegen, so auch in 
der alten albanesischen mutterschrift: i und d»!. Da 
nun der croatische zweig der glagolica nicht direct 
der schrift von Elbassan entspross, sondern eine graphi- 
sche fortsetzung der macedo-bulgarischen ist, müssen 
wir rückhaltslos annehmen, dass die sogenannte runde 
bulgarische glagolica des assem. zogr. u. s. w. einst 
auch die zeichen I und 'S! besass. Nur auf diese weise 
können wir uns die existenz des TvI in der cyrillica 
erklären: diese konnte nur aus der bidgarischen, nicht 
aus der jüngeren croatischen glagolica entlehnimgen 
machen. Aus der Übereinstimmung des alban. i und 
croat. I schlössen wir auf dessen ehemalige existenz 
in der bulgarischen glagolica. Jetzt können wir diesen 
schluss noch besser stützen: drei zeugen zugleich, alban. <l>i, 
cyrill. "hl, altcroat. -Bl, schreiben der bulgarischen gla- 
golica nicht bloss diese ganze combination, sondern 
auch noch speciell das i zu. Diesmal muss das ge- 
wicht der sonst immer massgebenden und älteren bul- 
garischen glagolica vor älteren Zeugnissen weichen, auch 
.'iie hat schon zeichen verloren. Die croatische gla- 
golica muss ein sehr alter zweig der bulgarischen sein. 
Das i I der altcroatischen inschriften steckt in der 
cyrillischen combination TiI (hl). 

Aus dem eng verknüpften verhältniss der zeichen i 
und <BI erklärt sich die entstehung des gewöhnlichen 



bulgarischen jery ■ST. Als die bulgarische glago- 
lica den gebrauch des i aufgab, verschwand es 
auch in der Verbindung Sl. Derselbe process, der 
an die stelle des alten, einst auch der bulgarischen 
glagolica gehörigen i i jene als i gesetzten ypsilon- 
formen T 8 S brachte, verwandelte auch das uralte Sl 
der inschrift von Veglia in das jüngere bulgarisch- 
glagolitische jery: 

Die Schreiber, welche diese Umwandlung voll- 
brachten, mussten sich bewusst sein, dass sie ein i T 
statt eines andern i i setzen. Wir gewinnen einen 
neuen beweis, dass die geltung des altcroat. i anfäng- 
lich nur i war. Erst im 13. Jahrhundert wird es zu 
croat. jer gestempelt. Leider kennen wir die Über- 
gänge nicht, welche diesen orthographischen fortschritt 
aufklären: zwischen den altcroatischeninschriftenund den 
croatischen denkmälern des 13. Jahrhunderts dehnt sich 
eine kluft aus, welche auch nicht durch das fragment. Mih. 
überbrückt wird, welches gerade des Zeichens i entbehrt. 

Jenes ■81 von Veglia ist der einzige rest eines jery 
dieser form auf croatischem und glagolitischem boden 
überhaupt. Ausserdem vermuthe ich in dem gram- 
matischen fehler der inschrift von Baska z. 12 „bti 
Tk AHi" his diebus, dass dem Schreiber dieses jery viel- 
leicht nicht unbekannt war. Im werte Th gebe ich 
mit h ganz allgemein jene eigenthümliche, §. 97 be- 
handelte jer-iovva von Baska wieder. Man erwartet 
aber, da Th dem zusammenhange nach ein acc. pl. 
sein muss (Thi, TTki), entweder glagol. 8 i nach croa- 
tischer ausspräche, wie z. b. zeUe 5 geschrieben ist: 
,vv8 ^= iV\'Ki, oder nach altbulgarischer Orthographie, 
deren spuren die inschrift zeigt, tTvI (Thi). In welcher 
richtung fehlte der Schreiber? Ich glaube, dass es 
viel wahrscheinlicher ist, anzunehmen, dass er 

KTi T N^ I AM' 

i. e. Till (Thi) setzen wollte und den zweiten theil i 
der ihm schon ganz ungewohnten losen Verbindung 
einfach vergass, als vorauszusetzen, er hätte 8 schreiben 
wollen und dennoch statt seiner jenes äusserlich sehr 
verschiedene jer gesetzt. 

Man hält hi für jünger als "ki. Dafür spricht aller- 
dings entschieden die ausschliessliche Schreibung hi in 
vielen mittelbulgarischen handschriften des 12. — 14. Jahr- 
hunderts (pogodinskaja, norovskaja psaltir u. s. w.). 
Die erscheinung ist um so befremdender, als diese 
denkmäler daneben Tk und sogar mit grosser Vorliebe 
anwenden. Auch so alte quellen wie der suprasliensis 
setzen sporadisch hl statt TvI, und in dem aus einem 
bulgarischen originale abgeschriebenen russischen izbor- 
nik 1073 soll nach Sreznevskij, Drev. pam. jus. 179, hl 
häutiger sein als Tii. Derselbe behauptet, dass die 
Schreibung hi statt Tii nur den localen charakter eines 



89 — 



denkmales bedinge. Wenn die ältesten serbischen 
Schreiber "K nicht haben, weil es, wie man meint, der 
spräche nicht zusagte, warum wenden sie hl an, das 
sie doch auch nicht benöthigten? 

§. 102. Das glagolitische ii. 

Aus den ligaturen U" k schlössen wir, dass die 
älteste glagolica nach dem beispiele ihrer mutterschrift 
von u nur durch einen diakritischen punkt schied, 
§. 86, 87. Diese unvollkommene bezeichnungsweise 
wurde von den glagoliten unter dem nachfolgenden 
einflusse der cyrillica aufgegeben. In freier Stellung 
wurde ein neues u nach dem vorbilde des griech.- 
cy rill, oy geschaffen. Wirklich besteht das glagol. m gleich 
dem cyrillischen aus zwei bestandtheilen, die in alten 
denkmälern noch getrennt geschrieben werden. So kam 
die glagolica durch ihre fortwährende abhängigkeit von 
fremden einflüssen zu einem zweifachen w-zeichen. Da- 
her die befremdende thatsache, dass glagol. u und ju in 
gar keinem Verhältnisse graphischer Verwandtschaft 
stehen. 

Dem griechischen omikron und ypsilon stellen die 
glagoliten ihr eigenes römisches o und jenes albanesische 
zeichen entgegen, das seinem laute ü nach dem griech. u 
am besten entsprach. Sporadisch wird noch jetzt im 
vulgär-griechischen ü dumpf ausgesprochen. Alban. ii 

Jh 

leiteten wir §. 15 von einem unten verschlungenen 
röm. it ab: 



"e^V 



Je nachdem der rechte oder linke arm mit einer 
schlinge versehen wurde, entstand im ersten falle 
glagol. ■& (§. 98), im zweiten unser zweiter theil der 
glagolitischen combination w; 

wie sie mit noch getrennten bestandtheilen im zograph 
geschrieben wird. Der rechts befindliche kleine 
strich ist noch die fortsetzung der unteren 
schlinge oder der rest des rechten armes der 
mutterform. Dieselbe figur sehr deutlich in den 
aufschriften des sinaitischen euchologium. Sehr frühe 
wurde die läge des kleinen Striches verrückt, er wurde, 
mitunter zum häkchen ausgebildet, die fortsetzung der 
oberen schlinge: 

§§■ 
(zogr., prager fragment II), oder auch zwischen beide 
schlingen gestellt: 

33- ag. 

besonders deutlich in aufschriften (z. b. zogr.). Auch 
ganz vernachlässigt: 

Geitler. Die albanesischen und slavischen scliriften. 



33 

(I. prager fragment), daher die meinung, glagol. u be- 
stände aus zwei o. Daneben ist schon in den ältesten 
denkmälern die Verschmelzung beider theile durch 
eine mechanische aneinanderrückung durchgeführt wor- 
den, wobei die aufgezählten Veränderungen des rechts- 
liegenden anhängsels wiederkehren. Evang. assem.: 

evang. grig. mit schon ganz eckiger rückseite: 

daher die bekannte croatische form des u schon auf 
bulgarischem boden vollkommen ausgebildet war. Kleine 
Inschrift von Balka: 

Im sinaitischen psalter sind immer beide theile 
verschmolzen. Das häkchen wird vernachlässigt: 

w 

von der zweiten band des assem. (z. b. blatt 29); ganz 
eckig im achri daner evang. („croatisch" wie im lai- 
bacher homiliar, im fragmente der heil. Thekla) : 

m 

rund noch auf der grossen Inschrift von Baska: 



Ueber besondere formen mit verkleinertem zweiten 
theile §. 158. 

§. 103. Die glagolitische i:Xica. 

Auf grund der orthographischen anwendung hat 
Kopitar auf der synoptischen tabelle des glagol. cloz. 
ein bis dahin unbekanntes glagolitisches zeichen dem 
cyrill. \f entgegengestellt. Die tradition berichtet uns 
nicht, ob es wirklich je in der reihe an einem platze 
stand, wo sich cyrill. y befindet, noch weniger, dass 
es i^ica geheissen habe. Das pariser aiphabet hat an 
jener stelle eine griechische ypsilonform T, welche aber 
in der uns bekannten glagolica nur i gilt, und die 
Croaten haben die izica so frühzeitig aufgegeben, dass 
sie in ihren nicht vor 1400 erscheinenden abecenarien 
nicht mehr erwähnt wird. 

Die herleitung der glagolitischen izica ist im ge- 
wissen sinne die paläographische probe für den Ur- 
sprung des zweiten bestandtheiles des glagol. u. Wenn 
die glagoliten ihr i& dem cyrill. o\/- nachgebildet haben, 
so lässt sich im voraus vermuthen, dass die freistehende 
glagolitische izica, die dem cyrill. y entspricht, mit 
dem zweiten theile des 3&, wenn auch etwa differenzirt, 

12 



90 — 



übereinstimmen muss. Die glagolitische iiica ist ein 
am linken arme verschlungenes alban. m i', wobei die 
betreflfende lateinische form zu gründe gelegt wer- 
den muss. 

Kaum abzuweisen sind die spuren einer offenen 
izica in dem relativ sehr alten sinaitischen psalter 
(pag. 191, 237): 



^ ^ 



(vgl. den zweiten theil des u des zogr., §. 102). Die 
herrschende form entstand aus dieser durch den be- 
liebten verschluss, die beiden schlingen wurden mittelst 
eines kleinen Striches verbunden : 

(evang. grig., Sreznevskij, facs. IX, b. 3 im worte yTp«, 
ein zweites beispiel in dem bei Miklosich befindlichen 
fragmente, ein drittes in der lithographirten ausgäbe 
des apostels Lucas , pag. 7). Offenbar wollte man die 
form von dem sehr ähnlichen glagol. 3 unterscheiden. 
(Pag. 129 des sinait. psalters ist wirklich oco^OAfK ge- 
schrieben, wohl irrthümlich statt ^-co^iOiH'h (uicrwTroi;), 
da y mit o nicht wechselt.) Auch hier ist schon das 
häkchen an die obere schlinge gerückt. Daran schliesst 
sich das sinaitische euchologium : 

und der sinaitische psalter (pag. 101, 102, 108) mit 
seinem mehr eckigen ductus: 

Die izica des assem. ist mit der des euchologiums zu 
vergleichen, nur wird sie dicker aufgetragen. Immer ist 
die rechte seite der iigur wie ein 9 oder der zweite theil 
eines i& gestaltet. Dies halte ich für den grundzug der 
glagolitischen izica und nur dieser lässt sich durch die 
lateinisch-albanesische grundform motiviren. Die ge- 
wöhnliche, von iSafafik für den modernen glagolitischen 
druck adaptirte form mit den charakteristischen 
drei kleinen, übereinander stehenden kreisen 
habe ich nirgends in dieser weise scharf ausgeprägt 
gefunden. Nicht einmal das y des glagol. cloz.: 

§- 

berechtigt uns zur annähme der type Safafik's. Man 
muss das o und jer dieser relativ jüngeren und schon 
weiter vorgeschrittenen schrift vergleichen, um die Ver- 
änderung dieser i2ica zu verstehen, (jer wird wie ein 
arabischer achter.) Eckig in einer aufschrift des cloz.: 

Nimmt man die izica des evang. grig. und des 
euchologiums zum ausgangspunkte, so begreifen wir deren 



vollkommene abrundung im älteren theile des zogr.: 

(2h 

die von dem ot desselben denkmales wohl zu unter- 
scheiden ist, obwohl es den ductus dieser iiica beein- 
flusst haben mag. (Vgl. die art und weise, wie die 
anfänglich getrennten schlingen des jer auf der In- 
schrift von Veglia in eine ellipse verflossen, §. 98.) 
Auch die Croaten besassen die izica. Auf der iuschrift 
der Stadt Veglia steht nach Crnci6' richtiger lesung 
z. 3 der slavische eigenname po^rOTa (vgl. Moroskin, 
Onomasticon slavicum), dessen oy durch eine izica be- 
zeichnet ist : 



3- 



die auch hier ihre Verwandtschaft mit der zweiten hälfte 
eines m bewahrte (vgl. das u der kleinen Inschrift 
von Baska, §. 102). 

Die gewöhnlichen, auf dem augenschein beruhen- 
den ansichten, dass glagol. 3& aus 3 und i^ica oder auch § 
und jef besteht, sind insoferne richtig, als der zweite 
theil des u, iiica und jer, wirklich nur differenzirungen 
des alban. ü <J> sind. 

Wenn man die mutterformen des glagol. 8 (ein 
wohl lateinisches ypsilon) der izica und des jer (lat. u = 
alban. ü) vergleicht, so wird man eine fast an Iden- 
tität streifende ähnlichkeit entdecken. Lat. m und 
lat. y entwickeln sich überhaupt in vielen Schriftarten 
parallel. Auch in der cursive der ravennater Urkun- 
den ist u von y oft gar nicht zu unterscheiden. 

Die glagolica besitzt drei echte als i gesetzte 
ypsilonformen 8 S TP, von denen das letztere sogar in 
der reihe des pariser alphabets an der stelle des 
griechischen ypsilon steht. Man könnte daher fragen, 
warum die glagoliten zur bildung des u und der izica 
niclit eine dieser echten ypsilonformen verwendeten und 
das dem griech. y nur dem laute nach verwandte 
alban. ü bevorzugten? Ueber das verhältniss der 
zeichen 8 Ä T zu alban. ü können wir uns kein be- 
stimmtes bild verschaffen, weil sie in der elbassaner 
Schrift nicht überliefert sind. Auf jeden fall wurden 
die glagolitischen Schreiber durch die doppelte aus- 
spräche des vulgär-griechischen ypsilon beeinflusst: 
einmal stellten sie ihm alban. il entgegen (iüica), das 
andere mal fassten sie es als i auf (T). 

In der anwendung der glagolitischen i^ica tritt 
auch ihre nach ü und u hinneigende lautliche grund- 
bedeutung auffallend hervor. Sie vertritt das u slavi- 
scher, griechischer und lateinischer Wörter: M^'i^'k 
cloz., cnfK^AaTopTv assem., ans ju: ^cthhTiI assem. ju- 
stina, wird wie v ausgesprochen in fyTyiUHä assem. 
(vgl. EB4,c>Kciia assem.), während Schreibungen wie 
saatHTJ assem. an oüa/ipio; erinnern; c^'Harora und 
csHarcra assem. (neugrieeh. csü ^= cü; calabrisch vut- 
tizzo ß'jO'Zio, sucia cjy.a). In seltenen fallen statt griech. t„ 



91 



Miklosicli, Altslov. lautl. 182: pycHfB'k f.r,aä, ci'pciK.» äj/ip. 
Auch hier ist u auszusprechen (vgl. neugriech. 
^ouXi'a. calabr. zuHa ^■^Aoq; calabr. vuthulia ßDuGriXsTa, ßou; 
Oi^Asia Pellegrini, II dialetto grccocalabro. Im evang. 
grig., pag. 10, der Hthograpliirten ausgäbe des obscestvo 
Ijub. drev. pis. steht ac»poK.\. Daneben auch MSftO 
assem. ixjpcv. 

§. 104. Neben i,- = Ciy hat die cyrillica noch 
eine zweite griechische ypsilonforrn : 

die mit der geltung o^ über der zeile erscheint im 
ostromir und in den homilien greg. naz. (11. jahrh.) 
Vgl. dasselbe zeichen als c, §. 13o — 134. 

§. 105. Das glagolitische a. 

Grigorevic und Safafik verglichen das bekannte 
kreuzförmige glagol. « mit einem eben solchen der 
gemmen der Basilidianer (2. Jahrb., vgl. Montfaucon, 
Pal. gr., pag. 3G6, eilfte figur der tabelle). Und eine 
ebenso gestaltete abart der griechischen cursive des 
2. Jahrhunderts veranlasste Wattenbach, Anl. z. gr. pal., 
glagol. « mit derselben zu identificiren. Sein ver- 
gleich könnte uns in jeder beziehung genügen, so ge- 
nau decken sich die formen, wenn es uns um formen- 
ähnlichkeit zu thun wäre. Da wir alle unsere ablei- 
tungen albano-glagolitiscber buchstaben der strengeren 
datirung halber immer in die grenzen der jüngeren 
griechischen und römischen cursiven des 5. — 8. Jahr- 
hunderts bannen müssen, so schlage ich einen andern 
vergleich vor, der unseren chronologischen auforde- 
rungen genügt und dem vergleiche Wattenbach's 
vom Standpunkte äusserlicher ähnlichkeit kaum nach- 
steht. Das a der sogenannten römischen cursive der 
kaiserlichen kanzlei : 



J- J^ 



(Massmann, Libellus aurarius, pag. 149), insbesondere 
die an und für sich nebensächliche, der kreuzform sich 
nähernde zweite abart ist es, auf die glagol. a zurück- 
geht. Ein solches durchstrichenes a auch auf einer 
römischen ziegelinschrift, ibid., pag. 56. Noch wichtiger 
ist für unsere zwecke das vorkommen dieser form in 
jüngerer römischer cursive: 



(Codex (Javensis I, bibel aus dem jähre 750—850, 
taf. 3; Unterschrift des bischofs Victor von Capua, 
Massmann, ibid., pag. 52, a. 546.) Die successive ent- 
stehung dieses römischen a aus dem capitalen behan- 
delt Massmann, ibid., pag. 51. 

Wieder muss man bedenken, dass sich alle cur- 
siven züge in der glagolica versteiften, zu regelmässigen, 



mehr gemalten und zugleich verticalen figuren 
wurden. So entstand aus jenem mehr geneigten a das 
aufrechtstehende kreuzförmige der glagolica. Der re- 
lativ älteste ductus des glagol. a findet sich, und zwar 
ziemlich häutig, z. b. im älteren theile des zograph: 



im texte sowohl wie in den aufschriften. An dem 
querstriche entwickelt sich immer deutlicher jenes Orna- 
ment, das an diesem a zumeist nur durch einen gelinden 
federdruck angedeutet ist, welches auch das weiche B 
bilden half, §. 98, und durch den einfluss der grie- 
chischen minuskel-kalligraphie in die glagolica eindrang, 
§. 156, b. Ich meine die punkte: 



(evang. assem.). Sie werden schon frühzeitig abnor- 
mal verlängert, 

rli 

(Sreznevskij, Glag. pam., facs. XII, Fragment desEvrem 
Sirin, facs. XIII, Blatt Grigoroviö), woraus hervorgeht, 
dass die damit identische croatische form schon 
auf bulgarischem boden zu suchen ist. 

Mit rücksicht auf die entwicklung jenes Orna- 
mentes verweise ich vorderhand auf zwei analogien: 
der horizontale querbalken des gi-iechischen tau T er- 
hält bekanntlich zwei ebensolche anhängsei, welche 
dann manchmal in späterer minuskel tief herabgezogen 
werden (vgl. das spätere cyrillisch-cursive t, Sabas, 
Specimina, Übersichtstafel der cyrillischen alphabete, 
a. 1423). Das li der minuskel hat die form eines kreuzes; 
daneben erscheint der querbalken mit zwei punkten 
an seinen enden, welche schliesslich bis auf die zeile 
herabgezogen werden (vgl. Wattenbach et Velsen, 
Exempla cod. graec. VIII, a. 973), ja dieses ({/ scheint 
geradezu auf die jüngste gestaltung des glagol. a ein- 
gewirkt zu haben. So wenig materielle beziehung wir 
zwischen der griechischen minuskel und der glagolica 
in bezug auf den Ursprung der zeichen finden, so ist 
doch der äussere einfluss der minuskel-kalligraphie auf 
diese ein allgemeiner. Wir dürfen keinen augenblick 
ausser acht lassen, dass selbst ursprünglich römische 
zeichen der glagolica in das fahrwasser des griechi- 
schen minuskelductus geriethen und äusserlich davon 
ganz absorbirt wurden: eines der hauptmittel zur er- 
kenntniss der glagolica. 

Auch dieses röni. a muss einmal bei Albanesen 
im gebrauche gewesen sein. Der umstand, dass es die 
uns überlieferte elbassener schrift nicht kennt, bedingt 
jenen übrigens unbedeutenden unterschied, der sie von 
derjenigen alten albanesischen schreiberschule trennt, aus 
der die glagolica hervorgegangen ist. Sie selbst hat 
ein anderes a, das der griechischen minuskel-cursive, 
das sie umkehrte, um reines a von dem nasalen zu 

12* 



92 



scheiden, §. 46. Eben weil die glagolica dieses a nicht 
hatte, besass sie auch nie ein besonderes zeichen für 
nasales q und keine spur der albanesischen combina- 
tion Ea, sondern nur ein einziges nasalzeichen für e, 
was sie dann zur anwendung höchst eigenthümlicher 
nasaler combinationen drängte, §. 74, 80, 81, 82. 

§. 106. Die cyrillischen nasalzeichen. 

AVir müssen jetzt den boden der albano-römischen 
Schrift verlassen und uns einer anderen quelle der 
slavischen Schriften zuwenden, der griechischen capitale. 
Ihr verdankt die cyrillica mehrere sehr wichtige zeichen, 
welche dann theilweise in die glagolica übergingen. 
Da uns beide slavische Schriften nicht mit ihrem ur- 
sprünglichen zeichenmateriale, sondern in einem zu- 
stande wechselseitiger ausgleichung und entlehnung 
überliefert sind, unsere cyrillica weder rein griechisch, 
was sie war, noch unsere glagolica ihrem Ursprünge 
gemäss rein albano-römisch ist, so wollen wir vorder- 
hand die einzelnen zeichen überhaupt erklären und 
die übersichtliche Scheidung, was einst nur cyrillisch, 
was nur glagolitisch war, erst später vornehmen. 

Die zeichen <ft ^ sammt ihrer zahlreichen Ver- 
wandtschaft sind capitale griechische alpha, deren vor- 
kommen sich zeitlich nicht genau begrenzen lässt. 
Aber eine selbst nur ganz allgemeine Vorstellung von 
der geschichte und entstehung der cyrillica drängt 
uns entschieden zur annähme, dass jene alpha relativ 
jüngeren christlichen inschriften entnommen sind und 
dass sie, von unbedeutenden abweichungen abgesehen, 
schon vor dem 9. Jahrhunderte dagewesen sein mussten, 
d. h. vor jenem entscheidenden Zeitpunkte, mit dem 
wir im allgemeinen das historische erscheinen der slavi- 
schen Schriften verbinden. Hier begegnen wir zum ersten 
male dem falle einer willkürlichen umstempelung des laut- 
lichen werthes eines Zeichens, ein griechisches alpha 
wird als nasal gesetzt. Schon dieser umstand allein 
charakterisirt alle hieher gehörigen zeichen als ur- 
sprünglich cyrillisch, denn die glagolica verändert im 
gründe genommen die lautliche geltung der entlehnten 
zeichen nie, immer werden dieselben in gleicher oder 
doch analoger bedeutung beibehalten. Ein einziges mal 
ündet sich in der savvina kniga, Sreznevskij, Drev. 
pam. jus. 15, ein e 

A 

das allerdings durch ein versehen des Schreibers aus der 
figur des folgenden e entstehen konnte. Jedenfalls ist dieses 
reine capitale griechische alpha die grundform des eigent- 
lich nur in älteren bulgarisch-cyrillischen denkmälern 
(sup., savvina kniga, sluckaja psaltyr) für e gebrauchten 

A 

Die kalligraphische Veränderung besteht bloss in 



dem verschlusse, den auch die glagoliten mit verliebe 
anwenden. Ein zweites cyrillisches e 



A 



das Vostokov unter den bukvy srednjago pocerka des 
ostromir bietet, das auch sonst in altrussischen hand- 
schriften vorkommt (slu2ebnaja mineja 1096, Sabas, 
Specimina), ist ebenfalls ein ganz unverändertes a 
griechischer inschriften. Dasselbe im oktoich strum- 
nickij. Insbesondere ist e (russ. ja) in russischen in- 
schriften des 11. — 13. Jahrhunderts von dem gleich- 
zeitigen oder auch etwas älteren inschriftlichen griech. a 
gar nicht zu unterscheiden. Inschrift des fürsten Gleb 
1063, kreuzinschrift 1224, Sreznevskij, Pam. russ. jaz.: 

A\ 

(vgl. Boeckh, Corpus inscript. nr. 8684); Inschrift von 
Kiew 1108: 



a 



Inschrift Rogvolod's 1171: 

A 

(Trudy p. arch. sjezda LXXI.) Die figur ist oben bald 
spitzig, bald abgestumpft, erhält auch mitunter an der 
spitze einen kleinen querstrich mit und ohne punkte, 
alles wie in griechischen inschriften. Evang. Mstislav 
a. 1117, letzte zeile des facsimiles bei Sreznevskij, Pam. 
russ. iaz.: 

Aus diesen cyrill. e entstand das schon in den 
ältesten handschriften herrschende gewöhnliche e (im 
sup. je) 

A 

durch eine unbedeutende graphische abweichung, die 
am besten durch die Veränderung des griech. m in 
uncialaufschriften veranschaulicht werden kann: 

M H 

Oben abgestumpft : 

homilien Gregor's auf Budiloviß's facsimile des bl. 253; 
im strumnickij oktoich u. s. w. Mit dem häkchen 
verziert ganz wie das spätere griechische inschrift- 
liche alpha: 



a 



Inschrift der neredickaja cerkov bei Novgorod a. 1220, 
Sreznevskij, Pam russ. jaz. Wie A zu Ä verhält sich A zu 

A = e 



— 93 



einiger bulgarisch-cyrillischen liandschriften: ziemlich 
häutig und von A ini gebrauche nicht unterschieden 
in der savvina kniga (11. jahrh.); einmal in der slep- 
censkaja kniga (12. jahrh.); in jüngeren quellen: 
minejnyj listok und paremejnik Grigorevic, Sreznevskij, 
Drev. para. jus., pag. 66, 69. Eine für unsere zwecke 
sehr wichtige abart des capitalen griechischen alpha 
ist das mit einem apex verzierte : 



Ä Ä 



die erste form sehr gewöhnlich, die zweite bei Dethier 
und Nordtmann, Epigraphik von Byzantion, Denkschr. 
der k. akad. d. w. 1864, tigur 27, letzte zeile. Der apex 
ist ein allgemeines Ornament fast aller griechischen 
capitalzeichen (Franz, Elementaepigr. graecae, pag. 246). 
Beispiele bei Boeckh, Corp. inscript. nr. 2079, 2074, 
3397, 3112, 9451 u. s. w. Durch den bekannten ver- 
schluss erklärt sich jetzt der dreieckige köpf des cyrillisch 
nasalen q: 



Ä 



(russ. izbornik 1073, facs. bei Sreznevskij, Drev. pam. 
russ. jaz. im worte HCH-fc/ilv/üTh; im sbornik 1076 (?) 
im worte ;i,CKpo;i,'kTC<\Hi;^;; im evang. Mstislav 1117 ibid. 
facs., letzte zeile). Dieses q war ursprünglich bul- 
garisch: es findet sich im psalter von Bologna (erste 
hälfte des 13. jahrh.); auch in jüngeren bulgarischen 
denkmälern, in einem praxapostolar des 13. — 14. Jahr- 
hunderts, den ich in Bitolien kaufte, u. s. w. Eine 
daraus vereinfachte form 



Ä m 



sup. ostr. ist die in den ältesten handschriften herr- 
schende. Die Verlängerung des kleinen senkrechten 
mittelstriches der ersten abart bis au die spitze wer- 
den wir noch mehrere male belegen. Sehr interessant 
ist die übrigens seltene unten geschlossene form: 

die sich zu ;Si wie a zu A verhält. So mitunter im 
psalter von Bologna, Silvestre, Pal. universelle VII; in den 
jüngeren cyrillischen Zuschriften des evang. assem. 
nach Crncie' bemerkung, pag. LXIV. 

Von allen diesen q muss insbesondere hervor- 
gehoben werden, dass die beiden äusseren füsse bald 
geradlinig (zumeist im sup.), bald gekrümmt (manch- 
mal im ostr.) sind. Dieses schwanken zieht sich durch 
alle handschriften hindurch, oft liegen beide züge 
nebeneinander. Es ist nach unserer herleitung klar, 
dass die geradlinige abart die ältere sein muss. Die 
gekrümmte Ä (etwa unsere druckform) ist durch den 
ductus des ganz ähnlichen cyrill. ;k beeinflusst worden. 
Umgekehrt hat auch das geradlinige /h auf das JK ge- 
wirkt (vgl. darüber §. 113). 



§. 107. Sampi als cyrillisches e. 

Eine besondere beachtung verdienen noch ge- 
wisse cyrill. e, die von griechischen sampiformen ab- 
geleitet zu sein scheinen. 

In einem macedonischen apostolar aus dem ende 
des 13. Jahrhunderts wird statt des daneben vor- 
kommenden X und A auch 

/K 

geschrieben (Sreznevskij, Svedenia i zametki, pag. 463). 
Ein genau so gestaltetes sampi, Nouveau trait(5 pl. X, 
konnte von den alten cyrilliten als nasal gesetzt wor- 
den sein, da sie ja alle zeichen für slavische laute, 
welche die griechische unciale nicht besass, durch der- 
artige umStempelungen gewannen. Wenn wir aber die 
Jugend der quelle, in der diese form erscheint, sowie 
den umstand erwägen, dass sich cyrill. a in allen seinen 
Verzweigungen an griechisches capitales alpha enge an- 
schmiegt^ wie wir besonders aus den russischen ab- 
arten ersahen, so könnte man sich versucht fühlen, 
sie eher an eine gleichzeitige abart eines capitalen 
griechischen alpha anzulehnen. Auf den inschriften 
nr. 9114, 9124 u. s. w. des 13. Jahrhunderts, Boeckh, 
Corp. inscript., findet sich ein alpha von derselben gestalt. 
Ein anderes zeichen 

A 

erscheint statt e (neben a und A) zuerst und nur ein 
einziges mal in der slepcenskaja kniga (12. jahrh. '?), Srez- 
nevskij, Pam jus. pis., pag. 113. In den evangelskije 
listki Undolskago, ibid., pag. 136 vertritt es das q, 
was auf rechnung der späteren vermischang der nasale 
zu setzen ist. Seine eigentliche geltung e bestätigt wohl 
die rumänische cyrillica, in der es nasales in bedeutet. 
Seine orthographischen Schicksale in rumänischer schrift 
behandelt Schuchardt, Ueber B. Petriceucu Hasdeu's 
altrumänische texte und glossen, pag. XI. Hasdeu 
selbst hält es, Limba romänä vorbitä, pag. 37, für eine 
rumänische erfindung, es war aber gewiss ursprüng- 
lich nur bulgarischen Schreibern geläufig. (Die rumä- 
nische cyrillica, deren charakter ihrer geographischen 
läge zwischen Russen und Südslaven rechnung trägt, 
ist doch im gründe südslavischen Ursprunges, vgl. das 
zeichen für däj §. 136.) Rumänische formen desselben 
ibid., pag. 38, 151. Es wird überhaupt erst seit dem 
14. Jahrhundert häufiger. 

Mit diesem e ist formell identisch ein spitziges 
sampi, wie es gewiss mindestens schon im 9. Jahr- 
hundert im gebrauche war (Gardthausen, Gr. pal., 
pag. 266). Es wäre wirklich unmöglich, diese herlei- 
tung vom rein graphischen Standpunkte anzufechten. 
Dagegen spräche höchstens das späte erscheinen der 
form bei slavischen Schreibern. Wäre es möglich, 



94 — 



anzunehmen, dass dieses .|v doch nur eine abart des A 
wäre, das sich etwa nach art des unteren theiles des ä 
vereinfiieht hätte, wo der verticale mittelstrich bis an 
die spitze des dreiecks gezogen wurde und allein übrig 
blieb? Dies hiesse eine unsichere graphische ablcitung 
an die stelle einer handgreiflichen identität setzen. 
Auch erscheint .|v gleichzeitig mit a. Wir müssen 
also annehmen, dass das zeichen, als sampi aufgefasst, 
schon den ältesten cyrilliten als ein besonderer, viel- 
leicht local verschiedener versuch, den nasal « neben a 
auch noch mit .^ zu bezeichnen, bekannt war, für 
uns aber erst nach dem 12. Jahrhunderte auftaucht, 
um von da ab zu einem wieder lebendigeren gebrauche 
herbeigezogen zu werden. Wie kommt es, dass die- 
selbe rumänische cyrillica, die Ä in der neubulgari- 
schen, A in der russischen geltung aufgenommen hat, 
.iv in nasaler bedeutung kennt? Erstaunt fragen wir, 
ob die cyrillica von den Rumänen zu einer zeit reci- 
pirt worden, da noch nasale gesprochen wurden, so 
schwer ist es uns, an eine antiquarische auffrischung der 
nasalen geltung des .k von seite der ersten rumäni- 
schen scliriftsteller des 16. Jahrhunderts oder ihrer vor- 
jräncer zu denken. Wir machen die beantwortung 
dieser frage von einer ausführlichen behandlung der 
Schicksale der nasale im mittel- und neubulgarischen ab- 
hängig, die wir an einer anderen stelle unternehmen werden. 

§. 108. Das « der Inschrift von Baska. 

Zehnmal bietet diese merkwürdige insclirift neben 
dem gewöhnlichen glagol. a in den worten yi^pTviKiiY^, 
jKoyn'tH'K (bis), a'cH'*''; 3'!. 3''*A'»Y''»^) kock/wkta, OK/\a- 
^JKii|J-a-ro, K'Kp»»nnOY, <v\iKC>v"i\a eine zweite sonst un- 
bekannte form 

von der ich nicht im mindesten zweifle, dass sie reines a 
bedeutet.*) Wenn wir das dreieck auf seine links be- 
findliche basis stellen, so ist die enge Verwandtschaft 
des Zeichens mit einem unten ebenfalls geschlossenen 
cyrill. Ä A oder q des psalters von Bologna, §. lOG, 
ohneweiters ersichtlich. Es ist somit von einem grie- 
chischen capitalen a abgeleitet, welches ja oben auch 
einen kleinen querstrieh annimmt, §. lOG. Um so 
grösser sind aber die Schwierigkeiten, die sich der er- 
klärung, wie und warum es in die glagolica gekommen, 
entgegenstellen. Aus der griechischen capitale machte 
die glagolica keine directen entlehnungeu. Sollte das 
zeichen der cyrillica entnommen sein, so könnten wir 



*) Crncie' annähme (Knjizevnik II.), dass der Schreiber mit 
diesem zeichen ein zweites, hie und da auf Veglia wie oii ua no 
gesprochenes a ausdrücken wollte, rauss ich nacli meinen an ort 
und stelle gemachten beobachtungen abweisen. Accentuirtes a wird 
dort zu verändert und dieses in einigen dörfern wohl in folge 
italienischen einflusses (buono) wie uo oa gesprochen, eine gewiss 
sehr junge, ganz unbedeutende erschelnung, der zuliebe ein schrei- 
lier des 11. Jahrhunderts kein zeichen zu erfinden brauchte. 



seine lautliche geltung nicht rechtfertigen, denn capi- 
tales alpha war in der cyrillica nicht reines a, sondern 
schon als e, q oder jaf (§. 110) gesetzt. Und von allem 
dem abgesehen würde noch der grund aufzufinden sein, 
aus welchem dieses zeichen seine anfängliche läge 
veränderte. 

§. 109. Das cyrillische jaf. 

Bekanntlich nähert sich der laut des jat vielfach 
auch einem e. Wirklich erscheint diese ausspräche 
bei der bildung des Zeichens "k mitgewirkt zu haben, 
da seine form nur von einem griechischen epsilon der 
älteren und mittleren minuskel abgeleitet werden kann: 



& & & 



(vgl. Grardthausen , Grr. pal. tat. (3, aus dem jähre 964, 
990, Sabas, Specimina unter dem jähre 899) insbeson- 
dere sind die abarten mit gerade aufstrebendem haupt- 
striche zu beachten. Daneben erhält manchmal der 
querstrieh des epsilon einen punkt, einen federdruek, 
mit dem gerade auslaufende linien mancher minuskel- 
buchstaben zu endigen pflegen (A'gl. z. b. das u, §. 156, 
unter häkchenbildung) : 

&■ 

wodurch der erste ansatz zu dem häkchen der slavi- 
schen figur gegeben war, z. b. nach codex sup. : 



% 



au welcher es ein symmetrisch ausgebildetes und typi- 
sches Ornament wurde. Das charakteristische merk- 
mal dieser figur suche ich in dem auf der unteren 
schlinge unmittelbar aufliegenden querstriche. Ist 
unsere herleitung richtig, so muss ja die loslösung 
dieses querstriehes von seiner untei'lage und sein freieres 
hillaufrücken : 



eine secundärc, übrigens schon im sup. bemerkbare 
Veränderung sein, "k ist eines der wichtigsten beispiele 
für das häkchenornament, §. 156. 

Es ist übrigens selbstverständlich, dass sich die 
ganze figur dem kräftigeren und mehr geradlinigen 
ductus der cyrillischen unciale anbequemen musste, dass 
die runde schlinge der griechischen grundform versteift, 
insbesondere durch den ductus des unteren theiles des 
cyrill. K und K beeinflusst und mitunter ganz dreieckig 
wurde. Cyrill. -k und k sind derselben Veränderung 
unterlegen, 'k hat noch eine runde schlinge im russi- 
schen izbornik, 1073, Sabas, Specimina, Übersicht der 
cyrillischen al23habete. In manchen handschriften ist 
•k höher als die übrigen buchstaben; vielleicht kann 
man darin auch einen beleg seiner Verwandtschaft 
mit dem epsilon der griechischen minuskel erblicken, 
das ebenfalls buchstaben mittlerer grosse überragt. 



— 95 



Die glagolica kennt dieses zeichen "fc nicht, es ist 
ausschliesslich cyrillisch, doch nimmt es unter dem übrigen 
cyrillischen schriftmateriale eine besondere stelle ein. 
Da es sich mit aller schärfe nachweisen lässt, dass die 
alte cyriliica bloss aus griechischen uncialen und capi- 
talen bestand, und die glagolitischen entlehnimgen für 
ihren ältesten charakter nicht in betracht gezogen 
werden können, ist -fc das einzige echt cyrillische zeichen, 
das weder uncialen, noch capitalen Ursprunges ist und 
sich von dem Untergründe des ältesten cyrillischen 
Zeichenmaterials als ursprünglich griechische minuskel 
scharf abhebt (vgl. §. 155). 

§.110. Das glagolitische yaf, die cyrillischen j«« 

der homilien Gregor's, das glagolitische a der 

Inschrift von Zeng. 

Jene unten geschlossene abart des cyrill. nasalen e 
(§• 106) 

A 

deren anwendung schon in ältesten denkmälern vor a 
und Ä sehr zurückweicht, wurde von den glagoliten 
recipirt, und zwar in der bedeutung jat. Auch 
sonst schliesst sich glagol. A an andere nuancen des 
cyrill. a an, es wird oben abgestumpft: 

(Sreznevskij, Glag. pam., facs. XII, poußenije Evrema 
Sirina), worauf die spätere specilisch croatische form 
zurückgeht: 

Urkunden von Zeng, 1305. 

Die grosse inschrift von Baska hat eine beson- 
dere abart: 

deren ductus mit cyrill. x, mit '( des psalters von 
Bologna, §. 106, ja auch mit dem a derselben inschrift 
zusammenhängt: überall ist der mittlere verticale strich 
von der basis des dreiecks bis an die spitze verlän- 
gert. Man sieht von neuem, dass es sich nur um 
differenzirte figuren handelt. An einigen stellen des 
lithographirten facsimiles des evang. grig. (Mariencodex, 
Sreznevskij, Glag. pam., facs. IX) findet sich ein unten 
offenes glagol. jat wie cyrill. a; es ist aber immer A 
vorauszusetzen, weil der schliessende strich in folge 
der blassen tinte des Originals verschwand. 

Alle wechselseitigen entlehnungen von zeichen 
zwischen beiden slavischen Schriften hatten immer ihren 
besonderen grund, der in vielen fallen erkennbar ist 
(§. 167) und gewöhnlich in einer orthographischen unvoll- 
kommenheit der entlehnenden seite lag: die glagoliten 
fanden in dem sonst reichen albanesischen alphabete nichts 
dem slavischen jat entsprechendes,, alle albanesischen 



vocalzeichen wurden aufgenommen und verbraucht' 
nur für jat fand sich kein prototyp. Daher die alte 
glagolica durch ein cyrillisches zeichen vervollständigt 
wurde; wie sie vor der berührung mit der cyriliica 
jat bezeichnete und ob sie es überhaupt zur zeit eines 
roheren orthographischen zustandes von e oder a schied, 
wissen wir nicht. 

Hier entsteht die für das verhältniss beider sla- 
vischen Schriften gewiss sehr wichtige frage, ob die 
glagoliten cyrill. A mit der geltung e recipirten und 
dann erst zu jat umstempelten, oder ob einst a schon 
in der cyriliica jat bedeutete? Da alle aus der cyril- 
iica in die glagolica (und umgekehrt) übergegangene 
zeichen ihre geltung unverändert beibehielten, so ist 
glagol. A = jat allerdings ein tingerzeig, dass cyrill. a 
(jetzt e) einmal entweder ausschliesslich oder doch in 
einer gewissen cyrillischen schreiberschule ja^ bedeuten 
konnte. Hätte die cyriliica in jener älteren periode, als sie 
auf die glagolica einwirkte, schon das zeichen 'k für jat 
besessen, würde ihr zeichenraateriale immer dasselbe 
gewesen sein wie das überlieferte, so hätten doch die 
glagoliten gerade dieses 'k als jat aufgenommen und 
nicht zu cyrill. A gegriffen. Auch dieser umstand 
spricht für ein relativ jüngeres alter des cyrill. "fc: es 
ist nach der berührung und ausgleichung der beiden 
slavischen Schriften entstanden, eine zeit, welche wir 
historisch werden zu begrenzen suchen, §. 169. 

Die cyrillischen homilien Gregor's Naz. (11. jahrh.) 
bieten neben -k noch drei andere jaf. Das erste 

das sich von cyrill. A nur durch das häkchen unter- 
scheidet, ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein neuer 
beweis, dass die cyrill. e-zeichen unter gewissen be- 
dingungen und differenzirungen auch ji'ai bedeuten 
konnten. Das zweite 

ist wohl ein capitales, hier von einem uncialen nicht 
mehr zu unterscheidendes, durch das häkchen differen- 
zirtes alpha. Ein ebensolches capitales alpha mit häk- 
chen schon auf griechischen inschriften, Nouveau traite, 
pl. X. Ueber das vorkommen jener jat siehe Budi- 
lovic, Izslödovanie jazyka XIII. slov., pag. 5, 7. Vgl. 
das facsimile zu bl. 253, col. I, z. 3. Das dritte jat 



■fe 



verdient unsere besondere beachtung. In ziemlich 
späten christlich-griechischen inschriften wird capitales 
alpha oben rechtwinkelig abgestumpft: 



R 



(Boeckh, Corp. inscript. nr. 8717, anno 1084, 8753 



— 96 



8756); ilüii oberen theil ptiegt auch eine Seitenlinie zu 
überragen : 

A 

(ibid. nr. 8771, 8763 u. s. w.) Unser jat bekam bloss 
das häkchcnornament. Auf das letztere griechische 
geht ohne erhebliche Veränderung zurück ein einmal 
in der croatisch -glagolitischen inschrift von Zeng 
a. 1330 vorkommendes a: 



im werte zida, zeilc 4, Viestnik hrv. ark. druztva I. 4. 
An dieser stelle ist die letzte der älteren und auch 
sonst durch andere eigenthümlichkeiten ausgezeichnete 
inschrift gut erhalten. Da die glagolica keine directcn 
entlehnungen aus der griechischen capitale machte, so 
konnte dieses a nur durch ein cyrillisches medium in 
dieselbe gelangen. Dann aber ist seine Verwandtschaft 
mit dem dritten jat der homilien Gregors kaum ab- 
zuweisen. Sein ursprünglicher lautwerth wird jat ge- 
wesen sein, und da jat und a wechselt, so wird der 
Schreiber das seltene, schon unverständlich gewordene 
zeichen auch nach einem harten consonanten irr- 
thümlicherweise für a gesetzt haben, wie etwa in der 
inschrift von Veglia, wo „icha" lOHa zu lesen ist, §. 91. 
Vielleicht ist diese erklärung auf das a von Baska 
anwendbar und die Veränderung seiner ursprünglichen 
läge als difFerenzirungsversuch der mannigfaltigen für q, 
e, jat gebrauchten capitalen griechischen alpha zu 
deuten, §. 108. 

§. 111. Die art und weise, wie die beiden sla- 
vischen Schriften zur bezeichnung der wichtigen nasal- 
laute gelangten, verräth ihren grundverschiedenen, an- 
fänglich von einander ganz unabhängigen charakter. 
Zwischen den cyrillischen und glagolitischen nasalen 
besteht kein graphischer Zusammenhang, kein wechsel- 
seitiger einfluss. Noch ehe sich die beiden Schriften 
berührten und in den uns überlieferten zustand wechel- 
seitiger ausgleichung versetzt wurden, besass eine jede 
schon mehrere vollkommen ausgebildete nasalzeichen, 
so dass kein grund zu irgend einer entlehnung vorlag. 
Der glagolite findet ein fertiges nasalzeichen in der mutter- 
schrift, differenzirt es mittelst vorgesetzter exponenten, 
hebt auch ganze combinationen aus jener heraus (je-, ja) 
und gelangt auf diese weise zu wohladaptirten, wenn 
auch theilweise plumpen ausdrücken. Der cyrillite, der 
vor derberührung mit der glagolica ganz auf griechisches 
zeichenmateriale beschränkt war, muss sich nasalzeichen 
erst durch willkürliche Setzungen, durch umstempelun- 
gen schaffen und greift, da der für alle slavischen laute 
nicht hinreichende griechische unciale vorrath erschöpft 
ist, zur griechischen capitale. Aber in beiden Schriften, 
so scheint es, Hessen sich die ältesten lehrer und an- 
ordner des Zeichenmaterials von gewissen phonetischen 
erwägungen und lautähnlichkeiten leiten. 



Die einigen slavischen dialekten eigenthümliche 
ausspräche des tk wie tut (alt- und kleinpolnisch, pola- 
bisch, neubulg. o, raka) und die noch mehr verbreitete 
hinneigung des nasalen a zu einem a-laut, die sich in 
dem häufigen wandel des a in a, ja äussert, selbst 
dem neubulgarisclien und neumacedonischen eigen ist 
(mja, tja, sa, iWA, TA, Ca), hat nach unserer ansieht 
jene wähl der cyrillischen schriftbildner bestimmt, 
welche zwei nahe verwandte nuancen eines capitalen 
alpha zur bezeichnung der beiden nasale bestimmten. 
Sie hörten in den nasalen dem a ähnlich gefärbte 
laute. Es wird in einer anderen schrift unsere auf- 
gäbe sein, die ohnedies nie strict erwiesene ansieht, 
dass altbulg. ^ immer wie nasales oii lautete, zu wider- 
legen und auf das verhältniss der o-artigen ausspräche 
des Ä zum laute des a und zu anderen dialektischen 
erscheinungen des altbulgarischen einzugehen. Eine 
solche dialektische ausspräche geht aus den nasal- 
zeichen der glagolica mit unbestreitbarer klarheit her- 
vor, ■€ und a€ deuten ihrer paläographischen herkunft 
gemäss auf einen e- und o-artigen klang der nasale. 
Die wähl des§-zeichens (einalbano-römisches e) war aller- 
dings schon durch die mutterschrift gegeben. Aber 
die combination %G = oe, die in der mutterschrift nicht 
vorhanden war und erst erfunden wurde, deutet mit 
bestimmtheit darauf, dass die glagoliten in diesem na- 
sale ein hörten, weil sie ihm absichtlich ein o-zeichen 
vorsetzten. Beide slavische Schriften stellen in ihren 
nasalzeichen zwei dialektische aussjjrachen dar, deren 
räumliche vertheilung wir aus dem mittel- und neu- 
bulgarischen erschliessen werden. Reste der o-artigen 
ausspräche des &€ Ä finden sich heutzutage vorzugs- 
weise nur in den westmacedonischen dialekten. Die durch 
die albanesische mutterschrift schon im vorhinein be- 
stimmte erste heimath der glagolica, Westmacedonien, 
wird noch durch jene lautlichen eigenthümlichkeiten 
näher bestimmt werden, für welche die glagolica adaptirt 
war und welche in den heutigen westmacedonischen 
dialekten nachweisbar sind. 

Während cyrill. X>. in der bedeutung q feststeht, 
lässt das zweite cyrillische nasalzeichen und seine ab- 
arten ein ehemaliges schwanken im gebrauche nach _;'«( 
hin vermuthen. Allerdings nicht in dem sinne, wie 
wenn je dasselbe a ä oder A jat und e zugleich hätte 
bedeuten können, sondern die verschiedenen abarten 
des Zeichens (wozu noch ^ tritt) müssen abwechselnd 
bei verschiedenen Schreibern unter einhaltung gewisser 
regeln des gebrauches und difi'erenzirungen für jat 



oder 



^redient haben. Wir schlössen dies vor allem 



aus dem werthe des glagol. jat A. Auch die graphische 
differenzirung a A, die schon innerhalb der cyrillica 
stattfand, da sie beide formen kennt, schliesst eine ab- 
sieht auf einen differenzirten gebrauch ein. Diejenige 
cyrillische schreiberschule wenigstens, aus der die gla- 
goliten zeichen entlehnten, hatte nicht das "k. Nach- 



— 97 



dem dieses vielleicht jüngere, nach der berührung mit 
der glagolica entstandene zeichen zur herrscliaft ge- 
langte, blieb A in der cyrillica, wo es noch überhaupt 
zur Verwendung kam, als abart des Ä und a nur mit 
der geltung e übrig. 

Diejenigen slavischen Schreiber, welche das capitale 
griechische alpha A als jat setzten, Hessen sich offenbar 
von der «-ähnlichen geltung dieses slavischen lautes zu 
dieser wähl bestimmen. Dies konnten aber nur solche 
Schreiber und schriftbildner thun, welche die entleh- 
nung selbst aus der griechischen capitale bewerkstelligten, 
nicht die glagoliten, welche A schon aus zweiter cyrilli- 
scher band bekamen. Also muss es wenigstens eine ge- 
wisse cyrillische schreiberschule gegeben haben, die A 
ah jat anwendete; eine zweite, sei es gleichzeitige oder 
spätere, wählte ein griechisches epsilon "k für jat, weil 
sie in demselben überwiegend ein e zu hören glaubte. 
Lautliche erwägungen müssen mitgespielt haben. 

Nach welchen Schwankungen sich die slavische 
tind in diesem falle speciell cyrillische Orthographie 
absetzte, zeigt auch ausserdem griechisch sampi a = e, 
das ja in der cyrillica einst neben a A im gebrauche 
war. Oder sollen wir annehmen, dass jk erst im 12. bis 
13. Jahrhunderte entstand, weil es erst in der slöpcens- 
kaja kniga erscheint? Was soll Schreiber des 12. bis 
13. Jahrhunderts zur erfindung eines neuen nasalzeichens 
bewogen haben, nachdem eine lange Vergangenheit in- 
tensiver orthographischer entwicklung sogar mehrere 
brauchbare nasalzeichen als erbstück hinterliess? Die 
ausgedehnte anwendung des a. seit dem 14. Jahrhun- 
dert ist nichts als ein Wiederaufleben eines schon halb 
vergessenen Zeichens. Sein hohes, wohl mit der ältesten 
cyrillica zu verbindendes alter ist vielleicht noch aus 
folgendem umstände zu erschliessen : die cyrillica hat 
sämmtliche griechische zeichen, und sei es selbst nur 
als Zahlzeichen wie c, und <\i, erhalten, nur sampi und 
koppa scheinen in der gewöhnlichen redaction der 
cyrillica zu fehlen. Wahrscheinlich stand einst sampi .iv 
mit dem angenommenen lautwerthe e und dem ererbten 
zahlwerthe 900 in der reihe des alphabets (etwa wie 
noch jetzt vau S für dzölo und 6). Aber andere cyrilli- 
sche schreiberschulen besassen andere nasalzeichen für e. 
Als daher a im gebrauche allgemein herrschend wurde, 
ging mit und durch den gleichen lautwerth e au^ch der 
zahlwerth 900 auf diesen legitimen nachfolger über. 
Nur auf diese weise könnte ich den zahlwerth des A 
erklären. Würde sampi nicht durch einen orthographi- 
schen process zurückgedrängt worden sein, es stünde 
jetzt ebenso in der cyrillischen reihe wie vau und die 
ebenfalls unbrauchbaren ^ und (i. Schriften sind conser- 
vativ. Die Übertragung des durch das zurückweichen 
des ^ erledigten zahlwerthes 900 auf ein anderes zeichen 
scheint auch nicht ohne schwanken zu stände gekommen 
zu sein. Einige cyrillische Schreiber wenden i; für 900 
an; es ist aber erwähnenswerth, dass ein kenner ähn- 



licher Verhältnisse, wie Vostokov, den gebrauch des a 
für 900 für älter hielt. Koppa galt auch bei cyril- 
liten 90, aber es wurde durch eine ähnliche ^-form 
verdrängt, §. 132, 133. 

Die folgerungen, die Bereit, Rad jugoslav akad. II, 
„Brojna vriednost slova A" aus dem in einem denkmale 
des 14. Jahrhunderts vorkommenden zahlwerthe 800 
des glagol. A machte, haben keine tiefere bedeutung. 
Zeichen, die sonst keinen zahlwerth hatten, bekamen 
in späterer zeit, in croatischen bukvaren verschiedene 
conventioneile werthe, z. b. UJ 2000, V 5000, A auch 4000. 

§. 112. Die jotation in der schrift. 

Die cyrillica hatte als ursprünglich rein 
griechische schrift kein zeichen für j. Griechi- 
sches unciales i ist in ihr nur Zahlzeichen oder un- 
nöthiger weise durch griechischen einfluss neben dem 
herrschenden eta h gebrauchtes vocalzeichen. Wir 
weisen mit aller entschiedenheit darauf hin, dass i in 
den combinationen lo » i€ lA (jh ungriechischer ab- 
stammung ist, so befremdend auch die thatsache sein 
mag, da es nahe lag, griech. i, das im vulgärgriechi- 
schen des 9. — 10. Jahrhunderts gewiss mitunter wie j 
lautete (xaiosi'a etwa wie neugriechisch paidja, pädja), 
in dieser richtung zu verwenden. Die durch diemutter- 
schrift gegebenen graphischen bedingungen sind oft 
wichtiger als das praktische lautliche erforderniss. Die 
cyrillischen Schreiber gelangten nie zu der auffassung 
des j als eines selbstständigen lautes, er war für sie 
nur das accidenz eines vocales oder selbst consonanten, 
zu dessen bezeichnung ein diakritisches mittel ausreichte. 
Es gab mehrere schreiberschulen in dieser richtung, 
mehrere orthographische manieren, deren zusammen- 
fliessen und wüstes durcheinander die uns erhaltenen 
denkmäler vorstellen. Wer sich auf grundlage der bemer- 
kungen Sreznevskij's, Drev. pam.jus. pisma, eine übersieht 
über die bezeichnung der cyrillischen jotation verschafft, 
wird diesen ausdruck nicht übertrieben finden. Es gibt 
keine cyrillische handschrift, in der die jotation durch 
eine einzige Schreiberregel beherrscht wird, immer lie- 
gen mehrere manieren neben einander, ganz abgesehen 
von den fällen, wo die jotation gar nicht bezeichnet 
wird, wofür der grund theilweise in der Vernachlässi- 
gung, theilweise in der spräche selbst zu suchen ist. 



Die jotation wird durch die differenzirte figur des 
vocales ausgedrückt. Im sup. ist 



Ä 



e, A = je. 



Vielleicht ist hier der grund der differenzirung 
der im gründe identischen zeichen zu suchen. In der 
savvina kniga ist A (oder A) = e, a = je. Ob der 
gebrauch des sup. immer die regel war, ist zu bezweifeln: 

13 



98 



in den sehr alten chilandarskije listki ist gerade das 
entgegengesetzte der fall : a = «, A = je. 

Manche Schreiber des lo. Jahrhunderts (manuj- 
lovskaja .kniga, slu2ebnaja mineja Grigoreviöa) schei- 
den e von je auf folgende weise: 

€ € 

e je 

„je" ist nach der beschreibung Sreznevskij's breit, wie 
in junger griechischer minuskel. In etwas älteren 
quellen wird das e gewendet: 

3 ^ oder 3 
e je 

Das älteste beispiel findet sich in der bosnischen Ur- 
kunde des ban Kulin 1189, im worte aok<"»9j wo das um- 
gekehrte e ein "k, oder was in der serbischen ausspräche 
dasselbe ist, ein je vertritt (nach einer photographie 
des Petersburger Originals). Sporadisch findet sich das 
umgekehrte e = je im psalter von Bologna und im 
serbischen psalter von Decan (13. — 14. jahrh.), wo es 
nach Sreznevskij, Drev. pam. jus. pisnia 144, über der 
zeile steht : 

9 3 

nCHOUKHIl BAkl^lEHH 

Eine im vatican befindliche bosnisch-cyrillische 
handschrift des 16. Jahrhunderts setzt vimgekohrtes e 
(ohne querstricli) für reines e, Racki, Riedko sloviensko 
pismo, Rad jngosl. akad. 11. Die übrigen absichtlich 
verstümmelten buchstaben mögen als ein krypto- (oder 
tachy-) graphischer versuch angesehen werden, dem 
aber keine tiefere paläographische bedeutung zuzu- 
schreiben ist. 

Diese, so weit wir sehen nur bei zwei vocalen durch- 
geführte bezeichnuugsweise der jotation musste mit 
der fortschreitenden orthographischen entwicklung ver- 
drängt oder schon von allem anfange an durch andere 
mittel ergänzt werden. 

II. 

Die jotation bezeichnet ein punkt über dem vocale : 

A l A A 

so in der sluckaja psaltyr (11. jahrh.), auch über h: 
<uc«H/Mii,TKOH;Ch. Inder pogodinskajapsaltyr(12.jahrh.?) 
vertritt seine stelle ein häkchen: 

A Ä ^ H 

oder das weichzeichen des cod. sup. 

Den punkt wendet sporadisch an die savvina 
kniga über ä, sehr oft über i. Aehnlich die novgoro- 
dskie listki. Der ostromir kennt den punkt über i: 
MAM( ; statt seiner steht wie auch in der norovskaja 
psaltyr (13. jahrh.) ein apostroph: 'e, a. 



ni. 

Mit diesen zeichen ist principiell verwandt der 
griechische circumflex, der die erweichung im cod. sup. 
ausdrückt über 

H A p 

und den bekannten gutturalen; auch dieses echt cyril- 
lische mittel der jotation muss sehr alt sein, da es 
schon in die ältesten glagolitischen denkmäler (assem. 
zogr.) eindrang. Auch die croatische glagoliea kennt 
es, so noch in der Urkunde aus dem jähre 1393, wo 
es mit einer bezeichnung des jer zusammenfloss, §. 100. 
Diese jotationsweise ist insoferne einseitig, als sie auf 
die betreffenden consonanten beschränkt ist. Es ist 
allerdings nach analogie der Verwendung des punktes 
möglich, dass " einst auch zwischen vocalen stand und 
dann erst durch a 16 u. s. w. verdrängt wurde. 

IV. 

Andere Schreiber wieder haben die jotation als 
eigenschaft eines n oder a aufgefasst, die an dem con- 
sonanten selbst bezeichnet werden müsse. Jenes wieder- 
holt erwähnte bäkchen, das die spitzen griechischer 
initialen zu verzieren pflegt und über dessen vorkommen 
wir §. 156 b) übersichtlich handeln werden, wurde hier 
das differenzirungsmittel, so 

in den chilandarskie listki (11. jahrh.); 

YT nj 

in den hom. Greg. Naz. (11. jahrh.) nach Budiloviö' 
facsimile der ausgäbe, beides im russischen izbornik 
1073, in einigen handschriften des Joann Exarch u. s. w. 



Durch die berührung mit der glagoliea er- 
hielt die cyrillica einen neuen anstoss zur be- 
zeichnung der jotation. Eine römisch-cursive ligatur 
10, welche mit der geltung ju durch albanesische Ver- 
mittlung in die glagoliea gelangte, hier einer kalli- 
graphischen Umbildung in P" erlag, §. 86, von der 
cyrillica aber noch in ihrer alten, kalligraphisch nicht 
weitergebildeten form entlehnt, ein wenig versteift und 
dem griechischen uncialductus angejDasst wurde: 

K 

ist das prototyp der sogenannten präjotirten 
zeichen geworden. Nach seinem muster gebildet er- 
scheinen schon in den ältesten bulgarischen denkmälern : 

l<l 16 lift W^ 

ausserdem im cod. sup.: 

YA ß (Ä = e) 



99 



ferner das umgekehrte w: 

0/ 

§. 87; ein präjotirtes 'k im russischen izbornik 1073: 

(Sabas, Specimina, Übersicht der cyrillischen alphabete, 
jeCTH, HKOEhH'kjeiUk u. s. w.), ein vereinzeltes zeichen, 
das wieder verschwand. Bohoriö, Arcticae horulae 
1584, gibt in der reihe des bosnisch-cyrillischen alpha- 
b'ets, wo sonst h steht, ein zeichen 

das man vielleicht seiner form nach für einen späten 
versuch, ein präjotirtes h zu bilden, halten könnte. 
Etwa um das 11. Jahrhundert entstand nach analogie 
dieser zeichen das ebenfalls durch den verbindungs- 
strich zusammengehaltene jery 

%l kl 

(hom. Gi'eg. Naz., evang. listki Undolskago, Urkunde 
Kulin's u. s. w.) Dies jery ist wichtig für das all- 
mälige Umsichgreifen des verbindungsstriches, denn zu 
den jotirten vocalen gehört es nicht. 'Kl, M war in 
ältester zeit nur unverbundene combination, §. 101; 
in so alten denkmälern, wie sup. savv. kn. u. s. w. 
erscheint es nie mit dem verbindungsstrich. Auch sein 
I ist nicht griechischen Ursprunges, sondern gerad- 
liniges albano-römisches l. 

Das charakteristische der prüjotirten zei- 
chen ist der verbindungsstrich. Er kann aus 
keiner griechischen Schriftart erklärt werden, 
am allerwenigsten aus der unciale, nie wird griech. i 
mit uncialem c verbunden, keine spur einer dem a i€ 
nur analogen Verbindung ist zu bemerken, auch nicht in 
der griechischen capitalschrift (was für \a, KH wichtig 
wäre). Nicht einmal in fortlaufender griechischer schrift, 
in der cursive und minuskel, gehen die so überaus häufig 
vorkommenden silben lo, ts, la Verbindungen ein, ja 
wir bemerken in derselben gerade die entgegengesetzte 
neigung, solche Zeichenfolgen auseinander zu halten 
und das <. an den vorhergehenden consonanten zu heften. 
Wem der verbindungsstrich zu unbedeutend erscheint, 
als dass man das anscheinend griechische k in letzter 
instanz der römischen cursive zuweisen könnte, und 
nur aus dieser ist es erklärbar, der mag sich über die 
thatsache hinwegsetzen, dass in den slavischen Schriften 
zu jedem kleinsten dement, zu jeder Verbindung und 
Verzierung, immer der anstoss in den mutterschriften 
zu suchen ist, dass nichts erfunden ist, er mag sich 
des historischen Zusammenhanges begeben, des Ver- 
hältnisses zu glagol. W, und die albanesische Setzung 
eines o für u ignoriren. Es muss eine zeit gegeben 
haben, da die cyrillica von den präjotirten zeichen nur 



- das eine lO neben den älteren vier jotationsweisen be- 
sass. Erst allmälig wurden von einzelnen Schreibern 
nach seinem muster die übrigen lü 16 hft ^ u. s. w. 
gebildet. Während es kaum eine cyrillische 
handschrift gibt, die nicht das älteste präjo- 
tirte zeichen w besässe, sind uns bis jetzt viele 
alte cyrillische Schreiber bekannt geworden, welche ein 
oder das andere präjotirte zeichen, auch alle ausser w 
nicht kennen oder doch sehr vernachlässigen und den 
älteren vier jotationsweisen entschieden den Vorzug geben. 
Der codex sup. besitzt kein Mi, weil er e und je durch 
ein älteres verhältniss A und/Ä wiedergibt. Dafür bildete 
sich der Schreiber ein lA, das wieder, soweit ich sehe, 
anderen handschriften unbekannt ist. In der savvina 
kniga ist rA und i€ sehr selten — dafür a und j ; in make- 
donskij listok kein a, kein wv, nur i€ und kü; in den 
chilandarskie listki kein ia und nach Sreznevskij's be- 
merkung auch kein le, obwohl sich im beigegebenen 
texte einige beispiele dafür finden, so dass man keine 
klare entscheidung treffen kann; in den evang. listki 
Undolskago ist gar kein mit i präjotirtes zeichen und 
überhaupt gar keine jotation zu entdecken. Von den 
letzteren denkmälern sind allerdings so kleine frag- 
mente erhalten, dass ein vollkommen sicherer schluss 
nicht gut möglich ist, docli steht auch nach den be- 
merkungen Sreznevskij's so viel sicher, dass viele 
cyrillische denkmäler gewisse präjotirte vocale gar 
nicht oder doch nur auffallend selten anwenden. Die 
erste band der umfangreichen slepcenskaja kniga soll a 
nur zweimal angewendet haben, der präjotation mit i 
überhaupt abgeneigt sein, die zweite kennt w a, nicht 
16 bft ij&; in der podoginskaja psaltyr (12. jahrh.) ist la 
sehr selten, in der norovskaja psaltyr (13. jahrh.) kein i€ 
und \A u. s. w. 

Es ist klar, dass die verschiedenen jotationsweisen 
nicht von einem einzigen schriftbildner oder von einer 
einzigen schule zugleich herrühren können. Theilweise 
repräsentiren sie wohl local getrennte Schreibweisen, 
andererseits eine historische aufeinanderfolge. Zwischen 
den verschiedenen neben einander liegenden Setzungen e, 
je: A A und a ia muss doch irgend ein historisches 
verhältniss obwalten. Ich halte die vier ersten jotations- 
weisen der cyrillica für die älteren, weil sie, echt cyrillisch 
durch willkürliche umStempelung griechischen schrift- 
materiales entstanden, ein nur in der cyrillica begrün- 
deter process, und zugleich aus der albano-glagolitischen 
schrift nicht abgeleitet werden können; die präjotation 
mittelst I dagegen für die jüngste, weil sie erst durch 
die berührung mit der glagolica, durch die entlehnung 
des w, angeregt wurde, echt albano-glagolitisch und 
aus griechischem materiale nicht erklärbar ist. Die 
ältere Schreibart wvirde durch die jüngere nie ganz ver- 
drängt, und so entstand jenes aiisgedehnte schwanken, 
welches die sonst vollkommene altslavische Orthographie 
nicht zu ihrem vortheile auszeichnet. Der sup. kanii 

13* 



100 



die silbe nje auf dreierlei weise ausdrücken : ha hIA ha, 
ein anderes denk mal kennt eine vierte weise hia, wieder 
ein anderes eine iünt'te hä, oder eine sechste wA. Und alle 
diese bezeichnungen müssen schon bedeutend älter sein 
als ihr diplomatisches erscheinen. Eine handschrift, welche 
sich mit der reihe lo ta iti i<ft i>K begnügen würde oder 
diese zeichen gleichmässig und nach von uns erwar- 
teten regeln anwenden würde, gibt es nicht. Das 
aiphabet der bukvare ist doch theilweise abstraction. 
Die relativ vollkommenste jotation mittelst lo ra H5 wäre 
wohl trotz der zähen conservirung des alten die allein- 
herrschende geworden, wenn das altbulgarische schrift- 
thum nicht schon so frühzeitig, wohl schon im 12. Jahr- 
hunderte, erstarrt wäre. Oder sollen wir annehmen, 
dass die schule, aus der der Schreiber des sup. her- 
vorging, das zeichen ia einst besass und dann wieder 
aufgab? Sie besitzt es nicht, weil eine ältere manier 
der Unterscheidung des e — j§ mittelst Ä a durch das 
spätere, nach analogie des w entstandene ia noch nicht 
verdrängt wurde. In der savvina kniga tritt ia ver- 
einzelt auf, in anderen denkmälern wird es entschie- 
den bevorzugt. Aehnliche processe gelten für le 121 
und KK. Dativ KO"HOt|" des sujj. ist eine ältere Schreib- 
weise als KOHIO, wenn auch daneben erhalten, -Hf älter 
als Hie; ebenso h;»; und hkk u. s. w., -Of -aä älter 
als -oie -aia u. s. w. Zur bildung eines präjotirten h. 
kam es nicht: j/ ' + k ist an ein vorhergehendes H 
und A gebunden, und in diesen vereinzelten fällen 
konnte eine ältere bezeichnungsweise des j, etwa h K Ak, 
leichter widerstehen oder sie wurde, wie wir es zumeist 
sehen, ganz vernachlässigt. 

Der entlehnung des w und der bildung des u re 
IA ijK liegt offenbar das bestreben zu gründe, das durch 
die älteren manieren mehr nur angedeutete j mitten 
in der zeile durch ein markantes zeichen ausgedrückt 
zu sehen. Aber auch auf diesem wege gelangte die 
cyrillica nicht zu einem selbstständigen ausdrucke im- j. 
Eben weil sie der glagolica schon eine fertige y-ligatur 10 
entlehnte, konnten die nach ihrem muster gebildeten 
jotationen » le ia ItK auch nur ligaturen sein. Würde 1 
in 10 ra i€ griechischen Ursprunges sein, so wäre es 
nie zu präjotirten Verbindungen gekommen, weil kein 
anlass, kein vorbild zu einer Verbindung in der grie- 
chischen Schrift vorlag, und die cyrillica hätte in Schrei- 
bungen wie IA i;5; u la ein selbstständiges j/'-zeichen. 

Es ist nicht nöthig zu bemerken, dass das neben- 
einander der vielen jotationsweisen viele versehen und 
Unzukömmlichkeiten zur folge hatte: der punkt wird 
unzählige male auch da gesetzt, wo wir ihn nicht er- 
warten: OT-K, ctifCT-K, oder pleonastisch ra le; im sup. 

-HISl -ABU U. S. W. 

Die eigenthümlich einseitigen jotationsweisen, wo 
das j nur bei gewissen vocalen A a (I.) oder conso- 
jianten h a (IV.) bezeichnet werden kann, noch mehr 
die hie und da hervortretende abneigung gegen irgend 



welche jotation (evang. listki Und.), lassen einen sehr 
unvollkommenen orthographischen zustand der ältesten 
cyrillica vermuthen. Es ist nicht unmöglich, dass es 
alte schreiberschulen gegeben, welche die jotation über- 
haupt nicht bezeichneten. 

Hie und da begegnen wir der irrthümlichen an- 
nähme, dass ein cyrillisches denkmal, das die jotation 
mittelst i€ ra nicht besitzt oder wenigstens vernach- 
lässigt und "fc für ra setzt, aus einer glagolitischen vor- 
läge abgeschrieben sein könnte. 

Das sämmtliehen alten cyrillischen denkmälern 
in grosser ausdehnung eigene schwanken der zeichen 
■k ra hat einen theilweise sprachlichen grund. (In den 
beiden allerdings kleinen fragmenten maked. listok und 
evang. listki Und. fand Sreznevskij nur -k.) Ich glaube, 
dass dieser umstand auf die entwicklung der cyrilli- 
schen Orthographie einfluss hatte. Er hinderte die 
klare auffassung der nothwendigkeit eines besonderen 
präjotirten Zeichens für a. Auch von diesem Stand- 
punkte aus ist es wahrscheinlich, dass ra eine relativ 
junge bildung ist, und dass es eine zeit gab, wo man 
sich in der cyrillica wohl auch unter Zuhilfenahme 
anderer jotationsweisen nur mit einem Ja^zeichen (ich 
glaube mit dem älteren A) für ja und e begnügte. 
Auf diesem Standpunkte steht die glagolica. 
Für die beurtheilung der glagolitischen jotation (insbe- 
sondere für das scheinbar nur den glagoliten eigene 
oder doch sie charakterisirende setzen des einen A jat 
für ja und e) sind in erster linie die graphische ent- 
wicklung der cyrillica und dann gewisse, hier nicht 
näher zu erörternde sprachliche erscheinungen mass- 
gebend. 

So viele ansätze zur selbstständigen entwicklung 
die glagolica auch hatte, ihre Orthographie und zeichen- 
redaction kam nur unter ängstlicher anlehnung an die 
cyrillica zu stände, allerdings nicht an jene cyrillica, 
die wir kennen, ein blosser abschluss einer längeren 
entwicklung. Die älteste cyrillica hatte kein ra, 
daher auch die glagolica kein dem cyrill. ra 
entsprechendes präjotirtes zeichen schuf, und 
das anscheinend nur glagolitische setzen eines jat- 
zeichens für ja und e ist nichts anderes als ein der 
ältesten cyrillica ebenfalls eigener, jetzt noch in der 
Orthographie mancher cyrillischen denkmäler durch- 
brechender, durch die mittlerweile nach analogie des w 
erfolgte bildung des ra beschränkter zug. Was in der 
cyrillica einst theilweise aus sprachlichen gründen (laut- 
liche ähnlichkeit von ja und e in gewissen fällen), 
theilweise aus graphischer unvollkommenheit (mangel 
desra) vorkam, das setzen eines jai-zeichens (ich glaube A, 
später "k) für e und ja, ist in der glagolica zur stehen- 
den manier erstaiTt. 

Die älteste cyrillica hatte noch nicht das zei- 
chen le, daher auch die glagolica nichts analoges 
bietet. 



— 101 



Dennoch gelangten die glagoliten auf anderen 
wegen zu einer theilweisen ausgleichung mit der sich 
neben ihnen langsam entwickelnden bildung präjotirter 
zeichen der uns überlieferten cyriJlica. Durch eine 
willkürliche Setzung der combination njan %G schuf 
man ein gegenstück des cyrillischen kk, zwei Zusammen- 
setzungen, die ihrem inneren baue nach einander ganz 
fremd sind. Als die bestandtheUe des glagol. 3€, j und e, 
durch einen secundären process zusammenflössen, §. 75, 
76, wurde man in den stand gesetzt, dem cyrill. \a 
eine ganz ähnliche ligatur entgegenzustellen. Damit 
war aber auch einem jeden ausatze zu einem selbst- 
ständigen gebrauch des alban. j :>, das nun in 3€ ge- 
bunden war, in der glagolica ein ende gemacht. Es 
lag nahe, den gebrauch des selbstständigen, von der alb. 
mutterschrift ererbten j-zeichens aufzugeben, weil auch 
die cyrillica, deren ganze orthographische Organisation 
man nachahmte, nie ein selbstständiges, in der zeile 
stehendes ji-zeichen besass. Das ja V, eine echte präjo- 
tirte combination, besass die glagolica von allem an- 
fange an, nicht weil die alten Schreiber unumgänglich 
ein präjotirtes u brauchten oder auf die bildung solcher 
ligaturen, der sogenannten präjotirten zeichen, aus- 
gingen, sondern weil sie die fertige ligatur in der mutter- 
schrift vorfanden und weil überhaupt brauchbar, me- 
chanisch recipirten. In einer gewissermassen älteren 
gestalt 10 gelangte es in die cyrillica, wo es später zur 
bildung der i€ lü bA l^ das muster abgab: aber dieser 
process darf nicht umgekehrt betrachtet, der jetzige 
massstab der cyrillica zu gründe gelegt und der gla- 
golica zeichenarmuth, mangel des je und ja oder gar 
eines Surrogates des J-zeichens überhaupt zugemuthet 
werden. Im gründe war einst das gerade gegentheil 
der fall, wenn wir nur die durch die betreffenden mutter- 
schriften der glagolica und cyrillica gegebenen grund- 
bedingungen und den wirklichen verlauf der bildung 
der präjotirten zeichen in rechnung ziehen. Gerade 
die cyrillica hatte ursprünglich kein besonderes zei- 
chen für j — nur überzeilige mittel — • und kein ein- 
ziges präjotirtes zeichen, und die glagolica besass ein 
ju = aus echtem j -\- u, später ein ja = aus j -\- e, 
ja es ist sehr wahrscheinlich, dass sie das ) j der 
mutterschrift einst auch als selbstständiges zeichen ge- 
brauchte, den vocalen je nach bedarf vorsetzte, 
weil: 1. nichts der annähme einer reception entgegen- 
steht, 2. alban. j in einer zahlreichen reihe glagolitischer 
ligaturen wirklich erhalten ist, §. 114, und 3. nach 
der von uns dargelegten entstehungsweise der beiden 
abarten des je einst noch innerhalb der glagolica als 
getrenntes zeichen bestanden haben muss. Dass es 
die glagolica von haus aus mit einem so vorzüglichen 
mittel nicht, was möglich war, zu der klaren getrennten 
bezeichnung des j nach art mancher modernen latei- 
nisch-slavischen Orthographien brachte, ist einzig und 
allein der älteren cyrillica zuzuschreiben, unter deren 



■ einfluss die jotationsbezeichnung der glagolica geradezu 
verkümmerte. Dieser schloss sie sich in jeder be- 
ziehung an, sie brachte es zu keiner graphischen Schei- 
dung des e und ja, sie recipirte sogar das weichzeichen 
des cod. sup. (im assem. zogr.), während sie ihr eigenes 
selbstständiges j/-zeichen aufgab. 

Anders benutzten später die cyrilliten das ent- 
lehnte glagol. 10, nach dessen muster sie den anlauf 
zu einer neuen ziemlich vollkommenen jotationsweise 
machten. Dass diese in keinem cyrillischen denkmale 
consequent angewendet wurde, dass die bildung der 
präjotirten zeichen bei h und h stockte, bezeugen die 
thatsachen. 

Denken wir uns ein cyrillisches denkmal, das 
kein le a, wohl aber lo besitzt, das ein jia<-zeichen für « 
und ja setzt (und manche der erhaltenen denkmäler 
kommen dieser Voraussetzung sehr nahe): das ist die 
glagolitische Orthographie, aber zugleich auch jene 
cyrillische, wie sie zur zeit der entlehnung des ur- 
sprünglich nur glagol. lo aussah. 

Der unterschied der jotationsweise der beiden 
slavischen Schriften ist relativ, theilweise selbst noch 
in dem uns erhaltenen zustande und vor allem nur in 
ihrer graphischen geschichte zu suchen. 

Hier verlohnt es sich, noch einen blick auf die 
älteste serbische cyrillica zu werfen. 

Wenn wir bloss die erhaltenen originale berück- 
sichtigen und die Urkunde Asen's (1217 — 1241) mit 
ihrer bulgarischen Orthographie ausscheiden, so ver- 
hält es sich mit der jotation folgendermassen : die In- 
schrift vom jähre 1114 hat kein le (fro cxpof), wohl lo 
(Miklosich, Monum. serb.) ; die Unterschrift vomjahre 1 1 86 
kein la, statt dessen "k: ■k3K; die hier besonders wich- 
tige Urkunde Kulin's 1189 kein la, kein 16; statt a 
bloss a oder "k, statt le entweder e, oder, was sehr be- 
zeichnend, im werte ^OKOrtS ein umgekehrtes 9 {= je, 
'k), eine jener älteren jotationsweisen, welche neben 
anderen mittein statt des späteren le im gebrauche war; 
sonst nur ein einziges präjotirtes zeichen, das älteste, 
fast unausbleibliche lo ; in der ziemlich grossen Ur- 
kunde au^ dem jähre 1198 — 1199 kein la und nur ein 
einziges le (für ein altbulg. ia), wohl lo ; in den nomina 
Ragusinorum 1100 — 1200 kein m, wohl % für le keine 
gelegenheit; in dem brief der gemeinde Popovo 1100 
bis 1200 kein la, kein i€, nicht einmal lo (yi,SpAf ki») ; 
in den Urkunden aus den jähren 1222 — 1228 (1. c. nr. XX 
und XXI) kein einziges i€, einmal la, dann lo. In einem 
fragment des diacon Prochor, das dem 12. Jahrhunderte 
angehören soll, bemerkte Sreznevskij,Svedönijaizametki 
pag. 393, eine „glagolitische Orthographie"; soll aber 
dieses denkmal aus einer glagolitischen vorläge abge- 
schrieben sein, so müssten wir, was doch nicht angeht, 
dasselbe von dem ganzen serbischen schriftthum des 
12. Jahrhunderts behaupten. Aus dem wohl in das 
12. Jahrhundert zu versetzenden Hilandar-evang. gibt 



102 — 



Sreznevskij, ibid. pag. 137, ein specimen ohne le und la, 
nur "k und »o; im übrigen tlicilo soll w, nur ganz zu- 
fällig vorkommen; dabei scheint der Schreiber, wenn 
auch nicht consequent, das ältere verhältniss Ä (e) 
A (je) nach der serbischen ausspräche statt e und je 
anzuwenden: actk = leCTh, JKÄ = JKt, ein beweis, 
dass er einer schule entspross, welche e und je nicht 
durch A und ia, sondern durch jenes ältere mittel des 
cod. sup. bezeichnete. Derselbe Schreiber hat wohl Ä 
(/UHOä), nicht Ufi. 

Uie cyrillica ist gewiss eine bulgarische schrift. 
Das setzen eines "k für ja und <" kann nicht unter Ser- 
ben aufgekommen sein. Der ganze charakter der 
ältestenser bischen jotation weist mit äusserster 
Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass sich die 
serbische cyrillica von der bulgarischen zu 
einer zeit abzweigte, als diese kein le, kein a 
(auch kein hft und kü), sondern nur das mutter- 
zeichen der präjotirten vocale w besass und "k 
promiscue für ja und e setzte. Sie zeigt eben 
wegen ihrer Übereinstimmung mit der glagolitischen 
jotation, dass diese letztei'e urcyrillisch ist. Die ab- 
neigung gegen »e und a der ältesten serbischen Schreiber 
ist um so auffallender, als diese doch in einer zeit 
schrieben, da in der cyrillica des nachbarvolkes längst Hä 
und a im gebrauche war, so dass man sich nur wun- 
dern muss, dass wir im 12. Jahrhundert so verschwin- 
dend wenige spuren des le und a bei Serben finden. 
Im 13. Jahrhunderte nimmt das le vind a in serbischen 
denkmälern überhand, eine folge des späteren einflusses 
der bulgarischen cyrillica, deren einwirkung sich die 
serbische aus geographischen und literarischen grün- 
den nie entziehen konnte. 

Die bezeichnung der jotation war in der prakti- 
schen anwendung der cyrillica auch deswegen nie 
consequent und vollkommen ausgebildet, weil die spräche 
selbst zur hiatbildung hinneigte. Ueber das verhält- 
niss der jotation in der schrift zur wirklichen ausspräche 
werden wir an einem andern orte handeln. 

§. 113. Das z der beiden slavischen Schriften. 

Glagolitische abart. 

Das albanesische zeichen für z A ist so durchsichtig, 
dass es schon Hahn, auch ohne dessen wahren Ursprung 
zu ahnen, richtig in zwei bestandtheile i- und j zer- 
legte. Da nun alban. X = « ein römisch -cursives s 
war, so ergab sich nach §. 32 alban. z als eine ehe- 
malige, schon in der römischen cursive fertige ligatursy (si) 
= Sj: 

das ist 



r 

ß s ß) und ) i (j) 



welche die albanesischen schriftbildner umkehrten: 

X 

Den grund der umkehrung werden wir bei dem 
glagol. s erörtern, §. 131. 

Die glagolica setzt dieselbe römische ligatur vor- 
aus, aber in ursprünglicher läge, wofür der mass- 
Stab natürlich nur in der römischen cursive zu suchen 
ist, und zugleich mit einer etwas verschiedenen grup- 
pirung der bestandtheile: 



Ö) 



denn die römische Zeichenfolge si wurde nicht immer 
nach der soeben bezeichneten albanesischen weise ge- 
schrieben, oft begnügte man sich, wofür jede Urkunde 
belege bietet, das i neben das s zu stellen oder an 
dasselbe anzulehnen, vgl. §. 30. An dieser echt römi- 
schen combination haben die glagoliten keine andere 
Veränderung vorgenommen als die gewöhnliche ver- 
schlingung eines freier stehenden buchstabentheiles, 
das oft genannte albano-römische 3 j, der zweite theil i 
der soeben hier verzeichneten römischen combination, 
wurde zu einer schlinge eingebogen und verschwand 
in derselben: 

ab 

(assem.) Wir sehen, woher die beiden in der glago- 
lica allein dastehenden charakteristischen höruer dieses 
buchstabens stammen, sie sind der rest des alb.-röm. s (s). 
Ebenso die linke schlinge. Die hörner können dann 
auch weiter auseinander gerückt, die schlingen eckig 
werden : 

(grosse inschrift von Baska). Somit löst sich der unter- 
schied des alban. und glagol. z, von den secundären Verän- 
derungen der läge vmd der kalligraphischen Umbildung 
abgesehen, in der römischen cursive auf. So wie in einer 
und derselben römischen Urkunde das j einmal an den 
rechten arm des s angehängt, das andere mal an die 
mitte desselben angelehnt wird, so lagen auch in der 
alten albanesischen schrift dieselben zwei flüchtigen 
abarten des sj (sj) = z nebeneinander, von denen das 
eine in der elbassaner, das andere in der glagolitischen 
schrift herrschend wurde. Daraus folgt, dass die alba- 
nesische schrift zur zeit der abzweigung der glagolica 
minder starr stylisirt war als jetzt, dass sie ihrem ur- 
sprünglichen Charakter, der cursive, näher stand, da 
sie zwei flüchtige abarten derselben ligatur unterschieds- 
los gebrauchte. Denn es ist selbstverständlich, dass 
auch die glagolitische anordnung der beiden bestand- 
theile des z auch der elbassaner schrift eigen gewesen 
sein muss, da die glagolica directe entlehnungen aus 
der römischen cursive nicht machte. Der malende 
ductus der glagolica bringt es mit sich, dass die hörn- 
chen oft für sich und ebenso auch die ringe für sich 



— 103 



gezeichnet werden, so dass die ersteren mitten zwischen 
den letzteren auf einer horizontalen ruhen und nicht, 
wie wir dies noch manchmal im assem. bemerken, die 
Ibrtsetzung der linken schlinge sind. 

Nur eine sjDätere abart verdient noch unsere be- 
achtung. 

In manchen theilen des sinaitischen psalters (vgl. 
die einleitung meiner ausgäbe des textes) werden die bei- 
den hörner des z ganz entgegen der inschrift von Baska 
derart aneinander gerückt, dass sie zusammenzufallen 
drohen: 

woraus das einhörnige z, das die beiden prager frag- 
mente charakterisirt, entstand : 

(II. B. z. 4, 8, I. B. z. 27), ja hie und da ist diese 
form auch schon im sinaitischen psalter ausgebildet. 
Das höi'nchen wird durch den malenden ductus der 
glagolica, wodurch ein ursprünglich einheitlicher zug 
in theile zerfällt, in die mitte gerückt: 

(I. B. z. 16, II. A. z. 17) und schliesslich nach rechts: 

CTÜ 

(II. B. z. 10), eine für die graphische entwicklung 
des glagol. l sehr wichtige analogie. Zum letzten male 
finden wir das einhörnige glagol. z auf croatischem 
boden (inschrift von Zeng, 1330, 1. z., viestnik hrv. 
ark. druztva I. 4). Alle denkmäler, welche z mit 
einem hörne haben, zeichnen sich durch ihre eckigen 
Züge aus, daher schon im voraiis auf die relative Jugend 
dieser abart geschlossen werden kann. 

Cyrillische abart. 

Die Verwandtschaft des cyrill. »; und glagol. 5S 
ist längst erkannt worden. Der echt glagolitische buch- 
stabe ist von den cyrilliten recipirt worden: wie diese 
in der ältesten zeit vor der berührung mit der glago- 
lica z bezeichneten, wissen wir nicht, §. 167. 

Ich glaube, dass ein z mit etwas gekrümmten füssen 

?K 

die relativ älteste form vorstellt. Wir würden sie mit 
dem glagolitischen 36 identificiren, wenn nicht die mittlere, 
zwischen die beiden hörner hineinragende verticale zu 
einer besonderen erklärung auffordern würde. Dieser 
freistehende strich hat sonst in der ganzen cyrillica 
keine analogie. Ich erinnere daher an jenen quer- 
strich, mit dem die albanesische ligatur kj 



im vergleiche mit der römischen grundform „ci" 
durchschnitten wurde, §. 33. 

Auch 2 ist eine römische j-ligatur st sj (Sj), sie 
bekam denselben querstrich. Ich setze also dieselbe 
albano-römische grundform wie für glagol. 96 unter bei- 
fügung des querstriches voraus. Es wird mir statt 
vieler worte, welche denn doch nicht alles veranschau- 
lichen könnten, erlaubt sein, die von mir vorausge- 
setzte form herzusetzen: 



Die ligatur sj y wurde durch einen strich ebenso 
durchschnitten, wie die alban. ligatur ci -/.j. Alle drei 
bestandtheile sind ersichtlich, das lat. s, der querstrich, 
das j. Der erste fuss des cyrill. jk ist der rest des 
lat. s, der zweite das j, beide mussten, wie wir sehen. 



anfänglich 



gekrümmt 



sein. Der punktirte theil ist 



derjenige, den die cyrillischen Schreiber wegliessen : 
die figur wurde dadurch symmetrisch und für den un- 
cialen einfachen ductus der cyrillica gefügiger. Der 
wahrscheinliche zweck des (wie wir voraussetzen, 
schon von albanesischen Schreibern angewendeten) 
querstriches: man wollte die lautfolge Sj, welche die 
albanesische spräche ebenfalls kennt, von dem als z 
gesetzten 4^' unterscheiden, ebenso wie die lautfolge vj 
oder 7.1 von dem als weiches k gesetzten vj (lat. ci). 
Sein graphischer Ursprung: er ist aller Wahrschein- 
lichkeit nach jener abkürzungsstrich, der bekanntlich 
den ersten oder letzten buchstaben eines abgekürzten 
Wortes in römischer cursive durchschneidet, der hier 
eine ebenso abweichende Verwendung bekam wie etwa 
der eckige asper, der in der albanesischen schrift zum 
nasalzeichen gestempelt wurde. In der alten albanesi- 
schen schreiberschule, aus welcher die schrift von 
Elbassan entspross, erreichte man die Scheidung von Sj 
und Sj = z auf andere weise, §. 32. 

Wir gelangen zu folgenden resultaten : 1. Es gab 
zwei abarten des z ^ ^' in der alten albanesischen 
schrift, von denen nur eine in der jetzigen schrift von 
Elbassan erhalten ist; 2. die cyrilliten entlehnten ihr s aus 
einer uns unbekannten glagolitischen schreiberschule, 
denn die zweite abart mit dem querstriche hat unsere gla- 
golica nicht bewahrt. Dennoch ist auch diese abart alt- 
albanesisch und altglagolitisch gewesen, da sie nur durch 
die mittel einer albanesischen schrift erklärbar ist. 
Man sieht von neuem, in wie weiten grenzen das gla- 
golitische Zeichenmaterial anfänglich schwankte; 3. die 
figur des cyrill. z unterscheidet sich (abgesehen von 
dem quei'striehe) von dem glagolitischen durch den 
höchst bemerkenswerthen, chronologisch wichtigen um- 
stand, dass sie der kalligraphischen Weiterbildung, der 
verschlingung des zweiten bestandtheiles, entbehrt. Der 
zweite (rechte) krumme fuss des >k ist ein fast 
unverändertes albanesisches j. Als die cyrillica 



104 



d;vs u i-sj)rünglich nur glagol. z entlehnte, war 
die glagolica noch eine alte, kalligraphisch 
unveränderte albanesische schrift, §. 167. 

Schon in den ältesten denkmälern, z. b. im sup., 
erscheinen die tusse des jk oft mehr geradlinig: 

>K 

Sein ductus wurde offenbar durch das sehr ähn- 
liche cyrill. a^, dessen füsse ursprünglich nur gerad- 
linig sein konnten, beeinflusst. Umgekehrt ist auch ä 
mitunter in denselben alten quellen durch die eiuwir- 
kungen des gebogenen jk krumrafüssig geworden, §. lOG. 
Eine regel ist nicht aufzufinden, in den meisten fällen 
sind die Übergänge ganz unmerklich. Schliesslich ver- 
steht es sich von selbst, dass sich JK in bezug auf grosse 
und vertheilung der schattenstriche ganz der cyrillischen 
unciale anpasste. Die übrigen abarten des cyrill. jk haben 
keine besondere paläographische bedeutung. 

§. 114. Der landläufigen ansieht über den mangel 
eines j in der glagolica gegenüber vorlohnt es sich, 
die Verbreitung des römisch - ciirsiven i in unseren 
Schriften zu überblicken. Zwei seiner abarten wur- 
den schon in der elbassaner schrift mit verschiedenen 
lautwerthen, i und j, ausgestattet; in dieser, sowie in 
der glagolica sind aber noch spuren eines alten schwan- 
kenden gebrauches enthalten, da auch das geradlinige i, 
wenigstens in ligaturen, j bedeuten kann. 

Die gerade abart i gilt 1. i in der schrift von 
Elbassan; 2. ist als j in der albanesischen ligatur i^ 
(sj) enthalten. Sie gilt 1. i in den ältesten croatischen 
inschriften ; 2. ist allgemeines y>r-zeichen in der croati- 
schen glagolica seit dem 13. Jahrhunderte; 3. gilt ^' in 
dem je des zogr. und des evang. grig. ; 4. vertritt ein i 
in dem croatischen jerij von Veglia und in dem cyrilli- 
schen yery. 

Die nicht vollständig, nur am unteren theile ge- 
krümmte abart ist enthalten als % in der elbassaner 
Verbindung ui; sie gilt j im glagol. P" und in dem da- 
mit zusammenhängenden cyrill. w. 

Die halbmondförmige abart ist in der elbas- 
saner schrift selbstständiges ^-zeichen und bestandtheil 
vieler ligaturen, lij, kj u. s. w. Zwei solche ligaturen 
kennt die glagolica: 1. in %^ ist das krumme j an ein 
griech. v geknüpft; 2. 36 und cyrill. }k besteht aus sj. 
Hieher gehört die combination 3€, das gewöhnliche 
je-zeichen. 

Die glagolica war somit von haus aus mit einem 
echten ji-zeichen ausgerüstet; dass sie dasselbe im selbst- 
ständigen gebrauche aufgab, ist nur dem einflusse der 
cyrillica zuzuschreiben. 

§. 115. Das glagolitische l. 

In dem albanesischen weichen und harten l, <| H, 
ist ein steif stylisirtes römisch-eursives l, dessen unterer 
horizontaler fortsatz bei c) verkümmerte, enthalten, womit 



die niutterform gegeben ist, von der wir glagol. A ab- 
zuleiten haben. Ja wenn noch ein zweifei über die 
herkunft der albanesischen zeichen übrig geblieben, 
die glagolitische form wird unsere herleitung entschie- 
den bestätigen. Es ist folgendes zu beachten: wir 
können nicht die uns überlieferte steife verticale form 
des alban. / in den anfang der entwicklung und dem 
glagol. A, das sich vor tausend jähren abzweigte, zu 
gründe legen. In jener älteren zeit stand die albane- 
sische schrift der römischen cursive bedeutend näher 
als jetzt. Noch hatte man nicht alle cursiven ab- 
weichungen desselben Zeichens eliminirt und auf eine 
reducirt, wie es in den meisten fällen später geschah. 
Wenn wir uns also nur in den grenzen der römischen 
cursive halten — und auf diese müssen wir ja immer 
zurückgehen, die albanesische schrift ist blos ein Weg- 
weiser in die Vergangenheit — so ist es erlaubt, das 
glagol. l auch an eine ehemalige römische nebenform 
des alban. l anzulehnen. 

Aus derselben nothwendigen annähme folgt, dass 
jene beiden röm. l, welche in der regelmässigen geo- 
metrischen figur H zusammenflössen, §. 14, in ältester 
zeit leichter zu unterscheiden waren als jetzt, wohl 
auch unverbunden nebeneinander standen. Dasselbe 
gilt von <j, auch hier musste das l ursprünglich durch- 
sichtiger gewesen sein, ehe noch das j an die linke 
Seite rückte, §. 35. Denn das glagol. l ist weder ver- 
doppelt, noch mit j combinirt. Es ist ein reines röm. l, 
wie es für sich in der überlieferten albanesischen schrift 
nicht mehr erhalten ist. Die glagoliten mussten in der 
läge gewesen sein, ein reines Z-zeichen ihrer albanesi- 
schen muttersprache zu entnehmen. Ja es ist auch 
von sprachlichem standjjunkte möglich, dass die alba- 
nesische schrift einst ein einfaches Z-zeichen besass. 

Verschiedene von Hahn, Gram., pag. 3, und Dozon, 
La langue chkipe, pag. 181, erwähnte umstände scheinen 
darauf hinzudeuten, dass neben hartem und weichem l 
noch ein neutrales besteht. Dieses müsste mit einem 
einfachen röm. l bezeichnet worden sein. 

In folgende gewöhnliche abarten des jüngeren 
römisch-cursiven l 



JlLl 



haben sich die beiden schreiberschulen, die albanesische 
und die aus ihr hervorgegangene glagolitische, derart ge- 
theilt, dass das erstere geradlinige ohne schlingen in der 
elbassaner schrift obsiegte, eine der letzteren formen 
dagegen mit dem längeren horizontalen fortsatze und 
mit der schlinge von den glagoliten bevorzugt wurde : 



h 



welche form Raßki im evang. assem. fand, assemanov 



— 105 



evangelistar pag. VI. Man kann die frage aufstellen, 
ob alle drei schlingen erst von den glagoliten hinzu- 
gefügt wurden? Ich glaube nicht, da wir auch bei 
anderen buchstaben das bestreben entdecken werden, 
schon mit schlingen versehene mutterformen 
zu bevorzugen und dem glagolitischen zeichen 
zu gründe zu legen. Es ist anzunehmen, dass die 
obere und linke untere glagolitische schlinge schon in den 
schlingen des lat. l zu suchen ist (4. figur; dieselbe bei 
Mabillon, pag. 479, Charta ravennensis, z. 3), und dass 
nur die rechtsliegende schlinge die gewöhnliche kalli- 
graphische Verzierung der glagolica ist. Im lat. l sind 
die schlingen zufällig der cursiven natur der schritt 
entsprungen, in der glagolica aber typische, von der 
figur unzertrennliche theile geworden. Das ist der 
Schlüssel zur glagolitischen Schlingenbildung, 
§. 156. Für die weiteren graphischen Veränderungen 
des l ist das glagol. z sehr instructiv, §. 113. So wie 
bei diesem wird die verticale in die mitte des grund- 
striches gerückt : 



X 



im assem. und achridaner evang., sehr häutig in auf- 
schriften (z. b. im cloz. zogr., laibacher homiliar u. s. w.). 
Im texte des zogr. ist dieses l die regel, nur sind die 
schlingen ganz nahe aneinander gerückt. Schliess- 
lich kommt wie bei jenem z die verticale an die 
rechte seile : 



ctHd <TO 



im assem. (vgl. Raöki's facsimile seiner ausgäbe, I. coL, 
z. 23) l ist herausgerückt, in aufschriften überhaupt; 
in beiden prager fragmenten im texte; in dem von 
zweiter hand, pag. 164 — 222, geschriebenen theile des 
sinaitischen psalters, u. s. w. Es sind somit die l mit 
noch drei getrennten ringen die ältesten. Es ist vom 
allgemein paläographischen Standpunkte wichtig, dass 
sich diese vorzüglich als initialen, herausgerückte 
buchstaben und in aufschriften selbst da erhalten haben, 
wo die jüngere form schon im texte herrscht. Diese 
entstand aus dem bestreben, die ziemlich unbequeme 
tigur mit einem zuge zu ziehen: 

(assem. u. s. w.). Schon im cloz. achridaner evang. 
wird der runde obertheil abgestumpft: 

Jl 

wodurch das eckigwerden eingeleitet ist (pariser abe- 
cenar, grosse Inschrift von Baska) : 



croatische form : 






In der mutterschrift hatte l oberlänge; in der 
glagolica musste diese den allgemeinen neigungen der- 
selben gemäss verkürzt werden, <3> ist ein buchstabe 
mittlerer grosse. 

§. 116. Das glagolitische n. 

Das ny der griechischen minuskel-cursive oder 
minuskel 

Y 

ergibt durch das bekannte kalligraphische mittel der 
glagoliten, den verschluss, glagolitisch 



Diese ableitung stellte schon Safafik auf 6as. ß. mus. 
1864, pag. 216. Der buchstabe musste in der glagolica 
seine Unterlänge verlieren, er wurde mittelgross. Das 
köpfchen wird bald rund, bald viereckig mit stumpfen 
ecken, auch dreieckig gezeichnet. Die beiden links 
befindlichen striche sind ornamentale zuthaten, welche 
bei vielen glagolitischen buchstaben wiederkehren, §. 156. 
Sie werden auch zu häkchen ausgebildet: 



(I. prager fragment). Eigenthümlich ist die hier her- 
vortretende schiefe läge des hauptstriches, sie ist sehr 
häufig im evang. grig., pariser abecenar, fragm. Mih. 
und selbst in den jüngsten ausläufern croatischer cur- 
sive. Selten und wenig markirt im assem. Dieses n 
ist in der elbassaner schrift nicht überliefert (vgl. über 
den grund seiner aufnähme in die glagolica §. 119). 

§. 117. Das n der grossen Inschrift von Baska. 

Auf den zwei letzten zeilen dieser Inschrift er- 
scheint in den Worten ^\\\ und E4,hho ein capitales n: 

N 

dessen verhältniss zu dem zweiten oder gewöhnlichen 
glagol. -P, das die Inschrift ebenfalls besitzt, wahrschein- 
lich folgendes ist: 

Griechische minuskelhandschriften besitzen auch 
grössere herausgerückte buchstaben oder initialen von 
capitaler gestalt, wofür belege kaum nöthig sind (vgl. 
Wattenbach et Velsen, Exempla cod. graec). Die 
glagoliten recipirten von den albanesen zugleich mit 
der cursiven schrift viele jener Schreibergewohnheiten, 
durch welche sich die cursiven lateinischen und grie- 
chischen mutterschriften auszeichneten. Wenn also in 
einer griechischen handschrift ein initiales (capitales) 
ny neben der minuskel in gewissen fällen erscheint: 



N f^ 



Geitler. Die albanesiscten und slavischen Schriften. 



und haben auch die glagoliten zur Verzierung ihrer 

14 



106 



cursive grosse buchstabeu herbeigezogen, so ist dieses 
verluiltniss reflectirt durch die majuskel von Baska 
neben dem gewöhnlichen glagol. n 

N -P 

Die ganze inschrift von Baäka besteht aus majus- 
keln. Es ist daher bezeichnend, dass dieser einzige 
rest eines capitalen (initialen) n gerade auf dieser in- 
schrift erhalten ist. Das sogenannte croat. M ist eben- 
falls eine solche capitale gewesen, die man anfänglich 
nur als initiale gebrauchte, §. 122. Es gibt in der 
glagolica im ganzen vier solche fälle, reste alter grie- 
chischer und lateinischer capitalen-initialen, die neben 
den zugehörigen kleinen buchstaben stehen (vgl. §. 157), 
wo wir das hier dargelegte verhältniss noch einmal im 
zusammenhange mit anderen erscheinuugen erörtern 
werden. Das capitale n verschwand aus der glagolica 
und wich als initiale vor einem andern n, das die 
glagoliten aus der minuskel durch eine einfache ver- 
grösserung schufen. Dieses N bestätigt auch unsere 
herleitung des -P : da es gewiss ein echtes n-zeichen ist, 
so muss auch in der figur -P irgend eine abart eines 
echten n verborgen sein. Da -P ferner griechischen 
Ursprunges ist, so muss auch das N von Baska, weil 
es der zu -P gehörige grosse buchstabe ist, griechisch 
sein, denn an und für sich ist seine gestalt so indifferent, 
dass es auch mit einem lateinischen capitalen n identi- 
ticirt werden könnte. 

§. 118. Das glagolitische r. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die elbassaner 
Schrift zur zeit der abzweigung der glagolica schon 
beide r-zeichen, das schwache <, und starke /, besass, 
denn das letztere haben die glagoliten recipirt, während 
die existenz des ersteren mit dem griechischen ?i-zeichen 
der elbassaner schrift in einer gewissen Wechselbezie- 
hung steht (vgl. darüber §. 48). 

Glagol. r kann im falle eines Vergleiches nicht 
an den jungen ductus des alban. j> angelehnt werden. 
Hier und in allen ähnlichen fällen ist ein albanesisches 
zeichen nur ein Wegweiser in die Vergangenheit. 
Alban. f ist uns in der gestalt eines p der neugriechi- 
schen Schreibschrift überliefert, während aus dem ver- 
gleiche mit glagol. ')' hervorgeht, dass es in der elbas- 
saner Schrift schon vor tausend jähren bestand. Wir 
müssen daher eine entsprechend ältere form des griech. p 
zum ausgangspunkte der vergleichung wählen und 
suchen dieselbe in jener quelle, aus der die meisten 
griechischen elemente der albano-glagolitischen schrift 
entnommen sind, in der minuskel-cursive : 



t t 



(Notices et extraits nr. 21 bis pl. XLVII). Aus 



dieser abart entwickelte sich einerseits albanesisches 



indem es dem einflusse der jüngsten griechischen schrift 
erlag (vgl. §. 47), andererseits glagolitisches 



(assem. zogr.) durch eine umkehrung. Auch der fort- 

satz am fusse jenes p erscheint stark verlängert auf 

der inschrift von Baäka und in den Urkunden von 
Zeng, 1305: 

5 

Die schlinge wird auch dreieckig: 



(vgl. die jüngere Zuschrift auf dem 94. blatte des assem., 
facs. der ausgäbe Crncic; ebenso im jüngeren theile 
des zogr., wo es von dem eingestreuten cyrill. k gar 
nicht zu unterscheiden ist [§. 97J, bl. 46 a z. 14, 46b 
z. 14, HCKpk nfTpk). Die umkehrung wurde erst von 
den glagoliten vollzogen, da die elbassaner schrift die 
ursprüngliche läge des Zeichens noch bewahrt. Ihren 
grund suche ich in dem glagol. "P, das nach der ver- 
schliessung des kopfes (§. 116) einem aufrechtstehen- 
den p sehr ähnlich werden musste. In der kleinen In- 
schrift von Baska, Viestnik hrv. ark. druztva I. 2, 
scheint sich sogar eine spur des nicht gewendeten r 
erhalten zu haben. In der zweiten zeile des fragments a 
scheint in dem worte npOci^Ti die schlinge des r an 
dem oberen theile des hauptstriches zu hängen. Doch 
ist der fall unsicher, die inschrift gerade an jener stelle 
beschädigt. 

§. 119. Das verhältniss der ?t-zeichen der 
albano-glagolitischen Schriften. 

Wir gelangten zu dem eigenthümlichen resultate, 
dass die glagolica zwei n besitzt: ein spitziges griech. y 
der minuskel-cursive des 8. Jahrhunderts in %G (= alban. 
vjs), §. 80, und ein zweites, der minuskel angehöriges, 
das in -P steckt, §. 116. Es ist kaum möglich, dass 
eine slavische schrift mit einem solchen Verhältnisse 
urwüchsig sei. Dabei wollen wir noch von dem dritten n 
der inschrift von Baska ganz absehen, das ursprüng- 
lich nur initiale war. Es müssen fremde einflusse, von 
denen die glagolica fortwährend abhängig war, thätig 
gewesen sein, welche ihr zwei ?j-zeichen aufdrängten. 

Erinnern wir uns vorerst der Ursache, aus wel- 
cher die ursprünglich lateinische schrift von Elbassan 
ein griechisches ny aufnahm. Ein echt römisch-cur- 
sives n, das in dem alterthümlichen alphabete Bütha- 
kukje's noch in dieser bedeutung erscheint, §. 69, be- 
kam in der elbassaner schrift in folge eines weitver- 
breiteten sprachlichen processes die geltung schwach r •,, 
während für starkes r ein griechisches rho / gesetzt 



- 107 — 



wurde. Es war daher nöthig, ein anderes ?i-zeichen 
zu schaffen, man wählte das spitzige v der griechischen 
minuskel-cursive des 8. Jahrhunderts. Es wurde auch 
zur biklung der jetzt verstümmelten combination vjl \) 
herbeigezogen. Diesen uns überlieferten zustand der 
elbassaner schrift glaube ich auch der ältesten glago- 
lica zu gründe legen zu müssen. Zwei r-zeichen konnte 
eine slavische schrift nicht brauchen, schwach ?• wurde 
aufgegeben und man recipirte: 1. alban./ für r, 2. v eben- 
sowohl als freies n-zeichen, als auch gebunden in der 
combination vjs %^. Die aufnähme des zweiten n f 
von Seite der glagoliten erkläre ich durch den wach- 
senden einfluss der älteren griechischen minuskel, der 
die glagolica überhaupt erlag. Als das spitzige v der 
minuskel-cursive des 8. Jahrhunderts verschwand und 
einer zweiten abart 



P 



in der älteren minuskel für lange zeit platz machte, 
wurde auch das bis dahin in der glagolica verwendete 
spitzige V durch dieses soeben verzeichnete v (später 
umgewandelt -P) ersetzt, während sich spitziges v ge- 
bunden in einer ligatur und ausserdem noch einem an- 
dern lautlichen zwecke dienend in der ligatur %G er- 
hielt. Eine treffende analogie zu diesem processe ist 
das doppelte d der glagolica, §. 151. 

§. 120. Das glagolitische h. 

Glagol. b ist nach einer echt albanesischen 
Setzung ein m-zeichen gewesen. Griech. [>. der 
minuskel-cursive oder minuskel 

V- 

wird in ligaturen wie nx, \).i, oder auch, wenn es frei am 
ende der zeile oder eines griechischen fremdwortes steht, 
derart verändert, dass es drei gleich hohe arme erhält: 

(Wattenbach et Velsen, Exempla cod. graec. I. a. 835, 
Fragment Uspenskij in den werten iaptopi, aßpaa|ji). Es 
gibt griechische minuskelhandschriften, in denen die 
buchstaben v, pi, u, /,, ß, deren ecken sonst abgerundet 
erscheinen, ganz geradlinig und rechtwinkelig werden, 
so der Thucydides des 11. Jahrhunderts (Watten- 
bach et Velsen XXXVII), die zweite band des Athe- 
naei Deipnosophistae, 10. Jahrhunderts (ibid. XXX), 
das bei Sabas unter nr. 43 a. 1055 mitgetheilte evan- 
gelium. Darnach erscheint auch ein geradliniges [ji. 
mit di'ei armen: 

wodurch die gestalt des glagol. h (assem.) 

gegeben ist. Der erwähnte abweichende ductus ge- 



wisser minuskelzeichen ist allerdings an sich so unbe- 
deutend, dass ihm der griechische paläograph kaum 
beachtung schenken wird. Anders aber wird eine zu- 
fällige nebensächliche eigenschaft eines griechischen 
buchstabens zu beurtheilen sein, wenn sie in eine fremde 
schrift herübergenommen, einseitig ausgebildet und 
starr stylisirt wird. Das verhältnissmässig seltene ]t. 
mit drei armen findet sich noch bei Wattenbaeh et 
Velsen XXXVII, z. 7, 11; XIV, z. 3 y.äpi; XLH, 1. col., 
z. 20, 24; II, 2. col., z. 1 äci|j,[j.£Tpov; Sabas, Specimina, 
a. 1199, sechsmal; a. 1055, 880 letzte zeile; a. 975 
>valx:lpuv6w|J^£v ; a. 1006, z. 13; Wattenbach, Schrifttafeln 
z. gr. schrift XII, z. 3, 7, 9, 22, 23; XXVIII, a. 680 
|j.ou. Der fuss des griech. \i. erhält manchmal einen 
kleinen ansatz; er ist in der glagolica zu einem län- 
geren schweife ausgebildet, der in den prager frag- 
menten zu einem häkchen wird und den initialmalern 
gelegenheit zur anfügung mannigfacher Ornamente 
bietet. Doch scheinen selbst formen ohne diesen schweif 
vorzukommen : 



(fragm. Mih.) wenn uns die relative Jugend dieses 
denkmales einen sicheren schluss erlauben würde, da 
der schweif nachträglich auch wieder verküm mern konnte. 
Im fragm. Mih. und im cloz. kann Vi auch durch 
den malenden ductus der glagolica in zwei theile zer- 
fallen. Man bemerkt, dass der obere und untere theil 
getrennt geschrieben werden, der fuss ist nicht mehr 
die fortsetzung des ersten oberarmes: 

ja er wird auch ganz in die mitte gerückt in dem 
sinaitischen psalter: 

(pag. 173, 178), worauf die merkwürdige figur des h 
der Inschrift der stadt Veglia zurückgeht 

z. 4, im werte (/i,)OKpocAaßa, wie schon Crnöi6 las. 
Diese eigenthümlichkeit der glagolica, welche wir das 
zerfallen der figuren nennen wollen, übte auf die schliess- 
liche gestaltung gewisser zeichen einen entscheidenden 
einfluss (vgl. insbesondere §. 148, 156). 

§. 121. Das bulgarische m. 

Im glagol. X ist ein echtes ?rt-zeichen enthalten, 
worauf schon im voraus das sogenannte croatische m 
deutet, §. 122. Hier wollen wir dies bloss vom graphi- 
schen Standpunkte darthun. Die der unciale noch 
näherstehende abart des m der griechischen minuskel- 
cursive hat einen doppelten ductus: 



u. n 



14* 



— 108 — 



(Notices et extraits nr. 21 pl. XL VII, z. 10, 11, 21; 
pl. LI, z. 12, a. 600). Aus der ersten figur ent- 
stammt nach §. IG c) das alban. l m durch eine der 
albanesischen schrift eigene Veränderung. Aus der 
zweiten figur leite ich durch anfügung zweier schlin- 
gen an den unteren enden das glagol. VS ab. Wir 
haben schon wiederholt bemerkt, dass die glagoliten 
solchen abarten, welche schon in den mutterschriften 
mit schlingen versehen waren, vor den nicht verschlun- 
genen den Vorzug gaben, daher wir nicht die erste 
figur des my dem W zu gründe legen, die allerdings 
durch anfügung von vier schlingen dasselbe resultat 
erzeugen würde. Ueber das lautliche verhältniss von 
alban. i^ h und glagol. X m vgl. §. 123. Jener grie- 
chischen grundform muss ein X, das oben ein wenig 
eingebogen ist, noch am nächsten stehen; ich finde es 
hie und da im zogr. : 



Ja Safafik, Pämatky hlah. pis., pag. 13, führt aus 
dem allerdings nicht sehr alten glagolitischen einschiebsei 
des achridaner praxapostolars (1 2. jahrh.) ein solches m an : 



Ich glaube daher, dass die regelmässige form erst 
durch horizontale ausgleichung des oberen theiles ent- 
stand (assem.): 

■^ 

Daraus erklärt sich durch eine leichte Verände- 
rung des federzuges dieser unbequemen figur einerseits 

^^ 

(Sreznevskij, Glag. pam., Blatt Grigoroviö, col. L, z. 6), 
andererseits 

der prager fragmente; ferner 



der Inschrift der Stadt Veglia. Manchmal wurden die 
unteren schlingen derart an die oberen gerückt, dass 
der dazwischen entstehende räum das ansehen einer 
dritten schlinge bekam : 

(assem. Sreznevskij, facs. VTI. b., z. 9). Schliesslich 
wurde auch diese nachlässige Zeichnung zur gewohn- 
heit. Denn als sie in die croatische glagolica über- 
ging, musste sie eckig werden, so auf der inschrift von 
Baska, wo sie im worte 3'KK'KHH-/MH-p'K in der ligatur mh 
erscheint, und im Stockholmer aiphabet (1400): 



(Vgl. auch prager fragm., I. B., z. 8.) Den di- 
recten Vorgänger dieser croatischen abart — allerdings 
viel kleiner, aber entschieden eckig — fand ich öfter 
im sinaitischen psalter, bei dem zweiten Schreiber 
desselben, pag. 163 — 226. 



§ 



. 122. Das sogenannte croatische m. 



m 



I 



Schon auf der inschrift von Baska wird neben VS 
ohne irgend welchen unterschied ein zweites m-zeichen 
angewendet: 

M 

das man für eine ausschliessliche eigenthümlichkeit 
der croatischen glagolica hält. Seine gestalt ist so 
indifferent, dass es ebensogut griechisch-cyrillisch, als 
auch lateinisch sein könnte. Der sinaitische psalter 
versetzt aber dieses m auf macedonischen boden. Ich 
fand es als majuskel in der aufschrift der pag. 197, 
wo dessen form von einem gewöhnlichen uncialen grie- 
chischen oder cyrillischen m des 10. — 11. Jahrhunderts 
nicht verschieden ist, so dass ich es gar nicht herzu- 
setzen brauche. Ein zweites mal findet es sich pag. 35 
im wörtchen MMv, aber schon als minuskel, als ge- 
wöhnlicher buchstabe mitten im texte, dem kleinen 
ixnd nachlässigen duetus der handschrift angepasst: 

AA 

Es gleicht somit der sinaitische psalter den älte- 
sten denkmälern der croatischen glagolica: er besitzt 
zwei w-zeichen. Dadurch ist auch das hohe alter des 
croat. m im vorhinein erwiesen. 

Es fragt sich, was soll die ältesten glagoliten be- 
wogen haben, neben X noch ein zweites w-zeichen auf- 
zunehmen? Eine nähere er wägung wird sogleich er- 
geben, dass es sich vom Standpunkte einer gewissen 
entwicklungsperiode unserer schrift nur um ein einziges 
m-zeichen handelt. Croat. M wäre ofienbar eine capi- 
tale zu nennen, dies folgt: 1. aus seiner form selbst, 
2. aus der art und weise seines ältestens Vorkommens, 
in einer inschrift und einer aufschrift, also an stellen, 
wo man „grosse" buchstaben anzuwenden pflegt. Nennen 
wir es ganz allgemein majuskel. Liegt aber nach 
§. 121 dem "SS" eine cursive griechische [x-form zu gründe, 
so ist M nichts anderes als die majuskel zur 
minuskel VS. So wie in der griechischen minuskel, 
insbesondere wenn sie zum bücherschreiben verwendet 
wurde, grosse capitale und unciale buchstaben einge- 
streut sind, um einen absatz zu beginnen, oder auch 
in aufschriften erscheinen, haben auch die alten, an 
alle griechischen Schreibergewohnheiten sich enge an- 
schliessenden glagoliten grosse buchstaben neben den 
analogen kleinen zu gleichen zwecken angewendet. 
Insolange die glagolica eine kalligraphisch nicht weiter- 
gebildete (z. b. mit schlingen nicht versehene) schrift 
war, war auch das verhältniss beider zeichen klar: 



— 109 



M Sm 

der grosse, ausnahmsweise gebrauchte buchstabe stand 
dem gewöhnlichen kleinen gegenüber. Als dieser durch 
den allgemeinen Umschwung, der die ganze schrift er- 
griff, durch anfügung der schlingen seiner ursprüng- 
lichen form entrückt wurde : 'SS, wurde auch sein inniger 
Zusammenhang mit der majuskel M, die wir jetzt croat. m 
zu nennen pflegen, zerrissen. Die glagolica kam da- 
durch in den besitz zweier anscheinend ganz verschie- 
dener m, und die weitere entwicklung bestand nur darin, 
dass man sich des Überflusses zu entledigen suchte. 
Einige zeit hielt sich noch der gebrauch des M, und 
zwar, soweit wir sehen, seiner majuskelnatur gemäss 
in aufschriften und inschriften. Allmälig verschwand 
es in der bulgarischen glagolica, und der Schreiber des 
sinaitischen psalters konnte es wohl einmal bei seiner 
schon verdunkelten bedeutung und anwendung auch 
unter die kleinen buchstaben, gehörig verkleinert, ver- 
setzen. Aber in der späteren croatisehen glagolica 
nimmt M derart überhand, dass es sogar das gewöhn- 
liche m'SS verdrängte; wir werden dies natürlich finden, 
wenn es uns gelingen sollte, nachzuweisen, dass der 
eigentlich croatische schrifttypus eine majuskel ist, 
welche die erhaltung eines alten „grossen" buchstaben 
begünstigte, §. 160. Da man bisher um das bestehen 
des M auf bulgarischem boden nicht wusste, so hielt 
man es für einen ausschliesslich croatisehen buchstaben. 
Seine form endlich ist des dargelegten Verhältnisses 
halber selbst der untrüglichste beweis, dass in 'SS nur 
irgend eine echte griechische |ji.-form verkleidet sein 
kann: der späteren minuskelkann es nicht angehören aus 
formalen gründen ; der griechischen unciale entlehnte die 
glagolica nichts; also bleibt nur die griechische minuskel- 
cursive als einzige quelle übrig. Hier verweisen wir 
auf das dem M X analoge verhältniss des N von Baska 
neben -P, §.117; wenn an jener beurtheilung des N 
noch ein zweifei seines ganz vereinzelten erscheinens 
halber übrig geblieben wäre, er müsste durch unser M 
beseitigt werden, dessen existenz durch ein bulgari- 
sches denkmal und durch Jahrhunderte eines immer 
häufiger werdenden gebrauches bei croatisehen Schrei- 
bern bezeugt ist. 

Die weitere orthographische entwicklung des ^ 
und M auf croatischem boden ist wohl bekannt. Das 
der glagolica mehr entsprechende und für sie eigentlich 
geschafi"ene ^, das in Bulgarien zur ausschliesslichen 
herrschaft gelangte, beginnt in Croatien vor dem M immer 
mehr zurückzuweichen und verschwindet schliesslich 
ganz. In den drei ältesten veglienser inschriften über- 
wiegt "88*, im fragm. Mih. ist es nur noch in der ligatur zm 
enthalten, in den ligaturen mS, ml ist es noch im 13. Jahr- 
hunderte (laib.hom.) sehr beliebt, aber als selbstständiger 
buchstabe kommt es nicht mehr vor. Nur der Schreiber 
des codex „knez Novak" 1368, der seine freude an 



einer fülle der mannigfaltigsten initialen hatte, setzt 
es archaisirend manchmal in den anfang eines absatzes. 
In der reihe des alphabetes, wo die tradition immer 
am zähesten ist, erhielt es sich allerdings noch viel 
länger, selbst die glagolitischen alphabete von Prag 
und Stockholm a. 1400, 1416, 1436 kennen es noch, 
nachdem M im gebrauche längst ausschliessHch herrschte. 

In unseren bisherigen Untersuchungen erwähnten 
wir wiederholt eines processes, dem zufolge ein ur- 
sprünglich lateinisches zeichen in das fahrwasser grie- 
chischer Schriftentwicklung bei albanesen und glago- 
liten geräth und schliesslich in einer gräcisirten ge- 
stalt überliefert wird. Eine treff'ende analogie dazu 
bieten die Schicksale des croat. M, welches je nach 
den histoi'ischen umständen dem wi-zeichen derjenigen 
Schrift ähnlich wird, neben welcher die glagolica ge- 
übt wird. 

Jenes griechische capitale M der Inschrift 
von Baska hat in dem fragm. Mih. die gestalt 
eines cyrillischen uncialen m etwa des 12. Jahr- 
hunderts: 

Der Schreiber des orthodoxen und in einer ortho- 
doxen gegend entstandenen denkmales (was nach Jagi6 
sicher steht) mag der cyrillica kundig gewesen sein 
oder nicht, genug, er schrieb das m, wie es in seiner 
Umgebung gewohnheit war, und doch haben wir nicht 
den mindesten grund, das croat. m aus der cyrillica 
abzuleiten. Noch mehr! die croatische glagolica über- 
lebt die bulgarische und entwickelt sich im Küsten- 
lande, in Istrien, Dalmatien, in ländern, wo lateinische 
Schrift herrscht. Im 13. — 14. Jahrhunderte sehen 
wir auf einmal das croat. m alle möglichen ge- 
stalten der fractur annehmen: 



/Mfti m ill 



und der letzte veglienser bauer, der noch in diesem 
Jahrhunderte sein testament glagolitisch abfasste, zeich- 
nete m genau so, wie wir es in unserer lateinischen 
Schreibschrift thun. Und doch wäre es lächerlich, 
croat. m, aus einer lateinischen mönchschrift entstehen 
zu lassen, da es vor ihr da war, und was war anderer- 
seits natürlicher, als dass ein capitales M in einer ortho- 
doxen gegend cyrillisch wurde, in einer anderen wie- 
der sich dem einfluss der daneben geübten lateinischen 
Schrift nicht entziehen konnte. So wenig reellen werth 
die ganze jüngere entwicklung des croat. m für die 
glagolitische paläographie besitzt, sie ist für uns eine 
höchst willkommene analogie zu jenen bedeutenden 
Processen, welche mehrere lateinische buchstaben unter 
den bänden albanesischer und glagolitischer Schreiber 
in eine griechische gestalt einkleideten. 



110 



§. 123. Verhältniss der albano-glagolitischen m- 
uud 6-z eichen. 

Die glagolica hat somit zwei 9n-ze!chen, tJ X 
(abgesehen von dem croat. M, dem blossen kalligraphisch 
unveränderten doppelgänger des W). Eines davon ist 
als b gesetzt. Die glagolica hat kein echtes b- 
z eichen. Kann eine solche sehrift von einem slavi- 
schen köpfe zusammengestellt worden sein '? So sehr 
wir die ganze glagolica aus griechischem und römi- 
schem materiale direct ableiten könnten, sie kann nur 
durch ein albanesisches medium zu den Slaven ge- 
kommen sein. Keine zweite spräche kann die Setzung 
eines m für b als so natürlich erscheinen lassen, als 
die albanesische, und nur die sehrift von Elbassan hat 
auch noch jenes zeichen bewahrt, welches den un- 
mittelbaren anstoss zu einer solchen Verschiebung gab: 
das zeichen für mb. Es galt nämlich, die drei albanesi- 
schen laute m, b, mb zu bezeichnen. Aber in der römi- 
schen mutterschrift fand man nur zwei zunächst entspre- 
chende zeichen, nur ein m und ein b. Man musste also 
irgend einen ausweg finden, irgend eine graphische abart 
des ni oder b musste für den dritten laut herhalten. 
Darnach trennen sich die schreiberschulen, es gab 
mehrere versuche in dieser richtung, welche aber trotz 
mancher Verschiedenheiten immer auf dasselbe hinaus- 
laufen. Ich will ausnahmsweise auch die zeichen Bütha- 
kukje's herbeiziehen, die vergleichung der drei redac- 
tionen enthüllt uns höchst interessante beziehungen. 

Der erste, jedem zeichen beigeschriebene werth 
ist der ursprüngliche, graphische, der in parenthese 
gesetzte, der wirkliche, usuelle. 

Elbassaner aiphabet: d b (m) m m (b) 6 b (mb) 

glagolica: C m (b) 

Büthakukje: ^ b (b) 



iv\ m (b) 

)X 
jM 

5 b (m). 



m (b) 



Die mutterzeichen sind theils griechisch, theils 
lateinisch. 

In der elbassaner schule wurde das b der römi- 
schen cursive als »(6 verbraucht. Daher wahrschein- 
lich die Verschiebung: eine zweite abart des römischen b 
wurde als m, ein griechisch-cursives m als b gesetzt. 

Die glagoliten überlieferten zwei echte m mit 
dem werthe b und 7». Vielleicht galt in derjenigen 
albanesischen schreiberschule, aus welcher die glago- 
liten stammen, irgend ein echtes 6-zeichen so viel als mb. 
Nur auf diese weise erklärt sich das eigenthümliehe 
glagolitische verhältniss. Denn da die glagoliten das 
zeichen für den unslavischen laut mb (= graphisch* b) 
nicht brauchten und nicht recipirten, blieben ihnen für 
die laute m und b nur zwei zeichen Cf X übrig, von 
denen das eine wie das andere ursprünglich ein m war. 
Das war eine zweite orthographische redaction der 
albanesischen labialzeichen. 



Eine dritte bietet Büthakukje: er hat nur zwei b, 
kein echtes m (das gerade gegentheil der glagolica, 
zwei m, kein b). Auch darin liegt ein beweis für das 
hohe alter dieses allein dastehenden unscheinbaren 
alphabets. In demselben wurde vib wahrscheinlich 
durch ein ?rt-zeicheu ausgedrückt, aber dieser buch- 
stabe ist uns nicht überliefert worden. 

Man merke die tiefe und schöne beziehung zwi- 
schen alban. b rv\ und glagol. m X. Beide zeichen 
sind zufällige graphische abarten desselben griech. \>.: 
der glagolite griff seiner neigung gemäss zur verschlun- 
genen nuance, und die beiden zeichen wurden durch 
verschiedene mittel der beiden Schriften derart differen- 
zirt, dass jede ähnlichkeit aufhörte. Dazu trat noch 
die lautliche Scheidung. Wir merken das weben der 
albanesischen dialekte: in der einen gegend wurde das- 
selbe wort, dasselbe zeichen wie m, in der andern wie b 
gesprochen. Darnach schieden sich die schreibergewohn- 
heiten. Eine ist uns als glagolitisch überliefert, die 
andere herrschte in Elbassan. Schliesslich ist die that- 
sache hervorzuheben, dass das cursive römische m von 
keiner der behandelten Schriften aufgenommen wurde. 

§. 124. Das cyrillische b. 

Nach Safafik und Wattenbach, Anl. z. gr. pal., 
ist cyrillisch 

^ B 

eine im 8. Jahrhundert erscheinende offene nebenform 
des schon damals v gesprochenen griech. B. Indessen 
ist es nacliGardthausen, Gr. pal., taf. I, schon im jähre 675 
belegt, es ist der alten unciale entnommen. (Die 
cyrillica selbst ist bekanntlich grösstentheils junge grie- 
chische unciale. Vgl. auch §. 156 c.) Hier zeigt sich 
so recht der tiefe, eigentliche unterschied der beiden 
slavischen Schriften. Während die glagoliten ihr b Vi 
schon fertig in der albanesischen sehrift vorfanden, 
griffen die cyrillischen Schreiber zu dem mittel der 
umstempelung einer seltener vorkommenden nuance 
eines griechischen Zeichens. Dies war der einzige weg, 
auf welchem die cyrilliten mittelst des zeichenärmeren 
griechischen alphabets zum ausdrucke des slavischen 
gelangten, abgesehen von den entlehnungen aus der gla- 
golica, welche in eine spätere periode der cyrillica 
fallen. Der untere theil des B kann auch ganz drei- 
eckig werden, so wie cyrill. jer (§. 97), mit dem es 
in bezug auf den ductus zumeist parallel läuft. 

§. 125. Das glagolitische dja. 

Bekanntlich ist der hie und da in gebrauch ge- 
kommene buchstabenname djerv (dzerv) für At und 
seinen cyrillischen doppelgänger nicht in der tradition 
begründet. Safafik hat ihn zum ersten male in den 
pamätky hlah. pis. in Vorschlag gebracht. Wir werden 



111 — 



später nachweisen, dass der wahre name dja (sprich 
d&a nach croatischer Orthographie) war, wie er bei 
Angeli Rocca, Opera omnia, 1719, erhalten ist, §. 175. 

Es ist auch nicht nöthig, gegen die jetzt gewiss 
verahete ansieht aufzutreten, dass A? ein j'-zeichen war 
oder gar in alter zeit j gesprochen wurde.- Erst in 
ganz späten zeiten des 15. — 17. Jahrhunderts ersetzten 
(Zj?a-zeichen bei Bosniei'n und Küstencroaten das man- 
gelnde j der beiden slavischen schritten. Safavik wurde 
noch ausserdem zu dieser ansieht verführt durch einen 
unglücklichen graphischen vergleich einer gewissen ab- 
art des glagol. dja (vgl. unten nr. 8) mit einem phö- 
nicischen ^'-zeichen. Ueber heimat und Ursprung des 
glagolitismus, pag. 7). Wir wollen uns hier bloss auf 
die graphische erörterung beschränken, die lautliche 
natur des dja (weiches assibilirtes </ oder etwa dz) be- 
handeln wir an einem andern orte. Das glagol. dja 
ist von dem serbisch-bosnischen dja graphisch 
und historisch ganz und gar zu trennen. 

Die älteste spielart des dja ünden wir nur im 
asseman, den ich auch für das älteste glagolitische 
denkmal halte. Wir können sie durch unsere druck- 
form wiedergeben : 

IW (1) 

Sie zerfällt von selbst in albanesisch 

i\ und X 

d S 

bedeutet daher c^^, eine gewiss treffliche wähl zur be- 
zeichnung jenes slavischen lautes. Die totale idendität 
des M mit albanesischem schriftmateriale ist einer der 
merkwürdigsten belege unserer theorie. Die glagoliten 
haben an dem zeichen nicht gerührt, es kam durch 
den asseman ohne kalligraphische Weiterbildung auf uns. 

Man merke, dass die albanesische schrift palatale 
laute wie sansk. c, g, ital. ce, ge überhaupt als zusammen- 
gesetzte auffasst und durch combinationen, die aus 
dental d, t und s bestehen, avisdrückt, was auch wirklich 
in der eigenthümlichen entstehungsweise dieser laute in 
der albanesischen spräche begründet ist, §. 37, 38. 
Ebenso haben die alten albanesischen schriftbildner den 
(z. b. slavischen) laut c im gegensatze zu vielen anderen 
Schriften nicht mit einem einfachen zeichen, sondern 
mit t -f- z (tc, §. 24) ausgedrückt. Man muss dies fest- 
halten, um nicht etwa den einwurf aufkommen zu lassen, 
dass unsere Zerlegung eines für den laut des serb.-croat. 
dj, gj (= M) dienenden Zeichens in d -\- S nach einem 
künstlichen modernen lautphysiologischen Standpunkte 
gemacht wurde. Es ist klar, dass eine solche combi- 
nation ganz dem geiste der albanesischen schrift und 
spräche entspricht und einem slavischen köpfe nicht 
entsprungen sein konnte. Auf ganz andere weise schufen 
die Serben ihr i), §. 136. 

Erinnern wir uns des graphischen Ursprunges der 
beiden bestandtheUe : a d ist ein als d gesetztes grie- 



chisches lambda, §. 45, X S ein umgekehrtes römisch- 
cursives s, §. 28. Die Verbindung ist daher halb grie- 
chisch, halb lateinisch, wie alban. \t nj, daher gewiss 
eine verhältnissmässig junge bildung (jünger z. b. als 
die ligatur alban. ?, §. 31, deren prototyp als sj schon 
in der römistjhen cursive zu suchen ist). Es erübrigt 
bloss, zu zeigen, ob erst die glagoliten a. und X in jener 
weise aneinanderrückten, oder ob die ligatur A^ von 
ihnen schon fertig in der albanesischen mutterschrift 
vorgefunden wurde? Ich behaupte das letztere, weil 
auch die lautfolge &d in den elbassaner fragmenten auf 
eine ganz gleiche weise bezeichnet wird: 



V\ 



so im Worte xoucdo (omnis) in dem facsimile des evang. 
Johannis (Hahn, Alb. stud., z. 2). Jenes M dS des 
assem. ist offenbar nur die umgekehrte folge dieses $d. 
Die Verbindung hat zwar keinen platz in der reihe 
des alphabets bekommen, ich verzeichnete sie auf der 
tafel des alphabets von Elbassan, §. 1, unter den zu- 
fälligen, aber es ist bezeichnend, dass 5 und d ganz 
nach der weise des /V? verbunden werden in einer schiüft, 
deren entwicklung jeder fortlaufenden Verbindung wo- 
möglich abhold war. Daraus schliesse ich, dass die 
übrigens sich von selbst leicht einstellende Verbindung iVt 
schon in einer alten albanesischen schreiberschule ent- 
stand und als solche in die glagolica kam. Auch muss 
die totale abhängigkeit der glagoliten von ihrer mutter- 
schrift erwogen werden, selbstständige gebilde, neue 
Verbindungen haben sie nur selten geschaffen. 

Wenn aber die elbassaner schule id durch Xa. aus- 
drückt, warum gibt sie die ebenso häutige albanesische 
lautfolge ds nicht durch aX nach art des asseman 
wieder? Weil sich für ds in derselben eine andere, 
wie wir §. 151 nachweisen werden, ältere ligatur 

f 
fortsetzte, welche aus einem cursiven römischen d und 
einem ebensolchen (nicht gewendeten) s (s) besteht. 
Eine vergleichung unserer Zerlegung dieser ligatur nach 
§. 38 mit /W ergibt, dass der zweite theil in beiden 
combinationen, von der Veränderung der läge abgesehen, 
derselbe ist. 

Der unterschied des albanesischen und glagoliti- 
schen d§ ist 1. durch die verschiedene läge des römi- 
schen s (&) und 2. durch die verschiedene bezeichnung 
des d bedingt. Ihr eigentliches historisches verhält- 
niss werden wir erst nach der erklärung des glagol. d 
beleuchten können, §. 151. 

Es ist somit /V? ds einer der elbassaner sehr nahe 
verwandten albanesischen schreiberschule entlehnt. 

Ni hat in den übrigen denkmälern sehr abwei- 
chende Spielarten erzeugt. Ohne eine genauere er- 
wägung ihres alters und ihrer genealogischen Verhält- 
nisse könnte man leicht in den irrthum verfallen, sie 



— 112 — 



für ganz verschiedene formen zu halten. Vorerst wird 
die spitze des ersten bestandtheiles rundhch abge- 
stumpft, so schon im assem., insbesondere in den kleiner 
geschriebenen liturgischen an Weisungen: 

nß (2) 

wobei der erste theil im vergleiche zum zweiten auf- 
fallend niedrig wird, was im evang. grig. noch mehr 
hervortritt : 



r^ (3) 



Daran reiht sich 



^ 



(■i) 



des evang. zogr. Man sieht, wie die form der eigent- 
lichen glagolitischen kalligraphie erlag, indem eine 
echte glagolitische schlinge entstand, welche ganz selbst- 
ständig an das ende des Stieles rückte. Unwillkürlich 
erhält der untere ,theil in demselben denkmale einen 
kleinen federansatz : 



(oA 



(5) 



der im glag. cloz I und im sinaitischen psalter, pag. 83, 
zu einer vollständigen schlinge verfliesst: 



o-i 



P o? 



(6) 



Keine abrundung des ersten theiles, aber eine 
Veränderung des zweiten nach nr. 4 bietet der soge- 
nannte glagolitische sluäebnik und das sinaitische 
euchologium : 

^ (7) 

Der rundliche bogen der ligur nr. 4. wird recht- 
eckig abgestumpft (vgl. die gleiche Veränderung des 
glagol. V und d nach §. 150, 152) auch schon in den- 
jenigen denkmälern, welche den Übergang zum eckigen 
croatischen typus erst anbahnen, so im glag. cloz. II 
(nach einer Photographie) und im sinaitischen, von 
mehreren bänden geschriebenen psalter, pag. 269: 

J (8) 

ebenso im II. prager fragmente, wodurch die bildung der 
croatischen formen eingeleitet ist. Fragment Mihanovic : 



fl^ (9) 



inschrift von Zeng, 1330: 



^ 



(10) 



nur ist hervorzuheben, dass dieser letztere, anscheinend 
nur croatische ductus auch schon auf bulgarischem 
boden vorgebildet ist. In einem wahrscheinlich aus 



dem 13. Jahrhundert stammenden cyrillischen anhängsei 
des eben citirten glagolitischen sluzebnik (nr. 7), Srez- 
nevskij, Glag. pam., facs. XIV a, ist in dem namen 
rfop'krii mitten unter cyrillischen zeichen dja genau 
wie auf der inschrift von Zeng gezeichnet, und doch 
ist diese Zuschrift aller Wahrscheinlichkeit nach nicht 
in Croatien, sondern in Bulgarien entstanden, §. 165. 
Homiliar von Laibach (croat. 13. jahrh.): 



ffP 



(11) 



Sehr verwildert mitunter im sinaitischen psalter, 
pag. 77, 199: 

C^ r^ (12) 

§. 126. Das cursive t der glagolica. 

Die in §. 36 erklärten verschlungenen abarten des 
römisch-cursiven t 

T IT 

sind die directen grundtypen des glagol. t. Der nach 
rechts hin frei auslaufende strich, der rest des hori- 
zontalen querbalkens des T, gab den ältesten glagoliti- 
schen schriftbildnern gelegenheit, ihr beliebtes Ornament, 
die schlinge, anzubringen: 

OD 

(assem.), wodurch der buchstabe, wie so viele andere 
der glagolica, symmetrisch wurde. Es leidet keinen 
zweifei, dass dieses t der elbassaner schrift entlehnt 
ist, wir fanden es ganz unverändert in dem ersten 
theile der albano-römischen ligatur xa (ts): 



n 



§. 37, abgesehen davon, dass alle aus der glagolica er- 
schlossenen römischen demente nicht direct aus der 
römischen cursive, sondern nur aus einer albanesischen 
schreiberschule recipirt sein können, m hat keine 
nennenswerthen Spielarten erzeugt. Die schlingen wer- 
den viereckig auch verlängert, worüber wir noch im 
besonderen handeln werden. 

Wie verhält sich aber die figur des als freier 
buchstabe angewendeten alban. i 1 zu glagol. « ? Wir 
fanden, §. 23, dass es uns in der gestalt eines ganz 
jungen griechischen tau überliefert ist, hinter der ältere 
formen desselben liegen müssen. Wie ist es zu dieser 
gestalt gekommen? Der ganze unterschied des alban. 
und glagol. / löst sich in der römischen cursive auf 
und in dieser auch enthüllt sich die wahre älteste form 
des alban. t. War den albanesischen Schreibern das t 
ursprünglich nur in römischer gestalt bekannt, worauf 
glagol. / und eine albanesische ligatur zugleich weisen, 
und stand die albanesische schrift in ältester zeit, wie 
wir schon einige male hervorhoben, dem cursiven 



— 113 



Charakter näher als jetzt, so kommen wir zu der un- 
vermeidlichen annähme, dass die alten albanesischen 
Schreiber zur zeit der abzweigung der glagolica das t 
durch die mannigfaltigen schwankenden gestalten der 
cursive wiedergaben, aus welchen wir nach §. 36 nur 
zwei hauptformen, die kreuzförmige und verschlungene, 
hervorheben : 

T IT 

Das verschlungene wurde von den glagoliten ihren 
kalligraphischen neigungen gemäss (§. 156) recipirt und 
weitergebildet. Andererseits sind wir der folgenden ent- 
wicklung halber gezwungen, anzunehmen, dass die alba- 
nesischen Schreiber mit der fortschreitenden strengen 
stylisirung ihrer schritt und der allmäligen ausschei- 
dung der unnöthigen cursiven abarten desselben Zei- 
chens endlich bei dem ersteren kreuzförmigen t stehen 
blieben. Dann besassen sie ein i-zeichen, das von einem, 
ähnlichen tau der verschiedenen griechischen minuskel- 
gattungen dem grundzuge nach nicht verschieden war. 
Die ursprünglich römische iigur gerieth unvermeidlich 
in das fahrwasser griechischer schriftentwicklung in 
einer zeit, da die römische cursive längst ausgestorben 
war, die griechische schrift aber in Albanien fortwährend 
geübt, die nationalschrift bei ähnlichen oder gleichen 
zeichen sich anpassen und beeinflussen konnte. Alban. t 
erlag unwillkürlich einer gräcisation, nahm an den 
jüngsten Veränderungen des griechischen tau antheil, bis 
in den letzten Jahrhunderten aus dem kreuzförmigen tau 
jenes hohe verschlungene t 1 wurde, in welcher form es 
auf uns kam. Aber in der ligatur li; besass die alba- 
nesische schrift ein verschlungenes römisches t, das 
von allem anfange an formell von einem griechischen 
tau genügend geschieden war und dem einflusse seiner 
fortschreitenden Veränderungen nicht erlag. Daher die 
interessante thatsache, dass die albanesische schrift in 
einer ligatur ein uraltes römisches t, in freier anwen- 
dung aber das tau der jüngsten neugriechischen Schreib- 
schrift besitzt. Auch in der ligatur ts ist alban. t seiner 
kreuzförmigen gestalt halber den Veränderungen des 
freistehenden t gefolgt, §. 24. Der unterschied des 
alban. und glagol. t liegt in der geschichte der schriften. 
Vergessen wir nicht, dass die ganze entstehungsge- 
schichte des elbassaner und glagolitischen alphabets 
erschöpft wird durch die innigste berührung und durch- 
dringung lateinischer und griechischer demente; dass 
der angedeutete process in unseren schriften nicht verein- 
zelt dasteht, ja, dass er geradezu ein mittel zum Verständ- 
nisse der glagolica ist, in welcher mehrere ursprünglich 
römische zeichen (z. b. e, §. 72), die ihrem grundzuge 
nach von griechischen wenig oder gar nicht verschie- 
den waren, in den zug griechischer Veränderungen ge- 
riethen und so verkleidet auf uns kamen. Unsere 
kleinen, wenig verbreiteten nationalschriften konnten 
sich in ihren ländern nie dem einflusse der beiden 

Geitler, Die albanesischen und slavisclien scliviften. 



mächtigen europäischen culturalphabete entziehen. Bis 
in die jüngste zeit, bis zur entdeckung der inschrift 
von Baska und des sinaitischen psalters, kannten wir 
das croatische m nur im ductus der allerjüngsten mittel- 
alterlichen lateinschrift. Wir ahnten nicht, dass dies m 
die glagolica an alter überragt und eigentlich griechi- 
schen Ursprunges ist. 

§. 127. Die majuskcl f. der glagolica. 

Es ist jetzt nach der analogie des N von Baska 
und des croatischen M klar, dass glagolitisch 



T T 



die zum cursiven m zugehörige majuskel (capitale) ist. 
Da sie unzweifelhaft t ist, so liegt in ihr der beste 
beweis, dass auch unter der kalligraphischen Ver- 
kleidung ihres doppelgängers « irgend eine echte cur- 
sive t-ioTm versteckt sein muss. 

T ist als majuskel auch durch den vorherrschen- 
den gebrauch bei Bulgaren und Croaten gut bezeugt: 

1. auf der grossen inschrift von Baska (fig. 1) 
zeile 7, 10, 11, 12, 13 (bis); 

2. in der aufschrift des achridaner evang., Si"ez- 
nevskij, facs. VIII, im worte nacT'k (fig. 3); 

3. als herausgerückter grosser buchstabe in 
der lithographirten ausgäbe des evang. grig., pag. 65, 
zeile 28 im worte TiirA<J (fig- 2); 

4. dreimal als reichverzierte initiale im sinaiti- 
schen euchologium fol. 8a, 136, IIb; vgl. §. 157; 

5. am ausgeprägtesten im sinaitischen psalter (etwa 
flg. 3), als initiale pag. 103, oder sonst als grosser her- 
ausgerückter buchstabe pag. 21, 55, in der majuskel 
der aufschriften pag. 31, 34, 48 54, (bis), 80 (bis), 
189, 193, 216 (ter), 223, 230 (ter), 232 (ter), 238, 242, 
244, 245 (ter), 252, 335, 336. 

Auf diese ursprüngliche anwendung des t ist ge- 
wicht zu legen. Doch wurde dessen bedeutung als 
majuskel und seine beziehung zu n früh verdunkelt, 
es wurde auch in den test hineingezogen, wo es dann 
unter den kleinen buchstaben auch verkleinert wurde : 
sinait. psalter, pag. 19 (ter), 20, 21, 30, 50, 55, 57, 60, 
63 (bis), 64 (bis), 65, 66, 69, 73, 76 (bis), 77. 

öafafik, Pam. bläh, pis., fand dieses T im palimpsest 
von Bojana. Ich sehe es auf dem sonst unleserlichen 
anfange der 7. zeile des I. prager fragments. (I. B.) 

Der buchstabe verschwand in beiden zweigen der 
glagolica. Was wir fanden, sind gewiss nur reste eines 
einst lebendigeren gebrauches. Ueber die Ursache seines 
verschwindens §. 157. Würde T in der späteren croa- 
tischen glagolica das « nach dem beispiele des M 
(dem 'SS gegenüber) überwuchert haben, wozu die in- 
schrift von Baska hinneigt, wir würden jetzt wahrschein- 

15 



114 — 



lieh von einem spcciellen croatisehen t sprechen. Diese 
majuskel ist natürlich lateinischen Ursprunges, weil ihre 
cursive m lateinisch ist. Der horizontale querbalken 
mag nach griechischer manier tief herabhängende an- 
hängsei (iig. 3) bekommen haben; die farbenreiche 
initiale des sinaitischen cuchologium mag noch so sehr 
mit griechischen Ornamenten überladen sein, sie war den- 
noch lateinisch und wurde gräcisirt, weil die ganze 
glagolica dem einflusse griechischer kalligraphie erlag. 

§. 128. Das S der beiden slavischen Schriften. 

Wie die meisten eckigen formen ist 
UJ 
in der cyriliica und glagolica zu allen zeiten so starr 
geblieben, dass es keine irgendwie bemerkenswerthen 
abarten erzeugte. Es ist ein griechisches capitales 
omega; mit genau derselben gestalt erscheint es zuerst 
auf griechischen Inschriften des 2. — 4. Jahrhunderts 
(Franz, Elementa epigraphiaes graecae 244), erhält sich 
bis in die spätesten zeiten, wobei christliche Inschriften 
vor und nach dem 9. Jahrhunderte für unsere zwecke 
am wichtigsten sind (Boeckh, Corp. inscript. nr. 8609, 
9094, 8844, 8858, 8860, 8622 u. s. w.). Erst in ganz 
späten Zeiten des 12. Jahrhunderts, nachdem es sich 
längst in den slavischen Schriften festgesetzt hatte, 
dringt es, hie und da von seinem capitalen Ursprünge 
abweichend, auch in die aufschriften mancher griechi- 
scher minuskelcodices (vgl. Amfilochij in den trudy 
perv. arch. sjezda, tab. XXXVIII, a. 1020, 1022). Die 
Starrheit der form und ihre grosse Verbreitung in der 
zeit lässt eine locale oder zeitliche bestimmung ihrer 
reception von selten der ältesten cyrilliten nicht zu. 
Für unsere zwecke genügt es, zu wissen, dass sie vor 
dem entscheidenden 9. Jahrhundert da war. Es ist 
folgendes zu beachten: 

1. das zeichen war ursprünglich nur den cyrilliten 
eigen, denn nur diese schöpften aus der griechischen 
capitale, um ihre unciale zu ergänzen, wobei sie die 
bedeutung der entlehnten formen nach bedarf um- 
stempelten; 

2. aus der cyriliica drang ui in die glagolica und 
verdrängte in ihr ein nachweislich älteres echt alban. 
i^-zeichen, §. 28, 125, 132; 

3. der buchstabenname des ui ia ist albanesischen 
Ursprunges, §. 175. Er gehörte ursprünglich demjenigen 
albano-glagolitischen s-zeichen, das die glagoliten vor 
der reception des cyrill. uj besassen. Als dieses in die 
glagolica eindrang, wurde der name sa auf dasselbe 
übertragen. 

§. 129. Die slavische ligatur St. 

Cyrill. i|j, wovon glagol. W erst abgeleitet ist, ge- 
hört zu den ältesten gebilden der slavischen Schriften ; 
der mönch Chrabr, kennt es, in der glagolica hat es 



einen zahlwerth. Unrichtig ist die meinung, dass der 
gebrauch des i\} statt uiT auf die relative Jugend einer 
handschrift hinweise. Allerdings ist 141 erst aus 

LU 

T 

entstanden, aber das prototyp der ligatur muss schon 
existirt haben, ehe man cyrillisch schrieb. Der usus 
der jüngeren glagolica und cyriliica beweist nichts. 
Man erwäge vorerst die thatsachen. Von den älteren 
denkmälern haben ausschliesslich 141 ö das sinaitische 
euehologium, die savvina kniga, evang. listki Undols- 
kago, sluckaja psaltir, Inschrift von Baäka, die Urkunde 
des ban Kulin. iji und lUT halten sich mehr oder 
weniger die wage: im evang. grig., assem., psalter von 
Bologna, achridaner pi-axapostolar, ostrom., chilandarskie 
listki (nur einmal uit). ujt herrscht im älteren theile 
des zogr., im cloz., im makedonskij listok, im sup. 
(i|l ganz selten). Das pariser abecenar hat kein HJ, da- 
gegen bemerken wir es auf der gelöschten schrift des 
jüngeren theiles des zogr. 

Der untere theil des iji wird in der glagolica ver- 
schlungen, die schlinge steht in der regel in der mitte : 

selten wii'd sie nach rechts oder links gerückt, wobei 
sie auch eckig werden kann: 

achrid. evang. Sreznevskij, facs. VIII, z. 2; auf der 
gelöschten schrift des jüngeren theiles des zogr., bl. 466, 
in dem noch erkennbaren aipt; in einem fragmente 
eines croatisehen missale (14. jahrh.) der prager biblio- 
thek; in croatisehen Urkunden des 14. Jahrhunderts; 
auf der Inschrift von Baska, z. 12. Inschrift von Dobrinje 
(Veglia) 1576: 

W ö 

(vgl. die c-formen derselben Inschrift, §. 138). 

Aber das T kann auch über das ui gestellt wer- 
den, was ich für den Ursprung der ligatur it überhaupt 
für sehr bedeutsam halte: 

T 
UJ 

häufig im sup. und im achridaner praxapostolar, einmal 
in der savvina kniga, Sreznevskij, Pam. jus. pis., p. 15. 
War m ursprünglich nur cyrillischer buchstabe, 
so war dies auch i\i, dessen beide bestandtheile zudem 
griechischen capitalen charakters sind, also der glago- 
lica fremd sein müssen ; es fragt sich, ob sich nicht 
ein prototyp der ganzen ligatur m in griechischer schrift 
findet. War in omega, so mu.ss i|i wx gewesen sein. 
Zu allen zeiten und in den verschiedensten gattungen 
griechischer schrift war es beliebt, die lautfolge tw 



115 — 



durch irgend eine combinatioii wiederzugeben. Beide 
zeichen werden in inschriften je nach der sehr variiren- 
den form des omega zu verschieden geformten ligaturen 
verschmolzen (Boeckh, Corp. inscript. nr. 6907, 2096). 
Gewöhnlich wird t über w gestellt: ijö. Dies letztere 
wird nicht bloss von oben herab tti), sondern auch von 
unten aus on gelesen auf späteren christlichen inschriften, 
als Schrift und Orthographie verwilderten (Boeckh, nr. 9369 
im werte ix'(i.(i>-am:, dann nr. 9371, 9372 u. s. w.). Dies 
ist sehr wichtig. Auf einer anderen christlichen In- 
schrift, Boeckh, nr. 8771 aus dem jähre 1366 („Vostitzae 
Pelopounesi") findet sich mehrere male die silbe xw mit 



V 



geschrieben, in welcher ligatur dem (ü entgegen eine 
omega-form über dem tau steht. Natürlich konnte 
dieselbe form von oben herab gelesen auch lu- bedeuten. 
In einer solchen ligatur ist, von dem nichts be- 
deutenden unterschiede in der form des omega 
abgesehen, das wahre prototyp des cyrill. i\i zu 
suchen, das seinem graphischen werthe nach 
wirklich eine ligatur m- war. Hatten die cyriUiten 
einmal omega ui für s gesetzt, so lag es nahe, nach 
dem vorbilde derselben griechischen capitale, mit der 
gerade die interessantesten (sogenannten „ungriechi- 
schen") zeichen der cyrillica so innig zusammenhängen, 
uT-verbindungen für st zu setzen, und zwar in ebenso 
schwankenden Zusammenstellungen : 

capitales griechisches (ot: lö Y lUT 
cyrillisches ä<: iD ly uiT 

Einmal steht t über dem S, das andere mal unter dem- 
selben, oder es wird ihm voi'gesetzt, ganz wie bei dem wx, 
daher der streit über das relative alter des i|j oder 
UIT wohl beseitigt ist. Man vergesse aber nicht, das 
ebenso alte iu in rechnung zu ziehen. 

Also nicht der umstand, dass die lautfolge St als 
eine charakteristische lautcombination der altbulgari- 
schen spräche schon den alten schriftbildnern gerade 
auffallen musste, nicht das praktische bedürfniss hat 
ein besonderes zeichen für die lautfolge st hervorge- 
rufen, sondern einzig und allein die mutterschrift, welche 
dazu die handhabe bot. Für das sprachlich ebenso 
wichtige iKji, ist eine ligatur nie geschaffen worden, 
weil in der griechischen schrift kein anlass dazu vor- 
lag. (Diesen versuch scheint eist der schreiber der 
XIII. slov. grig. bog., 11. jahrh., gemacht zu haben, 
der ein jk über js^ stellte, vgl. Budilovie facs. unter 
den „verkürzten buchstaben".) 

Auch die albanesischen schreiber besitzen ein 
besonderes zeichen für St auch nur deswegen, weil 
die römische cursive ein typisches st (= H) besass, 
obwohl es ihre spräche noch weit weniger benöthigte 
als die altbulgarische, §. 29. In seiner entsprechend 
älteren gestalt (ibid.) war auch dieses alban. st den 



glagoliten bekannt. Den directen beweis dafür haben 
wir iu dem slavischen buchstabennamen des i|j W, sta, 
der nur albanesischen Ursprunges sein kann, §. 175. 
Aus dem albanesischen namen Sta schliessen wir zurück 
auf die ehemalige existcnz eines albanesischen st in 
der glagolica, um so mehr, da ja die elbassaner schrift 
wirklich ein St in einer, wie wir glauben, jüngeren form 
besitzt. Als griech. -cyrill. lu das einheimische albano- 
glagol. § verdrängte, wich auch das alban. St dem griech. - 
cyrill. i|i (W) und der name'ste, der ursprünglich (und 
noch jetzt) an dem Ä und einst an seinem graphischen 
Vorgänger, §. 29, haftete, wurde auf i|j und W übertragen. 

Der bekannte zahlwerth des cyrill. w 800 wird 
in manchen handschriften abweichend vom griechischen 
usus auf die combination w) übertragen (Sabas, Speci- 
mina, unter den jähren 1296, 1311, 1386, 1369). Nun ist 
der graphische werth des glagol. *& ebenfalls wx, da es 
nur ein aus der cyrillica entlehntes und kalligraphisch 
verändertes iji ist, und sein zahlwei'th auch 800. In 
der bosnischen cyrillica bedeutet 14J 800. Dies kann 
kein blosser zufall sein. 

Vor allem anderen findet die thatsache der Über- 
tragung des zahlwerthes eines einfachen Zeichens auf 
eine von ihm abgeleitete combination eine treffende 
analogie in dem cyrill. oy- I"^ griechischen bedeutet 
Y 400, in der cyrillica aber die ypsilon enthaltende 
combination o\,'. Merkwürdiger weise hat cyrill. w (800) 
den buchstabennamen ot. 

Die nicht hinwegzuläugnenden Wechselbeziehungen 
aller dieser umstände glaube ich auf folgende weise 
zu erklären. Ursprünglich stand uj in der reihe des 
cyrillischen alphabets, obwohl für S gesetzt, als ehe- 
maliges echtes omega-zeichen mit dem zahlwertlie 800 
(etwa wie sampi einst 900 bedeutete und e galt und 
wie noch jetzt vaic mit dem lautwerthe dz 6 bedeutet). 
Dieser wurde einst auch auf die combination i\\ übertra- 
gen, dessen reflex noch die glagolica und der bosnische 
zweig der cyrillica bewahrt hat. Andererseits konnte 
der buchstabenname ot ursprünglich nur an dem i|j 
haften; er ist entgegen allen übrigen kein appellativer 
name, nicht die präposition OTTi, sondern das buch- 
stäblich gelesene m (iut wx). Bei der schliesslichen 
redaction der cyrillica, als sie die anfänglich nur der 
glagolica eigenen albanesischen buchstabennamen an- 
nahm, wurde der dem alban. St gehörige name Sta 
auf i|j und der name ot auf w übertragen. 

In ältester zeit muss noch das bewusstsein lebendig 
gewesen sein, dass lU omega sei. , 

Bohoric (1584) gibt omega in der reihe nicht 
mit IV, sondern vv. Kocca und andere unterscheiden w 
mit dem buchstabennamen co und ö> mit dem namen ot. 

§. 130. Cyrillisch iv, eine unciale, scheint in 
der allerältesten cyrillica kein integrirender bestand- 
theil des alphabets gewesen zu sein, wenn wir recht 
hatten, vorauszusetzen, dass an seiner stelle ursprüng- 

15* 



116 — 



lieh i|i oder ui mit dem werthe 800 stand, und erwägen, 
dass es in der slavischen schrift überhaupt überflüssig 
ist. Erst die engste anlelinung an alle äusscrlichkeiten 
der griechischen schrift scheint die aufnähme des iv 
und die eben bemerkten Verschiebungen des namens 
ut und des zalilwertlics 800 bewirkt zu haben. 

§. 131. Das glagolitische s. 

Jenes umgekehrte römisch-cursive s 

X 

das in der elbassaner schrift als S gesetzt ist, dessen 
staunenswerthe unverändcrlichkcit durch den zweiten 
theil der tausend jähre früher belegten ligatur 

des assem. bestätigt wird, ist auch die mutterform des 
glagol. s. Nur eine der gewöhnlichsten kalligraphischen 
Umwandlungen, der verschluss des offenen unteren theiles, 
bat die ligur verkleidet. Dadurch entstand in dem 
malenden ductus der glagolica ein kreis, der auf einem 
dreiecke steht: 

9 

(assem.) Besonders deutlich ist die tigur, wo immer 
sie grösser gezeichnet wird, als herausgerückter buch- 
stabe des assem., in den aufschriften des cloz. Ihr 
widerspiel ist glagol. i 

S 

das aus einei- ähnlichen ligur mittelst desselben kalli- 
graphischen mittels entstand, ein massstab der richtig- 
keit unserer herleitung, §. 93. Auch einige der wei- 
teren Veränderungen sind dem 8 und 8 gemeinschaft- 
lich. So wie bei 8 wird auch das dreieck des 8 tief 
in den kreis gesteckt, die figur überhaupt zusammen- 
gedrückt : 

pariser abecenar und in manchen denkmälern, welche 
zum eckigen ductus hinneigen, achrid. evang., sinait. 
psalter; im I. prager fragment ist der kreis schon 
segmentartig abgeschnitten : 

was auf der Inschrift von Baska wiederkehrt: 



S' 



Oben abgestumpft ist s auch im jüngeren theile des 
zogr., im fragm. Mih., auf der kleinen inschrift von Baska. 
In der späteren croatischen glagolica wird der runde 
obertheil wieder zur regel (laibacher homiliar, heil. 
Thekla) : 

9 

und jene ältere form, die aus einem regelmässigen 



kreise und dreiecke besteht, behauptet sich als initiale 
selbst noch in drucken. Inschrift von Dobrinje 1576: 



9 9 



In der croatischen cursive kehrt dann das zei- 
chen in einem zuge geschrieben gleichsam zu seiner 
Urform zurück: 



/ 



neben 



Q 



Wie eine birne in den aufschriften des sinaiti- 
schen euchologium und im sogenannten sluzebnik: 



^ 



und ähnlich als initiale auch noch in croatischen drucken. 
Die grundlage jeglicher paläograpliischer Zergliederung 
kann natürlich nur die form des assem. sein; lässt 
man den unteren verschluss weg, so springt die alba- 
nesisch-römische grundform mit aller deutlichkeit hervor. 

§. 132. Die Verbreitung des römisch-cursiven s 
in den albano-glagolitischen Schriften. 

Es war den albanesischen Schreibern darum zu 
thun, ein 5-zeichen, das sie weder bei Griechen, noch 
Lateinern fanden, zu schaffen. Dazu wurden differen- 
zirte figuren des römisch-cursiven s herbeigezogen. 
Für s setzte man das der unciale noch nahestehende 



§. 26, das auch in ks steckt: 



§. 13. Aber auch ein streng cursives s 



r 



ist mit demselben lautlichen werth in ps 

enthalten, §. 27. Schon hier beginnt ein schwanken. 
Dasselbe s ist als s gesetzt in gewissen w-ligaturen: 



9 



§. 37. Noch wichtiger sind die Schwankungen in be- 
zug aufläge und lautwerth des verschlungenen röm. s: 



H 



In seiner ursprünglichen läge und als s gesetzt 
erscheint es in glagol. und cyrill. z (= Sj), in einem 
alban. tc und alban. dö: 



S(, 



^ f 



f 



§. 113, 37, 38. 



— 117 



Auf den köpf gestellt und ebenfalls i geltend in 
alban. S, & (= Sj), St und glagol. dja: 

§. 28, 32, 29, 125. 

Ebenfalls gewendet, aber mit dem werthe s in 
glagol. s: 

§. 131. 

Dieselbe inconsequenz kehrt in beiden Schriften 
wieder. Das verschlungene s kann in ursprünglicher 
läge: 55 (Sj) und auch gewendet: M (ds) S bedeuten. 
Und doch ist es, wenn man 36 und 8 vergleicht, wahr- 
scheinlich, dass die Wendung ursprünglich nur dem 
zwecke der differenzirung für S und s diente. Ist es 
möglich, dass je in einer und derselben glagolitischen 
schreiberschule 8 (s) neben Ni (di) bestand zu einer 
zeit, da die kalligraphische Umbildung noch nicht durch- 
geführt war? Vor dem verschlusse war ja 8 von dem 
zweiten theile des M nicht verschieden. Schon im vor- 
hinein sehen wir, dass die glagolica von der elbassaner 
schule trotz totaler identität des Zeichens abweicht: zu 
alban. X S stimmt zwar der zweite theil des Af ds, 
aber 8 formell gleich X widerspricht mit der geltung s. 
Diese Widersprüche lösen sich nur dann, wenn wir in 
bezug auf die bezeichnung von S und s bei Albanesen 
und glagoliten mehrere local getrennte und verschie- 
dene orthographische manieren voraussetzen, ein ge- 
danke, der sich uns schon mehrere male aufdrängte. 
Ist die albanesische schrift auf dem natürlichen wege 
langsamer reception und zugleich an mehreren orten 
zu dem westmacedonischen slavenstamme gekommen, 
so ist die uns überlieferte glagolica nur eine schliess- 
liche zusammenfassende redaction theilweise verschie- 
dener, einst getrennter Schreibergewohnheiten. Den- 
selben eindruck macht auch die uns überlieferte redac- 
tion der elbassaner schrift. 

Wir können jetzt auch den wahrscheinlichen grund 
ahnen, aus welchem uns der zweite theil des /V? in 
ganz unverändertem zustande überliefert worden. Würde 
an demselben die der glagolica bei einer solchen tigur 
entsprechendste kalligraphische Veränderung, der ver- 
schluss am unteren theile, durchgeführt worden sein, 
er würde mit 8 formell zusammenfallen. 

Die grundform des glagol. i 8 (vgl. §. 93) muss 
einem römischen verschlungenen und nicht gewendeten s, 
sei es, dass dieses einst in der glagolica für sich oder 
auch nur als theil der ligatur 56 im gebrauche war, 
zum mindesten äusserst ähnlich gewesen sein. Wie 
etwa die älteste kalligraphisch unveränderte glagolica 
beide zeichen schied, wissen wir nicht. Vielleicht stand 8 
auf der zeile, während über die ehemalige Unterlänge 
jenes s kein zweifei besteht, §. 25. 

In den in verschiedenen albano -glagolitischen 
schreiberschulen schwankenden bezeichnungen des s 
und S, die bald durch differenzirte römische *•, bald 



durch Veränderung der läge desselben Zeichens wieder- 
gegeben wurden, ist endlich aller Wahrscheinlichkeit 
nach der grund zu suchen, aus welchem die glagoliten 
bei der definitiven anordnung ihrer schrift der besseren 
Unterscheidung halber das cyrill. lu recipirten. So 
kommt es, dass die glagolica zwei 5-zeichen besitzt: 
1. das ältere albanesische in zwei verschiedenen lagen 
in 56 und A?; 2. das von ihrem Standpunkte aus jüngere 
cyriU.-griech. lu, zwei marksteine ihrer geschichte. Als UJ 
entlehnt wurde, waren 56 und iV? gewiss schon feste, 
an sich markant verschiedene figureu, an denen man 
nicht zu rühren brauchte. Nur das freistehende alte s 
wich und mit ihm jene alte «^ligatur, welche die 
albanesische mutterschrift noch jetzt besitzt und die 
vielleicht in einer entsprechend älteren gestalt auch 
in der alten glagolica bestand, §. 129. Die directen 
unantastbaren Zeugnisse der existenz eines echten alt- 
glagol. S und St sind eben die buchstabennamen Sa 
und Sta, welche auf die neuen acquisitionen m und W 
übertragen wurden. 

§. 133. Wir müssen uns wieder der griechischen 
capitale zuwenden. Aus ihr sind abgeleitet sämmtliche 
cyrill. und glagol. S und c und alle serbischen dja. 
Alle diese zeichen sind unter einander graphisch ver- 
wandt, alle sind aus griechischen ypsilonformen ent- 
standen, sie müssen alle im zusammenhange untersucht 
werden. Sie waren anfänglich nur cyrillisches gut und 
wurden theilweise von der glagolica recipirt. 

§. 134. Die cyrillischen c. 

I. abart. 

Im sup. ostr., izbornik svjat., savvina kniga, 
bologn. psalter hat c diese figur: 



Dieselbe gestalt erscheint als ypsilon auf griechi- 
schen inschriften schon vor ehr. (Boeckh nr. 4682), 
häufiger nach ehr. (Franz, Elementa 246), und setzt 
sich dann bis in die jüngsten christlichen inschriften 
der verschiedensten länder fort (Boeckh nr. 9771, 8947 e, 
8971 u. s. w.). 

II. abart. 

Theilweise in denselben alten handschriften, im 
izbornik (1073), greg. naz., in den handschi-iften des 
Joann Exarch erscheint der runde köpf der ersten ab- 
art rechtwinkelig zugeschnitten: 



V 



Es ist mir nicht gelungen, diese abart in grie- 
chischen inschriften zu entdecken. Die möglichkeit 
ihres Vorkommens bezeugen die werte Franz's, Elementa 
epigraphices graecae 244, nach welchem neben allen 



— 118 — 



runden formen griechischer inschriften nach ehr. auch 
gercadlinige, eckige vorkommen: „omnino aetatc romana 
stilum multiplex scripturae usus invasit. Nam quae 
tres scripturae poni possunt, quo litterarum angulares 
(rhomboidcs) et quadratae formae a rotundatis sepa- 
rentur, ut earum l'ormac congruae non ubique con- 
iunctac sunt, sed componuntur promiscue. Sed hoc 
mirum vidcri non debet aetate ea, qua plures saepe 
unius littcrae formae miscentur." An derselben stelle 
sind die betreffenden buchstabenreihen zu vergleichen. 
Dasselbe gilt auch für spätere christliche inschriften. 
Aus einer solchen quelle muss auch die geradlinige 
abart des cyrill. 6 abstammen. 

In der handschrift des greg. naz. (ll.jahrh.) ist 
noch ausserdem der obere theil sehr hoch, das füss- 
chen kurz : 



worauf wir noch zurückkommen werden. 

III. abart. 

Die hörner der ersten abart werden manchmal 
im sup. tief einwärts gebogen: 

V 

(Vgl. ein ypsilon einer späten christlichen inschrift, 
von der wir ein serb. dja ableiten werden, §. 136, 
abart 4.) Wieder hat dieses c eine eckige zwillings- 
form neben sich: 

mit einwärts gekehrten hörnern, in der Unterschrift der 
serbischen Urkunde „kletva velikoga bana Matie Stje- 
pana" 1244 (Glasnik srb. VI). 

IV. abart. 

Kalajdoviö führt aus Joann Exarchs sestodnev 
(1263), tafel 8, ein über der zeile stehendes 6 an: 



Ein ähnlicher halbkreis als capitales ypsilon auch 
bei Franz, pag. 246, bei Sreznevskij „alte christliche 
inschriften aus Athen" aus den jähren 926, 930: 

o 

Merkwürdiger weise bedeutet dasselbe zeichen über 
der zeile o\f im ostrom. und greg. naz. (vgl. §. 104). 
Darin eben liegt ein merkwürdiger beweis seiner her- 
kunft vom ypsilon, denn nur dieses kann in der cyril- 
lica auch cy vertreten. Von dem überzeilig gesetzten ', 
das von der bracheia abzuleiten ist, §. 100, unterscheidet 
es sich nur durch seine grosse. 

Zu dieser runden abart gehört wieder das be- 
kannte spitzige ypsilon 

V 



der griechischen inschriften. Es gilt c in bosnischen 
inschriften des 17. (?) Jahrhunderts, Arkiv za povjestnicu 
jugoslav. IV. 148, ebenso in bosnischen drucken und 
bei Bohoriö 1584. Ja schon im zografskoe cetvero- 
evang. aus dem jalii-e 1305 muss 6 nach Sreznevskij's 
beschroibung drev. pam. jus. pis. 123 eine solche ge- 
stalt haben. In bosnischer cursive: 

(Beröi6, „bukvar"). 

V. abart. 

Ein sehr gewöhnliches capitales y 



gilt c im serbischen apost. äisat., facsimile der aus- 
gäbe Miklosich. Selbst das y in der combination oy 
desselben codex ist von diesem c höchstens dadurch 
unterschieden, dass sein langer herabfallender fuss 
unter die zeile reicht, während dieses c auf der zeile 
steht. Es entsteht die frage, ob wir wirklich eine be- 
sondere c-form vor uns haben, oder ob sie nicht durch 
secundäre graphische Veränderungen aus dem rund- 

köpfigen ^^ entstand. In russischen handschriften 
wenigstens scheint nach der tabellarischen Übersicht 
der cyrillischen alphabete bei Sabas V^ ganz unmerk- 
lich in Y überzugehen, insbesondere dann, wenn es, 
wie im sis., dicker aufgetragen wird. Dennoch schien 
mir die form erwähnenswerth auf serbischem boden, 
wo die verschiedensten ypsilonformen als 6 und c un- 
verhüllter als irgendwo auftreten. 

VI. abart. 

Dasselbe gilt von der form 



die bisher aus nicht besonders alten handschriften be- 
kannt ist. Sabas führt es auf seiner Synopsis unter 
dem jähre 1296 an, Sreznevskij, svedenija i zametki 
aus der makedonskaja kniga apost. ötenij des 13. Jahr- 
hunderts. Sollen wir sie mit dem letzteren für jung 
halten, da sie mit der form der modernen cyrillischen 
Schreibschrift zusammenfällt, wo sie wohl allmälig aus^-'^ 

entstand — wogegen nicht leicht anzukämpfen wäre — 
oder geht sie als unabhängige form auf ein gleiches 
capitales y zurück? das Montfaucon, pal. gi*. 336 an- 
führt und in inschriften, wiewohl selten, zu finden ist 
(Boeekh nr. 5192, auch auf späteren christlichen, nr. 8704, 
ll.jahrh., z. 5.; nr. 8804, z. 4; Sreznevskij, drevnie hrist. 
napisi v Athinahi. aus dem jähre 1060, 1152). Dieses 6 
ist einem griechischen koppa äusserlich ganz gleich, es 
wird auch cyrill. c statt koppa gebraucht. Nach Vostokov 



— 119 



ist die Anwendung des 



crscheiniing. 



c für 90 überhaupt eine späte 
Die alte cyrillica besass noch eine an- 



dere c-form, §. 136, nr. 4, 



138. 



§. 135. Das cyrillische c. 
Ein anderes capitales ypsilon 



^ 



(Nouveau traitd, pl. X, Boeckh nr. 8704, z. 2, 11. jahrh.), 
auch in der semiuncialen griechischen Unterschrift der 
lateinischen Urkunde aus dem jähre 967, Codex Ca- 
vensis II, mit dem geradlinigen köpfe und dem langen 
herabfallenden fusse ist in der cyrillica als c gesetzt, 
im sup., Ostrom, u. s. w. Schon in ziemlich alter zeit 
wird der fuss sehr verkürzt, maked. kniga ap. ct. 
(13. jahrh.), nach Sabas Synopsis sogar schon im 
jähre 1096. Die horizontale durchschneidet manchmal 
den hauptstrich: 



^ 



In manchen russischen handschriften, Sabas, aus 
den jähren 1220, 1398, 1400, ist c von dem y des oy 
nur wenig unterschieden. Die älteste cyrillica hatte 
noch ein zweites ypsilon für c gesetzt, §. 139. 

§. 136. Die serbischen und bosnischen dja. 

Der bulgarische liauptzweig der cyrillica bezeich- 
nete den laut des erweichten g mit r. Nur einmal 
findet sich glagol. M mitten unter cyrillischer schrift, 
in der cyrillischen Zuschrift des sogenannten glagoliti- 
schen sluzebnik (Sreznevskij, glag. pam., facs. XlVa 
im namen Mcop/VtH), woraus natürlich kein sicherer 
schluss auf seinen etwaigen gebrauch bei cyrilliten zu 
ziehen ist. Es ist daher anzunehmen, dass die cyrillica 
kein besonderes dja-zeichen besass, als sie zu den Ser- 
ben kam. Ganz unabhängig vom altcyrillischen und 
glagolitischen gebrauch schufen schon die alten serbi- 
schen Schreiber ein neues eigenes dja. Ihre wähl kann 
treffend genannt werden : sie fassten den zu bezeichnen- 
den laut dj (=z etwa dz) als dem c ähnlich auf, denn 
alle abarten des dja sind differenzirungen der zahl- 
reichen zeichen für c. 

I. abart. 

Die hohe geradlinige abart des cyrill. ^, §. 134, 
nr. 2, mit dem kurzen fusse 

y 

gilt in der serbischen schrift dja. Nach l^ivanovic, 
srpski letopis 1872, soll sie zuerst auf einer Inschrift 
aus dem jähre 1664 auftauchen. Wenn auch die denk- 
mäler der rumänischen cyrillica, in welche dasselbe 
zeichen mit derselben geltung herübergenommen wurde, 
nicht viel älter sind, so ist doch wohl diese thatsache 



an sich schon geeignet, das alter dieses dja mehr 
hinaufzurücken. Die dazu gehörige cursiv-bosnische 
form mit dem nach links gerückten füsschen 



in Beröi6' bukvar. Es wurde somit eine abart des 
cyrill. 6 ohne jegliche graphische Veränderung bloss 
vom standpimkte einer allgemeinen lautähnlichkeit von 
serbischen Schreibern für di^, dj gesetzt. In anderen 
fällen suchte man nach einer äusseren differenzirung. 

II. abart. 

Alle übrigen abarten sind durch eine um- 
kehrung von ^-formen entstanden. In der Urkunde 
des ban Stjepan aus dem jähre 1249, „Glasnik" VI, 
ist das im werte sudju geschriebene dja 

A 

ein gewendetes cyrill. V mit rundem köpfe (§. 134, 
abart I), das die Urkunde ebenfalls anwendet. Der 
federzug des dja und c ist dort bis auf die verschie- 
dene Stellung genau derselbe. 

III. abart. 

Das rechtwinkelige S 



V 



§. 134, nr. 2, gilt gewendet dja: 



in einem serbischen evangelium des 12. Jahrhunderts 
(Sreznevskij, svedenija i zametki 141, Porfirij Uspenskij, 
christianskij vostok VI, 34). 

IV. abart. 

Viele griechische capitale ypsilonformen können 
in der mitte einen sonst bedeutungslosen querstrich be- 
kommen. Auf derselben Inschrift kann ypsilon mit 
und ohne querstrich erscheinen. Dasselbe Ornament 
durchschneidet die verticale des jota, des ']/ (Boeckh 
nr. 2876, 3212). Auch der uncialen cyrilhca ist es 
nicht fremd (vgl. die buchstaben p n i in dem facs. 
des bologner psalters, Chodzko, Grammaire, pag. 260). 
Daher jenes rundköpfige ypsilon, aus der wir die I. und 
UI. abart des c, §. 134, ableiteten, auf einer christlichen 
Inschrift (Boeckh, nr. 8645) auch durchschnitten wird: 



worauf eine gewöhnliche form des serbischen dja zu- 
rückgeht, Urkunde des königs Tema Ostojic 1444 
bis 1460, Glasnik VI, wo es aber schon nach jüngerer 
gewohnheit c (tj) gilt : 



A 



120 



Es ist interessant, dass auch die kleinsten eigen- 
schaften dieser griechischen capitalen bei den ver- 
wandton shivischen zeichen wiederkehren. Vielfach 
correspondirt der federzug eines serb. S und dja in 
derselben handschrift. Im nikolsko evandejije ist der 
köpf des c äusserst niedrig und flach und darnach 
richtet sich auch sein widerspiel das dja: 



Aus diesem dja entnehmen wir, dass es alte cyril- 
lische handschriften gegeben haben muss, welche 
neben \^ auch noch jenes durchstrichene griechische 

ypsilon als c anwendeten, denn alle serb. dja konnten 
erst aus schon bestehenden, von den Bulgaren reci- 
pirten S gebildet werden. Wir haben keinen grund, 
die cyrillica bei Serben entstehen zu lassen, oder vor- 
auszusetzen, dass sie zur ausbildung ihrer schrift un- 
vermittelte entlehnungen aus der griechischen capitale 
gemacht hätten. 



V. abart. 



Die II. abart des c, §. 134, mittelst des quer- 
striches difierenzirt und gewendet, 



erscheint als c (tj) auf bosnischen inschriften (arkiv 
za povjest. jugosl. IV, 148). Die alte serbische schrift 
bezeichnete c (tj) mit k. Seit dem 14. Jahrhunderte 
werden auch c^'a-formen dafür gesetzt, und es ist schon 
vor Vuk Karadzic zu graphischen differenzirungsver- 
suchen des c-dj gekommen. Paläographisch ist jedes 
serb. c'-zeichen als dja aufzufassen. 

Ein solches dja muss einst in aufrechter gestalt 
in verschollenen cyrillischen handschriften 6 bedeutet 
haben. Diese Voraussetzung ist diesmal um so sicherer, 
als sie durch die glagolica direct bestätigt wird, §. 138. 

VI. abart. 

Ein griechisches ypsilon 

Y 

das nach §. 134 nr. 5 vielleicht auf serbischem boden ö 
galt, erscheint mit dem querstriche differenzirt 



¥ 



auf späteren christlichen inschriften (Boeckh nr. 2746, 
8665, 8694, 8710, 8641, 8641, 8771; auch in alter 
griechischer unciale, Gardthausen, Griech. pal., taf. I, 
unter dem jähre 650); gewendet ist es dja: 



A 



(Vgl. das durchstrichene bosnische c. §. 137.) 



VII. abart. 

In der Urkunde des ban Kuhn 1189 steht z. 3 



im worte gradjam, dem anscheine nach ein umge- 
kehrtes cyrill. u, nach §. 135, das die Urkunde eben- 
falls besitzt. Vielleicht hat auch das in der cyrillica 
als c gesetzte griechische ypsilon 



^ 



irgendwo S bedeutet, welches dann gewendet dja ergab. 

VIII. abart. 

Auf bosnischen inschriften, arkiv za povjest. ju- 
gosl. IV, hat c (dja) die form: 

A TV 

(vgl. das erste mit dem durchstrichenen aufrechtstehen- 
den 5 derselben inschriften §. 137; das zweite mit 
einem ganz gleichen, nur aufrecht stehenden ypsilon 
der inschrift der kleinen Hagia Sophia, Dethier, Sit- 
zungsber. der k. akad. der wiss., 1858). 

Geschlossene formen: 

Die neigung beider slavischer Schriften, die enden 
zweier divergirender Knien miteinander zu verbinden, 
hat auch dja-iovmen ergriffen. In einem mit bosni- 
scher cyrillica geschriebenen neuen testamente aus dem 
jähre 1404 (Sreznevskij, sved. i zam. 189), ist die zu- 
letzt genannte abart nr. 8 (für c und dj) in ein reines 
dreieck verwandelt worden: 

A 

Der Schreiber eines serbischen pomenik des 15. Jahr- 
hunderts, Novakovi6 srj)ski pomenici 19, hat es einem 
cyrill. ^ ähnlich gemacht: 



Ä 



Ein anderes, dem 13. — 14. Jahrhunderte ange- 
höriges dja 



i 



fand ich in einer inschrift in Skoplje (Uesküb), Mace- 
donien. In der dem Wardar zugekehrten seite der 
bürg ist eine serbische, theilweise zerstörte inschrift ein- 
gemauert, deren züge mit den inschriften der letzten 
byzantischen Zeiten zu vergleichen sind. In drucken 
tindet sich; 



t 



§. 137. In der bosnischen schrift sind die rollen zwi- 
schen c und c wie ausgewechselt. Das cyrill. S 



Y 



— 121 



bedeutet als majuskel in drucken c, ebenso das als 
minuskel gebrauchte 



Ist das zeichen in handschriften initiale, so er- 
hält es nach Beröic jene zwei charakteristischen punkte, 
mit denen y schon in alten griechischen handschriften 
vorzukommen pflegt; es hat dann diese form: 



f 



Auf der inschrift von Baska, z. 1, wo 6 als Zahl- 
zeichen auf einer ziemlich beschädigten stelle steht, 
glaube ich ihm folgende form zu geben: 



i gilt in bosnischen drucken auch 

y 

In der cursive von Ragusa und Poljica erscheint 

9 

als (,. Ein durchstrichenes griechisches y der christ- 
lichen Inschriften (Boeckh nr. 8735, auch im Nouveau 
traitö, pl. X). 

bedeutet c auf bosnischen Inschriften (Arkiv za pov. 
jug. IV). Die ersteren formen entnahm ich aus dem 
verlässlichen bukvar von Beröid. lieber ihr verhält- 
niss zum allgemeinen cyrillischen gebrauch habe ich 
keine bestimmte ansieht. 

§. 138. Das glagolitische ü. 
Eine gewöhnliche form des glagol. c 

(Sreznevskij, Glag. pam. facs. XII, z. 16, poucenie 
Evrema Sirina, evang. grig.) charakterisiren zwei senk- 
rechte striche, die auf den enden zweier horizontalen 
stehen. Der fuss der schlinge hängt an der oberen 
horizontalen. Sehen wir von den secundären Verän- 
derungen ab, die ein zeichen in glagolitischer kalli- 
graphie gewöhnlich erlitt, dem verschlusse und der 
verschlingung eines frei herausragenden buchstaben- 
theiles, so tritt die grundform 

klar hervor: ein nach griechischer weise durch- 
strichenes, geradliniges cyrill. 6, §. 134, abart II, 
§. 136, abart IV. Wir haben nun zwei beweise, dass 

es alte cyrillische Schreiber gab, die UJ 6 nach der 

weise des griechischen capitalen ypsilon auch durch- 
strichen schrieben: 1. das gewendete dja der Serben 

A §. 136, nr. 5; 2. das glagol. c. 

Geitler. Die albanesiechen und slavischen Schriften. 



¥ 



Die eckig gewordene schlinge rückte an die linke 
Seite (vgl. das tf derselben inschrift, §. 129). Sehr 
häufig, im assem., im pariser abecenar, sind die bei- 
den seitenstriche einwärts gekehrt : 

Man denke an die III. cyrillische abart des i 
mit den tief einwärts gekehrten hörnern: 



mit dem querstriche versehen ergibt sie dieses 
glagol. ü aus: 



Im sinaitischen psalter ziemlich vereinfacht und 
von der grundform abweichend: 

Unter ganz unmerklichen wie zufälligen über- 
gangen wird iS manchmal im glag. cloz. oben geschlossen; 
einmal in der inschrift von Dobrinje. In der jungen 
croatischen cursive und in jüngeren croatischen In- 
schriften wird die form des c äusserst vereinfacht: 



^^ üy^ 



(Beröid „bukvar" ; grabinschrift des Ivan Frankopan 1465, 
inschrift von Ossero [CliersoJ 1633.) Die letzteren formen 
aus der inschrift von Dobrinje 1576 sind in bezug auf 
die Veränderung der unteren schlinge mit dem st der- 
selben inschrift §. 129 zu vergleichen. (Viestnik hrv. 
ark. druztva I. II.) 

§. 139. Das glagolitische c. 
Ein capitales griechisches ypsilon 

V 

dessen arme auch kleine anhängsei bekommen 

V. 

(Boeck nr. 8723, 8706) ist die mutterform des glagol. c; 

«Y 

(assem., par. abec. u. s. w.). Der linke arm erhielt die 
bekannte schlinge. Mitunter hat die figur im assem., 

16 



— 122 — 



wenn sie klein gezeichnet wird oder über der zeile 
steht, auch diesen ductus: 



ähnlich gewissen glagol. g, deren grundform auf eine 
ähnliche weise wie die des glagol. c gespalten war, 
§. 142. Im sinaitischen euchologium und im soge- 
nannten sluzebnik ist der rechte arm auffallend hoch: 

(vgl. ein ähnliches yjjsilon mit hoch aufstrebendem 
arme bei Montfaucon, Pal. gr. 336). 

Kleine inschrift von Balka, fragment a, mit dem 
oben an jenem zweiten griech. y bemerkten anhängsei 
am rechten arme: 

was auch in bulgarischer glagolica vorkommt. Mit 
niedrigem und kleinem arme auf der grossen inschrift 
von Baska: 

Noch kleiner imd horizontal in manchen theilen 
des sinaitischen psalters : 



welche abart mit dem zeichen des alban. Tt; (fz), §. 24, das 
obendrein zur bezeichnung dieses slavischen lautes sehr 
geeignet gewesen wäre, äusserlich ganz zusammenfällt. 
Wirklich hat Miklosich, auch ohne diese letztere totale 
congruenz zu kennen, glagol. c mit alban. ts überhaupt 
verglichen (Ersch u. Gruber, Encykl. „glagolitisch"). 
Wir müssen sie als reinen zufall betrachten. Glagol. c 
des psalters und ig i von Elbassan sind zu dieser formellen 
Übereinstimmung von ganz verschiedenen mutterformen 
ausgehend durch unabhängige secundäre processe ge- 
kommen, insbesondere ist die schlinge des alban. ts 
nur aus der griechischen schrift der allerletzten Jahr- 
hunderte erklärbar. 

Im achridaner evangelium ist das c unten abge- 



stumpft 



V 



und so in allen denkmälern, die mehr oder weniger 
dem eckigen ductus nahe stehen, in einigen theilen des 
sinaitischen psalters, im fragm. Mih., im laib. hom., 
auf der inschrift von Zeng 1330. 

Das glagol. "V ist von einem griechischen capi- 
talen ypsilon abgeleitet, das als c in den Verzweigun- 
gen der cyrillica nicht überliefert ist. Dennoch müssen 
wir voraussetzen, dass es der ältesten bulgarischen 
cyrillica bekannt war, denn nur auf diese weise können 
wir uns dessen dasein in der glagolica erklären. Alba- 
nesischen Ursprunges kann es nicht sein, noch hatten 
die glagoliten je unvermittelte entlehnungen aus der 
griechischen capitale gemacht. Auch ist dieses c ganz 



nach dem principe der cyrill. i. und c, durch umstem- 
pelung des lautlichen werthes einer ypsilonform, ge- 
bildet. Dennoch besitzen wir wenigstens ein indirectes 
zeugniss von seiner existenz in der cyrillica. In ihrem 
bosnischen zweige, in dem wir überhaupt eine eigen- 
thümliche Versetzung der zeichen für c und c be- 
merkten, gilt das dem V zu gründe liegende ypsilon 
in aufrechter Stellung £, §. 134, nr. 4, gewendet d^a, 
§. 136, nr. 8. Es gab somit in der ältesten cyrillica 
zwei c-zeichen 



4 



V 



während zu den Zahlzeichen c, §. 134, noch die aus 
der glagolica und serbischen schrift erschlossenen 'S, 
§. 136, 138, 



V ^ V 



treten. Daraus schliesse ich auf eine mannigfaltigkeit 
von schreiberregeln und gewohnheiten in alter zeit, 
welche der annähme einer einmaligen setzung, Zu- 
sammenstellung, erfindung der cyrillica durch einen 
einzelnen nicht günstig sind. Man hatte sich einmal 
gewöhnt, ein griechisches ypsilon für c zu setzen, und 
ebenso wie in den späteren griechischen Inschriften zwei 
und drei verschiedene y neben einander vorkommen 
(Boeckh nr. 8771, 8971, 2010b, 8706, 8704, 8610, 2827, 
8804 u. s. w.), so lagen auch in der cyrillica verschie- 
dene c nebeneinander. 

Wie die Verschiebung des lautwerthes der bosni- 
schen c und c entstand, ob ihr eine tiefere bedeutung bei- 
zumessen ist, kann ich nicht entscheiden. Auch das dja der 
Urkunde Kulin's ergibt in aufrechter Stellung keine der 
bekannten c-formen, sondern das gewöhnliche cyrill. i;. 
Glagol. c ist in der bosnischen schrift ^ und dja. 

Bei den alten cyrilliten musste sich natürlich das 
bestreben geltend machen, füre und c nur solche ypsilone 
zu setzen, die von dem y der combination oy formell 
genügend geschieden waren. Es ist daher bemerkens- 
werth, dass in der bosnischen schrift, wo die zahl- 
reichen ypsilonformen für c und c hart an die form 
des y in or streifen, nicht cv', sondern 8, wie es scheint, 
ausschliesslich beliebt ist. Schon die Urkunde Kulin's 
hat nur 8. Nur hie und da und gewiss durch secun- 
däre processe wird y des oy dem \s, russischer hand- 
schriften sehr ähnlich. 

Man bemerke einige specielle beziehungen der 
glagolica und serbisch-bosnischen cyrillica, die wohl 
in ihrer geographischen nachbarschaft eine erklärung 

finden. Glagol. i ist nur durch serb. Pn ("d/J zu erklären ; 

die abart mit den convergirenden hörnern fand sich als c 
bis jetzt nur in einer serbischen Urkunde. "V findet in 
einem bosnischen (f einen indirecten reflex, der in 
keinem anderen zweige der cyrillica wiederkehrt ; in 
beiden Schriften gilt abweichend vom gewöhnlichen 



123 



cyrillischen usus c 1000. Ich zweifle uicht, dass die 
alte, mit cyrillischen dementen nicht versetzte glago- 
lica ihre eigenen zeichen für c und c besass, die aus 
einem uns unbekannten gründe dem ^ und "V wichen. 
Besitzt doch die elbassaner schrift mehrere abarten von 
Tc-ligaturen, deren hohes alter durch die ihnen zu gründe 
liegenden ^s-verbindungen der römischen cursive sicher- 
steht; und für c-artige laute hat diese schrift sogar 
mehrere zeichen, die alle zur bezeichnung des slavi- 
schen lautes mehr oder weniger geeignet waren. Man 
merke, dass das der glagolica von allem anfange eigene, 
in T steckende ypsilon von den in glagol. 6 und c ent- 
haltenen formell auch vor der kalligraphischen Um- 
wandlung dieser zeichen genügend geschieden war. 

§. 140. Das glagolitische k. 

Die beiden Seitenarme des capitalen K werden in 
der römischen cursive in einer weise zusammengezogen 
und vereinfacht, die allein im stände ist, das glagol. k 
zu erklären (cursive der wachstafeln, Wattenbach, 
Anleit. z. lat. pal.): 



A 



In der jüngeren römischen cursive nach pl. 20 
im Dictionnaire de diplomatique, einem auszuge des 
Nouveau traite: 



fc {, 



Cursives k ist bekanntlich selten, die auswahl der 
formen nicht gross. Ich richte daher die aufmerksam- 
keit noch auf Fumagalli, Delle institxxzioni diplomatiche, 
tab. I, nr. VII: 



h f] 



(Marini, I papiri diplomatici, tab. CXVI, Urkunde aus 
dem jähre 540, z. 15): 



Aehnliche formen auch auf späteren lateinischen 
und selbst griechischen Inschriften mit verwüdeter 
schrift (Boeckh nr. 8856, 9420). Auch in griechischer 
minuskelcursive hat kappa ähnliche Veränderungen er- 
litten, was bei ihrer allgemeinen Verwandtschaft mit 
der gleichzeitigen römischen cursive natürlich ist ((iardt- 
hausen, Griech. pal., taf. 4, nr. 6, 7). Doch lehne ich 
das glagol. k an die römische form an, weil sie ihrer 
gestalt nach zum vergleiche dennoch geeigneter ist und 
die glagolica überhaupt vorherrschend aus römischem 
materiale besteht. Das zeichen hat in der glagolica 
nur jene unwillkürliche Veränderung erfahren, welche 



durch ihren malenden ductus bedingt ist, wonach ein- 
heitliche tigureu in ganz getrennte theile zerfallen, eine 
erscheinung, der wir eine übersichtliche betrachtung 
widmen werden, §. 156 : 

h 

die regelmässige form des assem. und aller alten denk- 
mäler. Der untere freistehende strich wird oft sehr 
vernachlässigt, er schwindet zu einem punkte zusammen 
im sinaitischen psalter, fragm. Mih. Ganz weggelassen 
wird er schon auf bulgarischem boden, in den auf- 
schriften des sinaitischen psalters, pag. 216: 



was in zweifacher hinsieht wichtig ist: 1. ist das seit 
jeher bei Croaten übliche k, das immer ohne den frei- 
stehenden strich erscheint, schon in bulgarischen hand- 
schriften vorgebildet, während 2. ihr erstes erscheinen 
in einer aufschrift, als grosser buchstabe, bezeichnend 
ist für die eigentlich croatische schrift, welche über- 
haupt eine majuskel ist, §. 160. In den beiden In- 
schriften von Baska ist k sehr lang und zerdehnt: 



Urkunden von Zeng, 1305: 

und so überhaupt in jüngeren croatischen quellen, in 
der cursive. Die erstgenannte älteste form wird manch- 
mal im glag. cloz. mit einem einzigen zuge wieder zu- 



sammengefasst : 



^ 



der von dem croat. k wohl zu unterscheiden ist. Eine 
eigenthümliche Ä;-form findet sich im worte ^»^'»KOK'K, 
pag. 15 der lithographirten ausgäbe des evang. grig. 
(lue. 3, 36). 

§. 141. Ich zweifle nicht, dass wir in dem }i ein 
zeichen gefunden haben, das in der elbassaner schrift 
jener zeit, als sich die glagolica von ihr abzweigte, 
bestand und nachträglich von ihr aufgegeben wurde. 
Sonst müsste wieder die frage aufgeworfen werden, 
ob die glagolica unvei-mittelte entlehnungen aus der 
römischen cursive machte, die bei dem umstände, dass 
die letztere im 8. — 9. Jahrhunderte selbst schon in 
Italien im verschwinden begriffen war, leicht zu be- 
antworten ist. Die elbassaner schrift bekam von ihrer 
mutter zwei A;-zeichen, K und c, letzteres, wie auch 
sprachliche entlehnungen darthun, mit der alten aus- 
spräche k. Je nach den schreiberschulen siegte dann 
U oder c im gebrauche. 

Die erweichten altbulgarischen und neumacedoni- 
schen laute kj und gj bezeichneten die alten cyrilliten, 

IG* 



— 124 



wie aus dem sup. hervorgeht, mit k und r. Dem r 
stellten die glagoliten ihr M entgegen, für k gab es 
keinen einheimischen ersatz. Vielleicht können wir 
jetzt den grund dafür erkennen. Würden die glago- 
liten aus einer schule hervorgegangen sein, welche mit 
der elbassaner ganz genau übereinstimmen würde, was 
nicht der fall ist, die römische ci- (kj) -Wg&iwi- X, 
45. 33, würde jetzt wahrscheinlich in irgend einer kalli- 
graphischen Verkleidung in glagolitischen Codices dem k 
des sup. gegenüberstehen, dem sie auch in bezug auf 
den lautlichen werth vollkommen entspricht. Aber 
die anwcndung der ligatur .S war an die des alban. c k 
geknüpft, von dem sie abgeleitet ist, und die glago- 
liten recipirten ein ganz anderes Ä;-zeichen, das nie, 
auch nicht in römischer schrift, eine ähnliehe Verbin- 
dung mit i (j) einging. Daher alte glagolitische Schrei- 
bungen wie caAOV^"" 'i'fcapHiiÄ reine nachahmungen 
der cyrillischen mit k sind, die erst in jener späteren 
zeit entstanden, als die glagoliten in ängstlicher weise 
bestrebt waren, die Orthographie ihrer heiligen texte 
mit der cyrillischen auszugleichen. Nie wird glagol. g % 
mit dem weichzeiehen versehen. Daher von neuem 
der beweis hergestellt ist, dass " des sup. ursprünglich 
nur cyrillisches gut war. Wie nahe aber auch selbst 
in jenem falle die glagolica der elbassaner schule steht, 
beweist der querstrich des eigenthümlichen cyrillischen, 
aus alter glagolica entlehnten jk, der nach dem bei- 
spiele des S geschaffen ist, §. 113. 

K und r sind bei den ältesten serbischen Schrei- 
bern für tj und dj beliebt. Doch wurde das weich- 
zeichen immer weggelassen : X'OKf, wcKOKdra. Das von 
ihnen erst geschaffene dja ist in alten originalen auf- 
fallend selten. Die ältere und jüngere bezeichnung 
schwankt selbst in demselben werte: hSphrtKO, Urkunde 
aus den jähren 1198 — 1199. Auch reines ^ wird für 
den laut des dj geschrieben, was wohl nicht mit der 
ausspräche, sondern mit der abneigung der alten ser- 
bischen Schreiber gegen präjotirte zeichen zusammen- 
hängt: ,w(ji,A Inschrift von Zica 1222—1228, A^pi»AfBK, 
brief der gemeinde Popovo 1100—1200. Ibid.: ji,±, 
Hf A'b'M« erinnert an die in der Herzegowina bestehende 
ausspräche des tj und dj nach nordslavischer weise. 
Später werden für c (tj) dja-forraen gesetzt. Die Ur- 
kunde aus dem jähre 1249 schreibt onhKHHC, aus den 
Jahren 1444 — 1460 onkhuHf. 

§. 142. Das glagolitische g. 
Das albanesische X 

V 

haben wir §. 20 mit dem gespaltenen gamma 

y 



der minuskelcursive (Notices et extraits tom. XVIII, 
pl. XLVIII, z. 18) in Verbindung gebracht. Das ein- 
geschriebene hauchzeichen ist eine spätere zuthat. 
Insbesondere ist das ein wenig geneigte y der minuskel- 
cursive (ibid. pl. XXIV, z. 19): 



>- 



die mutterform des glagol. g: 

% 

(assem., zogr., Unterschrift der iverischen Urkunde 983). 
Allerdings bietet auch die griechische minuskel ein 
gespaltenes gamma (Gardthausen, Gr. pal., taf. 5). Nach- 
dem uns glagol. g schon in einer kalligraphischen Ver- 
kleidung überliefert ist, so ist es unmöglich, eine ge- 
naue entscheidung zu treffen, dennoch halten wir uns 
an die herleitung aus der minuskelcursive, weil aus ihr 
überhaupt die meisten griechischen demente der alba- 
nesischen und glagolitischen schrift entnommen sind. 
Das charakteristische jenes ältesten glagol. y sind zwei 
schlingen, die an einer noch deutlich gespaltenen 
grundform mit schief aufstrebenden armen hän- 
gen. Diese letztere eigenschaft wird nämlich früh- 
zeitig verwischt, schon im assem. werden beide schlingen 
unter unmerklichen Übergängen mit einem zuge nach 
art des kleinen "V desselben denkmales, §. 139, ver- 
einigt : 

% 

schliesslich hängt die rechte schlinge auch an einem 
horizontalen stiele, pouöenije Evreraa Sirina und in 
anderen denkmälern: 



^ 



eckig auf der Inschrift von Baska: 

mit aufrechtem langen fusse inschrift von Veglia: 



Q^ 



im eigennamen Rugota, wie schon Crnöii las. Ist g 
majuskel, initiale, in den aufschriften des cloz., assem., 
achrid. evang., so wird die Spaltung immer bewahrt: 



l 



Die gespaltene alte form wird in späterer croati- 
scher glagolica wieder zur regel, selbst in drucken, 
missale 1483: 

h 

Dobrovsky, dem zu seiner zeit nur die croatische 
glagolica zur Verfügung stand, wurde eben durch diese 



— 125 



äusserst durchsichtige, gut erhaltene form bestimmt, 
ihre Verwandtschaft mit griechisch gamma schon im 
jähre 1807 ausausprechen „Glagolitica", pag. 32. 

Der mittelalbanesische dialekt, für den die schrift 
von Elbassan adaptirt ist, hat kein reines g. Selbst y 
ist durch das eingeschriebene häkchen zum haueh- 
zeichen gestempelt worden, obwohl wir sonst seinen 
lautlichen werth aus den gegischen fragmenten nicht 
mehr genau bestimmen können. Aus der form des 
glagol. g mag geschlossen werden, dass y in alter zeit 
noch das hauchzeichen nicht besass. Aber von sprach- 
lichem Standpunkte ist es sehr wahrscheinlich, dass 
der gegische dialekt einst ein reines gutturales g wie 
noch jetzt andere albanesische dialekte hatte, das mit 
griech. y bezeichnet und von den glagoliten zur wieder- 
gäbe des slavisehen g geeignet befunden wurde. Nicht 
darum handelt es sich, dass glagol. % mit einem griech. y 
überhaupt verwandt ist, sondern um die historische 
thatsache, dass eben jenes specielle, dem % zu gründe 
liegende y einen festen platz im albanesischen alpha- 
bete besitzt. % kann nur durch das mittel der alba- 
nesischen schrift in die glagolica gelangt sein. 

§. 143. Das glagolitische h. 
Albanesisches y 



jetzt eine tönende afFricata, muss einst aus etymologi- 
schen gründen wenigstens in gewissen werten dem laute 
des lat. h vollkommen gleich gewesen sein, §. 9. Da- 
mit stimmt sein graphischer Ursprung. Ein solches 
zeichen war für die wiedergäbe des südslav. h voll- 
kommen geeignet. In der elbassaner schrift ist es 
schon strenger stylisirt, wir wollen daher von einer 
seiner älteren flüchtigen formen der römischen cursive 
ausgehen (ravennater Urkunden): 



h 



Der runde ausgebauchte strich verlockte zur an- 
fügung der schlinge, so entstand glagol. h: 

:k 

(par. abec.) Nur die hohe gestalt des lat. h. musste 
sich wie immer in der glagolica den buchstaben mittlerer 
grosse anbequemen. Die älteste form wird wie bei 
% g wieder diejenige sein, in welcher die schlinge an 
einem schief emporstrebenden arme hängt: so im sinait. 
euchologium, im assem., wenn auch oft nicht ganz deut- 
lich, im II. prager fragmente u. s. w. In der croati- 
schen glagolica ist sie nach manchem schwanken in 
älterer zeit die regelmässige geworden: 



^ 



(stockholmer aiphabet 1400; laibacher homiliar, 13. Jahr- 
hundert) : 

daher schon Dobrovsky im stände war, ihre Verwandt- 
schaft mit lat. h zu erkennen. Doch wird schon in 
früher zeit die schlinge mit ihrem stiele wie bei dem 
glagol. % in eine horizontale läge gebracht: 



(sinait. psalter, achrid. evang., glag. cloz., Inschrift von 
Zeng 1330) ; daher das eckige h der inschriften von Baika 



Sn ^ 



womit man wieder ihr g^ §. 142, vergleiche. Man er- 
sieht aus diesen graphischen analogien, dass glagol. 
"V-formen mit horizontalem unterem seitenstrich die 
jüngeren sein müssen, §. 139. 

Dass die slavisehen Schreiber gerade dieses zei- 
chen für ihr h wählten, lässt auch auf eine in alter 
zeit bestehende ähnliche ausspräche des jetzt mit y 
transcribirten albanesischen lautes schliessen. Ein drittes 
zeugniss für die existenz des römisch-cursiven h bei 
Albanesen ist die schrift Büthakukje's, wo es denselben 
lautlichen werth hat, §. 69. 

§. 144. Das h des assem. und des sinaitischen 
psalters. 

Auf dem 139. blatte des assem. erscheint im werte 
YATiiMTi ein solches h: 



t 



Es ist mit dem alban. )(, §. 20, 40, zu verbinden. 
Eine schlinge wurde in die mitte gesetzt. Auch diesem y_ 
muss eine ältere form der griechischen minuskel oder 
minuskelcursive zu gründe gelegt werden: 



X 



ja diesmal können wir die ganze figur mitsammt dem 
Ornamente in der griechischen schrift nachweisen. 
Amfilochij gibt auf den tafeln der trudy perv. archeolog. 
sjezda, tab. XLI, unter dem jähre 1116 ein initiales 
griech. ■/, dessen grundriss wir hier aller unnöthigen 
Verzierungen entkleidet wiedergeben: 



— 126 



Audi die griechische schrift ist, wenn auch 
im geringen masse, eine quelle der glagoliti- 
schen Schlingenbildung, §. 156. Die sich indem 
kreise kreuzenden linien wurden weggelassen, wodurch 
sich die figur der glagolitischen kalligraphie anpasste. 

Auf einem ganz andren wege gelaugte die gla- 
golica zu einem fast identischen zeichen, das man als 
omcga setzte. Ich meine das oft angestaunte ot des 
pariser aheccnars: 



u 



§. 85. Ein vergleich der beiderseitigen sehr verschie- 
denen mutterformen dieses ot und h zeigt, wie die 
glagolica durch die anwendung ihrer kalligraphischen 
mittel, durch die ihr eigene stylisirung des recipirten 
materiales zu diesen fast zusammenfallenden liguren 
kam. Es ist wahrscheinlich, dass sie unabhängig in 
getrennten schreiberschulen entstanden und anfänglich 
in einer schärferen weise differenzirt waren. In dem 
durch kalligraphische genaiiigkeit nicht besonders aus- 
gezeichneten sinaitischen psalter erscheint jenes li des 
assem. in demselben worte j^aTüHI dreimal, pag. 155, 
pag. 298 (bis) in einer gestalt, die mit dem pariser ot 
schon ganz zusammenfällt: 



n ^ 



Und wie wenn es noch eines letzten beweises be- 
dürfte, dass es alte handschriften gab, in denen ein 
gewisses h von einem ot schwer zu unterscheiden war, 
stossen wir in demselben psalter auf ein gewöhnliches 
omega, das für li in demselben werte gesetzt ist, pag. 176 : 



q) 



Ich habe alle diese formen in meiner ausgäbe des 
sinaitischeupsalters nicht trauscribirt, sondern im drucke 
nachahmen lassen. Obwohl ich die ansieht nicht theile, 
dass die redaction des pariser alphabetes eine mangel- 
hafte und unvollkommene sei, so würde doch selbst 
in dem falle, dass sein ot, das allerdings noch durch 
keine handschrift belegt worden, durch irgend einen 
missgriff, sei es der gestalt oder dem lautwerthe nach, 
in seine reihe gerieth, der umstand unerklärlich bleiben, 
wie auch ein zweites entferntes denkmal geradezu ein 
echtes unzweifelhaftes ot für li setzen konnte. Wir 
können nicht umhin anders, als die thatsachen so zu 
nehmen, wie sie in drei dem Inhalte und der zeit nach 
total verschiedenen denkmälern vorliegen, und jenes 
orthographische versehen des sinaitischen psalters nur 
so erklären, dass einmal bei gewissen glagolitischen 
Schreibern ein bestimmtes h bestand, das dem ot an- 
derer Schreiber zum verwechseln ähnlich war oder 
wurde. Trotz seiner Seltenheit ist das zeichen in bei- 
den bedeutungen ziemlich gut bezeugt: als /* im assem. 
undpsalter, als o< im abec. direct, im psalter indirect. 



Zwei Ä-zeichen sind in der glagolica ein überfluss, 
der wieder nur aus einer schrift erklärt werden kann, 
die wie die albanesische aus sprachlichem bedürfnisse 
sogar fünf hauchzeichen schuf, und in der sich die 
den beiden glagol. h entsprechenden grundformen jetzt 
noch wirklich befinden. Kamen dann noch andere 
umstände dazu, das zusammenfallen theilweise ver- 
schiedener tiguren, so musste im laufe der orthographi- 
schen entwicklung ein solcher zustand nur mit einer 
elimination endigen, deren letzte spuren uns einige 
glückliche zufalle bewahrten. Allgemein setzte sich 
für li das zweite zeichen )o und für ot andere omega- 
formen fest. Der jüngere croatische zweig besitzt von 
jenen frühzeitig zurückgewichenen zeichen keine spur. 
Vom sinaitischen psalter, der von mindestens drei ver- 
schiedenen bänden herrührt, ist noch zu bemerken, 
dass jenes h, wie aus dessen directem und irdirecten 
erscheinen pag. 155, 176, 298 des codex her\ rgeht, 
nicht von einem, sondern von mindestens drei Indi- 
viduen überliefert ist. Sollen wir diesen mitsammt 
dem Schreiber des assem. einen groben fehler zu- 
muthen und auf dieser grundlage alles andere um- 
stürzen? Selbstverständlich wird man das vorkommen 
dieses /* nicht in eine mystische beziehung zum worte 
)f ATi/Wk setzen, in dem es allein überliefert ist, so un- 
bequem auch die thatsache sein mag. Auch das eigen- 
thümliche je, des zograph ist in diesem codex nur in 
einer und derselben grammatischen form (part. praes. 
act.) überliefert. 

§. 145. Das glagolitische z. 

Schon Safafik erkannte im glagol. z ein griechi- 
sches theta, wobei er an die vulgäre assibilirte aus- 
spräche desselben dachte. Wirklich muss den slavi- 
schen Schreibern theta mitunter wie z geklungen haben, 
denn Joann Exarch trauscribirt to IÖvy] mit Td ishh. 
Nach neugriechischer art wird auch albanesisch theta 
gesprochen, und es ist bei der grossen anzahl vulgär- 
griechischer lauterscheinimgen, die im albanesischen 
wiederkehren, anzunehmen, dass diese ausspräche schon 
zur zeit der entstelmng der glagolica bestand. Alban. 6 
schwankt zwischen 9 und c wie im neugriechischen. 
Wir zeigten §. 44, dass theta der griechischen minuskel- 
cursive in einer offenen und geschlossenen abart vor- 
lag. Beide wurden zu einer zeit, da die albanesische 
schrift der cursive noch näher stand, unterschiedslos 
gebraucht, denn die erstere abart 



setzte sich schliesslich streng stylisirt bei Albanesen, 
die zweite 



-^ 



bei glagoliten fest: 



— 127 



(assem.). In den meisten altbulgarischen hand- 
schriften hängt die hier als kalligraphische 
zuthat angefügte schlinge an einem schief em- 
porragenden qiierstriche, wie er in jener grie- 
chischen grundform erscheint. Schön abgerundet 
auf der inschrift von Veglia: 



t7- 

Frühzeitig wird der körper des Zeichens zu einem 
oft sehr unregelmässigen dreiecke oder Vierecke zuge- 
schnitten. Es scheint, dass dies zuerst in den schon 
von allem anfange an zu eckigen zügen hinneigenden 
aufschriften geschehen sei, denn während z. b. der 
assem. im texte noch jene abgerundete form kennt, 
erscheint in einer aufschrift bei Sreznevskij, facs. VII a, 
folgendes z: I 

im älteren theile des zogr. : 

im sinaitischen euchologium: 

in den prager fragmenten: 

Die letztere, mehr dreieckige form auch im jün- 
geren theile des zogr., im fragm. Mih. und in der 
ganzen jüngeren croatischen glagolica. Manchmal im 
cloz. neben anderen sehr verzerrten formen: 



grosse inschrift von Baska: 



die kleine: 



inschrift von Dobrinje, 1576: 



1^ 



Im evang. grig., manchmal auch im jüngeren 
theile des zogr. wird die läge der schlinge verschoben: 

r 

Es muss daran festgehalten werden, dass dieses 
theta nicht aus der griechischen schrift, sondern durch 
albanesische Vermittlung in die glagolica gelangte. Das 
mischverhältniss der lateinischen und griechischen de- 
mente der albanesischen schrift kehrt in der glagolica 
nach beiden seiten hin mit grosser regelmässigkeit wieder. 



§. 146. In den texten der cyrilliten ist die an- 
wenduug eines theta aus dem bestreben entstanden, 
gewisse wichtige eigennamen der griechischen originale 
orthographisch genau wiederzugeben. An diesen usus 
schlössen sich wieder mit der gewöhnlichen abhängig- 
keit die glagoliten an, denn ihr kalligraphisch unver- 



ändert gebliebenes 



■0- 



(assem.) ist streng genommen nicht aus griechischen, 
sondern cyrillischen texten recipirt, worauf auch seine 
specifisch ixnciale cyrillische gestalt deutet. 

§. 147. Die glagolitischen/. 

Theta als/. 

Der rechteckig gewordene körper des glagol. z 
(theta), z. b. des cloz. §. 145: 

fr- 

§. 145, ist eine wichtige graphische analogie zur beur- 
theilung des glagol. /; 

^^ 

wie es in demselben denkmale im par. abec, evang. 
grig., im fragm. Mih., auf der gelöschten schrift des 
jüngeren theiles des zogr., bl. 46 b, u. s. w. erscheint. 
Denn auch dieses zeichen geht auf ein griechisches 
theta zurück und ist von glagol. Qo nur dadurch diflPe- 
renzirt, dass der querstrich an beiden seiten verschlun- 
gen wurde. Bekanntlich wird 6 im vidgär-griechischen 
nicht bloss dem slav. z ähnlich, sondern sporadisch 
auch wie ^ gesprochen. Die glagoliten gaben dieser 
Verschiedenheit der ausspräche einen graphischen aus- 
druck. Man denke an slavische Schreibungen wie 
cre-O-dHii (Stephanus, aclirid. praxapost.), BHT'O-arHKSi 
(Bethphage, assem.). Im sinaitischen euchologium: 

Bei der aufzählung der glagolitischen 3-formen 
ist wohl die entschieden nach links geneigte abart, 
z. b. die des zogr. aufgefallen, §. 145. Diesem z ent- 
spricht das / desselben denkmals 

mit dem nach links geneigten körper und dem schief 
aufstrebenden querschnitt. 

Ein wahrscheinlich unciales <? 



4' 



des assem. wurde etwa zugleich mit dem glagol. -ö-, 
§. 146, der cyrillica entnommen. 

Ein 9 der griechischen minuskel 



128 — 



wurde von anderen glagoliten aufgenommen und der- 
art stylisirt, dass eine schlinge an einem stiele entstand: 



% 



(II. prager fragment). 

Das alban. / ist auf eine ganz andere weise ent- 
standen, §. 43, es hängt mit keinem echten lateini- 
schen oder griechischen /-zeichen zusammen. Die 
glagoliten entnahmen ihre / griechischen und cyrilli- 
schen quellen, um deren Orthographie bei eigennamen 
nachzuahmen, worauf auch die getrennten versuche 
deuten. Dennoch ist der buchstabenname des slav. / 
albanesischen Ursprunges und wurde erst auf jene 
/"-formen übertragen, §. 175. 

§. 148. Das glagolitische dz. 

Das albanesische, nach neugriechischer weise assi- 
bilirte 3, dessen ausspräche dem altbulgarischen und 
noch jetzt in Mazedonien üblichen dz (dzelo) wohl 
ganz gleichzusetzen ist, wurde in der elbassaner schrift 
durch ein gewendetes d der jüngeren römischen cur- 
sive bezeichnet. Wir haben mehrere solche d §. 12 
angeführt, unter ihnen sind diejenigen, deren links 
betindliche ausbauchung mehr oder weniger regelmässig 
dreieckig oder viereckig war, für uns die wichtigsten. 
Ich nehme auf grund dieser durch die Urkunden 
Marini's gut bezeugten abarten an, dass (nach der Wen- 
dung) in der elbassaner schrift die mehr viereckige: 



kb 



in der glagolica aber die dreieckige (assem.): 

die herrschende wurde. Die glagolica bevorzugt über- 
haupt dreiecke und bildet sie auch womöglich ab- 
sichtlich, §. 156. Die ganze Veränderung, welche das 
zeichen erlitten, besteht von der unvermeidlichen schlinge 
abgesehen, darin, dass der stiel frei in die mitte rückte. 
Wir haben diesen process, der aus dem malenden ductus 
der glagolica hervorging, schon mehrere male bemerkt 
und werden ihn einer besonderen betrachtung unter- 
ziehen, §. 156. Hier verweise ich bloss auf die ana- 
loge Veränderung eines glagol. Vi, §. 120, wo der fuss 
an den zweiten arm rückte. So war auch der stiel 
des ■& anfänglich nur die fortsetzung der linken seite 
der iigur, wie dies im alban. b noch ersichtlich ist. 
Dieses ^ veranlasste die glagoliten, den ersten theil 
des jq %^, §. 80, der grossen ähnlichkeit halber um- 
zukehren. So wurden ^ und der erste theil des %% 
graphische widerspiele, deren secundäre Veränderungen 
übrigens einander analog sind. Vorerst wird das drei- 
eck abgestumpft : 

P 

w 



(par. abec), was im II. prager fragment und in der ganzen 
jüngeren croatischen glagolica, wo es nur als Zahl- 
zeichen besteht, zur regel wird. Im fragm. Mih. wird 
das dreieck abgerundet und fast zur ellipse (ähnlich 
bei ^: 



6 



Die schlinge ist übrigens bald nach rechts, bald 
nach links gewendet. Im jüngeren theile des zogr., 
bl. 46 b, z. 10, liegt die schlinge unmittelbar auf dem 
dreiecke auf, was oft vorkommt: 

§. 149. Die cyrillischen dz. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die älteste cyril- 
lica kein dzelo-zeichen besass. Gerade die wichtigsten 
und umfangreichsten der sieben denkmäler der alt- 
bulgarischen cyrillica, z. b. cod. sup., savvina kniga, 
haben gar kein dz als lautzeichen. Nur in den chi- 
landarskie listki fand Sreznevskij ein Zl ■ Derselbe 
versetzt sie in das 11. Jahrhundert, während doch z. b. 
der sup. eher dem 10. Jahrhunderte zuzuweisen wäre. 
Das zweite dz S, im sup. nur Zahlzeichen, erscheint 
gar ei'st im 12. Jahrhundert (podoginskaja psaltyr, 
achrid. praxapost.). Es ist möglich, dass sich die cyril- 
lica in diesem falle erst nach dem beispiele der gla- 
golica, die schon von ihrer mutterschrift ein dz über- 
nahm, ein dz, das ihr fehlte, auf eigene weise schuf, 
wobei es zu zwei local oder zeitlich ganz verschie- 
denen versuchen kam. Beide cyrill. dz sind entschie- 
den bulgarischen iirsprunges. Die meisten und wich- 
tigsten handschriften, die ein cyrill. dz anwenden, 
wurden in Macedonien gefunden. 

1. Das zeichen S. Griechisch unciales und 
initiales 2 erhält manchmal einen kleinen quer- 
strich (vgl. Amlilochij, Trudy perv. arch. sjezda, 
tab. XXXVIII, a. 1022): 

Z 2. 

(vgl. auch das in §. 13(i nr. 4 bemerkte). Es scheint, 
dass dieser umstand die cyrilliten veranlasste, die laute z 
und dz darnach äusserlich zu diflferenziren. Nach der 
beschreibung Sreznevskij's, Pam. jus. pis. 37, scheint 
in den chil. listki ein einfacher querstrich zu genügen, 
der sonst zu dem schon öfter erwähnten häkchenorna- 
mente ausgebildet ist: 

(oktoich strumnickij). 

2. Griechische vau 

(Wattenbach, Anl. z. gr. pal.), und zwar beide abarten, 
das zweite nach Miklosich (Altslov. lautl. 252) seltener. 



129 



erscheinen in der cyrillica sammt dem zahlwerthe 6 
als dz. Auch die rumänische cyrillica besitzt dieses 
zeichen in derselben geltung. 

§. 150. Das glagolitische d. 

Ein delta der griechischen minuskelcursive oder 
minuskel, 



^ 



was nicht mehr genau zu unterscheiden ist, mit tief 
herabfallendem zweiten fusse, der den glagoliten von 
selbst zur anfügung der schlinge einlud, erzeugte die 
symmetrische figur des glagol. d 



Ji 



der alten denkmäler mit runder schrift. Die überlange 
des griechischen buchstabens musste in der glagolica 
verschwinden, er wurde mittelgross, ja im sinaitischen 
psalter wird die obere ausbauchung so niedrig, dass 
ich in vielen fällen ein solches d von dem t 

m 
desselben Schreibers durch gar nichts unterscheiden 
konnte und nur der sprachliche Zusammenhang über 
die lesung ob t oder d entschied. Diese erscheinung 
setzt sich auf croatischem boden fort, denn nachdem 
hier die schlingen des d und t auf dieselbe weise eckig 
und verlängert werden, ist d des laibacher homiliars 
(_13. jahrh.) 



spätere eckige ductus der glagolica überhaupt zuerst 



zu zeigen begann. 



Man vergleiche 



von dem t 



im 



[TD 



desselben denkmales nur durch eine leichte, fast ver- 
schwindende krümmung der Verbindungslinie der bei- 
den füsse unterschieden. Daher die croatischen Schrei- 
ber der schärferen Unterscheidung halber den zweiten 
fuss des d kürzer machten: 

eine nicht vor dem 13. Jahrhunderte erscheinende form, 
welche in der vorangegangenen entwicklung zwar ihren 
grund, aber nicht ihr prototyp tindet. Die weitere ent- 
wicklung ist wieder an die ältere form anzuknüpfen. 
Sie wird vollständig abgerundet 

auf der inschi-ift von Veglia; ähnlich auch zwischen 
einigen glagolitischen buchstaben unbestimmbaren alters, 
die auf den rändern eines cyrillischen codex (13. jahrh. '?) 
stehen, den ich in Bitolien bekam. (Vgl. auch die auf- 
schrift auf seite 18 der lithographirten ausgäbe des 
evang. grig.) Die obere rundung wird abgestumpft, und 
zwar zuerst in der majuskel, bei der sich der 

Geitler. Die albanesißchea und BlaviBchen Schriften. 



d 



in den aufschriften des cloz. mit dem oben noch ge- 
rundeten d, wenn es in demselben denkmale als mi- 
nuskel erscheint. Dasselbe verhältniss im achrid. evauff. 

ö 

Dieselbe stumpf zugeschnittene form hat d als heraus- 
gerückter buchstabe im evang. grig., pag. 41 der litho- 
graphirten ausgäbe, während es als kleiner biichstabe 
noch deutlich abgerundet ist. Auf der grossen Inschrift 
von Baska, die aus lauter majuskeln besteht, erscheint 
wieder dieses d: 

und ebenso auf der Inschrift von Zeng, die in eine zeit 
(1330) fällt, da schon längst jenes langfüssige croat. d 
herrschte ; ja es bleibt, seinem Ursprünge getreu, initiale 
noch in der spätesten croatischen glagolica. Erst in 
jüngeren altbulgarischen denkmälern, wo der entschie- 
den eckige ductus die ganze schrift ergreift, in den 
beiden prager fragmenten, ist abgestumpftes 

sowohl majuskel als auch minuskel. Auf dieselbe weise 
ist aufzufassen das spitzige d 

A> 

das nach meiner ansieht wieder zuerst als majuskel er- 
scheint, z. b. im sinaitischen euchologium und im soge- 
nannten sluzebnik. Man vgl. Sreznevskij, Glag. pam., 
facs. XIV a, II. col., z. 10, 13, wo es als herau^sge- 
rückter buchstabe erscheint, während das kleine d da- 
neben noch deutlich abgerundet ist, soweit dies über- 
haupt in dieser äusserst kleinen glagolica wahrnehmbar 
ist. In den aufschriften des euchologium ist das spit- 
zige d die regel. Daher es auch die inschrift von 
Baska (neben dem abgestumpften), zeile 1, besitzt: 

cA 

Im sinaitischen psalter ist d spitzig, wo immer 
es gross gezeichnet wird: 

doch dringt es in dieser eckigen schrift neben die 
runde abart auch in den text, wo manchmal ein d 

von dem einhörnigen z desselben denkmals, §. 113, 
kaum zu unterscheiden ist, doch werden beide so ge- 
staltete zeichen nicht von einem und demselben Schrei- 
ber neben einander angewendet. Im jüngeren theile 
des zogr. ist eines ähnlichen charakters der schrift 
halber das d oft eher spitzig als gerundet zu nennen. 

17 



130 



§. 151. Die rf-zeichen in der albaiiesische n und 
glagolitischen schritt. 

So wie zwei ganz verschiedene n, §. 119, besitzt 
die glagolica auch zwei graphisch unvereinbare (^-Zei- 
chen, wozu eigentlich noch ein drittes hinzukommt, 
das als dz gesetzt ist. Ein solches verhältniss kann ihr 
auch nur von aussen durch fremde einflüsse aufgedrängt 
worden sein. Das freie d, ein griechisches delta 

<«, 

steht neben einem zweiten in der ligatur di 

gebundenen, das eines ganz anderen Ursprunges ist (vgl. 
§. 125), und noch als d selbstständig angewendet wird 
in der elbassaner schrift: 



Das zum glück graphisch unverändert überlie- 
ferte /U setzt dieses voi-hältniss ausser allen zweifei. 
Dagegen hat die elbassaner schrift noch ein anderes 
römisch-cursives d in der ligatur ds 



1 ^ 

und ^ 



§. 38, das sich von dem als assibilirtes o gesetzten, 
ebenfalls lateinischen 



§. 12, nur dadurch unterscheidet, dass es nicht gewendet, 
seine schlinge rundlicher ist und noch mit rein dentaler 
geltung erscheint. Gebunden in der ligatur war es irgend 
einer Verwechslung nicht ausgesetzt. Der zweite theil 
dieses di ist von dem zweiten theile des M nur durch die 
läge verschieden. Wenn wir nun fragen, wodurch diese 
verschiedenen und doch innig verwandten Verhältnisse 
entstanden, so können wir durch die erwäguug der 
lautlichen bedürfnisse der albanesischen spräche wenig- 
stens eine theilweise aufklärung ei'langen. Sie hatte 
zwei laute zu bezeichnen, die den alten Schreibern mit 
recht verwandt schienen, das assibilirte und das rein 
dentale d. War für das erstere das nächste römische 
zeichen verbraucht, so lag es nahe, für das zweite 
irgend einen ersatz in der griechischen schrift zu 
suchen. Man setzte in folge eines sprachlichen pro- 
cesses ein griechisches lambda A für d, §. 45. Wäh- 
rend aber alban. a wenigstens in glagol. /W enthalten 
ist, zeigt die albanesische schrift von glagol. <ft> keine 
spur, so dass wir auch nicht mit Sicherheit wissen, ob 
es je bei Albanesen gebräuchlich war und ob nicht 
die glagoliten 6h der griechischen minuskel direct ent- 
lehnten. Im letzteren sehr wahrscheinlichen falle würde 
glagol. £h das freistehende a unter dem einflüsse der 



griechischen minuskel ebenso verdrängt haben, wie 
dies durch glagol. -P, einem griechischen minuskelbueh- 
staben, dem älteren freistehenden alban. v der minuskel- 
cursive gegenüber geschah, §. 119. So wie sich alban. v 
nur in einer ligatur %£ erhielt, so auch alban. a nur 
gebunden in M. Zwischen dem elbassaner <j ds und 
der von den Glagoliten recipirten combination A? <^^, 
muss auch ein Zeitunterschied obwalten. Ersteres ist 
aus der lateinischen schrift erklärbar, man schrieb ds 
(dS) der cursive, wo d und s oft neben einander er- 
scheinen, in einem zuge, während /V? eine halb grie- 
chische, halb lateinische combination ist, die erst dann 
entstand, als die durchdringung der anfänglich nur 
lateinischen schrift der Albanesen mit griechischen 
dementen vollendet war. Beide alpliabete haben so- 
mit theils frei, theils in ligaturen gebunden, je drei 
cZ-zeichen, wobei noch ihre verschiedene geltung als d 
und dz zu beachten ist. Zwei paare sind verwandt: 



albanesisch h CA, 



glagolitisch 



«■ 



6h 



Das alb. h ist eine abart eines röm. d, das als 
assibilirtes d gesetzt wurde; das darunter stehende sla- 
vische dzelo ist damit graphisch verwandt, §. 148. Dann 
folgt eine zweite abart des röm. d, das die albanesische 
schrift mit der rein dentalen geltung d nur in der 
ligatur f ds bewahrte, §. 38. Ferner freistehendes 
alb. \ ^ d nach §. 45, das die glagolica nur in der 
ligatur ds /U bewahrte. Endlich erscheint ein nur in 
der glagolica vorkommendes, auf griechisches delta zu- 
rückgehendes 6h = d. 

Am einfachsten und alterthümlichsten ist der aus- 
druck für d und assibilirtes o im alphabete Bütha- 
kukje's dargestellt: ein und dasselbe durch einen quer- 
strich differenzirte römische d muss für beide laute 
hinreichen. Vgl. das römische d der albanesischen liga- 
tur di f, in der es reines dentales d gilt, mit dem da- 
von ursprünglich nur wenig verschiedenen römischen d 
in alban. b mit der geltung o, dz. Bemerkenswerth ist 
die thatsache, dass beide slavische Schriften das grie- 
chische delta (4, und 6h) nicht in der vulgärgriechi- 
schen assibilirten geltung recipirten, während doch 
griech. den Glagoliten schon wie ^ klang. Auch die 
ältesten albanesischen schriftbilduer, die doch der grie- 
chischen schrift zeichen in vulgärgriechischer aus- 
spräche entlehnten, verschmähten das griech. S zur 
bezeichnung ihres c^s-lautes, wozu es wenigstens vom 
Standpunkte der neugriechischen ausspräche vollkommen 
geeignet gewesen wäre, und adaptirten dafür ein römi- 
sches d. 



§. 152. Die 
Das alban. v 



glagolitische minuskel v. 



t 



131 



in dem wir nach §. 17 ein römiseh-cursives b mit spät- 
lateinischer ausspräche erliannten, wurde in der gla- 
golica aus einem uns unbekannten gründe gewendet 
und mit der schlinge versehen: 

C03 Q_C 

(assem., achrid. evang., euch., mak. listok, poucenie 
Evrema Sirina u. s. w.). Safarik und Miklosich ver- 
suchten glagol. y mit einem griechischen beta zu ver- 
einigen, wobei sie gewiss an das der unciale verwandte 
mit den zwei übereinander stehenden schlingen dachten. 
Auch sie müssen voraussetzen, dass die glagoliten die 
anfangliche läge des Zeichens verschoben. Somit wäre 
das resultat lautlich und graphisch in beiden fällen 
dasselbe. Dennoch entschieden wir uns für die erstere 
möglichkeit, weil wir 1. die glagolica in der regel mit 
der elbassaner schrift zu vergleichen und in Überein- 
stimmung zu bringen haben, das zeugniss dieser immer 
in erster reihe entscheidend ist, und 2. ein beta der 
form, wie es im zweiten falle vergleichbar wäre, in 
den letzten zeiten der minuskelcursive, in der alten 
und mittleren minuskel überhaupt nicht vorkommt. 
Zwischen denjahren 700—950 (vgl. Gardthausen, Griech. 
pal., taf. 4, 5, 6) herrscht ein ganz anders gestaltetes 
beta, und gerade diese peiüode der griechischen schrift 
ist für die entwicklung der glagolica massgebend. Wir 
können keine und sei es noch so grosse ähnlichkeiten 
berücksichtigen, wenn wir die mutterform eines glago- 
litischen Zeichens nicht in bestimmte zeitgrenzen und 
an bestimmte, durch die früheren Untersuchungen ge- 
wonnene Schriftarten zu bannen im stände sind. Da 
überhaupt nur das unciale beta B beachtet werden 
könnte, das erst gegen ende des 10. Jahrhunderts in 
die minuskel wieder eindringt, so muss noch erwogen 
werden, dass die glagolica zur griechischen unciale in 
keiner verwandtschaftlichen beziehung steht. Die älteste 
form wird, wie oben gezeigt worden, diejenige sein, 
deren rücken nur wenig gekrümmt ist. Alle weiteren 
Veränderungen hat die gestalt des glagol. <ft beeinflusst, 
mit dem sich V parallel entwickelte. Es wurde aus- 
gebaucht : 

(zogr., evang. grig. u. s. w.), insbesondere wenn es 
gross gezeichnet wird: 



tf 



(assem.), wo man auch die einzelnen Übergänge ver- 
folgen kann. Ganz abgerundet wie bei <ft> 

Inschrift von Veglia. (Vgl. §. 150, figur 7.) Wieder wird 
es stumpf zugeschnitten zuerst in der majuskel : 



r 



in den aufschriften des cloz., während es sonst als 
kleiner buchstabe noch gerundet ist. Pag. 45 der 
lithographirten ausgäbe des evang. grig. ist v als her- 
ausgerückter buchstabe abgestumpft, sonst immer ent- 
schieden rund. (Vgl. Sh.) Inschrift von Baska: 

Diese form bleibt initiale auch in der spätesten croa- 
tischen glagolica. Majuskel und minuskel wird sie erst 
in den prager fragmenten:- 

SP 

So wie das spitzige &> zuerst nur als majuskel 
erscheint, so auch ein spitziges u 

in den aufschriften des sinaitischen euchologium und 
psalters, des sluzebnik, zogr., während in allen diesen 
handschriften die minuskel noch entschieden abge- 
rundet ist. Kleine Inschrift von Baska: 



^ 



Diesmal lässt sich der beweis des spitzigen y als 
majuskel noch schärfer durchführen als bei d, weil 
sein vorkommen als solche häufiger ist, und auch der 
grund der spitze angeben. Er ist in der griechischen 
schrift zu suchen. Das griechische epsilon erscheint 
als initiale in minuskelhandschriften reffelmässie- aba'e- 

O OD 

1-undet (Sabas, unter den jahi-en 1006, 1055), daneben 
aber auch mit spitzig zulaufendem untertheile (ibid. 
10(J3, 1116, 1297). (Man vergleiche das kreisrunde 
initiale sigma bei Sabas, Specimina, unter dem jähre 917 
mit dem oben und unten eingeknickten ebenfalls ini- 
tialen aus dem jähre 1040, Wattenbach et Velsen, 
Exempla cod. gr. XI.) Ebenso ist •}? als initiale im 
assem. noch rund (Sreznevskij, Glag. pam., facs. VII, 
a, b), während auf dem dritten facsimile schon die 
spitze auftritt. Man hatte sich unter dem allgemeinen 
einfliisse der griechischen schrift gewöhnt, initialen mit 
denselben Ornamenten zu zeichnen, was schliesslich 
auch die gestalt des glagolitischen buchstabens ergriff. 
Dass initiales 1? im assem. auch noch rund ist, be- 
weist eben das relativ höhere alter dieser handschrift. 
Wo immer ich sonst diese beliebte initiale fand — das 
KTv OHO der evangelien bot ihr reichliche gelegenheit 
zu erscheinen — ist sie immer spitzig und ihre ganze 
Ornamentik der griechischen nachgebildet (im evang. 
grig., im sinaitischen psalter, pag. 197, im cloz., Srez- 
nevskij, facs. XI a, auch bei Kopitar, eingezeichnet in 
einem cyrillischen codex des 11. Jahrhunderts, ibid., 
facs. m u. s. w.). Ich glaube daher, dass spitziges o 
anfänglich nur initiale war und dann erst als grosser 
buchstabe überhaupt in aufschriften drang. Auch mag 
sich bei t? die spitze früher entwickelt haben, worauf 
sie erst auf «$i übertragen wurde. 

17* 



— 132 — 



§. 153. Die glagolitische majuskel v. 

Unter majuskel verstehen wir hier die echte 
initiale oder capitale, welche einst wie croat. M, §. 122, 
oder T, §. 127, in alten handschriften dem cursiven 1? 
gegenüberstand : 



E 



aufschrift des sinaitischen psalters, pag. 31, im werte 
MOAHTKd. (Vgl- unser facsimile.) Mit eckigen schlingen 
auf" der inschrii't von Baska, letzte zeile in den Worten 
K'k otcski;(h) und (c)BfTO\fio: 



So wie M und T wird diese majuskel ihrem ur- 
sprünglichen Charakter entfremdet und unter die mi- 
nuskel versetzt. Sie erscheint wie alle anderen buch- 
staben mitten im texte klein geschrieben: 

(sinait. psalter, pag. 63, im worte TB[o]fro). Wieder 
könnte mau die frage erneuern, ob dies v lateinischen 
oder griechischen Ursprunges sei, wenn sie nicht schon 
durch alban. f und glagol. R? erledigt wäre. Ursprüng- 
lich stand also ein capitales (initiales) lat. b neben 
einem cursiven (nach §. 153): 



B 



welches verhältniss in der glagolica durch 



E 



cvo 



reflectirt ist. Ja wir nehmen sogar an, dass die ge- 
stalt des grossen B griechischem einflusse erlag: es 
wurde dem beta griechischer aufschriften angepasst, 
dessen schlingen in dieser charakteristischen weise aus- 
einander gedehnt wurden (Wattenbach, Anl. z. gr. pal., 
pag. 4 des lithographirten textes), denn jenes grosse v 
des psalters erscheint auch nur in einer aufschrift. Um 
hier nicht schon früher bemerktes wiederholen zu 
müssen, verweise icli bloss auf die übersichtliche dar- 
stellung der „alten initialen" der glagolica, §. 157. 

§. 154. Das glagolitische p. 
Albanesisches p 

VI 

entstand nach §. 10 durch eine geradlinige stylisirung 
und Verkürzung des fusses aus dem p 

\) 

der römischen cursive, in der es schon solche formen 
gab, welche diesen process einleiteten. Glagolitisches 



(assem.) geht auf eine abart desselben römischen p mit 
längerem fusse zurück: 



ry^fi 



(Wattenbach, Anl. z. lat. pal., pag. 47; Dictionnaire de 
diplom., pl. 25). Wie die aus dem hauptstriche schief 
heraushängende schlinge der mutterform zu einem regel- 
mässigen kleinen kreise an einem horizontalen stiele 
wurde, zeugen die hier besonders zutreffenden analogen 
Veränderungen des glagol. g (auch c) und vor allem li: 



h 



glag- Kj 



§. 143. Gewöhnlich erhält p einen kleinen querstrich 
als Ornament: 

(assem.), der sehr oft zu einem häkchen ausgebildet 
wird, insbesondere bei der initiale, §. 156. Auf den 
Inschriften von Veglia und Baska sind fuss und schlinge 
gleich hoch: 

TD Jü 

Aber noch in der späteren croatischen schrift 
hat p einen auffallend langen, unter die zeile herab- 
hängenden fuss: 



P 



(laib. hom., heil. Thekla). Zwei gründe sind es somit, 
die uns bestimmen, glagol. p mit einem römischen p 
zu vereinen: 1. der lange fuss, 2. das verhältniss zum 
alban. p, das ebenfalls römisch ist, ein fingerzeig, dem 
wir in zweifelhaften fällen immer zu folgen pflegten. 
(Safarik wollte dem T ein r. der griechischen minuskel 
zu gründe legen, für welchen vergleich allerdings ein 
gewisser schein der berechtigung geltend gemacht 
werden könnte.) 

Wir schliessen hier die paläographische erörte- 
rung der einzelnen slavischen zeichen mit einem neuen 
belege für den leitenden gedanken eines grossen theiles 
unserer Untersuchungen: die unterschiede der starr 
nach ganz verschiedenen richtungenstylisirten 
albanesischen und glagolitischen zeichen lösen 
sich in den flüchtigen nebeneinander stehen- 
den abarten der mutterschriften auf. Der for- 
melle unterschied des alb. und glag. p ist schon durch 
zwei, wenn auch wenig verschiedene abarten der römi- 
schen mutterschrift bedingt. 

§. 155. Uebersicht des slavischen zeichen- 
materiales nach seinem Ursprünge. 

I. fcila^olica. 

a) Kömisch-cursive elemente: 



c 



gewendet alb. ^ 



133 



J^ I/o" alb. y ö 

I J l alb. I 

Cr0 / (<BI) alb. i.1 J. 

OD (J 1 gewendet alb. A 

OD IT (f 

" gewendet alb. X 



^ 




gewendet alb. h b 



alb. ( 



V P 

röm. vmd alb. ) j in den ligaturen ja, je, z. 

b) Griechische minnskelcursive und minuskel: 

V in der ligatur ja 



r y 



J> 


J 




^ (gewendet) ^ 




Yi 


y 




'S^ 


SlSl 




9o 


h 




^ 


'\y hieher auch gl; 


igol- / ^ 


c 


^ 




c8 

punktirt 


SS in der ligatur jn. 





c) Halb griechische und halb lateinische ligaturen: 

M alb. A und X 



^€ aus V V_ alb. m 



d) Reste lateinischer und griechischer capitalen 
(initialen): 

N T M B 

Hieher gehört wohl 

A griech. /^ 

e) Griechisch-cyrillische entlehnungen: 

A Ä A 

[^ p-j capitale griech. alpha 
Ul Hl 

U-f T serbisch \\ gewendet 

<Y V 

1 JL. und alle übrigen zeichen, z. b. das weich- 
•e- und d> . , ^ ^ ' 

' zeichen 



134 



f) Glagolitische nenbildungen >ind nacliahmungen: 

Pariser ot und h des asscm. ist in diese über- 
sieht nicht aufgenommen worden. 

II. Cyrillica. 

a) Junge liturgische unciale: 

.« K r A <■• ^ H I K /x -u H G 
II p c T \|' ^ Y -O- ^ 4' w 

und alle übrigen zeichen : " " für jer, die werthzei- 
chen: ' " " 

b) Alte unciale: 

B 

e) Griechische capitale: 



Ä /S A A 



A Ä 

Ä 



In l^ R capitale griech. a 
lU ui 

UlT IJJ UJ UJT Y '^ 



YV 



Y 

o 

alte cyrillische abarten des c, die sich ge- 
wendet nur im serbischen dja und im glagol. S 



erhalten haben. Hieher auch glagol. c. 



d) Griechische ininiiskel: 



Ir 



e) Entlehnungen aus der glagolica: 
K> }K k (Ti) kl ("Kl) 

f) Theilweise selbstständige neubildungen: 

i€i<ii7i.g/ft^ ^3K"r"br /V 

und alle serbischen dja. 

Unter a) oder c) sind zu stellen: 

v<tu 5 3 ^^^ sampi J^ 

Wir haben silmmtliche slavische zeichen unter 
das intensive licht römischer und griechischer paläo- 
graphie gebracht. Alle sind reducirt auf directe mutter- 
typen, deren mehr als tausendjähriges, über alle anfange 



slavischer schrift hinausgehendes alter ohne zweifei 
steht. Unsere eigentlichen und letzten resul- 
tate, sie wurden losgelöst voa den unschein- 
baren, kaum achtzig jähre alten papierblättern 
von Elbassan. Nicht darin liegt der werth der elbas- 
saner zeichen, dass sie den grössten theil der glagoliti- 
schen überhaupt erklären, sondern dass sie uns in eine 
zeit, welche unmittelbar vor unseren glagolitischen denk- 
mälern liegt, und auf einen boden zurückleiteten, wo 
neun zehntel aller unserer paläographischen vergleiche 
von ihnen selbst unabhängig werden, wo man die slavi- 
schen zeichen an alte local und zeitlich bestimmte 
formen anlehnen kann, mit der schärfe und der Sicher- 
heit, wie sie überhaupt durch die ergebnisse der latei- 
nischen und griechischen paläographie des 6. — 9. Jahr- 
hunderts erreichbar sind. Wenn wir von allen jenen 
unterschieden absehen, die sich zwischen einem neun- 
hundert jähre alten denkmale wie der assem. und den 
elbassaner fragmenten durch Zeichenverluste und secun- 
däre einflüsse einstellen mussten, und die späteren ent- 
lehnungen aus der cyrillica nicht in rechuung ziehen, 
so müssen wir zugeben, dass das albanesische mischungs- 
verhältniss lateinischer und griechischer elemente in 
der glagolica mit grosser genauigkeit wiederkehrt. In 
den meisten fällen ist das albanesische zeichen der 
Wegweiser, wo die mutterform eines glagolitischen zu 
suchen ist, ob in der römischen oder griechischen cur- 
sive. So sehr wir aber auch darnach trachteten, die 
formellen herleitungen der glagolitischen zeichen von 
den jungen, ebenfalls schon veränderten albanesischen 
unabhängig zu machen und sie auf ein gebiet hinüber 
zu spielen, das anerkanntermassen diplomatisch älter 
ist als die slavischen denkmäler, so stiessen wir doch 
überall auf erscheinungen, welche eine totale abhängig- 
keit der glagolica von der elbassaner Orthographie und 
deren lautlichen Setzungen dartliun. Die meisten und 
wichtigsten Veränderungen der läge der eigentlichen 
mutterzeichen (S At 3 ^), die eigenthümlichen um- 
stempelungen ihres laut werth es (35 := lat. sj, ■& = lat. d, 
Vi = griech. \>., Oo := griech. u. s. w.), sie alle können 
von den Slaven nur in albanesischen schreiberschulen 
erlernt worden sein. Und darauf beruht die unschätz- 
bare bedeutung der ärmlichen papierreste von Elbassan, 
die immer ein grundstein aller slavischen paläographie 
bleiben werden. Nie hätten wir die an sich noch so 
schlagende ähnlichkeit des 36 mit der ligatur sj (^ ij) 
der ravennater Urkunden aussprechen können, wenn 
diese Verbindung mit der gelt ungl nicht schon in 
der elbassaner schrift so durchsichtig wäre, dass sie 
Hahn auch ohne hilfe der römischen cursive in ihre 
bestandtheile zerlegen konnte. Nie hätten wir die 
Setzung glagol. h ^ \i. trotz totaler formeller Identität 
gewagt, wenn wir bloss von den sprachlichen bedin- 
o-ungen des slavischen oder griechischen ausgegangen 
Selbst in dem falle, dass die von manchen ge- 



o 
wären 



135 — 



ahnte Verwandtschaft der glagolitischen und griechi- 
schen zeichen zu einem reiferen versuche geführt hätte 
— an die römischen dachte wohl niemand — man 
würde bei der vergleichung ohne die hilfe der elbas- 
saner zeichen zwischen der menge der sich darbieten- 
den mutterformen und abarten geschwankt haben und 
wahrscheinlich die minuskel auf kosten der minuskel- 
cursive bevorzugt haben. In der glagolica durchdran- 
gen sich zwei engverwandte römische und griechische 
Schriftarten, deren Scheidung bei manchen zeichen, 
die sich bei Römern und Griechen seit jeher auf gleiche 
weise entwickelten, vielleicht unmöglich gevi^esen wäre 
ohne die nach beiden seiten unterscheidende leitung 
der elbassaner schrift, während wir noch ein anderes 
hinderniss zu beseitigen hatten, die alles verhüllende 
kalligraphische umkleidung der glagolitischen zeichen, 
unter welcher die kleinen unterschiede eines griechi- 
schen und römischen e, o, i, k, i-ß verwischt wurden. 

Wir glauben auch das zeichenmateriale in unserer 
Übersicht nach beiden seiten hin streng begrenzt zu 
haben. Zur ausschlaggebenden vergleichung wurden 
in unserer „übersieht des slavischen zoichenmateriales" 
die meisten glagolitischen denkmäler ausgeschieden 
und nur anerkannt älteste quellen, in erster reihe der 
assem., dann der zogr. und vier altcroatische zeichen 
herbeigezogen. Auf der anderen seite stehen ausschliess- 
lich nur belege aus der jüngeren römischen cursive, 
der gleichzeitigen griechischen minuskelcursive und der 
ihr verwandten alten minu^skel, ein material, das durch 
das 6. — 9. Jahrhundert scharf bestimmt ist. Mit aus- 
nähme des seltenen, unten verschlungenen lat. u (alban.ü), 
des auch nur in manchen Urkunden vorkommenden 
eckigen lat. d (alban. dz), eines nur manchmal an den 
oberen spitzen verschlungenen griech. jj., der seltenen 
grundformen des 8 und 'S, sind alle anderen in 
dieser Übersicht verglichenen griechischen und 
römischen zeichen die allergewöhnlichsten typi- 
schen durchschnittsformen, die der paläograph 
zuerst berücksichtigen muss. Dies muss auch in 
anschlag gebracht werden, wenn für ein glagolitisches 
zeichen unter der menge der flüchtigen, verschiedene 
anknüpfungspunkte zulassenden abarten der cursiven 
mutterschriften ein bestimmter typus herausgegriffen 
werden soll. 

•Jetzt können wir auch den Inhalt unserer oft ge- 
brauchten ausdrücke „alte glagolica", „alte cyrillica" 
bestimmen. 

Beide slavische Schriften sind uns in einem zu- 
stande wechselseitiger ausglcichung und reception über- 
mittelt. Da sie, von ganz verscliiedenen grundlagen 
ausgegangen, keine ursprüngliche Verwandtschaft auf- 
weisen, so muss es einmal eine zeit gegeben haben, 
wo die ihnen gemeinschaftlichen zeichen auf der einen 
und der anderen seite nicht vorhanden waren. Was einst 
nur glagolitisch, was nur cyrillisch war, kann mit hilfe 



des klaren Unterschiedes der griechischen cursive 
(minuskelj, unciale und capitale gefunden werden. Alles 
cursive, gleichviel in welcher von den beiden Schriften 
wir es finden, war nur glagolitisch. Von den römi- 
schen dementen versteht sich dies von selbst, und zu- 
fälligerweise sind die zeichen w }K "k h Tii, die aus 
der glagolica in die cyrillica übergingen, sämmtlich 
römisch-albanesischen Ursprunges. Andererseits waren 
alle uncialen und capitalen bestandtheile nur den cyril- 
liten eigen, da wir von ihnen keine spur in der mutter- 
schrift der glagolica entdecken können. Die wenigen 
ursprünglich nur ornamentalen zwecken dienenden ca- 
pitalen (initialen) der glagolica, ebenso wie die relativ 
spätere cyrillische entlehnung "k aus der griechischen 
minuskel können dieses verhältniss nicht umstossen. 

Die alte glagolica war eine kalligraphisch nicht 
weitergebildete, mit schlingen, häkchen und verschlussen 
nicht versehene, überwiegend römische, zum theile 
griechische cursive, welche die zeichen O A lil W 4? 
V •€■ (p, das überzeilige erweichende " und ebenso die 
cyrillischen nachahmungen 3§^ und izica nicht besass. 

Die alte cyrillica war eine griechische, mit capi- 
talen wie g 111 i|i /K ^ II, u. s. w. vervollständigte un- 
ciale, welche jer und j mit überzeiligen mittein aus- 
drückte, kein präjotirtes zeichen, kein dzelo kannte, 
ebenso nicht jk k -h "ki und kein serbisches dja. 

Eine andere frage ist es, mit welchen eigenen 
mittein jede der beiden slavischen Schriften diejenigen 
laute bezeichnete, an deren stelle uns nur entlehnun- 
gen der zweiten schrift überliefert sind, wie die gla- 
goliten z. b. s schrieben, bevor sie in entlehnten, die 
cyrilliten z. b. HC (vgl. §. 167). 

§. 156. Die kalligraphischen mittel der slavi- 
schen Schriften. 

Wenn eine schrift auf ein anderes volk und eine 
fremde spräche übertragen wird, so muss sie schon 
durch die ausscheidung mancher unnöthiger zeichen 
und die häufigere anwendung anderer ein verändertes 
aussehen bekommen. Einer solchen, sagen wir unab- 
sichtlichen Veränderung unterlag die elbassaner schrift. 
Nachdem ligaturen der römischen mutterschrift als ein- 
fache buchstaben, gewisse differenzirungen in verschie- 
dener lautlicher geltung gesetzt, die läge anderer zei- 
chen verschoben wurde, hörte die alte cursive Ver- 
bindungsfähigkeit von selbst auf, und es stellten 
sich allmälig die bekannten starren formen ein. An 
sich ist aber jedes einzelne albanesische zeichen von 
seinem grundzuge nur sehr wenig abgewichen, nirgends 
entdecken wir auch nur den geringsten versuch einer 
absichtlichen kalligraphischen Umänderung. Mit einem 
ganz anderen, noch weiter abweichenden resultate musste 
aber bei einer neuen Übertragung eine entwicklung 
endigen, welche gewisse nebensächliche eigen- 



— 136 — 



Schäften und zuthaten mancluT buclistabon der- 
selben inutterschrift loslöste und sie auch an- 
deren buchstaben, denen sie anfänglich nicht 
gehörten, anfügte, um womöglich alle in einer 
i-ichtung zu uniformiren. Da musste in folge einer 
neuen kalligraphie eine ganz und gar neue schrift ent- 
stehen, und darin liegt so ziemlich der Schwerpunkt 
des ganzen Unterschiedes zwischen der elbassaner schrift 
und ihrer tochter. Es ist jetzt die frage dahin gestellt, 
welche mittel alte slavische kalligraphen in anwendung 
brachten, um eine römisch-griechische cursive zur gla- 
golica umzugestalten, und wie sich diese mittel zu den 
mutterschriftcn verhalten. Hieher gehört die entstehung 
der schlingen, der verschlusse, des häkchens und der 
dreiecke und die folgen, welche sich aus dem malen- 
den ductus der glagolica ergaben. 

a) Die Schlingenbildung. 

Ohne diese gewaltige Umänderung hätte es wahr- 
scheinlich nie eine glagolitische frage gegeben. Wir 
hätten starr und getrennt stylisirte cursive zeichen vor 
uns, deren lateinischer oder griechischer Ursprung in 
den meisten fällen ohneweiters erkennbar wäre. 

Der erste und eigentliche anstoss zur 
Schlingenbildung ist in dem ursprünglich rein 
cursiven charakter der glagolica zu suchen. 

Die schlinge, welche aus dem bestreben nach 
fortlaufender Verbindung der buchstaben entstand, ist 
es, welche die römische cursive unter anderem cha- 
rakterisirt, und zwar insbesondere die jüngere der raven- 
nater Urkunden, auf welche wir die glagolica gewöhn- 
lich bezogen. Die geradlinigen stiele, ausläufer, füsse 
der meisten buchstaben, z. h. b d e f h ? j; s ^ u. s. w., 
erscheinen verschlungen und unverschlungen. Es ist 
nicht nöthig, diese bekannten doppelformen herzusetzen, 
die man in jeder quelle finden kann und die wir in 
unseren erörterungen theilweise schon verzeichnet haben. 
Man erinnere sich bloss an dieselbe gewohnheit unserer 
modernen Schreibschrift, in der z. b. der hauptstrich 
des h mit und ohne schlinge gezogen wird. Wirklich 
sind die mystischen kreise und brillenartigen 
figuren der glagolica nur auf diese allbekannte, 
vor aller äugen daliegende thatsaehe zurück- 
zuführen. In geringerem masse, wie mir scheint, 
macht sich der verschlungene ductus in der griechi- 
schen minuskelcursive bemerkbar. Ich erinnere bloss 
für unsere zwecke an eine abart des |x, §. 121, und 
an das mit einer schlinge unten zusammengefasste 
ypsilon, §. 93. Die glagolitische Schlingenbil- 
dung ist vorwiegend römischen Ursprunges. 

Die meisten unterschiede oft ganz enge verwandter 
glagolitischer und albanesischer zeichen drängten uns zu 
der Voraussetzung, dass die albanesische schrift zur zeit 
der abzweigung der glagolica der römischen cursivenäher 
stand und die einzelnen zeichen in zwei oder mehr 



flüchtigen abarten neben einander bestehen konnten. 
Während wir glagol. n aus lat. ( 

IT c( 

ableiteten, konnten wir das später gräcisirte alban. t, 
§. 23, nur aus einer kreuzförmigen, der unciale näher 
stehenden abart 

"T 

erklären. In einer römischen cursive können beide ab- 
arten neben einander bestehen, der jetzt grosse abstand 
zwischen alban. und glagol. t geht auf die einseitige bevor- 
zugung der einen abart und die später stark divergirende 
entwicklung zurück. Wir sehen nun, dass die- 
jenige albanesische schreiberschule, welche bei 
den Slaven heimisch wurde, schon von allem 
anfange an die verschlungene form des t be- 
vorzugte. Dazu treten mehrere analoge fälle. Sollen 
wir die glagolitischen zeichen o l m: 



9 



Q 



ö-o <Ä L 



£ 



^^ 



XJL 



n 



aus den nichtverschlungenen mutterformen durch ge- 
flissentliche anfügung der schlingen oder aus den rechts 
stehenden, viel ähnlicheren figuren ableiten, deren spe- 
cieller ductus allein den später einseitig ausgebildeten 
kalligraphischen charakter der glagolica erklären kann? 
Auch hier stehen die analogen albanesischen zeichen o <) (9> 
der ersten römischen reihe näher als der zweiten. Ich 
nehme daher an, dass z. b. die zwei oberen schlingen des ^ 
schon durch die mutterform gegeben waren und nur 
die zwei unteren kalligraphische zuthaten sind. Nach- 
träglich will ich noch die sehr nahe liegende möglich- 
keit hervorheben, dass auch die schlinge des glagoliti- 
schen dzfelo (ein gewendetes röm. d) 

schon auf den oft verschlungenen hauptstrich eines lat. d 




zurückgeführt werden kann, während alban. dz 

h 
geradlinig stylisirt ist, §. 12. Ueberhaupt muss bei 
der betrachtung der glagolitischen schlingen dai'auf 
geachtet werden, dass nur ein theil derselben reine 
kaUigraphische zuthat ist. Schon die elbassaner schrift 
hat gewisse verschlungene figuren der römischen cur- 



— 137 — 



sive bevorzugt und erstarren lassen, z. b. rf> ü (lat. u), 
daher die untere schlinge aller jer- und izica-formen 
und des zweiten theiles des S- schon vor der ent- 
stehung der eigentlichen glagolica da war. Den unter- 
schied der zwei sehr gewöhnlichen röm. s 



r^ 



§. 25, benützten die Albauesen zur Scheidung der 
laute s — g bei einigen zeichen: in za ist das erste s, in 
Tä und i das zweite enthalten. In der glagolica ist 
von dem ersten keine spur zu entdecken, sie be- 
vorzugte wieder nur die verschlungene abart, die wir 
gewendet und differenzirt als s in S und S in t\R wieder- 
finden. Die schlinge in P" geht auf das kleine o der 
ligatur lo (ju) zurück, §. 86. Der oft ganz runde köpf 
des -P entstand durch einen verschluss. In allen ähn- 
lichen fällen beschränkte sich die thätigkeit der glagoliti- 
schen kalligraphen darauf, dass sie die fast immer sehr 
unregelmässigen, ellipsenförmigen, spitzigen schlingen 
der mutterzeichen in kleine starre kreise umgössen. 
Fassen wir daher jeden solchen kreis im allgemeinen als 
schlinge auf, so finden wir nach unseren herleitungen fol- 
gende stattliche reihe von ererbten schlingen, welche 
wohl hinreichte, dieses von allem anfange an häufige Orna- 
ment so beliebt zu machen, dass es schliesslich auch 
doi't angebracht wurde, wo es nicht hingehörte : in § 
P" 5 b 8 f * M; die rechte schlinge in V A « Ä; 

die zwei linken in J3. (vgl. die entwicklung nach 

§. 115), die oberen in ^, die unteren in jev und izica; 
der kreis des runden o von Baäka und des pariser ot. 
Schon auf albanesischem boden wurde der ver- 
such gemacht, einer schrift durch einseitige bevor- 
zugung der schlingen der römischen cursive ein eigenes 
ornamentales gepräge zu geben. Entgegen dem elbas- 
saner hat das aiphabet Büthakukje's eine gewisse, nicht 
ohne absieht durchgeführte kalligraphische Selbstständig- 
keit, denn alle seine zeichen bestehen aus gekrümmten 
linien und die meisten haben schlingen. Wir haben 
diese schlingen sämmtlich durch gewisse nebenformen 
der römischen cursive motivirt. Ist es möglich, dass 
je eine derart stylisirte römische cursive bei Römern 
existirt habe? Gewiss nicht, obwohl fast alle zeichen 
Büthakukje's römischen Ursprunges sind. In der cur- 
sive kann ein zeichen in gewissen lagen, Verbindungen 
oder durch gewohnheit verschlungen werden, alle zei- 
chen immer so zu schreiben, kann nur eine absicht- 
liche einseitige stylisation. Interessant sind gewisse 
buchstaben, welche doppelt, in verschlungener und un- 
verschlungener stylisation überliefert sind: e (nr. 2), 
k (15), 1_{U), m (18), n (19), p (21), tzj (30), §. 70. 
Diese eigenschaften erhöhen den werth des ein- 
samen alphabets Büthakukje's in ausserordent- 
lichem maasse. Es ist geradezu einer der schon stark 

Gcitler. Die albanesischen und slavischen scliriftea. 



entwickelten keime des speciellen charakters der gla- 
golica. Denken wir uns eine cm-sive von Elbassan, 
welche wie die Büthakukje's verschlungene abarten 
bevorzugt, eine abweichung, welche in jener alten zeit, 
da die elbassaner schrift mehr cursive war, nichts be- 
deutete, weil in jeder römischen Urkunde verschlun- 
gene und geradlinige figuren desselben buchstabens 
nebeneinander liegen, und erwägen wir die greifbarsten 
belege für diese neigung: 3 W <ft> ■& — so haben wir 
auch bei Albanesen den wahren anstoss gefunden, der 
später den graphischen charakter der glagolica schuf. 
Alle schlingen Büthakukje's sind noch ursprünglich 
und in der mutterschrift vorhanden, sie auch auf andere 
zeichen zu übertragen, wagte erst jener grosse kalligraph, 
der zugleich der erste wahre glagolite in unserem sinne 
wurde. Reine kalligraphische secundäre zuthat sind 
die kleinen kreise in ■€, je des zogr., %€ S °P W ^ 
V ^ )t» öo "fl", die obere schlinge in S und der izica, 
die obere und linke in <S, die rechten schlingen in ä 
3G « Ai V, die unteren in "SS". Die kalligraphischen 
schlingen wurden nur in besonderen fällen angewendet, 
wenn irgend ein herausragender, gewöhnlich gekrümmter 
strich der grundform dazu einlud, um die figur abzu- 
runden und, was die hauptsache zu sein scheint, sym- 
metrisch zu machen. Der zweite fuss des griechischen S 



Ä 



verlockte von selbst zur bildung des 

Manchmal sind die Veränderungen minimal. Die 
schlinge des ersten theiles des ^äf€ und die rechte in 36 
ist nichts anderes als ein mehr eingebogenes, ohnedies 
gekrümmtes alban. ). Wo ähnliche bedingungen nicht 
gegeben waren, sind auch zumeist keine schlingen an- 
gebracht worden. Manche, von allem anfange an starre 

formen 

I A h + e UJ 

sind ohne diese kalligraphische Weiterbildung auf uns 
gekommen, denn eine so durchweg „brillenförmige" 
schrift ist die glagolica doch nicht, wie man gewöhn- 
lich voraussetzt. Eben weil die verschlingung anfäng- 
lich nur durch den cursiven charakter eines buchsta- 
bens bedingt war, sind die reste der alten capitalen 

(initialen), z. b. 

M T 

so durchsichtig und unverändert überliefert. Man ging 
bei der anfügung der schlingen mit bedacht vor. Die 
muttertypen des glagol. "V und % sind einander sehr 
ähnlich. Würde man sie auf gleiche weise verschlun- 
gen haben, sie würden zusammengefallen sein. 

Auch die griechische schrift ist, wenn auch in 
sehr geringem maasse, eine quelle der glagolitischen 
Schlingenbildung. Ich denke hier nicht an 'SS, das in 

18 



138 — 



ältere zeiton gehört, sondern an einen verhältnissmässig 
späteren einfluss einiger züge und Ornamente der mi- 
nuskel. Die obere schlinge des 



^ 



des II. prager Fragments hat ein fertiges griechisches 
Vorbild, §. 147. Die griechische initiale 



© © 



wurde wahrscheinlich nur ihrer form halber von den 
glagoliten recipirt, weil sie sich der mittlerweile ent- 
wickelten glagolitischen kalligraphie ihrer schlingen 
halber so schön anpassen konnte. Sie mag anfänglich 
nur ornamentales zeichen, initiale gewesen sein und 
wurde dann dem cyrill. w entgegengestellt, für das die 
glagoliten kein gegenstück besassen. Dasselbe gilt 
von dem kleinen kreise im h des assem., wenn über- 
haupt unsere herleitung, §. 144, richtig ist. Er ist ein 
griechisches ornament. Man findet nämlich, so viel 
ich weiss, allerdings nur in jüngeren griechischen und 
cyrillischen handschriften verzierte initialen, deren 
hauptstrich durch einen knoten oder kleinen kreis unter- 
brochen wird (vgl. das initiale delta und sigma in der 
belehrung des heil. Basilius, 12. jahrh., snimki voskres. 
i novojerusalem. bibl., ibid. in einer triod. des 13. jahrh., 
VIII., 3, r und c). Interessant ist verziertes )f r ip in 
den alten cyrillischen homilien des greg. naz., 11. Jahr- 
hundert, nach Budilovic' facsimile: 



(^ ^ ^ 



glagol. W? Diese jüngeren fälle müssen von der älteren 
überwiegend römischen Schlingenbildung und ihren weit- 
ausgreifenden analogien strenge geschieden werden. In 
zwei oder drei fällen hat diese kalligraphische neigung 
derart um sich gegriffen, dass sie in einigen späteren 
denkmälern schlingen schuf, die sich z. b. im assem. 
noch nicht nachweisen lassen. Wie die beiden an 
stielen hängenden kreise des dja des glag. cloz. 



J 



entstanden, wurde durch allmälige Übergänge, §. 125, 
gezeigt. Wie das dreieck des ■& und %G allmälig in 
eine ellipse verfliesst, §. 80, 148. Dagegen ist die schlinge 
des 3€ langsam verwittert, §. 77. Die glagolica besitzt 
etwa 50 — 55 kleine kreise; davon ist mindestens die 
eine hälfte in den mutterzeichen enthalten, die andere 
reine ornamentale zuthat. Durch die Schlingenbildung 
hat die lesbarkeit und handlichkeit der glagolica ge- 
wiss nicht gewonnen, aber sie wurde durch sie erst zu 
einer charakteristischen, selbstständigen, nationalen 
Schrift. Unsere darstellung der Schlingenbildung lässt 
die Fortsetzung des definitiven typus der glagolica als 



den endpunkt einer historischen entwicklung erscheinen. 
Die blosse anfügung von schlingen ohne einen vorher- 
gehenden anstoss der mutterschrift wäre die zwecklose 
kindische that eines kalligraphen gewesen, welche nicht 
die allgemeine anerkennung gefunden hätte. 

b) Das häkchen. 

Ein Ornament griechischer initialen und heraus- 
gerückter buchstaben, das wir häkchen nennen wollen, 
heftet sich an den oberen theil mancher buchstaben, 
z. b. des ^ A A )f = 



7 



(Sabas, unter dem jähre 932) und ist auch in der 
cyrillica sehr beliebt (vgl. z. b. die tafeln des octoich 
strumnickij). Es ist zumeist nach links, manchmal 
nach rechts gekehrt (vgl. das lambda in einem Plutarch 
des 11. jahrh., Silvester, Pal. univers.): 



Ä 



wodurch sich die weichen Ij und nj mancher 
cyrillischen handschriften, §. 112, IV 

als längst ausgebildete, nur zu einer besonderen 
geltung vimgestempelte formen erklären. Dann 
wird dies ornament losgelöst und selbstständig anderen 
zeichen mit offenbar diakritischer bedeutung angefügt : 

Im zweiten falle hat schon ein griechisches durch- 
strichenes zeta dazu den anlass gegeben, §. 149. In 
ähnlicher weise ist nur weiter ausgebildet ein häkchen 
von anderer griechischer herkunft, ein minuskel-epsilon 



ö- 



in cyrill. jat 



das dann auf andere jia^-formen der handschrift des 
greg. naz. übertragen wurde: 



^ "T 'fe 



Doch könnten die zwei ersten (capitale alpha) 
schon in griechischer schritt so verziert werden. Das- 
selbe gilt von dem ja (a) des evang. Mstislav, §. 106, 
und von einem bosnischen c, §. 136, VIII. Der anfäng- 
lich nur gerade auslaufende strich des alten uncialen beta 



— 139 



ist wohl erst in der cyrillica zu einem deutlichen häk- 
chen geworden : 



Welche bedeutung hat die figur 

des greg. naz., welche Budilovic unter den sokrasöenie 
slogov anführt? Etwa Hh (vgl. cyrill. 7ij, Ij). 

In der cyrillica ist das häkchen uncialen und capi- 
talen charakters. In der glagolica entwickelte es sich zu- 
meist erst dann, wenn ein anlass dazu vorhanden war. 
Ein ursprünglicher oder erst angefügter gerader strich 
wird am ende mit einem dicken punkte versehen. Hier 
müssen wir den einfluss der griechischen minuskel in 
anschlag bringen, welche mitunter ähnliche häkchen 
schuf (vgl. z. b. das sigma in Wattenbach et Velsen, 
Exempla c. gr. XLII, 11. jahrh.): 



^ 



Daher glagolitisches 

•S 

der zweite theil des «, die izica, auf dieselbe weise 
verziert ist, obwohl der stiel des häkchens schon durch 
die mutterform gegeben war : nur der punkt ist spätere 
zuthat. Der kleine ansatz am fusse eines griech. \i. 
wird verlängert : 

und erscheint mit dem punkte oder häkchen 

in den prager fragmenten, in welchen unser Ornament 
überhaupt sehr beliebt ist. Die initiale und majuskel 
pflegt das häkchen immer am deutlichsten auszuprä- 
gen. Ist die izica im glag. cloz. minuskel, so hat sie 
nur den querstrich, in den aufschriften ist er zum häk- 
chen geworden, §. 103. Ebenso wird der kleine quer- 
strich des 

eine kalligraphische zuthat in der initiale zum häk- 
chen (vgl. die beispiele aus dem sinaitischen eucholo- 
gium, §. 157). Man vergleiche 



mit dem gross gezeichneten 



; 



des evang. grig., pag. 70 der lithographirten ausgäbe. 
Das glagol. 9 bekam einen zweiten querstrich, der mit 
zwei deutlichen endpunkten zuerst in der majuskel des 



■assem. erscheint, §. 72. Dann sind allerdings auch 
kleine buchstaben mit häkchen gewöhnlich. Hieher 
gehört die graphische entwicklung des glagol. +, §. 105. 
Ein häkchen erhielt in einem falle ein q des II. prager 
fragments, §. 78. Aus einem glagol. r b entstand das r 



der Inschrift von Baska und schliesslich das einem 
cyrill. E ganz gleiche r der Urkunden von Zeng, 1305. 
Das häkchen greift in der glagolica nur langsam 
um sich und ist nie ein consequent durchgeführtes mittel 
der Verzierung geworden. 



zweier divergirenden linien 



c) Die verschlusse und dreiecke. 

Die enden 

werden verbunden. Vielleicht ist dieser verschluss 
eine erfindung slavischer (cyrillischer?) Schreiber, denn 
ausserhalb der slavischen Schriften konnten wir für 
ihn keine analogie finden. Der wichtigste verschluss 
findet sich in der cyrillica: 

A A 

A A 

weil ihm offenbar die absieht einer äusseren differen- 
zirung zweier laute zu gründe liegt, §. 106, 112. Hie- 
her gehört wahrscheinlich das a von Baska : 

ein Ä des bol. psalt., §. 106. Rein ornamental sind 
die wohl späten verschlusse serbischer dja : 



A 



i ^ 



§. 136. Zu bloss kalligraphischen zwecken werden gla- 
golitische formen geschlossen, wodurch die so häufi- 
gen dreiecke der glagolica entstehen, theils freistehend, 
theils eingeschrieben in andere figuren: 8 8 S T, 
der erste theil des %ß. Daher das längliche dreieck 
in V. Auf diese weise entstand der viereckige, manch- 
mal auch dreieckige köpf des -P, §. 116. Auch sonst 
ist das dreieck sehr beliebt (vgl. ■&; glagol. b wird 
dreieckig, §. 118, ebenso jer der Inschrift von Baska): 



^ 



Eigenthümlich sind die verschlusse, wodurch die 
freistehende izica aus dem offenen zweiten theile des ü, 
§. 102, 103, und glagolitisches 

^ aus ijJ 

entstand, §. 138. 

d) Es erübrigen noch einige graphische neigungen, 
welche sich in der glagolica erst dann geltend machten, 
als sie durch die erörterten mittel zu einer selbststän- 

18* 



140 



digen Schrift geworden war. Wenn schon die ältere 
minuskel nach Gardthausen, C)r. pal., pag. 188 „mitgröss- 
ter .Sorgfalt einen buchstaben neben den andern malt", 
80 gilt dies in noch höherem grade von der glagolica. 
Auch sie ist wie die minuskel durch eine strenge styli- 
sation einer älteren cursive entstanden, aber die in ihr 
durchgeführten kalligraphischen mittel haben die ver- 
einzelte, langsame und sorgfältige art des schi-eibens 
noch viel weiter getrieben. Dass den starren geome- 
trischen figuren der glagolica die vielleicht flüchtigsten 
Schriftarten zu gründe liegen, mag man am allerwenigsten 
erwartet haben. Ihre meisten zeichen müssen mit 
einem mehrfachen ansetzen der feder hingemalt werden. 
Daraus ergab sich ein streben nach Symmetrie. 
Ursprünglich verschiedene zeichen haben sich derart 
beeinflusst, dass sie ganz ausgeglichen wurden ; es gibt 
mehrere zeichenpaare, die sich nur durch die läge 
unterscheiden. Wir sahen §. 150, wie die form des 6h 
ein ausgebauchtes V schuf, sich dieses zeichen assimi- 
lirte und wie alle weiteren Veränderungen von 6h und V 
parallel gehen. Hieher gehört 8 und 8, ■& und der 
erste theil des %€. Gewiss hat die letztere tigur die 
erste beeinflusst, und muss dieser umstand bei der be- 
urtheilung der schliessliehen stylisirung der form des ^ 
seiner lateinischen grundform gegenüber auch mit in 
rechnung gezogen werden. Ot und izica des zogr., 
izica und weiches, dann hartes jer und s der Inschrift 
von Veglia mitsammt ihren rechteckigen nachkommen 
sind ähnliche widerspiele, welche die glagolica, wie 
öafarik bemerkte, zu einer vexirschrift machten. Gerade- 
zu entscheidend wurde diese neigung der glagolitischen 
kalligraphen für die schliessliehe ausbildung des 3€, 
das in seinem ersten theile ganz an das 3 angeglichen 
wurde, nachdem es ursprünglich als gekrümmtes alban.j d 
ganz ohne querstriche war. Da die glagolica dies j 
als selbstständiges zeichen aufgab, so war die Ver- 
dunklung seiner figur besonders in einer Verbindung 
unvermeidlich. Die Schlingenbildung erzeugte symme- 
trische iiguren: « 3G X rfi V S u. s. w. Der ma- 
lende ductus Hess ein alban. X in einen kreis und ein 
dreieck zerfallen: S, ähnlich 8. Man kann aus alten 
handschriften genau entnehmen, dass jeder theil streng 
für sich gezeichnet wird. Dieser process löste den 
fuss des C von dem ersten arme ab und verschob ihn 
unter unmerklichen Übergängen in die mitte: 

(sinaitischer psalter, §. 120). Auch der verschlungene 
stiel des ^ war einst die fortsetzung des linken schen- 
keis des dreiecks, er wurde unter anlehnung an %£ 
in die mitte gerückt. Am meisten wurde dadurch der 
einheitliche ductus des röm. k beeinträchtigt, er zer- 
fiel in der glagolica in zwei ganz und gar getrennte 
theile: h . Man denke ferner an formen wie 



§. 115. In der Unterschrift von Hierisso 982 wird der 
stiel des b von dem kreise losgelöst und auf denselben 
gestellt : 



X 



i 



Auf der inschrift von Baska stehen manche schlin- 
gen frei auf ihren stielen (vgl. V, §. 152). Aus schief 
aufstrebenden stielen entwickeln sich später horizon- 
tale in c g h p s — ein wichtiges kriterium, wenn es 
sich darum handelt, vor allem den relativ ältesten 
ductus zu constatiren. 

§. 157. Die älteren und jüngeren initialen der 
glagolica. 

Die glagolica übernahm von ihren mutterschriften 
auch einige capitale formen, welche sie als initiale, 
majuskeln oder herausgerückte buchstaben anwendete 
(unterschiede, welche in dieser schrift nicht strenge 
zu urgiren sind). Neben den betreffenden figuren M T 
B H (wir setzen der kürze halber ihren capitalen grund- 
zug) hat aber die glagolica noch andere majuskeln 
und initialen mit derselben geltung. Unsere Überliefe- 
rung zeigt daher neben den vorausgesetzten mutter- 
formen folgendes verhältniss: 



M 

N 

T 
B 






M ^ 

N -P 

T n 

B 1? 



crm 
o-Lq 



V 



In der ersten columne steht die capitale der cur- 
sive (oder minuskel) gegenüber — die alte glagolica. 
In der zweiten erblicken wir das (nicht mehr unge- 
trübte) verhältniss von denkmälern, wie z. b. der 
sinaitische psalter: der schon kalligraphisch weiterge- 
bildete kleine buchstabe steht dem unveränderten grossen 
gegenüber. Der herrschende charakter der glagolica 
ist in der dritten columne reflectirt, der kleine buch- 
stabe steht neben einem gleichgestalteten, der durch 
einfache vergrösserung (und sonstige der initiale eigene 
nebeneigenschaften) aus jenem entstand. Daher der 
unterschied älterer und jüngerer „grosser buchstaben" 
(dies ist etwa der für die glagolica passendste aus- 
druck). Als der anfänglich durchsichtige Zusammen- 
hang der cursiv- und majuskelform durch die glago- 
litische Umänderung der ersteren zerrissen wurde, 
mussten die alten grossen buchstaben der übrigen 
schrift immer mehr entfremdet werden; sie wichen, wie 
aus den denkmälern zu entnehmen, langsam zurück 



141 



und die glagoHten bildeten neue grosse Luchstaben, sollte 
ihre schrift ihren griechischen Vorbildern, den minuskel- 
handscbriften, gleichkommen. Schon von allem anfange 
an konnten die glagoliten keine so vollständig durch die 
ganze reihe des alphabets durchlaufende anzahl von 
grossen buchstaben besitzen wie ihre zwei eigentlichen 
mutterschriften, die römische und griechische, denn 
erstens haben sie nicht alle lateinischen und griechischen 
buchstaben verwerthet und zweitens konnte es selbstver- 
ständlich z. b. für 35 (lat. sj, ij) nie eine grosse capi- 
tale form in der römischen schrift gegeben haben. 

Da der unterschied zwischen majuskel und mi- 
nuskel in der glagolica nie scharf ausgeprägt wurde, 
so konnte es geschehen, dass jene grossen buchstaben, 
z. b. T M, auch unter die kleinen versetzt wurden 
(sinait. psalter), versuche, die wieder verschwanden. 
Nur aus der besonderen entwicklung der jüngeren 
croatischen glagolica ist es erklärlich, dass das schon 
halb aufgegebene M zu neuer geltung kam und sogar 
^ verdrängte, §. 160. 

Auch die gewöhnlichen glagol. of, §. 88 und S, 
§. 94, waren anfänglich nur verzierte initialen, und 
doch wurden sie unter die kleinen buchstaben versetzt 
und bekamen sogar einen platz im alphabete. 

Aus verschiedenen Ursachen entstanden mit der 
zeit specielle grundzüge einiger grosser buchstaben, 
die von den kleinen wirklich verschieden waren : die 
spitzigen £h und 1? durch griechischen einfluss, §. 150, 
152; die grossen häkchen des -P und f, §. 156; das 
oben angeführte n mit den hohen füssen erscheint als 
grosser oder herausgerückter buchstabe schon im assem. 



und zogr. Kaum entstanden, wird auch dieser unter- 
schied verwischt, denn auch kleine buchstaben wer- 
den mitunter so geschrieben. 

Die jüngeren initialen und herausgerückten buchsta- 
ben der glagolica, die aus den kleinen entstanden, haben 
sich an der griechischen Ornamentik des 10. bis 11. Jahr- 
hunderts herausgebildet. Aus den ecken herauswach- 
sende blätter, hervorragende bände, verschlun- 
gene bänder, knoten und wulste, sammt der rothen, 
grünen und blauen hellen colorirung erinnern deutlich 
an griechische initialen wie r T (Gardthausen, Gr. pal., 
pag. 88, 95; Sabas unter denjahren 975, 990, 1063 u. s.w.). 

Die weisende oder segnende band (Gardthausen, 
pag. 88; Sabas, supplementa a. 1116). Initialen aus 
lebenden figureu, thieren zusammenzustellen wagten 
die glagoliten, so viel wir wissen, nicht, und auch ein 
hie und da in eine schlinge eingezeichneter mensch- 
licher köpf ist ziemlich einfach gehalten. Manche alte 
handschriften machen den eindruck äusserster Schmuck- 
losigkeit. Mit grösster technischer fertigkeit nach schon 
festgewordenen mustern sind die häufigen und bunten 
initialen des sinaitischen euchologium gemalt, ihm reiht 
sich wohl an der zogr. und assem. Weniger ausgezeichnet 
in ornamentaler hinsieht ist das evang. grig., noch roher 
und schmuckloser ist der sinaitische psalter und, so- 
weit wir schliessen können, das fragment des achrid. 
evang. Ornamentale Untersuchungen stehen dieser arbeit 
ferne. Wenn ich durch die anführung einiger initialen 
des sinaitischen euchologium den leser an die Verwandt- 
schaft mit griechischer Ornamentik erinnert habe, so 
ist mein zweck erreicht. 



T 



s 









— 142 — 



Man beachte die spitzig zulaufenden s und /, die 
durch griechischen eintluss entstanden (vgh die spitzi- 
gen Sh und V, §. 150, 152, spitziges initiales o und s 
des cyr. greg. naz.). Aus zwei tiguren für c und g ersehen 
wir, dass grundlinien verdoppelt werden; dies geschieht 
sehr häutig bei L, und b im evang. grig. und in croa- 
tischen handschriften und drucken. Wahrscheinlich 
sollte der Zwischenraum mit färbe ausgefüllt werden, 
was man oft unterliess ; dasselbe in griechischen minuskel- 
handschriften (vgl. T n H in Wattenbach et Velsen, Ex. 
cod. gr. V, VIII. Leider verlässt uns das material bei 
der frage, in welcher art und ausdehnung in älterer 
zeit jene griechische Ornamentik auf den lateinisch- 
croatischen bodon verpflanzt wurde, wohin sie doch 
mit der ganzen schrift gekommen sein musste. Viel- 
leicht entdeckt man nachklänge in den handschriften 
des 13. Jahrhunderts, z. b. im laibacher homiliar. In 
diesem ist das alte spitzige V äusserst schmal und 
hoch geworden, wozu wir die anfange mit vielleicht 
ähnlichen Ornamenten im evang. grig. tinden. Die 
eigentlichen fundgruben in dieser richtung, die riesi- 
gen kalligraphischen prachtwerke des 14. — 15. Jahr- 
hunderts, das buch knez Novak's (1378), des Schreibers 
Vid von Omisalj (Castell-muschio, Veglia, 1396), die vier 
messbücher von Verbenico (Veglia), Laibach, sind auch 
schon anderen einflüssen unterlegen. Dabei begegnen 
wir der bekannten erscheinung, dass die initialen zu- 
meist die paläographisch älteren formen repräsentiren. 
Mehrere specielle buchstabenformen der Inschrift von 
Baska, z. b. das rechtwinkelig zugeschnittene 6h und V 
mit den fast noch runden kleinen schlingen (zugleich 
alte bulgarische initialen) erhielten sich in der croati- 
schen glagolica, bis sie ausstarb. Man könnte mit den 
späten croatischen initialen beinahe ein altbulgarisches 
rundes alphabct reconstruiren. "US mit ganz runden 
schlingen wie auf der inschrift von Veglia ist am an- 
fange eines absatzes bei knez Novak sehr beliebt, nie 
kommt es als kleiner buchstabe vor. S, das man für 
ein kennzeichen eines höheren alters croatischer hand- 
schriften hält, ist initiale von echt altbulgarischer un- 
veränderter gestalt bei Vid von Omisalj (1396). Ebenda 
und auch viel später sind die schlingen von initialem 
8 8 « 56 noch kreisrund. Eine unglaubliche Ver- 
schwendung mit initialen treiben besagter knez Novak 
und Vid von Omisalj. Da die aus allen handschriften 
— offenbar theilweise archaisirend — zusammenge- 
suchten glagolitischen formen nicht hinreichen, werden 
cyrillische herbeigezogen (k H H, pag. 41b von des 
Vid band eine kleine cyrillische Zuschrift), schliesslich 
die lateinische münchschrift zu hilfe genommen (h s 
d a l u. s. w.), daher zum beisjjiel ein solches d auch 
in späten drucken erscheint. Die bücher von Ver- 
benico suchen an umfang, ausstattung, an Schönheit 
der miniaturen ihresgleichen unter allen slavischen 
handschriften. Die stellen der initialen des missale vom 



jähre 1483 sind nach der weise alter drucke leer ge- 
blieben. 

Anmerkung. Vielleicht sollte ich noch dem ein- 
würfe begegnen, ob jene M T B N nicht zu jenen zu- 
fälligen cyrillischen Zuschriften und vereinzelten buch- 
staben gehören, welche bekanntlich nicht selten in gla- 
golitischen Codices auch von gleichzeitigen bänden 
eingezeichnet sind. Man bedenke vorerst, dass man 
bisher keine derartige majuskcl in der glagolica ge- 
funden, welche nothwendig und specifisch cyrillischen 
Charakters wäre. Während M T B N die natürlichen 
grossen buchstaben zu den cursiven W s« t? -P sind, 
ihre herleitung aus echten cursiven m t b n geradezu 
bestätigen, ist z. b. noch nirgends ein griech.-cyrill. 
sigma C als glagolitische majuskel zu einem 8 (= lat. s) 
gefunden worden. (Das einzige beispiel eines übrigens 
kleinen cyrill. c im jüngeren theile des zogr. ist, den 
anderen sogenannten cyrillischen buchstaben der hand- 
schrift entgegen, nach Jagic entschieden jüngere Inter- 
polation.) MTB erscheinen nicht wie andere cyrilli- 
sche Worte und buchstaben wie durch zufall, sondern 
mit einem bestimmten graphischen charakter und zwecke, 
in aufschriften, als initialen, der nur unsere erklärung 
zulässt. Sollen wir uns des historischen Zusammen- 
hanges des croatischen schon bei Bulgaren bezeugten M 
und ^S" begeben und an seine stelle als ausgangspunkt 
die caprice eines alten Schreibers stellen, dem es ein- 
mal eingefallen wäre, ein etwa cyrill. M, das er gar 
nicht brauchte, noch neben "^ zu verwenden? Das 
wichtigste beispiel des eindringens sogenannter cyrilli- 
scher demente in einen glagolitischen test ist gewiss 
der jüngere theil des zogr. Das 38 male eigenthüm- 
licherweise fast immer am wortende vorkommende 
cyrillische weiche k steht dem sonst ausschliesslich ge- 
brauchten ^ ebenso gegenüber wie ein altglagolitisches 
dem cyrill. u fast noch ganz gleiches weiches jer der 
inschrift von Baska ihrem sonst nur harten S. Man 
bedenke, dass i», wenn auch nicht in dieser starren 
geradlinigen form, ursprünglich nur glagolitisch war. 
Sollte das zusammentreffen dieses umstandes in zwei 
ganz verschiedenen denkmälern ebenso zufällig und 
werthlos sein wie das hinkritzeln eines cyrillischen 
buchstabens oder wortes an den rand oder die aus- 
radirte stelle eines glagolitischen textes ? Cyrill. h (in 
hH einmal) des jüngeren zogr. erinnert an H des fi'agm. 
Mih., §. 92; cyrill. kl (zweimal) an W der inschrift 
von Veglia, §. 101; cyrill. m (einmal) an „croatisch" m, 
§. 122; cyrill. (p (einmal) an (p des assem., §. 147; 
A (dreimal), das hier uncial ist, einst capital gewesen 
sein konnte, mahnt an die eigenthümlichen capitalen 
alpha der inschrift von Baska und Zeng, §. 108, 110; 
cyrill. p (einmal) erscheint als unciale oder capitale 
form P in einer aufschrift des sinaitischen psalters 
in einem sogleich näher zu behandelnden worte, dann 
auf der kleinen inschrift von Baska im worte npociYT^, 



143 



freilich beschädigt (vgl. §. 118 und viestnik hrv. ark. 
druztva I, 2). P konnte einst nach analogie des M 
die echte glagolitische majuskel zu dem gewendeten 
cursiven rho b sein, denn wir sehen schon aus dem 
Verhältnisse von B und H?, dass die alten grossen buch- 
staben ihrer besonderen form halber weder den Wen- 
dungen, noch kalligraphischen Veränderungen der 
kleinen unterlagen. Dann würde im jüngeren zogr. 
nur St (einmal) übrig bleiben, das zu meiner auffassung 
dieser fälle nicht stimmen würde. Wie kommt es, 
dass fast alle diese cyrillischen Interpolationen des jün- 
geren zogr. an jener grenze stehen, wo sie als ursprüng- 
lich glagolitisch angesehen werden können oder doch 
zur glagolica in irgend einer sonst nachgewiesenen be- 
ziehung stehen, überhaupt auch in anderen quellen 
vorkommen? Es wäre nicht leicht, sich mit der an- 
nähme zu befreunden, dass sie ganz und gar der Will- 
kür des Schreibers anzurechnen seien. Sein kleines m 
und wohl auch p sind allerdings nur reminiscenzen 
alter, schon aufgegebener majuskeln, auch konnte es 
eine solche glagolitische Orthographie nicht gegeben 
haben. Dann ist der sinaitische psalter zu beachten. 
Seine M B T werden an wenigen stellen auch unter 
die kleinen buchstaben versetzt — es ist nicht zu ver- 
wundern, dass der theilweise mit der cyrillica bekannte 
Schreiber, wie aus einigen randbemerkungen zu ersehen, 
einmal auch in einer aufschrift, pag. 232, was be- 
merkenswerth ist, auch ein ganzes wort: PatiVl^X 
(d. i. pas^Y^Wk) zu schreiben versuchte. P und M 
konnten ihm auch sonst aus der glagolica bekannt sein. 
.1 kehrt auch im jüngeren zogr. wieder, obwohl wir 
dessen grund in der glagolica kaum errathen. Das 
andere ist ihm schlecht genug gelungen, [i steht statt 
cyr. 1^! Schliesslich mussten derartige elemente wie M T 
den glagoliten bei dem fortwährenden abschreiben 
cyrillischer Codices, der Verbreitung der cyrillica in ihrer 
heimat, selbst wie cyrillisch vorkommen, vind so er- 
scheinen denn auch echte cyrillische Interpolationen. 
Gewiss ist in betreff des jüngeren zogr. cyrillischem 
einfluss das möglichste zugeständniss zu machen. Ein 
croatischer Schreiber des 14. Jahrhunderts wird sein M 
gewiss für ein lat. fractur-m gehalten haben, und es 
lag ihm die Versuchung nahe, auch andere fractur- 
buchstaben wie s l d a wenigstens als initialen aufzu- 
nehmen. Und doch wird niemand aus einem solchen d 
der fractur bei Vid auf einen ähnlichen Ursprung des 
croat. M zurückschliessen wollen, da dessen grundzug 
auf der inschrift von Baska und im sinaitischen psalter 
längst vorhanden ist. 

§. 158. Die glagolitische majuskel. 

Die technischen ausdrücke, mit welchen wir den 
unterschied der Schriftarten in lateinischer und grie- 
chischer paläographie bezeichnen, können natürlich nur 
unter starker beschränkung auf die glagolica übei-tra- 



■ gen werden. Die glagolica war nie eine capitale, welche 
zur unciale, dann zur cursive u. s. w. geworden, sie 
knüpfte an eine schon bestehende mannigfaltigkeit an, 
denn zur zeit, als sie kalligraphisch weitergebildet im 
wahren sinne des wertes entstand, hatten ihre lateini- 
schen und griechischen mutterschriften die hauptphasen 
ihrer entwickhing so ziemlich beendigt. Die kleine 
glagolitische schrift zwar können wir mit recht minuskel 
nennen. Sie ist so wie die griechische aus einer cur- 
sive hervorgegangen und ist auch sonst dem ductus 
dieser gefolgt. Aber die glagolitische majuskel, welche 
den Überschriften griechischer minuskelcodices ent- 
spricht, ist nicht wie diese aus einer unciale, die es 
in der glagolica nie gegeben, entstanden, sondern reine 
äusserliche nachahmung eines griechischen musters. 

„Als man aufhörte, ganze bücher in majuskeln zu 
schreiben (Gardthausen, Griech. pal., pag. 167 — 168), 
fristete die griechische unciale noch auf sehr verschie- 
dene weise ihr dasein. In minuskelhandschriften wurden, 
um die Überschriften hervorzuheben, majuskeln ange- 
wendet, die mit den früheren formen zusammenhängen 
und doch als eine Weiterbildung, keineswegs aber als 
eine Verschönerung derselben aufgefasst werden. Wäh- 
rend nämlich die älteste majuskel auf die grundform 
eines quadrates und kreises zurückgeführt werden muss, 
sind rechteck und oval die grenze für die schmalen 
formen der jüngeren unciale. In der weiteren ent- 
wickhing nimmt die höhe und Schlankheit auf kosten 
der breite zu, aber das extrem in dieser bezie- 
hung wird erst erreicht in der majuskel der Über- 
schriften, die so hoch und schmal wird, dass man, 
wenn der platz nicht ausreichte, einfach die höhe zweier 
buchstaben für zwei kleinere verwenden konnte, die 
buchstaben sind so steil gestellt, dass A und A einen 
senkrechten grundstrich haben, u. s. w. Diese unschöne 
majuskelschrift findet sich schon in einem londoner 
codex vom jähre 1066. Ein beispiel bei Montfaucon, 
Pal. graec, pag. 293. Für uns sind besonders die- 
jenigen formen bemerkenswerth, wo die eigentliche 
gestalt des buchstabens ganz verkleinert an einem 
überaus langen stiele angehängt ist: 

D \ n \ 



cl?^ ^- IT 

a <j) 3 E (J. 

Durch einfache vergrösserung der kleinen buch- 
staben gewannen die glagoliten nach diesem mvister 
eine ähnliche steile schmale majuskel zur hervorhcbung 
ihrer Überschriften. Vgl. die bekannten facsimile der 
Überschriften des cloz. : 



— 144 — 



Daher stammen die hohen grundlinien des r n 
mit den kleinen schlingen, die auffallend zerdehnten o 
\u\A jev u. s.w. Alle buchstaben müssen gleich 
hoch werden, daher die langen „ croatischen" 
füsse des t, das wir in dieser gestalt schon im älteren 
zogr. und assem. linden. Die eigenthümlichkeiten aller 
sonstigen grossen herausgerückten buchstaben und ini- 
tialen kehren in dieser majuskel wieder, «ft und 1? 
erscheinen rechtwinkelig zugeschnitten (eloz.) oder 
spitzig (sinait. eucholog., psalter, zogr.). Ihr verdanken 
wir die theilweise erhaltung der §. 157 behandelten 
alten majuskeln M B T (sinait. psalter, achrid. evang.). 
Die Inschrift von Baska ist vorzugsweise mit ähnliehen 
majuskeln geschrieben, was für die beurtheilung ihrer 
eigenthümlichkeiten sehr wichtig ist. Man drängt in 
den Überschriften die hohen buchstaben an einander, 
spart mit dem platze, so dass es wie in jener griechi- 
schen majuskel geschehen kann, dass ein buchstabe 
ganz verkleinert zwischen andere eingezwängt wird. 
(Vgl. den kleinen zweiten theil des^e in den aufschriften 
des eloz.) Merkwürdig ist die majuskel 3^ des sinai- 
tischen euchologium 



denn sie erklärt die eigenthümliche, sonst nirgends 
wiederkehrende thatsache, dass gewisse denkmäler echt 
croatischer schrift den hinteren theil des m auffallend 
zu verkleinern pflegen (missale Kukuljevi6, 13. jahrh.): 



3? 



Inschrift von Dobrinje, 1576: 

\ 

Dies rührt eben aus dem zusammendrängen der 
schmalen und hohen majuskeln her. 

Es ist schon jetzt klar, dass von dieser 
majuskel aus der weg zur croatischen glago- 
lica führen muss. Einen klaren einblick in den 
Charakter dieser Schriftart verschaffte ich mir erst durch 
die beiden sinaitischen denkmäler. Hier erseheinen selbst 
drei- bis fünfzeilige Überschriften in grosser anzahl vor 
jedem gebete, vor jedem psalme, alle in majuskelschrift, 
während sie in den sonst bekannten handschriften und 
noch mehr in unseren meist ohne auswahl edirten facsi- 
milen spärlicher vertreten sind. Besonders regelmässig 
sind die majuskeln ausgebildet im sinaitischen eucholo- 
gium. Hier halten sie streng ihre wahre höhe ein, das dop- 
pelte der kleinen buchstaben, indem sie den räum zweier 
Zeilen ausfüllen. Im eloz. scheinen sie schon höher, 
schmäler und näher aneinander gedrängt zu sein, analog 
der fortschreitenden entwicklung der griechischen majus- 
kel. Auch sonst bemerken wir einen greifbaren fortschritt 
in der glagolitischen majuskel, der bei der beschränkten 
anzahl unserer handschriften sehr hoch anzuschlagen 
ist. Im assem. sind die majuskeln noch sehr breit. 



stehen freier neben einander, haben noch ganz 
runde züge und unterscheiden sich von den minus- 
keln fast nur durch ihre grosse. Selbst die wenigen 
bis jetzt bekannten Überschriften des assem. können 
uns davon hinreichend überzeugen. Schon einen wei- 
teren fortschritt bemerkt man im älteren zoirr. Ver- 
legen wir breite runde majuskeln in den anfang, hohe, 
schmale, eckige in einen zeitlichen endpunkt, so re- 
präsentirt die reihe assem., zogr., euch., psalt., cIoz. 
eine chronologische aufeinanderfolge, welche auch durch 
andere kennzeichen motivirt werden kann. 

§. 159. Die runde und eckige glagolica. 

Die besten zeiten der mittleren griechischen mi- 
nuskel (nach Gardthausen etwa von 924 — 1027) be- 
grenzen zugleich den höhepunkt der kalligraphischen 
entwicklung der bulgarischen glagolica und ihres schrift- 
thums überhaupt. Unsere wichtigsten handschriften 
mit den typischen runden zügen (assem., zogr., euch.) 
fallen mit Sicherheit zwischen jene grenzen, während 
alles andere, was wir aus irgend einem gründe tiefer 
in das 11. oder 12. Jahrhundert versetzen müssen, 
einen unverkennbaren sprachlichen und graphischen 
verfall aufweist. Im 10. Jahrhunderte, als die römische 
eursive längst ausserhalb Italien verschwunden war, 
da selbst die griechische unciale vor der minuskel im 
praktischen gebrauche sehr zurücktrat, konnte nur 
diese eine letztere schrift und die letzten ausläufer der 
alten minuskel den definitiven typus der soeben auf- 
strebenden und organisirten glagolica beeinflussen. Auf 
ihrem eigentlichen boden, in dem seit jeher vom grie- 
chenthura durchtränkten Macedonien, bei der unmittel- 
baren nähe der byzantinischen herrschaft, musste die 
glagolica unter den bänden der alten popen und mönche, 
deren ganze bildung und erziehung so wie noch heut- 
zutage griechisch war, der einzigen im lande bekannten 
und wohl auch herrsehenden griechischen minuskel- 
sehrift angepasst werden. Durch die Übertragung der 
alten papyruscursive auf das glatte pergament entstan- 
den nach Gardthausen die runden züge der minuskel, 
auch die glagolica, die eine solche eursive war, muss 
eine ähnliche Wandlung durchgemacht haben. Nicht 
nur die feder und das material der Griechen und gla- 
goliten waren dieselben, die Ornamente, der rahmen, 
die interpunction, die linirung — sondern alle einzelnen 
glagolitischen buchstaben unterlagen dem ductus der 
griechischen minuskel an grosse, läge, licht- und schatten- 
strichen, auch derjenige grössere theil unter ihnen, der 
mit der griechischen minuskel nie etwas gemein hatte, 
die römischen demente, die cyrillischen entlehnungen. 
Um sich von der überraschenden, zuerst von Safai'ik 
erkannten ähnlichkeit des styles der beiden Schriften 
zu überzeugen, muss man womöglich nur originale 
oder gute Photographien zur band nehmen. Freilich 



— 145 — 



konnte diese ähnlichkeit bei den meist total verschie- 
denen formen nur äusserlich bleiben, denn die anzahl 
der elemente, welche direet aus der griechischen minus- 
kel abzuleiten sind, ist in der glagolica eine verhältniss- 
mässig sehr geringe, und auch diese sind von schlingen 
und verschlussen nicht verschont worden. Dagegen sind 
die glagolitischen buchstaben einer Verbindung nicht 
fähig. Die wenigen ligaturen der alten denkmäler 
sind ganz anderer natur als die der minuskel. Auch 
darin unterscheiden sie sich von der griechischen schrift 
des 10. Jahrhunderts, dass sie alle mittelgross sind. 
Den einzigen rest einer echten alten Unterlänge haben 
wir in T des assem., doch auch er wird frühzeitig auf- 
gegeben, §. 95. Die hohe gestalt des e im vergleiche 
zu j der ligatur je des zogr., §. 75, erinnert an die 
Oberlänge des alban.-röm. e. Die buchstaben stehen 
wie in der minuskel aufrecht. Manchmal ist noch der 
fuss des T seiner griechischen grundform gemäss ge- 
neigt, §. 95. 

Alle diese umstände schufen vereint den soge- 
nannten runden typus der glagolica. Allerdings ist er 
ebensowenig eine allgemeine eigenschaft aller buch- 
staben, wie in der griechischen minuskel. Man denke 
an das beiden Schriften gemeinschaftliche geradlinige Vi, 
an glagol. + }-i UJ A, an die beliebten dreiecke. Ab- 
gerundete züge erscheinen nur dort, wo sie schon durch 
die mutterformen gegeben waren oder durch die Schlingen- 
bildung befördert wurden (C <ft A « ). Ich lege be- 
sonderes gewicht darauf, dass die rundung in der gla- 
golica nie zu einer absichtlich durchgeführten kalli- 
graphischen neigung gleich der verschlingung oder 
dem verschlusse wurde, nie ist ein winkel, eine gerade 
einer mutterform abgeschliffen, gekrümmt worden (ob- 
wohl ich mir mühe gab, einen solchen fall zu finden, 
was diejenigen, welche nach den mutterformen glago- 
litischer zeichen suchen, beachten mögen). Dabei 
müssen wir von den einzig ausschlaggebenden formen 
des assem. ausgehen, jüngere Verzerrungen ausser acht 
zu lassen (vgl. z. b. das dzelo des Iragm. Mih., §. 148V 
Der begrifi' der runden glagolica muss beschränkt wer- 
den, es waren schon von allem anfange an in ihr ele- 
mente vorhanden, welche unter günstigen anlassen ihr 
eckigwerden einleiten konnten. 

Kleine glagolitische züge machen schon an und 
für sich den eindruck einer gebrochenen, mehr ecki- 
gen Schrift. Dies ist besonders bei der beurtheilung 
des sinaitischen euchologiums (und sluzebnik) zu be- 
achten. Die schöne freie glagolica des assem., wenig- 
stens ein theil des codex, ist mit einer grossen, dick 
aufgetragenen minuskel zu vergleichen (Wattenbach 
et Velsen, Ex. c. gr. VIII, XXIX, 10. jahrh.). Den 
ersten greifbaren anlass zum eckigen typus gaben die 
Überschriften. Diese hohe glagolica wurde ja einer 
geradlinigen griechischen unciale nachgemacht. Immer 
ist daher die glagolitische majuskel um einen grad 

G eitler. Die albanesischea und slavisclien scliriften. 



steifer, geradliniger als die kleine schrift desselben 
codex. Selbst die noch ganz runde majuskel des assem. 
pflegt schon schlingen abzustutzen: 



T 



(Sreznevskij, Facs. VII3), welcher ductus sich dann in 
anderen denkmälern dei- minuskel mittheilt und nach 
unmerklichen, aber steten übergangen in den prager 
fragmenten typisch wird, denn hier sind sämmtliche 
schlingen an der oberen seite platt abgestumpft: 

Daran reihen sich die mehr oder weniger vier- 
eckigen schlingen des achrid. evang., der zweiten band 
des sinait. psalters, des par. abec: 



"^ [Tb 



cm 



Hieher gehört überhaupt jede abstumpfung einer 
rundung oder der spitze eines dreiecks; aus dem run- 
den «3» des assem. wird 

Sj 3h 

des cloz., des psalters, par. abec, wodurch wir schon 
auf bulgarischem boden unmittelbar an den croatischen 
ductus heranrücken. Hieher gehören die rechtwinkelig 
zugeschnittenen Sh und "i?, §. 150, 152, das dzelo des 
par. abec, die Segmente, welche statt der kreise in 
dem 8 (auch 8) des achrid. evang., des sinait. psalters, 
der Inschrift von Baska und des I. prager fragments 
eintreten. Beide schlingen des B 'S verfliessen in eine 
ellipse und wei'den zu einem immer vollkommeneren 
rechtecke im achrid. evang., psalter u.nd jüngeren zogr., 
§. 98, daher das alte croat. jej- keinen neuen fortschritt 
in dieser richtung der graphischen entwicklung dar- 
stellt. Alle diese umstände haben schon bei Bulgaren 
einen so vollkommen eckigen typus erzeugt, dass er 
von dem sogenannten croatischen nur um weniges 
übertroffen wird. Den ersten schwachen anflug einer 
Versteifung der schrift wird ein geübtes äuge schon 
im evang. grig. erkennen (wenn z. b. der assem. der 
massstab der abrundung ist) : das ?t wenigstens ist schon 
dem croatischen sehr ähnlich, §. 102. Dann folgt der 
cloz. Mit aller entschiedenheit bricht der eckige ductus 
hervor im achrid. evang., noch mehr in der zweiten 
band des sinait. psalters, bis er dann im jüngeren 
zogr. und in prager fragmenten direet zur croatischen 
schrift hinüberleitet. Der fortschritt des eckigen ductus 
ist gewiss ein wichtiges criterium für die chronologi- 
sche aufeinanderfolge der handschriften. Dennoch 
scheint es mir, dass der eckige und runde typus bis 
zu einem gewissen grade neben einander, selbst bei 
unzweifelhaft gleichzeitigen und auch sonst eng ver- 
wandten Schreibern existirte. An dem sinaitischen 
psalter haben mehrere bände gearbeitet, an deren gleich- 

19 



— 146 — 



zeitigkeit auch nicht der mindeste zweifel besteht (vgl. 
die einleitung zum texte). Wäiirend nun die ersten 
seilen des codex mir eine schrift zeigten, die der im 
allgemeinen noch ziemlich runden des eloz. in keiner 
hinsieht nachsteht, überraschte mich der mittlere theil, 
die von mir genannte zweite hand, durch ihre gerad- 
linigkeit, die ich getrost neben den jüngeren zogr. 
(von einer nur diesem speciell angehürigen eigenschaft 
abgesehen, §. 160) stellen würde. Wir ersehen aus 
diesem wichtigen psalter, der anderer kennzeichen hal- 
ber in das ende des 10. oder doch knapp in den an- 
fang des 11. Jahrhunderts zu verlegen ist, wie alt schon 
sehr stark ausgebildete keime des eckigen („croati- 
schen") ductus sind, während sie doch nicht das un- 
abänderliche criterium ihrer zeit sind und theilweise 
auch von der Individualität des Schreibers abhängen. 
Die drei glagolitischen worte, die am rande eines russi- 
schen ustav des 12. Jahrhunderts (Sabas, supplem. IV) 
stehen, haben rundliche züge, könnten aber auch me- 
chanisch nachgezeichnet sein. Viel wichtiger ist in 
dieser beziehung die gewiss gleichzeitige glagolitische 
Interpolation des bologner psalters (erste hälfte des 
13. Jahrhunderts, Chodzko, Gram, paleoslave 260), aus 
deren wenigen werten wohl ersichtlich ist, dass die 
glagolica dem Schreiber wahrscheinlich geläutig war, 
so ungekünstelt und natürlich passt sie in den indivi- 
duellen styl der kleinen cyrillica, in deren mitte sie 
steht. Dennoch überragt sie an rundung den jüngeren 
zogr., den sinaitischen psalter (vgl. die hier besonders 
charakteristischen buchstaben 8 8 3 und <B). Wenn 
nur die abrundung der züge entscheiden sollte, so 
müsste man das croat. fragni. Mih. z. b. dem aehrid. 
evang. der zeit nach mindestens gleichstellen, und doch 
haben wir gewichtige gründe, letzteres für bedeutend 
älter zu halten. Die glagolitische interpolation des 
achridaner praxapostolars (12. jahrh.) soll rohe eckige 
züge aufweisen. Manche schlingen des pariser abece- 
nars (12. jahrh.) sind ganz rund, andere entschieden 
eckig. Man bemerkt dasselbe schwanken anf der 
grossen inschrift von Baska. 

§. 160. Entstehung des croatischen ductus. 

Es ist jetzt klar, dass die bezeichnung eckig die 
charakterisirung der eigentlichen croatischen glagolica 
nicht erschöpft. Wenn die schlingen des 

m 

im sinait. psalter, im aehrid. evang., im par. abec, 
ja selbst auf der grossen inschrift von Baska viereckig 
werden: 

so haben wir noch immer nur eine macedonische form 
vor uns; sie müssen verlängert werden 



IID 

um den croatischen typus zu erzeugen. Dies gilt im 
gründe genommen von allen buchstaben, vgl. l a p z 
d b V g auf dem facsimile des fragments der heil. 
Thekla. Dies geschah aber schon genau in die- 
ser weise in den Überschriften und herausge- 
rückten buchstaben der allerältesten denk- 
mäler, des assem., zogr., euchol., weil in sol- 
chen fällen jeder aufrechte strich ungewöhnlich 
hoch werden musste. Auch dieses t ist schon 
! bulgarisch. Die echte croatische glagolica des 
13. Jahrhunderts ist eine eckige langfüssige 
raajuskel der Bulgaren. Nicht alle buchstaben 
haben ihre schlingen zugleich verlängert. Die majuskel 
ist überhaupt nur langsam steiler und steifer gewor- 
den und hat sich erst in den prager fragmenten dem 
croatischen typus ganz genähert. Während z. b. l 



X 



in den Überschriften des cloz. vorerst nur höher wurde, 
ist es erst im I. prager fragmente in der gross geschrie- 
benen zeile 18 



A 



dem / des laibacher liomiliars 



iS 



mit seinen langen eckigen schlingen zu vergleichen. 
Hier kommt uns der jüngere theil des zogr. entgegen. 
Im vergleiche zu aehrid. evang. und sinait. psalter 
besitzt er nicht bloss eckige, sondern auch merklich 
verlängerte schlingen: 



ffbißW^ 



das eigentlichekennzeichencroatischer schrift. 
Alle speciell enerscheinungen der bulgarischen 
majuskel kehren in dieser wieder: das v des 
sinait. euchologiums mit dem zusammengeschrumpften 
hintertheile, das wir uns gar nicht anders als aus einer 
zusammengedrängten grossen schrift erklären konnten, 
§. 158; das croat. k, seit jeher durch den raangel des 
linken freistehenden füssehens ausgezeichnet, dies fan- 
den wir zuerst in den Überschriften des sinaitischen 
psalters, §. 140; jetzt erst begreifen wir so recht die 
existenz des M in der croatischen schrift, das bei Bul- 
garen so selten ist. Weil es seit jeher vorzüglich in 
Überschriften als majuskel sein dasein fristete, wurde 
es zum allgemeinen m-zeichen und verdrängte sogar 
das "cR" bei einem volke, welches versuchte, ganze 
bücher im style jener Überschriften zu schreiben. Da- 
her T N B und das spitzige £h in der mit majuskeln 



147 — 



ausgeführten inschrift von Baska. Das unten gerade 
abgeschnittene "i? in den Überschriften des cloz., §. 152, 
ist wohl der erste schritt zur bildung des croat. [}_I] 
mit seinem platten boden. Ein geübtes äuge vermag 
in manchen fällen auch ohne hilfe anderer kennzeichen 
(z. b. des alten je?-) ein croatisches denkmal des 
13. Jahrhunderts von einem späteren zu unterscheiden. 
Im laib. homiliar stehen die buchstaben noch weni- 
ger gedrängt neben einander, sie besitzen noch etwas 
von dem alten freieren schwung, die schlingen des 
o g h sind ziemlich rundlich. Ein d mit zwei fast 
gleich hohen füssen, §. 150, lässt auf ein verhält- 
nissmässig höheres alter einer croatischen handschrift 
schliessen. Dann aber wird im 14. Jahrhunderte die 
Steifheit und schärfe der rechteckigen winkel auf die 
spitze getrieben, die buchstaben aneinander gezwängt, 
so dass ihre platten dächer nach art der devanägari 
stellenweise in eine einzige linie verfliessen. (Vgl. 
das facsimile der regeln des heil. Benedict 14. jahrh. 
A. Pavi6, Rad jug. ak.), was manche mit erstaunen 
hervorhoben. Daher ältere ansichten von dem aus- 
serordentlichen alter der croatischen glagolica , sie 
wäre ihrer Steifheit halber eine alte Steinschrift ge- 
wesen u. 8. w. 

Jede irgendwie bemerkbare croatische eigenthüni- 
lichkeit hat ihr prototyp in der bulgarischen schrift. 
Das croat. a 

rli 

mit den langen füssen entgegen dem alten + bietet 
das blatt grig. und das fragment des Evrem Sirin, 
§. 105; die ganz zusammengeflossene figur des croat. _/«t 
ist vorgebildet im achrid. evang. und sogar eckig im 
par. abec, §. 86; die croatische f/;rt-abart der inschrift 
von Zeng, 1330, tindet sich in einer Zuschrift des so- 
genannten sluzebnik, §. 125; das t! mit dem in die 
mitte gerückten fusse der inschrift von Veglia besitzt 
der sinaitische psalter, §. 120: das '3S hat bei Croaten 
zwei abarten, erstens diese selbst, dann eine zweite, 
in welcher die schlingen aneinander rücken, die eben- 
falls bulgarisch ist, §. 121. 

Dass schon die bulgarische schrift mitunter einen 
grad der eckigkeit erreichte, welcher der eigentlich 
croatischen wenig nachsteht, beweisen insbesondere 
einige zeichen, bei welchen die Croaten wider alle er- 
wartung die runde abart bevorzugten. Glagol. ■€, ein 
röm. e, das anfänglich von hoher gestalt war, §. 73, 
wurde an grosse und rundung einem griechischen 
epsilon 



der mittleren minuskel vollständig gleich (es ist nach 
Gardthaiisen eigentlich uncialen Ursprunges und er- 
scheint nicht vor 924). Dasselbe s erscheint z. b. in 
Michaelis Psellii, opera a. 1040, Wattenbach et Vel- 



sen XI, mit einem ductus, den wir vom glagolitischen 
Standpunkte eckig nennen würden: 

E 

Aus dem einflusse dieser abart erklärt sich wie- 
der das eckige c einiger denkmäler, die jünger sind 
als der assem., z. b. euchologium (und sluzebnik), 
psalter, achrid. evang.: 

"E 

wenn wir recht hatten, anzunehmen, dass die glago- 
liten unwillkürlich ein glagolitisches zeichen so zogen, 
wie sie dies bei einem ähnlichen griechischen zu thun 
pflegten. Dann theilt sich dieser ductus dem wider- 
spiele des C, dem 9 mit, ziemlich merklich im achrid. 
evang., entschieden auf der inschrift von Baska: 

3 

während das e des laib. homiliars, des fragm. 
Thekla zur runden abart gehört. Das it erscheint 
im 13. — 14. Jahrhundert auch mit deutlich abgerun- 
detem rücken. Während die kreise des 8 und 8 im 
achrid. evang., psalter, auf der inschrift von Baska, 
in den prager fragmenten zu Segmenten abgestumpft 
wurden, erscheinen an ihrer stelle bei croatischen Schrei- 
bern des 13. Jahrhunderts entschieden runde ellipsen. 
Die formen des g und /; der beiden Inschriften von 
Baska sind bedeutend geradliniger und steifer als eine 
beliebige spätcroatische abart. 

Die inschrift von Baska ist einiger eigenthümlich- 
keiten halber nicht in allen stücken die Vorgängerin 
der croatischen schrift. Dasselbe gilt vom croatischen 
fragm. Mih. trotz seiner eckigen züge: es ist ja eine 
minuskel, welche z. b. der schrift des cloz. bedeutend 
näher steht als dem laib. homiliar, ja ich würde sie 
ihrer kleinen flüchtigen züge halber als einen beweis 
auffassen, dass auch die alte glagolica des assem. zur 
cursive werden konnte. Die zweite glagolitische Inter- 
polation des achrid. praxapostolars soll einen ähnlichen 
ductus haben (Sreznevskij, sved i zam. 447). Daher 
wir die Übergänge zur croatischen schrift viel eher 
ausserhalb Croatiens suchen müssen, in den bulgari- 
schen Überschriften, im jüngeren zogr., in den prager 
fragmenten. Was uns an altcroatischen resten etwa 
bis ende des 12. oder bis anfang des 13. Jahrhunderts 
erhalten ist, gehört paläographisch in den bereich der 
bulgarischen glagolica. Selbstständig wurde der croa- 
tische typus erst im 13. Jahrhundert, und nur in diesem 
sinne bedienen wir uns dieser bezeichnung. 

Es gilt noch den gründen nachzuspüren, welche 
die majuskel zur ausschliesslichen bücherschrift der 
Croaten werden Hessen. Wir haben in dieser Schrift- 
art ein erkünsteltes product erkannt, das aus blosser 
nachahmung einer hohen spätgriechischen unciale ent- 
stand. Ein wahrhaft tiefer unterschied zwischen ma- 

19* 



— 148 



juskol und minuskel bestand in der glagolica nie und 
konnte sich auch nie dauernd festsetzen, denn sobald 
in den überselirifteu ein versuch zu einer besonderen 
stylisirung der buchstaben gemacht wurde (z. b. die 
abstunipfung der schlingen, die Verlängerung der eckig 
gewordenen), so sehen wir sogleich, dass auch die mi- 
nuskel desselben Schreibers an diesem fortschritte theil- 
zunehmen strebt. Auf diese weise wurde die majuskel 
der minuskel immer ähnlicher, ein process, der mit 
dem fortschreitenden eckigwerden im 11. — 12. Jahr- 
hundert parallel läuft. Während das sinaitische eueholo- 
gium das genaue abbild einer griechischen minuskelhand- 
schrift darstellt, in der eine runde kleine textschrift 
mit den hohen geradlinigen zügen der Überschriften ab- 
wechselt, ist dieser unterschied in dem I. prager frag- 
mente schon so zusammengeschrumpft, dass die gross 
geschriebenen zeichen die übrigen an höhe nur wenig 
übei-ragen und alle zusammen gleich eckig werden.*) 
Für dieses fragment würde man keine griechische ana- 
logie finden, hier ging die glagolica zum ersten male 
ihre eigenen wege. Von da aus brauchten andere 
Schreiber nur einen schritt zu tliun, um den letzten 
unterschied der beiden Schriftarten aufzuheben, und 
nach einer neuerliehen strengen stylisirung fortan nur 
mit majuskeln zu schreiben. 

Wahrscheinlich ist das aufkommen des echten 
croatischen typus mit einer historischen thatsache ver- 
knüpft, mit der sanction der glagolica durch papst In- 
nocenz IV. a. 1248. Die bis dahin durch kirchenver- 
sammlungen befehdete schrift erhielt einen mächtigen 
impuls, dessen Wirkungen in den zahlreichen frag- 
menten des 13. Jahrhunderts und den prachtcodices 
des 14. vorliegen. Wir haben nicht den mindesten 
grund, einen jener typischen alten reste, mit denen 
die croatische schrift anhebt, wie das laib. hom., fragm. 
der heil. Thekla, missale Kuk., in die erste hälfte des 
13. Jahrhunderts hinaufzurücken; dass sie vor dem 
jähre 1300 geschrieben sind, dafür haben wir höchst 
sichere, wenn auch indirecte chronologische data, §. 164. 
In einer solchen zeit neu aufstrebenden praktischen 
gebrauches musste die verwilderte schrift der prager 
fragmente regenerirt werden; sie wurde mehr als je 
„für den lesepult der kirehe berechnet, von welchem 
abschnitte der versammelten gemeinde vorgelesen oder 
gesungen wurden", und für diesen empfahlen sich mäch- 
tige, monumentale züge, ganz wie in der griechischen 
kirehe, welche aus demselben grimde eine besonders 



*) Was schon Safah'k erkannte, Glag. fragm., pag. 60: „Die 
buchstaben in den Überschriften und im texte, oder, wenn man so 
sagen darf, die majuskeln und minuskeln, unterscheiden sich ledig- 
lich durch ihre verschiedene grosse, keineswegs aber durch ihre 

figur " Da er aber die prager fragmente geradezu für den 

ältesten rest der glagolica hielt, musste er zu einem ganz entgegen- 
gesetzten Schlüsse kommen: jener geringe unterschied schien ihm 
das ursprüngliche zu sein. 



grosse unciale festhielt (Gardthausen, Gr. pal., pag. 161). 
Daher die auffallende grosse und dicke der buchstaben 
in jenen fragmenten, das einfachste kennzeichen einer 
jeden majuskel. Die buchstaben des fragments Thekla 
sind gewiss dreimal grösser als die des cloz., ja weit 
dicker und mächtiger als in den Überschriften der 
alten Codices. 

Meines wissens erscheint zuerst im jähre 1393 
in einer Urkunde der edelleute Tomaä und Butko 
(Kukuljevic, Acta croat. 45) eine in jeder beziehung 
cursiv zu nennende schrift, äusserst kleine, fortlaufende 
züge, welche gar sehr von der croatischen bücher- 
schrift abstechen. (Vielleicht gibt es ältere originale, 
die ich nicht gesehen habe.) Gewisse charakteristische 
buchstaben haben so niedrige kleine schlingen und 
auch sonst eine so abgerundete gestalt, dass man ver- 
sucht ist, anzunehmen, dass die croatische cursive die 
fortsetzung der alten glagolitischen minuskel wäre, 
welche auf croatischem boden durch die kleine schnelle 
schrift des fragm. Mih. hinreichend belegt ist. Man 
merke z. b. nach Kopitars vergleichender tabelle (im 
glag. gloz.): 

a_ci c/ o zTTj cH^ zrv 

Sollten diese dem fragm. Mih. so ähnlichen züge 
auf ganz unabhängige weise aus den riesigen formen 
des 13. jalirhunderts durch fortschreitende Verkleinerung 
und Verflüchtigung entstanden sein ? (Was bei der da- 
maligen ausserordentlich intensiven Verwendung der 
glagolica in kanzleien und im pi'aktischen leben auch 
vorausgesetzt werden könnte.) Uebergänge habe ich 
nach keiner seite hin gefunden und ohne diese ist die 
wohl 200jährige kluft zwischen dem fragm. Mih. und 
jener Urkunde kaum zu überbrücken. Zudem fand ich 
in den beiden Originalurkunden von Zeng 1305, wo 
man am allerehesten eine cursive erwartet hätte, eine 
majuskel mittlerer grosse. 

Safaif'ik's annähme, dass die runden glagolitischen 
züge unter dem einflusse der griechischen minuskel 
entstanden (über Ursprung und heimath des glag. 51), 
gehört gewiss zu den glücklichsten bemerkungen über 
diesen gegenständ, obwohl er den charakter der jungen 
prager fragmente verkannte, als er sie zum ältesten 
ausgangspunkte machte. Ein irrthum war es aber, 
wenn er den croatischen typus durch den einfluss 
der eckigen lateinischen mönchsschrift entstehen liess. 
Die glacolica ist entschieden eckig geworden in einer 
zeit, da die gitterartige mönchsschrift noch nicht 
entwickelt war, und in einem lande, wo spätlateinische 
einflusse kaum in rechnung gezogen werden können. 
Uebrigens sind die reehtecke auch der echtesten croati- 
schen schrift des 13. — 14. Jahrhundert von einem 
ganz anderen charakter als die gebrochenen lateini- 
schen buchstaben derselben zeit. Nur das croatische m 



— 149 



konnte sich natürlicher weise jenen lateinischen ein- 
wivkungeu nicht entziehen, §. 122. 

Hier wollen wir einige werte über die oft herbei- 
gezogene inschrift von Baska (im süden der insel 
Veglia) hinzufügen. Sie verdient eine ganz besondere 
beachtung von seilen des slavischen paläographen, 
es ist ausserordentlich viel, was wir aus ihren dreizehn 
Zeilen lernen. Die merkwürdige Steinplatte war schon 
Safafik im jähre 1853 (Pam. hlah. pis.) bekannt ge- 
worden, aber in einem abdrucke, in dem er höchstens 
„die undeutliche grundlage einer alten verloren ge- 
gangenen glagolica" entdecken konnte. Zum theile 
wurde dieselbe von Crn6i6 gelesen (knjizevnik II. 1865), ! 
eine erschöpfende Untersuchung gab zuerst Raöki (Sta- 
rine VII, sammt einer Photographie), die definitive 
lesung in desselben Documenta historiae croaticae, 
pag. 488. Diese vervollständige ich noch durch die 
entdeckung des nasalzeichens, zu dem sich folgende 
eigenthtimlichkeiten gesellen: ein doppeltes m m 'SS, ein 
doppeltes f T st> , zwei a + ^ §• 108, zwei i I 8, zwei, 
eigentlich drei jer, weil neben dem altbulg. ^ noch 
die §. 97 erwähnten erscheinen, zwei o-zeichen 9 o, 
alle vier überhaupt bekannten alten majuskeln: M T B N. 
Ist es möglich, dass je eine solche glagolitische Ortho- 
graphie bestanden habe, dass man je mit einem solchen 
zeichenüberflusse ganze bücher geschrieben hätte? Ge- 
wiss nicht. Zwar ist alles echt glagolitisches gut, die 
buchstaben M N T B, die man bisher einem leeren ein- 
falle des Schreibers zuschrieb, der sie etwa der latei- 
nischen oder griechischen schrift entnommen, werden 
durch den sinaitischen psalter auf bulgarischen boden 
versetzt; alles andere lässt sich aus den allgemeinen 
quellen der glacolica herleiten, bis auf das dunkle ^, 
in dem wir nur eine capitale aform zu erkennen glau- 
ben, ohne den grund ihrer Wendung zu errathen. Wahr- 
scheinlich wollte der Schreiber seine auch sonst schön 
ausgeführte inschrift womöglich ausschmücken und 
wählte aus allen möglichen quellen auch besondere 
seltene buchstabenformen, welchem umstände wir eben 
die bereicherung unseres zeichenmateriales verdanken. 
Auch die Wichtigkeit des inhaltes mag den Schreiber 
zu dieser übermässigen Sorgfalt bewogen haben; es ist 
eine steinerne Schenkungsurkunde der uralten kirche 
sveta Lucija, ein könig Zvbnimir und zwei zupane 
werden erwähnt. Alle buchstaben sind majuskeln, d. i. 
von dem Schreiber aus den Überschriften alter Codices 
genommen: daher M N T B, die wir nur in den auf- 
schriften des sinaitischen psalters fanden; daher die 
füsse oder arme des V und £h oft auf den kreisen 
stehen, nicht deren fortsetzung sind, wie dies zu sein 
pflegt, wenn <rt> und 9? in alten Codices als initialen 
erscheinen. Eine nur hier auftretende Veränderung des 
A, §. 110, drei sehr eigenthümliche ligaturen, ver- 
mehren die besonderheiten der inschrift. Raöki glaubt 
nach dem ersten buchstaben, der Jahreszahl W (1000), 



■noch die reste eines b (100) zu erblicken, doch könnten 
über die sehr verwischte gestalt des letzteren grosse 
zweifei geäussert werden. Dennoch kann man aus 
historischen gründen, die im inhalte liegen, und auf 
grund der schriftzüge die inschrift mit Racki dem 
anfange des 12. Jahrhunderts zuweisen. 

§. 161. Die linien. 

Die alte gewohnheit, uncialbuchstaben auf die mit 
einem scharfen griffel eingeritzten zeilen zu stellen, er- 
hielt sich nach Gardthausen in griechischen minu^skel- 
handschriften bis ende des 10. Jahrhunderts. Auf grund 
seiner ausgedehnten erfahrung stellt er Gr. pal. pag. 67 
bis 70 die regel auf, dass buchstaben unter der zeile 
allerdings schon am ende des 9. Jahrhunderts geschrie- 
ben sein können, minuskelhandschriften aber, deren 
buchstaben auf der linie stehen, noch im 10. Jahrhun- 
derte geschrieben sein müssen. Das 10. Jahrhundert 
ist zugleich die Übergangsperiode zur ausschliesslich 
unterzeiligen Schreibweise des 11., es gibt handschriften, 
die vor dem jähre 1000 entstanden und deren buch- 
staben bald auf, bald unter der zeile stehen. Nichts 
hindert uns, dieses wichtige criterium ohne vorbehält 
auf die glagolica zu übertragen. Ja ich glaube, dass 
wir damit einen nicht zu verachtenden beitrag für jene 
regel gewinnen. Alle chronologischen Schlüsse, die wir 
jetzt mit ihrer hilfe ziehen können, werden auf ent- 
schiedene weise durch mehrere andere umstände, durch 
die spräche, den ductus und das sogleich zu behan- 
delnde rahmenornament bestätigt. 

Das consequent auf der zeile geschriebene sinai- 
tische euchologium (106 blätter) mit seiner höchst sorg- 
fältigen linirung ist somit vor das ende des 10. Jahrhun- 
derts zu versetzen. Dies beziehe ich auch auf den soge- 
nannten sluzebnik, der nur ein theil des euchologium ist. 

Dasselbe gilt von dem evang. grig. (mariencodex), 
wie ich aus dem bei Miklosich befindlichen frag- 
mente entnehme. 

Des asseni. buchstaben stehen auf der zeile, wenn 
die Schrift in columneu getheilt ist (vgl. das facs. der 
ausgäbe Crncic, ebenso auf bl. 29); auf anderen Seiten, 
wo dies nicht der fall ist, befindet sich überhaupt keine 
linirung (was auch in griechischen minuskelhand- 
schriften vorzukommen pflegt). 

Der sinaitische psalter ist (zugleich aus anderen 
gründen) in eine spätere Übergangsperiode zu verlegen. 
Es wäre fast das jüngste der wirklich alt zu nennen- 
den denkmäler. Gleich den griechischen Codices aus 
den Jahren 964, 972 (Gardthausen ibid.) schwanken 
dessen verschiedene, aber gleichzeitige bände auf und 
unter den zeilen (vergl. die näheren angaben in der 
einleitung zum texte), doch überwiegen die ersteren. 
Insbesondere hat der für uns seiner sehr eckigen schrift 
halber wichtige zweite Schreiber seine buchstaben con- 



— 150 — 



sequent auf die zeile gestellt. Wir wollen aber der 
Sicherheit halber eine woniöglifli niedrige datirung 
annehmen, ihn jenen griechischen codices gegenüber 
noch um ein vierteljahrhundert gegen das jähr 1000 
herabrücken, weil uns dessen sehr vorgeschrittene 
Schrift und selbst sprachliche anklänge dazu zwingen, 
ihn so unzweifelhaft alten denkniälern mit schönen 
runden typen wie der assem. nachzustellen. 

Wenn nun andere umstände schon im voraus 
darauf hinweisen werden, dass ein codex verhältniss- 
mässig jünger ist, so wird der umstand, dass seine 
buchstaben unter den zeilen stehen, sehr ins gewicht 
fallen, da sie dann wenigstens in das 10. Jahrhundert 
nicht gehören müssen. Dies trifft zu beim cloz. — 
wenigstens bei dessen mir bekanntem innsbrucker frag- 
mente — wobei seine theilweise eckige vorgeschrittene 
schrift und die besonders steile geradlinige majuskel 
in rechnung zu ziehen ist. Ich halte den cloz. für ein 
relativ jüngeres denkmal, das etwa in den anfang des 
11. Jahrhunderts gehört. Gewisser textfehler halber 
soll nach Miklosich, Altlovenische formenlehre, pag.86, 
der cloz. nicht die Urschrift des Übersetzers, sondern 
eine abschrift sein. Ihm zur seite steht das achridaner 
evangelium. Ebenfalls unter der zeile steht die auch 
sonst bedeutend spätere schrift des jüngeren zogr. ; von 
dessen gelöschter schrift auf bl. 46 b gilt aber schon 
dasselbe, sie war wahrscheinlich etwas rundlicher als 
die neue band. 

Die schrift des fragm. Mih. befindet sich natürlich 
unter, wie es hie und da scheint, zwischen der zeile 
(eine seite des restes des zweiten blattes ist nicht li- 
nirt). Dasselbe gilt von den kyjever fragmenten. 

§. 162. Der rahmen. 

Nach Gardthausen, Gr. pal., pag. 89, sollten ge- 
wisse Ornamente die Überschriften einrahmen und her- 
vorheben, daher sie in den ältesten zelten dieser be- 
stimmung gemäss wirklich die Form eines recht- 
eckigen geschlossenen rahmens haben. Aber 
schon im 10. Jahrhundert wird der rahmen geöffnet 
und bekommt die gestalt eines griech. n. Das jüngste 
griechische beispiel eines griechischen geschlossenen 
rahmens datirt aus dem jähre 995, daher glagolitische 
handschriften mit demselben Ornamente vor das 10. Jahr- 
hundert zu verlegen sind. Hieher gehört vorerst der 
ältere theil des zogr., vgl. 1. facs. der ausgäbe von 
Jagic. Gardthausen's beschreibung passt vollständig zu 
den slavischen rahmen; die äusseren winkel laufen 
oft in einen stiel aus, aus dem in der richtung der 
diagonale ein blatt oder ein anderes Ornament hervor- 
wächst; gewundene mäander füllen den rahmen. Das- 
selbe gilt vom sluzebnik (Sreznevskij, Glag. pam., facs. 
XlVa.) Da dieses kleine fragment, wie wir später in 
der einleitung zum texte des euchologium nachweisen 



werden, nur ein theil dieser sinaitisehen handschrift ist 
und seinen namen nur durch einen irrthum erhielt, so 
versetzt sein rahmen die ganze handschrift des Sinai 
vor das ende des 10. Jahrhunderts, ein resultat, zu dem 
wir auch auf anderen wegen gelangen. Merkwürdiger 
weise vergass der Schreiber den rahmen mit der Über- 
schrift auszufüllen, worauf eine bedeutend jüngere band 
einige für uns nicht unwichtige cyrillische eigennamen 
hineinschrieb, §. 125, 165. Das dritte mir bekannte bei- 
spiel bietet der sinaitische psalter, auf dessen erster 

Seite ein rahmen mit der aufschrift n TTkiph 

R ncaHh'k steht. Er ist mit einem ungemein 

einfachen geflechtc ausgefüllt, ohne sonstige Ornamente, 
ohne herauswachsende blätter, war vielleicht nicht co- 
lorirt, ein beispiel der Schmucklosigkeit und einfach- 
heit der ganzen handschrift. Ich lasse ihn im drucke 
meiner ausgäbe nachahmen. Einen offenen glagolitischen 
rahmen fand ich nirgends. Griechische beispiele, ins- 
besondere bei Sabas und in Gardthausen's buch pag. 66, 
76; offen: 231. 

Ein anderes Ornament der griechischen minuskel- 
handschriften ist der eine seite der breite nach sper- 
rende querbalken, der dazu dient, die äugen des lesen- 
den auf die folgende Überschrift hinzulenken (Gardt- 
hausen pag. 91). Er wird wie der rahmen mit blättern 
verziert. Ein treffliches beispiel in der lithographirten 
ausgäbe des evang. grig. des obsöestvo Ijub. drev. 
pism., 1. seite; daruntersteht die evangelienüberschrift. 
Einen ähnlichen mit mäandern ausgefüllten colorirten 
balken fand ich am Schlüsse mancher abschnitte oder 
zwischen zwei gebeten des sinaitischen euchologium. 

Am Schlüsse einer liturgischen anweisung des 
assem. (Sreznevskij facs. VII,) findet sich ein kleines 
blatt, das abwechselnd von mehreren querstrichen in 
und einer geschwungenen linie f^sj fortgesetzt wird; 
so beschi'eibt Gardthausen, pag. 92, das sogenannte 
Schlussornament. 

§. 163. Die interpiinctionen 

gleichen den griechischen des 10. — 11. Jahrhunderts. Ein 
punkt ist das gewöhnliche trennungszeichen der sätze 
im assem. zogr., daneben :, bei grösseren abschnitten, in 
den liturgischen anweisungen des assem. drei und vier 

j • • \ V 

' punkte '• •;• Im evang. grig. ,', » . In demselben 

bezeichnet ein kreuz den schluss eines satzes, pag. 22, 105 
der lithographirten ausgäbe, ebenso in griechischer 
schrift (Gardthausen, Gr. pal., pag. 275). Im eucholo- 
gium dient dazu ein punkt, der oft von einem comma 
nicht zu unterscheiden ist; am Schlüsse der über- 
schritten und insbesondere zur bezeichnung eines ab- 
gekürzten Satzes ./. KT» HMA CThua n ., . 

Im sinaitischen psalter trennt kleine sätze ein 
doppelpunkt, am ende der verse aber stehen combi- 



151 



nationeii, wie ;u •I'- '/ II — j- Y* i^^ 5) * *^ 

Ein der läge und form nach nur mit der liyphen ver- 
gleichbares zeichen (Gardthausen, pag. 273) erscheint 
sporadisch mit einer eigenthümlichen Verwendung im 
älteren zogr., worüber Jagic' ausgäbe pag. 37, 59, 61, 
63,^ 79 nachzusehen ist. (Ertdriij, nfiHttWKj, R'h.jMA, 
'm'kA'kK'kuiJY'k.) Hie und da wird eine glosse am 
rande des sinaitischen psalters in eine klammer ein- 
geschlossen und punktirt: (Vb+1^98). Manche über- 
zeilige zwecklose zeichen und griechische accente 
verunstalten glagolitische handschriften, wenn sie auch 
manchmal zu einem bestimmten zwecke consequenter 
gesetzt sind. Apostroph statt jer und das weichzeichen 
sind cyrillische entlehnungen. Der sinaitische psalter 
und die prager Fragmente besitzen fast gar keine über- 
zeilige zeichen (was Safafik wieder zu gunsten des 
hohen alters der prager Fragmente mit unrecht hervor- 
hob. Seine bemerkungen über die interpunctionen glag. 
fragm. 54 bewegen sich in einer verfehlten richtung). 
Chronologische Schlüsse sind aus allen diesen erschei- 
nungen kaum zu ziehen. 

§. 163b. Die ligaturen. 

Der mangel an verbindungsfahigkeit und aller 
echt cursiven ligaturen bleibt der tiefste unterschied 
der glagolica und minuskel. Aeltere ligaturen, wie 36, 
V, je des zogr., der erste theil des ^C sind längst 
zu einfachen zeichen geworden , und die jüngeren, 
welche diesen namen verdienen würden, wie 3€ %€, 
sind eigentlich mechanische zusammenrückungen. Wenn 
sonst buchstaben verbunden werden, so geschieht dies 
auf eine von der griechischen minuskelligatur ganz 
abweichende weise. Das ganze bildungsprincip der 
glagolitischen ligatur beruht darauf, dass eine schlinge 
für zwei buchstaben hinreichen muss: 



(5^^ (^ 



tv, ii. Dann werden buchstaben aufeinander gestellt, 
wie in einer unciale oder capitale, z. B. ml: 



sogar Ä auf '2S, wofür sich schon im assem. und ins- 
besondere in dessen liturgischen anweisungen nicht 
wenige beispiele finden. Die glagolitische ligatur hat 
keine besondere bedeutung für die entwicklung der 
schrift. Freilich wird sie mit der zeit immer häutiger, 
insbesondere in der spätcroatischen schrift, die mit Ver- 
bindungen von 3 bis 4 buchstaben nicht zu ihrem vor- 
theile überladen wird, während es möglich wäre, manche 
spätcroatische typische ligaturen schon in den ältesten 
denkmälern nachzuweisen; doch fällt im allgemeinen 
der intensive gebrauch der ligatur schon in eine zeit, 
welche den paläographen weniger interessirt. Eine 
sonst nirgends nachweisbare ligatur re besitzt die grosse 



inschi'ift von Baäka; dann ng und mi im Worte STvETiHH 
jUMpik, wo ich entgegen den bisherigen erklärern das 
H nicht an das p lehnen würde, sondern mit der 
zweiten hälfte des ,\\ verknüpfe. 

Die abkürzung der worte haben die glagoliten 
ihren cyi-illischen vorlagen nachgeahmt. Gai-dthausen's 
erklärung der minuskelkürzung, Gr. pal., pag. 245, ist 
kaum auf die glagolica anwendbar. 

§. 164. Die chronologische aufeinanderfolge 

aller wichtigeren glagolitischen reste ist beiläufig fol- 
gende: assem. und älterer zogr., euchologium (und sluzeb- 
nik), evang. grig., fragm. des Evrem und Sirin, maced. 
blatt, sinait. psalter, cloz., achrid. evang., inschrift von 
Veglia, kijever fragm., jüngerer zogr., gi'osse inschrift von 
Baska, fragm. Mih., kleine inschrift von Baska, prager 
fragmente, laibacherhom. (und alle ähnlichen fragmente), 
Urkunden von Zeng 1305, wobei das zeitliche verhält- 
niss zweier neben einander gestellten denkmäler nicht 
streng zu urgiren ist. 

Man irrt sehr, wenn man denkmäler von der art 
des laibacher hom. in das 14. Jahrhundert versetzt. 
Safafik und Beröi6 übertrieben wieder ihr alter, indem 
sie einige derselben dem 12. Jahrhundert zuwiesen. 
Knapp am anfange des 14. Jahrhunderts stehen die 
zenger Urkunden, 1305, ihnen folgt die inschrift von 
Zeng, 1330, und eine wahrhaft grosse anzahl datirter 
umfangreicher Codices. Ihre schrift und insbesondere 
der gänzliche mangel des altcroatischen^er unterscheidet 
sie so auffällig von jenen älteren fragmenten, dass wir 
diese entschieden vor das jähr 1300 verlegen, aber auch 
keinen grund haben, sie über 1248 hinausgehen zu 
lassen, §. 160. Wenn jenes alte jer gelegentlich noch 
in der reihe eines prager alphabetes aus dem jähre 1436 
erwähnt wird, so wissen wir, dass an einer solchen 
stelle die Überlieferung immer am zähesten ist. Dann 
liegt die kleine inschrift von Baska mit ihrer auffällig 
alten jer-iovm, §. 98, und ihres bulg. m halber noch 
vor jenen alten croatischen fragmenten. 

Aber der grosse unterschied der schrift des fragm. 
Mih. und des laib. hom. kann nur nothdürftig durch die 
annähme eines abstandes von einem halben Jahrhundert 
überbrückt werden. Die dem ersteren nach Sreznevskij 
in bezug auf den ductus sehr ähnliche zweite glago- 
litische interpolation des achridaner praxapostolars 
versetzt es in das 12. Jahrhundert, während wir aus 
einigen glagolitischen werten des bologner psalters er- 
sehen, dass die glagolica damals noch nicht in allen 
gegenden gleichmässig eckig wurde. Der vorgeschrit- 
tene eckige ductus des jüngeren zogr. kann uns an- 
derer umstände halber nicht hindern, ihn womöglich 
: höher in den Übergang des 11. zum 12. Jahrhunderts 
zu stellen. Bedeutend späteren Ursprunges müssen die 
prager fragmente sein, wozu uns erstens die spräche und 
dann das drohende zusammenfallen der majuskel und 



— 152 — 



miuuskel zwingt. Der ihnen verwandte tlicil der ki- 
jever tVaf;;mente steht ihnen dagegen schon aus sprach- 
lichen gründen in der zeit voran. In das jähr 1100 
versetzt Raöki (Starine VII) die grosse Inschrift von 
liaska. Die Jahreszahl W (1000) ist ziemlicli deutlich, 
über die reste des b (100) könnten grosse zweifei ge- 
äussert werden. Aber innere historische, von Raöki 
dargelegte gründe maclien neben sehr merkwürdigen 
graphischen eigenthümlichkeiten jene datirung sehr 
wahrscheinlich. Dann stossen wir auf die inschrift von 
Veglia, deren unschätzbare 32 buchstaben an rundung 
fast mit denen des assem. wetteifern, so dass wir ihrem 
alter gewiss gerecht werden, wenn wir sie dem 11. Jahr- 
hundert zuweisen, denn älter als die inschrift von Baska 
sind sie entschieden. loh hatte gelegenheit, den an der 
ecke eines bischofsgebäudes in Veglia ziemlich hoch 
eingemauerten stein mit bewaffnetem äuge zu betrachten, 
und halte das facsimile von Crnöic (Starine VII), eines 
guten kenners der glagolica, für verlässlich. 

Vier wichtige momente : spräche, ductus, rahmen, 
linirung, verlegen den assem., den älteren zogr., eu- 
chologium und das evang. grig. vor das jähr 1000. 
An dem ende dieser reihe steht der sinait. psalter, 
nach ihm zunächst der cloz. und das achrid. evang. 
Diese ganze anordnung wird wohl von den bestehen- 
den vermuthungen nicht bedeutend abweichen. Wir 
haben keinen grund, an der gleichzeitigkeit der drei 
noch erkennbaren glagolitischen buchstaben einer sla- 
vischen Unterschrift des kaufcontractes von Hierisso 982 
zu zweifeln. Ihr ductus gleicht denen der ältesten 
denkmäler, von denen manches recht gut um irgend 
ein Jahrzehnt älter sein könnte. Auf die von Srez- 
nevskij gewünschte nähere Untersuchung der tinte 
müssen wir für immer verzichten, denn die Urkunde 
soll nach der Versicherung der mönche kurze zeit nach 
ihrer photographischen aufnähme durch Sevastianov 
(1865) verbrannt sein. Wirklich überzeugte ich mich 
an ort und stelle selbst, dass der theil des klosters 
Iveron, wo sonst bibliotheken zu sein pflegen, ein neu- 
bau ist, der jetzt die Jahreszahl 1868 trägt. 

§. 165. Die fundorte der handschriften, die 
heimat der glagolica. 

Die wenigen glagolitischen denkmäler sind in 
einer beispiellosen weise zwischen Petersburg und dem 
Sinai zerstreut, so dass die zahl der aufbewahrungs- 
orte fast die der handschriften begrenzt. Dennoch 
setzen uns günstige umstände in den stand, zu zeigen, 
aus welchem lande sie herstammen. Seit der entdeckungs- 
reise Grigorovic' haben sich unsere blicke von Mace- 
donien nicht mehr abgewandt. Er fand im kioster 
Ril in Bojana bei Sophia, Ochrida und am Athos die 
fragmente des Evrem Sirin, den palimpsest von Bojana, 
das macedonische blatt, das achrid. evang., das evang. 



grig. (mariencodex). Beide theile des zogr. waren am 
Athos. Eine treffliche darlegung Raöki's über das 
menologium des assem. beweist, dass es für die spe- 
ciellen bedürfnisse einer macedonischen Gegend be- 
rechnet war; es werden sieben heiligennamen aus Stru- 
mica, Thessalonik und Ochrida gefeiert. Von der 
grossen anzahl der späteren cyrillischen zusätze ist es 
doch eher wahrscheinlich, dass sie schon in dem ersten 
vaterlande des codex gemacht wurden, als in Jerusalem, 
wo ihn Assemani im vorigen Jahrhundert fand. Dar- 
unter sind neubulgarische und bosnisch-serbische kritze- 
leien, welche nicht vor dem 13. Jahrhundert gemacht 
sein können. Höchstens in das 12. Jahrhundert, wenn 
nicht in eine spätere zeit, ist der jüngere glagolitische 
Zusatz auf dem von Crncic edirten facs. zu verlegen. 
Die dreieckige schlinge des r erinnert an den jüngeren 
zogr.; l ist eckig; jer hat eine sehr junge form, eine 
schon abgestumpfte ellipse; .^OACt statt 3Tv/\Cf mahnt 
an die westmacedonische Volkssprache. Insbesondere 
dieser zusatz wurde gewiss in Macedonien gemacht. 
Dann aber werden wir auf die spur geleitet, zu welcher 
zeit und auf welchem wege glagolitische handschriften 
nach dem (Jrient kamen. Bemerkenswerth ist die 
meinung Porhrij Uspenskij's, izvestija imp. arh. obsö. 
V. 19 — 20, nach welcher die Wanderung slavischer hand- 
schriften nach dem Orient mit der blüthe des südslavischen 
mönchswesens im 14. Jahrhundert zu verknüpfen ist. Sla- 
vische mönche füllten die klöster Thessaliens und des 
Athos, vim dann, wie dies noch heutzutage geschieht, 
an die noch heiligeren örter Jerusalem und des Sinai 
zu ziehen, wobei sie ihr beliebtes heiliges buch durch 
die wüste trugen. Geschenke und bücher sandten die 
serbischen könige Stephan Dragutin, Urol II. und III. 
(1270 — 1336) den mönchen des Sinai. Welches sla- 
vische land konnte damals zu dieser Wanderung unserer 
denkmäler die culturellen und historischen bedingungen, 
den leichten verkehr der geographischen läge bieten, 
wenn nicht die macedonische küste des ägäischen 
meeres? Eine serbische triod soll zwar im 14. Jahr- 
hundert aus einer bulgarischen vorläge am Sinai selbst ab- 
geschrieben worden sein. Aber daran ist nicht zu denken, 
dass so alte glag. reste, wie das euchologium und psalter, 
ausserhalb eines slavischen landes entstanden wären. 
In den leer gebliebenen rahmen des sluzebnik, §. 162, 
hat eine bulgarische hand des 13. Jahrhunderts (es er- 
scheint nurTk) mehrere namen, wahrscheinlich verstor- 
bener, eingezeichnet. Der schreiber war ein glagolite, 
da er in r'tcp'Kr'H zweimal ein glagol. dja setzt, das die 
cyrillica sonst nicht kennt; der form nach kann es 
nicht vor dem 12. Jahrhundert entstanden sein, es ist 
einem sehr jungen croat. (/;'« ganz gleich, §. 125. Am 
ende steht pO/MaA^ii. Dieser name des italienischen 
heiligen Romuald (f 1027), der schon Sreznevskij's 
aufmerksamkeit erregte (Glag. pam., pag. 257), konnte 
doch, allem anscheine nach, zu westmacedonischen 



153 



Slaven nur etwa im 13. Jahrhundert gekommen sein, 
als sich süditalienische dynasten im Epirus festsetzten. 
Ist, wie es scheint, der zusatz in Macedonien gemacht 
worden, so ist der sogenannte slu^eb., der sich am 
Sinai befand, mitsammt dem sinait. cuchol. gleich dem 
assem. noch im 13. Jahrhundert in jenem lande ge- 
wesen. SchliessHch ist der sinait. psalter, einiger be- 
sonders ausgeprägter lautneigungen halber, nur in einer 
gegend geschrieben worden, wo eine westmacedonische 
Volkssprache gang und gäbe war. Hier mag er auch 
noch lange aufbewahrt worden sein, da ich auf blatt 336 
einen mitten in den text eingezwängten zusatz fand, 
der seiner paläographischen kennzeichen halber höch- 
stens in das 12. Jahrhundert gehört (vgl. einleitung 
zum texte). Das abecenarium bulgaricum verdient 
seinen namen, es wurde von einem Macedonier geschrie- 
ben: der buchstabenname tordo enthält gleich zwei neu- 
macedonische lauterscheinungen auf einmal. Man denke 
an stori (stvori) der lieder und an die in Macedonien 
und insbesondere Ostthracien nicht seltene ausspräche 
sordce. Hier erinnere man sich der glagolitischen 
Unterschrift des pactes von Hierisso (Chalcidike). Dann 
bleibt nur weniges übrig. Die prager fragmente sind 
weder in Böhmen und Mähren, noch in Nordungarn 
geschrieben, was wir vorzüglich durch sprachliche 
mittel an einem andern orte darthun werden. Die 
ihnen verwandten kijever blätter hat archim. Antonin 
in Jerusalem gefunden, und dahin kamen glagolitische 
handschriften nur aus Macedonien. 

Hieher gehört die glagolitische gleichzeitige inter- 
polation des bologner psalters, der aus Ochrida stammt; 
die zwei glagolitischen zusätze des achrid. praxaposto- 
lars (12. jahrh.); in einem trefologium des klosters zo- 
graph sollen einige ziffern durch glagolitische buch- 
staben ausgedrückt sein (13. jahrh., Sreznevskij, Drev. 
pam. jus. 120); in dem cyrillisch-macedonischen blatte 
(11. — 12. jahrh.) erscheint glagol. ju, ibid. 39; in 
einem cyrillischen codex des 13. — 14. jalirliunderts, den 
ich in Bitolien bekam, ünden sich an den rändern 
ziemlich roh gezeichnete glagolitische buchstaben. Alle 
nur irgendwie bedeutenden glagolitischen einschiebsei 
cyrillischer handschriften wurden somit in Macedonien 
geschrieben. Die in zumeist späte russische hand- 
schriften eingestreuten glagolitica können höchstens nur 
beweisen, dass man sich die bulgarischen vorlagen aus 
Macedonien und der bücherfabrik des Athos verschaffte. 

Nicht einmal die allernächsten slavischen nachbar- 
länder können Macedonien den rang als ausschliessliche 
Schreiberstätte der glagolica streitig machen. Nicht 
ein glagolitischer buchstabe wurde in Thracien, Donau- 
bulgarien, ostserbischen und ostcroatischen ländern ge- 
funden. UeberWestcroatien werden wirsogleieh sprechen. 
Ja, wenn wir noch schärfer ausspähen, so wenden sich 
unsere blicke ganz speciell nach Westmacedonien. Nun 
wird man mir zugeben, dass schon an sich der fundort 

Geitler. Die albanesischen und slavischen Schriften. 



einer handschrift der glagolica selbst für die tiefer lie- 
gende frage, wo diese schrift überhaupt entstanden 
sei, eine ganz andere bedeutung hat als z. b. in der 
griechischen paläographie. Diese historisch unbedeu- 
tende schrift, welche nie ein einziges volk ganz erobern 
konnte, immer auf gewisse gegenden für nur liturgische 
zwecke beschränkt war, nicht viel mehr als zwei oder 
drei hundert jähre (wenigstens in der uns bekannten 
älteren kalligraphischen stylisirung) lebte, nachweislich 
später nur nach einer seite- hin über ihre grenzen hin- 
ausgriff, wird eben immer nur dort geübt und ihre pro- 
ducte nur dort aufbewahrt worden sein, wo sie einzig 
und allein einen werth besass und verstanden wurde. 
Interessant ist die der albanesischen und croatischen 
schrift analoge weise, wie die bulg. glagolica ausstarb. 
Die glagolitischen zuthaten des psalters und praxapo- 
stolars von Ochrida sind, so weit wir sehen, die letzten 
nachzügler des gebrauches der glagolica in Macedonien ; 
sie lebte am längsten und starb dort aus, wo sie zuerst 
erschien, an der albano-bulgarischen Driulinie. So hielt 
sich nach Hahn der aussterbende gebrauch der alba- 
nesischen schrift zuletzt nur dort, wo sie allein ent- 
standen sein konnte, auf dem boden eines mittelalba- 
nesischen dialektes, für den sie seit jeher adaptirt war, 
in Elbassan und Berat. Nachdem die glagolica in croa- 
tischen ländern längst verschwand, vegetirt sie noch 
heute auf einer insel des Quarnero, auf Veglia, gerade 
dort, wo wir den mittelpunkt ihrer zweiten heimat suchen. 
Alles, was wir von der bulgarischen glagolica kennen, 
ist vom slavischen Standpunkte aus uralt zu nennen. 
Sie starb schnell aus, und ihre wenigen reste wurden 
schon in alter zeit heilig gehalten. Ihre Wanderungen 
nach dem Orient im 13. — 14. Jahrhundert beweisen, dass 
sie zwar noch immer gelesen, aber nicht mehr geübt 
wurde. 

Man könnte die beliebte gabelung, mit der man 
die genealogie der phönicischen Schriften veranschau- 
licht, durch eine geographische karte ersetzen. Es 
versteht sich von selbst, dass geographisch benachbarte 
Volker verwandte Schriften haben werden, wenn der 
grosse grundsatz wahr ist, dass sie nicht von einzelnen 
erfu.nden oder angeordnet werden, sondern auf tausend 
wegen langsamer reception hinübergleiten. Die indi- 
schen und semitischen Schriften bilden ein geographi- 
sches ganze, die armenische stammt nach Fr. Müller 
nicht von Miesrob, sondern sammt der georgischen aus 
einer älteren aramäischen. Im einzelnen hat diese ein- 
fache Wahrheit A. Kirchhoff, Studien z. gesch. des 
griech. alph., durchgeführt, nach welchem selbst „die 
räumlichen geltungsbereiche der einzelnen altgriechi- 
schen alphabete, welche aus inneren gründen und nach 
charakteristischen merkmalen zu einander in nicht zu- 
fälliger beziehuug stehen, geschlossene geographi- 
sche complexe bilden, welche nur bei colonisten- 
land in vereinzelten fallen durchbrochen sind". Wenn 

20 



— 154 — 



wir luui sehen, dass die bulgarische glagolica durch 
wirklich erhaltene reste nachweislich schon im zehnten 
Jahrhundert in Westmacedonicn im gebrauche war und 
nicht der schatten einer nachricht sie einem andern 
lande vindicirt, so ist die frage nicht so gestellt, wel- 
cher heilige diese schrift zuerst erfunden oder ange- 
wendet habe, sondern welche geographische und cul- 
turelle bcdingungen westmacedonischen Slaven des 
9. — 10. Jahrhunderts in bczug auf die möglichkeit der 
reception einer schrift gegeben waren. Nicht längst 
verschwundene Phünicier, nicht slavische runen, die es 
nie gegeben, nicht Aethiopier, sondern das albanesische 
dement war es, welches dort in erster reihe massge- 
bend war, mit dem sich damals das slavische noch 
viel inniger durchfloeht als heutzutage, da alle nach- 
richten dahin lauten, dass die slavische colonisation 
vor dem 10. Jahrhundert, nach einer förmlichen über- 
tluthung von Mittel- und Südalbanien, erst viel später 
in ihre heutigen grenzen zurückwich. Die elbassaner 
schrift selbst ist ein bild ihrer geographischen läge, 
sie entstand an jener via Egnatia, wo der Römer nach 
dem Osten strömte, sie ist eine alte griechisch-rüraische 
mischschrift. Die glagolica, die mehr im binnenlande 
sich entwickelte, dem griechischen einfluss noch mehr 
ausgesetzt war, ist auch wirklich um einen grad mehr 
gräcisirt als ihre mutter. Dies gilt schon für die alte 
glagolica, die eine reine cursive war. Soll die uns 
überlieferte, unter dem einfluss der alten und mittleren 
griechischen minuskel kalligraphisch weitergebildete 
stylisirung derselben in einem croatischen oder panno- 
nischen laude entstanden sein"? Sie ist mit cyi'illischen 
dementen versetzt. Wo in aller weit ist der punkt ge- 
geben, in dem sieh eine albanesische schrift unter den 
bänden slavischer Schreiber mit anderen griechischen 
einflüssen und cyrillischen entlohnungen zugleich kreu- 
zen konnte? Heute bedient sich seiner geograf)hischen 
läge halber der Gege und seine Schriftsteller des 1.7. Jahr- 
hunderts der lateinischen, der Toske der griechischen 
lettern. Das für einen gegischen dialekt geschaffene 
aiphabet Ijüthakukje's ist römisch. Mit dem bosnisch- 
serbischen zweige hat die bulgarische glagolica gewisse 
erscheinungen gemein. Ich erinnere hier blos an ^, 
das nur in einem serb. dja wiederkehrt, §. 138. Da 
liegt der grund in der geographischen nachbarschaft. 
Die bulgarische glagolica ist an der Drin- 
linie und im dreiecke Elbassan, Berat, Ochrida 
entstanden. 

§. 166. Der glagolitismus der Croaten 

ist in jeder beziehung von dem bulgarischen abhängig, 
sprachlich und graphisch. Die neueren entdeckungen 
entheben uns der aufgäbe, gegen eine ältere ansieht 
aufzutreten, welche die relative zeichenarmuth des 
croatischen alphabe.ts als etwas möglicherweise ur- 



sprüngliches deutete. Bei der reception von seiten der 
Croaten entschieden nicht die praktischen lautlichen 
bedürfnisse der spräche, sondern alle bulgarischen 
zeichen, auch die unnöthigsten, wurden herübergenom- 
men und mit der in solchen fällen bekannten Zähigkeit 
festgehalten. Bis zum anfange des 14. Jahrhunderts 
läutert sich die croatische schrift unter fortwährenden 
zeiehendiminationeu. Man bekam das bulg. st und 
hielt es fest; dxvlo und ot blieben wenigstens Zahlzeichen ; 
man entlehnte drei bulg. i; ein härtester (Baska), ein 
weiches (frag. Mih.); izica (Veglia); je (Baska); ein ur- 
altes jery (Veglia). Nun ist es klar, dass es nie einen 
serbischen oder croatischen dialekt gegeben hat, Rü- 
den man ein dzelo hätte schaffen müssen; welches or- 
thographische Vorbild hätte auf croatischem boden zur 
bildung einer izica anlass geben können? Zudem scheint 
es nach allem, was wir über die ältere geschichte der 
croatischen spräche wissen, sicher zu sein, dass sie 
selbst im 10. Jahrhundert nasale und den unterschied 
des doppelten jar nicht kannte. 

Die älteste engste heimat der croatischen schrift 
ist schon deswegen leichter abzugrenzen, weil wir denk- 
mäler von stein besitzen. Die allerältesten, die iu- 
schrift von Veglia, die beiden von Baska und Zeng, 
finden sich nur auf der insel Veglia u^nd der kaum 
zwei Stunden entfernten küste von Zeng (11. jahrh., 1100, 
12. — 13. jahrh.; 1330). Je weiter von diesen mittel- 
punkten, desto jünger sind die zahlreichen inschriften, 
welche sich bis nach Görz, Südkrain und Zara hin- 
ziehen. Die in jüngeren abschriften erhaltenen grenz- 
vertheilungsverträge der istrianer bauern berufen sich 
auf eine lange reihe älterer „briefe", welche bis in das 
jähr 1027 herabgehen. Warum sollte damals die gla- 
golica nicht in croatischen ländern heimisch gewesen 
sein? Ist die Inschrift der Stadt Veglia gerade jünger? 
Im jähre 1100 und 1230 sollen glagolitische documente 
in Dobi-inje (Veglia) ausgestellt worden sein. Auf Rab 
war nach Assomani ein alter psalter aus dem jähre 1222. 
Dieselben länderstriche blieben auch dann der mittelpunkt 
der croatischen glagolica, als sie nach dem jähre 1248 
eine ungewöhnliche Verbreitung erlangte. Beröi6 fand 
seine fragmente des 13. Jahrhunderts in Zara, auf den 
nördlichen inseln, im küstenlande. Statut von Vinodol, 
1288. Veglia ist die brutstätte der glagolica. Un- 
glaublich gross ist die anzahl der in Wien, Prag, Rom, 
Agram und auf der insel selbst zerstreuten Inschriften, 
Urkunden und prachtcodices, welche dies kleine, kaum 
achtquadratmeilen umfassende stück erde hervorbrachte. 
Bis zu ende des 14. Jahrhunderts stammt alles, wor- 
über wir nur irgend eine nachricht besitzen, in erster 
linie aus Veglia und dann aus den allernächsten ländern. 
(Vgl. Kukuljevi6, Acta croatica I.) Die glagolica drang 
zwar in dieser zeit tiefer nach Dalmatien, nach Agram, 
Südkrain, in dessen hart an (Jroatien anstossenden 
theilen es Inschriften mit ganz jungem datum geben 



155 



soll; aber es gibt keinen im binnenlande tiefer gelege- 
nen punkt, der für ihre geschichte der erwähnung 
werth wäre. In den an Paunonien hart anstossenden 
theilen Croatiens, in Krain, Südsteiermark, bei den 
ungarischen Slovenen, hat man auch nicht einen rest 
von belang gefunden. Dann folgt eine breite zone, 
welche die glagolica erst nach 1248 eroberte; dann 
schmale küstenstriche und inseln, welche zweifellos 
an Veglia und Zeng den vorrang abtreten. Der brief 
Innocenz IV. war nur an den bischof von Zeng ge- 
richtet. 

Die glagolica kam nach Croatien nicht vom norden, 
sondern aus dem suden. Erstens glauben wir nach- 
gewiesen zu haben, dass ihre erste heimat nur Mittel- 
albanien gewesen sein konnte, zweitens sind alle alt- 
croatischen denkmäler mit einer spräche durchtränkt, 
deren Ursprung in Macedonien zu suchen ist. Doch 
können uns schon paläographische erwägungen , die 
der croatischen schritt selbst entnommen sind, auf 
jenen gedanken hinleiten. 

Die unschätzbaren runden züge der Inschrift der 
Stadt Veglia, von der es doch sicher steht, dass sie 
von ihrem entstehungsorte nie gerückt wurde, beweisen, 
dass die glagolica auf echt croatischem boden in ihrer 
relativ ältesten bulgarischen gestalt recipirt wurde. 
Ihre jüngste, mehr als 250 jähre später, um die mitte 
des 13. Jahrhunderts erfolgte stylisirung ist durch zahl- 
reiche einzelheiten, die bei jedem buchstabon wieder- 
kehren, an jene entwicklung geknüpft, welche die 
bulgarische Schwester vom assem. bis zu den prager 
fragmenten durchmachte. Sie ist das natürliche end- 
ergebniss jenes grossen processes, der, auf bulgarischem 
boden lange vorbereitet, in der steigenden annäherung 
der majuskel und minuskel bestand. Ich habe kein 
detail in der sehrift des laib. hom. gefunden, dessen 
erster greifbarer anstoss nicht in den ältesten bulga- 
rischen quellen gegeben wäre. Wie wäre diese innige 
parallele entwicklung selbst mit den jüngeren phasen 
der älteren schwester möglich, wenn den Croaten die 
Schrift nur in einem gewissen beschränkten Zeitpunkte, 
durch einige individuen, durch eine missionsreise über- 
mittelt und ihr fernerer graphischer fortschritt 
sich selbst überlassen worden wäre? Ich denke 
an eine fortwährende, langandauernde berührung der 
croatischen küstenländer mit der südlichen heimat 
der glagolica, an einen fortwährenden nachschub bul- 
garischer haudschriften, der insgesammt in eine zeit 
fällt, da Pannonien für das slavische schrift- 
thum nichts mehr bedeutete. Soll die grosse an- 
zahl altcroatischer texte, die insgesammt aus bulga- 
rischen vorlagen hervorgingen, auf einmal in das land 
gekommen sein? Es ist sehr wahrscheinlich, dass der 
glagol. cloz. sich ursprünglich auf Veglia befand. Die 
bisherigen vermuthungen über sein alter stimmen zu 
unseren paläographischen erwägungen, welche ihn in 



den anfang des 11. Jahrhunderts verlegen. Eine croa- 
tisclie band war an dem altbulgarischen texte gewiss 
nicht betheiligt. Aus welchem lande sollte nach dem 
10. Jahrhundert eine glagolitische handschrift nach Croa- 
tien gelangt sein, wenn nicht aus Macedonien oder 
den küsten und küstenstädten Albaniens, welche damals, 
wie man annimmt, zum dritten theile von Slaven be- 
völkert waren. Aus Pannonien? Dann sehen wir, wie 
die Inschrift von Baska der von Veglia gegenüber einen 
graphischen fortschritt aufweist, der durchaus unselbst- 
ständig ist, da er in bulgarischen handschriften vorge- 
bildet ist. Ihre abgestumpften d und v erscheinen zuerst 
in der majuskel des evang. grig. und cloz., während 
der assem. und die Inschrift von Veglia noch runde formen 
bieten. Die beiden übereinander stehenden schlingen des 
jer verfliessen in den ältesten denkmälern nicht in eine 
ellipse (die dann zum rechteck wird). Dies geschieht 
zuerst sporadisch im macedonischen blatt grig., in der 
jüngeren interpolation des sinait. psalters, auf der In- 
schrift von Veglia u. s. w. Nun geht der rechteckige 
körper des altcroat. jer (miss. kuk.) erst auf diese 
ellipse zurück, und der dreieckige der Inschrift von 
Baska seinerseits auf jenes segment, das aus der ellipse 
in der jüngeren glagolitischen zuschrift das assem. (facs. 
von Crncic) und des bologner psalters entstand. Hier 
kann ich nur einige der schlagendsten fälle wieder- 
holen. Das ganze gewicht der thatsache, dass sich die 
croatische sehrift des 12. und 13. Jahrhunderts noch 
an die spätesten erscheinungen der bulgarischen an- 
lehnt, wird nur derjenige ermessen, der sich selbst der 
mühe minutiöser vergleichungen an den facsimilen und 
originalen unterzieht. Es ist erstaunlich, wie selbst ein so 
junges croat. dja, wie das der inschrift von Zeng, 1330, 
das einen ziemlieh langen weg graphischer Veränderung 
hinter sich hat, sein vollkommenes prototyp ausserhalb 
Croatiens, in der cyrillischen zuthat des sluzebnik, be- 
sitzt, die gewiss von einem bulgaren des 13. Jahrhunderts 
herrührt, §. 125, 165. Nun denke man noch an den 
abstand in der form der schlingen der inschrift von 
Baska und des laibacher homiliars: wie unmöglich ist es, 
der annähme auszuweichen, dass die letzteren erst unter 
dem einflusse von denkmälern gebildet wurden, welche, 
wie die prager fragmente, weit jünger sind als das 11. Jahr- 
hundert und jene inschrift selbst. Auch die Ortho- 
graphie der Croaten wurde successive im 12. — 13. Jahr- 
hundert durch spätbulgarische erscheinungen beeinflusst. 
Allerdings kann man bei der kargheit der denkmäler 
die beweise nicht dutzendweise aufbringen. Nicht zu- 
fällig ist der umstand, dass alle croatischen reste des 
13. Jahrhunderts, insofern sie ein altes jer gebrauchen, 
immer nur die form des harten setzen. Ich denke an 
das übei-haudnehmen des harten jer bei jüngeren bul- 



garischen denkmälern. In der reihe 



des abec. bulg. 



erscheint nur "k. Im jüngeren theile des zogr. herrscht iv. 
Das fragm. Mih., das einer nordmacedonischen oder 

20* 



— 156 — 



altserbischen gegend entstammt, hat nur weiches jer 
nach dem muster der altserhischen cyrillica. Auch dieses 
fragmcnt ist ein beweis, dass die glagolica bei Serben 
und Croaten mit den jüngeren phasen der bulgarischen 
Schrift gleichen schritt hielt. Dass wir auf der Inschrift 
von Baska und im bukvar, 1528, noch eine letzte spur 
eines nasalen, und zwar gerade des je erhaschen können, 
verdanken wirnurdem umstände, dass 3€ in relativ jünge- 
ren bulgarischen denkmälcrn, im sinait. psalter und den 
kijever fragnienten, zu einer besonders intensiven Verbrei- 
tung kam,da es zwei nasalzeichen vertritt. Und doch rauss 
die glagolica nach Croatien lange vor jenen denkmälern 
sammt allen nasalzeichen gekommen sein, von denen 
nach dem beispiele jener relativ jüngeren orthographi- 
schen gewohnheit das je, am meisten aussieht hatte, zu 
überleben. Die häufige überflüssige setzung des jer 
im fragm. Mih. zumeist bei liquiden KkphBH (vgl. Jagic, 
rad jugoslav akad. II, 321 erinnert an ähnliche fälle 
jüngerer bulgarischer denkmäler, z. b. des cyrill.-mac. 
blattes (11. — 12. jahrh.) a'"^*'^'"^, Sreznewskij, drev. 
pam. jus.; desselben .SkR-ksA*« «in .S-KK-KHH.WHpTx der In- 
schrift von Baska; ähnliche fälle kehren im jüngeren 
theil des zogr. wieder: ;i,'K/\'Kr'K, matth. XVIII, 32, 
CTißO(iVV<Mj*j matth. XX, 8. Inschrift von Baska: K'hpaiiHOY> 
norovskij stichirar: nkpiicHO, Sreznevskij, jus. 214. Ich 
glaube, dass dies eingeschobene jer, das übrigens nicht 
ausschliesslich in Verbindung mit liquiden r l vorkommt, 
wirklich in der bulgarischen vollsprache bestanden habe, 
Cankof, bulg. gramm., kennt neubulgarisch dovoi; 
dorug, statt dvor, drug (eingeschobenes "k schwankt 
mit 0, iHjon, ogi.ii). AA'^enn aber croatische Schreiber 
ebenfalls K'kpaHtia, 3'kK'KHiiA\np'h schrieben, so haben 
sie damit nur eine erscheinung jüngerer bulgarischer 
vorlagen graphisch nachgeahmt. Macedonische schrift 
und Orthographie hat auf croatische denkmäler ein- 
gewirkt in der verhältnissmässig jüngeren zeit des 11., 
12. und 13. Jahrhunderts, wo wir uns gar kein zweites 
slavisehes land denken können, das die stelle Mace- 
doniens übernehmen könnte. Welchen grund haben 
wir, entgegen der gewöhnlichen art und weise, wie 
sich Schriften geographisch verbreiten, anzunehmen, 
dass dies im 10. Jahrhundert anders gewesen wäre? 
Wo ist der beweis erbracht, dass die glagolica nach 
Croatien von norden eindrang, den wir zu widerlegen 
hätten ? Dass sie auch bei orthodoxen Serben im ge- 
brauche war, bezeugt das fragm. Mih. Sollte nun Srez- 
nevskij beigepflichtet werden, wenn er (sved. i zam., 
pag. 503 — .004) auch solchen fragmenten, wie die 
hl. Thekla, hl. Prohor, welche auf croatischem boden 
gefunden und geliraucht wurden, einen orthodoxen In- 
halt zuschreibt V wozu noch ein von Beröi^ in Zara ent- 
deckter rest tritt, in dem ganze griechische sätze gla- 
golitisch transcribirt sind. Aus welchem lande sollen 
dann die alten vorlagen zu diesen fragmenten gekommen 
sein, wenn nicht aus dem süden? 



§. IGT. Die wechselseitigen entlehnungen der 
slavischen Schriften. 

Wir kommen nun zu einer merkwürdigen eigen- 
schaft der slavischen Schriften, welche uns eine hand- 
habe zu den wichtigsten chronologischen Schlüssen über 
ihre älteste entwicklung bieten wird. 

Diegemeinschaftlichen zeichen der beiden Schriften 
sind kein beweis ihrer gemeinschaftlichen herkunft. 
Es stehen auf seite der cyrillica folgende zeichen: tu 

UJ), i]i (W), L^ (serb. r±j ) (^), u, (V eine neben- 

form), A (Ä); auf seite der glagolica: P" (ki), 96 (jk), 
k (B), "Kl ein altglagol. jery. Sie dürfen nicht so auf- 
gefasst werden, als ob sie einmal nur der glagolica oder 
irgend einer ihr ähnlichen „uralten" slavischen schrift 
eigen gewesen wären, worauf ein praktischer mann ge- 
kommen wäre, um die (gewiss etwas unbequemen) 
glagolitischen zeichen durch entlehnung „deutlicherer" 
abzuschaffen : er hätte dann womöglich die „ursla- 
vischen" zeichen der glagolica in griechische uncialen 
seiner zeit umgesetzt und nur iii, ip, JK, A und ähn- 
liches stehen gelassen, da die griechische schrift dafür 
nicht ausreichte. Also wäre die cyrillica entstanden 
und die glagolica ist älter. Vertreter solcher ansichten 
sind sich nie über die graphische herkunft auch nur 
eines slavischen Zeichens klar geworden. Nicht alle 
jene zeichen waren ursprünglich glagolitisch; capitales 
omega ui konnte kein ursprünglicher bestandtheil einer 
schrift sein, die nur aus cursiven dementen bestand. 
Die glagolica ist auch nicht die zur cyrillischen un- 
ciale zugehörige minuskel, wenn auch einige wenige 
fälle vorkommen, wo z. b. glagol. £h (griech. minuskel- 
delta) einem cyrill. fi, gegenübersteht, also die griechische 
minuskel der griechischen nnciale. Wir können uns 
keine glagolitische handschrift vorstellen, die mit un- 
cialen geschrieben wäre, nie wird man auch eine cy- 
rillische entdecken, deren a ß ,4, r ,vv H durch a ß S y |j. v 
ersetzt wäre. Beide alphabete sind schon an fertige 
Schriftarten angelehnt, in deren rahmen sie gebannt 
blieben. Wir sahen, wie selbst die bezeichnung mi- 
nuskel für die glagolica eine im wahren sinne des 
Wortes nur äusserliche ist. 

Vor allem müssen wir an der thatsache 
festhalten, dass wir zwei grundverschiedene 
Schriften vor uns haben, die im räum und in 
der zeit getrennt entstanden. Die eine gibt b 
durch eine graphische abart des beta K wieder, die 
andere nach albanesischer setzung durch ein griech. 
p. C; griech. -cyrill. '^ steht einem fti entgegen, das 
theta war, r einer albanesischen combination !^, A ein 
capitales alpha gegen ■€ einem römischen e u. s. w. 
Der ursprüngliche gegensatz vor der wechselseitigen 
ausgleichung war noch grösser. 

Es ist bezeichnend, dass nur solche buchstaben 
aus der einen schrift in die andere wanderten, welche 



157 



specifisch slavische laute bezeichnen, die slavisclien 
oi'thographeii aller zeiten die grössten Schwierigkeiten 
machten : zischende und weiche laute, c s St S c jer 
jat und präjotirtes m. Die wechselseitigen ent- 
lehnungen wurden durch die anfängliche un- 
vollkommenheit der beiden slavischen Schrif- 
ten hervorgerufen. 

Die älteste cyrillica bezeichnete den halblaut nur 
durch ein überzeiliges mittel, durch den apostroph, 
§. 100; die aufnähme des glagolitischen w (und des 
davon später selbstständig difFerenzirten t»), eines aus- 
geprägten, in der zeile stehenden ausdruckes, ist ein 
orthographischer fortschritt. 

Die älteste cyrillica bezeichnete die jotation durch 
unselbstständige indirecte mittel, §. 112; die entlehnung 
der glagolitischen ligatur w ist ihr erster versuch, einen 
directen ausdruck für j zu gewinnen, der zur bildung 
des le ß irtk hft anlass gab. Wie die cyrillica einst z 
und jeri bezeichnete, ehe sie jk (alban. .sy) und kl (lii) 
aus der glagolica entlehnte, wissen wir nicht. 

In der albanesischen schrift und spräche gibt es 
nichts, das dem slavischen jat analog wäre; hier muss 
in der ältesten glagolica ein orthographischer mangel 
bestanden haben, dem durch die aufnalipiie des cyril- 
lischen A abgeholfen wxxrde. Cyrill. A, ein capitales 
alpha galt einst in einer frühen phase cyrillischer 
schrift auch jat neben dem überlieferten 'k, §. 111. 

Die älteste glacolica hatte kein eigenes zeichen 
für u, sie schied es von o nur durch einen punkt, 
§. 86, 102; sie gewann dafür einen prägnanten ausdruck 
erst durch die nachahmung des cyrill. ©Y"®' daher die 
inconsequenz: P" gegen S. 

Das römische verschlungene s gilt in zahlreichen 
albano-glagolitischen buchstaben bald s, bald s, §. 132, 
wobei es auch seine läge der differenzirung halber 
wechselt. Eine regel ist nicht auftindbar. Cllag. 8 (s) 
unterscheidet sich von dem zweiten bestandtheile des 
Ni, einem X (5), nur durch den später angebrachten ver- 
schluss, sonst sind die zeichen bei verschiedener geltung 
identisch. Ich nehme daher an, dass die formell 
schwankende bezeichnixng des albano-glag. *• und i der 
grund war, der die glagoliten bewog, cyrill. uu aufzu- 
nehmen. Als ui das alban. X (sj verdrängte, wich auch die 
davon abgeleitete ligatur §t in ihrer älteren form, §. 129, 
dem ig W. Nicht klar ist der grund, aus welchem die 
glagoliten tf und V aus der cyrillica entlehnten. Für S 
wenigstens mussten sie einst ein einheimisches alba- 
nesisches zeichen gehabt haben, denn das elbassaner tc 
ist eine typische römische ligatur ts, die lange vor jeg- 
licher albanesischer und slavischer schrift da war. Die 
buchstabennamen §a und Ha sind der directe beweis, 
dass die glagoliten einst für die entlehnten ui und W 
einheimische albanesische zeichen besassen, §. 175. Da- 
gegen zeigt sich bei den nasalzeichen nicht die geringste 
spur einer entlehnung. Als sich die beiden Schriften 



. berührten, hatte nämlich eine jede schon auf eigenem 
wege einen ausdruck für e und a gewonnen. Die cy- 
rillica differenzirte ein capitales alpha a Ai; die gla- 
golica erbte von ihrer mutter ein <€, aus dem sie ein 
a durch vorsetzung eines 9 schuf: §€. 

Die wechselseitige beeinflussung betraf schwie- 
rigere orthographische fälle, und ihre behandlung deutet 
auf ein bestreben nach Vervollkommnung der schrift. 
Ihre anzahl ist beschränkt, die cyrillica entlehnte 4, 
die glagolica 5 zeichen, ihre entlehnung ist im ein- 
zelnen motivirt; sie geben künde von einem leben- 
digen weben zwischen beiden Schriften, das in eine 
bestimmte zeit fallen muss, in der das slavische 
schriftthum im emporstreben begriffen, einer 
besonders intensiven bearbeitung ausgesetzt 
war. Vor der zeit der wechselseitigen entlehnungen 
stehen die ältesten von einander ganz unabhängigen 
redactionen der beiden slavischen Schriften, eine grie- 
chische, mit wenigen capitalen versetzte unciale und 
eine reine albanesische cursive. 

War somit das glagolitische zeichenmateriale 
nicht immer dasselbe wie in unserer Überlieferung, 
und musste es erst eine grosse kalligraphische Um- 
wälzung erleiden, ehe es zur schrift des assem. wurde, 
so entsteht die in der geschichte der glagolica am 
tiefsten einschneidende frage: welche kalligraphische 
gestalt hatte sie damals, als sie sich mit der cyrillica 
berührte? Die letztere besitzt keine kalligraphischen 
mittel, keine Ornamente, welche wie in der glagolica 
die form der mvitterzeichen verhüllen; ein verschluss 
(Ä), irgend ein häkchen ist alles, wodurch die cyril- 
liten ihre zeichen von den griechischen abhoben. Alle 

uncialen blieben unverändert; 111^'^ ^i"*^^ ^lie reinen 

griechischen capitalen. Wenn ein glagolitisches zei- 
chen in die cyrillica aufgenommen wurde, musste es 
unverändert bleiben; es mag sich ihrem steifen un- 
cialen ductus etwa in der vertheilung der licht- und 
schattenstriche, grosse, läge angepasst haben, seine 
geometrische grundform wurde durch keine von aussen 
mit bedacht angefügte Ornamente verrückt. Wenn 
nun cyrillische zeichen, wie lo jk k wirklich erst der 
glagolica entlehnt wurden, da sie in letzter Instanz albano- 
römischer herkunft sind, wie kommt es, dass sie in derge- 
stalt von den uns überlieferten analogen glagolitischen 
buchstaben P" 36 B so stark abweichen, wenn sonst die 
cyrillischen Schreiber die form entlehnter zeichen im 
allgemeinen nie wesentlich veränderten? Weil auch 
die glagolica zur zeit, als sie zeichen an die 
cyrillica abgab, eine andere war. 

Als das glag. B von den cyrilliten recipirt 
wurde, besass es noch nicht die obere schlinge, 
§. 98. ■ 

Das glag. 36 kam in einer solchen gestalt 
in die cyrillica, in welcher der rechte theil 



158 — 



noch iiiclit zu einer schlinge eingebogen war, 
g. 113. 

Das cyrill. lo steht der vorauszusetzenden 
albano-römischen ligatur io näher als dem gla- 
gol. W, weil die scheitel der beiden buchstaben 
noch nicht durch den verschluss verbunden 
sind, §. 87. 

Cyrill. "hl lehnt sich an ein glagol. jeri der 
Inschrift von Veglia an, das älter ist als das 
gewöhnliche glagol. ST, §. 101. 

Alle glagolitischen entlehnungen der cy- 
rillica sind in einem graphisch älteren zustande 
erhalten als dieselben zeichen in der uns über- 
lieferten glagolica. 

Es handelt sich um sehr charakteristische 
buchstaben der glagolica, alle sind albano-rö- 
mischen Ursprunges. Als die glagolica an die 
zweite slavische schrift jene zeichen abgab, 
besass sie noch keine schlingen und ver- 
schlusse, die zwei hauiitmittel, wodurch sie erst 
zu der uns überlieferten schrift des assem. 
wurde. Sie war noch nicht glagolica in unserem 
sinne. Alan kann sich ihr damaliges aussehen vor- 
stellen, wenn man an eine jüngere römische Urkunde 
denkt, deren schrift noch durch einige griechische cur- 
sive Charaktere versetzt war. Der von uns aufgestellte 
begriff der alten, kalligraphisch noch nicht w^eiterge- 
bildeten glagolica soll kein blosser theoretischer behelf 
sein, er steht verkörpert, greifbar erhalten vor uns in 
den cyrillischen zeichen k }K lo lii. 

§. 168. Die frage, welche von den beiden Schriften 
die ältere ist, muss jetzt anders gefasst werden. Wenn 
die uns bekannte i'cdaction der eyrillica (mit wenigen 
abweichungen) schon bestand, als es noch keine spvir 
echter verschlungener glagolitischer buchstaben gab, 
sondern nur gewisse stylisationen römischer und grie- 
chischer zeichen an deren stelle, welche Schreibern, 
die im bereiche der byzantinischen cultur des 9. bis 
10. Jahrhunderts lebten, ziemlich bekannt, ver- 
ständlich und durchsichtig sein mussten; was 
sollen wir uns von jener stelle in einer späten lobrede 
auf Constantin und Method denken, dass „sie ihr 
(schriftbildnerisches) werk nicht auf fremder grund- 
lage aufbauend, sondern ganz neu die buchstaben er- 
sinnend, in einer neuen spräche vollendeten", wenn 
sie nach Safafik so gedeutet werden soll, dass sie nur 
auf assemanische, den griechischen total fremde buch- 
stabenformen abzielt? Wir brauchen jene Übertreibung 
nicht einmal dem enkomiasten als solchen zu gute zu 
halten; er kann und wird die eyrillica gemeint haben, 
•welche ebenfalls zum guten drittel aus zeichen besteht, 
welche nicht bloss ihm, sondern auch modernen forschern 
für ungriechisch galten. Der lobredner schrieb schon 
in einer späten zeit, als die zahl der (sagen wir) nicht- 
uncialgriechischen, daher fremdartigen bestandtheile 



der eyrillica ihren liöhepunkt erreichte; er konnte sie 
eine originale erfindung nennen; aber auch papst Jo- 
hann VIII., den Öafarik mit recht als gleichzeitigen 
zeugen der schrift Cyrill's anführt, die damals noch 
nicht durch seine schüler in jenes land gebracht war, 
wo sie einzig und allein 5K W K recipiren konnte, also 
sogar ein noch mehr griechisches aussehen hatte, konnte 
die eyrillica eine slavische schrift nennen, konnte den 
ausdruck sclaviniscas literas a Constantino repertas und 
nicht unumgänglicher weise graecas gebrauchen, da 

auch jene ältere eyrillica Sp ui i|j a ^^ A i^ und 

noch so manches andere besass, dessen eigenthümliche 
bedeutung neben anderen, für jer und jot dienenden 
überzeiligen zeichen sie hinreichend von einer nv;r 
griechischen schrift abhob. Sehr hinfällig sind die 
gründe, welche Safafik (über Ursprung und heimat 
des glagolitischen) zu dem nachweise zusammenfasste, 
dass Cyrill glagolitisch geschrieben hätte. Der Urheber 
der glagolica wäre ein schriftkundiger Orientalist ge- 
wesen, er machte eine auswahl aus altsemitischen 
Schriften, auch der altgallischen, äthiopischen; dies 
könnte nur Cyrill gewesen sein, der orientreisende; 
die in Böhmen oder Mähren entstandenen prager frag- 
mente sind das älteste glagolitische denkmal (ibid. 
pag. 10, 12); Cyrill muss ganz neue (nicht cyrillische) 
figuren erfunden haben, denn die slavischen buch- 
stabennamen sind neu geschaffen; das glagolitische 
aiphabet ist zeiclienärmer, die eyrillica vollkommener 
dies sei der fortsehritt, das jüngere (wir sahen, wie die 
präjotirten zeichen zu stände kamen); seine belege 
über die primitivere gestalt einiger glagolitischer buch- 
staben analogen cyrillischen gegenüber entbehren jeg- 
licher paläographischen grundlage, pag. 8 ; weil Pan- 
nonier nach 892 nach Croatien, dem altglagolitischen 
lande, flüchteten; man fand einen palimpsest (von Bo- 
jana), dessen gelöschte glagolica mit cyrillischer schrift 
bedeckt ist und der ebenso für die priorität der gla- 
golica streiten soll, wie die in cyrillischen handschriften 
eingestreuten glagolitica, da die cyrillischen beifugen in 
glagolitischen texten nur später zeit angehören sollen 
(dies ist streng genommen nicht genau so der fall. Sa- 
fafik kannte zu seiner zeit nur wenig solcher interpola- 
tionen ; man muss sie in jedem einzelnen falle an den 
originalen und auch sonst ihrem inneren werthe nach 
erwogen haben, um sieh zu überzeugen, wie viel sie für 
den betreffenden codex, wie wenig für das zeitliche ver- 
hältniss dei' beiden Schriften bedeuten). Man fände, 
pag. 7, cyrillische abschriften aus glagolitischen origi- 
nalen, aber nicht das umgekehrte, wenigstens nicht in 
der früheren zeitperiode (es ist viel wahrscheinlicher, 
dass das ganze ältere glagolitische schriftthum in letzter 
Instanz aus cyrillischen vorlagen hervorging). Papst 
Johann VIII. wollte sich mit seinem briefe aus dem 
jähre 879 (Raöki, Monumenta bist, croat.) nur des 



159 



clerus von Dalmatien im kirchenstreite versichern, auf 
das bestehen einer slavischen liturgie oder schrift — 
die in Dalmatien wahrscheinlich glagolitisch wäre — 
kann er nicht gedeutet werden. Safarik verbindet den 
Ursprung der glagolica mit der heimat der alten 
spräche. Diese fragen können auch getrennt werden. 
Ich werde daher auf seine sprachlichen gründe noch 
im besonderen zurückkehren. 

Chrabr's zeugniss wurde ziemlich rücksichtslos für 
die glagolica in beschlag genommen. Das cyrillische 
aiphabet gleicht insofern äusserlich dem griechischen, als 
es dessen Ordnung einhält, alles speciell slavische überwie- 
gend an das ende stellt. Nach Chrabr schuf also Cyrill 
„einige buchstaben nach der Ordnung der griechischen, 
andere gemäss der slavischen spräche", nach Vuk's Vari- 
ante: „einige den griechischen gemäss, andere (deren Ur- 
sprung dunkel war: jk ui A u. s. w.) nach der eingebung 
gottes". „Davon sind 24 den griechischen ähnlich (es folgt 
das ganze griechische uncialalphabet, Chrabr spricht von 
buchstaben, nicht von lauten), 14 nach der natur der 
slavischen spräche." Ihre gesammtzahl 38 ist schon 
nach Safai^'ik (ibid. pag. 17) nicht nothwendiger weise 
auf die glagolica zu deuten, da er wusste, dass die 
präjotirten 16 td bjv hk auch in bulgarischen hand- 
schriften fehlen. Einige Varianten Chrabr's bedienen 
sich einer solchen Orthographie; sie sind nicht aus 
einer glagolitischen vorläge abgeschrieben, weil wir 
überhaupt für eine solche abstammung einer cyrillischen 
handschrift kein entscheidendes orthographisches cri- 
terium besitzen. Chrabr schrieb zu einer zeit, als sich 
die legende der anfange des schriftthums schon be- 
mächtigt hatte. Er kannte zwar noch nicht das le a 
I* Mk (nur die wirklich älteste präjotation w führt er 
an), worauf die (Orthographie und die buchstabenzahl 
38 deutet; aber im ganzen war ihm schon unsere cyril- 
lica als etwas fertiges gegeben, von deren früheren 
berührung mit einer zweiten schrift (>K K> h) er nichts 
wusste. Chrabr schrieb nach den Schülern der slaven- 
apostel, als beide slavischen Schriften schon in unserem 
sinne bestanden, und doch spricht er nur von einer 
schrift, er wusste einfach nicht um die glagolica. Nur 
eine merkwürdige, bis jetzt zu wenig urgirte nachricht 
hat der mönch erhalten, der gewiss in Bulgarien lebte 
und über so entfernte schriftversuche wie die freisinger 
denkmäler nicht unterrichtet war. „Die heidnischen 
Slaven hatten keine schrift; als sie getauft wuiflen, 
bemühten sie sich, mit römischen und griechischen 
buchstaben ihre spräche ohne orthographische regel zu 
schreiben." Das ist die letzte reminiscenz der alten 
orthographisch noch nicht geklärten versuche der Bal- 
kanslaven, ihre spräche einerseits mit griechischen un- 
cialen und capitalen, andererseits mit einer mischung 
cursiver römischer und griechischer buchstaben zu 
fixiren. Welche römische zeichen konnten Balkanslaven 
vor dem 9. Jahrhundert gekannt haben, wenn nicht voi-- 



züglich die jüngere cursive? Natürlich schrieb Chrabr 
jene nachricht nach dem hörensagen, den wahren In- 
halt müssen wir uns hinzudenken. 

Wenn Kliment das wei-k seines meisters umffc- 
stossen haben sollte, weil er nach den Worten seines 
biographen „der deutlichkeit halber (:rpb? tb ca^e- 
aTspov) auch noch andere buchstaben ersann als 
die, welche der weise Cyrill erfand", indem er 
nach Öafafik's meinung die (sagen wir unbequeme) gla- 
golica abschaffte und an ihrer stelle die verständlichere 
cyrillica einführte, wie sollen wir diese deutung mit den 
paläographischen thatsachen vereinigen, welche gerade 
umgekehrt jene cyrillischen zeichen, die zu den analogen 
der glagolica in irgend einer historischen relation stehen, 
als graphisch älter als diese hinstellen: 

1. Sind die glagolitischen entlehnungen >j: w i» 
graphisch älter als 35 P" B der uns erhaltenen redac- 
tion der glagolica; 

2. zeigt auch die glagolica wieder ihrerseits bei 
den virsprünglich nur cyrillischen zeichen, die sie erst 
später aufnahm, den kalligraphischen fortschritt, das 
spätere: jetzt sehen wir an der band der griechischen 
capitale, dass ein durchstrichenes ypsilon, das in der 
cyrillica ohne Veränderung der form als c gesetzt wurde 

LI ( LJ serbisch i — i ), erst in der glagolica weiter- 
gebildet ist durch verschluss und schlinge: tf, während 
Safaflk (ibid. pag. 8) gerade das umgekehrte annahm, 
ohne beweis, ohne sich der eigentlichen herkunft des 
Zeichens bewusst zu werden. W ist gewiss graphisch 
jünger als i|j, V gewiss erst abgeleitet von jenem ypsi- 
lon, das in der bosnischen schrift als c und dj erhalten 
ist, §. 136, 137, und der ältesten cyrillica eigen war. 
Nur cyrill. m und A sind auch in der glagolica 
die fast unveränderten capitalen geblieben, weil die 
kalligraphische umkleidung nicht alle bu.chstaben ergriff. 

Die Verdienste Kliments aber werden wahrschein- 
lich wo anders liegen, wenn wir nur daran fest- 
halten, dass ein einzelner noch nie eine ganze fertige 
schrift zu stände gebracht oder erfunden habe, und 
dass auch die cyrillica, wie alles andere der Verän- 
derung unterworfen, nicht immer das war, was sie 
jetzt, und auch nicht das war, was sie schon im su- 
prasliensis ist. 

§. 169. Wir wollen jetzt versuchen, die grössten 
thatsachen der slavischen paläographie zeitlich und 
räumlich abzugrenzen. 

Die beiden Schriften müssen in einer bestimm- 
ten gegen d zusammengestossen sein, wodurch allein 
ihre wechselseitigen entlehnungen und die darauf fol- 
gende parallele orthographische entwicklung begreif- 
lich werden. Wo kann sich die cyrillica durch die 
entlehnungen •AiK> h ('k) kl ('ki) vervollkommnet haben"? 
Nur in Westmacedonien, in dessen innersten gebieten 
längst eine unbedeutende schrift vegetirte, welche 



— 160 



Albanesen und Slaven gemeinschaftlich war. Eine liisto- 
rische thatsaclie, so siclier wie wenige in dem j)anno- 
nischen legendcnkreise, tritt jetzt an uns, an die wir 
uns anklammern müssen, da es keinen andern ausweg, 
nicht die geHngstc nachrieht gibt, welche ihr den rang 
streitig machen könnte. Die schüIer Cyrill's flohen 
nach dem jähre 885 mit Kliment nach Bulgarien und 
Westmacedonieu, wo sie sich dauernd niederliessen. 
Mit ihnen ist eine slavische schrift mitgekommen. Ihre 
intelligenten träger waren ganz darnach angethan, 
diese plötzliche Übertragung aus Pannonien in ein 
entferntes land als eine wahre ausnähme von der 
allgemeinen, nur benachbarte gebiete ergreifenden ver- 
breitungsweise einer schrift erscheinen zu lassen, dies- 
mal wurde, um mit A. Kirchhoff zu sprechen, ein 
Verbreitungsgebiet einer schrift durch eine colonisation 
unterbrochen. Halten wir mit aller bestimmtheit daran 
fest, dass die cyrillica nur mit einer solchen glagolica 
zusammenstiess, welche nicht die unsere war. Diese 
römisch-griechischen, von Albanesen redigirten cursiv- 
zeichen konnten bis dahin ihre enge, uralte heimat 
nicht verlassen haben. Sollen diese von Pannonien 
nach Westmacedonien erst damals gekommen sein? 
Wir sehen, dass eine schrift in Westmacedonien, an 
dessen boden sie seit jeher gekettet war, schon be- 
stand, und wir wissen welche, und dass eine zweite 
schrift nach einem unzweifelhaften scharfen Zeugnisse 
der geschichte erst nach 886 nach Macedonien und 
Ochrida einwanderte. Dann eröffnet sich unseren blicken 
eine weite aussieht nach vorwärts und rückwärts. Kli- 
ment brachte nach Westmacedonien die alte cyrillica, 
die wahre schrift seines lehrers. Hier wurde sie, die 
wie alles im anfange xinvullkommene, inmitten der hi- 
storisch erwiesenen intensiven literarischen thätigkeit 
besser ausgebildet. Hier geschah es, dass zeichen aus der 
in Westmacedonien schon existirenden alten glagolica 
in die alte mit den schülern Oyrills hergewanderte cyril- 
lica aufgenommen wurden. Dies ist der einzige pas- 
sendste moment in der geschichte, in der eine be- 
rührung der bisher getrennt bestehenden anfange der 
beiden Schriften stattfinden konnte. In demselben Zeit- 
punkte auch, in welchem die alte glagolica zeichen an 
die cyrillica abgab, war sie noch eine kalligrajjhisch 
nicht weitergebildete reine albanesische (römisch-grie- 
chische) cursive, ohne schlingen, ohne vei-schlüsse: 
dies zeigt die grundform der entlehnungen, welche die 
cyrillischen Schreiber machten. Die ersetzung des apo- 
strophs durch h (jh.), die aufnähme des ersten präjotirten 
Zeichens w, des jk und lii, das sind die wahren schritte 
xpbs; TS cass'cTjpsv. Wenn Kliment nur diese zeichen 
recipii'te, so hatte sein biograph ein recht zu sagen: 
Sffo^icaTO 0£ v.v). y_y.poi.Y.ZT,py.: kxipo'jq •[px\).[).(ixwv Tpb; to catfiaupov 
fj ou? s^EJjpsv aio's: K'jpCkKoc. Kliment und seine mit- 
arbeiter sind erst die begründer der uns vorliegenden 
redaction einer cyrillica, wie die des cod. sup. ist, ge- 



worden. Ihre eigenen lehrer aber, die Slavenapostel, 
welche eine aller walirscheinlichkeit nach schon früher 
in Bulgarien geübte schritt nach Pannonien brachten, 
bedienten sich einer cyrillica, welche wir die alte nannten, 
die rein griechisch war und keine albanesisch- 
glagoli tischen entlehnungen kannte, nicht ha- 
ben konnte. 

Wenn Chrabr, der um die mitte des 10. Jahrhun- 
derts schrieb, bemerkt, dass noch jetzt buchstaben 
gebildet (nocTparaiJ>^T'k) und nachgemacht (iiciTßOpHTH) 
werden, so kann dies nur wieder auf versuche, das 
alte 10 mittelst I6 ra Kt^ bft nachzuahmen und vielleicht 
auf die schliessliche festsetzung des "k statt altcyrill. A 
(= glagol. A jat) gedeutet werden. 

Die reception der glagolitischen zeichen 
;k K> K ("kj Kl (tvI) in die cyrillica fällt in Kli- 
ment's wirkungszeit und episcopale herrschaft 
in Westmacedonien, 886 — 916. 

Vor Kliment war die glagolica eine mischung 
römischer und griechischer cursive. Wann nahm sie 
cyrillische demente auf"? Vor der zeit ihrer kalligra- 
phischen Weiterbildung, noch ehe sie glagolica in un- 
serem sinne wurde. Die grundformen der erst zwi- 
schen 886 — 916 entlehnten ^ V W haben genau 
dieselben schlingen und verschlusse erhalten, 
wurden derselben kalligraphischen behandlung 
unterworfen wie ein längst bestehendes alb. X b J> 
u. s. w. Zuerst die entlehnungen aus der cyrillica, dann 
die kalligraphische umkleidung, die alle buchstaben, 
die uralten albanesischen, die eben entlehnten cyrilli- 
schen, gleichmässig und mit denselben mittein ergriff. 

Wann entstand der bulgarische tyjjus mit schlin- 
gen und verschlussen? Diese frage können wir mit 
ziemlicher Zuversicht erledigen. Nach Croatien kam 
die glagolica schon mit ihren zwischen 886 — 916 ge- 
machten cyrillischen acquisitionen : Ul W A ^ V, also 
nicht vor Kliment's ankunft in Westmacedonien. Sie 
war vollkommen ausgebildet in unserem sinne. Ihre 
züge waren rund : inschrift von Veglia. Noch mehr, 
das croatische zeichenmateriale geht nicht in jeder be- 
ziehung auf das des assem. zurück, es ist in ein- 
zelnen erscheinungen relativ älter. Wir sahen, 
dass die Croaten den ganzen für ihre spräche unnöthi- 
gen bulgarischen zeichenballast mit der pietät aller 
alten Schreiber recipirten und festzuhalten suchten, die 
belege sind wirklich zahlreich: ein St, dzelo, drei i, 
zwei jer, ot, izica ; der nasal von Baska lässt schliessen, 
dass sie einst auch die übrigen nasale herübernahmen, 
obwohl sie diese nicht einmal im 10. Jahrhunderte be- 
nöthigten. Aber was der assem. und zogr. nicht mehr 
besitzen, das jery von Veglia <SI, das I (i) der alten 
insehriften, das kreisrunde o von Baska, das in Bul- 
garien zum mindesten frühzeitig zurückgedrängte „croa- 
tische" M (neben anderen majuskeln), das alles indirect 
albanesisch, daher bulgaro-glagolitisch war, zeigt, wie 



— 161 



alt der im ganzen jüngere zweig der croatischen glagolica 
sein muss. Die croatische glagolica hat sich von 
der bulgarischen vor dem niederschreiben des 
assem. und zogr., vor der endgiltigen fixirung 
der gewöhnlichen bulgarisch-glagolitischen zei- 
chenreihe abgezweigt. Wir haben die croatische 
glagolica an der band der istrianer vertrage und der 
Inschrift von Veglia bis in die erste hälfte des 11. Jahr- 
hunderts verfolgt; jene zeichen rücken ihre anfange in 
Croatien vor den assem., vor 950, eine gewiss zurück- 
haltende annähme. Ein vierteljahrhundert früher, 924, 
wurde auf westcroatischem boden, in Spalato, ein concil 
abgehalten, welches den gebrauch der slavischen spräche 
in der liturgie beschränkte und verbot. Im jähre 924 
musste eine slavische liturgie in Dalmatien nur an 
eine der slavischen Schriften geknüpft sein. Am concil 
waren Vertreter jener gebiete betheiligt, auf welchen 
wir vor 1248 die altcroatische glagolica finden. Das 
verbot traf katholische Slaven, welche sich in Dalma- 
tien und Croatien später ausschliesslich der glagolica 
bedienten. Unsere paläographisch begründeten ver- 
muthungen über das alter der glagolica in diesen län- 
dern streifen an die zeit des concils von Spalato. Alle 
forscher, welche diesen punkt berührten, nehmen an, 
dass jenes verbot die liturgie zugleich mit der glago- 
lica traf.*) 

Zwischen 886 — 924 fallen folgende Vorgänge: 

1. Eine westmacedonische römisch -grie- 
chische cursive, welche bei Albanesen und 
Slaven heimisch war, erliegt cyrillischem ein- 
flusse und nimmt mindestens fünf zeichen "V ^ 
W Hl A, aber noch in ihrer alten capitalen grie- 
chischen gestalt auf; 

2. das ganze cursive und capitale mate- 
riale wird sodann gleiehmässig einer kalligra- 
phischen Umbildung unterworfen, und mit den 
schlingen und verschlussen entsteht eine neue 
Schrift, die wir bulgarische glagolica nennen; 

3. diese drang aus Westmacedonien und 
dem damals slavisirten Mittelalbanien nach 
den dalmatinischen und westcroatischen kü- 
sten schon vor dem jähre 924 (vielleicht auch 

*) Wenn in einem Briefe Johann X. aus demselben jähre 924, 
der mit den beweggriinden des concils von Spalato in einem un- 
mittelbaren zusammenhange steht, dem croatischen elerus von dem 
gebrauche der slavischen (wie wir sahen) glagolitischen liturgie mit 
dem hinweis auf die „abweichende lehre Method's, der in keiner 
Schrift unter den heiligen vätern genannt ist", abgerathen wird, so 
sehe ich darin keine hindeutung auf Method als einen glagoliten. 
Gewiss, die Croaten besassen damals texte, die man mit dem namen 
Method's verbinden konnte und die eben dem papste missfielen, 
aber diese konnten sie im glagolitischen gewande nicht eher er- 
halten, als bis überhaupt eine wahre glagolica in Macedonien ent- 
standen war. Die erwähnung Method's ist gegen die verdächtige sla- 
vische liturgie als solcher gerichtet; das andenken seines wahren Ver- 
hältnisses zur römischen kirche war damals schon verdunkelt 
{Dümmler, Slaven in Dalmatien 70, 79). 

Geitler. Die albanesischen und slavischeo Schriften. 



nach südserbischen ländern, die an Nordmace- 
donien grenzen, fragm. Mih.) 

Daraus entnehmen wir, welche Orthographie in 
einer cyrillischen Unterschrift, die man in das jähr 881 
versetzen wollte, herrschen müsste, und was wir von 
der nachricht des presbyters von Arbe halten müssen, 
der a. 1222 einen psalter aus einer glagolitischen vor- 
läge des Jahres 880 abgeschrieben haben soll. 

§. 170. Auch ohne an die phönicischen und runi- 
schen vergleiche so recht zu glauben, schrieb man die 
glagolica Cyrill zu, weil man im vorhinein in ihr uralte 
geheimnissvolle Charaktere erblickte. Jetzt, da sich 
ihr letztes residuum in prosaischen römischen zeichen 
auflöst, die schliesslich auch von albanesischen bänden 
Slaven übermittelt wurden, müssen wir an der band so 
intensiv bearbeiteter disciplinen, wie es die künde der 
römischen und griechischen schrift ist, allen zweideutigen 
nachrichten des alterthums mit ganz anderer Zuver- 
sicht entgegentreten. Dies war die schrift CyrUFs: 
1. das ganze griechische jüngere uncialalphabet (Gardt- 
hausen, Gr. pal., taf. 2, anno 862) etwa mit ausnähme 
des IV, an dessen stelle anfänglich in gestanden haben 
mag, §. 130; 2. altunciales k; 3. griechische capitale: 
A mit allen abarten, S^, ein sampi als nasal, A für S, 
daher vielleicht noch kein "k, mehrere c, zwei c; 4. für 
j und jer keine selbstständigen zeichen, wahrscheinlich 
kein dzelo, ausdruck für jery und z unbekannt. 

Mit einem worte, nur griechisches unciales und 
capitales materiale. Jetzt erst können wir an die prü- 
fung der grossen nachrichten gehen, welche Cyrill 
(mitsammt seinen gehilfen) die erfindung einer schrift 
zuschreiben. Können wir einem manne von dem wissen 
Cyrill's unter den Verhältnissen der mitte des 9. Jahr- 
hunderts die Zusammenstellung oder geradezu erfin- 
dung jenes Zeichenmaterials zutrauen? Man möchte 
die frage bejahen. Sein zweck war, den Slaven litur- 
gische bücher zu schaffen. Also nahm er jene jüngere 
liturgische unciale, welche zu seiner zeit schon auf das 
schreiben heiliger texte bei Griechen beschränkt war. 
Das scheint der erste grund zu sein, aus welchem die 
cyrillica unciale war und blieb (während der charakter 
der glagolica durch die mutterschrift bestimmt wurde). 
Aber die griechische unciale hatte kein b, und b war 
verbraucht. Wenn nun auch die figur des g nicht 
mehr im 9. Jahrhundert nachweisbar ist, so wird der 
philosoph schon handschriften des 7. und 8. Jahrhun- 
derts gekannt haben, wo er e finden konnte, vgl. §. 124. 
Alle anderen speciellen laute esc, nasale, jat wur- 
den, aus besonderen formen gestempelt, welche mit 
analogen der unciale nicht verwechselt werden konnten, 
aus gleichzeitigen christlich-griechischen in- 
schriften entnommen. Beide halblaute schienen ihm 
nur ein einziger dumpfer nachhall zu sein, dem eine 
überzeilige andeutung genügte. So abhängig sollte auch 
diesmal eine selbstbewusste Zusammenstellung einer 

21 



162 



neuen schrift von ihren nuitterzeichen sein, dass diese 
und nicht ausschliesslich die lautlichen bedürfnisse der 
neuen spräche massgebend wurden, indem kein selbst- 
ständiges zeichen für j geschaffen wurde. Cyrill fand 
kein wahres zeichen für j, wenn auch die Griechen 
seinerzeit gewiss schon j in den bekannten fällen des 
neugriechischen statt i sprachen; er hielt / für eine 
modiltcation eines andern lautes, die an ihm selbst 
bezeichnet werden sollte (h). War auch dieser erste 
versuch unvollkommen, er genügte in jeder beziehung 
der fixirung slavischer werte. In so verhältnissmässig 
eno-en grenzen bewegen sich die neubildungen CyriH's, 
dass wir ihn nicht als den eründer einer neuen schrift 
hinstellen können, da er durch die adaptirung des grie- 
chischen materiales nicht so sehr eine neue schrift, 
sondern nur eine slavische Schreibweise schuf. 

Und dennoch sprechen gewichtige umstände dafür, 
dass selbst dieses einfache aiphabet nicht von einem ein- 
zelnen herrühren kann. Sie können die thätigkeit 
Cyrill's auf die eines eklektischen Zeichenrefor- 
mators gleich Miesrob beschränken. (Vgl. Fried- 
rich Müller, Ursprung der armenischen schrift, sitzungsb. 
d. w. ac.) Wir haben hier die cyrillica auf ein gerippe re- 
ducirt, das schon an jener grenze liegt, wo sie überhaupt 
den anforderungen einer slavischen spräche noch genügt; 
dennoch bemerken wir auch unter diesen wenigen zei- 
chen eine bewegung und mannigfaltigkeit, die auf ver- 
schiedene, vielleicht räumlich getrennte schreiberge- 
wohnheiten deutet. Die uralten drei nuancen <ft Ä A 
kann nicht ein und derselbe lehrer auf einmal em- 
pfohlen haben, dennoch haben sie in verschiedenen 
handschriften dieselbe geltung e, die in anderen wie- 
der differenzirt wird; wenn sampi .k auch ein altes 
zeichen für e sein sollte, wie stand es dann zu allem 
anfange um diebezeichnung dieses nasalen? (Wir fragten 
§. 107: was soll schreiber des 12. Jahrhunderts ver- 
anlasst haben, zu den vorhandenen nasalzeichen noch 
ein neues zu erfinden, wenn es nicht älter sein sollte?) 
Noch mehr: während A, die abart des A, in alten cyril- 
lischen handschriften nasale geltung hat, ist es in der 
glagolica für e gesetzt. Wir haben keinen grund, an- 
zunehmen, dass die glagoliten den werth des recipirten 
Zeichens veränderten (was sie überhaupt nie thaten); 
umgekehrt, der alte cyrillische greg. naz. weist direct 
darauf hin, dass eine rein graphische abart des a 

auch e galt in der cyrillica, §. 110. Wie sind diese Schwan- 
kungen zu erklären? Sind sie producte in der zeit hinter- 
einander folgender schriftbildner oder gehören sie ört- 
lich getrennten gleichzeitigen schreiberschulen? Jene 
glagoliten, die aus der cyrillica schöpften, fanden A 
als ft gesetzt, uns ist "k als e tiberliefert. Sollte eine 
schreiberschule e als a (A =: capitales alpha), die an- 



dere als einen dem e ähnlichen laut ("k = f der alten 
griech. mittleren minuskel) aufgefasst haben? Wir haben 
§. 109, 110 "k dem A (e) als jüngeres zeichen entgegen- 
gestellt; ein örtlicher unterschied ist ebenso möglich. 
Die alte cyrillica hatte mindestens vier, vielleicht 
fünf c-formen : j U mit den abarten; dazu tritt das 
aus glagol. tf und serb. A zu erschliessende LJ. 
das gekrümmte überzeilige c, §. 134; das serb.-bosn. 6 
(gewendet cZy«) "^ §. 136. Wir sehen von kleineren 

abarten ganz ab, sie alle bestätigen aber die existenz 
der hauptformen. Sie alle sind auf griechischen in- 
schriften als ypsilon nachweisbar, sie können nicht 
als innerhalb der cyrillica entstandene graphische ab- 
arten einer einzigen grundform erklärt werden. Sie 
liegen alle vor der cyrillica. Wenn ein meister ein grie- 
chisch capitales ypsilon als c gesetzt hätte, er würde 
doch nur eine form empfohlen haben, alle abwei- 
chungen, welche über die grenze der rein graphi- 
schen abänderung reichen, wären unmöglich. Die 
cyrillica hatte zwei total verschiedene c: i; und das 
aus glag. V zu erschliessende, §. 139. Das letztere ist 
in der bosnischen cyrillica 6 (und dja), §. 136. Da 
alle c und c nur eine reihe der form nach verschie- 
dener ypsilone sind, so entnehmen wir aus diesem ver- 
hältniss, dass auch die bedeutungen der einzelnen grie- 
chischen y als c und c nicht bei allen Schreibern dieselben 
waren. Das dja der Urkunde Kulin's (alle serb. dja waren 
6) gilt in der überlieferten cyrillica c. Vgl. das verhält- 
niss aller bosnischen und gemein-cyrill. i und c, §. 137. 
Jenes halbkreisförmige d gilt im ostr. auch m, eben 
weil y beides bedeuten kann. Man bedenke, dass es 
sich um die ältesten zeichen der cyrillica handelt, um 
alles, was uns überhaupt an ihr interessirt. Ganz zweck- 
los wäre die Setzung eines zweiten oder dritten sehr 
abweichenden ypsilons für c c, nachdem man schon 
einmal einen ausdruck fand. Wir müssen annehmen, 
dass nur im allgemeinen die gewohnheit feststand, capi- 
tales y für c c zu setzen, während man in der v/ahl 
der formen und auch zwischen c und c je nach ört- 
lichen unterschieden schwankte. Die schlichtende hand 
der ersten meister war nicht im stände, alle abwei- 
chungen auszurotten, wenn sie auch vielleicht für ihre 
Schüler eine regel festsetzte, die sich auf uns in dem 
überwiegenden gebrauche der formen Sr' I^ vererbte. 
Die bildung des cyrill. i|j ist nach §. 129 nicht 
so sehr aus der erwäguug seiner lautlichen nothwen- 
digkeit oder brauchbarkeit, als dadurch zu stände ge- 
kommen, dass die griechische schrift zu dem ganzen 
zeichen die handhabe bot. Mit lo ui & war ux H ge- 
geben. Die schon fertigen griechischen combinationen 
von ü) und t glitten ganz natürlich in die federn der 
einzelnen schreiber: uiT öj ijj. Hier hat niemand eine 
regel festgestellt. So wenig beweist der unterschied 



163 — 



von UJT und ip für das relative alter der handschriften, 
dass er sogar als hinter ihnen liegend, auf getrennte 
Schreibergewohnheiten deutend aufgefasst werden muss. 
Ja wenn glagol. W einen werth 800 wirklich nur dem 
umstände verdanken sollte, dass es ihn von omega in er- 
erbte, so hatte man anfangs gar keinen vei'such ge- 
macht, den Ursprung solcher in ganz willkürlicher 
geltung gesetzter zeichen zu verdecken (was ein ein- 
zelner wohl gethan hätte); so durchsichtig war 141, dass 
man den wahren namen dieser silbe, w-, erst später 
auf u übertrug, §. 130. 

Die gesammtheit dieser umstände veranlasst uns, 
die ersten anfange einer uncialen, mit capitalen ver- 
setzten Schrift der Slaven vor Cyrill's auftreten zu 
verlegen. Freilich erwarten wir eine eventuelle Wider- 
legung auf denselben wegen, auf welchen wir zu diesen 
resultaten gelangten, auf paläographischen. Dann ent- 
stünde die frage, ob die cyrillica nicht einst durchweg alte 
unciale (oder eapitale) gewesen? k wäre dann eine echte 
erbschaft jener älteren zeit, keine erneuerung des ge- 
brauches eines verschwundenen Zeichens. Hilferding 
fand in Westmacedonien bei Perlepe (Prilep) die bis 
jetzt älteste cyrillische Inschrift aus dem jähre 996 
(trudy perv., arch. sjezda, tab. XLVI), deren züge einen 
ziemlich alterthümlichen eindruck machen. Lambda mit 
verkürztem linken fusse wie in alter unciale. Das (p, 
das aus drei getrennten theilen besteht, aus einem senk- 
rechten mittelstriche, zu dessen beiden selten zwei 
kleine ellipsen, vgl. mit dem (p griechischer Inschriften 
(Franz, Elementa epigraph. gr., pag. 346). Doch konnte 
der Schreiber, da es sich eben um eine Inschrift han- 
delte, auch von selbst in den griechischen capitalen 
ductus verfallen. 

Kopitar meinte (glag. cloz. XXXI), dass die an- 
fange einer slavischen (wie wir hinzufügen würden ge- 
regelten) liturgie nicht nothwendiger weise mit der er- 
findung des alphabets zusammenhängen müssten. Na- 
türlich scheinen uns die worte Dobrovsky's (Cyrill 
und Method 54), dass der schritt Rastislav's nur durch 
die Voraussetzung motivirt werden kann, dass er von 
dem bestände slavischer schrift und lehrer im bereiche 
des byzantinischen reiches schon gehört habe, welche 
politische zwecke er auch immer im äuge hatte. Sa- 
fafik hielt auch dann, als er der altbulgarischen theorie 
entsagte, daran fest, dass eine slavische schrift von 
Cyrill schon in Constantinopel redigirt wurde, weil er 
den Worten der legende nicht widersprechen wollte. 
Früher allerdings meinte er (Gesch. d. südslav. lit. III 
98), dass man seit dem 5. Jahrhunderte in und um 
Byzanz herum griechisch, armenisch, iberisch, syrisch, 
gotisch, hessisch liturgirte, warum hätte man nicht 
slavisch schreiben, singen und beten können? Soll 
Cyrill mit leeren bänden nach Pannonien gekommen 
sein ? Die langsame entstehung der alten cyrillica zu- 
gegeben, konnte auch Pannonien nicht der boden sein. 



aus dem diese rein griechische schrift hervorwuchs. 
Da waren keine inschriften, von denen verschiedene 
Schreiber ihre muster für zwei c und vier 6 ablasen. 
Sollen wir uns an die legende halten, so mag nur der- 
jenige das wort Michael's, dass schon sein vater (Theo- 
philos, der freund der literatur) und grossvater eine 
slavische schrift suchten und nicht fanden, als nega- 
tives zeugniss gegen die müglichkeit ihres bestandes 
zwischen 820 und 842 deuten, der da erwartet, dass sie 
eine „besondere" schrift hätten finden können. Sie 
war entweder rein griechisch oder griechisch und römisch. 
Weil sich eine griechische unciale und eapitale 
nicht an ein bestimmtes land bannen und auch kaum 
datiren lässt, wird die heimat der cyrillica dunkel 
bleiben, falls uns nicht einmal andere nachrichten zu 
hilfe kommen sollten. Es ist nur aus dem geschicht- 
lichen Verhältnisse der glagolica und cyrillica ersicht- 
lich, dass die letztere nicht in Westmacedonien ent- 
stand, da sie erst hingebracht wurde. In den 
engeren geographischen bereich byzantinischen ein- 
flusses fällt sie unbedingt, seit jeher war sie nur für 
einen bulgarischen dialekt adaptirt. Vorübergehend 
erschien sie in Pannonien. Aus den beiden slavischen 
zeichenreihen, aus der art und weise ihrer ersten fest- 
setzung schimmern uralte unterschiede zweier land- 
schaftlichen aussprachen hervor, deren geographische 
bestimmung mit hilfe von mittel- und neubulgarischen 
lautlichen erscheinungen auch auf die älteste räum- 
liche vertheilung der beiden Schriften ein ziemlich 
klares licht werfen wird. Der cyrillite hörte in Ai einen 
nach a gefärbten laut, der glagolite in ^ ein 0. Wirk- 
lich ist noch heutzutage die letztere ausspräche vor- 
züglich in der heimat der glagolica, in Westmace- 
donien zu finden. Dem cyrilliten gilt r für ein pala- 
talesg, Brücke's ^^j das damit correspondirende glagol. /V? 
muss seiner paläographischen herkunft gemäss einen 
laut bezeichnet haben, der auf dem wege der palatali- 
sation schon weiter vorgeschritten war, etwa mit dz 
transcribirt werden könnte (= alban. d -}- s). Es fragt 
sich, wo diese unterschiede im neubulgarischen vor- 
handen sind. Unter den sieben allein in betracht zu 
ziehenden cyrillisch-altbulgarischen denkmälern haben 
nur die blätter von Chilandar, eine wohl macedonische 
handschrift, ein dzelo 7^. Erst in späteren cyrillischen 
handschriften tritt ^ oder S häutiger auf; schon der ganz 
verschiedene doppelversuch für den ausdruck eines cyril- 
lischen dzelo deutet auf ein relativ späteres aufkommen 
dieser zeichen. Das gerade umgekehrte verhältniss 
herrscht in glagolitischen handschriften, alle mit aus- 
nähme des sinaitischen euchologiums wenden dz ■& con- 
sequent an. Die glagolica ist mit ihren alten echten albane- 
sischen dzelo-zeichen graphisch und sprachlich unauflös- 
lich an Westmacedonien geknüpft, denn noch heute ist 
bulg. dz in diesen landschaften heimisch, in Thracien und 
Donaubulgarien gibt es kein dz. Also war die cyrillica 

21* 



164 — 



nicht von allem anfange an für einen dialekt bestimmt, der 
dzelo hatte. Es bleibt daher noch die aufgäbe übrig, 
zu zeigen, wie sich die beiden Schriften zur spräche 
verhalten und an ihr entwickelten, welche wieder von 
der gi'ossen Streitfrage zwischen dem altslovenischen 
und altbuigarischen abiiängt, der wir eine ganz be- 
sondere bearbeitung widmen werden. Dann können 
wir uns nach Zusammenfassung aller paläographi- 
Kchen und spraclilichen thatsachen noch an die frage 
wagen, wo die prager und kijever fragmente ent- 
standen. 

§. 171. Müssig sind alle fragen, wie gross an- 
fänglich die anzahl der slavischen buchstaben in der 
einen oder anderen schrift gewesen sein mag. Das 
aiphabet der bukvare ist die jeweilige abstraction seiner 
zeit, ein product lang andauernder Vermehrungen und 
eliminationen zugleich. Nicht zwei alte cyrillische 
handschriften haben dieselbe Orthographie. Etwas regel- 
mässiger ist die der glagolica, weil mehr erstarrt. Weder 
aus Chrabr's zahl 38 oder aus der gewöhnlichen 44, 
noch aus der reihe des abec. bulg. sind Schlüsse nach 
rückwärts zu ziehen. Aus den quellen der beiden 
Schriften ersehen wir, welches zeichenmateriale ihnen 
beiläufig zu geböte stand, während wir uns anderer- 
seits überzeugt haben, dass die factischen lautliehen 
bedürfnisse kein genauer massstab der reception waren. 

Die serbisch-bosnische schrift trennte sich 
von der bulgarischen zu einer zeit, da zwar jk w h 
schon aus der glagolica entlehnt war, aber die daran 
sich knüpfenden orthographischen fortschritte noch 
nicht bestanden. Sie besitzt nur h, weil sie sich wahr- 
scheinlich abzweigte, ehe es zu ii differenzirt war. Aus 
demselben gründe besitzen ihre ältesten, allein in be- 
tracht zu ziehenden reste zumeist nur k, kein le a. 
Selbst jenes serbische evangelium des 12. Jahrhunderts, 
das noch spuren der nasalzeichen besitzt, scheint kein nä, 
kein Kü zu haben, "k wird für e und ja wie in der 
glagolica, d. h. wie in alter cyrillica gesetzt. Dagegen 
haben die Serben ihre schrift unabhängig durch die 
bildung von dja-zeichen bereichert, pi deutet auf c 
^, das unsere cyrillischen denkmäler verloren, aber in 
glagol. ^ erhalten ist. Glagol. "V deutet auf ein verlorenes 
cyrill. c, das in bosnischer schrift als c und dja besteht. 
Die glagolitische und altserbische schrift eon- 
vergiren in bezug auf gewisse erscheiuunge n in 
einer altcyrillischen quelle, die ihnen in räum 
und in der zeit gemeinschaftlich sein muss. Die 
schrift ist nach Serbien nicht vom norden, sondern vom 
Süden gekommen, da sie schon alban. k h; w besitzt, 
das nicht in Pannonien recipirt werden konnte. Es ist 
somit die reception der cyrillica durch Serben einerseits 
durch die thätigkeit Kliment's in Westmacedonien, 
andererseits durch den anfang der jüngeren graphischen 
bildungen, welche weit vor die zeit einer handschrift, 



wie z. b. des sup., fallen, begrenzt; durch uralte zei- 
chen wie 4j (ff) wird sie weit hinaufgerückt, daher 
wir die reception der bulgarischen glagolica von seite 
der Serben recht gut in die erste hälfte des 10. Jahr- 
hunderts verlegen können. Hier möge noch an die 
Setzung der zahlen, bosn. Ä == 1000 und iji=:800 (wie 
in der glagolica), erinnert werden; das letztere scheint 
wirklich ein tieferes alter zu beanspruchen. 

Die russische cyrillica muss schon aus histo- 
rischen gründen der jüngste zweig sein. Auch die 
jüngsten bildungen wurden recipirt: i€ la Ki; bft (der 
gegensatz zur altserbischen schrift ist augenscheinlich). 
Bemerkenswerth ist das halbkreisförmige c und u, das 
in bulgarischen denkmälern nicht vorkommt und doch 
nicht erst in Russland entstanden sein kann. Merk- 
würdig sind die jat des grig. naz., der direct aus einer 
bulgarischen vorläge hervorging. Der ostr. hat ein e, 
das der griechisch-capitalen alj^haform ein wenig näher 
steht als a; daran reihen sich ähnliche ebenso durch- 
sichtige, als e gesetzte alpha alter russischer inschriften, 
§. 106. 

§. 172. Achtunddreissig jähre, 886—924, müssen 
uns genügen, um mit ihnen die kalligraphische er- 
schafFung der glagolica und ihre Wanderung nach Croa- 
tien zu umfassen, wie lang oder wie kurz jener Zeit- 
raum auch manchem erscheinen möge. Die cyrillica 
konnte doch nicht vor der christianisirung nach Russ- 
land kommen, und doch genügte ein halbes Jahrhundert, 
um sie von Tmutorokan bis nach Novgorod zu ver- 
breiten. Doch können wir den vagen vergleich durch 
eine begründete erwägung ersetzen, dass die Umwand- 
lung der elbassaner, slavischen zwecken anfangs nur 
beiläufig angepassten schrift in jene verschlungene 
stylisirung schnell vor sich ging. Schlingen und ver- 
schlusse waren im gründe die einzigen mittel, wodurch 
sie ins leben trat. Die stylisirung der schon von den 
mutterschriften ererbten unregelmässigen schlingen zu 
kleinen kreisen hätte sich auch unter unmerklichen 
Übergängen vollziehen können, aber ihre anfügung an 
stellen, wo sie nicht waren, und ebenso die der ver- 
schlusse, verräth absieht und Überlegung. Der Cha- 
rakter dieses processes ist ganz verschieden von an- 
deren grossen graphischen Umwandlungen, wenn z. b. 
eine majuskel zur cursive oder minuskel herabsinkt, 
wenn sich die gebrochenen züge der lateinischen mönchs- 
schrift ausbilden, weil diese unter fast unbewussten, 
langsamen fortschritten eine längere zeit brauchen. 
Nach genauer erwägung der glagolitischen figuren wird 
man sich überzeugen, dass die anfügung einer neuen 
schlinge oder eines verschlusses nur als bewusste kalli- 
graphische that vorgestellt werden muss, weil es keine 
Übergänge geben kann. Wenn man ein glagolitisches 
zeichen aus seinen Ornamenten herausschält, so springt 
die mutterform direct, oft höchst fein nuancirt, hervor. 



— 165 



Ich kann nichts finden, was zwischen einem römischen 
und glagolitischen zeichen läge, wenn es nicht die 
starre stylisirung ist, welche aber die unmittelbare folge 
jener mittel war. Ich erwartete zu anfang meiner Stu- 
dien, dass sich vielleicht noch spuren der werdenden 
verschlingung werden finden lassen; der sehr mannig- 
faltige ductus der einzelnen denkmäler, die zahlreichen 
zeichen, welche in der gewöhnlichen reihe des alpha- 
bets keinen platz fanden, der uralte croatische zweig, 
machten diese hofFnung wahrscheinlich. Ich habe keine 
spur eines solchen Übergangsstadiums gefunden. Nur das 
weiche nicht verschlungene je?' der inschrift von Baska 
steht da als anomalie, welche sich zwar als glagolitisch er- 
klären lässt, derengrund des Überlebens jedoch dunkel ist, 
§. 97. Der geometrische grundzug der zeichen des 
assem. ist überall derselbe, für alle zeiten fertig, ohne 
die geringste abweichung. Ich nehme daher (eigent- 
lich schon mit Safafik, sebrane spisy, III, pag. 216) 
an, dass der eigentliche nur kalligraphische werdeprocess 
der runden glagolica, voran die schlingen und ver- 
schlusse, die alles erschöpfen, die bewusste, in kurzer 
zeit durchgeführte that eines unbekannten grossen kalli- 
graphen war, der daran ging, die elbassaner cursive 
zu einer besonderen schrift umzuformen, wobei er sich 
in orthographischer hinsieht den Organismus einer 
schon bestehenden cyrillica zum muster nahm. Es 
lässt sich nun einmal nicht absprechen, was viele be- 
merkten, dass die glagolitischen figuren bis zu einem 
gewissen grade erkünstelt sind, wie in keiner zweiten 
der älteren Schriften Europas. So würde auch meine 
auffassung jener ahnung gerecht werden. 

§. 173. Von allem anfange an wird die glagolica 
von der cyrillica abhängig. Das massgebende über- 
gewicht der letzteren äussert sich schon bei der ersten 
berührung, indem sie mehr zeichen an die glagolica 
abgibt, als sie selbst empfängt. Nachdem diese kalli- 
graphisch umgekleidet wird, ist ihre ganze fernere ent- 
wicklung ein ängstliches unterordnen unter den ortho- 
graphischen usus der Schwesterschrift. Ihre Übung in 
Bulgarien war ein fortwährendes umschreiben cyrilli- 
scher vorlagen. Die eigentlichen gründer des schrift- 
thums waren cyrilliten, die geschichtlichen nachrichten 
lassen die ersten grundlegenden Übersetzungen der 
heiligen bücher nicht in der heimat der glagolica, in 
Westmacedonien, entstehen. Das elbassaner aiphabet 
hatte gewiss nicht die anordnung des griechischen. Die 
bis dahin regellose glagolica, eine beiläufige auswahl 
aus diesem mutteralphabete, wird daher zum ersten male 
nach der im ganzen griechischen reihe der cyrillica 
geordnet, sie nimmt mit unbedeutender verrückung 
auch deren zahlwerthe. Ich zweifle nicht, dass die 
glagolica anfänglich das alban. j besass, weil wir es 
in einer reihe glagolitischer ligaturen haben, §. 114, 
aber es wurde als selbstständiges zeichen aufgegeben, 
weil es die griechisch-cyrillische unciale nicht besitzt. 



und die glagolitische jotation verkümmert in der that 
unter der unvollkommenen Orthographie der älteren 
cyrillica. Kein je und ja, nur e nach altserbischer 
weise statt e und Ja. Die ersten anfange der verschlusse 
und häkchen scheinen beiden schriften gemein zu sein. 
Jede für sich besitzt anfänglich nur ein mittel zum 
ausdrucke des dunkeln halblautes. Die cyrillica recipirt 
glagol. h, differencirt es zu "k, die glagolica ahmt sie 
mit eigenen mittein nach: fi <S. Das cyrillisch-grie- 
chische doppelzeichen oy wird von den glagoliten mit al- 
banesischen mittein nachgeahmt: 39-, denn die Verbindung 
eines alban. o mit einem alban. ü (=röm.r6) ist ohne 
äusseren anstoss unerklärlich. Ihre entstehung wurde be- 
günstigt durch die von der albanesischen mutterschrift 
ererbte, anfänglich unvollkommene Scheidung von o und« 
(nur durch einen punkt), 3& ist cyrillische nachahmung 
und Vervollkommnung der schrift zugleich. Daher die 
inconsequenz: ein anderes u in W, ein anderes in i&. 
Die zweite inconsequenz aus ähnlicher Ursache: vgl. s 
in lU und S in m. Die cyrillica hat iiiT und i|j, also 
thun es auch die glagoliten \um , ö. Die cyrillica hat 
natürlich zwei griechische i-zeichen ererbt, h, i; um 
ihr in der reihe und in der Orthographie gleich zu 
kommen, werden mit gewalt lauter ^/-formen 8 T S, 
adaptirt, was nicht ohne schwanken zu stände kam, 
da hinter ihnen noch ein i, das altcroat. und alban. i, 
stand. Ziemlich regellos werden T und 8 gesetzt, es ist 
nicht besser damit bestellt in cyrillischen handschriften. 
Wie diese mitunter die aufeinanderfolge desselben i ver- 
meiden, Hl statt HH, also auch 8T statt 88. Keine slavische 
schrift braucht ein omega, aber der usus ist stärker als das 
bedürfniss. Die cyrillica hat einmal ein w von den 
Griechen übernommen, die glagolica recipirt anfangs ein 
verziertes omikron ^, weil sich dessen schlingen 
der glagolitischen kalligraphie so schön einfügen; bald 
wird es, weil man nichts anderes hatte, dem cyrill. w 
entgegengesetzt, das ist die unselbstständige nach- 
ahmung. Man schreibt mit Vorliebe die präposition 
OTT* mit CO, daher p (diese eigenthümliche cyrillische 
Schreibung hängt vielleicht mit der älteren geltung des 
i|j als WT zusammen). Die cyrill. izica, das cyrill. (p 
und •O- ist, obwohl unslavisch, in einer eigentlich grie- 
chischen schrift ganz natürlich. Den alten glagoliten 
sind diese zeichen in namen der heiligen texte, wie 
golgatha, Stephan, Synagoge, ebenso wichtig, wie nur 
irgend ein unumgängliches zeichen der slavischen spräche. 
Zur bildung der izica wird ein zeichen herbeigezogen, 
das nicht der herkunft, sondern nur der sporadischen aus- 
spräche des griech. ^ entspricht, das alban. ü (i-öm. ii). 
Aus der mehrzahl der glagol. (p, aus dem unverän- 
derten cyrill. -fr des assem. (das alte cursive theta war 
als z verbraucht) erkennen wir das bemühen, der cy- 
rillica nachzukommen, k" a h" wird mit [i <3)" -P" nach- 
geahmt. Alle überzeiligen zeichen, apostroph statt jer, 
sind cyrillischen Ursprungs. 



166 



äafafik wollte mittelst des beweises, dass die er- 
haltenen glagolitischen texte, als Übersetzungen be- 
trachtet, älter, primitiver sind als die cyrillischen, mehr 
ausgefeilten, auch seinen letzten lieblingsgedanken 
stützen, dass Cyrill glagolitisch schrieb. Nun ist dieser 
beweis noch nicht mit erforderlicher klarheit erbracht. 
Vgl. über das verhältniss des assem. und ostr. (Srez- 
nevskij, drev. glag. pam.) Man hat nicht den min- 
desten grund, zu behaupten, dass das nikolsko oder 
sisatovaöko evang. aus einer glagolitischen vorläge ab- 
geschrieben sei. Dagegen kann und muss der assem. 
direct oder indirect auf eine cyrillische zurückgehen. 
Sollte sich in den glagolitischen Übersetzungen wirklich 
älteres finden, so ist die frage nur zurückgeschoben; 
ich glaube, dass uns die fügung der umstände durch- 
schnittlich ältere glagolitische texte, als handschriften 
betrachtet, rettete, denn cyrillische. 

Auch die meinung, dass die glagolitischen Über- 
setzungen auf eine westliche, die cyrillischen auf eine 
orthodoxe recension zurückgehen, ist weniger erwiesen, 
als im vorhinein durch die spätere bedeutung der beiden 
Schriften für die beiden kirchen beeinflusst. Die ge- 
schichte weiss nur von einer grossen grundlegenden 
Übersetzung der heiligen bücher. Soll sie unser führer 
sein, so werden wir die unterschiede eher auf ein 
zeitliches hintereinander, auf nachbesserungen, selbst 
im sinne der östlichen recension, auf den ersatz ver- 
alteter Wörter zurückführen. 

Safafik dachte: die ältere Übersetzung wird auch 
in die ältere schrift gekleidet sein, und da unzweifel- 
haften nachrichten zufolge Cyrill mit seinen genossen zu- 
erst Übersetzungen machten, so mag er die betreffende 
(glagol.) schrift angewendet haben. Aber bei der fort- 
währenden, wenn auch nicht in jedem einzelnen falle 
nachzuweisenden herübernahme der texte aus einer 
schrift in die andere werden wir uns hüten, das alter 
des textes und die gattung der schrift als sich etwas 
nothwendiger weise deckendes hinzustellen. Soll auf 
einem ähnlichen wege überhaupt etwas erreicht werden, 
so möchte ich die frage so stellen : an welche schrift 
knüpft sich die erste regelung der altslavischen Ortho- 
graphie? Diejenigen, welche zum ersten male daran 
gingen, heilige texte mit der erforderlichen genauigkeit 
und jnetät zu übersetzen, mussten für den gebrauch 
der zeichen zum ersten male festere regeln aufstellen. 
Es gibt aber nur eine einzige altslavische Ortho- 
graphie. Die sogenannten eigenthümlichkeiten der 
glagolitischen verdienen diesen namen nicht, sie sind 
altcyrillisch und altserbisch. Jene Orthographie ist aber 
an eine schrift geknüpft, die mit allen wurzeln auf 
griechischem boden stand, das ist die cyrillica; die 
glagolica ahmt nur nach, und in welchem maasse! 
Cyrill und Kliment schrieben cyrillisch, wenn sie die 
ersten und maassgebenden Schriftsteller waren. Auf den 
einwurf, ob sich nicht etwa die cyrillische und glago- 



litische Orthographie an einer gemeinsamen griechischen 
quelle, aber getrennt herangebildet, ob nicht etwa ©y und 
i§- unabhängig nach dem muster des oj geschaffen sei, 
muss der ganze Zusammenhang unserer paläographischen 
erörterungen antworten. Soll Cyrill die anfangs unge- 
regelte, slavischen zwecken nur beiläufig angepasste 
schrift von Elbassan recipirt haben? Wie ist die frage 
nach der zeitlichen priorität der beiden Schriften gestellt? 
Die eine ist als runde glagolica später als die 
geregelte cyrillica, weil diese noch jetzt in 
sich die belege enthält, dass sie schon bestand, 
als jene noch keine schlingen hatte; als unge- 
ordnete römisch-griechische Zeichenmasse kann 
jene älter sein als die schrift Cyrill's. 

Alle folgenden erscheinungen der geschichte be- 
stätigen nach rückwärts diese Vorgänge. Kliment hat 
nicht das werk seines meisters umgestossen — ein ganzes 
schriftthum! es ist nicht nöthig, gründe der pietät an- 
zurufen — aber weil nicht einmal der schon an sich 
seichte grund vorlag, dass er eine weniger handlichere 
schrift abzuschaffen brauchte. Nachdem die cyrillica 
einmal durch ihre intelligenten träger geregelt und ein- 
geführt wurde, blieb sie auch für alle zeiten die herr- 
schende schrift der Slaven, das vehikel der politischen 
administration ganzer Staaten, nachweislich durch Ur- 
kunden des 12. und gewiss schon im 11. Jahrhun- 
dert. Die glagolica konnte auch dann, als sie zur 
selbstständigen schrift wurde, nur einige theile Mace- 
doniens von ihrer westlichen Stellung aus erobern. Sie 
wäre auch hier im 12. Jahrhundert durch ihre immer 
übermächtigere Schwester ganz erdrückt worden, wenn 
sie nicht früher nach norden, durch uns unbekannte 
Verbindungen, gedrungen wäre, wo sie einen äusserst 
kleinen theil des croatischen volkes gewann. Der ge- 
danke, den jener Westmacedonier fasste, aus der el- 
bassaner cursive, durch gewisse Ornamente und nach 
dem muster der inneren Organisation der cyrillica, eine 
neue schrift zu schaffen, er findet seinen einzigen di- 
recten anstoss in der intensiven literarischen thätigkeit, 
die Kliment über Westmacedonien verbreitete, wo nach 
der legende bald tausende von Schülern zu schreiben 
begannen. Dass von jenem herde aus zu gleicher zeit, 
zu anfang des 10. Jahrhunderts, zwei fertige Schriften 
nach norden drangen, nach Croatien und nach Serbien, 
ist nicht zufall und auch kein geringer beleg für die 
Wichtigkeit Westmacedoniens im altslavischen schrift- 
thum. Kliment's energie fand einen empfänglichen 
boden, auf dem schon ein versuch einer slavischen 
schrift bestand; ihr gebrauch muss nicht nothwendig 
an die existenz einer slavischen liturgie geknüpft sein. 
Wir haben keine „pannonischen" handschriften, all' 
unser pergament — es ist nicht vor der zweiten hälfte 
des zehnten Jahrhunderts beschrieben — stammt aus 
Bulgarien. Vorerst muss alles auf jene westmacedo- 
nische thätigkeit reducirt werden, sie ist in graphischer 



167 



und sprachlicher hinsieht i'actisch unser erster ausgangs- 
punkt. Die forschung wird damit nicht abgeschnitten, 
denn hinter ihr liegt ein älterer zustand beider Schriften. 
Ganz unabhängig von unseren paläographischen er- 
gebnissen stellen wir dann die frage nach der heim at 
der alten spräche. 

Ausdrücklich möchte ich noch auf einen tiefen unter- 
schied hinweisen, der sich bei der entstehung der beiden 
Schriften geltend machte. Die glagoliten befanden sich 
einem reichen alphabete gegenüber, das der viele an- 
sprüche machenden slavischen spräche fast vollkommen 
genügte. Zeichen ganz specieller laute, ä, dz, jer, dja, 
konnten ohne Veränderung ihres werthes einfach recipirt 
werden. Verkehrt wäre es, anzunehmen, dass sie später 
unabhängig von dercyrillica ein griech. omega uj zu ^ge- 
stempelt hätten, sie erhielten es schon mit dieser bedeu- 
tung aus slavischen bänden. Die glagoliten haben 
nie die ursprüngliche bedeutung eines Zeichens 
verändert (selbst bei vjav =jV« wurde schliesslich eine 
nasale combination statt einer anderen gesetzt), daher 
es höchst wahrscheinlich ist, dass sie A von den cy- 
rilliten schon mit der bedeutung e entlehnten. Dagegen 
ging die cyrillica von der zeichenarmen griechischen 
unciale aus, ganz willkürliche umStempelungen des laut- 
werthes anderer zeichen waren unausbleiblich. Daher 
man schon nach diesem griindsatze errathen könnte, 
ob z. b. m glagolitisch oder cyrillisch war. Bei der 
differenzirung des e — B, der setzung eines alpha für e 
(a) und e (A) müssen allerdings auch lautliche erwä- 
gungen mitgespielt haben. Ebenso in der difterenzirung 
2^ — ]^; in "k erblickte man einen e-laut. Die Serben 
hörten in dja ein 5. 

§. 174. Eines der hauptergebnisse unserer erör- 
terungen geht dahin, dass die glagolica durch eine ge- 
wisse zeit auch als schlingenlose reine albanesische 
Schrift im gebrauche war, welche die cyrillisch schrei- 
benden Schüler Cyrill's bei ihrer einwanderung in den 
bänden der slavischen bevölkerung vorfanden. Die 
bestimmung der äussersten zeitgrenze des gebrauches 
der reinen albanesischen schrift bei Slaven können 
wir mit hilfe der leichter datirbaren cursive wagen. 
Es handelt sich jetzt bloss um die §. 155 unter la) und b) 
angeführten grundzeichen. kSie können nicht „rein er- 
schlossen" genannt werden, sie sind nicht grundformen 
(wie man sie in der spräche construirt), sondern rö- 
mischen und griechischen buchstaben des G. — 9. Jahr- 
hunderts nachgezeichnet. Nur ihr lautwerth ist in 
wenigen fällen ein anderer, man muss zugeben, dass 
z. b. ein sonst ganz durchsichtiges röm. sj Albanesen 
und Slaven des 6. — 9. Jahrhunderts 5/ ß) galt. 

Etwa dreissig glagolitische zeichen allein können 
zu den elbassaner in irgend eine beziehung gebracht 
werden, alle anderen sind neubildungen oder entleh- 
nungen aus der mittleren minuskel oder cyrillica. Von 
diesen finden ihren directen anknüpfungspunkt in der 



elbassaner schrift folgende: 9 O I B ('S) Bl 36 <ib <r» 
2 )o ^Vrb%)Oo; fünf wirkUch erhaltene elbassaner 
zeichen ö v ) ^ X (als s) sind verborgen in den liga- 
turen W %% M und 3€; Vi, einst ein \i., kann nur eine 
albanesische setzung sein; ebenso ■€; bei j-| 8 + haben 
wir nur überhaupt den römischen Ursprung nachge- 
wiesen, und doch können die Slaven keine directen ent- 
lehnungen aus der römischen cursive gemacht haben; 
daher eine albanesische Vermittlung nothwendig ist, 
ebenso wie bei "3?, das unsere elbassaner schrift nur 
in einer graphischen abart und mit verschiedenem laut- 
wertho als iV\ h erhielt. Dasselbe gilt wahrscheinlich 
von T. Nur die mutterformen des J' und ih scheinen 
die Slaven nach unseren erwägungen, §. 119, 151, 
direct der alten minuskel entnommen zu haben, denn es 
liegt kein rechter grund vor, dass sie je in der el- 
bassaner schrift bestanden hätten. Es ist nicht un- 
möglich, dass sich diese schrift schon lange vor ihrer 
kalligraphischen umkleidung, wenigstens in bescheidenem 
maasse , selbstständig unter slavischen bänden ent- 
wickelt habe; die unabhängige aufnähme griechischer 
minuskelcharaktere deutet auf eine grössere nähe grie- 
chischen einflusses. Der slavische gebrauch wird sich 
gleich zu anfange von dem albanesischen abgehoben 
haben, durch eine einseitige verliebe für gewisse zeichen 
und Verbindungen, während der unnöthige reichthum 
des albanesischen alphabets beschränkt wurde. Aus 
dem engverwandten und doch durch den querstrich 
nicht unbedeutend differenzirten cyrill. und glagol. >k 96 
ersehen wir, wie die vorfahren der glagoliten schwankten. 
Die alten glagoliten mussten einst beide abarten des z 
gebraucht haben, die grundform des cyrill. z ebenso 
wie diejenige, die jetzt als glagolitische abart überliefert 
ist. Die cyrilliten entlehnten natürlich nur eine abart, 
die glagoliten gelangten nach einem unvermeidlichen 
schwanken zur bevorzugung der zweiten. 

Die schlagendsten Veränderungen des lautwerthes 
der mutterzeichen sind nur aus der thätigkeit von ortho- 
graphen erklärbar, die für ein albanesisches idiom ar- 
beiteten: röm. s wird als s, sj als ij = z gesetzt; ein grie- 
chisches lambda als d (daher iV?); ein röm. d gilt ge- 
wendet assibilirtes o; ni und h werden vertauscht und 
dazu sogar mehrere versuche gemacht; röm. u b l wird 
fortan für ü v j, theta für z gesetzt; ein röm. e gilt 
gewendet e (nicht gewendet e). Das alles fanden die 
slavischen Schreiber vor, alles wurde recipirt, die el- 
bassaner schrift hat dies alles zu unserem glücke be- 
wahrt. Der einwurf, ob etwa umgekehrt die Slaven 
diese schrift zusammengestellt, den Albanesen über- 
mittelt hätten, worauf sie dann bei diesen erstarrt, bei 
jenen einer grossen kalligraphischen Umwälzung unter- 
worfen wurde, würde keine ernst wissenschaftliche be- 
handlung ertragen. Unsere glagolica setzt den im ganzen 
abgeschlossenen, uns überlieferten Organismus der elbas- 
saner schrift voraus. Das mischungsverhältniss römischer 



— 168 



und griechischer zeichen ist auf beiden seiten fast das- 
selbe, und die Übereinstimmung war noch weit grösser, als 
noch statt der aus der cyrillica entlehnten UJ tf tf V 
analoge albanesische zeichen standen, über die wenigstens 
bei S it £ kaum zweifei bestehen, wie sie aussahen 
und wo sie zu suchen sind. Das albanesische spitzige 
(cursiv griechische) v gehört schon der glagolica an. 
Dieser eine umstand versetzt es nach §. 48, 119, in 
das 8. Jahrhundert und in keine spätere zeit. Die gla- 
golica besitzt es sogar schon in einer seeundären Ver- 
wendung in der ligatur \i %€. Nicht eher konnte die 
albanesische schritt zu Slaven gekommen sein, als bis sie 
auch durch die aufnähme dieses \ vervollständigt wurde 
(dergrund §. 48). Dergebrauch der albanesischen 
Schrift bei Slaven (wohlgemerkt nicht unserer 
glagolica) kann nicht über das 8. Jahrhundert 
hinausgehen. Dieses v scheint auch wirklich der 
Schlussstein der elbassaner schriftredaction zu sein. 
Sie war einst eine jüngere römische cursive des 6. Jahr- 
hunderts, die sich allmälig durch die ältere griechische 
minuskelcursive vervollständigte (alban. u undy kann 
nur dem 7. jahrhundertangehören, \ konnte erst im 8. Jahr- 
hundert aufgenommen werden. Jüngere griechische ein- 
flüsse lassen wir hier ausser acht). Diese abgeschlossene 
redaction liegt der slavischen reception zu gründe. 

Auch so bleibt der unterschied zwischen der uns 
erhaltenen elbassaner zeichenreihe und der aus der 
glagolica erschlossenen sehr gross. Liegen doch tausend 
jähre zwischen ihrem diplomatischen erscheinen. Er 
ist gross genug, um schon vom anfange an auf 
gewisse örtliche unterschiede von schreiber- 
schulen zu deuten. Der treffendste und schönste 
beleg ist die art und weise, wie sich Slaven und Alba- 
nesen in die zwei römischen k theilten: elbass. c (röm. c), 
glagol. p (röm. A). Die Slaven hatten ein röm. +, die 
Albanesen ein griech. v. Diese setzten n für b, jene 
ein lateinisches unciales m für b, und doch ist beides 
echt albanesisch. Die elbassaner schrift hat in der 
ungeheuren länge der tradition zeichen verloren, welche 
die diplomatisch ungleich ältere glagolica bewahrte: 
ich erinnere nur an den nasal e, der auf die existenz 
eines nasalen q deutet, das ganz verschwand. Wir 
haben alle diese unterschiede bei den einzelnen ver- 
gleichen hervorgehoben, sie könnten leicht zu einem 
grossen bilde vereinigt werden. Auf die jetzige 
ähnlichkeit der selbst aus den Ornamenten her- 
ausgeschälten glagolica und der schrift Hahn's 
legen wir weniger gewicht. Wenn die beiläufige 
rohe congruenz der figuren entscheiden soll, so hatte 
Safafik ein recht zu sagen : „Zwischen der glagolica 
und der albanesischen schrift finde ich keine ähnlich- 
keit" (pam. hläh. pis.). Aber das innere gewebe, das 
ganze römisch -griechische amalgam, ist auf beiden 
Seiten mit erstaunlicher feinheit dasselbe. Vergessen 
wir nicht, dass hinter beiden Schriften schwankende 



cursiven liegen; wenn ein glagolitisches zeichen auf 
den muttertypus zurückgeführt wird, so wissen wir, 
dass daneben noch andere, vielleicht bedeutende ab- 
arten lagen, welche erst durch die grosse stylisirung 
nach dem jähre 886 unterdrückt wurden. Welche ahn 
lichkeit besteht zwischen dem jetzigen glagol. und el- 
bass. l t s j}'^ die abschreckendste, und doch conver- 
girt der ungeheure abstand in der römischen cursive, 
wo er sich in so kleine abarten auflöst, welche factisch 
selbst für den paläographen keinen werth haben. Sollte 
mir wirklich der einwurf: wie ist es denn möglich, 
dass mit den papierstücken von Elbassan das bestehen 
eines albanesischen schriftthums von grauester Vergan- 
genheit und der Ursprung einer notorisch tausend- 
jährigen, literarisch hoch entwickelten schrift zugleich 
erwiesen sein soll? vorgehalten werden, so kann ich mich 
nur dem urtheile des paläographen unterwerfen, der ent- 
scheiden möge, ob in irgend einem falle ein erst seit 
achtzig jähren bezeugtes zeichen von uns ohne grund 
in das 8. Jahrhundert verlegt wurde. 

§. 175. Die slavischen buchstabenn amen. 

Buchstaben können zweierlei namen bekommen: 
appellative, nach der bekannten weise , phonetische, 
wenn sie einer lautirmethode dienen sollen, z. b. die 
römischen. Sansk. ma Sa ha beruhen auf einer graphi- 
schen eigenthümlichkoit, alban. ma sa ka sind zum 
lautiren geeignet, §. 65. Jeder albanesische buch- 
stabe hatte einst beide benennungen; aus ihnen 
entstand die slavische namenreihe, eine un- 
geordnete, zumeist slavisirte mischung beider, 
der phonetischen und appellativen. Bei der pho 
netischen benennung der Albanesen ist der vocal zu- 
gleich der name, dem consonanten wird ein a angehängt. 
Davon haben sich in der slavischen reihe erhalten 

1. vocale: 

glagol. 8 i 



cyr 



c e 



(nicht „jes<" im bosnischen alphabete von Bohoriö 1584, 
was ich auch für glagol. e in anspruch nehme, weil 
jetzt die namen beiden alphabeten gehören). 
2. consonanten: 

cyrill. glagol. 

ui m Sa 

\\i W Sta 

Serb. A heisst bei Rocca /\a (sprich dja, ^a). 
Alban. X s mit dem namen ca, das in zwei glagoliti- 
schen ligaturen (A< ds und 36 öj) und in S (s) er- 
halten ist, galt auch bei glagoliten (vielleicht gewendet) 5; 
als cyrill. lu das einheimische zeichen nach 886 ver- 
drängte, wurde der name sa auf dieses cyrillische zei- 
chen übertragen. 

Das elbassaner aiphabet hatte seit jeher ein zeichen 
für St, nicht weil es die spräche unumgänglich brauchte. 



— 169 — 



sondern weil dazu die mutterschrift von selbst die 
handhabe bot; mit röm. s = ä war röm. st = it, eine be- 
kanntlich typische ligatur, von selbst gegeben. Nur 
kann sie ihre jetzige form % erst nach gewissen späten 
Veränderungen erhalten haben, für die ersten zeilen 
der glagolica ist ihr die form der betreffenden römi- 
schen ligatur zu gründe zu legen, §. 29, 129. Dieses st 
besass sie eben und gab es zugleich mit dem alten s 
auf, an dessen form es gebunden war. Der alte name 
Sta ging auf die entlehnung W über. Der wahre name 
des Ni blieb bis jetzt unbeachtet. Das par. alph. hat 
kein Af, und die croatischen abecenarien reichen in 
eine zeit, da es schon die junge geltung j annahm und 
der alte name in Vergessenheit gerieth. Daher es im 
Stockholmer alphabete ge heisst (d. i. je nach altböhmi- 
scher Orthographie), in einem jüngeren der prager 
bibliothek g (j), bei Bohoric „je", wobei er syllaba 
hinzusetzt, wahrscheinlich, weil er dies für keinen 
rechten namen hielt; dann wird es mit glagol. V ver- 
wechselt und jM genannt, auch giu (dzu?), beides bei 
Kocca, Opera omnia 1719. Derselbe gibt in seinem 

alphabetum servianum dem zeichen 4- den namen 

+ a, den wir dja dza sprechen. Dies war einst der wahre 

name des Af, der noch jetzt au die verwandte ligatur 
da der elbassaner reihe geknüpft ist: däa (über ihr ver- 
hältniss §. 125), nur wurde er in der tradition bloss bei 
dem analogen cyrillischen zeichen erhalten. Auch dieser 
name muss jenen engeren beziehungen beigezählt wer- 
den, welche zwischen altserbischen Schreibern und gla- 

goliten bestanden, §. 171. Als sie ihr 4-« bildeten, 

benannten sie es mit dem analogen glagolitischen namen. 
Daher die serb. dja ziemlich alte zeichen sein mögen. 

Man hatte schon längst bemerkt, dass sich i sa 
Sta gegen das allgemeine appellative princip der sla- 
vischen benennungen sträuben. Sie sind das ergebniss 
einer mechanischen reception ganz fremder thatsachen. 
Unter allen bekannten alphabeten können wir sa sta 
dja nur aus dem albanesischen ableiten (Hanul, zur 
slavischen runenfrage, dachte natürlich au das deva- 
nägari). Diese fälle verleihen uns den muth und das 
recht, weiter zu forschen. 

Alle albanesischen buchstaben hatten auch appel- 
lative namen, die sich 1. in wirklich erhaltenen resten, 
2. in den zumeist slavisirten buchstabennamen erhalten 
haben. Jene reste sind die von Hahn verzeichneten 
^oc/ (qäjjxa) und vjav vjsv („ihi"). Die glagoliten haben 
kein einheimisches und kein fremdes % auch keine 
spur des nasalen q, §. 105; vjev wurde in anderer be- 
deutung %£ gesetzt und der unbrauchbare name auf- 
gegeben, ^av und vjsv sind gewissermassen auch pho- 
netische namen ; obwohl bedeutend, sind sie die buch- 
stäbliche lesung ehemaliger voller combinationen, worin 
ich den grund ihrer erhaltung suche. Einen dritten 

Geitler. Die albanesischen und slavischen Schriften. 



namen enthält Bogdan's alphabetum epiroticum, das 
aus lateinischen buchstaben mit römisch-italienischen 
benennungen besteht; da sie für das albanesische nicht 
ausreichen, so ist ihnen unter anderen noch griech. •/. 
mit dem namen kappa zugesellt. Aber der eigenthüm- 
liche laut des harten l (sonst II geschrieben) wird mit 
griech. /, bezeichnet und erscheint in der reihe selbst, 
worauf ich gewicht lege, mit dem albanesischen namen 



d. i. AoJXi-x „röhr" (Hahn, wört.). Eigeuthümlichkeiten 
der Schrift und Orthographie der Schreiber des 17. Jahr- 
hunderts lehnen sich an die alte albanesische schrift 
an, Bogdan und Blanchus setzen ihre eigene Schreib- 
weise schon als bekannt voraus. Ich glaube annehmen 
zu dürfen, dass mit der einführung der neulateinischen 
schrift die alten buchstabennamen verdrängt wurden, 
während hartes l, für das man im lateinischen und 
griechischen nichts entsprechendes fand, mit seiner 
alten benennung stehen blieb. Da nun dieses l mit d 
wechselt, so konnte >,o'j),i-a zu slavischen ohren als 
ludi, liudi, liude, rumänisch-cyrillisch lüde, lüddie (par. 
alph.), /,oj5(a (Bandurich), ludy (stockh. alph.) gekommen 
sein. rtHJAH'* „homines" ist die vollkommene slavisirung. 
(Ao'jXje blüthe, Camarda, Appendice al saggio, pag. 69, 
ist seines weichen Xj halber nicht zu vergleichen. Bog- 
dan selbst gibt die bedeutung des Wortes, §. 67.) 

Am ende des elbassaner aljjhabetes steht die 
ligatur 

die schon Hahn richtig in v und z zerlegte; ihr name 
ist ihre lesung: ai „noW , das am anfange des satzes 
zu stehen pflegt. Wenn nun auch die glagoliten nicht 
das a der elbassaner schule hatten (+ gegen v), so 
konnten sie doch diesen buchstabennamen mit den 
anderen übernommen haben. Sie benannten + mit a; 
(Bandurich), as (par. alph.); slavisirt dSTi ego. Die 
etymologie des aa, die für das hohe alter des anlautes 
und der ganzen form bürgt, bei Camarda, Saggio, §.127. 

Es ist längst mit bestimmtheit hervorgehoben 
worden, dass unsere buchstabennamen nicht insgesammt 
slavisch sein können: )f'bp'K, lep-K, ((jp-kTii, 0>fKii, WCK 
sind so unslavische worte, dass sie selbst gewissen laut- 
gesetzen widersprechen, z. b. das vor 'k stehende )f in 
V'kp'k. Drei davon, vielleicht vier, können mit einer 
Sicherheit aus dem albanesischen erklärt werden, welche 
jede andere möglichkeit ausscliHesst. 

Alban. •j'jcpi „breit" (Hahn, wört.) steckt in hier 
(par. alph.), /ep (Bandurich), cliijr (stockh. alph.), Mr 
(Bohoric), sonst in der tradition ^'^P''' (auch xyfh., 
wohl )fHp-). In einem prager glagol. alph. ehrt, ent- 
weder die slavisirung: ypTiTTv vertagus oder die alba- 
nesische nebenform i-jip^Ti breit, was nicht zu unter- 
scheiden ist. Y entstand aus digamma eüpj.; *varu (Ca- 
marda, §.128), anlaut und form uralt. Man merke, dass 



170 



Y in der elbassaner schrift mit I? geschrieben werden 
niüsste, daraus entstand glagol. h, womit ein glagolite 
IbAb'H wiedergeben würde. 

Albau. fipTi „stark" (Hahn, vf ort.): fort (par. alph.), 
(fipioT (Randurich), fit (stockh. alph.), (jJtp-KTa (Rocca 
im alpluibetum servianum, im glagol. fi, naeh griech. 
art, ebenso Orbini), ßrt (Bohoriö), ({jp-KT-k die tradi- 
tion. Die Kleinrussen chvert (cliv oft f), die Rumänen 
fite. Das alte lateinische lehnwort ist etymologisch 
klar (Miklosich, Alb. forsch. IL). Die glagoliten haben 
für ihr/ nicht gerade das elbassaner /-zeichen entlehnt, 
es muss daher eine Übertragung des namens stattge- 
funden haben. 

Alban. oux (mit vollem thema oder dem artikel 
ou-A-su) „wolf", oyKTi (über ijk werden wir sogleich 
sprechen). Natürlich wurde einst oyKTi mit ö geschrieben 
(P"). Dialektische nebenformen: o-J).]y. und durch den 
gewöhnlichen schwund des X vor j: oity.. Die etymo- 
logie ist klar: das uralte albanesische wort steht sansk. 
vrka noch theilweise näher als Auxo;. An Miklosich's 
vergleich des sufüxes in ulkönje, wölfin (Alb. forsch. I., 
15), mit slav. -"KIHH möchte ich zweifeln, da ein Krtii- 
KlilHH nicht besteht, während gerkinjea rp'kK'kiHH die 
wahre Verwandlung des slavischen suffixes im alba- 
nesischeu zeigt. Xinjciva ist erst aus dieser alten form 
durch epenthese des t entstanden. Eine entlehnung (serb. 
vuk, bvilg. Vhlk) wäre unmöglich, alban. freradworte be- 
halten im anlaute u vu (vullendete, voluntas, vurkolaku 
Brt'KKOArtaK'k) Und setzen es sogar euphonisch vor. Wir 
haben nichts dagegen, wenn man jetzt ci\fK'k (etwa nach 
Grubissich) mit doctrina übersetzt. Wie Öafafik (hlah. 
pam.) zu der lesung ukut im Stockholmer aiphabet kam, 
ist mir nicht klar (dies wäre der allgemeine albane- 
sische casus cjxojt); Dobrovsky las uet. Nach einer 
mir vorliegenden Photographie muss das original so 
verwischt sein, dass man keine entscheidung treffen kann. 

Das par. alph. nennt V iusz, ebenso alle südslavi- 
schen quellen, postilla slovenska 1567: iuf, Bohoriö iits 
in beiden alphabeten, Rocca nennt P" juft. Wenn Sre- 
znevskij (glag. pam., pag. 28) den namen ysou; (Ban- 
durich) auf ;«; bezieht, so mag er recht haben, da 
dieser ein russisches aiphabet im äuge hatte ; aber jus 
des Stockholmer alphabetes sollte nicht dem ItK ent- 
gegengestellt werden, denn in der photographie steht 
über den namen Jus nur das croat. V (es gibt ja kein 
croat. fk oder ia). Erst die Russen übertrugen den 
namen jus auf bÄ, als dieses in ju überging, dann blieb 
dem w nur der phonetische name übrig (7''ou, Ban- 
durich).. Alban. jaJS vobis, abl., griech. ü|j.£t; ('Ju-), \it.jiis 
(Camarda, §.193, 203). Es gibt noch ein zweites pronomen 
in der namenreihe, alban. vecj, ablativ des pronomens 
der 1. pl. „von uns", zu dem ich slav. HaiUh, als sla- 
visirten buchstabennamen für n ziehe. Wenn wck ein 
albanesischer buchstabenname ist, so muss die mutter- 
form des P" einst in der elbassaner zeichenreihe selbst 



gestanden haben, was bei ihrer ganzen Organisation na- 
türlich wäre. 

Bei lep können wir nur die allgemeine frage 
stellen, woher ein südslavisches volk einen buchstaben- 
namen um das 8. — 9. Jahrhundert hätte bekommen 
können, wenn er weder germanisch, noch lateinisch 
(romanisch) oder griechisch ist? Es bleibt in allen 
diesen fällen — die gewiss fremdsprachliche grundlage 
zugegeben — nur eine wähl übrig, „jer" musste im 
slavischen munde aus einem -kp etwa alban. *jp- ent- 
stehen (das zeichen für alban. u m = glagol. jer). lepii 
lepk sind späte difierenzirungen, denn nicht am ende 
stand der laut, der dem zeichen entsprach. Freilich 
kann "k im slavischen anlaute nicht stehen, es musste 
auch in einer anderen ausspräche verschwinden; aber 
im albanesischen kann ein wort mit dem elbassaner J>, 
aus welchem die figur des jer entstand, anfangen. lepTil, 
das wir nur aus der jüngsten tradition kennen, ist 
eigentlich i€p -f- ' (ik + O- -^^i '^^'^ Serben ist auch i^cyer 
(peller des par. alph.?) und jxtj'erÄ; gebräuchlich. Es ist 
nicht sicher, dass es immer der name des durch den 
apostroph bezeichneten jer war. Miklosich bietet im 
Lex. aus einem serbischen codex den namen (poKlk, 
der für "k oder k dienen konnte. Die richtige form 
wäre etwa lep'kKTi, aber o statt "k deutet auf den mace- 
donisch-bulgarischen Ursprung. Eine etymologie musste 
beiden namen, lep und lepOK, wohl nur abarten des- 
selben albanesischen wertes, gerecht werden. 

Nach Gesenius (Ersch und Gruber, paläographie) 
werden buchstabennamen, wenn sie von einem andern 
Volke recipirt werden, entweder treu beibehalten (die 
phönicischen im hebräischen), gering modificirt (die 
griechischen), oder man nimmt sich die freiheit, da- 
für neue einheimische, aber womöglich gleich- 
bedeutende zu setzen (äthiop. jaman, die rechte für 
phön. jod hand, mem und maj wasser), was zugleich 
zeigt, dass man diese nomina propria damals, 
als sie zu den Aethiopern übergingen, noch 
nach lebendiger etymologie auffasste. Auf ähn- 
liche weise ist nun der jetzige, überwiegend slavische 
Charakter der buchstabennamen zu beurtheilen. Die 
Albanesen besassen gewisse werte von wohl einfacher 
concreter bedeutung, von denen ein jedes mit dem 
betreffenden buchstaben anlauten musste. Die Slaven 
nahmen sie herüber und ersetzten sie durch ähnlich 
lautende, wenn der anfangsbuchstabe stimmte. Es lässt 
sich auch erwarten, dass man selbst die bedeutung 
festzuhalten und nachzuahmen suchte, was bei der 
totalen Verschiedenheit der beiden sprachen nur in 
bescheidenem masse gelungen sein mag. Wo dies nicht 
anging, Hess man das albanesische wort zu unserem glücke 
ganz stehen (jf'kp'k). Den relativen werth der folgenden 
vergleiche mag der leser aus den umständen entnehmen. 

Alban. bojy.c-z bo'Jxxc-a brot (Miklosich, Alb. forsch. 
IL, nr. 87; Camarda, §. 134). Der alte anlaut steht 



171 — 



sicher. Slav. bocobi (par. alpli.), buky (stockh.), [axoüxy] 
(Bandurich), buk (prager alph., Orbini, Rocca), sonst 
in der tradition BOYi^l^i l^fera. Es muss aber noch ein 
zweiter slavisirungsversuch gemacht worden sein: boga 
(Bohoriö 1584); in dem bekannten aiphabetarischen 
gebete Constantin's boHxE; Chrabr: Korh. Dieser scheint 
mit den Worten: ht» KaKO iMO}»:fTK CA nHcaTH Aoep'k 

rphHhCkCKkl/UH nHC/V\CHkl KOPh HAH JKHKOTh, IMH ^"kAO, 
HAH l^pkKOBh, HAH HAAHHf, HAH lUHpOTA, HAH "kjS^h., HAH 

ä^OVj ••'*" KiHOCTh, HAH ASkiKA, nicht zufällige bei- 
spiele, sondern eine von der gewöhnlichen tradition 
abweichende reihe von buchstabennamen anzuführen, 
worauf wir noch im einzelnen zu.rückkchren werden. 
Ist unser Standpunkt richtig, so konnte die Übertragung 
der albanesischen worte in das slavische nicht ohne 
sehwanken zu stände gekommen sein. Schliesslich sind 
die namenreihen der bukvare ebenso wie ihre alphabete 
nur ein langsam abgegrenzter auszug aus der sich fort- 
während klärenden Vergangenheit. 

Alban. ßjsx-s „jähr", eine alte form, gr. Fsto; (Ca- 
marda, §. 11.), slav. ßexo (Bandurich), vedde (par. alph.), 
vidi (stockh.), ß-k^t (Rocca), R'kfi,» (bukvar slavenskij 
1753, Rom, glagol. und cyrill.), sonst in der tradition 
E'k/ii,'k „ich weiss". Bei Bohoriö: vidil, schon dem Ver- 
ständnisse der jüngeren dialekte angepasst (etwa für 

B'kA'bA'K, BH;^,'kA•K). 

Alban. söte „ist", slav. fCTh. Glagol. 3 entspricht 
auch als zeichen dem elbassauer dunkeln s. Anlaut 
und form uralt. Bandurich: fsscTt; Bohoriö merkwür- 
diger weise ebenfalls efti (der vernünftigste der alten 
slavischen grammatiker wird doch wohl die wahre 
ausspräche der 3. pers. sing, des verb. subst. gekannt 
haben, es endigt im slavischen nie auf t); dieselbe form 
schon in Truber's postilla slovenska 1567, also ist auch 
dieses einfache wort nicht vollständig slavisirt. 

JKHB'krt (givete, par. alph.), scivieti (Orbini), xivit-o 
(Grubissich), ^khbotk (Chrabr), halte ich für einen 
plural mit coUectivbedeutung auf -t-e (im albanesischen 
sehr häutig, nach Camarda sind dies reste des neutrums). 
Sein Singular vielleicht in einer griechisch geschrie- 
benen slavischen namenreihe aus dem jähre 1517 (Kopi- 
tar, glagol. cloz.XXIX) als i^rj, etwa >kh? Seine bedeutung 
konnte ich bei der Seltenheit des alban. c, wobei wir fast 
nur auf Hahn angewiesen sind, nicht erratheu. Das un- 
grammatische M'KiCA'bTf der jüngeren tradition (Rocca, 
glagol. miflete, serb. MHCA'kTf) hat selbst das ältere und 
sprachlich bessere muflite (par. alph.), myslyte (stockh.) 
überlebt (daneben misliti Orbini wie scivieti inf.), was 
ich wieder auf einen alten nom. pl., auf -g-cz deute, 
etwa [xsisASTs „erdichtungen, fabeln, Sprichwörter" (Hahn, 
Wort.), aus ^«.sOsXie (Metkos aXßavtx.r) [jisXwsa 216), eine 
ableitung von griech. |ji.u9o? (6 = ü). Wenn Chrabr's 
uiHpOTA als name des 5 ernst zu nehmen ist, so wäre uns 
neben uiA auch der appellative name erhalten, etwa 
alban. aipaTs regen, wieder ein plural (Hahn unter öt-oj). 



Das albanesische lehnwort OifAsX-i „fundament", 
d. i. gesprochen zemeZt, auf dessen alter seine Verbreitung 
im ganzen Balkan deutet, müsste in der elbassaner schrift 
mit einem theta geschrieben werden, aus dem glagol. 
&o entstand, ^E/UAß. Selbst die bedeutung ist ähnlich. 
Ich fand in Rocca's serbischem alphabete sejUHAe, in 
einem jüngeren glagolitischen bukvar SfAVHAli, also 
noch nicht slavisirte formen. Man muss sich über die 
Zähigkeit der tradition in einzelnen fällen wundern, 
denn einem zusammensteller eines glagolitischen buk- 
var, der demselben slavische Übungsstücke beifügt, 
könnte man doch die kenntniss des slavischen Wortes 
3(MAr<i zumuthen, wenn er es in diesem falle so ge- 
sprochen hätte. Für uns sind eben solche abweichungen 
wichtig. 

Alban. x.£x.j adj. „malus" musste einst -/.x/.j gelautet 
haben, griech. v-av-iq, slav. kako. 

Alban. ■::ä>vj£-ja, lat. pax, ein altes römisches lehn- 
wort, das gewiss vor dem 8. Jahrhunderte da war, 
slav. nOKOH reqvies. Laut und bedeutung stimmen. 
Von noKOH gibt es keine Varianten. 

Alban.-tosk. pp£6-6c, geg. pps6-oi „rad, reif, ring", 
ein altes indo-europäisches wort, das immer so ge- 
lautet haben muss, würde in der elbassaner schrift mit 
dem griech. p geschrieben werden, aus dem glagol. r 
hervorging. Es kann in slavischer Orthographie der 
zischenden albanesischen ausspräche gemä.ss nur durch 
reci (par. alph.) wiedergegeben werden. Keine Vari- 
anten, piiHH „die" die slavisirung. 

Alban. vsa „in jwbis" slav. HAUJh. (Vgl. das pro- 
nomen WCK.) 

CAOBO: mir ist kein albanesisches wort mit an- 
lautendem sl bekannt. Wie kam jener Clementiner 
bei dem dictat seiner worte (Windisch, Ungar, magazin, 
Pressburg 1782; Miklosich, Alb. forsch. I) überhaupt 
auf den slavischen buchstabennamen slobea? Warum b, 
nicht V, das in slavischen lehnworten unverändert bleibt"? 

Unsere buchstabennamen sind jetzt beiden alpha- 
beten gemeinschaftlich. Manches haben die slavischen 
Schreiber hinzugefügt. Die elbassaner schrift besass 
anfänglich kein omega, §. 50, ebenso die glagolica, 
die erst später ein omikron dem cyrill. w entgegen- 
stellte. Also kann der name ot nicht albanesisch und 
nicht glagolitisch sein. Ich vermuthe, dass ot der ur- 
sprüngliche lautwerth des i\i (wt) war, welches diesen 
namen an das verwandte cyrillische, wenn auch un- 
ciale w und dann an (^ abgab, nachdem es selbst durch 
die berührung mit der glagolica den namen sta be- 
kam. Jetzt scheint es die präposition OTTv zu be- 
deuten. (Vgl. §. 129.) Die glagoliten hatten kein_;a<, 
ihr A ist cyrillisch, sein name kann nicht albanesisch 
sein. Er wurde von slavischen Schreibern geschaffen 
und von Chrabr allein bewahrt in der frage: wie können 
die Griechen la^K schreiben? (Es ist natürlich, nach 
der Orthographie einiger Varianten 'k/i.k zu schreiben; 



— 172 



auf 'k selbst wurde der name auch übertragen.) Das 
in modernen dialckten nicht sehr verbreitete wort „cihus" 
wurde bald verdunkelt und Met (par.), yat (stockh.); 
yiaa (Bandurich), raTh geschrieben. Kocca, serb. -krh, 
Frisch (1727) ydti nur Bohoriö hat noch iad. Aus uia 
i|ia machten später Serben man ijjaH (Rocca, Orbini; 
vgl. croat.-serb. kaj saj taj onaj ovaj). Die präjotirten 
H- a u. s. w. konnten keine namen haben, die Serben 
machten einen späten versuch: laKO (Rocca). Die namen 
der nasale konnten nur slavisch gewesen sein, da von 
den alten albanesischen namen der nasale ksq den gla- 
goliten überhaupt nicht übermittelt, nje in einer an- 
deren bedeutung gesetzt wurde (auch konnte der name 
im albanesischen aus sprachlichen gründen nicht mit 
einem nasal beginnen, was im slavischen nothwendig 
war). Diese slavischen namen der nasale hnden wir 
wahrscheinlich bei Chrabr: ^J\,^y A.3kiKh. Hie des 
par. alph. für ^€ kann ich nicht erklären. i;h macht 
nicht eben einen slavischen eindruck. Chrabr hat 

l^phKOBk. 

Wenn buchstabennamen von einem volke zum 
anderen kamen, so konnte es geschehen, dass „ein buch- 
stabe in zwei theile getheilt wurde, worauf man den 
alten namen mit modificationen beibehielt, z. b. schien 
und sin, welches letztere schon keine etymologische 
bedeutung hat und rein technisch ist, ain und gliain, 
letzteres ohne bedeutung" (Gesenius 1. c). Auf diese 
weise spalteten russische Schreiber den namen jor von 
jer ab ("k = o, k = (), die kleinrussischen machten 

jir aus jor. Als die Serben p^i aus LI bildeten und 

jenes in später zeit die geltung c annahm, lösten sie 
ein bedeutungsloses wort 6erv tjarv von cerv HpiiBk 
verrnis ab (Orbini, ciaru für c, ckierii für h). Aus 
SkTv wurde das als ypsilon seiner herkunft nach ge- 
fühlte T, der name hie (par. alph.'), qv. (Bandurich), 
d. i. yk abgespalten und auch auf cyrill. y übertragen. 
Das par. alph. stellt es sogar noch an die stelle des 
griech. y. Das glagol. y mag nie izica, sondern yk 
geheissen haben. Erst die Kleinrussen scheinen einen 
wirklich slavischen namen für cyrill. y ersonnen zu 
haben, denn H»;HU,a „stamen" von HJKt abgelöst, gibt 
erst eine fasslichere concreto bedeutung. y wurde hier 
als i aufgefasst. H>Kf selbst macht nicht gerade den 
eindruck eines slavischen wortes. In dem ife — ifei des 
par. alph. steckt eine ähnliche differenzirung. Hieher 
etwa das junge jii und giu (dzuf) für glagol. W (vgl. 
oben). Als die glagolica nach Böhmen kam, liess man 
glagol. % mit dem namen glagol bestehen und schuf 
für das wohl aus einem cyrill. r abgeleitete ßechisch- 
glagol. h die abspaltung hlahol (prager alph.). Wer 
also die etymologie dieser namen ergründen wollte, 
wird nicht von jor, yk, cerv, izica ausgehen. 

Unsere Überlieferung der slavischen buchstaben- 
namen ist ein bild der Unordnung und unfertigkeit. 



wofür man in der paläographie umsonst etwas analoges 
suchen würde. Slavische worte neben anerkannt un- 
slavischen, ungrammatische formen, die nicht einmal die 
späteste tradition beseitigt (nomina, oblique casus, im- 
perative, Partikeln), und wieder namen wie uia und i|ja, 
die gar nicht appellativ sind, alle sind so bunt durchein- 
ander geworfen, dass man sie aus Verzweiflung aus runen- 
namen erklären wollte, oder aus „geflissentlich verdor- 
benen Worten, deren heidnischen Ursprung man in einer 
christlichen zeit verdecken wollte". Kein intelligenter 
Schriftsteller, nicht Cyrill und Kliment, konnte je band 
an sie gelegt haben, sie würden denn ausgeglätteter 
geworden und auch so geblieben sein, denn nichts 
hätte eine überaus lebendige, bei vielen Völkern ver- 
breitete tradition so genau conserviren können, als diese 
unzählige male wiederholten elemente des Schreibens. 
Auch jene unvollkommene redaction ist in der jüng- 
sten tradition im ganzen dieselbe wie im par. alph. 
Ihr ganz unorganisches gewebe ist der beste beweis 
ihrer totalen . abhängigkeit von einem ganz fremden 
muster, aber auch eines ganz natürlichen langsamen 
hinübergleitens zu slavischen Schreibern, wobei die sich 
fast von selbst einstellende slavisirung das gute und 
schlechte traf und in einigen fällen ganz stockte (^pTiTTi 
konnte gar nicht durch ein slavisches wort ersetzt 
werden). Schon zu anfang musste der albanesische, 
ungleich zahlreichere namenverband durchbrochen wer- 
den (daher wohl die Übertragung des namens as auf a), 
weil die Slaven nur eine auswahl machen konnten, 
nicht alle zeichen, also nicht alle namen brauchten und 
schliesslich die phonetische und appellative reihe ver- 
mischten. Unsere etymologischen versuche scheinen 
sogar einen theil jener Unregelmässigkeiten beseitigt 
zu haben, wir kamen zumeist auf albanesische nomi- 
native von adj. und subst. mit einfacher concreter be- 
deutung. Wir befanden uns in derselben misslichen 
läge wie der germanist den runennamen gegenüber 
(Zacher, Das got. alph. IX), da die strenge anwendung 
etymologischer gesetze bei den wie eigennamen zu be- 
handelnden Worten ausgeschlossen war. Wir glauben 
nur das eine erreicht zu haben, dass wir zumeist nur 
solche albanesische worte herausgriffen, welche aus 
lautlichen gründen schon vor 1000 jähren wahrschein- 
lich denselben klang und vor allem denselben anlaut 
besassen. Die slavischen werden nie einen zusammen- 
hängenden Zauberspruch gebildet haben, wofür die pa- 
läographie kein beispiel kennt; nur die neugierde mag 
die erklärung aller namen wünschen, einem wissen- 
schaftlichen zwecke genügt es, wenn ihr fremder alba- 
nesischer Ursprung unter zusammenhaltung aller histo- 
rischen thatsachen der glagolica ein wenig wahrschein- 
lich wird. Natürlich waren die namen anfänglich nur 
der glagolica eigen und wurden auf die cyrillica erst 
nach 886 übertragen. Diese mag sich anfangs der 
griechischen und bei speciellen slavischen zeichen wie 



173 — 



ß s des lautes selbst bedient haben fi[i konnte den 
namen ot führen). 

§. 176. Die reihe der elbassaner zeichen rauss 
in sehr alter zeit festgestellt worden sein, da sie unter 
anderem nach einem princip geschaffen wurde, wel- 
ches das verständniss gewisser alter ligaturen voraus- 
setzt. Denjenigen, welche i^ neben s, ä neben ü stellten, 
musste es noch klar sein, dass das jetzt als einfaches 
zeichen gefühlte i^ aus s -{- j, z aus s -{- j besteht. 
Dies kann nur in eine zeit eines noch lebendigen Zu- 
sammenhanges mit der römischen cursive verlegt wer- 
den. Mit der slavischen reception, die nur eine aus- 
wahl war, konnte diese anordnung nicht aufrecht er- 
halten werden, die glagolica schloss sich mitsammt den 
cyrillischen entlehnungen an das muster der cyrillicaan. 

Die reihe der cyrillica war ursprünglich durch 
die griechischen zahlwerthe bedingt. Nur an der stelle 
des uncialen w, das sie nicht unumgänglich brauchte, 
muss wahrscheinlich das capitale omegaui, dessen werth 
w anfänglich durchsichtig war, gestanden haben. Ebenso 
ist .jv, nach meiner annähme, §. 111, ein altes nasal- 
zeichen e, an der stelle des griechischen sampi mit dem 
werthe 900 gestanden. Schliesslich fassten die slavi- 
schen Schreiber der griechischen anordnung entgegen 
das zusammengesetzte o^" als ein besonderes zeichen 
auf, das einen platz in der reihe verdiene, rückten es 
an die stelle des griech. ^, dessen werth 400 auf jene 
combination überging: 
aBr;i,e. s^-6-HiK/\MHgonH (koppa 90) p 

c T ov + Y t •" C*V -t (<})■ 

Ist diese rein griechische anordnung der ausgangs- 
punkt, so lassen sich alle abweichungen der jetzigen 
cyrillischen reihe im einzelnen motiviren. Sie haben 
sich successive geltend gemacht und sind theilweise 
der reflex der ganzen entwicklung der Orthographie 
und der schrift. B wurde neben k gestellt, dessen 
graphische und lautliche differenzirung es ist, doch 
musste es ohne zahlwerth bleiben. Alle anderen neu- 
gebildeten speciellen zeichen, die ^ und c-formen, iji 
A ;^ iv (A) mussten am ende des alphabets ohne zahl- 
werthe nachfolgen, wo sie auch noch jetzt stehen (wo- 
für die geschichte der Schriften bekanntlich analogien 
bietet; bei der einfügung von neubildungen verfuhr 
man immer mit möglichster Schonung der alten reihe, 
Gesenius, paläographie , Ersch und Gruber, encykl.) 
Dies war die primitivste, rein griechische anordnung 
der alten cyrillica. Jer stand nicht in der reihe, weil 
es nicht durch ein besonderes zeichen vertreten war, 
über die bezeichnung des z, daher auch über seinen 
platz, haben wir überhaupt keine andeutung. Durch 
die berührung mit der glagolica wurde die reihe be- 
reichert. k('k) TvI Vi kamen an das ende, nur }k aus 
gründen lautlicher ähnlichkeit neben 7,-, aber ohne zahl- 
werth. Wo immer daher ein besonderes cyril- 
lisches zeichen jetzt einen zahlwerth besitzt, 



der ursprünglich durch ein griechisches aus- 
gedrückt wurde, müssen besondere Ursachen 
obgewaltet haben. War .^ 900 ein altes nasal- 
zeichen e, so musste es seinen zahlwerth an cyrill. <ft 
abgeben, als dieses das herrschende e-zeichen wurde. 
Es ist ganz natürlich, dass die cyrilliten, welche 
die sonst unnöthigen zeichen vau, koppa, theta, ksi, 
psi als zahlausdrücke recipirten, auch einst sampi 
für 900 besassen, ganz abgesehen davon, ob dieses jk 
auch e (wie vau = 6 und dzelo) galt. Ja gerade das 
merkwürdige verhältniss von a und .k deutet auf das 
letztere als altes, längst vor der slcpc. kniga bestehen- 
des nasalzeichen. Eine andere schreiberschule über- 
trug mit dem verschwinden des .k dessen zahlwerth 
900 auf n, doch ist nach Vostokov a für 900 älter. 
90 wurde bekanntlich bei cyrilliten auch durch koppa 
bezeichnet; die ähnlichkeit seiner tigur mit ^-formen 
veranlasste die Übertragung seines zahlwerthes auf S-^ 
Man vgl. insbesondere jenes cyrill. c, das mit einem 
griechischen koppa ganz zusammenfällt, §.134. Omegaui 
gab seinen werth 800 an die combination ip ab (bewahrt 
im bosn. i|j und glagol. W 800), wie v an die combi- 
nation oy = 400. Jetzt steht unciales w für 800 und 
in späteren quellen iD ^= 800, eine analogie für W = 800. 
Als ui 16 iift Kk; dem w nachgebildet wurden, bekamen 
sie einen platz hinter k» a ä (Bohoriö, Rocca u. s. w.). 

Die Serben stellten ganz richtig ihr eigenproduct A^ 
an das ende (Rocca). 

Zu einem relativen abschluss konnte diese reihe 
erst nach 886 etwa durch Kliment gelangt sein, nach- 
dem }K — das eigentliche merkmal ihrer abweichung 
von der alten griechischen anordnung — schon aus 
der glagolica entlehnt war. Ihr ahmte die glagolica 
zugleich mit der kalligraphischen Weiterbildung nach, 
während sie umgekehrt den cyrilliten ihre albanesischen 
buchstabennamen aufdrängte. Nur ein cyrillite konnte 
B neben b 'stellen: mit der entgegenStellung Vi (griech. \i.) 
V (lat. h) bezeugt die glagolica ihre abhängigkeit; nur 
H kann neben i stehen, 'S und 8 sind die nachahmung. 
Vielleicht wurde der werth des M = 30 durch die äussere 
ähnlichkeit seines ersten bestandtheiles mit griechisch 
lambda 30 veranlasst, der auf die ganze combination 
übertragen worden wäre, wie bei W oy (ganz abge- 
sehen davon, dass alban. d \ wirklich einst ein lambda 
war). Die sonstigen abweichungen der glagolitischen zahl- 
werthe bieten kein tieferes Interesse und wurden durch 
den mangel eines echten glagolitischen omega, ksi und 
psi hervorgerufen. 

§. 177. Die namen glagolica, cyrillica, kjurilovica, 
bukvica, AHTHi^a sind durch das bei Südslaven beson- 
ders beliebte suffix -ica gebildet (vgl. latinica). Wirk- 
lich scheint es, dass die benennungen cyrillica und 
glagolica 'anfänglich nur bei Serben und Croaten hei- 
misch waren, wenn auch deren bestand nicht vor dem 



174 — 



16. jaluliundert nachweisbar ist (K^afafik, Illah. ])am., 
Raf'ki, Slovj. pismo.). Doch wird das alter des wortes 
glagülica in seiner beziehung zur ghigolitisch genannten 
Schrift höher hinaufgerückt durch die lateinischen be- 
zeichiiungen glagola, glagolita (ein glagolitischer priester), 
die Tkalcic bis in das 14. Jahrhundert in Urkunden 
des agrainer domcapitels verfolgte. Ich glaube, dass 
irlaaolica" erst bei Croaten entstand. Mit der schrift er- 
hielten sie die „Wörter" as-k, KC\|'K-ki, B'kA'K u. s. w., d. h. 
die PAarortH „vcrba, voces". Daraus bildete man das 
nomen „glagolica", welches nichts anderes besagen will, 
als die reihe jener Wörter, den verband der buchstaben- 
nanien, wie man sie dem lernenden vorsagte. raarOAaTH 
konnte „buchstabireu" bedeutet haben. CAOBa hat bei 
Serbocroaten anfänglich auch nur „wort" bedeutet, jetzt 
sind die slova das aiphabet. Die namen aSTi boykTiI 
waren für die alten Schreiber die zeichen selbst. Auch 
hiess man die glagolica in Macedonien bulgarische 
schrift (abec. bulg.), in Croatien hrvatsko pismo. 

Zweimal wird in einer russischen paleja des 15. Jahr- 
hunderts und einmal in einem russischen Chronograph 
des 17. Jahrhunderts eine slavische schrift AHTHua 
genannt (Bodjanskij, vremeni proischoidenija pismen, 
pag. 97, 105, 110, aiiTimio. AiiTHm,^ acc, ahtiiuki gen.). 
Die annähme eines Schreibfehlers statt riXarOi\n^Tn)i;a 
— eine unmögliche form — hat schon Bodjanskij zu- 
rückgewiesen, für eine ableitung aus aiiTfpa spricht 
gar kein umstand (an der zweiten stelle ist rpaaxCTa 
und AHTfpa geradezu ein Übersetzungsversuch des dunk- 
len wortes: wcoTKopf Hin caoKfHCKiA anTiinki, h rpa/UCThi : 
AHTtpki.) Wenn wir davon absehen, dass die ertindung 
der AHTiiii,a Cyrill zugeschrieben wird, auch der ver- 
geblichen nachforschung entsagen, durch welche rinnen 
dieses wort in jene jüngeren Sammelwerke geflossen sein 
mag — etwa so, wie sich auch glagolitische buchsta- 
ben in junge russische Codices verirrten — und das 
wort einfach so nehmen, wie es uns gegeben ist, so will 
ich eine etymologie vorschlagen, welche wenigstens das 
eine für sich hat, dass sie gar keine lautliche Verän- 
derung voraussetzt. Das wort „latinus" ist in der alba- 
uesischen spräche in zwei formen vertreten: in einer 
älteren, mehr schriftgemässen /,o;-(v-i, Ajitiv-vi, XjsTt'v, 
XiTtviöi: (Hahn, Rossi, pag. 725; Miklosich, Alb. forsch. 
II, nr. 440) und in einer verkürzten, volksthümlichen, 
echt albanesischen : Xjg-i, "ajit!. Daher mit den südslavi- 
schen bei allen diesen worten beliebten suffixe AHTHi^a 
„die lateinische schrift", die ursprüngliche bezeichnung 
der bulgarischen glagolica sein könnte, die sich durch 
eine uns. unbekannte Vermittlung in eine jüngere paleja 
des 15. Jahrhunderts hinüberrettete, die aber immerhin 
älter ist als selbst diejenigen quellen, in denen die herr- 
schenden bezeichnungen glagolica und cyrillica zuerst 
auftauchen. Die Albanesen konnten ihre schrift ursprüng- 
lich nur „lateinisch" genannt haben ; dies konnte auf 
die glagolica übergehen, welche noch jetzt eine über- 



wiegend lateinische schrift ist. Chrabr spricht von dem 
gebrauche römischer buchstaben vor Cyrill. 

„Bukvica", „die reihe der lettern", caCBO Koy- 
Kl^BHOf „das geschriebene wort", ein ausdruck, der im 
10. Jahrhundert bestanden haben konnte (Voronov, Ky- 
rill i Methodij, 237). Die traditio hat mit recht den 
namen Cyrills mit der cyrillica verbunden; gelegent- 
liche abweichungen, wenn dalmatinische Croaten manch- 
mal die bei ihnen gebräuchliche bosnische schrift gla- 
golica nannten (arkiv jugoslav. V, Mesic, poljicki Statut), 
was sich etwa Upir Lichij unter der kjurilovica ge- 
dacht haben mag, sind ohne bedeutung. 

caoKiiHhCKii als attribut von KHtira oder rpaaxoTa 
und die übrigens griechische, der damaligen literatur 
angehörige form sclaviniscas (literas, Johann VIII.) 
muss keine specielle beziehung zu den Slovenen von 
Krain oder Nordungarn haben. War das wort ursprüng- 
lich nur der name eines Stammes, so war das 9. bis 
10. Jahrhundert nicht die grenze, innerhalb welcher 
man es nothwendig mit pannonisch-slovenisch über- 
setzen müsste. (Slovenen in Novgorod, bei Kaschu- 
ben, slüvensky in Lüneburg, im Balkan, in Mace- 
donien.) Selbst slavische quellen, die man auf das 
10. Jahrhundert beziehen kann, gebrauchen das wort 
in allgemeiner bedeutung (Voronov, Kyrill i Metho- 
dij, 241). 

§. 178. Von Levakovi6 soll eine schrift „De alpha- 
beto autiquorum Illyriorum" 1624 herrühren. Grubis- 
sich's versuch (1766), die glagolica mit den runen zu 
verbinden, wurde wohl von den älteren slavisten nicht 
beachtet, er bekam aber durch die aufstrebenden Stu- 
dien über germanische runen und selbst durch Grimm 
wieder neue nahrung. Alit gewalt wui'de der Ursprung 
dieser schrift immer womöglich als mystisch und 
heidnisch aufgefasst, und Safafik selbst nahm die ver- 
gleiche der buchstabennamen mit runennamen an. Die 
mängel seiner schrankenlosen graphischen ableitungen 
in den pamätkj' hlah. pis. können selbst die damaligen 
unzulänglichen mittel nicht entschuldigen. Schliesslich 
verleiteten ihn einige ähnlichkeiten mit phönicischen 
buchstaben zu seiner letzten auffassung (über Ursprung 
und heimat der glagolica). Hanus' versuch „zur sla- 
vischen runenfrage" kann nicht wissenschaftlich ge- 
nannt werden. Dann wurde die glagolica mit den ent- 
ferntesten und fast durchwegs unqualificirbaren Schriften 
zusammengebracht: mit der des Aethicus (Pertzjun.), 
mit einer vermeintlichen altrussischen schrift (Gedeon, 
Varjagi i Rus), man entdeckte ähnlichkeiten mit einem 
aiphabet von Perm (trudy perv. arch sj.). 

Lindner (Gesch. d. Slaven, 1792), wollte das ganze 
glagolitische aiphabet aus dem griechischen ableiten. 
Dies konnte natürlich Dobrovsky, der nur die jüngste 
croatische glagolica kannte, nicht überzeugen, doch 
hat er schliesslich in seinen „glagolitica" zwei ver- 
gleiche aufgestellt, welche ihm alle ehre machen {% aus 



— 175 — 



gamma, )o aus lat. h). Auch Miklosich dachte, dass 
sich vieles aus dem griechischen alphabete erklären 
liesse, „glagolitisch" in Ersch und Gruber, encykl., an 
welcher stelle sich auch die einzige mir bekannte be- 
rücksichtigung des alphabets von Elbassan findet, es 
werden drei albanesische zeichen verglichen. Öafafik 
erkannte zuerst die kalligraphische Übereinstimmung 
der griechischen minuskel des 10. Jahrhunderts und 
der runden glagolica, woraus ich sehr wichtige conse- 
quenzen glaube gezogen zu haben. Grigorevic und 
Wattenbach lehnten + an ein griechisches alpha an, 
was viiiserem vergleiche mit einem röm. a sehr nahe 
steht; sonst finden wir in isafafik's Schriften folgende 
richtige vergleiche: ^ aus theta, -P aus griech. «, b als 
gewendetes p. J. Taylor, Archiv f. slav. phil. II, 2, 
hätte, da er doch zu der gewiss naheliegenden grie- 
chischen cursive griff, bessere resultate durch grössere 
Sorgfalt der Untersuchung erreichen können, abgesehen 
davon, dass die glagolica nur etwa 5 — 6 zeichen be- 
sitzt, welche aus der eigentlichen minuskeicursive ent- 
lehnt sind. Mit welcher kritiklosigkeit solche versuche 
der Veröffentlichung übergeben werden, zeigen die 
griechischen buchstaben, welche unter glagol. b (2. und 
3. form), e ize i s t [1. form) u. s. w. angeführt wer- 
den, welche in dieser form in keiner Urkunde der mi- 
nuskeicursive bestehen, oder auch so gezeichnet sind, 
dass man mit ihnen jeden vergleich anstellen kann; 
die ligaturen 6c, die unciale Verbindung -et, dann gg 
(wenigstens in der verzeichneten gestalt) sind erfin- 
dungen, die keine griechische schrift kennt. Das croat. m 
der mönchsschrift des 14. Jahrhunderts, das mit glagol. m 
in keiner materiellen Verbindung steht, wird neben pi 
der minuskeicursive des 7. Jahrhunderts gestellt! (unter 
myslete). Die unbegreiflichen ableitungen der izica 
aus y, des jery aus oisq sind selbst gegen Hanus ein 
rückschritt, der sich bei seinen vergleichen wenigstens 
an runen und factisch erhaltene ritze obotritischer 
topfe hielt. 

§. 179. Seit undenklichen zeiten unterlag der 
Süden Albaniens überwiegend griechischem, der norden 
römischem und italienischem einflusse. Der christliche 
Gege und Toske scheidet sich in bezug auf den an- 
schluss an eine der beiden kirchen, ebenso wie dem 
gebrauche der schrift nach. Noch heute bedient sich 
der Toske (wie zur zeit der Epirotenkönige Plutarch, 
Pyrrhos, cap. I) der griechischen zeichen, während die 
ersten gegischen schriftsteiler des 17. Jahrhunderts eine 
schon im gebrauche feststehende lateinische Orthographie 
vorfanden. 

Es ist daher bezeichnend, dass die an der grenz- 
scheide der beiden stamme entstandene schrift von El- 
bassan eine mischung beider alphabete ist, ein bild 
ihrer läge. Wenn wir bedenken, dass ein theil der 
Siebenbürger wachstafeln des 2. Jahrhunderts von armen, 
unbedeutenden leuten geschrieben wurde, so dass man 



sich über die weite Verbreitung der kenntniss der schrift 
und der römischen cursive insbesondere wundern muss 
(Corpus inscript. lat. III, 2, 923), so muss die an- 
nähme, dass das Italien zunächst gelegene land Alba- 
nien seit jeher mit dieser Schriftart vertraut war, als 
sehr wahrscheinlich erscheinen. Alessio und Scutari 
waren nach Cäsar und Plinius städte römischer bürger 
(Hahn, Alb. Stud. 93, 95). Die alten macedo-wlachi- 
schen colonien bei Antivari, Elbassan und Berat, wo sie in 
grösserer anzahl auftreten, sprechen ein reineres lateinisch 
als die übrigen Rumänen Macedoniens (Picot, Les Rou- 
mains de la Macedoine, 23 — 24). Die spräche der Alba- 
nesen zeugt von einem äusserst intensiven einfluss des älte- 
ren römischen dementes. „Auch nach der eroberung 
durch die Slaven nannten sich die römischen bewohner 
des benachbarten Dalmatiens, zu dem einst die ganze 
küste bis nach Dyrrhachium gerechnet wurde, p(j)!j.ävei 
und behielten die lateinische spräche bei" (Dümmler, Sla- 
ven in Dalmatien, 18). Porphyrogenet nennt Dyrrhachier 
pwivavot, man sprach in Antivari lateinisch (Golubinskij, 
Oöerk istorii prav. cerkvej, 551). Ihre ausgebildeten 
municipalen Verfassungen, ihre sehr geregelten kirch- 
lichen Verhältnisse zu Rom, die handelsverbindungen 
mit Italien deuten mit Sicherheit darauf hin, dass jener 
bevölkerung selbst vor dem 8. Jahrhundert ein geisti- 
ges Verbindungsmittel, wie die jüngeren ausläufer der 
römischen und italienischen cursive, nicht unbekannt 
sein konnte. Die Albanesen müssen somit von einer 
unter ihnen sesshaften römischen Bevölkerung die cur- 
siven zeichen recipirt haben. Ihre ersten schriftver- 
suche müssen rein römisch gewesen sein und dem 
gegischen norden angehört haben, der seit jeher dem 
römischen einflusse mehr ausgesetzt war. Auf beides 
deutet das sogenannte aiphabet Büthakukje's, das, fast 
durchwegs lateinisch (29 unter 31 zeichen), für einen 
gegischen dialekt adaptirt ist. Es ist wohl in keiner 
handschrift, aber in einem zustande überliefert, in dem 
es ernster paläographischer vergleiche fähig ist. Die 
entlehnung des^ aus der bosnischen cyrillica, der aus 
sg bestehende au.sdruck für z, deuten auf einen gebrauch 
in einer nördlichen gegend Albaniens und auf jüngere 
berührungen mit Dalmatien. Mit uralten tiefen wurzeln 
ist trotz aller äusseren Verschiedenheit dies aiphabet 
mit der schrift von Elbassan verwachsen. 'C, wird in 
beiden alphabeten durch eine römische, nur wenig dif- 
ferenzirte «/-ligatur bezeichnet; das schwache r von 
Elbassan, das aus sprachlichen und graphischen gründen 
ein römisches n war, ist hier in derselben form und in 
der alten geltung n erhalten ; kj und eine ganze reihe 
anderer zeichen beider albanesischer alphabete, sind 
nur dissimilationen, welche sich innerhalb der römi- 
schen cursive auflösen; ts (tz) wird in beiden alpha- 
beten und von den albanesischen Schriftstellern des 
17. Jahrhunderts durch dieselbe ligatur wiedergegeben. 
Manche erscheinungen spielen bis in die glagolica 



176 



hinüber: die echt aibanesische Verwechslung der laut- 
werthe m und b verbindet unter raannigtachen graphi- 
schen berührungen Büthakukjc's zeichen mit dem el- 
bassaner und glagolitischen aiphabet-, das assibilirte c, 
slavisch dzelo, wird in allen drei schriften durch ab- 
arten desselben römischen d bezeichnet. Nur das be- 
streben, die glagolitische frage auf einem womöglich 
sichern boden zu lösen und alle ihre einzelheiten nur 
mit handschriftlich belegten formen zu behandeln, hielt 
mich davon ab, dem alphabcte Büthakukjc's einen 
auch nur unbedeutenden einfluss auf unsere graphi- 
schen vergleiche einzuräumen. Dies eine zwar glaubte 
ich hervorheben zu düi-fen, dass die eigenthümliche 
kalligraphische stylisation dieser zeichen ein beweis 
sei, dass die römische cursive schon von Albanesen 
in einer weise geschrieben werden konnte, die das 
überlieferte verschlungene kalligraphische äussere der 
glagolica einleitete: doch glaube ich auch hier gezeigt 
zu haben, dass unsere erklärung der glagolitischen 
Schlingenbildung auch von der schrift jenes Albanesen 
unabhängig ist. Sonst fanden wir in Büthakukje's ai- 
phabet vielfach anklänge an die allerjüngste römische 
und italienische cursive der letzten Zeiten, so dass sein 
äusseres im ganzen jünger ist als das des elbassaner, 
das wir durchwegs an die schrift der ravennater Ur- 
kunden anlehnten. Wir wissen, dass die letzten kaum 
in betracht zu ziehenden Überbleibsel der römischen 
cursive in Süditalien im 11. Jahrhundert verschwanden, 
und wollen die möglichkeit einer späteren künstlichen 
antiquarischen Zusammenstellung der zeichen Bütha- 
kukje's aus römischer cursive nicht einmal in eine 
ernstliche erwägung ziehen. Dasselbe gilt für die 
römischen demente von Elbassan. Alles hängt von der 
richtigkeit unserer einzelnen vergleiche ab; können wir 
auf den beweis des Zusammenhanges der albanesisclien 
Schriften mit der glagolica vertrauen, so sorgen die 
glagolitischen originale des 10. — 11. Jahrhunderts selbst 
für das noch höhere alter der albanesisclien alphabete. 
Für uns bleibt das aiphabet Büthakukje's in seinem 
verhältniss zum elbassaner und zu der von diesem 
wieder im einzelnen abweichenden glagolica ein un- 
schätzbarer beweis, dass die römische cursive der alba- 
nesischen spräche in mehreren redactionen angepasst 
wurde. 

Weiter gegen Süden, an der via Egnatia in Mittel- 
albanien, unterlag eine albano-römische cursive dem 
näheren griechischen einflusse. Aus der elbassaner 
schrift selbst heraus lässt sich der beweis erbringen, 
dass sie ursprünglich nur aus römischen zeichen be- 
stand. Ihr grundstock ist römisch, etwa 30 zeichen 
luiter 52, nur zehn griechisch, da stigma und omega 
unnöthige und gewiss jüngere entlehnungen sind; t wurde 
erst nachträglich dem jüngsten griechischen minuskel- 
ductus angepasst, die glagolica und die aibanesische 
ligatur TC7 selbst stellt es als ursprünglich griechisch 



hin ; sonst bleiben nur mischformen übrig, zur hälfte 
griecliisehe und lateinische ligaturen: v^, v-jj, aa, vjav. 
Ganze ligaturen wurden aus der römischen cursive 
herausgehoben und zu einfachen zeichen gestempelt: 
für den laut des griech. 'Q wurde eine Verbindung sj 
gewählt, was sehr bezeichnend ist, da man annehmen 
sollte, dass ein griech. ^ näher gelegen wäre; ein zweites 
sj für ä, dann kj, hartes l (= 11), -jj, ttcj, tg, da. Eine 
griechische ligatur wurde nirgends verwendet. Gerade 
die charakteristischen laute sind durch römisches ma- 
teriale ausgedrückt: £ schwach r S u (ü) a d i^ tct di. 
Selbst y,ff und xs sind ungriechisch. Die aufnähme 
der griechischen demente lässt sich fast in jedem ein- 
zelnen falle als eine Weiterbildung der schrift, als ein 
späterer orthographischer fortschritt erweisen, der eine 
unvoUkommenheit des zeichenärmeren römischen alpha- 
betes beseitigte. Die grosse anzahl der albanesischen 
hauchlaute veranlasste die aufnähme des griech. ■/. 
Sprachliche processe sind mit den griechischen recep- 
tionen A-erflochten. Als ein latein. n die geltung schwach 
r bekam, schritt man zur aufnähme eines neuen, des 
spitzigen griech. v des 8. Jahrhunderts. Ursprünglich 
galt latein. d auch den Albanesen d (noch jetzt in der 
ligatur da, gewendet dz, neugriech. 5); in freier Stellung 
w^urde ein neues d aus griechisch lambda geschaffen. 
Weil latein. m als ü gesetzt wurde, wurde für den laut u 
ein griechisches ii-zeichen des 7. Jahrhunderts, ö, auf- 
genommen. Griechisches assibilirtes ih wurde durch 
das bedürfniss selbst aufgedrängt, weil die lateinische 
schrift nichts entsprechendes darbot (auch Büthakukje 
bietet nur dieses einzige griechische zeichen). Wir 
wissen nicht, aus welchem gründe die elbassaner schule 
die römischen zeichen / und *• (die Büthakukje noch 
hat) fallen Hess. Der acut, das hauch-, längen- und 
nasalzeichen sind durchwegs mittelgriechischer herkunft, 
die zur feineren ausbildung der albanesischen Ortho- 
graphie ungemein viel beigetragen haben. Wir haben 
es mit einem werte mit einem processe zu thun, der 
analog ist dem übergange einiger glagolitischer zeichen 
in die cyrillica. Auch hier bot sich durch eine berüh- 
rung mit einer zweiten schrift der anlass von selbst dar, das 
anfänglich unzulängliche zeichenmateriale zu vervoll- 
ständigen. Die griechischen demente sind unter die römi- 
schen wahrscheinlich su.ccessive aufgenommen worden. 
Einige, wie das punktirte ö, das alban./ (= griech. ß) 
können nur der ältesten schichte der griechischen mi- 
nuskdcursive des 7. Jahrhunderts angehören, die der 
schrift der ravennater Urkunden zeitlich nahe steht, 
während wir das spitzige v für jetzt nach Gardthausen's 
entdeckung nur dem 8. Jahrhundert zuweisen können, 
ganz abgesehen von den jüngsten einflüssen griechischer 
schrift, welche sich die formen des p und t vollkommen 
assimilirten. Der ganze historische aufbau der elbassaner 
zeichenreihe ist ein bild einer tiefen natürlichen ent- 
wicklung, welche wohl ihresgleichen in der geschichte 



177 



anderer «alphabete sucht. Diese schrift war in einer 
fortwährenden bewegung, wie die laute, die sie bezeich- 
nete. Wenn man das lautsystem des albanesischen 
durch einige kräftige striche anderen sprachen gegen- 
über charakterisiren wollte, man konnte der aufgäbe 
durch blosse anführung der jetzigen und einstigen 
graphischen werthe der albanesischen zeichen genügen. 
Die Verwandlung des n in *•, des u in w, das schwanken 
des d und l, der labialen m b mb, der Übergang der 
dentalen media in dz (o), die Verdrängung des g durch 
einen hauchlaut, die eigenthümliche, vom sanskrit und 
slavischen zumeist verschiedene entstehung des ü und 
g aus t und i, d und s, des c-lautes aus t und s, das 
zurückgehen des i auf i, der etymologische Untergrund 
k und j für die graphischen neubildungen $ und 31, 
combinationen wie vd v^ v^j sind in der that die cha- 
rakteristischen merkmale und Vorgänge deralbanesischen 
laute, während alle diese erscheinungen selbst in der 
an der spräche fortgeschrittenen schrift auf die treffend- 
ste weise veranschaulicht sind. Wir können Hahn ohne 
sonderliche beschränkung recht geben, wenn er die 
elbassaner schrift mit ihren 52 zeichen die reichste 
der buchstabenschriften nennt. Selbst der ausschluss 
des omega und stigma wird ersetzt durch die aus der 
glagolica zu erschliessenden zwei nasalzeichen, die einst 
unter ^av und vjsv in der reihe standen; wahrscheinlich 
besass die elbassaner schrift einst auch eine ligatury« 
(P"), vielleicht auch je des zogr., wenn es von allem 
anfange an eine ligatur gewesen sein sollte, und eine 
ziemlich selbstständige abart des jetzigen dS, das gla- 
golitische M. Dann überragte diese schrift seit jeher 
die anzahl der zeichen des griechischen oder lateinischen 
alphabets um das doppelte, und dieser reichthum 
ergab die mannigfaltigsten Wechselbeziehungen der 
zeichen und laute. Mit diesem alphabete könnten alle 
albanesischen dialekte geschrieben werden; in seiner 
orthographischen anwendung überragt es weit zwanzig 
alte und neuere versuche, das albanesische zu schreiben 
(D. Camarda, A Dora d' Istria, pag. 9 — 10), selbst 
die mit sprachwissenschaftlichen mittein hergestellten 
transcriptionen Hahn's und C'amarda's nicht ausge- 
nommen. Welche Orthographie einer modernen euro- 
päischen spräche kann sich mit seinem tausendjährigen 
alter messen? Wenige mögen es an Vollkommenheit 
und durchbildung übertreffen, während die anforde- 
rungen des albanesischen lautsystems gewiss nicht ge- 
ringe waren. So überraschend es auch sein mag, dass 
einst der spräche des jetzt vielleicht rohesten volkes 
von Europa eine solche vollkommene schrift und Ortho- 
graphie zu theil wurde, und dies sogar lange vor einer 
zeit, ehe die neueren europäischen sprachen mit ihren 
ungefügen mittelalterlichen rechtschreibungen wieder- 
gegeben wurden, so stelle ich doch meine ansieht ruhig 
einer billigen betrachtung anheim, die alle einzelnen 
thatsachen zusammenfassen wird. Was europäische 

G eitler. Die albanesischen und slavischen Schriften. 



Schreiber, welche das lateinische aiphabet auf die na- 
tionalsprachen übertrugen, so ziemlich erst im 15. Jahr- 
hundert erreichten, die äussere graphische scheidung 
von » undy, haben die Albanesen mit demselben latei- 
nischen materiale längst vor der entstehung der gla- 
golica zu Stande gebracht. Wir haben spuren entdeckt, 
welche darthun, dass diese vollkommene schrift schon 
durch den verfall der spräche geschädigt und überholt 
wurde. Durch den Übergang nasaler laute in längen 
wurden auch die alten nasalzeichen, deren eines die 
glagolica bewahrte, in der schrift vernachlässigt und 
durch ein schon früher bestehendes überzeiliges mittel 
ersetzt. Keiner der bekannten albanesischen dialekte 
weist eine solche fülle von hauchlauten auf, welche 
sich mit den betreffenden zeichen von Elbassan voll- 
kommen decken würde. Die reihe, die anordnung des 
alphabets verräth eine tiefe Überlegung in graphischer 
und lautlicher beziehung; es ist ganz unmöglich, die 
entstehung dieser schrift in jene culturelle bedingungen 
zu versetzen, welche durch die Türkenherrschaft der 
letzten Jahrhunderte geschaffen wurde, da selbst das 
notorisch alte schriftthum der übrigen Balkanvölker 
einem grenzenlosen verfalle preisgegeben war. Schon 
die thatsache allein, dass in der bisher fast unbekannten 
elbassaner schrift gewissermassen eine neue abart einer 
lateinischen nationalschrift entdeckt wurde, die mehr 
der römisch - cursiven demente bewahrte als irgend 
eine andere, muss ihr fortan ein besonderes Interesse 
in der paläographie verleihen. Vom sprachwissenschaft- 
lichen Standpunkte mag man einige lautliche ergebnisse 
unserer graphischen vergleiche, der elbassaner zeichen 
mit den mutterschriften und der glagolica beachten: 
es ergab sich, dass die albanesische spräche schon vor 
tausend jähren die laute 93s «, assibilirtes th und d, 
-G und de, das weiche kj, den unterschied der zwei r, 
die nasale besass, n — -r und die labialen verwechselte. 
Die griechischen cursiven demente konnten mit 
den römischen, der ähnlichkeit halber, sehr leicht zu 
einer neuen schrift verfliessen. Wir entnahmen aus 
den vergleichen mit der glagolica, dass die elbassaner 
schrift vor dem 9. Jahrhundert einer cursive in bezug 
auf verbindbarkeit und schwanken der flüchtigen ab- 
arten näher stand. Ihr jetziger starrer charakter ist 
das ergebniss einer einseitigen stylisirung und sdection 
der kleineren einst neben einander liegenden abarten 
desselben Zeichens. Diese schrift veränderte ganz ent- 
gegen der glagolica und anderen Schriften den ductus 
der mutterzeichen nicht; sie hat keine kalligraphischen 
neigungen, keine secundären Ornamente, die buchstaben 
wurden nicht eckiger, nicht runder, ja sogar die rela- 
tiven grössenunterschiede der zeichen blieben bestehen, 
fast alle ober- und Unterlängen sind mit grosser Zähig- 
keit erhalten. Wenn es albanesische zeichen gibt, die, 
von absichtlichen Veränderungen der läge abgesehen, 
irgendwie von der mutterform abweichen, so war es 

23 



— 178 



nicht die band der Schreiber, welche sie verzerrte oder 
verschönerte, sondern die unausbleibliche abschleifung, 
die altersschwache der zeichen selbst. Der grundzug 
blieb derselbe, ein h k j i wird wie in den raven- 
nater Urkunden geschrieben, nur der frische zug der 
cursive ging ganz verloren. In diesem seltenen con- 
servatismus liegt der werth dieser zeichen für den 
vergleich. Würden sie einer der glagolica nur beiläulig 
ähnlichen Verwandlung unterlegen sein, wir hätten auf 
die lösung der glagolitischen frage für immer ver- 
zichten müssen. Ein wichtiges criterium für das ver- 
ständniss des historischen aufbaues des elbassaner al- 
phabets und seiner tochter ist die innige durchdrin- 
gung römischer und griechischer schrift. Sie äussert 
sich in gemischten ligaturen, z. b. vj; römische zeichen 
gehen mit dem asper neue Verbindungen ein; ein rö- 
misches 10 kann nur unter der bedingung als jii- gesetzt 
worden sein, wenn man gelegentlich auch den punkt 
über dem griech. ö (= cu) auf ein formell gleiches 
römisches o setzte; einzelne römische zeichen werden, 
wenn es die tigur erlaubt, gräcisirt, die ganze glago- 
lica wird schliesslich dem ductus der griechischen mi- 
nuskel angeglichen. 

Die abzweigung der glagolica ist das letzte be- 
kannte ereigniss in der geschichte der elbassaner schrift, 
die kluft der folgenden Jahrhunderte können wir ebenso 
wenig überbrücken wie die politische geschichte. Den- 
noch würden wir wünschen, dass uns die letztere in 
Albanien so klar wäre wie die entwicklung der schrift. 
Im 13. Jahrhundert machte die römische kirche in 
Mittel- und Nordalbanien besondere fortschritte. Schon 
damals mögen ihre missionäre jene italienische Ortho- 
graphie eingeführt haben, die der benachbarten dal- 
matinisch-croatischen ähnlich ist (sg = z), während man 
vielleicht von den älteren albanesischen Schriften ein- 
zelne gewolinheiten und zeichen annahm. Die elbas- 
saner schrift war aller Wahrscheinlichkeit nach für 
einen mittelalbanesischen, stark gegischen dialekt mit 
nasallauten adaptirt und wird wohl nie über ihre enge 
heimat hinausgegrififen haben. Wir wissen nicht, ob 
sie vorzüglich bei Katholiken oder Orthodoxen heimisch 
ist, da auch Hahn nichts über den charakter der doch 
kirchlichen zwecken dienenden gegischen fragmente 
berichtet. Die allernächste umgegend von Elbassan 
war noch vor wenigen decennien katholisch (Hecquard, 
La haute Albanie, pag.2G4). Ein fünftel der 20.000 seelen 
Elbassans sind orthodox, aber noch jetzt beginnen die 
dörfer der katholischen Gegen bei dem orte Gherabi. 
Die durch Bogdan und Blanchi eingeleitete literarische 
thätigkeit des 17. Jahrhunderts galt Katholiken. Man 
wird die seit jeher katholische nördliche Gegerei mit 
historischen nachrichten verbinden müssen, nach welchen 
iu der landschaft Dioclea, in der Slaven und Alba- 
neseu umfassenden, bis an den Schkumbi reichenden 
metvopolie Antivari im 11. Jahrhundert der katholicis- 



mus ausschliesslich herrschte, um sich mit dem 
gedanken zu befreunden, dass die glagolica vom süden 
zu den katholischen Küstencroaten gelangen konnte 
(Golubinskij, Oöerk, historii pravoslav. cerkvej, pag. 
448, 529 — 530, 548). Das dunkel der älteren politischen 
und kirchlichen geschichte Albaniens lastet schwer 
auch über unseren forschungen. 

Als die Slaven den Balkan einnahmen hatten sie 
keine schrift und keine runen (die überhaupt bei ihnen 
nicht nachweisbar sind). Wenn wir die geographische 
ausbreitung aller Slaven im 8. — 9. Jahrhundert über- 
blicken, so wird es wahrscheinlich, dass auf dem ganzen 
weiten gebiete die natürlichen bedingungen zur recep- 
tion beider slavischer Schriften nur bei dem bulgari- 
schen Volksstamme gegeben waren. Nur hier berührten 
sich slavische stamme mit einer entschieden älteren 
cultur auf eine innige weise. Lange vor jener zeit, in 
welche wir auch nur die problematischen anfange der 
glagolica versetzen, war Macedonien von Slaven über- 
füllt. Als altes sesshaftes und christliches volk müssen 
ihnen die Albanesen in mancher beziehung über- 
legen gewesen sein, aber sie wichen vor ihrer kriege- 
rischen und politischen Organisation. Ganz Albanien 
und Thessalien wurde zu einem vielfach durchbrochenen 
ethnographischen gebiete, wo sich Slaven und Alba- 
nesen in jeder stadt, in jedem dorfe trafen. Albane- 
sische Städte Ochrida, Berat, Glavinica (xs^aX-z^vca), Ka- 
nina, Dyrrhachium, Antivari treten in die kirchliche 
und politische geschichte der Slaven ein. Zu anfang 
des 11. Jahrhunderts, als Dyrrhachium unter dem sla- 
vischen dynasten Vladimir aufblühte, musste das sla- 
vische dement in Mittelalbanien sehr stark gewesen 
sein. Das ganze land nahm bulgarische rechte und 
gewolinheiten an (Makusev, (J Slavjanach v Albanii). 
Die geographie Thessaliens und der abgelegensten 
winkel des Kurwelesches, der Mirediten wimmelt von 
slavischer nomenclatur (Hahn , Alb. Stud. 334 — 335). 
Mittel- und Südalbanien hatten im 10. Jahrhundert eine 
beinahe ganz slavische bevölkerung, Janina noch im 
14. (Fallmerayer, Das alban. dement I, 20, 21), die 
landschaft Scutari zu einem drittel noch im 15. (Ma- 
kusev, pag. 150.) Unter solchen ethnographischen Ver- 
hältnissen kann man die frühzeitige reception einer 
albanesischen schrift von seite der Slaven annehmen, 
auch ohne an das bestehen einer geregelten slavischen 
liturgie in dem übrigens schon christlichen lande zu 
denken, da in einer so gemischten bevölkerung die 
mannigfachsten anlasse für ihren gebrauch gegeben 
sein konnten. Schwerlich wird man in der geschichte 
anderer Schriften ein zweites beispiel finden können, 
wo ein Übergang eines alphabets von einem volke zum 
andern bei gleich grosser fremdartigkeit ihrer beiden 
sprachen mit solcher leicSltigkeit vor sich gehen konnte 
wie zwischen Albanesen und Slaven. Fast die ganze 
damalige elbassaner schrift wurde herübergenommen, 



179 — 



sie genügte slavischen zwecken ohne besondere ortho- 
graphische adaptirung. Für die eigenthümlichsten sla- 
vischen laute standen die zeichen bereit, für z z h und 
j, dzelo und dja; c c s st wurden ursprünglich auf 
albanesische weise bezeichnet, bis sie durch die cyril- 
lischen entlehnungen verdrängt wurden, was sich ins- 
besondere für i und H aus der glagolica selbst klar 
nachweisen iässt; man fand ein nasalzeichen, einen für 
jer geeigneten ausdruck, eine combination für jery, die 
ligatur ju (vielleicht auch je des zogr.) und schliess- 
lich eine Verbindung, die für jq geeignet befunden 
wurde. Dies ist der kern aller Schwierigkeiten, der 
sich der fixirung einer jeden slavischen Orthographie 
zu allen zeiten entgegenstellte, der gleich zu anfang 
von den Macedoslaven mit einer leichtigkeit über- 
wunden werden konnte, die keiner zweiten slavischen 
Orthographie zu geböte stand. Man denke an die be- 
schränktheit der mittel, an die rohheit, aus der sich 
die westslavischen Orthographien emporarbeiten mussten. 
Bedeutend grössere hindernisse hatte auch ein anderer 
theil des bulgarischen volkes zu bewältigen, der die 
zeichenarme griechische unciale slavischen zwecken 
adaptirte. Die alte cyrilJica war, ehe sie glagolitische 
zeichen entlehnte, in der that eine unvollkommene 
Schrift. Die ethnographischen Verhältnisse Mittelalba- 
niens im 8. — -9. Jahrhundert und die leichtigkeit der 
Übertragung einer schrift, in deren anfangen das ein- 
greifen eines orthographischen reformators oder heiligen 
unuöthig war, sind die einfachsten thatsachen, welche 
uns die entstehung der glagolica erklären. Die recep- 
tion muss über einen grösseren räum verbreitet gewesen 
sein. Nichts deutet in der glagolica darauf hin, dass 
sie gleich anfänglich durch eine bewusste auswahl der 
mutterzeichen festgestellt wurde. Ueberall bemerkten 
wir eine totale abhängigkeit von der mutterschrift, 
Schwankungen und doppelzeichen, deren nebeneinander- 
liegen wir uns nur dadurch erklären konnten, dass 
theilweise verschiedene Schreibergewohnheiten bei einer 
schlussredaction, die nach den cyrillischen entlehnungen 
und mit der kalligraphischen Umwandlung stattfand, 
vereinigt wurden. Zuerst wird sich die schrift unter 
slavischen bänden durch bevorzugung gewisser zeichen, 
durch hinneigung zum griechischen einflusse und 
äusserlich durch das häufigere anwenden alter cur- 
siver schlingen von ihrer mutterschrift abgehoben 
haben. Ihre darauf folgende, schnell durchgeführte 
kalligraphische umkleidung zerstörte auch diesen Zu- 
sammenhang für immer, und schon den ältesten gla- 
goliten des 10. Jahrhunderts muss sie als ganz selbst- 
ständige, ihrer herkunft nach dunkle schrift gegolten 
haben. 

Die wechselseitige entlehnung von zeichen 
in beiden slavischen Schriften, die daraus sich ergebende 
ausgleichung ihrer inneren Organisation und Orthographie, 
ist die weitaus wichtigste thatsache in der slavischen 



Schriftgeschichte, von deren datirung alles andere auch 
bei allen künftigen forschungen abhängen wird. Wir 
glaubten sie am besten mit der einwanderung der schüler 
Cyrills nach Macedonien zu verbinden, weil wir keinen 
zweiten punkt in der geschichte finden können, wo die 
bedingungen des zusammenstosses der beiden Schriften 
in geeigneterer weise gegeben wären. Die thatsache der 
wechselseitigen berührung der beiden Schriften fordert 
uns auf, vorerst ein land zu finden, wo dies geschehen 
konnte, es ist durch die geographische läge der alba- 
nesischen mutterschrift wenigstens von seite der gla- 
golica aus im voraus bestimmt; zweitens einen Zeit- 
punkt, an den sich die ganze folgende geschichte der 
beiden schriften in befriedigender weise anschliesst und 
der zugleich jenem zustande genügt, in dem sich die 
beiden schriften vor ihrer berührung befanden. Halten 
wir an dem paläographischen resultate fest, dass sich 
die cyrillica nur mit einer solchen bei einem slavi- 
schen stamme bestehenden schrift berührte, die noch 
rein albanesisch war, nicht verschlungene glagolica in 
unserem sinne. Eine solche schrift kann bis dahin 
ihre enge mittelalbanesische heimat nicht überschritten 
haben. Hatte also zur zeit Kliments irgend ein nicht- 
macedonischer stamm eine schrift, ist durch ihn und 
seine mitarbeiter erst eine slavische literatur nach Mace- 
donien gekommen, so konnte diese nur cyrillisch ge- 
wesen sein. Die dunklen stellen im leben Kliments, 
die Unsicherheit des datums der antretung seiner bi- 
schofswürde haben wir erwogen, dennoch bleibt unsere 
datirung der berührung beider schriften als der wahr- 
scheinlichste versuch übrig, die ideelle, ganz unab- 
hängig auf graphischem wege gefundene aufeinanderfolge 
der entwicklungsphasen der schriften zu den histori- 
schen thatsachen herabzuziehen. 

Das geographische verbreitungsverhältniss, in wel- 
chem die beiden schriften, nachdem sie schon in den 
uns überlieferten zustand eintraten, in Bulgarien einst 
zu einander standen, wird sich auch durch lautge- 
schichtliche erörterungen aufhellen lassen, welche wir für 
eine besondere arbeit über die heimath der alten slavischen 
spräche aufsparten. Die ältesten ausschlaggebenden 
cyrillischen denkmäler kennen kein dzelo im geraden 
gegentheile zu den glagolitischen; die cyrillischen schrift- 
bildner hörten in dem nasale q ein ah, die glagoliti- 
schen ein on; das r des codex sup. ist ein mouillirtes g 
(lit. gi), während das analoge glagol. A? ein echter pa- 
lataler laut (serb. dj) ist. Das sind tiefe dialektische 
Verschiedenheiten, welche mit den alphabeten selbst 
verwachsen sind, und für welche der boden gefunden 
werden muss, auf dem sie bestanden. 

Waren aber die anfange der im räume getrennt 
und unabhängig von einander entstandenen schriften 
schon vor Cyrill vorhanden und dazu noch in älteren 
redactionen, zwischen denen gar keine Wechselbeziehung 
zu entdecken ist, so hat die frage, welche von ihnen 

23* 



180 — 



dennoch älter ist, die ihr früher angemassto bedeutung 
verloren. Ihre anfange verlieren sich in der vergangen- 
heil ihrer ungleich älteren mutterschriften. Dies eine 
steht allerdings sicher, dass die cyrillica in einer früheren 
redaction schon ein vehikel einer ganzen liturgischen 
literatur war, als die spätere glagolica noch nicht durch 
die kalligraphische umkleidung zur selbstständigen 
Schrift gediehen war, als sich die unter Albanesen 
wohnenden Slaven noch nothgedrungen einer albane- 
sischen und nicht, was später geschah, einer der cyril- 
lischen nachgeahmten orthograpliie bedienten. Man hat 
das alter der glagolica im vorhinein überschätzt, weil 
mau zu viel hinter ihren mystischen zeichen ver- 
muthete. Und auch ihre bedeutung: immer blieb sie 
auf wenige gegenden Südwestmacedoniens beschränkt, 
und auch in Croatien eroberte sie nur einen winzigen 
küstensaum und einige inseln. Nie wurde sie das Ver- 
bindungsmittel grosser Staaten, wie die cyrillica, zu 
deren künftiger bedeutung als herrschender schrift 
gleich zu anfang grosse gelehrte männer den grund- 
stein legten. So könnte man durch blosse rückschlüsse 
ahnen, welcher schrift sieh Cyrill und seine schüler 
bedienten. Wohl rankte sich die alte, noch rein grie- 
chische cyrillica erst durch entlehnung einiger glago- 
litischer zeichen zurjetzigen Vollkommenheit empor ; aber 
dann sehen wir wieder, wie ängstlich sich die glagolica 
nach dem muster der Schwester organisirt, dass es nicht 
zwei, sondern nur eine slavische Orthographie gibt, die 
cyrillische, die ältere, das muster. Die intensive lite- 
rarische thätigkeit, die Kliment in Macedonien schuf, 
musste geradezu der geistige anstoss gewesen sein, der 
aus der ungeordneten albanesischen cursive die ver- 
schlungene glagolica machte. Die cyrilliten lieferten 
die originale, der ganze glagolitismus ist eine abschrift. 
Unsere glagolica ist in bezug auf den äusseren 
Charakter und alle Schreibergewohnheiten der soge- 
nannten mittleren griechischen minuskel, 924 — 1027, an- 



geglichen. In die zweite hälfte dieses Zeitraumes fallen 
auch sämmtliche ältere handschriften, was wir unter an- 
derem aus der linirung und den Ornamenten zu bewei- 
sen trachteten. Man ist bekanntlich überhaupt nicht ge- 
neigt, ein sprachlich ganz tadelloses denkmal auch nur 
in das ende des 11. Jahrhunderts zu versetzen. Wenn 
wir nun sehen, wie sich unsere macedo-glagolitischen 
handschriften gegen das ende des 10. Jahrhunderts zu- 
sammendrängen und die 2. hälfte des 11. nicht er- 
reichen, so ist es der erwägung werth, dass der bei- 
läufige endpunkt ihres erscheinens mit dem grossen 
Sturze der bulgarischen herrschaft in Macedonien 1019 
zusammenfällt. Nicht die spräche hat durch jenes ge- 
waltige ereigniss, wie man annahm, einen stoss be- 
kommen, gewiss aber das schriftthum. Es scheint, 
dass die glagolica schon im 12. Jahrhundert in ver- 
fall gerieth. Ihre letzten Schicksale theilte diese west- 
macedonische schrift mit ihrem volke. Schon im 13. Jahr- 
hundert wird das slavische dement zurückgedrängt 
und von den Albanesen in einer beispiellosen weise 
geknechtet (im 14. Jahrhundert selbst durch allgemeinen 
sclavenhandel; Makusev, O Slavjanach v Albanii), und 
das ist neben dem überhandnehmen der handlicheren 
cyrillica der hauptgrund ihres verschwindens. An die 
slavische übertluthung Mittelalbaniens ist ihre ent- 
stehung, an das historisch ebenso gut bezeugte zurück- 
wogen des Amanten ihr aussterben geknüpft. Jetzt ist 
der ganze Epirus albanesisch, Ochrida und der östliche 
Strand des sees von schwachen slavischen minoritäten 
besetzt und selbst die östlicher gelegene umgegend 
Bitoliens von Wlachen durchbrochen. 

Die glagolica ist wohl eine der letzten Schriften, 
der die Wissenschaft ihre stelle in der genealogie der 
phönicischen alphabete zuweist. Wir wollen nach 
dem beispiele anderer paläographen die herstellung 
ihres Stammbaumes im Verhältnisse zur cyrillica ver- 
suchen. 



Stammbaum der albanesischen und slavischen Schriften. 



Jüngere römische cursive 
des 6. — 7. jahrh. 



griechische iinciale und 
capitale 



alte reingriechische cyrillica 

vor 863—886 

I 



Kliments glagolitisirte schrift 
nach 886 -< 



griech. ciu'sive des 
6. — 8. jahrh. 



altalbanesische-römische 
s ehr ift 



serb. bosnische 
Schrift 
unsere redaction 
der bulg. cyrillica 



alte albanesische mutter- 
schrift der glagolica — 



alte kalhgraphisch unver- 
änderte glagolica seit dem 
8. jahrh. bis 886 



cyrillisirte runde verschlun- 
gene bulgarische glagolica 
nach 886—924 



r 



y 



V. 



"^ 



-Büthakukje's aiphabet 



-Hahn's schrift von 
Elbassan 



1 altcroatische schrift | 

alte majuskel vor 924 — 1200 minuskel 



russische cyrillica 



croatische majviskel 
seit 1248 



croatische cursive des 
14. jahrh. 



Bemerkung'en zu den proben g-lagolitischer schrift.*) 



a) Runde bulgaiisclie glagolica. 

Evangelium assemanianum. Unser erstes facsi- 
mile ist die letzte seite des codex, es beginnt mit den 

c 

weiten: iiTf rcciiCAfKH nli ^\0 CTßopH rk. Der text 

tindet sieh in der ausgäbe von Kaöki (Assemanov evan- 
gelistar, Agram, 1865) auf pag. 210, in der ausgäbe 
von Crnöic (Assemanovo evangjelje, Rom, 1878) pag. 179. 
Das zweite taesimile ist seite 130b des codex, in der 
ausgäbe R. pag. 168, bei C. pag. 146; es beginnt mit 
den Worten: H HHKTC/Kf m K-kcTTv kto .... Das dritte, 
seite 13yb des Originals: 0CTaK<\mn6 rp-k^O/VX-K .... bei 
R. pag. 179, bei C. pag. 154. Auf dieser seite, zeile 8, 
betindet sieh das §. 144 behandelte, überaus seltene 
zeichen für h, im worte jfA'K/M'k. 

Evangelium Grigoroviö. Das in Moskau auf- 
bewahrte, nach dem bekannten entdecker glagolitischer 
handschriften, V. J. Grigorovic, benannte tetraevange- 
lium zählt 171 blätter, von denen bisher nur einige 
theile bekannt wurden. (Vgl. Sreznevskij Drevnie gla- 
goliöeskie pamjatniki 91.) Das ganze evangelium Lucas, 
110 Seiten, erschien lithographirt auf kosten der gesell- 
schaft der freunde des alten russischen schriftthums, 
ein in anbetracht der Seltenheit alter glagolitischer 
Schriftproben sehr brauchbares lesemateriale. Zwei 
blätter dieses codex, aus welchem die zwei selten un- 
seres facsimiles stammen, betinden sich im besitze des 
herrn von Miklosich. Es beginnt mit den werten: TO 

Ha T/Ä OCXaKH TS>\f A'^P""* TBOil. 

Euchologium sinaiticum. Die am berge Sinai 
befindliche handschrift zählt 1Ü6 blätter. Die einzelnen 
quaternionen sind nach art der alten handschriften mit 
fortlaufenden ziffern versehen. Man ersieht aus der 
ersten derselben, 8^20, dass bloss am anfange neun- 
zehn quaternionen fehlen, während der schluss dei- 
handschrift ebenfalls verloren ging. Die schrift ist zier- 
lich, gleichmässig und auffallend klein. Eine menge 
farbenprachtiger initialen und Ornamente macht diese 
handschrift zu einem muster alter glagolitischer kalli- 
graphie (vgl. §. 157). Neben der kleinen textschrift 



erscheint in den überaus häutigen aufschriften eine hohe 
steife majuskel, welche mit derselben Schriftart des 
glagolita-clozianus verglichen werden kann. (Siehe das 
facsimile in Kopitar's glag. cloz.) Die buchstaben stehen 
consequent auf den eingeritzten linien, woraus wir 
nach der analogie griechischer minuskelhandschriften 
schliessen, dass der codex in das 10. Jahrhundert zu 
versetzen ist, §. 161. In bezug auf einzelne buch- 
staben bemerke ich: € zeigt meistens eine ganz eckige 
geradlinige gestalt (vgl. §. 160); 8 wird als majuskel 
birnförmig, §. 131; 8 sieht auch manchmal so wie 
in junger croatischer eursive aus (vgl. §. 93). Sehr 
wichtig ist das dreimal als initiale erscheinende, von 
jeder glagolitisch -kalligraphischen Umwandlung unbe- 
rührte T (vgl. §. 127, sowie unser facsimile). "V hat 
einen auffallend langen rechten arm (vgl. §. 139). Im 
gegensatze zu fast allen anderen glagolitischen denk- 
mälern besitzt dieser codex ^ (^) nicht als lautzeichen, 
sondern nur als ausdruck der zahl (8). Das aus drei 
blättern bestehende fragment des sogenannten sluzebnik 
(Sreznevskij, Drev. glag. pam., pag. 243, dazu fac- 
simile XI Va und b) ist nach meiner ansieht nur 
ein theil unseres euchologiums. Alle besonderheiten 
der schrift, alle äusseren eigenschaften, format, anzahl 
und länge der Zeilen, interpunction und Orthographie, 
stellen das von Sreznevskij mitgetheilte facsimile, den 
unrichtig so benannten sluzebnik und das sinaitische 
euchologium als eine handschrift hin. Das fragment ent- 
hält unter anderem ein officium des heiligen Basilius, und 
ein solches officium war auch ein theil des griechischen 
euchologiums. Es wurde ebenfalls am Sinai vom archi- 
mandriten Porfirij Uspenskij vor dreissig Jahren ent- 
deckt, zu einer zeit, da die bibliothek noch nicht wie 
jetzt geordnet war, und es leicht geschehen konnte, 
dass einzelne blätter einer ganz losen handschrift an 
verschiedene orte zerstreut wurden. Eine ausführlichere 
beschreibung des euchologiums findet sich in der Vor- 
rede meiner ausgäbe des textes: Euchologium, Agrara, 
1882. Das hier vorliegende facsimile des euchologiums 
und die drei proben des sinaitischen psalters sind auf 



*) Unsere facsimile sind durch eine liclitdruckmethode (photographischer pressendruck) bei Max Jafi'(5 in Wien hergestellt worden ; 
die zweite probe des achridaner evangeliums ist eine Zinkographie. 



183 



grund von copien hergestellt, die ich selbst am Sinai 
zeichnete. Zum Studium der schrift empfiehlt sich eben 
auch das oben citirte facsimile des „sluzebnik". Unser 
facsimile, folium 17 b des Originals, beginnt mit den 
Worten: Fl Hcyt bäbii. i HcnAi^HH hbeIiI .... 

Zur abgerundeten Schriftart gehören ferner: der 
ältere theil des zographer evangeliums (vgl. die ge- 
lungenen facsimile der ausgäbe von V. Jagi6); das 
sogenannte „blatt Grigoroviö" (Sreznevskij, Drev. glag. 
pam., pag. 235, facs. XIII.); das ,,pouöenie Evrema 
Sirina" aus Macedonien, ein fragment, pag. 220, facs. 
XII ibid.; endlich ein kaum handgrosses fragment, das 
in Pest aufbewahrt wird, in welchem dr. Fr. Racki 
ein glagolitisches typikon zu erkennen glaubt, und der 
griechische kaufcontract von Hierisso (Chalcidike, a. 982) 
mit den glagolitischen Unterschriften. Der von Gri- 
gorovic im kloster Bojana (bei Sophia in Macedonien) ent- 
deckte palimpsest und zwei andere glagolitische blätter, 
die Tischendorff am Sinai fand (Miklosich, Formen- 
lehre in paradigmen, pag. XIV), sind der forschung 
noch nicht zugänglich gemacht worden. 

b. Buude croatische schrift. 

Die verstümmelte inschrift der stadt Veglia 
(insel Veglia, croat. Ki-k) ist an einer ecke des dor- 
tigen bischofsgebäudes eingemauert. (Vgl. auf unserer 
letzten tafel das an der rechten seite in der mitte be- 
findliche facsimile.) Die 31 überhaupt noch lesbaren 
zeichen, unter welchen einzelne figuren an rundung 
mit der schrift des asseman wetteifern, sind ein un- 
schätzbarer beweis, dass die glagolica nach Croatien 
in ihrer alten runden gestalt eingeführt wurde. Vom 
Standpunkte der entwicklung der schrift ist sie unzweifel- 
haft älter als die grosse inschrift von Baska. Wir lernen 
aus ihr, dass die ältesten croatischen schreiber den 
Bulgaren auch ein gewisses jer?/-zeichen (2. zeile; siehe 
§. 101), eine izica (3. zeile; vgl. §. 103) entlehnten, 
das sogenannte spätcroatische jer als i setzten, §. 91, 
ein eigenthümlicher form besassen (4. zeile; §. 84). 
Die singulare gestalt des b (4. zeile) lässt sich aus dem 
sinaitischen psalter u.nd anderen bulgarischen denk- 
mälern erklären, §. 120. Wir lesen nach Crnci6, wel- 
cher die inschrift entdeckte und Starine, tom. VII, be- 
handelte, 1. zeile: 3»ji,i\ /ua (HacTHpTi); 2. zeile: ondTiii 
pa . . . . ; 3. zeile: lOH'k pyroTa; 4. zeile: (ji,) OBpocA(a)Ba. 

c. Bulgarische übergaiigsschrift. 

Nachdem die älteste glagolica vorzüglich durch 
den einfluss der runden griechischen mimvskel und ihre 
neigung zur Schlingenbildung den im evang. assem. 
vorliegenden ductus angenommen, wurde sie schon in 
Macedonien allmälig eckiger und steifer. Man würde 
vielleicht geneigt sein, den glagol. clozianus noch unter 
die denkmäler runder Schriftart einzuordnen. Unter- 
sucht man aber seine züge schärfer, so ergibt sich so- 



gleich, dass seine schlingen abgestumpft sind, manch- 
mal sogar zu kleinen Vierecken werden; der körper 
des 2 ist rechteckig, der obere theil des l geradlinig 
zugeschnitten u. s. w. Dies sind die ersten leisen an- 
fange eckiger schrift. 

Das „pariser abecenarium" (12. Jahrb.), von dem 
sich ein gut gelungener stich in Kopitar's glag. cloz. 
findet, gehört zu dieser Schriftart. 

Psalterium sinaiticum. Das erste facsimile 
ist pag. 31 des Originals: CkKasaaii /UH (Ci häTH. Die 
zwei theile des 36 erscheinen noch getrennt geschrie- 
ben; in der aufschrift findet man die glagolitischen 
majuskeln T und B. Das zweite, pag. 216: TBOfro 
nor'KiKH&T'K KÄA' (iSvKA TKck. Das dritte, pag. 197: 
no^KHH<a ci/Ä I TpmtTkHa. In der aufschrift die ma- 
juskel M. 

Die zweite sinaitische handschrift befindet sieh 
in der jetzt geordneten bibliothek des klosters unter 
der Signatur „38. 'IXXupiy.öv liaAiviptov \|raaTHpii r/\arc>AH- 
HfCKarci nHCKiWa". Archimandrit Porfirij Uspenskij ent- 
deckte zuerst die handschrift im jähre 1850, worüber 
er eine kurze notiz in den Izvestija imp. arch. obcsestva 
drevnostej, V., pag. 19 — 20, veröffentlichte. Im ganzen 
sind in neunzehn glagolitisch nummerirten quinonen und 
quarternionen 177 blätter erhalten. Die verstümmelte 
handschrift endet mit dem 137. psalme. Das erste blatt 
ist stark beschädigt. Die schrift steht überwiegend 
auf der zeile, doch ist diesQ schreibergewohnheit der 
griechischen minuskel des 10. Jahrhunderts (§. 161) 
in unserer handschrift grossen Schwankungen unter- 
worfen. Pag. 1 — 20 steht die schrift auf und unter 
der zeile, pag. 20 — 78 auf der zeile, blatt 40 hat gar 
keine linürung (so auch der grösste theil des assemans), 
pag. 99 — 163 zumeist unter der zeile. Consequent ober- 
zeilig ist die zweite hand der handschrift, pag. 164 — 222, 
was für die chronologische bestimmung ihrer entschie- 
den eckigen züge sehr wichtig ist. In den anderen 
theilen des codex herrscht ein ähnliches schwanken, 
wie man dies auch in griechischen handschriften schon 
des 10. Jahrhunderts beobachtet hat (Gardthausen, 
Griech. pal., 88 — 89). Diese linirung, der geschlossene 
rahmen der ersten seite, ein ornament der mittleren 
griechischen minuskel des 10. Jahrhunderts, §. 162, 
der tadellose, mit den ältesten denkmälern wetteifernde 
Charakter der spräche, versetzen dieses denkmal in das 
ende des 10. oder doch hart in den anfang des 11. Jahr- 
hunderts, indem wir andererseits zugestehen, dass es 
denkmälern wie der assem. und der ältere zograph, 
des Charakters seiner schrift halber, in der zeit nach- 
stehen muss. Mehrere schreiber, zum mindesten drei, 
die fortwährend bei der hand waren, um sich in der 
arbeit abzulösen, etwa mönche in einem kloster, müssen 
sich vereinigt haben, um diese handschrift so schnell 
als möglich herzustellen. Die verschiedenen bände 
wechseln mehrere male, hie und da unterbrechen sie 



— 184 — 



einander auf derselben seite (pag. 267 und 350). Die im 
ganzen kleine schrift neigt bei allen sehreibern zum 
eckigen typus hin. Bis pag. 163 kann sie am besten 
mit der schrift des cloz. verglichen werden. Darauf 
folgt pag. 164 — 226 eine kräftige sichere band, welche 
den in kalligraphischer hinsieht besten theil des codex 
geschrieben, deren züge an eckigkeit und Steifheit alles 
andere übertreffen, was wir in dieser richtung aus den 
ältesten denkmälern kennen. Da es nicht dem min- 
desten zweifei unterliegt, dass alle Schreiber der hand- 
schrift gleichzeitig sind, so ergibt sich aus dem ver- 
gleiche der ersten band mit dieser zweiten, dass auch 
ziemlich bedeutende unterschiede des runden und ecki- 
gen typus zu gleicher zeit neben einander bestanden 
haben konnten. So ist die Schriftart des psalters, ins- 
besondere dessen zweite band, ein uralter Vorläufer der 
eroatischen eckigen schrift. Auch in den speciellen 
gestalten seiner buchstaben sind keime verstreut, welche 
(allerdings erst in viel späterer zeit) weiter entwickelt, 
den Charakter der eigentlichen eroatischen schrift mit- 
bestimmten. Obwohl wir dieselben im einzelnen schon 
behandelten, wollen wir, um ein übersichtliches bild 
zu gewinnen, hier an dieselben erinnern. Die gross- 
gezeichneten aiifschriften der psalmen zeigen die alten 
majuskeln der glagolica MTB (vgl. §. 157), höchst 
seltene buchstaben, welche sich auf der eroatischen 
Inschrift von Baska wiederfinden, M auf altbulgarischem 
boden nur im psalter, B nur auf jener Inschrift und im 
psalter. Einigemale begegnen wir nun im psalter dem 
versuche, das grosse M in die kleine textschrift herab- 
zuziehen, d. h. zur minuskel zu machen, so dass unser 
codex an einigen stellen zwei m-zeichen, M und "SS* be- 
sitzt, wie die ältere croatische glagolica. Ob diese 
Schreibart in irgend einer bulgarischen schreiberschule 
zum vollen durchbruche gelangt ist, wissen wir nicht 
aus mangel an Zeugnissen; aber schon in dem der bul- 
garischen glagolica so nahe stehenden und dennoch 
der serbo-croatisehen literatur zuzuschreibenden frag- 
ment Mihanovi6 herrscht dieses M über das sonst ge- 
wöhnliche "SS* (die eigentliche alte minuskel für m) und 
wird endlich alleiniges m-zeichen der Croaten. Wir hiel- 
ten dies zeichen bis jetzt für croatisch, sein Ursprung 
liegt im altbulgarischen psalter. Das eigenthümlich ge- 
staltete croat. k fanden wir zuerst in den aufschriften des 
psalters, §. 140. Ein gewisses h, das sich auf der eroati- 
schen Inschrift von Veglia findet, ist der zweiten band des 
psalters eigen, §. 120. Das charakteristische einhör- 
nige 36 der prager fragmente, die der eroatischen schrift 
80 nahe stehen, muss auch auf croatischem boden be- 
kannt gewesen sein (^vgl.§. 113); im psalter ist es möglich, 
das werden dieses z, das langsame zusammenfallen bei- 
der hörner in einen strich, bei verschiedenen bänden 
zu verfolgen. Jene eigenthümliche abart des ^, die 
aus sechs quadraten besteht, §. 121, findet sieh auf der 
Inschrift von Baska, in späteroatischen ligaturen und 



bei der zweiten band des psalters. Wenn auch der 
eigentliche charakter der eroatischen schrift noch an 
viel jüngeren bulgarischen quellen, am jüngeren theile 
des zograph, an den kijever und prager fragmenten 
gemessen werden muss, so ergeben sich zwischen ihr 
und dem sinaitischen psalter gewisse uralte beziehungen, 
welche darauf hinweisen, dass der croatische ductus 
und gewisse anerkannte besonderheiten des eroatischen 
buchstabenmateriales in letzter Instanz aus bulgarischen 
schreibersehulen hervorgingen, welche den Schreibern 
des psalters nahe standen. (Vgl. auch den grund, aus 
welchem die eroatischen Schreiber eine spur des nasalen 
Mi bewahrten. §. 77.) 

Die erste band des psalters lässt glagol. £h d so 
niedrig werden, dass es mitunter mit m t zu. einer ein- 
zigen figur verfliesst, so dass ich oft bei der transcrip- 
tion gezwungen war, die entscheidung, ob d oder t zu 
sehreiben wäre, nur nach dem sprachlichen zusammen- 
hange treffen konnte. Wenn man nun erwägt, dass 
die schlingen der buchstaben und auch dieser d und t 
in unserem codex schon zum steifen ductus hinneigen 
und viereckig werden, die eroatischen sehreiber nur 
den einen schritt noch thaten, dass sie diese vierecke 
in hohe schlanke reehtecke verwandelten, so begreifen 
wir, warum in manchen älteren fragmenten der eroati- 
schen schrift, z. b. im homiliare labacense, die figur 
eines d von einem t sieh mitunter äusserst wenig unter- 
scheidet, was bei den mächtigen zügen jener handschrift 
sehr in die äugen fällt. (Vgl. unsere darstellung dieses 
processes und seine folgen für das spätcroatischeci, §. 150.) 

3€ wird gewöhnlich als verbundene figur geschrie- 
ben, ebenso 39; dagegen trennt der sehreiber der pag. 
42 — 162 die beiden bestandtheile des 3€. Die letztere 
Schreibart muss, da wir offenbar zwei mechanisch zu 
einer ligatur zusammengerückte zeichen vor uns haben, 
die ursprüngliche sein. Eine besonders bemerkenswerthe 
eigenthümliehkeit ist ein dreimal vorkommendes zeichen 
für h, pag. 155, 298, das wir aus dem pariser abeeenar 
und aus dem 139. blatte des assem. mit der geltung h 
kennen (vgl. unser facsimile des assem. und §. 144). 
Auf einer vierten stelle, pag. 176, erscheint ein ge- 
wöhnliches glagolitisches omega mit der geltung h. 

Der sinaitische psalter ist wohl die am mindesten 
schön geschriebene glagolitische handschrift, insbeson- 
dere zeigen die letzten selten nachlässige oder ver- 
wilderte züge. Nur die zweite band mag als ausnähme 
gelten. Die initialen sind mit flüchtiger band hinge- 
zeichnet, diese, sowie die sonstigen möglichst einfachen 
Ornamente, oft nur beiläufig mit schwacher gelber, grü- 
ner oder rother färbe bedeckt; der eingangs befindliche 
rahmen, in welchem sieh die aufschrift befindet, der 
in griechischen handschriften so reich verziert erscheint, 
ist ganz ohne allen schmuck. Ich habe ihn auf der 
ersten seite meiner ausgäbe „Psalterium, Agram, 1883" 
im drucke nachahmen lassen; in der vorrede dieses 



185 



textes findet sich auch eine ausführlichere beschreibung 
der vielen Interpolationen, Verbesserungen und jüngeren 
Zusätze der handschrift. 

Glagolita clozianus. Kopitar's ausgäbe des 
„Glagolita clozianus, Vindobonae, 1836" ist mit sehr 
gelungenen, noch jetzt brauchbaren facsimilen versehen. 
Den zwölf blättern des codex hat Miklosich noch zwei 
hinzugefügt „zum glag. cloz." (Denkschriften der k. 
akad. der wiss., X. bd.) Aus diesem gegenwärtig in 
Innsbruck aufbewahrten fragmente liess ich die dritte 
und vierte seite photographiren, welche hier im licht- 
drucke unverändert erscheinen. Das erste facsimile 
beginnt mit den werten: ;k,aHkio HCKp'KHHM'k CßOHAA'tk 
ZTirtO . . . . ; an seinem unteren rande befindet sich eine 
„aufschrift", welche der ersten seite jenes fragmentes 
entnommen ist. Es war mir daran gelegen, auch ein 
beispiel der majuskel des cloz. zu geben, und so ist 
es hier nur aus pi'aktischen rücksichten mit einer an- 
deren platte vereint gedruckt worden. Die majuskel 
ist zu lesen: CTTO HÖd ^piiCOCTCijHa apYHJiiHCKOynd 

KOH .... CT/ÄHTHM-k rpa;i,a MKT R-K KEAHKnill Hl ... . 
TEpiiTOKTi. Das zweite facsimile ist pag. 4 des frag- 
ments: cha* A''CT'K TH j<k,A Hiji,X^}KH'h.»'h.iMk .... (Vgl. 
Sreznevskij, Drev. glag. pam., pag. 174 — 175.) 

Evangelium achridauum. Das von V. J. Gri- 
goroviö in Ochrida entdeckte fragment befindet sich 
gegenwärtig in Odessa. Von seinen zwei blättern er- 
scheinen hier zwei selten, welche noch einer photo- 
graphischen reproduction fähig waren. Die transcrip- 
tion der meist beschädigten schrift findet sich bei Srez- 
nevskij 1. c, pag. 82 — 87. In einer aufschrift findet 
sich die glagolitische alte majuskel T. Die schrift ist 
an Steifheit und geradlinigkeit schon ziemlich weit vor- 
geschritten. Der spräche nach reiht es sich an die 
ältesten denkmäler, der Orthographie nach ist es mit 
dem sinaitischen jjsalter verwandt, der nur 3€ anwen- 
det und das unjotirte ■€ überhaupt nicht kennt. 

Der jüngere theil des zograph. Die drei 
facsimile sind folium 45b, 46a, 46b des Originals. (Vgl. 
die ausgäbe von V. Jagi6.) Die schrift zeichnet sich 
nicht bloss durch entschiedene eckigkeit, sondern auch 
durch eine sichtliche Verlängerung der steifer gewor- 
denen schlingen aus. Man vergleiche insbesondere die 
grosse der schlingen der buchstaben l v cl t p z im ver- 
bal tniss zu der grosse dieser schrift und mit den schlingen 
des glag. cloz. (Ihre längliche gestalt ist auch sehr 
ersichtlich in dem von Jagi6 edirten facsimile; meine 
Photographien scheinen ein wenig verkleinert zu sein.) 
Diese länglichen rechtecke, so wenig sie auch mitunter 
in diesem denkmale ausgeprägt sein mögen, sind neben 
der eckigkeit ein weiterer ziemlich entschiedener schritt 
zur bildung der croatischen majuskel mit ihren hohen 
und langen füssen, die eben auf ehemalige kleine 
schlingen zurückgehen, die nicht bloss eckig, sondern 
auch lang geworden sind. 

Geitlei". Die albanesischen und slavischea scbiiften. 



d. Kulgarische rnnde majuskel. 

Fragmenta kijoviensia. Erstes facsimile, fol. 
la des originales: Kpari-k hkihIv Bau;« . . . .; zweites, 
fol. 2b: no KTvCÄ^k .... ch/H-kphHO ta axoan/MTk; 
drittes, fol. 2a: K-k^H o^'HfHHKTi K'h ShCTii na; viertes, 
fol. Ib: K-k fß ^kHk KAHAAEHTa. Die in der geistHchen 
akademie zu Kijev aufbewahrte handschrift wurde von 
dem archimaudriten Antonin in Jerusalem, wo sich 
einst auch das evang. assem. befand, entdeckt. Eine 
ausgäbe verdanken wir J. Sreznevskij „O drevnej gla- 
goliceskoj rukopisi chranjasßejsja vi> kievskoj duliovnoj 
akademii". Das fragment besteht aus sieben blättern 
und muss von zwei verschiedenen bänden herrühren. 
Die erste seite, die auch hier im facsimile erscheint, 
unterscheidet sich von dem ganzen übrigen theile merk- 
lich durch ihren ductus, wiewohl sie gewiss, zu gleicher 
zeit geschrieben, derselben schreiberschule angehört. 
Dazu tritt der umstand, dass diese erste band das nur 
einmal durchstrichene c anwendet, während es auf den 
übrigen selten immer mit einem doppelstrich versehen 
ist. (Ein ähnliches verhältniss liei-rscht im assem., vgl. 
§. 73.) Auf zwei verschiedene Schreiber deutet selbst 
der unterschied der spräche: die erste seite ist in jenem 
dialekte geschrieben, der in der alten literatur herrscht 
und durch &t und zd charakterisirt ist; der übrige theil 
schliesst sich mit seinen in analogen fällen vorkom- 
menden c und z an die bekannte dialektische eigen- 
thümlichkeit der prager fragmente an. Die erste band 
besitzt die zeichen a und ia; die oi-thographie der 
zweiten erinnert mit ihrem ausschliesslichen gebrauche 
von Mi für beide laute an den sinaitischen psalter und 
das achridaner evangelium. 

Die Schriftgattung des zweiten haupttheils ist 
einer ganz besonderen beachtung werth. Auf den ersten 
blick möchte man sie ihrer grosse halber für eine mehr 
steife Übergangsschrift halten, mit der majuskel des 
cloz. oder psalter zusammenstellen oder gar, gestützt 
auch auf sprachliche gründe, mit den prager fragmenten 
zu einer schreiberschule vereinigen. Eine genaue be- 
trachtung aber zeigt sogleich, dass sie dem runden 
typus um einen grad näher steht als selbst die ersten 
anfange eckiger schrift, die zweite band des psalters, 
das achridaner evangelium. Die schlingen mögen schon 
weniger runden schwung besitzen als die des asseman, 
sie ixnterscheiden sich aber sichtlich von den vierecki- 
gen der eben genannten denkmäler. Das t wird fast 
genau so wie im assem. gezeichnet, es ist noch niedrig 
und scheint in dieser majuskel in seiner entwicklung 
wie zurückgeblieben; der köpf des 8 ist noch ein ganz 
runder kreis, während er in den anfangen des eckigen 
ductus (zweite band des psalters, cloz., achrid. evang.) zu 
einem niedrigen scgment abgestumpft wird. Dasselbe 
gilt von dem kreise des 8. Die obere rundung des 
Sh, die untere des V pflegt nicht immer geradlinig 

24 



186 — 



abgeschnitten zu sein. Diese schrift ist eine noch 
ziemlich runde majuskel, wie sie sich ursprünglich 
in aufschriften von denkmiilern des runden typus, wie 
das evang. assem. entwickelte. War nach unserer dar- 
stellung, §. 158, die glagolitische majuskel ursprünglich 
nichts anderes als eine nacli einem griechischen vor- 
bilde künstlich vergrösserte glagolitische minuskel, 
welche anfänglich nur zur hervorhebung der aufschriften 
und zur darstellung von initialen verwendet wurde, 
allmälig aber entwickelt, einzelnen buchstaben auch 
eine von der minuskel verschiedene gestalt verlieh, so 
konnte es wohl auch geschehen, dass manche schreiber 
schliesslich versuchten, ein ganzes buch nur mit dieser 
Schriftgattung zu schreiben. Ein solcher versuch liegt 
in der zweiten band der kijever fragmente vor. Diese 
schrift macht den eindruck einer majuskel nicht bloss 
durch ihre absolute grosse und höhe, die sogleich an 
die aufschriften im cloz., psalter und euchologium er- 
innert, sondern auch durch ganz besondere formen ein- 
zelner buchstaben, von denen sich nachweisen lässt, 
dass sie ihre gestalt nur in den aufschi'iften ausbilden 
konnten. Wir zeigten, §. 98, wie die beiden kreise 
der jer, B S, in den aufschriften des cloz. so weit von 
einander getrennt wurden, dass der linke arm des jer 
frei zwischen jene kreise fiel. Achnliches gilt von 3. 
Diese zeichen, welche im cloz. nur in den auf- 
schriften vorkommen, sind in den kijever frag- 
menten die gewöhnlichen auch im text gebrauch- 
ten geworden. Der fuss des f ist im verhältniss zur 
schlinge sehr lang: auch dies stammt aus dem ductus 
der aufschriften. Daraus folgt, dass sich der ductus 
der aufschriften der kijever fragmente von dem der 
übrigen schrift fast gar nicht unterscheidet, es ist alles 
majuskel. Man vergleiche die zwei ersten zeilen auf 
fol. 2 b und Ib, die aufschriften sein sollen, mit der 
übrigen schrift und daneben dengrossen abstand zwischen 
einer aufschrift im cloz. und seiner eigenen minuskel. 
War es somit schon bei macedonischen Schreibern ge- 
wohnheit, die majuskel, eine in der glagolica secundäre 
Schriftgattung, als alleinige bücherschrift zu verwenden, 
und dies schon zu einer zeit, als dieselbe majuskel 
noch dem runden ductus nahe stand, so haben wir 
wieder einen uralten ausgangspunkt gewonnen, von 
dem aus wir die entstehung des echten croatischen 
ductus des 13. Jahrhunderts begreifen. Drei momente 
erschöpfen die Charakteristik dieser Schriftart: die eckig- 
keit im allgemeinen, die verlängerten füsse, die that- 
sache, dass sie sich an die aufschriften der alten Co- 
dices, an die majuskel anlehnt. Alle drei richtungen 
lassen sich klar und noch getrennt auf macedonischem 
boden verfolgen: die eckigen züge bilden sich in der 
zweiten band des psalters, im achrid. evang.; sie ver- 
längern sich im jüngeren zograph; die bevorzvigung 
der majuskel als alleinige bücherschrift hat daneben 
ebenfalls schon in Macedonien bestanden. Dass die 



majuskel der kijever fragmente älter ist als die des 
cloz., darauf deutet nicht bloss ihre rundung, sondern 
auch der umstand, dass die gestalten der buchstaben 
noch nicht durchwegs im sinne der späteren entwicklung 
der majuskel individualisirt sind: unter anderen ist 
das t noch ganz niedrig, wie in jeder runden schrift, 
während das t in den aufschriften des cloz. seiner langen 
füsse halber thatsächlich mit dem spätcroatischen t zu- 
sammenfällt. 

Bekanntlich sind die beiden j'er-zeichen in man- 
chen glagolitischen handschriften sehr schwer zu unter- 
scheiden, die kleine schlinge des harten jer fällt mit 
dem punkte des weichen zusammen, so selbst im älteren 
zogr. nach einer bemerkung des herausgebers, und ins- 
besondere im unschön geschriebenen sinait. psalter. 
Da nun die j'e?'-zeichen der kijever fragmente aus der 
majuskel stammen, wo sie überhaupt höchst scharf 
unterschieden werden, so sind wir in den stand gesetzt, 
ihren orthographischen gebrauch mit vollster schärfe 
zu verfolgen. Nun werden die jer in dem immer- 
hin dreizehn selten umfassenden fragmente mit einer 
solchen unseren theoretischen erwartungen entsprechen- 
den regelmässigkeit gesetzt, dass es in dieser beziehung 
unter allen altbulgarischen denkmälern ganz vereinzelt 
dasteht. 

e. Croatische Übergangsschrift. 

Die grosse Inschrift von Baska. (Vgl. §. 160 
am ende.) Die schrift ist eine intensiv eckige majuskel, 
die schlingen sind mit geringen ausnahmen viereckig, 
der körper der z ein rechteck, der des altcroat. jer 
ein dreieck. Das s hat statt des kreisförmigen kopfes 
ein Segment (vgl. die ähnliche initiale s der kijever 
fragmente, 2. fasc, zeile 2), ebenso der untere theil 
des 8. Das e ist ganz und gar geradlinig (vgl. über 
dessen grund §. 160), die ringe des 3 sind dreikantig. 
Selbst die jüngste croatische schrift kehrt bei 8 und 
8 wieder zu runden ellipsen, bei 3 zur rundlichen ab- 
art zurück. Die Inschrift scheint an Steifheit der züge 
allen denkmälern, selbst den späteren croatischen, vor- 
an zu stehen. Wir lassen hier die transcription der 
Inschrift folgen. Der bisherigen lesung fügen wir noch 
einige Verbesserungen hinzu (vgl. §. 160), die wir auf 
grund einer genauen betrachtung des Originals und der 
negative glauben vornehmen zu können. Wir geben 
die zeichen glagolitisch wieder, insoweit sie unseren 
drucktypen entsprechen, lösen die ligaturen auf und 
bezeichnen sie durch eine klammer; wir geben glagol. + 
durch + wieder, aber das nur dieser Inschrift eigene 
a durch cyrill. d; den alten harten /er- laut durch 'S, 
das der Inschrift eigene jer durch cyrill. h; die zeichen 
M T B N I fi) werden im drucke durch ähnliche er- 
setzt. Schwer lesbares, und alles was der conjectur 
anheimfällt, steht mit lateinischen lettern in parenthese. 



— 187 — 
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«9"VA c^+ 8^3 TO •P9b3^3 |S A'B-fS 8 ^ S C • + (b)%-\- 8^3 

'i?+-P^%<ft8a«8 8 8«+ ««.»"VBA +M-P-S <ft,+ 83S3 a^A Ä8'ü'3 

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4'V&A%0 V^R^li ^ba8-P» 8 eAllJ3 1?^ Th £hW (m) 

lh»<3>d Bh OTOWbV (t i'Ä« ij B3TSI7' äS^IP" Ab 3A8H0 



Die kleine inschrift von Baska (insel Veglia) 
zeichnet sich, so weit dies aus den wenigen verstüm- 
melten Worten ersichtlich ist, durch eine besondere 
eigenthümlichkeit der züge aus. Sie mag gewiss jünger 
sein als die grosse inschrift von Baska, dennoch deutet 
sie durch einige zeichen auf einen zustand, welclier 
weit vor den ältesten croatischen fragmenten des 13. Jahr- 
hunderts liegt. Wichtig ist die fünfmal auf beiden frag- 
menten vorkommende figur des härtender. Es besteht 
an zwei stellen noch aus drei getrennten (hier schon 
eckigen) ringen, während die zwei rechts übereinander 
stehenden ringe dieser figur auf der inschrift der Stadt 
Veglia zu einer ellipse, auf der grossen inschrift von 
Baska schon zu einem dreiecke zusammengeflossen er- 
scheinen. An drei anderen stellen ist aber der körper 
des jer auch schon rechteckig geworden. Dazu tritt 
eine sehr alte form des X, welche als directer und 
eckig gewordener nachkomme der ältesten hgur des- 
selben buchstabens betrachtet werden kann. Dreimal 
erscheint das zeichen I in der alten geltung i. Ganz 
mit den eigenthümlichen iiguren der grossen inschrift 
von Baska stimmen folgende buchstaben: das lang- 
gestreckte Ji, das )a mit dem horizontalen fusse, das 
dreieckig gewordene 0», das S-. Die inschrift be- 
steht aus zwei stücken (siehe unser letztes facsimile, die 
an den unteren ecken betindlichen zwei fragmente). Das 
rechtsliegende ist von mir au ort und stelle vom steine 
abgezeichnet worden, das linksliegende, von dem sich 
das original nicht mehr vorfand, gebe ich nach Crncid 
(Zeitschrift Knjizevnik, IL), der die inschrift ztierst 
entdeckte. Hier folgt die cyrillische transcription der 
noch lesbaren theile. Altcroat. i i wird durch cyrill. i 
wiedergegeben, zv ist eine ligatur. 



fragm. a. 

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fragm. b. 

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Fragmentum Mihanovi6. Das in Agram be- 
findliche blatt wurde von V. Jagic (Rad jugoslav. aka- 
demije II.) in paläographischer und sprachlicher hin- 
sieht erschöpfend behandelt. Das fragment gehört 
seiner herkunft aus Altserbien nach im allgemeinen 
in den bereich des, sagen wir, serbocroatischen glago- 
litismus; obwohl er sich dem ductus nach sehr von 
den ältesten croatischen fragmenten des 13. Jahrhun- 
derts unterscheidet, ist doch die redaction der schrift- 
zeichen schon genau dieselbe, welche bei den Croaten 
nach der reception des bulgarischen alphabets, den 
sprachlichen anforderungen gemäss, endlich herrschend 
wurde. Es wird nur ein ji'er-zeichen angewendet, die 
nasale sind verschwunden. In graphischer hinsieht 
herrscht schon das fast zum alleinigen M-zeichen ge- 
wordene „croatische" M, während ^S" nur in ligaturen 
erscheint (z. b. zm). Bekanntlich hat sich der letztere 
gebrauch bei croatischen Schreibern tief bis in das 
14. Jahrhundert erhalten. Die schriftzüge sind klein, 
flüchtig und oft auch ein wenig von links nach rechts 
geneigt: man wäre versucht, diese schrift als cursive 
zu bezeichnen. 

f. Bulgarische eckige schrift. 

Fragmenta pragensia. Unser facsimile ist fo- 
liumlb des Originals. (Vgl. Safafik, Glagolitische frag- 
mente, Prag, 1857.) Dieses denkmal, an dessen zwei 
blättern zwei verschiedene bände schrieben, zeigt ohne 
zweifei den äussersten grad des eckigen ductus, wie 
er sich ausserhalb Croatiens unter bulgarischen Schrei- 
bern entwickelte. Einige zeichen haben schon eine 
sehr veränderte junge form: vgl. auf Safafik's Synopsis 
alph. glag. das einhörnige a, das s mit dem segment- 
artig zugestutzten köpfe, die junge form des^e, die der 
schlinge entbehrt (siehe §. 77), das nach croatischer 
weise in eine figur verflossene jm u. s. w. Zwischen den 
gross geschriebenen zeilen (aufschriften) und der übri- 
gen textschrift besteht ein sehr geringer unterschied der 

24* 



188 — 



gestalt (vgl. insbesondere Öafafiks facsimile IIb). Das- 
selbe facsiniile, ja beide bände, zeigt entschieden, dass 
diese schrift eine eckige majuskel ist: sie steht 
in einer engen historischen bezieiiung zur runden 
majuskel der kijever fragmente, deren später nach- 
komme und natürliche fortsetzung sie ist. Aber 
auch in sprachlicher beziehung nehmen die prager und 
kijever fragmente eine ganz besondere Stellung unter 
den übrigen altbulgarischen denkmälern ein. Beide 
verbindet eine markante eigenschaft der spräche, die 
Setzung des c und z statt H und zd neben anderen eigen- 
thümlichkeiten, die wir in beiden fragmenten trotz ihres 
"oringen umt'anges wahrnehmen. Die tadellose altbul- 
garische spräche der kijever blätter, die regelmässig- 
keit der nasale, die eigenthümlieh genaue scheiduug 
der jer verscheuchen jeden gedankcn, der sie ihrer c 
und z halber mit einer nördlichen heimath und einem 
nordslavischen dialekte in Verbindung brächte: mit ihrer 
bestimmung ist das schliessliche urtheil über die wahre 
bedeutung und herkunft der prager fragmente unauf- 
löslich verbunden. Den paläographischen beweis, dass 
die Schriftart der prager fragmente nur aus der inner- 
sten natur einer nur in Macedonien üblichen glagolica 
hervorging, haben wir bei der behandlung der einzel- 
nen buchstaben erbracht, den sprachlichen und eigent- 
lich ausschlag gebenden beweis muss ich an einem 
anderen orte unternehmen. Ich stelle die prager frag- 
mente unter die macedo-bulgarischen denkmäler. 



g. Eckige croatische schrift. 

Auch von der schrift der prager fragmente und 
der bulgarischen majuskel aus war zur detinitiveu stili- 
sirung der croatischen schrift des 13. Jahrhunderts noch 
ein ziemlich bedeutender schritt nothwendig. Die äl- 
testen beispiele dieser Schriftart sind in einer ganzen 
reihe von fragmenten erhalten, die jetzt in den biblio- 
theken von Agram, Laibach, Petersburg aufbewahrt 
werden. Fast alle stammen von den norddalmatinischen 
und croatischen inseln, sowie aus dem nahen küsten- 
lande. Herausgegeben sind dieselben in verschiedenen 
textsammlungen von Berci6, Chrestomathia, von Jagic, 
Primieri starohrvatskoga jezika, von Safai:'ik, Pamätky 



hläholsköho pisemnictvi. Das hauptkennzeichen der- 
selben bleibt, wie schon Öafafik erkannte, das altcroa- 
tische (harte) jer, §. 98, welches aber auch schon vor 
dem jungen jer \ (einst i) im verschwinden begriffen 
ist. (Vgl. die erste columne des laibacher homiliars, 
zeile 10, 11, 16 am ende.) Wichtig für die beiläuüge 
datirung der croatischen schrift ist auch die geschichte 
der i-zeichen. Man merke im laibacher homiliar den 
geringen unterschied des d und t, §. 150, sowie das 
in ligaturen erhaltene (eckige) ^ neben dem als selbst- 
ständiger buchstabe herrschenden M. 

Knapp in den anfang des 14. Jahrhunderts fallen 
die beiden documente von Zeng (1309). Sie haben 
kein altes /er mehr und sind der beste beweis von dem 
höheren alter von handschriften der gattung des lai- 
bacher homiliars. Beide sind abgedruckt bei Kuku- 
Ijevic, Acta croatica, pag. 2. Hier erscheint das facsi- 
mile des zweiten, das mit den werten beginnt: ast' 
rH^ \Jt 2, (1309) /v\HC(i;a OKTOKpa na x^w ah (15)- 

Die inschrift der Stadt Zeng (1330, vgl. unser 
auf der letzten tafel in der mitte befindliches facsimile), 
hat auf der ersten zeile ein einhörniges z: B HiVVf b»;he. 
(Vgl. Kukuljevi6, Acta croatica, pag. 1.) 

Von der grossen anzahl jüngerer, in paläographi- 
scher hinsieht wenigei- wichtigen Inschriften erscheint 
auf unserer letzten tafel bloss die mit grosser Sorgfalt 
gemeisselte Steinplatte von Dobrinje (1576), die sich 
durch eine ausserordentliche anzahl von kühnen liga- 
turen auszeichnet, mit welchen die spätere croatische 
schrift im gegensatze zur bulgarischen überhaupt über- 
laden war. (Vgl. Kukuljevic, I. c, pag. 276.) 

Der in der wiener hofbibliothek aufbewahrte codex 
„Knez Novak", 1368, ist eine probe der im 14. Jahr- 
hundert bei Croaten blühenden kalligraphischen kunst. 
In derselben gestalt wurde die glagolica im 14. Jahr- 
hundert nach Böhmen verpflanzt. Für einen älteren 
gebrauch derselben sind in diesem lande nicht die ge- 
ringsten historischen spuren zu erweisen. 

Das wohl älteste beispiel der croatischen cursive 

ist die auf unserer letzten tafel erscheinende Urkunde 

aus dem jähre 1393. Der text bei Kukuljevic, 1. c, 

pag. 45. Ueber die wahrscheinliche entstehung dieser 

I Schriftart siehe §. 160. 



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1 Z Geitler, Leopold 

i 115 Die albanesischen und 

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